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 Eheliche Liebe html  1.63MB  Emanuel Swedenborg a.D. *1688 - 1772     

Eheliche Liebe



Emanuel Swedenborg

Die eheliche Liebe



und ihre Perversionen

*

Das Original von 1768:

DELICIAE SAPIENTIAE DE AMORE CONJUGIALI POST QUAS SEQUUNTUR VOLUPTATES INSANIAE. DE AMORE SCORTATORIO.

Aus dem Lateinischen von Friedemann Horn.

*



Vorbemerkungen Swedenborgs

*1. Es ist mir klar, daß viele Leser das Folgende samt den denkwürdigen Erlebnissen nach den einzelnen Kapiteln für bloße Produkte der Einbildungskraft halten werden. Doch ver­sichere ich im Namen der Wahrheit, daß es sich dabei um wirklich Geschehenes und Gesehenes handelt und nicht um Phantasieprodukte. Es wurde auch nicht in einem Zustand herabgeminderten, sondern völlig klaren Bewußtseins gese­hen, hat es doch dem Herrn gefallen, sich mir selbst zu offen­baren und mich zu senden, die Dinge zu lehren, die mit jener Neuen Kirche zusammenhängen, die unter dem Neuen Jeru­salem in der Apokalypse verstanden wird. Zu diesem Zweck hat der Herr das Innere meines Gemüts aufgeschlossen und mir verliehen, zu gleicher Zeit bei den Engeln in der geistigen Welt und bei den Menschen in der natürlichen Welt zu sein ­und dies seit 25 Jahren.

*2. Einst erblickte ich einen Engel, der unter dem östli­chen Himmel schwebte. In der Hand hatte er eine Trompete, setzte sie an den Mund und ließ sie gegen Norden, Westen und Süden hin erschallen. Bekleidet war er mit einem grie­chischen Obergewand, das vom Fluge rückwärts floß, gegür­tet mit einer Binde, die flammte und leuchtete wie von Kar­funkeln und Saphiren. Abwärts schwebend, ließ er sich lang­sam in meiner Nähe nieder. Als er den Boden berührte, setzte er die Füße auf und lief hin und her. Sobald er mich bemerkte, kam er auf mich zu. Ich selbst war im Geist und stand auf einem Hügel in der südlichen Gegend. Als er herangekom­men war, sprach ich ihn an und fragte:

"Was geht hier vor? Ich hörte den Schall Deiner Trom­pete und sah, wie Du durch die Luft herabstiegst?"

Der Engel antwortete: "Ich wurde gesandt, um die berühmtesten Gelehrten, die scharfsinnigsten Genies und hervorragendsten Weisen aus allen Ländern der Christenheit, die sich hier auf diesem Kontinent (der Geisterwelt) befinden, zusammenzurufen, und zwar auf dem Hügel, wo Du jetzt stehst. Sie sollen offen sagen, was sie in der Welt über die himmlische Freude und ewige Seligkeit gedacht, begriffen und verstanden hatten. Der Grund meiner Sendung ist aber der, daß uns einige Neuankömmlinge aus der Welt, die in unsere im Osten liegende himmlische Gesellschaft eingelassen wur­den, berichteten, daß in der ganzen Christenheit auch nicht einer wisse, worin die himmlische Freude und ewige Selig­keit, also der Himmel, in Wirklichkeit besteht. Das hat meine Brüder und Gefährten dermaßen verwundert, daß sie zu mir sprachen: "Steige hinab in die Geisterwelt (in die alle Sterbli­chen aus der natürlichen Welt nach ihrem Tode zuerst gelan­gen) und biete die Weisesten auf und rufe sie zusammen, damit wir durch verschiedene Äußerungen Gewißheit erlan­gen, ob es wirklich wahr ist, daß bei den Christen eine derart finstere Unwissenheit über das ewige Leben herrscht. 'Warte noch ein Weilchen', fügte er hinzu, 'und Du wirst ganze Scha­ren von Gelehrten hier eintreffen sehen. Der Herr wird für ein Gebäude sorgen, in dem sie sich versammeln können."

Ich wartete, und siehe da, nach etwa einer halben Stunde erblickte ich je zwei Scharen von Norden, Westen und Süden, die der Engel mit der Trompete gleich nach ihrer Ankunft ins vorbereitete Versammlungsgebäude führte. Dort nahmen sie die je nach den Himmelsgegenden für sie bestimmten Plätze ein. Zu den sechs Scharen oder Gruppen gesellte sich eine siebte aus dem Osten, die aber in ihrem Lichtglanz für die übrigen unsichtbar blieb. Nachdem alle ihre Plätze einge­nommen hatten, eröffnete der Engel die Versammlung, nannte den Grund der Tagung und bat die verschiedenen Gruppen, sie möchten doch der Reihe nach darlegen, welche Einsichten hinsichtlich der himmlischen Freude und ewigen Seligkeit sie hätten. Jede Gruppe setzte sich nun im Kreis, die Gesichter einander zugewandt, um die in der vorigen Welt gefaßten Vorstellungen von diesen Dingen zurückzurufen und näher zu bedenken, sich darüber auszusprechen und schließ­lich das Ergebnis vorzutragen.

*3. Als sie ihre Beratung abgeschlossen hatte, erklärte die erste der von Norden gekommenen Scharen folgendes: "Himmlische Freude und ewige Seligkeit sind nichts anderes als das himmlische Leben selbst. Ein jeder, der in den Himmel kommt, tritt daher je nach seinem Leben ebenso in die himm­lischen Festlichkeiten ein, wie jemand, der zu einer Hochzeit geladen ist, auch an deren Festivitäten teilnimmt. Haben wir nicht den Himmel über uns vor Augen, folglich an einem Ort? Hier und nirgend sonst sind Seligkeiten über Seligkeiten und Wonnen über Wonnen. In sie wird der Mensch versetzt, wenn er im Himmel ist, und zwar mit dem ganzen Empfindungs­vermögen von Gemüt und Körper. Dies ist die Folge der Freu­denfülle jenes Ortes. Die himmlische oder ewige Seligkeit ist daher nichts anderes als die Einlassung in den Himmel, und zwar aufgrund göttlicher Gnade"

Danach äußerte sich die zweite der von Norden gekom­menen Scharen und brachte ihre Einsicht folgendermaßen vor: "Himmlische Freude und ewige Seligkeit sind nichts anderes als die fröhlichste Gemeinschaft mit den Engeln; die freund­schaftlichen Plaudereien mit ihnen rufen auf allen Gesichtern einen Ausdruck anhaltender Fröhlichkeit und die artigen und witzigen Reden auf aller Mund ein beständiges wonnevolles Lächeln hervor. Die himmlischen Freuden sind also nichts an­deres als in Ewigkeit währende Variationen dieser Dinge."

Die dritte Schar, die erste der Weisen aus dem Westen, äußerte aufgrund ihrer Neigungen folgende Gedanken: "Die himmlische Freude und ewige Seligkeit, was wären sie ande­res, als das Zu Tische Sitzen mit Abraham, Isaak und Jakob? Dabei werden die üppigsten und köstlichsten Speisen und die edelsten Weine aufgetragen. Nach dem Mahl führen Jung­frauen und Jünglinge zu symphonischer Musik und Flöten­klang Spiele und Tänze auf, abwechselnd mit dem Gesang lieblicher Lieder. Am Abend aber finden Theateraufführungen statt. Dann folgen wieder Gastmähler, und so fort an jedem Tag in Ewigkeit."

Die vierte Schar, die zweite derer, die aus dem Westen stammten, äußerte folgende Ansicht: "Wir haben verschie­dene Vorstellungen von der himmlischen Freude und Glück­seligkeit gehegt, sie untersucht und miteinander verglichen. Dabei kamen wir zum Schluß, daß mit den himmlischen Freu­den die des Paradieses gemeint sind. Was ist der Himmel an­deres als das Paradies, das sich von Osten nach Westen und von Süden nach Norden erstreckt? Darin wachsen Frucht­bäume und liebliche Blumen, in der Mitte aber findet sich der herrliche Baum des Lebens; um ihn herum sitzen die Seligen, essen Früchte von köstlichem Geschmack und sind ge­schmückt mit lieblich duftenden Blumen. Beim Hauch eines beständigen Frühlings entsteht all das täglich neu und in un­endlicher Mannigfaltigkeit. Als Folge dieses unausgesetzten Entstehens und Erblühens atmen die immer wieder verjüng­ten Seelen in der ewigen Frühlingsluft täglich neue Freuden ein und aus und werden zur Blüte ihres Lebens und schließlich zum Urzustand zurückgeführt, in den Adam und sein Weib hineingeschaffen worden waren — damit aber auch in deren Paradies, das von der Erde in den Himmel versetzt wurde."

Die fünfte Schar, die erste der Genien aus dem Süden, sagte folgendes: "Die himmlische Freude und ewige Seligkeit besteht in überragender Macht, aufgetürmten Schätzen und der sich daraus ergebenden mehr als königlichen Pracht und höchsten Herrlichkeit. Wir haben dies an denen gesehen, die in der vorigen Welt dergleichen erlangt hatten, aber auch daran, daß die Seligen im Himmel zusammen mit dem Herrn herrschen und Könige und Fürsten sein werden. Denn sie sind Söhne dessen, der der König der Könige und der Herr der Her­ren ist. Sie werden auf Thronen sitzen und die Engel werden ihnen dienen. Die Pracht des Himmels aber folgt unserer Mei­nung nach daraus, daß das Neue Jerusalem, das die Herrlichkeit des Himmels beschreibt, Tore haben soll, von denen jedes einzelne aus einer Perle besteht, während die Straßen aus reinem Gold sind und die Stadtmauern auf Edelsteinen ruhen. Infolgedessen wird jeder, der in den Himmel aufgenommen ist, einen Hof von Gold und Kostbarkeiten haben. Die Herrschaft aber wird der Reihe nach von einem auf den anderen überge­hen. Und weil wir wußten, daß diese Dinge Freuden und ewige Seligkeit enthalten, die göttlichen Verheißungen aber unver­brüchlich sind, so konnten wir die selige Beschaffenheit des himmlischen Lebens aus keiner anderen Quelle ableiten."

Nun erhob die sechste Schar, die zweite aus dem Süden, ihre Stimme und sprach: "Die Freude des Himmels und seine ewige Seligkeit ist nichts anderes, als die immerwährende Verherrlichung Gottes, ein in Ewigkeit fortwährendes Fest und seliger Gottesdienst voller Gesang und Jubel, somit eine unablässige Erhebung des Herzens zu Gott, verbunden mit der vollen Zuversicht, daß Lobpreisungen Gottes und die Gebete um Erteilung der Seligkeit in ihrer Fülle angenom­men werden."

Einige von ihnen setzten noch hinzu, diese Verherrli­chung werde im Scheine prächtiger Kerzen und im Wohlge­ruch von Weihrauch, mit feierlichen Prozessionen vor sich gehen, denen der Papst mit einer großen Posaune voran­schreite, während die Kardinäle (Primati) und Inhaber der Schlüsselgewalt (Clavigeris), große wie kleine, ihm folgen, da­hinter Männer mit Palmzweigen und die Frauen mit goldenen Bildern in den Händen.

*4. Die siebente Schar aus dem Osten des Himmels, den übrigen in ihrem Lichtglanz unsichtbar, bestand aus Engeln derselben Gesellschaft, zu der der Engel mit der Trompete gehörte. Als sie in ihrem Himmel vernommen hatten, daß in der ganzen Christenheit auch nicht einer wisse, worin die Freude des Himmels und die ewige Seligkeit wirklich besteht, sprachen sie zueinander: "Das kann unmöglich wahr sein. So große Finsternis und derartiger Stumpfsinn kann doch nicht die Gemüter der Christen beherrschen. Darum wollen auch wir hinabsteigen und hören, ob das stimmt; wenn es aber stimmt, so ist es eine Ungeheuerlichkeit." Sie sagten nun zu dem Engel mit der Trompete: "Wie Du weißt, wird jeder Mensch, der sich nach dem Himmel gesehnt und sich eine bestimmte Vorstellung von dessen Freuden gemacht hatte, nach dem Tode in eben diese vorgestellten Freuden einge­führt. Hat er dann die Erfahrung gemacht, daß sich diese Freu­den seinen falschen Vorstellungen und den Trugbildern seiner Einbildungskraft gemäß verhalten, so wird er entlassen und unterrichtet."

Das erfahren die meisten in der Geisterwelt, die im vo­rigen Leben über den Himmel meditiert und sich eine Vor­stellung von den Freuden gemacht hatten, nach denen sie ver­langten.

Nachdem er dies gehört hatte, sprach der Engel mit der Trompete zu den sechs Scharen, die er aus den Gelehrten der Christenheit zusammenberufen hatte: "Folgt mir, und ich werde euch in eure Freuden, also in den Himmel einführen."

*5. Mit diesen Worten schritt der Engel voran, unmittelbar gefolgt von der Schar, die sich eingeredet hatte, die himmli­schen Freuden bestünden allein in fröhlichen Gesellschaften und angenehmen Unterhaltungen. Der Engel führte sie zu Versammlungen in der nördlichen Region, die in der vorigen Welt ebenso über die himmlischen Freuden gedacht hatten. Es befand sich aber dort ein geräumiges Haus, in dem solche Geister beisammen waren. Es hatte mehr als fünfzig Zimmer, unterteilt nach ihren verschiedenen Unterhaltungen. In ei­nigen Räumen sprach man über Dinge, die man auf dem Marktplatz und auf den Straßen gesehen und gehört hatte, in anderen über das Anziehende des schönen Geschlechts, wobei man sich in witzigen Einfällen überbot, bis sich schließ­lich auf allen Gesichtern heiteres Lachen zeigte. In manchen Zimmern besprach man Neuigkeiten vom Hofe, aus den Mi­nisterien, die politischen Zustände und mancherlei, was an Geheimnissen aus dem Kabinett durchgesickert war, zog dar­aus seine Schlüsse und stellte Vermutungen über die Folgen an. In anderen Räumen wiederum war die Rede vom Handel, von literarischen Gegenständen, von den Dingen, die zur Klugheit des Bürgers und zum sittlichen Leben gehören, von kirchlichen Angelegenheiten, vom Sektenwesen, usw.

Es wurde mir erlaubt, einen Blick in dieses Haus zu wer­fen, und ich sah, wie man von einem Zimmer ins andere lief und die Gesellschaft aufsuchte, die mit der eigenen Neigung und so mit der eigenen Freude übereinstimmte. Ich unter­schied in den Gesellschaften drei Arten von Teilnehmern: Ei­nige sprachen wie atemlos, andere stellten eifrig Fragen und andere hörten begierig zu. Das Haus hatte vier Türen, eine nach jeder Himmelsrichtung. Ich sah, daß mehrere die Un­terhaltung abbrachen und hinauseilten, folgte ihnen zum öst­lichen Tor und sah dort etliche mit traurigem Gesicht herum­sitzen. Ich näherte mich ihnen und fragte sie, warum sie so traurig dasäßen. Ihre Antwort lautete: "Die Türen dieses Hau­ses sind für alle, die hinaus wollen, verschlossen, und heute ist schon der dritte Tag, seit wir hereinkamen und ein unserem Verlangen entsprechendes Leben in Gesellschaft und Ge­sprächen geführt haben. Das ununterbrochene Gerede hat uns derart müde gemacht, daß wir den Lärm davon kaum mehr ertragen können. In unserem Überdruß haben wir uns daher an die Tür begeben und geklopft, doch die Antwort lau­tete: 'Die Türen dieses Hauses stehen nur denen offen, die hereinkommen wollen, den anderen, die hinausgehen wollen, sind sie verschlossen. Bleibt und genießt die Freuden des Him­mels!' Aus dieser Antwort haben wir den Schluß gezogen, daß wir in Ewigkeit hier bleiben werden. Darum hat Traurigkeit unser Gemüt befallen, ist unser Herz beklommen, und uns ist bange."

Der Engel wandte sich an sie mit den Worten: "Dieser Zustand ist der Tod eurer Freuden. Ihr hieltet sie für die ein­zig himmlischen, obwohl sie nur Zugaben des Himmlischen sind" Da fragten sie den Engel: "Worin besteht denn nun aber die himmlische Freude?" Darauf antwortete der Engel mit we­nigen Sätzen: "Sie besteht in der Freude, etwas zu tun, das uns und anderen nützlich ist. Die Freude an derartigen Nutz­wirkungen bezieht ihr Wesen aus der Liebe und ihre Existenz aus der Weisheit. Die Freude an den Nutzwirkungen, die aus Liebe durch die Weisheit entspringt, ist die Seele und das Leben aller himmlischen Freuden. Es gibt in den Himmeln die fröhlichsten gesellschaftlichen Anlässe, die Gemüt und Seele der Engel erheitern und ergötzen, ihr Herz mit Freude er­füllen und ihrem Leib zur Erholung dienen, doch erst, wenn sie ihren Dienst verrichtet und mit ihrer Arbeit eine Nutzwir­kung vollbracht haben. Nur daraus kommt Seele und Leben in alle ihre Fröhlichkeiten und Unterhaltungen. Ohne diese Be­seelung und dieses Leben verlieren die Freuden nach und nach den Charakter der Freude und verwandeln sich — zuerst in Gleichgültigkeit, dann in Leere und schließlich in Traurig­keit und Ängste."

Nach diesen Worten wurde die Tür geöffnet, und die davor gesessen hatten, drängten hinaus und flohen nach Hause, jeder zu seinem Beruf und seiner Arbeit, und so leb­ten sie wieder auf.

*6. Danach sprach der Engel jene an, die sich von den himmlischen Freuden und der ewigen Seligkeit die Vorstel­lung gemacht hatten, sie seien ein einziger Festschmaus zu­sammen mit Abraham, Isaak und Jakob, nur von Spielen und Theateraufführungen unterbrochen. Der Engel forderte sie auf, ihm zu folgen und sagte: "Ich will euch in die Seligkeiten eurer Freuden einführen" Dann führte er sie durch ein Wäldchen auf eine mit Brettern bedeckte Ebene, wo Tische standen, je fünfzehn auf beiden Seiten. Auf die Frage, wozu die vielen Ti­sche dienten, antwortete der Engel: "Der erste Tisch ist für Ab­raham, der zweite für Isaak und der dritte für Jakob. Daneben befinden sich der Reihe nach die Tische für die Apostel. Auf der anderen Seite sind ebensoviele Tische für ihre Frauen, und zwar die drei ersten für Sara, Abrahams Frau, Rebecka, die Frau Isaaks, sowie für Lea und Rahel, Jakobs Frauen. Die zwölf übri­gen Tische sind für die Frauen der zwölf Apostel."

Nach einem Weilchen erschienen auf allen Tischen Schüsseln mit Speisen, und die Zwischenräume waren ge­schmückt mit kleinen Pyramiden von süßem Gebäck. Die Teil­nehmer des Mahles standen in Erwartung der Gastgeber umher. Nach kurzer Wartezeit sah man sie — von Abraham bis zum letzten der Apostel — in geordnetem Zuge herannahen. Ein jeder steuerte sogleich auf seinen Tisch zu, um sich dort am Kopfende auf dem Polster niederzulassen. Dann forderten sie die Umherstehenden auf, sich neben ihnen niederzulas­sen. Daraufhin nahmen die Männer neben den Vätern Platz und die Frauen neben deren Gemahlinnen. Dann aßen und tranken sie in ehrerbietiger Fröhlichkeit.

Nach der Mahlzeit entfernten sich die Väter und ihre Frauen, und nun erschienen Jungfrauen und Jünglinge, um Spiele und Tänze aufzuführen. Anschließend wurden Schau­spiele veranstaltet.

Kaum zuende, wurden sie wieder zu einem Festmahl eingeladen, jedoch unter der Bedingung, am ersten Tag mit Abraham, am zweiten mit Isaak, am dritten mit Jakob, am vierten mit Petrus, am fünften mit Jakobus, am sechsten mit Johannes, am siebten mit Paulus und so fort der Reihe nach, mit allen übrigen bis zum fünfzehnten Tag zu essen. Von da an sollten die Mahlzeiten in ähnlicher Reihenfolge, aber bei veränderter Sitzordnung abgehalten werden, und so in Ewigkeit fort.

Danach berief der Engel die Männer der Schar zusam­men und sagte ihnen: "Alle Gäste, die ihr an den Tischen ge­sehen habt, hatten dieselbe phantastische Vorstellung von den Freuden des Himmels und der ewigen Seligkeit, wie ihr. Um sie von der Nichtigkeit ihrer Vorstellungen zu überzeu­gen und davon abzubringen, wurde diese Komödie von einem ewigen Gastmahl angeordnet und vom Herrn zugelassen. Die vornehm wirkenden Gestalten am oberen Ende der Tische waren verkleidete bärtige Greise, von denen die meisten dem Landvolk angehörten und aufgrund eines gewissen Wohl­stands dünkelhafter waren als die übrigen. Ihnen war die Phantasie eingegeben worden, sie seien die alten Väter. Doch folgt mir nun zu den Ausgängen von diesem Platz!"

Als sie dieser Aufforderung nachkamen, sahen sie zu bei­den Seiten je Fünfzig, die sich so mit Speisen vollgestopft hat­ten, daß ihnen übel war und sie sich nach der gewohnten häuslichen Ordnung zurücksehnten, um wieder ihren Berufs­pflichten, Geschäften oder Handwerken nachgehen zu kön­nen. Aber viele von ihnen wurden von den Hütern des Hai­nes zurückgehalten und über die beim Schmausen verbrachte Zeit befragt und darüber, ob sie auch schon mit Petrus und Paulus gespeist hätten und ob sie nicht meinten, früher weg­zugehen würde sich ganz und gar nicht schicken und ihnen zur Unehre gereichen. Doch die meisten gaben zur Antwort: "Wir haben unsere Freuden satt, uns ist der Geschmack an den Speisen vergangen, dem Magen sind sie zuwider, wir kön­nen sie nicht mehr genießen. Wir haben nun einige Tage und Nächte bei dieser Schwelgerei zugebracht und bitten daher dringend, hinausgelassen zu werden." Sobald dieser Wunsch erfüllt war, flohen sie ganz außer Atem eilends nach Hause.

Nachher rief der Engel die Männer dieser Gruppe und gab ihnen auf dem Weg folgende Belehrung: "Im Himmel gibt es ebenso wie auf Erden Speisen und Getränke. Dort gibt es auch gemeinschaftliche Mahlzeiten und Gelage, und bei den Vornehmsten werden köstliche Speisen und erlesene Lecker­bissen aufgetischt, welche die Gemüter erheitern und erfri­schen. Ebenso gibt es Spiele und Schauspiele, Instrumental­ und Vokalmusik, und alles in höchster Vollendung. All dies ge­reicht ihnen zur Freude, doch nicht zur Seligkeit. Erst die Se­ligkeit macht Freuden zu Freuden, macht sie vollkommen und erhält sie, läßt sie nicht zu etwas Alltäglichem verkommen, so daß man ihrer überdrüssig wird. Diese Seligkeit aber fließt jedem Engel zu als Folge nützlicher Betätigung in seinem Beruf. In der Willensneigung eines jeden Engels gibt es etwas wie eine verborgene Ader, die das Gemüt zur Tätigkeit veranlaßt, es zu Ruhe und Befriedigung bringt. Diese Befriedigung und Ruhe öffnen das Gemüt und machen es empfänglich für die Liebe zu den Nutzwirkungen vom Herrn, deren Aufnahme entspringt die himmlische Seligkeit, die das Leben der erwähnten Freu­den ist. Die himmlische Speise ist ihrem Wesen nach nur Liebe, Weisheit und zugleich Nutzwirkung, das heißt nützliches Tun durch Weisheit aus der Liebe. Deshalb empfängt im Himmel ein jeder Nahrung für seinen Geist Leib je nach der von ihm ge­leisteten Nutzwirkung. Köstliche Nahrung erhält, wer hervor­ragende Nutzwirkung vollbringt, weniger köstliche, doch von ausgezeichnetem Geschmack, wer in mittlerem Grade nützlich ist, und ordinär ist die Nahrung derer, die nur geringen Nut­zen schaffen. Müßiggänger gehen leer aus."

*7. Nun berief der Engel die Schar jener sogenannten Wei­sen zu sich, welche die himmlischen Freuden und damit die ewige Seligkeit in überragender Macht, gewaltigem Reichtum, mehr als königlicher Pracht und Herrlichkeit gesehen hatten, weil es ja im Wort heiße, sie würden Könige und Fürsten sein und in Ewigkeit mit Christus regieren, von den Engeln bedient werden und dergleichen mehr. Zu ihnen sprach der Engel: "Folgt mir, ich will euch in eure Freuden einführen." Mit die­sen Worten geleitete er sie in eine von Säulen und Pyramiden gesäumte Halle. Davor befand sich ein niedriger Palast mit of­fenem Zugang zur Säulenhalle. Durch diesen führte der Engel sie ein. Und siehe, nun erschienen zwanzig Wartende hier und dort, und mit einemmal zeigte sich jemand, der einen Engel vorstellte und sprach zu ihnen: "Durch diese Säulenhalle geht der Weg zum Himmel; verweilt ein wenig und bereitet euch vor; denn wer von euch volljährig ist, soll zum König werden, die Minderjährigen werden Fürsten sein." Nach diesen Wor­ten erschien neben jeder Säule ein Thron, auf dem ein Ober­kleid aus Seide lag und darauf Szepter und Krone. An jeder Pyramide stand auf einem drei Ellen hohen Podest ein Stuhl mit einer darauf liegenden goldenen Kette und Ordensbändern, an den Enden mit Agraffen aus Diamanten verbunden.

Jetzt ertönte der Ruf: "Geht hin, kleidet euch ein, laßt euch nieder und wartet." Darauf liefen die Volljährigen zu den Thronen und die Minderjährigen zu den Stühlen, zogen die Gewänder und setzten sich. Dann schien jedoch etwas wie ein Dunst (nimbus) aus der Unterwelt aufzusteigen, und als sie ihn einatmeten, blähten sich nach und nach die Ge­sichter der auf den Thronen und Stühlen Sitzenden auf und schwoll ihnen die Brust in der Überzeugung, daß sie nun tatsächlich Könige und Fürsten seien. Jener Dunst war aber nur der Anhauch ihrer Phantasie. Alsbald flogen Jünglinge wie vom Himmel herbei. Je zwei von ihnen stellten sich zur Be­dienung hinter den Thronen, je einer hinter den Stühlen auf. Von Zeit zu Zeit wurden ihnen nun durch einen Herold zuge­rufen: "Ihr Könige und Fürsten, habt noch ein wenig Geduld; es werden eben im Himmel eure Höfe zubereitet, gleich wer­den die Höflinge mit ihrem Gefolge kommen, um euch ein­zuführen." Sie aber warteten und warteten, bis ihnen fast das Atmen verging und sie vor Sehnsucht verschmachteten.

Nach Verlauf dreier Stunden öffnete sich endlich der Himmel über ihren Häuptern. Engel blickten herab, hatten Mitleid mit ihnen und sagten: "Warum sitzt ihr so albern da und spielt Komödie? Man hat seinen Spott mit euch getrie­ben und euch aus Menschen zu Götzenbildern gemacht. Das geschah, weil ihr im Herzen den Wahn nährtet, ihr würdet mit Christus als Könige und Fürsten regieren und von den Engeln bedient werden. Habt ihr die Worte des Herrn vergessen, daß ein Diener werden müsse, wer im Himmel groß sein will? Darum lernt, was unter Königen und Fürsten und unter dem Herrschen mit Christus zu verstehen ist: nämlich weise und nützlich zu sein, ist doch das Reich Christi, d.h. der Himmel, ein Reich der Nutzwirkungen. Denn der Herr liebt alle und will daher allen Gutes tun. Das Gute aber ist die Nutzwirkung, und weil der Herr Gutes und Nützliches mittelbar durch Engel, in der Welt aber durch Menschen tut, so verleiht er denen, die treu und nützlich sind, Liebe zu ihrem Tun, und den damit zu­sammenhängenden Lohn, nämlich innere Zufriedenheit. Dies ist die ewige Seligkeit. Es gibt in den Himmeln ebenso wie auf Erden überragende Machtstellungen und gewaltige Schätze, gibt es doch dort auch Regierungen und Regierungsformen, somit größere und kleinere Amtsgewalten. Die Inhaber der höchsten Gewalt haben Paläste und Hofhaltungen, die an Herrlichkeit und Pracht die der irdischen Kaiser und Könige weit übertreffen. Entsprechend der Zahl ihrer Hofbeamten, Diener und Trabanten mit ihren prächtigen Gewändern um­gibt sie Ehre und Herrlichkeit. Aber diese höchsten Herrscher werden aus denen gewählt, deren Herz für das öffentliche Wohl schlägt, während ihr Sinn nur um des unerläßlichen Gehor­sams der Untergebenen willen nach Pracht strebt. Und weil das öffentliche Wohl erfordert, daß jeder irgendein nützliches Glied der Gesellschaft als dem gemeinsamen Leib sein soll, jeder Nutzen aber vom Herrn stammt und durch Engel und Men­schen wie von ihnen selbst aus bewirkt wird, so ist klar, daß darin das Herrschen mit dem Herrn besteht."

Als sie dies aus dem Himmel vernommen hatten, stie­gen die Theaterkönige und  fürsten von ihren Thronen und Stühlen herab und warfen Szepter, Kronen und Mäntel von sich. Der Phantasie Dunst verließ sie, und es umhüllte sie nun eine glänzend weiße Wolke. Darin verbarg sich die Aura der Weisheit und ließ ihre Gemüter wieder gesunden.

*8. Anschließend kehrte der Engel erneut ins Versamm­lungshaus der Gelehrten aus der Christenheit zurück und rief jene zu sich, die sich in dem Glauben bestärkt hatten, die himmlischen Freuden und die ewige Seligkeit seien die Won­nen des Paradieses. Er forderte sie auf, ihm zu folgen und sagte: "Ich will euch ins Paradies, euren Himmel, einführen, damit ihr zu den Wonnen eurer ewigen Seligkeit gelangt." Mit diesen Worten geleitete er sie durch einen hohen Torbogen, der aus in­einander verschlungenen Ästen und Schößlingen edler Bäume gebildet war und führte sie auf Umwegen von einer Gegend in die andere. Es war tatsächlich ein Paradies am ersten Ein­gang zum Himmel, in das alle eingelassen werden, die in der Welt geglaubt hatten, der ganze Himmel sei ein einziges Para­dies, weil er so genannt wird, und die sich die Vorstellung ein­geprägt hatten, nach dem Tode herrsche eine vollständige Ruhe von aller Arbeit; diese Ruhe aber bestehe lediglich im Genuß unzähliger Wonnen, im Wandeln auf Rosen, sich laben am Saft der süßesten Trauben und im Feiern von festlichen Freudenmahlen — einem Leben, das es nur im Paradies gebe. Geleitet von dem Engel, erblickten sie nun viele Greise, Jünglinge und Knaben, auch Frauen und Mädchen, die zu dritt oder zehnt auf Rosenhügeln saßen und Kränze flochten, mit denen sie die Häupter der Greise und die Arme der Jünglinge schmückten. Den Knaben hefteten sie Sträuße an die Brust. Andere pflückten Früchte von den Bäumen und brachten sie in Körben zu ihren Gesellschaften. Wieder andere preßten Saft aus Trauben, Kirschen und Beeren in Becher, die sie dann fröhlich austranken. Einige labten sich am Duft der Blumen, Früchte und wohlriechenden Blätter, andere sangen heitere Lieder und erfreuten damit die Zuhörer. Manche saßen an Quellen und leiteten das hervorsprudelnde Wasser in vielfäl­tiger Art ab, manche gingen plaudernd und scherzend spa­zieren oder liefen um die Wette, andere spielten oder tanz­ten, hier im Takt und dort im Reigen. Man sah auch einige, die sich zu Gartenhäuschen begaben, um zu ruhen — von vie­len anderen Paradiesesfreuden zu schweigen.

Nachdem sie auch dies gesehen hatten, führte der Engel seine Begleiter auf verschiedenen Wegen hierhin und dort­hin und schließlich auch in einen wunderschönen, von Oli­ven  und Citrusbäumen eingefaßten Rosengarten. Dort saßen einige, ließen betrübt die Köpfe hängen und weinten. Des­halb sprachen die Begleiter des Engels sie an und fragten, wes­halb sie so betrübt dasäßen. Ihre Antwort lautete: "Heute ist der siebte Tag seit unserer Ankunft in diesem Paradies. Zu­erst schien unser Gemüt wie in den Himmel erhoben und in seine innersten Freuden versetzt. Aber schon nach drei Tagen stumpften diese Hochgenüsse ab und wurden uns gleichgül­tig, und nun bedeuten sie uns nichts mehr. Als es aus war mit unseren eingebildeten Freuden, begannen wir für den Ver­lust aller Lebensfreude zu fürchten und fingen an zu zweifeln, ob es überhaupt eine ewige Seligkeit gibt. Wir streiften auf allen Wegen und Plätzen umher, um nach der Pforte zu su­chen, durch die wir hereingekommen waren. Allein, wir irr­ten immer nur im Kreis umher und fragten alle, denen wir be­gegneten, nach der Pforte. Man sagte uns, sie sei nicht zu fin­den, denn dieser Paradiesgarten sei ein einziges großes Labyrinth, und wer hinauswolle, gerate nur desto tiefer hinein; wir müßten in Ewigkeit hier bleiben; wir seien in der Mitte des Paradieses, wo alle Freuden in ihrem Zentrum sind. Wei­ter sprachen sie zu den Begleitern des Engels: "Wir sitzen hier nun schon seit eineinhalb Tagen, und weil wir keine Hoffnung mehr haben, je den Ausgang zu finden, haben wir uns auf die­sem Rosenhügel niedergelassen, umgeben von Oliven, Trau­ben und Citrusbäumen jeder Menge, doch je mehr wir sie be­trachten, desto mehr ermüden unsere Augen vom Sehen, un­sere Nasen vom Riechen des Duftes und unser Appetit vom Genuß der Früchte. Das ist der Grund für die Betrübnis, in der ihr uns erblickt und für unser Klagen und Weinen."

Der Engel antwortete, als er dies gehört hatte: "Dies pa­radiesische Labyrinth ist wirklich der Eingang zum Himmel. Ich kenne den Ausgang und will euch hinausführen." Bei die­sen Worten erhoben sie sich, umarmten den Engel und folgten ihm zusammen mit seiner Schar zum Ausgang. Unterwegs be­lehrte er sie über die himmlische Freude und ewige Seligkeit und sagte, daß es keine äußeren Paradiesesfreuden gebe ohne die inneren. Die äußeren Paradiesesfreuden seien bloß Ver­gnügungen der körperlichen Sinne, die inneren hingegen be­träfen die seelischen Empfindungen. Sind diese nicht in jenen enthalten, so wohnt ihnen kein himmlisches Leben inne, und sie sind unbeseelt. Jede nicht entsprechend beseelte Lust wird zuletzt matt, ja reizlos und ermüdet den Geist mehr als Arbeit.

Überall in den Himmeln gibt es paradiesische Gärten, und sie sind auch für die Engel eine Freudenquelle, d.h. soweit diese Freuden von seelischer Lust erfüllt sind, denn nur in­soweit sind sie wirkliche Freuden.

Als sie das gehört hatten, fragten sie alle: Was ist seeli­sche Lust, und woher kommt sie? Der Engel gab zur Antwort: "Die Lust der Seele entspringt der Liebe und Weisheit vom Herrn: und weil die Liebe Wirkungen hervorbringt, und zwar durch die Weisheit, so finden beide, Liebe und Weisheit, ihren Ausdruck in der Wirkung; diese aber ist Nutzwirkung. Solche Lust fließt vom Herrn her in die Seele ein; von dort gelangt sie durch die höheren und niederen Regionen des Gemüts in alle Sinne des Körpers und kommt in ihnen zu ihrer Fülle. So wird die Freude durch ihre Herkunft aus dem Ewigen schließlich zur ewigen Freude. Ihr habt etwas vom Paradies gesehen, und ich versichere euch, daß es darin nichts, nicht einmal ein Blätt­chen gibt, dessen Ursprung nicht in der Vermählung von Liebe und Weisheit zu nützlicher Tätigkeit liegt. Nur wenn der Mensch in dieser Ehe ist, befindet er sich im himmlischen Pa­radies, d.h. im Himmel."

*9. Hernach kehrte der Engel zu denen ins Gebäude zurück, die sich in den Kopf gesetzt hatten, die himmlische Freude und ewige Seligkeit bestehe in fortgesetzter Verherr­lichung Gottes und sei ein ewiges Fest. Sie hatten in der Welt geglaubt, dann würden sie Gott sehen, und zudem heiße das himmlische Leben wegen der Gottesverehrung ein beständi­ger Sabbat. Zu ihnen sprach nun der Engel: "Kommt, ich will euch in eure Freuden einführen!" und geleitete sie zunächst in eine kleine Stadt, deren Mittelpunkt ein Tempel bildete und deren Gebäude samt und sonders Gotteshäuser hießen. Von allen Seiten sahen sie Menschen herbeiströmen, darunter auch eine Anzahl Priester. Diese empfingen die Ankommen­den, begrüßten sie, nahmen sie bei der Hand und führten sie zu den Toren des Tempels. Dann geleiteten sie sie zu den Got­teshäusern rings um den Tempel, um sie in den immer­währenden Gottesdienst einzuweihen. Dabei sprachen sie: "Diese Stadt ist der Vorhof des Himmels, der Tempel aber der Eingang zu dem überaus prächtigen und herrlichen Tempel im Himmel, wo Gott von den Engeln auf ewig durch Gebete und Lobgesänge verherrlicht wird. Hier wie dort ist vorge­schrieben, daß man zuerst in den Tempel geht und drei Tage und Nächte darin verweilt. Nach dieser Einweihung geht es in die Gebäude der Stadt, die samt und sonders von uns ge­weihte Kirchen sind. Von einer Kirche zur anderen betet, singt und rezitiert man zusammen mit der Gemeinde Predigten. Doch hütet euch, ihr dürft bei euch keine anderen Gedanken aufkommen lassen und mit anderen reden, als über das, was heilig, fromm und Gott wohlgefällig ist!"

Darauf führte der Engel seine Gruppe in den Tempel. Darin herrschte ein großes Gedränge. Es gab dort viele, die auf Erden große Würdenträger waren, aber auch viel einfa­ches Volk. An den Toren standen Wachen, um zu verhüten, daß jemand vor dreitägigem Verweilen entwiche. Der Engel aber sprach: "Heute ist für diese hier der zweite Tag seit ihrem Eintritt. Betrachtet sie, und ihr werdet ihre Gottesver­ehrung erkennen." Das taten sie denn auch, und siehe, die meisten schliefen, andere waren zwar noch wach, gähnten aber in einem fort. Bei einigen schienen ihre Mienen infolge der beständigen Erhebung ihrer Gedanken zu Gott, die nicht wieder in den Körper zurückfinden konnten, wie vom Kör­per getrennt. So jedenfalls erschienen sie sich und anderen. Bei anderen sahen die Augen infolge des beständigen Auf­schlagens gen Himmel wie verdreht aus. Mit einem Wort:

Alle saßen da mit beklemmter Brust und von Überdruß er­mattetem Geist, kehrten der Kanzel den Rücken und riefen: "Unsere Ohren sind betäubt, macht Schluß mit dem Predi­gen, man nimmt ja kein Wort mehr auf, und schon der Ton beginnt uns anzuwidern!"

Damit erhoben sie sich und rannten in Scharen auf die Tore zu und brachen sie auf; die Wachen, die sie daran zu hin­dern suchten, trieben sie zurück. Als die Priester das sahen, lie­fen sie hinterdrein, holten sie ein und fuhren fort, unter Seuf­zen und Bitten sie zu belehren und zu rufen: "Feiert in Got­tes Namen das Fest, heiligt euch; in diesem Vorhof des Himmels wollen wir euch einweihen zu der ewigen Verherr­lichung Gottes in dem prächtigen und großartigen Tempel, der im Himmel ist, damit ihr so in den Genuß der ewigen Se­ligkeit kommt." Sie aber verstanden, ja hörten das kaum in­folge des Stumpfsinns, der sie nach der zweitägigen geistigen Anspannung und Enthaltung von allen häuslichen und öf­fentlichen Verrichtungen befallen hatte. Sie versuchten sich von den Priestern loszumachen, aber diese faßten sie bei den Armen, ja bei den Kleidern, um sie zu den Kirchen zu drängen, wo die Predigten gehalten werden sollten   doch vergebens. Sie schrien: "Laßt uns in Ruhe, wir fühlen uns der Ohnmacht nahe!" Kaum hatten sie dies geäußert, als vier Männer in glän­zend weißen Gewändern und einer Tiara auf dem Haupt er­schienen. Einer von ihnen war in der Welt Erzbischof, die an­deren waren Bischöfe gewesen und nun Engel geworden. Sie riefen die Priester zusammen und sprachen zu ihnen: "Wir haben euch vom Himmel aus beobachtet, wie ihr diese Schafe weidet, nämlich bis zum Verrücktwerden. Ihr scheint nicht zu wissen, was mit der Verherrlichung Gottes gemeint ist. Sie besteht darin, daß man Früchte der Liebe erbringt, das heißt treu, aufrichtig und fleißig seine beruflichen Funktionen ver­sieht. Darin nämlich besteht die Gottes  und Nächstenliebe, der Zusammenhalt der Gesellschaft und ihr Wohl. Dadurch wird Gott verherrlicht, und dann erst durch zeitlich festgeleg­ten Gottesdienst. Habt ihr nicht die Worte des Herrn gelesen: 'Dadurch wird mein Vater verherrlicht, daß ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet' (Joh. 15, 8)? Für euch Priester besteht freilich die Verherrlichung im Gottesdienst, weil das euer Amt ist und euch daraus Ehre, Ruhm und Lohn zuteil wird. Doch könnt auch ihr nicht mehr als jene daran teilhaben, sofern Ehre, Ruhm und Lohn nicht mit eurem Amt überein­stimmen."

Nach diesen Worten gaben die Bischöfe den Türhütern die Weisung: "Laßt alle frei ein  und ausgehen; denn es gibt viele, die sich unter der himmlischen Freude nur einen im­merwährenden Gottesdienst vorstellen konnten, weil sie keine Ahnung von der Beschaffenheit des Himmels hatten."

*10. Anschließend kehrte der Engel mit seinen Begleitern an den Versammlungsort zurück, den die Scharen der Ge­lehrten noch nicht verlassen hatten. Er rief alle, die geglaubt hatten, himmlische Freude und ewige Seligkeit hingen allein davon ab, daß man aus göttlicher Gnade in den Himmel ein­gelassen werde. Auf diese Weise würden sie der Freude teil­haftig werden, wie wenn man gelegentlich in der Welt an be­stimmten Festtagen eine Einladung an den Hof des Königs oder auch zu einer Hochzeit erhalte. Zu ihnen sprach der Engel: "Bleibt noch ein wenig hier; ich will die Trompete bla­sen, um einige Gelehrte herbeizurufen, die wegen ihrer Weis­heit in geistlichen Dingen der Kirche große Berühmtheit er­langt haben." Nach einigen Stunden fanden sich neun Männer ein, lorbeergeschmückt zum Zeichen ihres Ruhmes. Der Engel führte sie ins Versammlungshaus, in dem alle früher Zusam­menberufenen bereits warteten. In deren Gegenwart wandte sich der Engel an die neun Laureaten und sprach: "Ich weiß, daß man euren Wunsch erfüllt hat, eurer Vorstellung gemäß in den Himmel aufzusteigen. Ihr seid nun, was die Einrichtung des Himmels betrifft, voll Kenntnis auf diese unterhalb des Himmels befindliche, niedrigere Ebene zurückgekehrt. Be­richtet bitte, wie euch der Himmel erschienen ist!" Hierauf antworteten sie der Reihe nach.

Der Erste sagte: "Vom ersten Knabenalter an bis ans Ende meines irdischen Lebens hatte ich vom Himmel die Vorstel­lung, er sei ein Ort aller Seligkeiten, Wonnen, Annehmlich­keiten, Genüsse und Vergnügungen, und die Aura dieser Won­nen würde mich umströmen, wenn man mich nur einließe. Ich würde dann diese Wonnen mit voller Brust einatmen, wie ein Bräutigam bei der Hochzeitsfeier, sobald er mit der Braut ins Brautgemach eintritt. Mit dieser Vorstellung stieg ich gen Himmel und passierte die ersten beiden Wachen. Als ich zur dritten kam, sprach mich der Befehlshaber an und sagte: 'Wer bist du, Freund?' Ich erwiderte: 'Ist hier nicht der Himmel? Meiner Sehnsucht folgend, bin ich hier heraufgestiegen, bitte, laß mich ein!' Darauf ließ er mich ein. Ich erblickte nun Engel in weißen Kleidern; sie umringten und betrachteten mich. Dabei flüsterten sie: 'Seht nur, ein neuer Gast, der kein himm­lisches Gewand hat!' Als ich das vernahm, kamen mir die Worte des Herrn über den Menschen in den Sinn, der ohne ein hochzeitliches Gewand in eine Hochzeit geraten war. Darum bat ich sie: 'Gebt mir ein solches Gewand, sie aber lächelten nur. Alsbald kam jemand aus dem Regierungsge­bäude gelaufen und brachte den Befehl: 'Zieht ihn nackt aus, stoßt ihn hinaus und werft ihm seine Kleider nach!' Und so wurde ich hinausgeworfen."

Nun war die Reihe am Zweiten. Er berichtete: "Auch ich glaubte, wenn man mich nur in den Himmel über mir ein­ließe, würde mich die Freude des Himmels überströmen, um sie in Ewigkeit zu genießen. Mein Wunsch wurde mir auch gewährt, doch die Engel flohen vor mir, als sie mich sahen und sprachen untereinander: 'Was soll diese seltsame Er­scheinung? Wie kommt dieser Nachtvogel hierher?' Tatsäch­lich fühlte ich in mir etwas wie eine Verwandlung vor sich gehen, obgleich ich nicht wirklich verwandelt wurde. Das ge­schah mir, weil ich die himmlische Atmosphäre einatmete. Bald aber erschien jemand vom Regierungshaus mit dem Be­fehl, zwei Diener sollten mich hinausführen und mich auf demselben Weg, auf dem ich heraufgestiegen war, nachhause geleiten. Erst hier erschien ich mir selbst und anderen wie­der als ein Mensch."

Der Dritte berichtete: In meiner Vorstellung war der Him­mel stets ein Ort und hatte nichts mit Liebe zu tun. Als ich in diese Welt kam, hatte ich daher ein großes Verlangen nach dem Himmel, und als ich einige erblickte, die hinanstiegen, schloß ich mich ihnen an. Ich wurde auch eingelassen, freilich nur ein paar Schritte weit. Wie ich mich nun aber, meiner Vorstel­lung von himmlischer Freude und Seligkeit gemäß, von ganzer Seele freuen wollte, wurde mein Geist wie betäubt vom Licht des Himmels, dessen Wesen Weisheit sein soll; es war so blen­dend weiß, wie Licht, das vom Schnee reflektiert wird. Mir wurde schwarz vor den Augen, ich fing an, wirres Zeug zu reden, und mein Herz begann von der großen Wärme des Him­mels, die dem gleißenden Licht entsprach, heftig zu schlagen. Bangigkeit ergriff mich und ein inwendiger Schmerz quälte mich so, daß ich mich rücklings zu Boden warf. Als ich dann so da lag, kam jemand von der Leibwache aus dem Regie­rungssitz und befahl, daß man mich vorsichtig wegtragen solle in mein eigenes Licht und meine eigene Wärme. Sobald ich dort angelangt war, kamen Geist und Herz wieder zu sich."

Der Vierte erzählte: "Auch ich habe mir den Himmel als Ort und nicht als Zustand der Liebe vorgestellt. Sobald ich in der geistigen Welt angelangt war, erkundigte ich mich bei den Weisen, ob man in den Himmel hinaufsteigen dürfe. Sie sag­ten mir, das sei jedermann erlaubt, nur müsse man sich in Acht nehmen, daß man nicht wieder hinabgeworfen werde. Ich lachte nur darüber und stieg hinan, glaubte ich doch wie die anderen, alle in der Welt seien für die Fülle der himmli­schen Freuden empfänglich. Doch als ich anlangte, verging mir fast der Atem, und vor Schmerz und Qual in Kopf und Leib warf ich mich auf den Boden und krümmte mich wie eine Schlange, die man ins Feuer hält. Ich kroch schließlich zu einem steilen Abhang und stürzte mich dort hinab. Unten hob man mich auf und brachte mich zu einer Herberge, wo mir allmählich wieder wohler wurde."

Auch die übrigen Fünf erzählten Erstaunliches über ihren Aufstieg zum Himmel und verglichen die dabei erleb­ten Veränderungen ihrer Lebenszustände mit denen von Fi­schen, wenn sie aus dem Wasser in die Luft herausgeholt werden und damit, was Vögel erleben, wenn sie aus der Luft in den Äther geraten. Sie erklärten, nach jenen herben Er­fahrungen hätte es sie nicht mehr nach dem Himmel gelü­stet, sondern nur nach einem Zusammenleben mit ihnen Ähnlichen, wo immer diese auch wären. Zudem wüßten sie sehr wohl, daß in der Geisterwelt, wo wir uns eben befän­den, alle zuerst vorbereitet würden, die Guten zum Himmel und die Bösen zur Hölle. Dann erst würden sich vor ihnen Wege auftun, auf denen sie zu Gesellschaften ihnen Ähnli­cher gelangten, bei denen sie in Ewigkeit bleiben könnten. Diese Wege würden sie freudig betreten, weil sie die Wege ihrer Liebe seien.

Alle Mitglieder der vom Engel zusammenberufenen Gruppe bekannten, als sie dies hörten, daß auch sie sich den Himmel nur als einen Ort vorgestellt hätten, wo sie die auf sie einströmenden Freuden in Ewigkeit genießen würden. Hier­auf sprach der Engel mit der Trompete:

"Ihr seht nun, daß die himmlischen Freuden und die ewige Seligkeit nichts mit einem Ort zu tun haben, sondern vom Lebenszustand des Menschen abhängen, und daß der himmlische Lebenszustand seinen Ursprung in der Liebe und Weisheit hat. Und da nun die Nutzwirkung das Gefäß beider bildet, entsteht durch ihre Verbindung in einer nützlichen Tätigkeit der himmlische Lebenszustand. Man könnte ebenso gut auch sagen, es sei Wohlwollen, Glaube und gute Werke, weil Wohlwollen Liebe ist und Glaube Wahrheit, aus welcher Weisheit hervorgeht, gute Werke aber Nutzwirkungen. Zudem gibt es in unserer geistigen Welt durchaus auch Örtlichkeiten, wie in der natürlichen Welt, sonst wären ja keine Häuser und verschiedene Wohnungen zu sehen. Es handelt sich aber um eine andere Art von Örtlichkeit, weil sie nur dem jeweiligen Zustand der Liebe und Weisheit bzw. des Wohlwollens und Glaubens entsprechend als Örtlichkeit erscheint. Ein jeder, der zum Engel wird, trägt seinen Himmel in sich, den Him­mel seiner Liebe, ist doch der Mensch von der Schöpfung her ein allerkleinstes Abbild oder Ebenbild bzw. ein Abdruck des großen Himmels. Auch die menschliche Gestalt ist nichts an­deres. Deshalb kommt jeder in die himmlische Gesellschaft, deren Gestalt er individuell nachbildet. Tritt er in diese Ge­sellschaft ein, so findet er zugleich seine ihm entsprechende Form. Er tritt also in dieser Gesellschaft wie von sich aus in seine eigene Form ein, und innerhalb ihrer ist er wiederum in der Gestalt, die er in sich darstellt, lebt also deren Leben als sein eigenes und sein eigenes Leben als das ihrige. Jede Gesellschaft ist wie ein Kollektiv, die Engel in ihm aber sind wie gleichartige Teile, aus denen zugleich das Gemeinsame ent­steht. Aus alledem folgt, daß alle, die im Bösen und von daher im Falschen sind, in sich ein Abbild der Hölle ausgebildet haben. Dieses wird jedoch im Himmel gequält, weil der himmlische Einfluß mit der Heftigkeit des vollen Gegensat­zes dagegen prallt. Die höllische Liebe ist nämlich der himm­lischen entgegengesetzt, und darum geraten die Lustreize die­ser beiden Liebesarten wie Feinde aneinander, die sich ge­genseitig vernichten wollen."

*11. Nach diesen Geschehnissen hörte man eine Stimme aus dem Himmel, die dem Engel mit der Trompete zurief: "Wähle aus den Versammelten zehn aus und führe sie zu uns! Der Herr wird sie, wie er uns wissen ließ, so zubereiten, daß Wärme und Licht, also Liebe und Weisheit unseres Himmels ihnen drei Tage lang keinen Schaden zufügen." Darauf wurden Zehn ausgewählt, die dem Engel folgten. Zuerst ging es einen steilen Hügel hinan und von dort auf einen Berg, auf dem sich der Himmel jener Engel befand, der ihnen zuvor von Ferne wie eine Wolkenfeste erschienen war. Man öffnete ihnen eins nach dem anderen die Tore, und als sie das dritte passierten, eilte der Empfangs Engel zum Fürsten dieser himmlischen Gesellschaft und meldete ihre Ankunft. Der Fürst aber sprach: "Nimm einige von meiner Leibwache und laß ihnen ausrich­ten, daß mir ihre Ankunft genehm sei, führe sie in meinen Vor­hof ein und weise einem jeden sein Gemach und Schlafzim­mer zu. Laß ferner einige von meinen Hofleuten und Dienern ihnen aufwarten und sie auf ihren Wink bedienen." Und so geschah es auch. Nachdem der Engel die Gäste auf diese Weise eingeführt hatte, wollten sie wissen, ob sie sich nicht auch dem Fürsten nahen und ihn sehen dürften. Der Engel aber erwiderte: "Jetzt ist es noch Morgen, und vor der Mittagszeit ist es nicht erlaubt, bis dann ist hier nämlich jedermann in seinem Amt und Beruf tätig. Ihr seid jedoch zum Mittagessen eingeladen und werdet dann mit unserem Fürsten bei Tisch sitzen. Inzwischen werde ich euch den prächtigen und glanz­vollen Palast zeigen."

*12. Dorthin geführt, besichtigten sie ihn zuerst von außen. Er war von großem Umfang, der obere Bau bestand aus Porphyr, der untere aus Jaspis. Vor dem Portal standen sechs hohe Säulen aus Lasurstein, das Dach war von Gold­blech, die hohen Fenster bestanden aus allerdurchsichtigstem Kristall, und die Pfeiler waren ebenfalls von Gold. Als sie dann ins Innere des Palastes traten und durch die Zimmer geführt wurden, sahen sie Prachtstücke von unbeschreiblicher Schön­heit und an den Decken reliefartige Verzierungen unnach­ahmlicher Art. Den Wänden entlang standen Tische aus mit Gold verschmolzenem Silber, darauf allerlei Gerätschaften aus kostbaren Steinen und ganzen Edelsteinen in himmlischen Formen. Und noch vieles zeigte sich ihnen, was kein Auge auf Erden je gesehen hat, sodaß auch niemand ahnen kann, es gäbe dergleichen im Himmel. Als sie sich vor Staunen über alle diese Herrlichkeiten nicht fassen konnten, sprach der Engel: "Wundert euch nicht, was ihr da seht, ist nicht von En­gelhand gemacht oder fabriziert, sondern vom Werkmeister des Weltalls bereitet und unserem Fürsten zum Geschenk ge­macht. Deshalb ist hier die Baukunst in ihrer Urform, von der alle Regeln dieser Kunst in der Welt abgeleitet sind." Ferner sagte der Engel: "Ihr meint vielleicht, diese Dinge bezauber­ten und blendeten unsere Augen so sehr, daß wir sie für die Freuden unseres Himmels hielten. Doch unsere Herzen hän­gen nicht daran, und so sind uns diese Dinge nur Zugaben zu den Freuden unserer Herzen. Soweit wir sie als Zugaben und als Werke Gottes betrachten, erblicken wir in ihnen die gött­liche Almacht und Huld."

*13. Sodann sprach der Engel zu ihnen: "Noch ist es nicht Mittag, kommt daher mit mir in den Garten unseres Fürsten, der an diesen Palast angrenzt!" Beim Eintritt in den Garten bemerkte er: "Hier seht ihr nun einen Garten, der herrlicher ist als alle anderen Gärten in unserer himmlischen Gesellschaft!" Seine Begleiter aber erwiderten darauf: "Was sagst du? Hier ist doch kein Garten, man sieht ja nur einen einzigen Baum, und an seinen Ästen und an seinem Wipfel etwas wie Früchte aus Gold und Blätter wie von Silber, an den Rändern mit Sma­ragden verziert, und unter dem Baum sehen wir Kinder mit ihren Wärtern." Darauf sprach der Engel mit einer Stimme, die begeistert klang: "Dieser Baum bildet nur die Mitte unse­res Gartens, wir bezeichnen ihn als unseren Himmelsbaum, einige nennen ihn auch den Baum des Lebens. Doch geht nur weiter und tretet näher, dann werden euch die Augen aufge­tan werden, und ihr werdet den Garten erblicken." Sie ge­horchten, ihre Augen wurden auch wirklich aufgetan, und nun sahen sie Bäume, umschlungen von Rebengirlanden und reich an Früchten, die Wipfel mit ihren Früchten gegen den Baum des Lebens in der Mitte geneigt. Diese Bäume standen in einer ununterbrochenen Reihe, die auslief und sich fort­setzte in endlosen Kreisen oder Windungen, einer fortlaufen­den Spirale gleich. Ja, es war wirklich eine vollkommene Spi­rale von Bäumen; es folgten einander die Sorten je nach der Vortrefflichkeit ihrer Früchte. Der Ausgangspunkt des Kreis­ganges war ziemlich weit vom Baum in der Mitte entfernt, und die Zwischenräume waren beleuchtet von strahlendem Licht, das die Bäume der kreisförmigen Allee in einem Glanze schim­mern ließ, der nach und nach von den ersten bis zu den letz­ten Bäumen hindurchdrang. Die ersten Bäume waren die edelsten und hingen voll der herrlichsten Früchte. Es waren Paradiesbäume, wie man sie noch nirgends gesehen hat, weil es sie auf den Erdkörpern der natürlichen Welt nicht gibt und auch nicht geben kann. Danach kamen Olivenbäume, Wein­reben in Form von Bäumen, wohlriechende Bäume und zu­letzt Bäume, deren Holz zur Verarbeitung dient. In dieser von den Bäumen gebildeten Spirale waren hie und da Sitze ange­bracht, die an ihrer Rückseite von herangezogenen und mit­einander verschlungenen Absenkern der Bäume gebildet und reich mit deren Früchten behängt und geschmückt waren.

An diesem endlos fortlaufenden Kreislauf von Bäumen gab es seitliche Ausgänge, die zu Blumengärten und von dort zu grünen Auen führten, die in freie Plätze und Beete abge­teilt waren. Bei diesem Anblick riefen die Begleiter des En­gels: "Das ist der Himmel im Bilde! Wohin wir unsere Augen auch richten, überall kommt ihnen etwas Himmlisches und Paradiesisches entgegen, das unaussprechlich ist!" Der Engel freute sich, als er diese Worte vernahm und sagte: "Alle Gärten in unserem Himmel bilden Formen oder Bilder vor von den himmlischen Seligkeiten in ihrem Ursprung, und weil der Ein­fluß dieser Seligkeiten eure Gemüter erhoben hat, riefet ihr: ,Das ist der Himmel im Bilde!' Wer aber diesen Einfluß nicht aufnimmt, sieht in diesen paradiesischen Pflanzungen nur gewöhnliche Wälder. Den Einfluß aber nehmen alle in sich auf, die Liebe zu gemeinnütziger Tätigkeit haben; anderen, die nur den Ruhm lieben, ohne das Allgemeinwohl dabei im Auge zu haben, nehmen diesen himmlischen Einfluß nicht auf." Hierauf erklärte er ihnen, was die Einzelheiten dieses Parks vorbildeten und bezeichneten.

*14. Damit waren sie noch beschäftigt, als ein Bote vom Fürsten kam, um sie zum Mittagessen einzuladen. Zugleich erschienen zwei Hofdiener, brachten Kleider von Byssus und sprachen: "Legt dies an, denn niemand wird zur Tafel des Für­sten zugelassen, der nicht mit himmlischen Gewändern an­getan ist." Sie machten sich fertig und folgten ihrem Engel. Die­ser führte sie nun auf den unter freiem Himmel befindlichen Vorplatz des Palastes, wo sie den Fürsten erwarteten. Der Engel brachte sie ins Gespräch mit den Magnaten und leiten­den Beamten, die ebenfalls auf den Fürsten warteten. Und siehe, nach einem Stündchen wurden die Türen geöffnet, und durch einen etwas größeren Eingang gegen Westen sahen sie nun den Einzug des Fürsten in der Ordnung und Pracht einer feierlichen Prozession. Vor ihm gingen die Geheimen Räte, nach diesen die Kammerräte, denen die Vornehmsten des Hofes folgten. In ihrer Mitte schritt der Fürst, ihm folgten Hof­beamte verschiedenen Ranges, und zuletzt die Leibwächter. Alle zusammen beliefen sich auf etwa 120 Personen.

Der Engel trat nun mit den zehn Neuankömmlingen, die durch ihre Kleidung jetzt wie Einheimische erschienen, zum Fürsten und stellte sie ihm ehrerbietig vor. Ohne stehen zu bleiben, sprach der Fürst zu ihnen: "Kommt mit mir zum Mahle (panem)!" und sie folgten ihm in den Speisesaal. Dort sahen sie die herrlich zubereitete Tafel, in deren Mitte sich eine hochragende Pyramide aus Gold erhob, um die in dreifacher Reihe Gestelle mit hundert Schalen angebracht waren, in denen süßes Backwerk mit Weinmostgelee und andere aus Brot und Wein bereitete Leckerbissen lagen. Aus der Mitte der Pyramide quoll etwas wie eine Fontäne süßen Weines, deren Strahl sich an der Spitze teilte und die Becher füllte. An den Seiten dieser hohen Pyramide fanden sich viele himmlische Gebilde von Gold, die Platten und Teller trugen, mit Speisen aller Art gefüllt. Diese himmlischen Gebilde waren Erzeugnisse einer Kunst, die aus der Weisheit stammt und sich mit Worten nicht beschreiben lassen, weil keine Kunst der Welt sie nachahmen kann. Die Platten und Teller waren aus Silber und trugen auf ihrer Fläche ähnliche reliefartige Gebilde wie die Unterlagen, auf denen sie ruhten. Die Becher aber bestanden aus durchsichtigem Edelstein. Soweit über die Zurüstung der Tafel.

*15. Der Fürst und seine Minister waren folgendermaßen gekleidet: Der Fürst trug einen purpurnen Talar, übersät mit gestickten silberfarbenen Sternen, darunter ein Untergewand aus glänzender, hyazynthfarbener Seide, das den oberen Teil der Brust offen ließ, so daß sich der vordere Teil des Ordensbandes seiner Gesellschaft zeigte. Es bestand aus einem Adler, der auf einem Baumgipfel über seinen Jungen saß, war aus strahlendem Gold gearbeitet und hatte eine Fassung von Diamanten. Die Geheimräte waren beinahe ebenso gekleidet, doch ohne jenes Ordenszeichen. Stattdessen trugen sie um den Hals eine goldene Kette mit geschliffenen Saphiren. Die Höflinge erschienen in Togen von hellbrauner Farbe, durchwirkt mit Blumenmustern, die sich um junge Adler wanden. Ihre Untergewänder waren aus opalfarbener Seide, ebenso die Beinkleider und Strümpfe.

*16. Die Geheimräte, Kammerräte und Regierungsbeamten umstanden die Tafel, und auf ein Geheiß des Fürsten falteten sie die Hände und beteten still ein Dankgebet zum Herrn. Auf einen Wink des Fürsten ließen sie sich dann auf Polstern an der Tafel nieder. Zu den Neuankömmlingen aber sprach der Fürst: "Nehmt auch ihr bei mir Platz — seht, hier sind eure Sitze!" Darauf setzten sie sich. Die Höflinge aber, die schon zuvor vom Fürsten zu ihrer Bedienung bestimmt waren, stellten sich hinter ihrem Rücken auf. Der Fürst forderte sie auf: "Jeder von euch entnehme einen der Teller aus ihren Einsätzen sowie eine Schale von der Pyramide!" und so taten sie, doch siehe, sogleich erschienen an derselben Stelle neue Teller und Schalen. Die Becher aber wurden aus der Quelle, die aus der großen Pyramide hernieder sprudelte, mit Wein gefüllt, und sie aßen und tranken. Als sie nun halb gesättigt waren, wandte sich der Fürst an die zehn Gäste mit den Worten: "Ich habe gehört, daß ihr auf der Ebene unterhalb dieses Himmels versammelt wart, um eure Gedanken über die Freuden des Himmels und die daraus hervorgehende ewige Seligkeit zu äußern. Ihr habt euch auf verschiedene Weise geäußert, jeder entsprechend dem, was seinen körperlichen Sinnen angenehm ist. Doch was sind die Annehmlichkeiten des Körpers ohne die der Seele? Sie ist es doch, die jene ergötzlich macht. Die Wonnen der Seele sind an und für sich nicht wahrnehmbar, sie werden aber immer deutlicher empfunden, je mehr sie herabsinken in die Gedanken des Gemüts und von da aus in die körperlichen Gefühle. In den Gedanken des Gemüts werden sie empfunden als Beglückungen, in den Gefühlen des Körpers als Annehmlichkeiten, im Körper selbst als Wohlbehagen. Aus dem Ersten und Zweiten zugleich besteht die ewige Seligkeit, aus dem Dritten allein ist diese Seligkeit nicht ewig, sondern zeitlich, nimmt einmal ein Ende und wird zuweilen sogar zur Unseligkeit. Ihr habt nun gesehen, daß alle eure Freuden zugleich auch Himmelsfreuden sind, herrlicher als ihr sie euch je vorstellen konntet. Und dennoch ergreifen sie unsere Gemüter nicht innerlich.

Dreierlei fließt als Einheit vom Herrn her in unsere See­len ein, und dies Dreifache oder Dreieine sind Liebe, Weis­heit und nützliches Wirken. Liebe und Weisheit aber existie­ren nur in ideeller Weise, solange sie nur in der Neigung und im Denken unseres Gemüts bleiben. Erst in der Nutzwirkung existieren sie realiter, weil sie dann zugleich im Handeln und Wirken des Körpers sind. Und wo sie realiter existieren, da haben sie auch Bestand. Da nun Liebe und Weisheit nur in der Nutzwirkung Dasein und Bestand haben, so regt uns eben nur diese an. Sie aber besteht darin, treu, redlich und emsig die Obliegenheiten seines Berufs zu versehen. Die Liebe zu nütz­lichem Tun bewirkt jenes eifrige Streben bei ihrem Vollzug, durch das das Gemüt zusammengehalten wird, daß es nicht zerfließt und umherschweift und alle Begierden in sich ein­saugt, die durch die verführerischen Sinne vom Körper und von der Welt her einfließen. Denn dadurch würden die Wahr­heiten der Religion und Moral samt ihrem Guten in alle Winde zerstreut. Das eifrige Streben des Gemüts beim Verrichten von Nutzwirkungen dagegen hält diese und jene zusammen, ver­bindet sie und macht das Gemüt empfänglich für die Weis­heit aus jenen Wahrheiten. Es kann dann von der Peripherie her Falschheiten und Einbildungen von Blendwerken und Tändeleien austreiben. Ihr werdet hierüber von den Weisen unserer Gesellschaft, die ich heute Nachmittag zu euch sen­den werde, noch mehr hören."

Nach diesen Worten erhob sich der Fürst, und zugleich mit ihm standen auch die Gäste auf. Dann sprach er den Frie­densgruß und beauftragte den Engel, ihren Führer, sie in ihre Gemächer zurückzubringen und ihnen alle Ehrungen der Gastfreundschaft angedeihen zu lassen, auch möge er gebil­dete und leutselige Männer herbeirufen, die sie in Ge­sprächen über die vielen Freuden dieser Gesellschaft unter­halten sollten.

*17. Das geschah denn auch. Nachdem sie sich zurück­gezogen hatten, fanden sich die aus der Stadt Berufenen ein und unterhielten sie durch Gespräche über die vielen Freuden dieser Gesellschaft und führten beim Auf  und Abgehen eine geistvolle Unterhaltung mit ihnen. Der Engel aber, ihr Füh­rer, sagte: "Diese zehn Männer sind eingeladen worden, um die Freuden dieses Himmels zu beobachten und auf diese Weise einen neuen Begriff von der ewigen Seligkeit zu erlan­gen. Erzählt ihnen daher etwas von den Freuden, welche die Sinne des Körpers anregen. Später werden Weise kommen und einiges darüber sagen, warum jene Freuden so be­glückend und beseligend sind." Daraufhin berichteten die aus der Stadt Herbeigerufenen folgendes:

1.) Es gibt hier Festtage, die vom Fürsten angeordnet wer­den, um sich gelegentlich von der Ermüdung zu erholen, die bei manchen durch den Wettbewerb hervorgerufen wird. An solchen Tagen gibt es Konzerte und Gesangsvorführungen, Spiele und Theateraufführungen auf den öffentlichen Plät­zen und vor der Stadt, wo hinter Abschrankungen Sitzgele­genheiten eingerichtet werden. Die Schranken tragen Wein­reben voller Trauben. Innerhalb der Abschrankungen sitzen auf drei Podien die Musiker mit ihren Saiten  und Blasinstru­menten von hohem und tiefem, starkem und sanftem Ton. Seitlich stehen Sänger und Sängerinnen und erfreuen die Bür­ger mit den herrlichsten Jubelgesängen und Liedern, teils in Chören, teils als Solisten. Pausen unterbrechen dieses Musi­zieren, das vom Morgen bis zum Mittag dauert und dann wie­der bis zum Abend fortgesetzt wird.

2.) Zudem ertönt jeden Morgen aus den Häusern an den öffentlichen Plätzen der lieblichste Gesang von Jungfrauen und Mädchen und erfüllt die ganze Stadt. Es handelt sich immer um ein Gefühl der geistigen Liebe, das jeden Morgen besungen, das heißt durch die verschiedenen Modifikatio­nen und Melodien des Gesanges dargestellt wird. Dieses Ge­fühl wird empfunden, als läge es im Gesang selbst, fließt in die Seelen der Zuhörer ein und regt sie zu entsprechenden Empfindungen an. Darin liegt das Wesen des himmlischen Gesangs. Die Sängerinnen behaupten, der Ton ihres Gesanges begeistere sie gleichsam von innen her, beseele und erhebe sie aufs angenehmste, je nach Aufnahme von seiten der Zuhörer. Wenn der Gesang endet, schließen sich die Fenster und Türen der Häuser an Plätzen und Straßen, und nun herrscht Stille in der ganzen Stadt. Man hört weder irgendeinen Lärm noch sieht man müßige Spaziergänger. Vielmehr obliegen jetzt alle mit Eifer ihren beruflichen Geschäften.

3.) Um die Mittagszeit aber öffnen sich die Türen, nach­mittags hie und da auch die Fenster, und man sieht den Spie­len der Knaben und Mädchen auf den Straßen zu, von Älte­ren und Lehrern beaufsichtigt, die in den Säulengängen der Häuser sitzen.

4.) An den äußersten Stadtbezirken finden alle möglichen Spiele der Kinder statt — Wettläufe, Ball  und Tennisspiele; auch Wettkämpfe unter den Knaben: wer am gewandtesten ist im Reden, Handeln und die rascheste Auffassungsgabe hat. Die Besseren erhalten als Preis einige Lorbeerblätter. Dazu kommen weitere Übungen, die in den Knaben ihre schlum­mernden Fähigkeiten wecken sollen.

5.) Ferner finden außerhalb der Stadt Theater Auf­führungen statt, bei denen die verschiedenen moralischen Tugenden und Vorzüge des Lebens dargestellt werden, deren abgestufte Qualitäten durch Schauspieler im richtigen Ver­hältnis angedeutet werden." Einer von den zehn Gästen fragte hier: "Was heißt das: sie deuten abgestufte Qualitä­ten an?" Ihm wurde erwidert: "Keine Tugend läßt sich in ihrer vollen Würde und Schönheit lebendig darstellen, es sei denn durch einen Vergleich zwischen dem Höchsten und dem Niedrigsten. Die Schauspieler stellen deren Niedrigstes bis zu dem Punkt dar, wo es ganz und gar zu Nichts wird. Es ist jedoch gesetzlich verboten, etwas völlig Entgegengesetztes, d.h. Unedles und Gemeines darzustellen, außer wenn es ganz verblümt und gleichsam nur in entfernter Andeutung geschieht. Dieses Verbot wurde erlassen, weil Edles und Gutes irgendeiner Tugend nie allmählich in Unedles und Schlechtes umschlägt, sondern nur herabsinkt bis zu seiner untersten Stufe, wo es sich verliert. Erst, wenn es sich verlo­ren hat, fängt das Gegenteil an. Daher hat der Himmel, wo alles edel und gut ist, nichts gemein mit der Hölle, wo alles unedel und böse ist."

*18. Unterdessen kam ein Diener und meldete, auf Be­fehl des Fürsten seien acht Weise da und bäten um Einlaß. Daraufhin ging der Engel hinaus, empfing sie und führte sie ins Haus. Sobald man nach Sitte und Anstand Bekanntschaft miteinander geschlossen hatte, sprachen die Weisen mit ihnen zuerst über die Anfänge und das Wachstum der Weis­heit. Dabei erwähnten sie Verschiedenes über deren Verlauf und bemerkten, daß die Weisheit der Engel keine Grenze habe oder aufhöre, sondern vielmehr in Ewigkeit wachse und vermehrt werde. Hierauf sagte der Engel der Zehn zu den Wei­sen: "Unser Fürst hat mit diesen Männern bei Tisch über den Sitz der Weisheit gesprochen, daß er nämlich in der Nutzwir­kung liege. Sprecht doch bitte auch darüber mit ihnen." Wo­rauf sie antworteten: "Der zuerst erschaffene Mensch wurde mit Weisheit und mit der Liebe zu ihr ausgestattet, nicht um seiner selbst willen, sondern um sie von sich aus wiederum anderen mitzuteilen. Die Weisheit der Weisen setzt voraus, daß niemand nur für sich allein weise sein und leben soll, sondern zugleich für die anderen. So wird die Gesellschaft erhalten, die anders gar nicht bestehen könnte. Für andere leben, heißt Nutzen schaffen. Nutzwirkungen sind die Bande der Gesellschaft, und es gibt ebensoviele Gesellschaften wie Nutzwirkungen; sie aber sind unzählig. Es gibt geistige Nutz­wirkungen, d.h. Nutzwirkungen aus Liebe zu Gott und zum Nächsten; dann sittliche und staatsbürgerliche Nutzwirkun­gen, die aus der Liebe zur Gesellschaft und zum Staat ent­springen, denen der Mensch angehört; des weiteren gibt es natürliche, auf der Liebe zur Welt und deren Erfordernissen beruhende Nutzwirkungen, und endlich gibt es auch kör­perliche Nutzwirkungen, die der Liebe zur Selbsterhaltung um höherer Nutzwirkungen willen dienen. Sie alle sind dem Menschen eingeboren und folgen einander der Reihe nach. Sind sie aber beisammen, so liegt eine in der anderen ver­borgen. Wer in den ersten, nämlich in den geistigen Nutz­wirkungen lebt, der ist auch in den folgenden und gehört zu den Weisen. Wer nicht zur ersten, wohl aber zur zweiten Ka­tegorie von Nutzwirkungen neigt und damit auch zu den nachfolgenden, ist kein eigentlicher Weiser, sondern er­scheint nur so infolge seiner äußeren Sittlichkeit und Höf­lichkeit. Wer aber weder zur ersten noch zur zweiten Kate­gorie von Nutzwirkungen neigt, sondern nur zur dritten und vierten, ist alles andere als ein Weiser; er gehört vielmehr zu den Satanen, liebt er doch allein die Welt und sich selbst um der Welt willen. Und wer nur die vierte Kategorie von Nutz­wirkungen vertritt, ist von allen am wenigsten weise, er ist ein Teufel, weil er für sich allein lebt und für andere einzig um seiner selbst willen. Zudem ist mit jeder Liebe ihr eige­ner Lustreiz verbunden, durch den ja die Liebe lebt. Der Lust­reiz der Liebe zu nützlichem Wirken aber ist himmlischer Art, und er dringt der Reihe nach in die nachfolgenden Lustreize ein, erhöht sie ihrem Rang nach und verleiht ihnen Ewig­keitswert." Hernach zählten die Weisen alle himmlischen Wonnen auf, die aus der Liebe zu den Nutzwirkungen her­vorgehen und sagten, es gäbe Myriaden und Abermyriaden davon, und wer in den Himmel eintrete, trete auch in sie ein.

Mit solchen weisheitsvollen Gesprächen über die Liebe zu Nutzwirkungen verbrachten sie den Tag bis zum Abend.

*19. Gegen Abend erschien dann ein Läufer, in Leinwand gekleidet, bei den zehn Fremdlingen unter der Führung des Engels und lud sie zu einer Hochzeit ein, die am folgenden Tag gefeiert werden sollte. Sie waren hocherfreut, auch eine himmlische Hochzeit erleben zu dürfen. Anschließend wur­den sie zu einem der Geheimräte geführt, um mit ihm zu spei­sen. Nach der Abendmahlzeit kehrten sie zurück, verabschie­deten sich voneinander und schliefen in ihren Gemächern bis zum Morgen. Beim Erwachen hörten sie den Gesang der Jungfrauen und Mädchen aus den Häusern um den erwähn­ten öffentlichen Platz. Der Gesang handelte vom Gefühl der ehelichen Liebe. Von seiner Lieblichkeit tief ergriffen und er­regt, empfanden sie das selige Entzücken, das den Wonnen dieses Gefühls innewohnt, sie vermehrt und erneuert. Als die Zeit gekommen war, sprach der Engel: "Macht euch fertig und legt die Gewänder des Himmels an, die euch unser Fürst ge­sandt hat." Als sie es taten, siehe, da erglänzten die Kleider wie von flammendem Licht. Der Engel, nach dem Grund befragt, antwortete: "Weil ihr im Begriff steht, zu einer Hochzeit zu gehen. Bei uns erglänzen dann immer die Kleider und wer­den hochzeitlich."

*20. Nun führte sie der Engel zum Hochzeitshaus, der Pförtner öffnete ihnen die Türe, und gleich an der Schwelle empfing und begrüßte sie ein Engel im Auftrag des Bräuti­gams. Sie wurden hineingeführt und zu ihren Plätzen gelei­tet. Bald darauf bat man sie ins Vorzimmer des Brautgemachs. Dort erblickten sie in der Mitte einen Tisch, auf dem ein präch­tiger Armleuchter mit sieben goldenen Kerzenhaltern stand. An den Wänden hingen silberne Leuchter, die angezündet, die Atmosphäre gleichsam vergoldeten. An beiden Seiten des Armleuchters sahen sie zwei Tische, belegt mit drei Reihen von Broten, und in den Ecken vier weitere Tische mit kristal­lenen Bechern. Während sie dies alles noch betrachteten, siehe, da öffnete sich die Tür neben dem Brautgemach, und sechs Jungfrauen traten heraus, hinter ihnen Bräutigam und Braut, die sich bei den Händen hielten. Sie begaben sich zu einem Thronsessel, dem Armleuchter gegenüber, und ließen sich darauf nieder, der Bräutigam zur Linken und die Braut zu seiner Rechten. Die sechs Jungfrauen stellten sich seitlich des Thronsessels neben der Braut auf. Der Bräutigam trug einen Mantel von leuchtendem Purpur und ein Untergewand von glänzendem Byssus mit einem kurzen Leibrock, auf dem sich ein goldenes, ringsum mit Diamanten besetztes Brust­schild (ephodus) zeigte. Auf dem Brustschild war, als Hoch­zeits Auszeichnung dieser himmlischen Gesellschaft, ein jun­ger Adler eingegraben. Der Bräutigam trug einen Kopfbund, die Braut einen Scharlachmantel, darunter ein besticktes Kleid, das vom Hals bis zu den Füßen reichte, unter der Brust einen goldenen Gürtel und auf dem Haupt eine goldene Krone, mit Rubinen besetzt. Als sie saßen, wandte sich der Bräutigam zu seiner Braut und steckte ihr einen goldenen Ring an den Finger. Dann nahm er Armspangen und ein Halsge­schmeide, beide aus Perlen, befestigte die Armspangen ober­halb ihrer Handgelenke und legte das Geschmeide um ihren Hals, wobei er sagte: "Nimm hin diese Pfänder!" Dann küßte er sie und sagte: "Nun bist du mein!" und nannte sie seine Gattin. Die Gäste aber riefen, zuerst jeder einzeln und dann alle zusammen: "Segen über euch!" Auch ein Vertreter des Fürsten rief es ihnen an seiner Stelle zu. In diesem Augenblick füllte sich der Hochzeitssaal mit einem aromatischen Duft, ­ein Zeichen himmlischen Segens. Danach nahmen die Diener die Brote von den beiden Tischen neben dem Armleuchter und die jetzt mit Wein gefüllten Becher von den Tischen in den Ecken und reichten sie den Geladenen, die nun aßen und tranken. Dann erhoben sich Gatte und Gattin, und die sechs Jungfrauen, die ihre silbernen Lampen angezündet hatten, folgten ihnen bis zur Schwelle. Die Gatten aber betraten das Hochzeitsgemach, dessen Türe verschlossen ward.

*21. Alsdann sprach der führende Engel mit den Gästen über seine zehn Begleiter: "Ich habe sie auf Befehl hier ein­geführt und ihnen den fürstlichen Palast mit seinen Herr­lichkeiten und Wundern gezeigt. Sie haben auch mit dem Fürsten gespeist und sich dann mit unseren Weisen unter­halten. Meine Bitte ist nun, daß ihr ihnen erlaubt, auch mit euch ein Gespräch anzuknüpfen." Daraufhin traten sie näher und begannen miteinander zu sprechen. Einer der Weisen von den Hochzeitsgästen fragte: "Versteht ihr auch, was das alles zu bedeuten hatte, was ihr gesehen habt? "Nur wenig" sagten sie und fragten, warum der Bräutigam auf solche Art gekleidet gewesen sei. Die Antwort lautete: "Weil er den Herrn repräsentierte, die Braut aber die Kirche. Die Hoch­zeiten im Himmel bilden nämlich die Ehe des Herrn mit der Kirche vor. Darum trug er gleich Aaron auf seinem Haupt einen Kopfbund und war mit Mantel, Untergewand und einem kurzen Leibrock bekleidet, während die Braut auf ihrem Haupt eine Krone trug und wie eine Königin mit einem Mantelkleid angetan war. Morgen werden sie anders beklei­det sein, weil diese Vorbildung nur für heute besteht." Sie fragten weiter: "Wenn er den Herrn vorbildete, sie aber die Kirche, warum saß sie dann zu seiner Rechten?" Der Weise antwortete: "Weil die Ehe zwischen dem Herrn und der Kirche ein Zweifaches vorbildet, nämlich die Liebe und die Weisheit. Der Herr ist die Liebe und die Kirche die Weisheit. Die Weisheit aber ist zur Rechten der Liebe. Denn der Mensch der Kirche ist wie aus sich weise, und seiner Weisheit gemäß nimmt er vom Herrn Liebe auf. Die Rechte bezeich­net auch die Macht, und Macht hat die Liebe durch die Weis­heit. Doch, wie gesagt, nach der Hochzeit ändert sich die Vorbildung, weil dann der Mann die Weisheit und die Frau die Liebe zu seiner Weisheit vorbildet. Dabei handelt es sich jedoch nicht um die erste, sondern um die zweite Liebe, die vom Herrn her bei der Frau ist durch die Weisheit des Man­nes. Die Liebe des Herrn, die erste Liebe, ist beim Mann die Liebe weise zu sein. Daher bilden nach der Hochzeit beide zusammen, Mann und Frau, die Kirche vor." Ihre nächste Frage lautete: "Warum standet ihr Männer nicht ebenso an der Seite des Bräutigams, wie die sechs Jungfrauen an der Seite der Braut?" Der Weise antwortete: "Weil wir heute ebenfalls zu den Jungfrauen gerechnet werden, die Zahl sechs aber soviel bedeutet wie vollzählig oder alle." Als sie den Grund wissen wollten, antwortete er: "Die Jungfrauen bedeuten die Kirche, diese aber besteht aus beiden Ge­schlechtern, und so sind auch wir in bezug auf die Kirche Jungfrauen. Das ergibt sich auch aus den folgenden Stellen der Offenbarung: ,Diese sind es, die sich nicht mit Weibern befleckt haben, sondern sind Jungfrauen und folgen dem Lamme, wohin es geht' (Offb 14, 4). Weil die Jungfrauen die Kirche bezeichnen, hat der Herr sie verglichen mit zehn Jungfrauen, die zur Hochzeit geladen waren (Mat 24, 1 ff.). Und weil Israel, Zion und Jerusalem die Kirche vorbilden, darum liest man so oft im Wort von der Jungfrau und Toch­ter Israels, Zions und Jerusalems. Auch schildert der Herr seine Ehe mit der Kirche im Psalm Davids mit den Worten: ,Die Königin zu deiner Rechten in köstlichem Gold von Ophir; goldgewirkt ist ihr Gewand, in besticktem Gewand wird sie zum König geführt werden, Jungfrauen in ihrem Ge­folge, ihre Freundinnen, werden in den Palast des Königs kommen' (45, 10 16)."

Auf die Frage, ob es denn nicht Sitte sei, daß ein Priester zugezogen werde und sein Amt verrichte, antwortete der Weise: "Auf Erden ist das angemessen, aber nicht in den Him­meln, und zwar wegen der Vorbildung des Herrn selbst und der Kirche. Auf Erden weiß man das nicht. Bei uns aber amtet ein Priester bei den Verlöbnissen (desponsationes). Er ver­nimmt das Gelöbnis (consensus), bekräftigt und weiht es. Das Gelöbnis ist nämlich das Wesentliche der Ehe, alles weitere sind Förmlichkeiten."

*22. Hierauf trat der Führerengel zu den sechs Jung­frauen, erzählte auch ihnen von seinen Begleitern und bat darum, sie ihres Gesprächs zu würdigen. Sie wandten sich ihnen zu, doch als sie nahe herangekommen waren, wichen sie plötzlich zurück und gingen ins Frauengemach, um sich zu den anderen Jungfrauen, ihren Freundinnen, zu gesel­len. Als der führende Engel dies sah, folgte er ihnen und fragte nach dem Grund ihres plötzlichen Entweichens. Sie antworteten: "Wir konnten uns ihnen nicht nähern", und auf die Frage nach dem Warum: "Wir wissen es nicht, empfan­den aber etwas, das uns abstieß und zurückscheuchte. Sie mögen verzeihen!" Der Engel kehrte zu seinen Begleitern zurück und überbrachte ihnen die Antwort, wobei er be­merkte: "Ich vermute, daß eure Geschlechtsliebe nicht keusch ist. Im Himmel lieben wir die Jungfrauen wegen ihrer Schönheit und sittlichen Anmut, ja wir lieben sie sogar sehr, aber auf keusche Weise" Darüber lachten seine Begleiter und sagten: "Deine Vermutung stimmt; denn wer kann solche Schönheiten von der Nähe sehen, ohne dabei eine gewisse Begierde zu empfinden?"

*23. Nach diesem Festmahl entfernten sich alle Hoch­zeitsgäste, auch die zehn Männer mit ihrem Engel. Es war spät am Abend, und man ging zur Ruhe. In der Morgen­dämmerung hörten sie den Ruf: "Heute ist Sabbat!" Sie er­hoben sich und fragten den Engel, was das zu bedeuten hätte. "Dies gilt dem Gottesdienst", erwiderte er, der zu fest­gesetzten Zeiten wiederkehrt und von den Priestern an­gekündigt wird. Er findet in unseren Tempeln statt und dau­ert ungefähr zwei Stunden. Wenn ihr wollt, kommt mit mir, und ich werde euch einführen." Sie machten sich fertig und begleiteten den Engel. Und siehe, der Tempel, den sie be­traten, war so groß, daß er bei dreitausend Menschen faßte. Er war halbkreisförmig angelegt, die Sitzbänke waren fort­laufend in der Rundung des Tempels angebracht, aber die hinteren Bänke über die vorderen erhöht. Die Kanzel befand sich den Sitzreihen gegenüber, etwas hinter dem Mittel­punkt, die Türe links hinter der Kanzel. Der Engel wies den zehn Fremden Plätze an und sprach: "Jeder, der diesen Tem­pel betritt, kennt seinen Platz. Er kennt ihn aus einem ihm eingepflanzten Gefühl und kann nicht woanders sitzen. Ver­sucht er es trotzdem, so hört und begreift er nichts und stört zugleich die Ordnung. Als Folge dieser Störung versagt beim Priester die Inspiration."

*24. Nachdem die Gemeinde versammelt war, betrat der Priester die Kanzel und hielt eine Predigt voller Weisheit. Sie handelte von der Heiligkeit der heiligen Schrift und der Ver­bindung des Herrn mit beiden Welten, der geistigen und der natürlichen, durch die Schrift. In seinem Zustand der Er­leuchtung bewies er vollständig und auf überzeugende Weise, daß jenes heilige Buch vom Herrn Jehovah eingegeben wurde, weshalb er selbst als die Weisheit darin zugegen ist. Diese Weisheit, die er selbst im Wort ist, sei jedoch unter dem Buch­stabensinn verborgen und werde nur denen eröffnet, die in den Wahrheiten der Lehre und zugleich im Guten des Lebens sind, mit anderen Worten, die im Herrn seien, und der Herr in ihnen. Er beschloß die Predigt mit einem frommen Gebet und stieg dann herab.

Als sich die Zuhörer entfernten, bat der Engel den Prie­ster, er möge doch einige Worte des Friedens zu seinen zehn Gefährten sprechen. So trat er zu ihnen, und sie redeten etwa eine halbe Stunde miteinander. Der Priester sprach über die göttliche Dreieinheit, die in Jesus Christus sei, in dem nach dem Ausspruch des Paulus alle Fülle der Gott­heit leibhaftig wohne (Kol 2, 9), dann über die Einheit von tätiger Liebe und Glauben. Er gebrauchte jedoch die Worte:

Vereinigung der tätigen Liebe und der Wahrheit, weil der Glaube die Wahrheit ist.

*25. Nachdem sie sich bedankt hatten, kehrten sie nach Hause zurück. Hier sprach der Engel zu ihnen: "Heute ist der dritte Tag, seit ihr in die Gesellschaft dieses Himmels aufge­stiegen seid, und um drei Tage hier bleiben zu können seid ihr vom Herrn zubereitet worden. Es ist daher Zeit, daß wir uns trennen; legt die euch vom Fürsten gesandten Kleider ab und bekleidet euch wieder mit euren eigenen Sachen." Als sie die Kleider gewechselt hatten, spürten sie das Verlangen, sich zu entfernen und stiegen in Begleitung des Engels wieder hinab zum Ort der Zusammenkunft. Hier dankten sie dem Herrn dafür, daß er sie gewürdigt habe, sie mit der Kenntnis der himmlischen Freuden und ewigen Seligkeit zu beglücken, um sie besser zu verstehen.

*26. Ich aber versichere nochmals in Wahrheit, daß das hier Berichtete wirklich geschehen ist bzw. gesagt wurde, und zwar das zuerst Geschilderte in der Geisterwelt, die in der Mitte zwischen Himmel und Hölle ist, und das Folgende in der himmlischen Gesellschaft, aus welcher der Engel mit der Trompete, der die Führung hatte, stammte.

Wer in der Christenheit würde wohl etwas gewußt haben vom Himmel, seinen Freuden und seiner Glückseligkeit, deren Kenntnis zugleich das Wissen um das Heil ist, wenn es dem Herrn nicht gefallen hätte, jemandem die geistige Schau auf­zutun, um es ihm zu zeigen und ihn zu belehren? Aus dem, was der Apostel Johannes gesehen und gehört und in der Of­fenbarung beschrieben hat, geht klar hervor, daß es in der gei­stigen Welt dergleichen Dinge gibt. So sah er z.B. des Men­schen Sohn inmitten von sieben Leuchtern, die Stiftshütte, den Tempel, die Bundeslade, den Altar im Himmel, das Buch, das mit sieben Siegeln versiegelt war und geöffnet ward, die daraus hervorgehenden Pferde, die vier Lebewesen rund um den Thron, die 12'000 Auserwählten aus jedem Stamm, die Heuschrecken, die aus dem Abgrund aufstiegen, den Drachen und seinen Kampf mit Michael. Weiter sah er das Weib, das einen ,männlichen Sohn' (filium masculum) gebar und vor dem Drachen in die Wüste floh, die beiden Tiere, von denen eines aus dem Meer und das andere aus der Erde aufstieg. Auch sah er jenes andere Weib, das auf einem scharlachroten Tier saß, samt dem Drachen, der in den Feuer  und Schwe­felpfuhl geworfen wurde, das weiße Pferd und das große Abendmahl, den neuen Himmel und die neue Erde. Dann er­schien ihm das aus dem Himmel herniedersteigende heilige Jerusalem, das er mit seinen Toren, seiner Mauer und deren Grundlagen beschrieb, sodann der Strom des Lebenswassers und die Bäume des Lebens, die jeden Monat ihre Frucht tru­gen   und noch manches andere, was er schaute, als er im Geist in der geistigen Welt und im Himmel war. Ganz zu schweigen von dem, was die Apostel nach der Auferstehung des Herrn gesehen haben und später Petrus (Apg 11) und Pau­lus. Dazu kommen die Propheten, z.B. Ezechiel, der die vier Tiere oder Cherubim sah (Kap 1 und 10), dazu einen neuen Himmel und eine neue Erde sowie einen Engel, der die Maße nahm (Kap 40 bis 48). Er wurde auch im Geist nach Jerusalem geführt, wo er den Greuel sah, wie auch nach Chaldäa in die Gefangenschaft (Kap 8 und 11). Ähnliches geschah mit Sacharja, der einen Mann sah, der zwischen Myrthen einher­ritt (Kap 1, 8 ff), sowie vier Hörner und dann einen Mann, der eine Meßschnur in der Hand hielt (Kap 3, 1 ff), ferner einen Leuchter und zwei Ölbäume (Kap 4, 1 ff), eine fliegende Buch­rolle und ein Epha (Kap 5, 1. 6.), vier Wagen, die zwischen zwei Bergen hervorkamen, samt den Pferden (Kap 6, 1 ff). Daniel sah vier Tiere, die aus dem Meer emporstiegen (Kap 7, 1 ff), Kämpfe zwischen einem Widder und einem Bock (Kap 8, 1 ff), den Engel Gabriel, mit dem er auch viel besprach (Kap 9). Der Schüler des Elias sah, als ihm die Augen aufgetan wur­den, rings um Elias die himmlischen Heerscharen auf ihren Wagen und feurigen Rossen. Aus all diesen und anderen Stel­len des Wortes geht klar hervor, daß die geistige Welt und was in ihr ist, vielen vor und nach der Ankunft des Herrn erschien. Ist es da ein Wunder, daß dasselbe jetzt am Beginn einer neuen Kirche oder beim Herabsteigen des Neuen Jerusalems vom Herrn aus dem Himmel geschieht?

*

DIE EHELICHE LIEBE


Die Ehen im Himmel

*27. Wer annimmt, daß der Mensch nach dem Tode nur eine Seele oder ein Geist sei und sich unter Seele und Geist nur einen dünnen Äther oder Lufthauch vorstellt, kann nicht glauben, daß es in den Himmeln Ehen gibt. Ebenso wenig, wer glaubt, der Mensch werde erst nach dem Tage des Jüng­sten Gerichts als Mensch fortleben und überhaupt, wer nichts weiß von der geistigen Welt mit ihren Geistern und Engeln oder wo Himmel und Hölle sind. Weil nun jene Welt bisher unbekannt war und man gar nicht wußte, daß die Engel des Himmels ebenso wie die Geister der Hölle Menschen sind   er­stere in vollkommener Form, letztere aber in unvollkomme­ner Form  , darum konnte nichts von den dort bestehenden Ehen geoffenbart werden. Man hätte nämlich eingewandt: "Wie kann Seele mit Seele oder Geist mit Geist in der Weise miteinander verbunden werden wie Ehegatten auf Erden?" oder ähnliches. Das hätte ja schon bei der bloßen Erwähnung den Glauben an solche Ehen aufgehoben und zerstört.

Da aber jetzt einiges von jener Welt geoffenbart und auch ihre Beschaffenheit im Werk über Himmel und Hölle sowie im Werk Die enthüllte Offenbarung beschrieben wurde, kann sogar der Vernunft die Wirklichkeit der himmlischen Ehen dargelegt werden. Das soll nun in folgenden Abschnitten geschehen:

Der Mensch lebt nach dem Tode als Mensch.

Der Mann bleibt auch dann Mann und die Frau bleibt Frau.

Jedem bleibt nach dem Tode seine Liebe.

Insbesondere bleibt die Geschlechtsliebe erhalten, und bei denen, die in den Himmel kommen, die also bereits auf Erden geistig werden, die eheliche Liebe.

Dies wurde durch eigene Anschauung vollkommen bestätigt.

Folglich gibt es im Himmel Ehen.

Es handelt sich um geistige Vermählungen, die man unter den Worten des Herrn zu verstehen hat, nach dem Tode würden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen.

Hier der Reihe nach die Erläuterung der einzelnen Punkte:

(1) Der Mensch lebt nach dem Tode als Mensch.

*28. Aus den gleich anzuführenden Gründen wußte in der Welt bisher niemand, daß der Mensch auch nach dem Tode als Mensch lebt. Das gilt erstaunlicherweise auch für die christliche Welt, die das Wort und damit Erleuchtung über das ewige Leben besitzt, lehrt doch der Herr selbst, daß alle Toten auferstehen und Gott nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigen ist, Mat 22, 30 f., Luk 20, 37 f. Dazu kommt, daß der Mensch hinsichtlich der Neigungen und Gedanken seines Gemüts sich mitten unter Engeln und Geistern befindet; sie umgeben ihn auf eine Weise, daß er sterben müßte, wenn er von ihnen ge­trennt würde. Noch erstaunlicher ist, daß man dies nicht weiß, kam und kommt doch jeder Mensch, der seit der Zeit der Schöpfung gestorben ist, nach dem Tode zu den Seinigen oder wurde bzw. wird, wie es im Wort heißt, zu ihnen versammelt.

Der Mensch besitzt zudem ein allgemeines Innewerden in Verbindung mit dem Einfluß des Himmels ins Innere seines Gemüts, aufgrund dessen er in seinem Inneren das Wahre ver­nimmt, ja gleichsam schaut, besonders die Wahrheit, daß der Mensch nach dem Tode lebt   in Seligkeit, wenn er gut, in Un­seligkeit, wenn er böse gelebt hat. Wer dächte anders, sobald er seine Gedanken nur ein wenig über den Körper und das den Sinnen zunächst liegende Denken erhebt? Dies geschieht, wenn er in innerlicher Weise Gott verehrt oder auf seinem Sterbebette liegt und sein Ende erwartet, aber auch wenn er von Verstorbenen und ihrem Schicksal hört.

Ich selbst habe Tausenderlei von ihnen berichtet, bei­spielsweise welches Schicksal den Brüdern, Gatten und Freunden mancher Personen widerfahren ist. Auch habe ich über das jenseitige Los der Engländer, Holländer, der Katho­liken, Juden und Heiden, aber auch Luthers, Calvins und Melanchthons geschrieben. Dabei habe ich noch nie jeman­den einwenden hören: "Wie kann ihnen ein solches Los zu­teil geworden sein, da sie doch, weil das Jüngste Gericht noch gar nicht stattgefunden hat, noch nicht aus ihren Gräbern auf­erstanden sind   sind sie nicht bis dahin bloße Seelen, einem Lufthauch gleich, die irgendwo herumschweben (et in quo­dam pu seu ubi)?" Diesen Einwand habe ich, wie gesagt, noch nie gehört. Hieraus zog ich den Schluß, daß jeder innewird (in se percepiat), nach dem Tode als Mensch weiterzuleben. Welcher Mann, der Frau und Kinder geliebt hat, sagt sich nicht, wenn diese sterben oder gestorben sind, und er gelöst vom Sinnlich Körperlichen darüber nachdenkt: "Sie sind in Gottes Hand, und nach meinem Tode werde ich sie wieder­sehen und wiederum ein Leben der Liebe und Freude mit ihnen anknüpfen."

29. Wer könnte nicht, wenn er nur will und vernünftig nachdenkt, einsehen, daß der Mensch nach seinem Tode kei­neswegs bloß ein Geist ist, den man sich nur als Windhauch oder etwas Luft  oder Ätherartiges vorstellen kann. Sollte darin eine menschliche Seele sein und sehnsuchtsvoll auf die Wie­dervereinigung mit ihrem Körper harren, um wieder in den Genuß der Sinne mit ihren Freuden zu gelangen, wie zuvor in der Welt? Verhielte es sich mit dem Menschen nach dem Tode so, dann wäre sein Zustand — wer wollte das nicht ein­sehen? — niedriger als der der Fische, Vögel und Landtiere, deren Seelen nicht fortleben und daher nicht in solcher Angst, Sehnsucht und Erwartung schweben. Wäre der Mensch nach seinem Tode ein solcher Geist, also bloß ein Hauch, würde er entweder im Weltall umherschweben, bzw. nach einer ande­ren Überlieferung in einem Irgendwo (pu) oder auch zusam­men mit den Vätern im "Limbus" (wörtlich Saum) aufbewahrt werden bis zum Jüngsten Ge­richt. Und daraus müßte dann weiter geschlossen werden, daß auch die Menschen vom Anfang der Schöpfung, also seit 6'000 Jahren, noch immer in demselben angstvollen Zustand zu verharren haben, ja in einem immer angstvolleren, weil jede sehnsüchtige Erwartung Angst steigert.

Jene ersten Men­schen müßten also entweder noch immer im Weltall umher­schweben oder in jenem "Irgendwo" eingeschlossen sein, sich mithin im äußersten Elend befinden. Diese Überlegungen gel­ten ebenso für Adam und sein Weib wie für Abraham, Isaak und Jakob und alle übrigen seit jenen Zeiten.

Hieraus folgt, daß nichts beklagenswerter wäre, denn als Mensch geboren zu werden. Vom Herrn, der da ist Jehovah von Ewigkeit und der Schöpfer des Weltalls, ist aber gerade das Gegenteil vorgesehen worden: Der Zustand des Men­schen, der sich mit Ihm durch ein Leben nach seinen Geboten verbindet, wird nach dem Tode seliger und glücklicher als zuvor in der Welt, weil nämlich der Mensch dann geistig ist und der geistige Mensch geistige Beglückung fühlt und inne­wird, welche die natürliche weit übertrifft.

*30. Engel und Geister sind Menschen. Das zeigt sich deutlich an ihren Erscheinungen vor Abraham, Gideon, Da­niel und den Propheten, besonders aber vor Johannes, als er die Offenbarung niederschrieb. Auch vor den Frauen am Grab des Herrn zeigte es sich, und daran, daß der Herr selbst nach seiner Auferstehung den Jüngern erschienen ist. Sie wurden aber gesehen, weil den betreffenden Menschen dann die Augen ihres Geistes aufgetan waren. Wenn das der Fall ist, erscheinen die Engel in ihrer menschlichen Gestalt. Bleiben aber die geistigen Augen verschlossen, d.h. sind sie verhüllt durch das Organ der materiellen Augen, dann erscheinen die Engel nicht.

*31. Man muß aber wissen, daß der Mensch nach dem Tod kein natürlicher, sondern ein geistiger Mensch ist, obgleich er sich selbst vollkommen erscheint wie zuvor; es kommt ihm vor, als lebe er noch in der natürlichen Welt, hat er doch einen ganz ähnlichen Leib, ähnliche Gesichtsform, ähnliche Spra­che und ähnliche Sinne, weil ähnliche Neigungen und Ge­danken bzw. einen ähnlichen Willen und Verstand. Tatsäch­lich ist er jedoch nicht der gleiche, weil er nun ein geistiger, d.h. ein innerer Mensch ist. Aber er sieht den Unterschied nicht, weil er seinen Zustand nicht mehr mit dem vorigen natürli­chen Zustand vergleichen kann, den er abgelegt hat, während er sich nun in dem neuen Zustand befindet. Daher habe ich sie oft sagen hören, sie wüßten nur, daß sie noch in der vori­gen Welt lebten, freilich mit dem Unterschied, daß sie die dort Zurückgelassenen nicht mehr sähen, stattdessen die Abge­schiedenen bzw. Verstorbenen. Sie können aber diese sehen und die anderen nicht, weil diese keine natürlichen, sondern geistige oder substantielle Menschen sind und der geistige oder substantielle Mensch den geistigen oder substantiellen Menschen sieht, so wie der natürliche oder materielle Mensch den natürlichen oder materiellen Menschen sieht, nicht aber umgekehrt. Das liegt an dem Unterschied zwi­schen dem Substantiellen und dem Materiellen, einem Un­terschied wie zwischen dem Früheren und dem Späteren. Denn das Frühere kann, weil es in sich reiner ist, dem Spä­teren, das an sich gröber ist, nicht erscheinen. Umgekehrt kann aber auch das Spätere, eben weil es gröber ist, dem Früheren nicht erscheinen, weil dies reiner ist. Daher kön­nen im allgemeinen weder die Engel dem irdischen Men­schen noch dieser den Engeln erscheinen.

Der Mensch ist nach dem Tode deshalb ein geistiger oder substantieller Mensch, weil dieser inwendig in seinem natür­lichen oder materiellen Menschen verborgen lag, der ihm als Kleid oder Hülle diente. Sobald er sie jedoch ablegt, tritt jener geistige oder substantielle Mensch hervor, d.h. jener frühere, innerlichere und vollkommenere. Daß der geistige Mensch aber immer noch ein vollständiger Mensch ist, obgleich das dem natürlichen Menschen nicht so zu sein scheint, zeigte sich deutlich am Herrn, als er nach seiner Auferstehung von den Aposteln gesehen wurde. Bald erschien er ihnen, dann wieder nicht, und doch war er, ob sie ihn nun sahen oder nicht, ein mit sich identischer Mensch. Auch sagten sie, daß ihre Augen, als sie ihn sahen, aufgetan worden seien.

(2) Der Mann bleibt auch dann noch Mann und die Frau Frau.

*32. Weil der Mensch nach dem Tode als Mensch fort­lebt und männlich oder weiblich ist, lebt der Mann nach dem Tode als Mann und die Frau als Frau fort, beide als geistige Menschen. Denn Männliches und Weibliches ist derart ver­schieden, daß keins ins andere verändert werden kann.1

1) Anm. d.Ü.'s: Nach der heute sehr populären Ansicht C.G. Jungs hat der Mann Weibliches und die Frau Männliches als Anima bzw. Animus in sich. Man vgl. damit den folgenden Eintrag im "Geisti­gen Tagebuch" Swedenborgs: "Ich sprach mit Engeln über die ehe­liche Liebe, bzw. die Liebe zwischen einander liebenden Gatten. Sie sagten mir, daß diese die innerste aller Liebesarten sei, derart, daß ein Gatte den anderen in seinem inneren und äußeren Gemüt sieht, einer also den anderen in sich hat. Das heißt, das Bild, ja die Ähn­lichkeit des Mannes ist im Gemüt der Frau und das Bild, ja die Ähn­lichkeit der Frau ist im Gemüt des Mannes, so daß eines das andere in sich selbst sieht und sie in ihrem Innersten beisammen wohnen. Dies wurde mir durch Ideen dargestellt, wie sie nur die Engel haben können und sich nicht in Worten aussprechen lassen." Jung hat nach seinen eigenen Aussagen sieben Bände Swedenborgs gelesen, doch ist es höchst unwahrscheinlich, daß dazu das "Geistige Tage­buch" gehörte. Immerhin ist diese Parallelität bemerkenswert.

Da man aber noch nicht weiß, worin im Wesentlichen das Männ­liche und das Weibliche bestehen, soll es hier kurz erklärt wer­den. Der wesentliche Unterschied besteht darin, daß das In­nerste im Männlichen die Liebe ist, die Weisheit bildet die Hülle; anders ausgedrückt, daß es die mit der Weisheit um­hüllte Liebe ist. Das Innerste der Frau ist aber jene Weisheit des Männlichen und die Hülle die daraus stammende Liebe. Diese Liebe aber ist die weibliche Liebe und wird der Gattin durch die Weisheit des Gatten vermittelt (datur). Die frühere Liebe aber ist die männliche Liebe, die Liebe weise zu sein; sie wird dem Gatten vom Herrn übertragen gemäß seiner Aufnahme der Weisheit. Daher ist der Mann die Weisheit der Liebe und die Frau die Liebe dieser Weisheit. Von der Schöpfung her ist deshalb beiden die Liebe zur Vereinigung eingepflanzt. Doch darüber soll später mehr gesagt werden. Folgendes im Buch der Schöpfung bestätigt, daß das Weibliche aus dem Männ­lichen bzw. die Frau aus dem Manne genommen wurde:

„Jehovah Gott nahm eine von den Rippen des Mannes und schloß die Stelle zu mit Fleisch und baute die Rippe, die er vom Menschen genommen, zu einem Weibe, und er führte sie zum Menschen und der Mensch sprach: Diese ist Gebein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleisch. Daher soll sie Ischah, (Männin,) heißen weil sie vom Manne genommen ist.“ (Gen 2, 21 23)

An anderer Stelle soll erklärt werden, was Rippe und Fleisch bedeuten.

*33. Auf dieser ursprünglichen Gestaltung beruht, daß der Mann geboren wird mit vorherrschendem Verstand, die Frau mit vorherrschendem Willen oder — was auf dasselbe hinaus­läuft — daß der Mann mit der Neigung zum Wissen, zur Ein­sicht und Weisheit, die Frau aber mit der Liebe, sich jener Nei­gung im Manne zu verbinden, geboren wird. Und da das In­nere sich auch das Äußere ähnlich gestaltet, die männliche Form aber die Form des Verstandes und die weibliche die Form der Liebe zu diesem ist, kommt es, daß der Mann eine andere Gestalt, eine andere Stimme und einen anderen Kör­per hat als die Frau. Sein Gesichtsausdruck ist härter, er hat einen rauheren Ton und einen stärkeren Körper, ein bärtiges Kinn, und ganz allgemein eine weniger schöne Form als die Frau, wie sie sich denn auch in Bewegung und Gesittung (ge­stibus et moribus) unterscheiden. Mit einem Wort: Nichts bei ihnen ist gleich, dennoch aber eignet sich alles bis ins ein­zelne zur Verbindung. Beim Manne findet sich das Männliche in allen, selbst den kleinsten Teilen des Körpers, in jeder Vor­stellung seines Denkens, wie auch in jeder Regung seines Ge­fühls. Ebenso ist in der Frau alles weiblich. Das eine kann nicht ins andere verwandelt werden; so ergibt sich, daß der Mann nach dem Tode Mann bleibt und die Frau Frau.

(3) Jedem bleibt nach dem Tode seine Liebe.

*34. Der Mensch weiß, daß es Liebe gibt, er weiß aber nicht, was sie ist. Er weiß, daß es Liebe gibt aufgrund der allgemeinen Rede. Man sagt ja zum Beispiel: Dieser oder jener liebt mich, der König liebt seine Untertanen, und diese wiederum lieben den König; der Gatte liebt seine Gattin, die Mutter ihre Kinder und umgekehrt; ein Mensch liebt sein Vaterland, seine Mitbürger und seinen Nächsten. Dasselbe sagt man auch, wenn es sich nicht um Personen handelt, z.B. man liebe dieses oder jenes.

Doch obgleich der Ausdruck 'Liebe' so oft vorkommt, weiß doch kaum jemand, was Liebe wirklich ist.

Weil man sich keine rechte Vorstellung von ihr machen kann, meint man, sie sei nichts Reales bzw. nur etwas, das auf­grund von Sinneseindrücken oder aus dem menschlichen Umgang entstehe und anrege. Man weiß ganz und gar nicht, daß sie das eigentliche Leben des Menschen ist — nicht allein das gemeinsame Leben des gesamten Körpers und aller Ge­danken, sondern auch das Leben aller damit zusammenhän­genden Einzelheiten.

Der Einsichtige erkennt dies, sobald man ihn fragt: 'Was kannst du noch denken und tun, wenn du deine Neigung, die aus der Liebe kommt, verlierst? Erkaltet bzw. erwärmt nicht mit der Neigung zugleich auch Denken, Reden und Handeln?' Die Liebe ist daher die Lebenswärme des Menschen; Wärme und Röte seines Blutes beruhen darauf. Bewirkt aber wird all dies von dem Feuer der Engel Sonne, die lautere Liebe ist.

*35. Die Tatsache, daß jeder Mensch seine Art von Liebe besitzt, verschieden von der Liebe jedes anderen, d.h. daß kein Mensch die gleiche Liebe hat wie ein anderer, läßt sich schon aus der unendlichen Mannigfaltigkeit der Gesichter erken­nen. Das Antlitz ist ein Entsprechungsbild der Liebe, weiß man doch, daß sich die Gesichtszüge verändern und wechseln je nach deren Neigungen. Auch die Wünsche, die sich aus der Liebe ergeben, sowie deren Freuden und Leiden leuchten ja im Antlitz auf. Daraus ergibt sich, daß der Mensch seine Liebe, ja die Gestalt seiner Liebe ist. Man muß aber wissen, daß nur der innere Mensch, der identisch ist mit seinem Geist und nach dem Tode fortlebt, die Gestalt seiner Liebe ist. Der äußere Mensch in der Welt ist das nicht im selben Maß, weil er von Kindheit an gelernt hat, die Wünsche seiner Liebe zu verber­gen, ja sogar andere zu heucheln und vorzuschützen als er wirklich hat.

*36. Einem jeden bleibt nach dem Tode seine eigene Liebe, weil eben die Liebe das Leben des Menschen ist, wie oben #34 gezeigt wurde, sie also der Mensch selbst ist. Der Mensch ist auch sein Denken und somit seine Einsicht und Weisheit.

Diese aber bilden eine Einheit mit seiner Liebe, weil der Mensch aus seiner Liebe und in Übereinstimmung mit ihr denkt. Ja, wenn er sich frei fühlt, spricht und handelt er auch in Übereinstimmung mit seiner Liebe. Daran kann man sehen, daß die Liebe das Sein oder Wesen des Lebens im Men­schen darstellt, das Denken aber das Dasein oder die Existenz seines Lebens. Sprache und Handlung, die aus dem Denken hervorgehen, stammen daher eigentlich nicht aus dem Den­ken, sondern aus der Liebe mit Hilfe des Denkens. Vielfältige Erfahrungen ließen mich erkennen, daß der Mensch nach dem Tode nicht identisch ist mit seinem Denken, sondern mit seiner Neigung, der das Denken entstammt, bzw. daß der Mensch identisch ist mit seiner Liebe, der seine Einsicht ent­springt. Ferner [durfte ich so erkennen] daß der Mensch nach dem Tode alles ablegt, was nicht mit seiner Liebe überein­stimmt, dafür aber allmählich das Antlitz, den Ton, die Rede­weise, Gebärden und die Gesittung der sein Leben bestim­menden Liebe annimmt. Darum ist der ganze Himmel ge­ordnet nach allen Mannigfaltigkeiten der Neigungen der Liebe zum Guten, die gesamte Hölle aber nach allen Neigungen der Liebe zum Bösen.

(4) Insbesondere bleibt die Geschlechtsliebe erhalten, und bei denen, die in den Himmel kommen, die also bereits auf Erden geistig werden, die eheliche Liebe.

*37. Die Ge­schlechtsliebe bleibt dem Menschen nach dem Tode erhalten, weil auch dann der Mann ein Mann und die Frau eine Frau ist. Das Männliche im Manne ist aber insgesamt wie in allen Teilen männlich, ebenso wie das Weibliche in der Frau weib­lich, und dient zur Verbindung im einzelnen wie im allerein­zelnsten. Da ihnen dieses Verbindende (conjunctivum) schon von der Schöpfung her eingepflanzt, also etwas Bleibendes ist, folgt daraus, daß eins nach Verbindung mit dem anderen verlangt und strebt.

Die Liebe ist an sich betrachtet nichts als der Wunsch und darum das Streben nach Verbindung. Die eheliche Liebe aber ist das Streben zur Verbindung in eine Einheit, sind doch Mann und Frau so geschaffen, daß aus zwei Menschen gleichsam Ein Mensch, ein Fleisch, werden kann. Werden sie wirk­lich eins, so sind sie zusammen Ein Mensch in seiner Ganz­heit. Ohne diese Verbindung aber sind sie zwei, jedes von ihnen wie ein geteilter oder halber Mensch. Da nun, wie ge­sagt, dieses Verbindende in allem, was Mann und Frau ausmacht, inwendig verborgen liegt und in alledem die Fähig­keit und das Verlangen nach der Verbindung zur Einheit ent­halten ist, darum bleibt die gegenseitige und wechselseitige Geschlechtsliebe nach dem Tod bei den Menschen erhalten.

*38. Es wurden "Geschlechtsliebe" und "eheliche Liebe" genannt, weil die Geschlechtsliebe etwas anderes ist als die eheliche Liebe. Erstere findet sich beim natürlichen Men­schen, letztere beim geistigen. Der natürliche Mensch liebt und begehrt nur äußerliche Verbindungen mit ihren körper­lichen Freuden; der geistige Mensch hingegen liebt und be­gehrt eine innere Verbindung mit ihren geistigen Wonnen, und er weiß (percipit), daß die nur mit einer einzigen Gattin möglich sind, mit der er fortwährend mehr und mehr vereinigt werden kann. Und je mehr dies geschieht, desto mehr emp­findet er auch, wie seine Wonnen sich im selben Grade stei­gern — und zwar in Ewigkeit fort. Der natürliche Mensch denkt daran nicht. Deshalb wurde gesagt, daß die eheliche Liebe nach dem Tode bei denen erhalten bleibt, die in den Himmel kommen, die also schon auf Erden geistig werden.

(5) Dies wurde durch eigene Anschauung vollkom­men bestätigt.

*39. Bis hierher habe ich diese Tatsachen — nämlich daß der Mensch nach dem Tod als Mensch fortlebt, der Mann auch dann noch als Mann und die Frau als Frau, ferner, daß bei jedem seine Liebe, insbesondere die Geschlechts  und die eheliche Liebe, erhalten bleibt — durch Verstandes  bzw. Ver­nunftgründe erschöpfend dargetan. Nun wird aber dem Men­schen von Kindheit an durch Eltern und Lehrer und später durch Gelehrte und Geistliche der Glaube beigebracht, daß er nach dem Tode erst am Tag des letzten Gerichts — auf den man nun schon seit 6'000 Jahren wartet — als Mensch fortleben werde. Und weil die meisten dies zu den Dingen zählen, die man mit dem Glauben und nicht mit dem Verstand zu fassen habe, so war es notwendig, die obigen Feststellungen auch durch Beweise, die auf eigener Anschauung beruhen, zu be­stätigen. Sonst würde nämlich der Mensch, der nur seinen Sinnen glaubt, seinem eingeprägten Glauben gemäß sagen: "Lebten die Menschen nach ihrem Tode als Menschen fort, so würde ich sie sehen und hören" oder: "Wer ist vom Himmel herab  oder von der Hölle heraufgestiegen und hat derarti­ges verkündet?"

Es war und ist aber nicht möglich, daß ein Engel vom Himmel herab  oder ein Geist der Hölle heraufsteigt, um mit irgendeinem Menschen zu reden, außer mit dem Geist von Menschen, deren innere Gemütsregionen der Herr aufgetan hat. Das kann aber nur bei denen vollständig geschehen, die der Herr zur Aufnahme geistiger Wahrheit zubereitet hat. Und so hat es dem Herrn gefallen, dies bei mir zu tun, damit der Zu­stand von Himmel und Hölle und des nachtödlichen Lebens der Menschen nicht weiterhin unbekannt bleiben, durch Un­wissenheit vergessen und endlich durch Leugnung begraben werden möge.

Die Beweise aufgrund eigener Anschauung für die obigen Behauptungen lassen sich aber ihrer großen Zahl wegen nicht hier anführen, sie sind aber nachzulesen im Werk über Himmel und Hölle und in der Fortsetzung von der geistigen Welt [d.i. die Fortsetzung des kleinen Werkes vom Jüngsten Gericht, d.Ü.] sodann auch in der Enthüllten Offenbarung, vor allem über die Ehen in den Denkwürdigkeiten, die den einzelnen Abschnitten oder Kapiteln dieses Werkes beigefügt sind.

(6) Folglich gibt es Ehen in den Himmeln.

*40. Da dieser Satz bereits durch die Vernunft und zugleich durch Erfahrung bestätigt wurde, bedarf er keines weiteren Beweises.

(7) Es handelt sich um geistige Vermählungen, die man unter den Worten des Herrn zu verstehen hat sie wer­den nach der Auferstehung weder heiraten noch sich hei­raten lassen.

*41. Man liest folgendes bei den Evangelisten:

"Einige Sadduzäer, welche die Auferstehung leugneten, frag­ten Jesus und sprachen: 'Meister, Moses hat geschrieben, wenn ein Bruder, der ein Weib hatte, ohne Nachkommen ge­storben ist, so soll sein Bruder das Weib nehmen, um seinem Bruder Samen zu erwecken. Nun waren sieben Brüder, die einer nach dem anderen dasselbe Weib nahmen; sie alle aber starben ohne Kinder, zuletzt starb auch das Weib. Wessen wird sie nun bei der Auferstehung sein?' Jesus aber antwortete ihnen und sprach: ,Die Kinder dieser Welt freien und lassen sich freien; welche aber gewürdigt erachtet werden, die andere Welt zu erlangen und die Auferstehung von den Toten, die werden weder freien noch sich freien lassen; denn sie können hinfort auch nicht mehr sterben und sind den Engeln gleich und Gottes Söhne, da sie Söhne der Auferstehung sind. Daß aber die Toten auferstehen, hat auch Moses angedeutet bei dem Dornbusch, da er den Herrn nennt den Gott Abrahams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs. Nun ist aber Gott nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigen, denn Ihm leben sie alle'." (Luk 20, 27 38; Mat 22, 22 31; Mark 12, 18 27)

Zweierlei hat der Herr durch diese Worte gelehrt: erstens, daß der Mensch nach dem Tod aufersteht, und zweitens, daß er sich im Himmel nicht verheiratet. Durch die Worte "Gott ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigen", und "Ab­raham, Isaak und Jakob leben" zu denen noch das Gleichnis vom reichen Mann in der Hölle und von Lazarus im Himmel kommt (Luk 16, 22 31), daß der Mensch nach dem Tode auf­ersteht, und durch die Worte "welche als würdig erachtet wer­den, die andere Welt zu erlangen, werden weder freien, noch sich freien lassen, daß man sich im Himmel nicht verheira­tet. Aus den gleich anschließenden Worten: "sie können ja auch nicht mehr sterben, denn sie sind den Engeln gleich und Söhne Gottes, weil Söhne der Auferstehung" ergibt sich klar, daß hier keine anderen als geistige Hochzeiten zu verstehen sind.1

1) Anm. d.Ü's: Jesu Bemerkung: "sie können ja auch nicht mehr sterben" läßt in Verbindung mit dem vorhergehenden Satz "die [Auferstandenen] werden weder freien noch sich freien lassen" den weiteren Schluß zu, daß Ehen zu Arterhaltung in der anderen Welt keine Funktion mehr hätten, nicht daß es überhaupt keine Ehen mehr geben werde.

Als geistige Hochzeit wird die Verbindung mit dem Herrn bezeichnet, und diese geschieht auf Erden, und wenn sie hier geschehen ist, so ist sie auch im Himmel geschehen. Deshalb wird im Himmel weder gefreit noch läßt man sich freien. Dies bedeuten auch die Worte:

"Die Söhne dieser Welt freien und lassen sich freien; welche aber würdig erachtet werden, die andere Welt zu erlangen, freien nicht und lassen sich auch nicht freien."

Diese werden Mat 9, 15 und Mark 2, 19 vom Herrn auch als "Söhne der Hochzeit" [wörtlich: Söhne des Brautgemachs] bezeichnet, hier aber als "den Engeln gleich, als Söhne Got­tes und Söhne der Auferstehung".

Die folgenden Stellen machen deutlich, daß "Hochzeit machen" soviel heißt wie mit dem Herrn verbunden werden, "zur Hochzeit eingehen" aber soviel wie vom Herrn in den Himmel aufgenommen werden. Das zeigen folgende Stellen:

"Das Himmelreich ist gleich einem König, der seinem Sohn die Hochzeitsfeier rüstete. Und er sandte seine Knechte aus ... und lud zur Hochzeit" (Mat 11, 1 14)

"Das Himmelreich ist gleich zehn Jungfrauen ... welche aus­gingen, dem Bräutigam zu begegnen ... und fünf von ihnen, die bereit waren, gingen zur Hochzeit ein" (Mat 25, 1 ff)

Daß der Herr sich selbst unter dem Bräutigam verstand, zeigt deutlich Vers 13, wo es heißt:

"Wachet, denn ihr wißt weder Zeit noch Stunde, wann des Menschen Sohn kommen wird."

Ferner heißt es in der Offenbarung:

"Gekommen ist die Zeit der Hochzeit des Lammes, und sein Weib hat sich bereitet. Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind." (Offb 19,7.9)

In dem Werk "Die Lehre des Neuen Jerusalems über die Hei­lige Schrift" (Amsterdam 1763) ist vollständig bewiesen wor­den, daß in allem, was der Herr gesprochen hat, ein bis ins einzelne reichender geistiger Sinn liegt.



Zwei Denkwürdigkeiten aus der geistigen Welt seien hier angefügt; zunächst die erste:

*42. Eines Morgens blickte ich zum Himmel auf, da sah ich über mir eine Himmelswölbung über der anderen. Und ich bemerkte, wie sich die erste, die am nächsten lag, auftat, bald danach auch die zweite, die schon höher lag, und schließlich auch die dritte und höchste. Von daher kam mir eine Er­leuchtung, und ich nahm wahr, daß über der ersten Him­melswölbung die Engel waren, aus denen der erste oder un­terste Himmel besteht, über der zweiten die, aus denen der zweite oder mittlere Himmel und über der dritten die Engel, aus denen der dritte oder höchste Himmel besteht. Zuerst wunderte ich mich, was das bedeuten sollte. Bald aber ließ sich aus dem Himmel eine Stimme vernehmen, die wie eine Trompete schallte, und rief: "Wir haben gehört und sehen jetzt, daß du über die eheliche Liebe nachdenkst. Es ist uns bekannt, daß bisher niemand auf Erden weiß, was die wahr­haft eheliche Liebe ihrem Ursprung und Wesen nach ist. Und doch ist es wichtig, daß man das weiß. Daher hat es dem Herrn gefallen, dir die Himmel aufzutun, damit ihr Licht dich er­leuchte, ins Innere deines Gemüts einfließe und dir ein Inne­werden verleihe. Bei uns in den Himmeln, besonders im drit­ten, gehen unsere himmlischen Freuden vor allem aus der ehelichen Liebe hervor. Wir erhielten die Erlaubnis, ein Ehe­paar zu dir herabzusenden, damit du es sehen kannst."

Und siehe, nun erschien ein Wagen, der aus dem dritten oder höchsten Himmel herabfuhr und in dem ein Engel zu sehen war. Im Näherkommen aber erkannte man, daß es zwei waren. Der Wagen glänzte von ferne vor meinen Augen wie ein Diamant, ihm waren schneeweiße junge Pferde vorge­spannt. Die Insassen hielten in den Händen zwei Turteltauben und riefen mir zu: "Willst du, daß wir näher kommen? Aber nimm dich in acht, daß nicht der flammende Glanz aus un­serem Himmel, von dem wir herabgekommen sind, tiefer in dich eindringt. Sein Einfluß wird zwar die höheren Vorstel­lungen deines Verstandes, die an sich himmlisch sind, er­leuchten, doch in deiner Welt sind sie unaussprechlich. Nimm deshalb, was du nun hören wirst, in vernünftiger Weise auf und lege es in einer für den menschlichen Verstand faßlichen Weise dar." Darauf antwortete ich: "Ich will mich vorsehen, kommt nur näher!" Das taten sie nun, und siehe, es handelte sich um einen Ehemann und seine Gattin. Sie sprachen: "Wir sind Gatten und haben vom ersten irdischen Weltalter an, das ihr als das goldene bezeichnet, selig im Himmel gelebt. Dabei waren wir stets in demselben blühenden Alter, in dem du uns heute erblickst." Ich betrachtete die beiden, da ich wahrnahm, daß sie die eheliche Liebe darstellten in ihrem Leben und ihrem Schmuck — in ihrem Leben durch ihr Antlitz, in ihrem Schmuck durch ihre Kleider. Denn alle Engel sind Gefühle der Liebe in menschlicher Gestalt. Ihr herrschendes Gefühl leuch­tet aus ihrem Antlitz hervor, und entsprechend diesem Ge­fühl empfangen sie ihre Kleider. Im Himmel sagt man des­halb: "Einen jeden kleidet sein Gefühl."

Der Mann erschien in einem Lebensalter, das die Mitte zwischen Jugend und Mannesalter hielt. Seine Augen schimmerten im Lichtglanz der Weisheit seiner Liebe; von diesem Licht strahlte sein Antlitz wie aus dem Innersten heraus, und durch diese Ausstrahlung schien die Oberfläche seiner Gesichtshaut zu glänzen. Sein ganzes Antlitz war so eine ein­zige schimmernde Schönheit. Angetan war er mit einem Talar, darunter mit einem Gewand von Hyazinthfarbe, umschlossen von einem goldenen Gürtel, besetzt mit drei Edel­steinen — einem Karfunkel in der Mitte, auf dessen Seiten man zwei Saphire erblickte. Die Hosen schimmerten wie glän­zende Leinwand mit eingewobenen Silberfäden. Die Schuhe bestanden ganz aus Seide. Dies war die Form der ehelichen Liebe beim Manne.

Bei der Frau bemerkte ich folgendes: Ihr Antlitz erschien mir, erschien mir aber auch wieder nicht. Es erschien mir wie die Schönheit selbst, erschien mir aber auch wieder nicht, weil diese unaussprechlich ist. Auf ihrem Antlitz lag nämlich ein flammender Lichtglanz, wie er bei den Engeln des dritten Himmels herrscht und blendete mich so, daß ich nur stau­nen konnte. Als sie das sah, sprach sie mich mit den Worten an: "Was siehst du?" Ich antwortete: "Ich sehe nichts als die eheliche Liebe in ihrer Gestalt, doch ich sehe sie und sehe sie auch wieder nicht." Hierauf wandte sie sich seitwärts von ihrem Manne ab, und nun konnte ich sie genauer betrach­ten. Ihre Augen erstrahlten vom Licht ihres Himmels, das, wie gesagt, flammend ist, mithin aus der Liebe zur Weisheit stammt. Die Frauen in jenem Himmel lieben nämlich ihre Männer aus bzw. in deren Weisheit, während die Männer ihre Gattinnen aus bzw. in der Liebe zu ihnen, den Männern, lie­ben, und so werden sie vereinigt. Daher war auch ihre Schön­heit von einer Art, daß sie von keinem Maler nachgeahmt und zur Darstellung gebracht werden kann, hat er doch keine der­art strahlenden Farben; kurz, solche Schönheit läßt sich durch keine Kunst zum Ausdruck bringen. Die Haare der Frau waren wunderschön geordnet und mit eingeflochtenen Blumen­-Diademen versehen und standen so in Entsprechung zu ihrer Schönheit. Sie trug ein Halsband aus Karfunkeln, eine Rosette aus Chrysolith hing daran, ihre Armbänder bestanden aus Per­len. Sie war mit einer scharlachroten Toga bekleidet, unter der sie ein purpurnes Brustgewand trug, vorn von Rubinen zusammengehalten. Worüber ich mich besonders wunderte, war jedoch, daß die Farben wechselten: Je nach dem wie sie auf ihren Gatten blickte, schimmerten sie bald mehr, bald minder. Wenn sie sich anblickten mehr, wenn sie zur Seite blickten weniger.

Nachdem ich das gesehen hatte, sprachen sie wieder mit mir. Sprach der Mann, so sprach er zugleich wie aus seiner Frau, sprach die Frau, so sprach sie zugleich wie aus ihrem Mann. Derart war die Vereinigung ihrer Gemüter, denen die Rede entspringt. Da vernahm ich denn auch den Ton der ehe­lichen Liebe und stellte fest, daß er innerlich ein gleichzeitiger ist (quod intus esset simultaneus) und unschuldiger Freude entspringt. Schließlich erklärten sie: "Wir werden abberufen, wir wollen gehen." Nun erschienen sie mir wie zuvor wieder in ihrem Wagen, mit dem sie auf einer gebahnten Straße zwi­schen Blumengefilden dahinfuhren, auf deren Beeten Öl­bäume und Orangenbäume voller Früchte standen. Als sie in der Nähe ihres Himmels angelangt waren, kamen ihnen Jung­frauen entgegen, um sie zu empfangen und hineinzuführen.

*43. Nach diesem Gesicht erschien mir ein Engel aus jenem Himmel. Er hielt in der Hand ein Pergamentblatt, rollte es zusammen und sprach: "Ich habe gesehen, daß du über die eheliche Liebe nachsinnst. Dieses Pergament enthält Ge­heimnisse der Weisheit, die bisher in der Welt noch nicht ent­hüllt waren, jetzt aber enthüllt werden sollen, weil sie von Wichtigkeit sind. In unserem Himmel sind diese Geheimnisse zahlreicher als in den anderen, weil wir in der Ehe der Liebe und Weisheit leben. Doch sage ich dir im voraus, daß sich nur jemand diese Liebe aneignen wird, der vom Herrn in die Neue Kirche aufgenommen wird, die das Neue Jerusalem ist." Bei diesen Worten ließ der Engel das zusammengerollte Perga­ment herabfallen. Es wurde von einem Engelgeist aufgefangen und auf einen Tisch in einem Zimmer gelegt, das er sogleich abschloß. Er reichte mir aber den Schlüssel und sprach: "Schreibe!"

Die zweite Denkwürdigkeit.

*44. Einst erblickte ich drei neu aus der Welt angekommene Geister, die umherstreiften, alles musterten und ausforschten. Sie waren verwundert, daß sie ganz wie zuvor als Menschen lebten und auch ähnliche Dinge sahen. Es war ihnen bewußt, daß sie aus der vorigen oder natürlichen Welt geschieden waren und dort geglaubt hatten, sie würden nicht vor dem Tag des Jüngsten Gerichts wieder als Menschen leben, an dem ihre in den Gräbern aufbewahrten Gebeine wieder mit Fleisch bekleidet würden. Um alle Zweifel zu überwinden, daß sie wirklich Menschen seien, betrachteten und berührten sie abwechselnd sich und die an­deren, betasteten alle Gegenstände und überzeugten sich auf tausendfache Weise, daß sie ebenso Menschen seien wie in der vorigen Welt, nur daß sie einander jetzt in hellerem Licht und die Gegenstände in größerem Glanz sähen, also in größe­rer Vollkommenheit.

Da geschah es, daß ihnen zwei Engelgeister begegneten und sie mit den Worten anhielten: "Woher kommt ihr?" Sie antworteten: "Wir sind aus der Welt geschieden und leben nun wieder in einer Welt, sind also aus einer Welt in die andere ge­wandert — darüber wundern wir uns." Darauf befragten die drei Neuankömmlinge die beiden Engelgeister über den Himmel, und da zwei von ihnen Jünglinge waren und in ihren Augen etwas wie ein Flämmchen Geschlechtslust zuckte, sagten die Engelgeister: "Ihr habt wohl Frauen gesehen?" Sie bejahten das. Weil sie nun schon über den Himmel befragt worden waren, fuhren sie fort und sagten: "Im Himmel ist alles herrlich und glänzend, und es gibt Dinge, die kein Auge je gesehen hat. Es gibt dort auch Jungfrauen und Jünglinge, Jungfrauen von sol­cher Schönheit, daß man sie geradezu als personifizierte Schönheiten bezeichnen kann, und Jünglinge von solcher Sitt­lichkeit, daß man sie als personifizierte Sittlichkeiten bezeich­nen kann. Die Schönheit der Jungfrauen und die Sittlichkeit der Jünglinge entsprechen einander wie wechselseitig aufeinander bezogene und zu einander passende Formen."

Die beiden neuangekommenen Jünglinge fragten weiter, ob die menschliche Gestalt im Himmel gleichgeartet wie in der natürlichen Welt sei. Die Antwort lautete: "Völlig gleich­artig; nichts ist dem Manne genommen und nichts der Frau. Mit einem Wort: der Mann ist Mann und die Frau ist Frau in aller Vollkommenheit der Form, in der sie erschaffen wurden. Entfernt euch, wenn ihr wollt und untersucht bei euch, ob euch irgend etwas fehlt und ihr nicht Männer wäret, wie zuvor."

Weiter fragten die Neuankömmlinge: "In der Welt, aus der wir abgeschieden sind, hörten wir, daß im Himmel nicht geheiratet werde, weil man wie die Engel wäre. Kann es denn auf diese Weise eine Geschlechtsliebe geben?" Darauf antworteten die Engelgeister: "Eure Art von Geschlechtsliebe gibt es hier freilich nicht, wohl aber eine Geschlechtsliebe engel­hafter Art, und die ist keusch und frei von aller Verlockung durch sinnliche Lust." Hier wandten die Neuankömmlinge ein: "Wie kann eine Geschlechtsliebe ohne sinnliche Lust eine Ge­schlechtsliebe sein?" Und als sie über diese Liebe nachdach­ten, seufzten sie und sprachen: "O wie trocken ist doch die himmlische Freude! Welcher Jüngling kann sich dann den Himmel wünschen? Ist eine solche Liebe nicht unfruchtbar und allen Lebens beraubt?" Hierauf erwiderten die Engelgei­ster lächelnd: "Die Geschlechtsliebe der Engel, also die himm­lische Geschlechtsliebe ist dennoch voll der innigsten Wonnen. Sie besteht in der lieblichsten Erweiterung aller Teile des Gemüts und von da aus aller Teile der Brust. In der Brust emp­findet man, als spielte das Herz mit der Lunge, und aus diesem Spiel gehen Atem, Ton und Rede hervor und machen den Um­gang zwischen den beiden Geschlechtern bzw. Jünglingen und Jungfrauen zur himmlischen Lieblichkeit selbst, die völ­lig rein ist. Alle Neuankömmlinge, die in den Himmel aufstei­gen, werden daraufhin geprüft, wie es mit ihrer Keuschheit bestellt ist. Das geschieht, indem sie zum Umgang mit Jung­frauen von himmlischer Schönheit zugelassen werden. Diese erkennen an Ton, Rede, Antlitz und Augen, an den Gebärden und an der ihnen entströmenden Atmosphäre, welche Art von Geschlechtsliebe die Betreffenden haben. Ist sie unkeusch, so fliehen sie und sagen den anderen, sie hätten Satyre und geile Menschen gesehen. Die betreffenden Neuankömmlinge verwandeln sich dann in den Augen der Engel, erscheinen zot­tig und mit Kälber  oder Leopardenfüßen. Sie werden dann schnell hinabgeworfen, damit sie mit ihrer sinnlichen Be­gierde dort nicht die Himmelslust verpesten."

Als sie das gehört hatten, sprachen die beiden neuange­kommenen Jünglinge wieder unwirsch: "Also gibt es doch keine Geschlechtsliebe im Himmel! Denn was wäre eine keusche Geschlechtsliebe anderes als eine Liebe ohne ihre Es­senz? Ist nicht auf diese Weise der Verkehr zwischen Jünglin­gen und Jungfrauen ein trockenes Vergnügen? Wir sind doch keine Steine oder Tölpel, sondern Wesen mit lebendiger Wahr­nehmung und Neigung."

Darauf erwiderten die Engelgeister mit Unwillen: "Ihr habt keine Ahnung von der keuschen Geschlechtsliebe, weil ihr bis jetzt noch nicht keusch seid. In Wirklichkeit besteht in die­ser Liebe die eigentliche Wonne des Gemüts und daher auch des Herzens, nicht aber des Fleisches unterhalb des Herzens. Die Herzens Keuschheit, die beiden Geschlechtern eignet, ver­hindert, daß die keusche Geschlechtsliebe den Engpaß des Herzens durchschreitet. Doch im Herzen und oberhalb des­selben ergötzt sich die Sittlichkeit des Jünglings mit der Schön­heit der Jungfrau an den Freuden der keuschen Geschlechts­liebe, die inniger und wonnevoller sind, als es sich mit Wor­ten schildern läßt. Diese Art der Geschlechtsliebe findet sich aber nur bei den Engeln, weil sie in der ehelichen Liebe sind, diese aber unmöglich mit der unkeuschen Geschlechtsliebe zusammen sein kann. Die wahrhaft eheliche Liebe ist keusch und hat nichts gemein mit unkeuscher Liebe. Sie ist möglich nur mit einem einzigen Wesen des anderen Geschlechts und schließt alle anderen aus. Denn sie ist eine geistige Liebe und fließt vom Geist her in den Körper, nicht aber umgekehrt eine körperliche Liebe, die von dort aus den Geist rührt. Das heißt, diese Liebe fügt dem Geist keinen Schaden zu."

Nachdem sie dies vernommen hatten, erheiterten sich die neuangekommenen Jünglinge und sprachen: "Also gibt es dort doch eine Geschlechtsliebe; denn was ist die eheliche Liebe anderes?" Doch die Engelgeister erwiderten: "Denkt etwas tiefer darüber nach, dann werdet ihr innewerden, daß eure Liebe zum anderen Geschlecht eine außereheliche Liebe und die eheliche Liebe ganz andersartig ist, ja daß sie sich davon unterscheidet, wie der Weizen von der Spreu, besser: wie das Menschliche vom Tierischen. Wenn ihr im Himmel Frauen über die außereheliche Liebe befragen würdet, wir ver­sichern euch, sie würden antworten: 'Was ist das? Was redet ihr? Wie kann etwas, das die Ohren derart beleidigt, aus eurem Munde kommen? Wie kann eine nicht erschaffene Liebe dem Menschen eingepflanzt werden?' Wenn ihr sie dann aber nach der wahren ehelichen Liebe fragtet, so würden sie gewiß ant­worten: 'Sie ist nicht eine Liebe zum Geschlecht überhaupt, sondern zu einem Wesen aus dem anderen Geschlecht und entsteht, wenn ein Jüngling die ihm vom Herrn vorgesehene Jungfrau erblickt, und diese den Jüngling. Dann fühlen beide in ihrem Herzen das Eheliche entbrennen und werden inne, daß sie für einander geschaffen sind. Denn hier begegnet Liebe der Liebe, so daß sie sich erkennen und sogleich ihre Seelen und bald auch ihre Gemüter verbinden. Von da aus strömt diese Liebe in die Brust und noch weiter nach der Ver­mählung. Schließlich wird diese Liebe so vollkommen und verbindet sie von Tag zu Tag mehr, bis sie nicht mehr zwei, sondern wie Eines sind'. Ich weiß auch, sie würden schwören, daß sie keine andere Geschlechtsliebe kennen und sagen: 'Wie könnte es eine Geschlechtsliebe geben, die nicht so entge­genkommend (obvius) und wechselseitig wäre, daß sie nach ewiger Vereinigung strebt, die ja darin besteht, daß sie Ein Fleisch sind'?" Dem fügten die Engelgeister noch bei: "Im Himmel weiß man nicht einmal, was Unzucht ist, weder gibt es sie, noch ist sie dort überhaupt möglich. Den ganzen Leib der Engel überläuft ein kalter Schauer beim Gedanken an un­keusche oder außereheliche Liebe, umgekehrt erwärmt aber die reine eheliche Liebe ihren ganzen Leib. Der Anblick einer Hure läßt bei den Männern alle Nerven erschlaffen, während sie beim Anblick der Gattin in Spannung geraten."

Als sie dies vernommen hatten, fragten die drei Neuankömmlinge, ob zwischen den Ehegatten in den Himmeln eine ähnliche Liebe bestehe, wie auf Erden, worauf die beiden Engelgeister antworteten: "Eine ganz ähnliche" Und weil sie bemerkten, daß jene wissen wollten, ob es dort auch ähn­liche letzte Freuden gebe, fuhren sie fort: "Ganz ähnliche, aber weit seligere, weil Wahrnehmung und Empfindung der Engel viel schärfer sind als beim irdischen Menschen. Und worin besteht das Leben jener irdischen Liebe, wenn es nicht der Potenz entspringt? Erstirbt nicht die Liebe und erkaltet, wenn es daran mangelt? Und ist nicht jene Potenz das Maß, der ei­gentliche Gradmesser und die eigentliche Grundlage jener Liebe? Ist sie nicht ihr Anfang, ihre Grundlage und Vollen­dung? Ein allgemeines Gesetz lautet, daß das Erste Dasein, Bestand und Dauer immer vom Letzten hat. Dasselbe gilt auch für jene Liebe. Gäbe es daher nicht die letzten Freuden, so gäbe es gar keine in der ehelichen Liebe."

Die Neuankömmlinge fragten weiter, ob aus den letzten Freuden jener Liebe auch Kinder erzeugt würden, und wenn nicht, welchen Nutzen sie dann brächten. Die Antwort der Engelgeister lautete: "Keine natürlichen, wohl aber geistige Kinder." Auf die Gegenfrage: "Was sind geistige Kinder?" ant­worteten sie: "Die beiden Ehegatten werden durch die letz­ten Freuden immer mehr zur Ehe des Guten und Wahren ver­einigt und darin besteht die Ehe der Liebe und Weisheit. Liebe und Weisheit sind auch die Kinder, die aus jener Ehe geboren werden. Und da der Mann dort Weisheit ist und die Frau Liebe zu derselben und beide geistig sind, so können von ihnen keine anderen Kinder als geistige empfangen und geboren werden. Darum werden die Engel nach dem Genuß der Freude auch nicht traurig, wie es bei manchen auf Erden der Fall ist, sondern im Gegenteil fröhlich. Tatsächlich wird ihre Kraft stets erneuert, und sie selbst werden zugleich verjüngt und erleuchtet. Wer immer in den Himmel kommt, kehrt nämlich in den Frühling seiner Jugendzeit und damit in die entsprechenden Kräfte dieses Lebensalters zurück, und so bleibt er in Ewigkeit."

Als die drei Neuankömmlinge dies hörten, fragten sie: "Heißt es denn nicht im Wort, es gebe im Himmel keine Hoch­zeiten, weil sie dann Engel sind?" [wörtlich: quia sunt Angeli; der biblische Originaltext ist zu übersetzen: denn sie sind den Engeln gleich; d.Ü.] Darauf erwiderten die Engelgeister: "Blickt zum Himmel auf, und es wird euch Antwort werden!" und auf die nächste Frage, warum sie denn zum Himmel auf­blicken sollten: "Weil uns von dort her alle Auslegungen des Wortes zukommen. Das Wort ist bis ins Innerste hinein (pe­nitus) heilig, und die Engel werden euch, weil sie geistig sind, das geistige Verständnis desselben lehren."

Nach einer Weile tat sich der Himmel über ihren Köpfen auf, und sie erblickten zwei Engel, die zu ihnen sprachen: "Es gibt in den Himmeln sehr wohl Hochzeiten, aber nur zwischen denen, die in der Ehe des Guten und Wahren sind. Andere sind keine Engel. An der zitierten Stelle hat man daher gei­stige Hochzeiten, Eheschließungen des Guten und Wahren, zu verstehen. Diese aber finden auf Erden statt und nicht nach dem Tode, also auch nicht in den Himmeln. Darum heißt es denn auch von den fünf törichten Jungfrauen, die zusammen mit den klugen zur Hochzeit geladen waren, daß sie nicht ein­gehen konnten, weil sie nicht in der Ehe des Guten und Wah­ren standen. Sie hatten nämlich kein Öl, sondern nur Lam­pen. Unter dem Öl ist das Gute und unter den Lampen das Wahre zu verstehen; aber vermählt werden heißt in den Himmel eingehen, wo jene Ehe ist."

Als das die drei Neuankömmlinge vernahmen, freuten sie sich und wurden erfüllt von der Sehnsucht nach dem Him­mel und der Hoffnung auf die dortigen Hochzeiten. So spra­chen sie: "Wir wollen uns eines sittlichen und anständigen Lebens befleißigen, damit unsere Wünsche erfüllt werden."

Der Zustand der Ehegatten nach dem Tode

*45. Im Vorhergehenden wurde gezeigt, daß es im Him­mel Ehen gibt. Jetzt soll die Rede davon sein, ob der auf Erden geschlossene Ehebund nach dem Tode erhalten bleibt und ewig fortbesteht, oder nicht. Da man das nicht aufgrund des gesunden Menschenverstandes, sondern nur aufgrund von Erfahrung beurteilen kann, wie sie mir durch den Umgang mit Engeln und Geistern zuteil wurde, will ich darüber berichten, freilich so, daß es auch die Vernunft befriedigt. Schließlich möchten das ja die Ehegatten wissen, da es zu ihren innersten Wünschen gehört. Männer und Frauen, die ihren verstorbenen Ehegatten wirklich lieben, haben ein Ver­langen zu wissen, ob es ihm gut geht und ob sie wieder zu­sammen kommen werden. Viele Ehegatten wollen auch schon vorher wissen, ob sie nach dem Tode getrennt oder ob sie wei­terhin zusammen leben werden. Jene, die im Gemüt nicht übereinstimmen, wollen wissen, ob sie getrennt werden, die anderen, die in Harmonie leben, ob sie weiterhin zusam­menbleiben können. Da nun einmal dieser Wunsch besteht, will ich darüber berichten, und zwar in dieser Reihenfolge:

  1. Nach dem Tode bleibt die Geschlechtsliebe bei jedem Menschen so, wie sie auf Erden innerlich, d.h. in seinem inneren Wollen und Denken gewesen war.

  2. Dasselbe gilt für die eheliche Liebe.

  3. Nach dem Tode kommen die beiden Ehegatten meist zusammen, erkennen sich, vereinigen sich wieder und leben eine Zeitlang miteinander, wie in der Welt, d.h. so­lange sie im ersten Zustand, dem des Äußeren sind.

  4. Je wie sie das Äußere ablegen und ins Innere eingehen, nehmen sie immer mehr wahr, welche Liebe und Zunei­gung sie wirklich für einander empfunden hatten und ob sie zusammenleben können oder nicht.

  5. Können sie zusammenleben, bleiben sie Ehegatten, ist das nicht der Fall, trennen sie sich — zuweilen der Mann von der Frau, zuweilen die Frau vom Manne, zuweilen beide im gegenseitigen Einverständnis.

  6. Dann wird dem Mann eine passende Gattin und der Frau ein passender Gatte gegeben.

  7. Die Ehegatten erfreuen sich eines ähnlichen Umgangs miteinander, wie auf Erden, doch ist er angenehmer, beglückender und ohne Zeugung von Kindern; an ihre Stelle tritt eine geistige Zeugung der Liebe und Weisheit.

  8. Das geschieht bei denen, die in den Himmel kommen, anders ist das Los derer, die in die Hölle kommen.

Diese Punkte sollen nun einzeln beleuchtet und begrün­det werden.

(1) Nach dem Tode bleibt die Geschlechtsliebe bei jedem Menschen so, wie sie auf Erden innerlich, d h in sei­nem inneren Wollen und Denken gewesen war.

*46. Jede Liebe folgt dem Menschen nach seinem Tode, ist sie doch die Es­senz seines Lebens. Die herrschende Liebe als Haupt der ihr untergeordneten übrigen Liebesarten wird in Ewigkeit beim Menschen erhalten. Das beruht darauf, daß die Liebe das Eigentliche des menschlichen Geistes und von daher auch des Körpers ist, der Mensch aber nach dem Tode ein Geist wird und so seine Liebe mitbringt. Da die Liebe das Sein des menschlichen Lebens ist, wird das Los des Menschen nach dem Tode offensichtlich so sein, wie sein Leben auf Erden war. Was die Geschlechtsliebe anlangt, so ist sie universell, da sie der Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts wegen von der Schöpfung her der Seele eines jeden Menschen eingeboren ist, die Seele aber das ganze Wesen des Menschen dar­stellt. Diese Liebe bleibt grundsätzlich erhalten, weil der Mann auch nach dem Tode weiterhin Mann und die Frau Frau bleibt und weil es in Seele, Gemüt und Körper nichts gibt, was nicht beim Manne männlich und bei der Frau weiblich wäre. Mann und Frau aber sind so geschaffen, daß sie nach Verbindung streben, einer Verbindung, die aus beiden eine Einheit macht. Dieses Streben ist die Geschlechtsliebe, die der ehelichen Liebe vorangeht. Da nun dieser Vereinigungstrieb Mann und Frau ganz und gar eingeprägt ist, kann er nicht mit dem Kör­per zugleich verlöschen und sterben.

*47. Weiter heißt es, die Geschlechtsliebe bleibe so, wie sie auf Erden innerlich beschaffen war, weil sich bei jedem Menschen ein Inneres und ein Äußeres findet. Beide werden auch als der innere und der äußere Mensch bezeichnet, und so gibt es denn auch ein inneres und ein äußeres Wollen und Denken. Stirbt der Mensch, läßt er zwar sein Äußeres zurück, behält aber sein Inneres, weil dieses zu seinem Geist, das Äußere aber zu seinem Körper gehört. Da nun der Mensch identisch ist mit seiner Liebe und diese seinem Geist angehört, bleibt die Geschlechtsliebe bei ihm so, wie sie in seinem In­neren war. War sie dort ehelich und keusch, so bleibt sie das auch nach dem Tode. War sie hingegen im Inneren hurerisch, so ändert sich das auch nach dem Tode nicht. Man muß aber wissen, daß die Geschlechtsliebe nicht bei jedem Menschen von gleicher Beschaffenheit ist, vielmehr gibt es unendliche Variationen, dennoch bleibt ihre Beschaffenheit, wie sie im Geist jedes Menschen war.

(2) Dasselbe gilt für die eheliche Liebe:

*48. Sie bleibt so, wie sie innerlich, d.h. im inneren Wollen und Denken beim Menschen auf Erden gewesen war. Weil sich die Geschlechts­liebe von der ehelichen Liebe unterscheidet, wird hier von bei­den gesprochen und heißt es, daß auch letztere nach dem Tode bleibt, wie sie beim irdischen Menschen in seinem Inneren ge­wesen war. Weil aber nur wenigen der Unterschied zwischen der Geschlechtsliebe und der ehelichen Liebe klar ist, will ich am Anfang dieser Abhandlung einiges darüber vorausschicken.

Die Geschlechtsliebe ist die Liebe zu mehreren, die eheliche zu einem Wesen des anderen Geschlechts. Die Liebe zu mehreren und mit mehreren ist eine bloß natürliche Liebe, die der Mensch mit Tieren und Vögeln gemein hat. Die eheliche Liebe hingegen ist eine geistige Liebe und nur dem Menschen eigentümlich.1

1) Anm. d.Ü's: Es gibt zwar auch Tiere, die lebenslang nur mit einem Partner zusammenleben. Man dürfte sie wohl als Vorbildungen der ehelichen Liebe bezeichnen.

Denn der Mensch ist dazu geschaffen und wird dazu geboren, um geistig zu werden. Soweit er das wird, legt er die Geschlechtsliebe ab und nimmt die eheliche Liebe an. Zu Beginn der Ehe scheint die Ge­schlechtsliebe mit der ehelichen Liebe gleichsam verbun­den, doch später, wenn sich die Ehe weiterentwickelt (in pro­gressione conjugii) werden sie getrennt. Dann wird bei den geistigen Paaren die Geschlechtsliebe ausgetrieben und die eheliche Liebe tritt an ihre Stelle. Bei den natürlichen Paa­ren aber geschieht das Gegenteil.

Aus alledem ist deutlich, daß die Geschlechtsliebe, weil sie mit mehreren ausgeübt wird, an sich natürlicher, ja tieri­scher Art, unrein und unkeusch ist, und da schweifend und unbegrenzt, auch hurerisch. Mit der ehelichen Liebe verhält es sich völlig anders. Aus dem Folgenden wird noch deutlich werden, daß die eheliche Liebe geistig ist und als die eigent­lich menschliche Liebe gelten kann.

(3) Nach dem Tod kommen die beiden Ehegatten meist zusammen, erkennen sich, vereinigen sich wieder und leben eine Zeitlang miteinander, wie in der Welt, d.h. solange sie im ersten Zustand, dem des Äußeren sind.

*48b. Es sind zwei Zustände, in die der Mensch nach dem Tode gelangt, der äußere und der innere. Zuerst gelangt er in den äußeren, her­nach in den inneren. Während er noch im äußeren Zustand ist, kommt der Gatte, falls beide gestorben sind, wieder mit seiner Gattin zusammen. Sie erkennen sich, und wenn sie auf Erden zusammengelebt haben, vereinigen sie sich wieder und leben eine Zeitlang miteinander. Solange sie in diesem Zu­stand sind, kennt keins von beiden die wahre Neigung des anderen zu ihm, weil sie sich im Inneren verbirgt. Gelangen sie dann später in ihren inneren Zustand, wird diese Neigung of­fenbar. Ist die eigene mit der des anderen in Übereinstim­mung und Sympathie, setzen sie ihre Ehe fort, wenn nicht, lösen sie sie auf.

Hatte ein Mann mehrere Frauen, verbindet er sich der Reihe nach mit ihnen, solange er noch in seinem äußeren Zu­stand ist; tritt er aber in den inneren Zustand ein, in dem er die Neigungen der Liebe in ihrer wahren Art erkennt, nimmt er ent­weder eine von ihnen an oder verläßt sie alle. Denn in der gei­stigen Welt ist es einem Christen wie auf Erden nicht erlaubt, mehrere Frauen zu haben, weil dies die Religion verletzt und entweiht. Dasselbe gilt von den Frauen, die mehrere Männer hatten. Doch sie vereinigen sich nicht mit den Männern, son­dern stellen sich ihnen nur dar, die Männer aber verbinden sie mit sich. Man wisse aber, daß die Männer ihre Frauen nur sel­ten erkennen, während die Frauen ihre Männer sehr wohl er­kennen, weil nämlich die Frauen die Liebe in innerlicher Weise wahrnehmen, die Männer aber nur in äußerlicher.

(4) Je wie sie das Äußere ablegen und ins Innere eingehen, nehmen die Gatten wahr, welche Liebe und Zuneigung sie für einander empfunden hatten, und ob sie zusammenleben können, oder nicht.

*48c. Das muß nicht weiter erklärt werden, weil es sich aus dem im vorigen Abschnitt Dar­gelegten ergibt. Hier soll nur verdeutlicht werden, auf welche Weise der Mensch nach dem Tode das Äußere ablegt und statt­dessen sein Inneres hervortritt. Nach dem Tode werden alle zuerst in jene Welt eingeführt, die man die Geisterwelt nennt und die sich in der Mitte zwischen Himmel und Hölle befin­det. Hier werden sie vorbereitet, die Guten zum Himmel und die Bösen zur Hölle. Der Zweck dieser Vorbereitung besteht darin, daß das Innere und Äußere zur Übereinstimmung ge­langt und eins wird, nicht aber getrennt und zwei bleibt. In der natürlichen Welt sind sie zwei, nur bei Menschen aufrich­tigen Herzens sind sie eins. Ihre Dualität zeigt sich bei den betrügerischen und listigen Menschen, besonders bei Heuchlern, Speichelleckern, Nachahmern und Lügnern. In der gei­stigen Welt ist es aber nicht erlaubt, ein solch gespaltenes Gemüt zu haben, vielmehr wird dort, wer innerlich böse ge­wesen war, auch in seinem Äußeren böse sein. Für den, der in­nerlich gut gewesen war, gilt Entsprechendes. Jeder Mensch wird nämlich nach seinem Tode zu dem, was er innerlich war und nicht was er äußerlich schien. Zu diesem Zweck wird der Mensch dann abwechselnd in sein Äußeres und in sein Inne­res versetzt. Jeder Mensch kommt sich nämlich weise vor, so­lange er im Äußeren ist, d.h. möchte als weise gelten, auch der böse, obgleich er in seinem Inneren verrückt ist. Der Mensch kann zwar durch diese Zustandswechsel seine Verrücktheit sehen und wieder zu Verstand kommen, wenn er jedoch nicht schon auf Erden wieder zu sich gekommen war, kann er es später nicht mehr, denn dann liebt er seine Ver­rücktheit und will darin bleiben. Deshalb bringt er nun sein Äußeres dazu, in gleicher Weise verrückt zu werden. So wer­den Inneres und Äußeres bei ihm eins. Sobald das geschieht, ist er für die Hölle reif. Umgekehrt ist der Gute, weil er in der Welt auf Gott geblickt hatte und zu Verstand gekommen war, in seinem Inneren weiser als in seinem Äußeren. Sein Äußeres war auch aufgrund der Verführungen der Welt und ihrer Nich­tigkeiten zuweilen verrückt. Aus diesem Grund muß auch bei ihm das Äußere zur Übereinstimmung mit seinem Inneren gebracht werden, das, wie gesagt, weise ist. Ist das geschehen, ist er reif für den Himmel.

Damit dürfte deutlich geworden sein, wie das Ablegen des Äußeren und Anlegen des Inneren nach dem Tode vor sich geht.

(5) Können sie zusammen leben, bleiben sie Ehegatten; ist das nicht der Fall, trennen sie sich — zuweilen der Mann von der Frau, zuweilen die Frau vom Manne, zuweilen beide im gegenseitigen Einverständnis.

*49. Scheidungen nach dem Tode kommen vor, weil die Verbindungen auf Erden sel­ten aus einer inneren Empfindung der Liebe geschlossen wer­den, sondern oft nur aus einer äußeren, welche die innere ver­birgt. Die äußere Empfindung der Liebe hat ihre Ursache und ihren Ursprung in der Liebe zur Welt und zum Körper. Zur Weltliebe gehören vor allem Reichtum und Besitz, die Liebe zum Körper strebt nach Würden und Ehrenstellen. Dazu kom­men noch viele verlockende Reize, wie Schönheit und simu­lierte Wohlanständigkeit, zuweilen auch Unkeuschheit. Zudem werden die Ehen [wie im 18. Jh. üblich, d.Ü.] inner­halb des Landes, der Stadt, des ländlichen Geburts  oder Wohnorts geschlossen, wo nur eine geringe und auf den Be­kanntenkreis beschränkte Auswahl möglich ist, und auch hier nur unter denen, die ihrem Stand entsprechen (et ibi cum cor­respondentibus sorti suae). Daher sind die auf Erden geschlos­senen Ehen meistens äußerlich und nicht zugleich innerlich. Dabei macht doch die innere Verbindung der Seelen die ei­gentliche Ehe aus. Diese Verbindung aber ist erst wahrnehm­bar, wenn der Mensch das Äußere ablegt und das Innere an­legt, und das geschieht nach dem Tode. Deshalb gibt es dann Ehescheidungen und nachher neue Verbindungen zwischen einander Ähnlichen und Gleichgesinnten, sofern diese nicht schon auf Erden vorgesehen wurden. Das geschieht bei Men­schen, die schon von Jugend an einen schicklichen und lie­bevollen Umgang mit einem einzigen Partner geliebt, ersehnt und vom Herrn erfleht, alle ausschweifenden Lüste aber ver­achtet und verabscheut hatten.

(6) Dann wird dem Manne eine zu ihm passende Gattin und der Frau ein zu ihr passender Gatte gegeben.

*50. In den Himmel können dauerhaft nur Ehepaare aufgenommen werden, die innerlich eins sind oder eins werden können. Denn dort werden zwei Ehegatten nicht zwei, sondern Ein Engel genannt. Das ist auch unter den Worten des Herrn zu verstehen, daß sie nicht mehr zwei, sondern Ein Fleisch seien. Andere Ehepaare können schon deshalb nicht in den Him­mel aufgenommen werden, weil sie dort nicht zusammen­wohnen, d.h. in einem Hause, in einem Raum und auf einem Lager beisammen sein könnten. Denn alle im Himmel wer­den miteinander verbunden entsprechend ihrer inneren Verwandtschaft und der Nähe ihrer Liebe, und ebenso liegen auch ihre Wohnungen. In der geistigen Welt gibt es nämlich keine Räume, sondern nur Erscheinungen von Räumen, den Lebenszuständen ihrer Bewohner gemäß, die wiederum deren Liebeszuständen entsprechen. Daher kann sich dort jeder nur in dem Hause aufhalten, das ihm je nach der Beschaffenheit seiner Liebe vorgesehen und bestimmt ist. Hält er sich anderswo auf, spürt er es auf der Brust und hat Mühe beim Atmen. Auch können zwei nicht zusammen im selben Haus wohnen, wenn sie einander nicht ähnlich sind, das gilt besonders für Ehepaare, falls sie nicht in gegenseitiger Zuneigung stehen. Ist ihre Zuneigung nur äußerlich und nicht zugleich innerlich, trennt sie allein schon ihr Wohnort und sorgt für weitere Ent­fremdung. Aus diesem Grund wird allen, die nach der Vorbe­reitung in den Himmel eingeführt werden, eine Ehe vorgesehen mit einem Partner, dessen Seele zur Vereinigung mit der des anderen neigt, so daß sie nicht zwei, sondern Ein Leben haben wollen, und darum wird nach der Trennung dem Manne eine passende Gattin und der Frau ein passender Gatte gegeben.

(7) Die Ehegatten erfreuen sich einer ähnlichen Gemeinschaft miteinander wie auf Erden, doch ist sie angenehmer, beglückender und ohne Zeugung von Kindern; an ihre Stelle tritt eine geistige Zeugung, nämlich der Liebe und Weisheit.

*51. Die Ehegatten pflegen eine ähnliche Gemeinschaft miteinander wie auf Erden, weil der Mann nach dem Tode ein Mann und die Frau eine Frau bleibt und beiden von der Schöpfung her die Neigung zur Verbindung eingepflanzt ist. Diese Neigung beim Menschen gehört zu seinem Geist und erst von daher zu seinem Körper. Deshalb bleibt dem Men­schen auch nach seinem Tode, wenn er ein Geist wird, diese gegenseitige Neigung erhalten. Sie ist aber nicht möglich ohne eine ähnliche Gemeinschaft, denn der Mensch bleibt Mensch wie zuvor. Weder dem Manne noch der Frau fehlt irgend etwas, vielmehr sind sie nach Gestalt, Neigungen und Gedanken ganz ähnlich wie zuvor. Folglich ist auch ihre Gemeinschaft eine ganz ähnliche und allumfassende, da die eheliche Liebe, wie gezeigt wurde, keusch, rein und heilig ist. Mehr darüber lese man nach in der Denkwürdigkeit in #44. Die Gemein­schaft ist dann nur angenehmer und beglückender, weil jene Liebe, sobald der Mensch ein Geist wird, inniger, reiner und empfindsamer wird, jedes Vergnügen aber mit der Empfin­dung soweit wächst, bis in ihm auch die innerste Beseligung wahrgenommen wird.

*52. Bei den Bewohnern der geistigen Welt fehlt das Dritte, nämlich das Natürliche, welches [in der natürlichen Welt] das Gefäß des Geistigen bildet und Geistiges ohne ein solches Gefäß nicht besteht, wie das bei allem der Fall ist, was in der natürlichen Welt gezeugt wurde.1

1) Anm. d.Ü.'s: Swedenborg führt an anderer Stelle aus, daß der Mensch beim Übergang in die andere Existenzform etwas wie einen Extrakt aus dem zurückbleibenden und sich auflösenden natürlichen Leib mitnimmt. Dieser dient nun seinem Geistleib als eine Art Saum (limbus), d.h. ein Alleräußerstes. Wir sprechen heute vom Feinstofflichen, das dem Geistigen als Gefäß dient und das allein in der natürlichen Welt gebildet werden kann.

Deshalb gibt es bei den himmlischen Ehen keine Kinderzeugung, sondern stattdes­sen eine geistige Zeugung, d.h. eine Zeugung der Liebe und Weisheit. Auch bezieht sich Geistiges, an sich betrachtet, auf Liebe und Weisheit, und darum werden diese aus himmli­schen Ehen geboren. Es wird gesagt, daß sie 'geboren wer­den' weil nämlich die eheliche Liebe die Engel vervollkomm­net, vereinigt sie doch den Gatten mit seiner Gattin, wodurch beide mehr und mehr Mensch werden.*

1) Anm. d.Ü's: Die Stelle im Original lautet: "...quia amor conju­gialis perfecit angelum, unit enim illum cum sua consorte, unde fit plus et plus homo, nam, ut supra dictum est, duo conjuges in caelo non sunt duo sed unus angelus" Wörtlich übersetzt: "...weil die eheliche Liebe den Engel vervollkommnet, da sie ihn mit seiner Gattin vereinigt, wodurch er mehr und mehr Mensch wird, denn, wie oben gesagt wurde, zwei Gatten sind nicht zwei, sondern ein Engel." Dies könnte so mißverstanden werden, als käme es allein auf den Mann an. Ein typisches Beispiel dafür, wie Swedenborg die eheliche Liebe von seinem männlichen Standpunkt aus darstellt, dann aber doch immer wieder die beiden Geschlechter als eine Einheit beschreibt, von der keins ohne das andere bestehen könnte.

Oben wurde be­merkt, daß zwei Ehegatten im Himmel nicht zwei, sondern ein Engel sind. Ihre eheliche Vereinigung erfüllt sie daher mit dem Menschlichen, das in dem Verlangen besteht, weise zu sein und das zu lieben, was zur Weisheit gehört.

(8) Das geschieht bei denen, die in den Himmel kommen; anders ist das Los derer, die in die Hölle kommen.

*53. Was darüber ausgeführt wurde, bezieht sich nur auf die Gei­ster, die in den Himmel aufgenommen und zu Engeln wer­den. Dort wird dem von der Erde abgeschiedenen Manne eine zu ihm passende Gattin und der Frau ein zu ihr passender Gatte gegeben, und die beiden pflegen eine erfreuliche und beseligende Gemeinschaft miteinander, jedoch ohne andere als geistige Zeugung. Denn nun sie sind geistig, und die Ehen an sich sind geistig und somit auch heilig. Jene aber, die in die Hölle kommen, sind samt und sonders natürlich. Die bloß natürlichen Ehen aber sind keine Ehen, sondern Paarungen, die ihren Ursprung in unreiner Lust haben. Das Wesen die­ser Verbindungen soll weiter unten im Teil über Keuschheit und Unkeuschheit sowie über die hurerische Liebe abgehan­delt werden.

*54. Dem bisher über den nachtodlichen Zustand der Ehegatten Ausgeführten ist noch folgendes beizufügen:

1.) Alle bloß natürlichen Ehepaare werden nach dem Tode getrennt, weil die Liebe zur Ehe bei ihnen erkaltet und die Liebe zum Ehebruch entbrannt ist. Nach der Trennung vereinigen sie sich jedoch zuweilen mit anderen als ihrem Gatten, verlassen einander aber nach kurzer Zeit wieder; dies zu wiederholten Malen. Endlich wird der Mann irgendeiner Hure und die Frau irgendeinem notorischen Ehebrecher überlassen. Das ge­schieht in jenem höllischen Kerker, von dem in der "Enthüllten Offenbarung" #153 die Rede ist, wo aber Unzucht mit meh­reren (scortatio promiscua) bei Strafe verboten ist.

2.) Ehegatten, von denen der eine geistig, der andere aber natürlich ist, werden nach dem Tode ebenfalls getrennt. Dem geistigen wird ein zu ihm passender Ehegatte gegeben, während der andere an Orte zügelloser Lust zu Seinesgleichen verwiesen wird.

3.) Wer auf Erden ehelos gelebt und sein Gemüt gänzlich der Ehe entfremdet hat, bleibt ehelos, sofern er geistig ist; ist er aber natürlich, ergibt er sich der Hurerei. Anders ist das Los derer, die sich in ihrer Ehelosigkeit nach der wahren Ehe ge­sehnt hatten oder gar erfolglose Schritte dazu unternommen hatten: Ihnen werden, sofern sie geistig sind, glückliche Ehen vorgesehen, doch erst, wenn sie im Himmel sind.

4.) Wer als Jungfrau oder als Mann abgeschlossen im Klo­ster gelebt hatte, wird nach überstandenem Klosterleben, das freilich auch nach dem Tode noch eine Weile fortdauert, los­gesprochen und entlassen und kann sich dann frei für ein ehe­liches oder eheloses Leben entscheiden. Wer nicht ehelich leben will, wird zu den Ehelosen an den Seiten des Himmels gebracht, entbrennt er jedoch in unerlaubter Begierde, wird er hinabgeworfen.

5.) Die Ehelosen haben ihren Platz an den Seiten des Him­mels, weil die Sphäre der beständigen Ehelosigkeit die Sphäre der ehelichen Liebe — die eigentlich himmlische Sphäre — be­unruhigt (infestat). Die Sphäre der ehelichen Liebe ist aber deshalb die eigentlich himmlische Sphäre, weil sie herabsteigt aus der himmlischen Ehe des Herrn mit der Kirche.

Zwei Denkwürdigkeiten lasse ich hier folgen:

*55. Die erste: "Einst ließ sich aus dem Himmel ein zauber­hafter Gesang vernehmen. Frauen und Jungfrauen sangen ge­meinsam ein Lied, das so lieblich war, wie das harmonisch sich ergießende Gefühl einer gewissen Liebe. Die himmli­schen Gesänge sind nichts anderes als Stimmungen (affec­tiones) oder Gemütsbewegungen, ausgedrückt und modifi­ziert durch Töne. Denn ähnlich wie Gedanken durch die Spra­che, werden Stimmungen durch Gesang ausgedrückt. Aus dem Ebenmaß und dem Fluß der Melodie vernehmen die Engel, um welche Stimmung es sich handelt.

Damals waren viele Geister um mich und von einigen ver­nahm ich, daß sie den höchst angenehmen Gesang hörten und es sich dabei um ein Lied handle, das eine liebevolle Stimmung zum Ausdruck brächte, deren Inhalt ihnen aber nicht klar sei. Sie rieten hin und her, doch vergeblich. Einige vermuteten, der Gesang drücke Gefühle aus, die Bräutigam und Braut bei der Verlobung beseelen. Andere meinten, es handle sich eher um Gefühle von Bräutigam und Braut bei der Hochzeit, wieder andere, um Gefühle der ersten Liebe zwischen Mann und Frau. Plötzlich erschien mitten unter ihnen ein Engel aus dem Him­mel und erklärte: "Sie besingen die keusche Geschlechtsliebe" Die Umstehenden aber fragten, "Was ist das, keusche Ge­schlechtsliebe?" Der Engel antwortete: "Die von jeder geilen Vorstellung freie Liebe eines Mannes zu einer Jungfrau oder Frau von schöner Gestalt und anmutigen Sitten." Kaum hatte er das gesagt, verschwand der Engel wieder. Der Gesang aber dauerte fort, und weil sie nun den Inhalt der Stimmung kann­ten, die er ausdrückte, hörten sie ihn auch ganz anders, jeder in Übereinstimmung mit dem Zustand seiner eigenen Liebe. Denen, die keuschen Sinnes auf die Frauen blickten, klang der Gesang musikalisch und angenehm, anderen aber, die unkeusche Blicke auf die Frauen warfen, klang er unharmonisch und traurig, und wer mit Widerwillen auf die Frauen blickte, hörte sie als mißtönig und heiser.

Mit einemmal verwandelte sich nun die Ebene, auf der sie standen, in ein Amphitheater, und es erscholl der Ruf: "Untersucht diese Liebe!" Sogleich erschienen Geister aus ver­schiedenen Gesellschaften, in ihrer Mitte einige Engel in weißem Gewand, die das Wort ergriffen und sagten: "Wir haben in diesem Teil der geistigen Welt Untersuchungen über alle Arten von Liebe angestellt, nicht nur über die Liebe von Mann zu Mann und Frau zu Frau, sondern auch über die wechselseitige Liebe zwischen Mann und Frau sowie über die Liebe des Mannes zu den Frauen und der Frau zu den Män­nern. Es wurde uns erlaubt, die Gesellschaften zu durchstrei­fen und daraufhin zu untersuchen, aber wir haben noch keine keusche Geschlechtsliebe gefunden, die bei allen gleich wäre, außer bei denen, die aus wahrhaft ehelicher Liebe in nie ver­siegender Kraft leben. Diese aber befinden sich in den ober­sten Himmeln. Es wurde uns ferner erlaubt, den Einfluß die­ser Liebe in die Gefühle unserer Herzen wahrzunehmen, und dabei haben wir tief empfunden, daß sie jede andere Liebe an Lieblichkeit übertrifft, ausgenommen die Liebe zweier Ehe­gatten, deren Herzen eins sind. Wir möchten aber darum bit­ten, daß ihr diese Liebe näher untersucht, weil sie euch neu und unbekannt ist. Weil sie die Wonne selbst ist, bezeichnen wir sie im Himmel als himmlische Lieblichkeit."

Als die Anwesenden mit der Untersuchung begannen, meldeten sich zuerst jene, die Ehe und Keuschheit nicht zusammen denken konnten und sagten:

"Wer kann beim Anblick einer schönen und liebreizen­den Jungfrau oder Frau seine Vorstellungen so sehr zügeln und von Begierde frei halten, daß er ihre Schönheit liebt und doch nicht das geringste Verlangen verspürte, sie auch — falls es ihm erlaubt ist — zu genießen? Wer könnte die jedem Manne angeborene Begierde so weit in Keuschheit umwandeln, daß sie gleichsam nicht mehrvorhanden ist, und dennoch lieben? Kann etwa die Geschlechtsliebe, wenn sie durch die Augen die Gedanken anregt, beim Antlitz der Frau verweilen? Steigt sie nicht augenblicklich herab zur Brust und noch weiter? Die Äußerungen der Engel, wonach es eine keusche Liebe geben soll, die die allersüßeste sei und einzig den Ehemännern er­reichbar, die in wahrhaft ehelicher Liebe und daher in nie ver­sagender Kraft bei ihren Frauen seien, erscheinen uns als lee­res Geschwätz. Können sie etwa mehr als wir andern beim Anblick von Schönheiten die Vorstellungen ihres Denkens in erhabener Höhe schwebend erhalten, daß sie nicht herab­steigen zu dem, was jene Liebe ausmacht?"

Nach ihnen äußerten sich einige, die gegenüber ihren Gattinnen kalt waren, sich aber für das weibliche Geschlecht erwärmten. Sie sprachen: "Was soll das heißen, keusche Ge­schlechtsliebe? Wird Geschlechtsliebe nicht sogleich zum Widerspruch, wenn man den Begriff der Keuschheit damit verbindet? Es ist ja doch ein Widerspruch in sich selbst (con­tradicito in adjecto), etwas, dem man sein Prädikat nimmt, um es damit aufzuheben! Wie kann die keusche Ge­schlechtsliebe von aller Liebe die süßeste sein, wenn sie durch die Keuschheit ihrer Süßigkeit beraubt wird? Ihr wißt doch alle, wo die Süßigkeit jener Liebe sitzt; wird die damit verbundene Vorstellung verbannt, wo bleibt und woher kommt dann die Süßigkeit?"

Hier erhoben einige Einspruch und sagten: "Wir waren mit den schönsten Frauen zusammen und haben doch keine Begierde empfunden, darum wissen wir, was keusche Ge­schlechtsliebe ist." Ihre Genossen aber, die ihre unreine Lust kannten, ließen das nicht gelten und erwiderten: "Ihr befan­det euch damals lediglich in einem Zustand sexuellen Über­drusses, und zwar aus Unvermögen. Aber das ist keine keusche Geschlechtsliebe, sondern nur das Endstadium der un­keuschen Liebe."

Die Engel, die das alles mit Unwillen angehört hatten, verlangten nun, daß diejenigen sprechen sollten, die auf der rechten Seite oder gegen Süden standen. Diese sagten: "Es gibt eine Liebe des Mannes zum Mann, der Frau zur Frau1, aber auch eine Liebe des Mannes zur Frau und der Frau zum Manne.

1) Anm. d.Ü.'s: Es ist kaum anzunehmen, daß der Verfasser hier an die homosexuelle Liebe denkt, die heute um ihre Gleichberechti­gung kämpft, damals aber 'tabu' war; dennoch könnte man aus seinen Bemerkungen Schlußfolgerungen auf die Art dieser Liebe ziehen.

Alle drei Liebesarten sind völlig verschieden von einander. Die Liebe des Mannes zum Manne ist gewisser­maßen die Liebe des Verstandes zum Verstand, da der Mann dazu geschaffen und geboren wird, verständig zu werden. Die Liebe der Frau zur Frau ist sozusagen die Liebe des Gefühls zum Gefühl für den Verstand der Männer, ist doch die Frau dazu geschaffen und geboren, um die Liebe zum Verstand des Mannes zu werden. Die beiden anderen Liebesarten, die des Mannes zum Mann und der Frau zur Frau, dringen nicht völ­lig in die Brust ein, sondern bleiben draußen und berühren sich nur, verbinden daher die beiden nicht inniger. Darum pflegen Männer wie Wettkämpfer miteinander zu kämpfen, führen Vernunftgründe über Vernunftgründe gegeneinander ins Feld, während zuweilen Frauen ihrer Begierdenwegen mit den Fäusten aufeinander losgehen. Die Liebe des Mannes zur Frau aber ist die Liebe des Verstandes zur Neigung für denselben, und diese dringt völlig ein und verbindet die beiden. Diese Verbindung nun ist jene Liebe. Die Verbindung der Gemüter, nicht aber zugleich der Leiber, bzw. das Streben al­lein nach der Verbindung der Gemüter ist die geistige und damit die keusche Liebe. Sie findet sich nur bei denen, die in wahrhaft ehelicher Liebe und von daher in hervorragender Potenz sind, weil sie um der Keuschheit willen den Einfluß der körperlichen Liebe einer anderen Frau nicht zulassen, sondern nur den ihrer eigenen Gattin. Und weil sich bei ihnen eine derart überragende Potenz zeigt, können sie gar nicht anders als das andere Geschlecht lieben und zugleich alle Un­keuschheit verabscheuen. Deshalb findet sich bei ihnen die keusche Geschlechtsliebe, die im Grunde eine innige geistige Freundschaft ist, die ihre Süßigkeit aus der hervorragenden, aber keuschen Potenz schöpft. Diese Potenz besitzen sie, weil sie jeglicher Art von Hurerei völlig entsagt haben, und keusch ist diese Potenz, weil sie einzig der Gattin gilt, die allein ge­liebt wird. Da nun bei dieser Liebe das Fleisch nicht beteiligt ist, sondern allein der Geist, ist sie keusch, und da die Schön­heit der Frau infolge der eingepflanzten Zuneigung zugleich ins Gemüt eindringt, ist sie süß."

Viele der Umstehenden hielten sich bei diesen Worten die Ohren zu und riefen: "Solche Worte beleidigen unsere Ohren, und was ihr sagt, hat für uns keinen Wert!" Es waren die Unkeuschen, die so sprachen. Nun vernahm man wiederum einen himmlischen Gesang, lieblicher noch als zuvor. Den Unkeuschen aber klang er so scheußlich, daß sie, um den schreienden Dissonanzen, die sie vernahmen, zu ent­kommen, aus dem Amphitheater herausstürzten und entflo­hen. Nur wenige, die weise genug waren, um die eheliche Keuschheit zu lieben, blieben zurück.

Zweite Denkwürdigkeit:

*56. Als ich einst in der geistigen Welt mit Engeln redete, überkam mich das angenehme Ver­langen, den Tempel der Weisheit wiederzusehen, den ich früher schon einmal besucht hatte. Ich fragte sie nach dem Weg dorthin, und sie sagten: "Folge nur immer dem Licht, so wirst du ihn finden." Auf meine Frage, was das heißen solle:

"Folge dem Licht?" antworteten sie: "Unser Licht erglänzt immer mehr, je näher man jenem Tempel kommt. Folge daher der Zunahme des Glanzes. Unser Licht geht nämlich vom Herrn als der Sonne des Himmels aus und ist an und für sich Weisheit." In Begleitung zweier Engel schritt ich nun voran, dem zunehmenden Licht entgegen. Auf steilem Pfad ging es bis zum Gipfel eines Hügels in der südlichen Gegend. Hier fanden wir ein prächtiges Tor. Als der Torwächter die Engel bei mir sah, öffnete er. Und siehe, nun zeigte sich eine aus Pal­men und Lorbeer Bäumen gebildete Säulenhalle, in der wir weitergingen. Die Säulenhalle lief rings herum und endete in einem Garten, in dessen Mitte sich der Tempel der Weisheit erhob. Als ich mich hier näher umsah, erblickte ich einige klei­nere Gebäude, Nachbildungen des Tempels. In ihnen befan­den sich die Weisen. Wir näherten uns einem von ihnen, spra­chen ihn an der Tür an und erklärten ihm, weshalb und wie wir gekommen seien. Er hieß uns willkommen, bat uns einzutre­ten und sagte: "Laßt uns miteinander über die Weisheit sprechen." Ich bemerkte, daß die kleine Wohnung wie in zwei Be­reiche abgeteilt und dabei doch eine war. Sie war mittels einer durchsichtigen Wand geteilt, erschien aber infolge der kri­stallenen Durchsichtigkeit als eine. Als ich mich nach dem Grund erkundigte, wurde mir geantwortet: "Ich bin nicht al­lein, meine Gattin ist bei mir. Wir sind also zwei, dennoch aber nicht zwei, sondern ein Fleisch." "Aber" sagte ich, "ich weiß doch, daß Du ein Weiser bist. Was hat denn der Weise oder die Weisheit mit einer Frau zu schaffen?" Ob dieser Bemer­kung ein wenig unwillig, verzog er das Gesicht, streckte seine Hand aus, und siehe, sogleich waren aus den benachbarten Wohnungen andere Weise da, zu denen er scherzend sagte: "Unser Fremdling hier hat mich gefragt: ,Was hat der Weise oder die Weisheit mit einem Weibe zu schaffen'?" Hierüber lachten alle und sagten: "Was ist denn ein Weiser oder die Weisheit ohne Weib oder ohne Liebe? Die Gattin ist ja die Liebe zur Weisheit des Weisen." Der Hauswirt aber sprach: "Laßt uns ein Gespräch über die Ursachen der Weisheit miteinander führen — zunächst über den Ursprung der Schönheit des weib­lichen Geschlechts." Der Reihe nach äußerten sie sich nun zum Thema.

Der Erste nannte als Ursache, daß die Frauen vom Herrn geschaffen wurden als Neigungen zur Weisheit der Männer, die Neigung zur Weisheit aber sei die Schönheit selbst.

Der Zweite gab folgende Ursache an: "Das Weib wurde vom Herrn geschaffen durch Vermittlung der Weisheit des Mannes; denn vom Manne wurde es genommen. Es ist darum die vom Gefühl der Liebe beseelte Gestalt der Weisheit. Das Gefühl der Liebe ist jedoch das Leben selbst, darum ist das Weib das Leben der Weisheit und der Mann die Weisheit. Das Leben der Weisheit aber ist die Schönheit selbst."

Der dritte Weise nannte als Ursache, daß den Frauen das Innewerden der Wonnen der ehelichen Liebe verliehen und ihr ganzer Leib ein Organ dieses Innewerdens sei; darum könne es gar nicht anders sein, als daß die Wohnung der Won­nen der ehelichen Liebe samt ihrem Innewerden die Schön­heit sei.

Der Vierte sprach: "Der Herr hat dem Manne die Schön­heit und Anmut des Lebens genommen und auf das Weib über­tragen. Darum ist der Mann ohne die Wiedervereinigung mit der Schönheit und Anmut seines Weibes finster, herb, trocken und unliebenswürdig, auch ist er höchstens für sich selbst weise, und das heißt, er ist ein Tor. Wird er aber mit der Schön­heit und lebendigen Anmut seines Weibes vereint, wird er an­genehm, anmutig, lebendig und liebenswürdig, somit weise."

Der Fünfte erklärte, die Ursache liege darin, daß die Frauen als Schönheiten nicht um ihrer selbst, sondern um der Männer willen erschaffen seien, damit die von sich aus harten Männer weich, ihre von Haus aus strengen Gemüter mild und ihre von sich aus kalten Herzen warm würden. "Und das geschieht auch', sprach er, "sofern sie Ein Fleisch werden mit ihren Gattinnen."

Der sechste Weise gab als Ursache folgendes an: "Das Weltall wurde vom Herrn als vollkommenstes Werk geschaf­fen, aber nichts darin ist vollkommener als ein Weib, schön von Angesicht und anmutig von Sitten, und zwar deshalb, damit der Mann dem Herrn Dank sagen möge für seine große Freigebigkeit und sie Ihm vergelte durch Aufnahme der Weis­heit, die von Ihm stammt."

Dies alles und noch manch anderes dieser Art war geäußert worden, als die Gattin jenseits der kristallenen Wand erschien und zu ihrem Gatten sprach "Rede auch Du, wenn Du magst." Das tat er denn auch, und als er sprach, ließ sich in seinen Wor­ten das Leben der Weisheit, das von der Gattin ausströmte, er­kennen: Im Ton seiner Stimme lag nämlich ihre Liebe. So be­stätigte sich die geäußerte Wahrheit durch die Erfahrung.

Hierauf durchstreiften wir den Tempel der Weisheit und seine paradiesische Umgebung. Danach entfernten wir uns. Von Freude erfüllt schritten wir durch die Säulenhalle zum Tor, um auf demselben Weg, den wir heraufgekommen waren, wieder hinabzusteigen.

Die wahre eheliche Liebe

*57. Die eheliche Liebe hat unendlich viele Variationen. Bei keinem Menschen ist sie gleich wie bei einem anderen, auch wenn sie bei vielen ähnlich erscheint, freilich nur unter körperlichen Gesichtspunkten. Aufgrund eines derart groben und stumpfen Urteils kann aber der Mensch solche Dinge nicht genügend unterscheiden. Bei einem Urteil aufgrund körperlicher Gesichtspunkte berücksichtigt das Gemüt allein die äußeren Sinneseindrücke. Wer aber die Dinge geistig beurteilt, sieht die Unterschiede. Noch deutlicher werden sie dem, der seine Urteilsfähigkeit so weit zu erheben vermag, daß er sie von den Sinnen trennt und dadurch in ein klareres Licht erhebt. Er kann sich dann durch seinen Verstand darin bestärken, daß die eheliche Liebe bei keinem Menschen ganz gleich ist wie beim anderen.

Und doch kann niemand — er möge seinen Verstand noch so sehr erheben — die unendlichen Variationen dieser Liebe in klarem Licht erkennen, wenn er nicht zuvor weiß, wie sie ei­gentlich in ihrer Wesenheit und Reinheit beschaffen ist, das heißt wie sie war, als sie dem Menschen zugleich mit dem Leben von Gott eingepflanzt wurde. Kennt man diesen Zustand ihrer höchsten Vollkommenheit nicht, wird man vergeb­lich danach trachten, durch irgendwelche Untersuchungen ihre Variationen zu ergründen. Es wäre dann nämlich kein fester Ausgangspunkt vorhanden, von dem aus man die Un­terschiede ableiten könnte und auf den sie sich beziehen und gleichsam abzielen, so daß sie sich in ihrem wahren Licht und nicht in täuschender Weise aufzeigen ließen.

Darum wollen wir hier damit beginnen, diese Liebe in ihrem echten Wesen zu beschreiben, und da sie so war, als sie dem Menschen zugleich mit dem Leben eingepflanzt wurde, will ich ihren ursprünglichen Zustand beschreiben. In die­sem Zustand war sie wirklich die wahre eheliche Liebe. Darum ist dieser Abschnitt auch so überschrieben. Die einzelnen Punkte dieser Beschreibung sind folgende:

  1. Es gibt eine wahre eheliche Liebe, aber sie ist heutzutage so selten geworden, daß man nicht mehr weiß, worin sie eigentlich besteht, ja kaum daß es sie gibt.

  2. Der Ursprung dieser Liebe ist die Ehe des Guten und Wahren.

  3. Diese Liebe steht in Entsprechung mit der Ehe des Herrn und der Kirche.

  4. Von ihrem Ursprung und ihrer Entsprechung her ist diese Liebe himmlisch, geistig, heilig, rein und makellos vor jeder anderen Liebe, die vom Herrn her bei den Engeln des Himmels und bei den Menschen der Kirche ist.

  5. Sie bildet auch das Fundament aller himmlischen und geistigen, somit auch der natürlichen Arten der Liebe.

  6. In dieser Liebe sind alle Freuden und Wonnen von den ersten bis zu den letzten enthalten.

  7. Niemand erlangt diese Liebe und kann darin bleiben, der sich nicht an den Herrn wendet, die Wahrheiten der Kir­che liebt und das daraus folgende Gute tut.

  8. Bei den Alten, die im Goldenen, Silbernen und Kupfer­nen Zeitalter lebten, war sie die höchste der Liebesarten. Danach verschwand sie allmählich.

Und nun zu den einzelnen Punkten:

(1) Es gibt eine wahre eheliche Liebe, aber sie ist heut­zutage so selten geworden, daß man nicht mehr weiß, worin sie eigentlich besteht, ja kaum, daß es sie gibt.

*58. Man kann zwar erkennen, daß es diese im Folgenden beschriebene eheliche Liebe gibt, denkt man an ihren ersten Zustand, wenn sie sich ins Herz des Jünglings und der Jungfrau stiehlt und dort Wur­zeln schlägt. In diesem Zustand beginnt jeder von ihnen nur das eine Wesen aus dem anderen Geschlecht zu lieben und zu begehren. Dies steigert sich noch zur Zeit der Verlobung, besonders wenn sie sich hinzieht, und schließlich bei der Hochzeit selbst und in der ersten Zeit danach. Wer würde nicht anerkennen und beistimmen, wenn wir sagen, diese Liebe sei die Grundlage jeder Art Liebe und in ihr seien alle Freuden und Wonnen von den ersten bis zu den letzten zusammen­gefaßt? Wer aber wüßte nicht auch, daß dieses Liebesglück nach der ersten angenehmen Zeit allmählich vorübergeht und verschwindet, bis es schließlich kaum noch empfunden wird? Wenn man ihnen dann wie zuvor sagt, diese Liebe sei die Grundlage aller Liebe, so stimmen sie nicht mehr zu und las­sen es nicht gelten. Sie sagen dann vielleicht sogar, es seien Possen oder den Verstand übersteigende Mystifikationen. Daraus wird jedoch deutlich, daß die erste Liebe in der Ehe der wahren ehelichen Liebe nacheifert und sie wie im Bilde einigermaßen erkennen läßt. Der Grund liegt darin, daß in jenem ersten Zustand die unkeusche Geschlechtsliebe gleich­sam ausgestoßen ist und an ihre Stelle die Liebe zu einem ein­zigen Wesen aus dem anderen Geschlecht tritt, also die wahre und keusche eheliche Liebe, und ihre Stelle einnimmt. Wer schaut in diesem Zustand andere Frauen nicht gleichgültig, die eigene aber liebevoll an?

*59. Wenn die wahre eheliche Liebe gleichwohl so selten ist, daß man nicht einmal weiß, wie sie beschaffen ist, ja kaum, daß es sie überhaupt gibt, so liegt es daran, daß nach der Hochzeit die vorher empfundenen Wonnen einer auf man­gelnder Sensibilität beruhenden Gleichgültigkeit weichen. Es gibt zu viele Ursachen für diese Zustandsveränderung, als daß sie hier im einzelnen angeführt werden könnten; das wird erst im Folgenden geschehen, wenn die Ursachen der zuneh­menden Kälte, der Trennungen und Ehescheidungen ihrer Ordnung nach aufgedeckt werden. Dann wird man sehen, daß heutzutage bei den meisten jenes Bild der ehelichen Liebe und damit auch die Kenntnis derselben so weit ausgelöscht ist, daß sie nicht mehr wissen, wie sie beschaffen ist, ja kaum, daß es sie gibt.

Bekanntlich ist jeder Mensch bei seiner Geburt ganz und gar körperlich, wird aber von da an auf immer innerlichere Weise natürlich und so allmählich vernünftig und schließlich geistig. Der Grund für diese allmähliche Entwicklung liegt darin, daß das Körperliche wie ein Boden ist, dem Natürli­ches, Vernünftiges und Geistiges in seiner Ordnung eingesät wird. Auf diese Weise wird der Mensch immer mehr zum Menschen. Etwas ganz Ähnliches geschieht, wenn er in den Stand der Ehe tritt. Dann wird er, weil er sich mit einer Ge­fährtin verbindet, mit der er Einen Menschen bilden soll, ein vollständigerer Mensch. Davon ist, wie oben gezeigt wurde, der erste Zustand einigermaßen ein Bild, beginnt doch auch er beim Körperlichen und entfaltet sich zum Natürlichen, je­doch hinsichtlich des ehelichen Lebens und daher der Ver­bindung zur Einheit. Wer dann das Körperlich Natürliche und lediglich das darauf aufbauende Vernünftige liebt, kann mit einer Gefährtin nur in äußerlicher Weise zur Einheit ver­bunden werden. Erlahmt dann das Äußere, schleicht sich ins Innere Kälte ein. Die Folge ist, daß die Freuden jener Liebe verloren gehen. Zuerst werden sie vom Gemüt her aus dem Körper und nachher vom Körper her auch aus dem Gemüt vertrieben. Schließlich bleibt nichts übrig, nicht einmal mehr die Erinnerung an den anfänglichen Zustand der Ehe, auch nicht dessen Kenntnis.

Da es sich nun heutzutage bei den meisten Menschen so abspielt, ist es nicht verwunderlich, daß man nichts mehr über die wahre Beschaffenheit der ehelichen Liebe weiß, ja kaum, daß es sie überhaupt gibt. Anders verlaufen die Dinge bei den geistigen Menschen. Für sie ist der erste Zustand der Ehe wie eine Einweihung zu nie endenden Glückseligkeiten, die in dem Maße zunehmen, wie sich das geistig Vernünftige des Gemüts und daraus dann das sinnlich Natürliche des Kör­pers der beiden Partner miteinander verbindet und vereinigt. Doch diese sind selten.

(2) Der Ursprung dieser Liebe ist die Ehe des Guten und Wahren.

*60. Jeder intelligente Mensch erkennt an, daß alles im Weltall sich auf Gutes und Wahres bezieht, weil es eine all­gemeine Wahrheit darstellt. Aber auch das ist eine allgemeine, mit der vorigen zusammenhängende Wahrheit, die man an­erkennen muß, da in allem und jedem das Gute mit dem Wah­ren und das Wahre mit dem Guten verbunden ist. Die Ursache, weshalb sich im Weltall alles auf das Gute und Wahre bezieht und das Gute mit dem Wahren verbunden ist, und umgekehrt, liegt darin, daß beide vom Herrn, und zwar als ein Gemein­sames, ausgehen. Es handelt sich dabei um Liebe und Weis­heit. Und weil sie zugleich der Herr sind, sind sie auch von ihm. Alles, was zur Liebe gehört, wird Gutes genannt, alles, was zur Weisheit gehört, Wahres. Und weil beides vom Herrn als Schöpfer ausgeht, so folgt, daß beides auch in allem Er­schaffenen ist. Dies läßt sich verdeutlichen durch Wärme und Licht, die aus der Sonne hervorgehen. Alle Dinge auf Erden verdanken ihnen ihr Sein, denn gemäß ihrer Anwesenheit und Verbindung sprießt alles hervor. Die natürliche Wärme aber entspricht der geistigen, nämlich der Liebe, und das natürli­che Licht entspricht dem geistigen, nämlich der Weisheit.

*61. Im folgenden Abschnitt soll dargelegt werden, daß die eheliche Liebe der Ehe des Guten und Wahren entspringt. Hier wird es nur erwähnt, um zu zeigen, daß diese Liebe himmlisch, geistig und heilig ist, weil sie himmlischen, geistigen und heiligen Ursprungs ist. Damit man erkennen kann, daß die eheliche Liebe der Ehe des Guten und Wahren entspringt, muß in aller Kürze folgendes gesagt werden: Oben hieß es, in allem und jedem Erschaffenen finde sich eine Verbindung des Guten und Wahren. Eine Verbindung entsteht aber nur, wenn sie wechselseitig ist, denn wenn sie nur einseitig bleibt, löst sie sich alsbald von selbst auf. Da nun eine wechselseitige Ver­bindung des Guten und Wahren besteht, muß es ein Wahres des Guten bzw. aus dem Guten und ein Gutes des Wahren, bzw. aus dem Wahren geben.

Im folgenden Abschnitt wird man sehen, daß das Wahre des Guten bzw. das Wahre aus dem Guten im Mann und das eigentlich Männliche ist, während das Gute des Wahren bzw. das Gute aus dem Wahren in der Frau und das eigentlich Weib­liche ist, ferner daß zwischen beiden eine eheliche Verbin­dung besteht. Hier wurde es nur angeführt, um eine vorläufige Idee davon zu vermitteln.

(3) Diese Liebe steht in Entsprechung mit der Ehe des Herrn und der Kirche.

*62. Das soll heißen: So wie der Herr die Kirche liebt und will, daß die Kirche ihn liebe, so sollen auch Mann und Frau einander lieben. Die Entsprechung zwi­schen beiden ist in der Christenheit bekannt [vgl. Paulus im Brief an die Epheser, Kap. 5; d.Ü.]. Doch wie sie beschaffen ist, weiß man noch nicht. Daher wird diese Entsprechung ebenfalls in einem besonderen Abschnitt dargelegt werden. Hier wird sie nur erwähnt, damit man erkennen kann, daß die eheliche Liebe deshalb himmlisch, geistig und heilig ist, weil sie der himmlischen, geistigen und heiligen Ehe des Herrn und der Kirche entspricht. Diese Entsprechung ergibt sich auch aus dem Ursprung der ehelichen Liebe in der Ehe des Guten und Wahren, über die der vorige Abschnitt han­delte, und zwar weil die Ehe des Guten und Wahren die Kir­che beim Menschen ist. Die Ehe des Guten und Wahren ist dasselbe wie die Ehe der Liebe und des Glaubens, weil das Gute zur Liebe und das Wahre zum Glauben gehört. Man muß anerkennen, daß diese Ehe die Kirche bildet, ist es doch eine allgemein gültige Wahrheit, und jede solche Wahrheit wird anerkannt, sobald man sie hört. Dies beruht auf dem Einfluß des Herrn und zugleich auf der Bestätigung seitens des Him­mels. Da nun die Kirche des Herrn ist, weil sie von Ihm stammt und weil die eheliche Liebe der Ehe des Herrn und der Kirche entspricht, so kommt diese Liebe vom Herrn.

*63. Im oben angekündigten Abschnitt wird deutlich gemacht werden, wie vom Herrn die Kirche und durch sie die eheliche Liebe zwischen zwei Ehegatten gebildet wird. Hier nur soviel, daß die Kirche vom Herrn beim Manne und durch ihn bei der Frau gebildet wird und daß sie, wenn dies bei bei­den geschehen ist, eine vollständige Kirche darstellt. Denn dann kommt es zu einer völligen Verbindung des Guten und Wahren, und diese Verbindung ist die Kirche. Im Folgenden wird der Reihe nach begründet und bestätigt werden, daß die verbindende Zuneigung, also die eheliche Liebe, gleichen Schritt hält mit der Verbindung des Guten und Wahren, also mit dem Entstehen der Kirche im Ehepaar.

(4) Von ihrem Ursprung und ihrer Entsprechung her ist diese Liebe himmlisch, geistig, heilig, rein und makellos vor jeder anderen Liebe, die vom Herrn her bei den Engeln des Himmels und den Menschen der Kirche ist.

*64. Soeben ist kurz und vorläufig bestätigt worden, daß die eheliche Liebe diese Beschaffenheit aufweist aufgrund ihres Ursprungs in der Ehe des Guten und Wahren, ebenso auch wegen ihrer Ent­sprechung zur Ehe des Herrn mit der Kirche des Herrn. Diese beiden Ehen sind das Heilige selbst, und die eheliche Liebe gleicht einem Absenker von ihnen. Wird daher die eheliche Liebe aus dem Herrn selbst als ihrem Urheber aufgenommen, so folglich auch seine Heiligkeit und daher wird sie bestän­dig geläutert und gereinigt. Wenn dann der Mensch willentlich ein Verlangen und Streben nach ihr entwickelt, wird die ehe­liche Liebe bei ihm von Tag zu Tag und bis in Ewigkeit reiner und lauterer.

Die eheliche Liebe wird himmlisch und geistig genannt, weil sie sich bei den Engeln in den Himmeln findet. Bei den Engeln des obersten Himmels, den sogenannten himmli­schen Engeln, ist sie himmlisch, bei denen des darunter lie­genden Himmels, den sogenannten geistigen Engeln, ist sie geistig. Die Engel heißen so, weil die himmlischen in der Liebe und daraus in der Weisheit leben, die geistigen aber in der Weisheit und daraus in der Liebe. Ebenso verhält es sich mit dem Wesen ihrer Ehen.

Da sich nun die eheliche Liebe sowohl bei den Engeln der oberen wie der unteren Himmel findet, wie dies auch im ersten Abschnitt über die Ehen im Himmel gezeigt wurde, so ist klar, daß sie heilig und rein ist. Wenn gesagt wird, diese Liebe sei in ihrem Wesen und aufgrund ihrer Abstammung heilig und rein vor jeder anderen Liebe bei Engeln und Men­schen, so darum, weil sie gleichsam das Haupt aller übrigen Liebesarten bildet. Über diese ihre Erhabenheit soll im fol­genden Artikel mehr gesagt werden.

(5) Die eheliche Liebe ist auch das Fundament aller himmlischen, geistigen und somit auch der natürlichen Liebesarten.

*65. Die eheliche Liebe ist ihrem Wesen nach deshalb das Fundament aller Liebe des Himmels und der Kirche, weil sie der Ehe des Guten und Wahren entspringt, aus der alle Arten der Liebe hervorgehen, die den Himmel und die Kirche beim Menschen bilden. Das Gute dieser Ehe macht die Liebe, ihr Wahres die Weisheit aus, und wenn sich die Weisheit zur Liebe gesellt oder auch mit ihr verbindet, wird die Liebe zur Liebe, und wenn die Liebe sich zur Weisheit gesellt und mit ihr ver­bindet, wird die Weisheit zur Weisheit. Die wahre eheliche Liebe ist nichts anderes, als die Verbindung zwischen Liebe und Weisheit. Zwei Ehegatten, zwischen denen oder in denen diese Liebe gleichen Schritt hält (in quibus simul est ille amor), sind Bild und Form derselben. Auch in den Himmeln, wo das Antlitz der Engel ein echtes Abbild ihrer liebenden Gefühle ist, sind alle Ähnlichkeiten der ehelichen Liebe, wohnt diese ihnen doch nicht nur im allgemeinen, sondern in allen Einzelheiten inne, wie schon oben gezeigt wurde. Da nun die beiden Ehe­gatten in Bild und Form jene Liebe sind, ist auch jede Liebe, die aus der Form der Liebe selbst hervorgeht, als Ergebnis ein Bild davon. Ist daher die eheliche Liebe himmlisch und geistig, sind es auch die von ihr abgeleiteten Arten der Liebe. Folglich ist die eheliche Liebe wie ein Vater, die übrigen Arten der Liebe wie seine Kinder. Damit hängt es auch zusammen, daß in den Ehen der Engel in den Himmeln geistige Kinder gezeugt werden, Kinder der Liebe und Weisheit oder des Guten und Wahren, worüber man oben in #51 nachlesen kann.

*66. Ähnliches ergibt sich offenbar daraus, daß die Menschen in diese Liebe geschaffen wurden und infolgedessen eine entsprechende Form aufweisen. Der Mann ist dazu geschaffen, daß er es liebt, weise zu sein und so zur Weisheit zu werden, während die Frau dazu geschaffen ist, die Liebe des Mannes aus seiner Weisheit heraus und ihr entsprechend zu werden. Das zeigt, daß zwei Ehegatten recht eigentlich die Formen und Bilder der Ehe zwischen der Liebe und Weisheit bzw. zwischen dem Guten und Wahren sind. Man muß aber wissen, daß es weder ein Gutes noch ein Wahres ohne Sub­stanz gibt, die ihnen als Unterlage dienten (quod non sit in substantia ut in suo subjecto). Es gibt kein abstrakt Gutes und Wahres, weil es keine Grundlage hätte und nirgends wäre, ja nicht einmal als etwas Flüchtiges erscheinen könnte. Ab­straktes Gutes und Wahres sind daher Dinge, die sich die Ver­nunft zwar einbilden mag, in Wirklichkeit aber nur in Ver­bindung mit etwas Dinglichem (in subiectis) denken kann. Denn jede Vorstellung des Menschen, wie erhaben sie auch sein mag, ist substantiell, d.h. an Substanzen gebunden. Zudem muß man wissen, daß es keine Substanz ohne Form gibt. Eine formlose Substanz ist ein Nichts, da von ihr nichts ausgesagt werden kann. Ein Subjekt ohne Prädikat aber ist ein Unding. Diese philosophischen Bemerkungen wurden angeführt, um auch auf diese Weise zu zeigen, daß zwei Ehe­gatten, die in wahrer ehelicher Liebe leben, tatsächlich For­men der Ehe des Guten und Wahren bzw. der Liebe und Weis­heit sind.

*67. Weil die natürlichen Liebesarten aus den geistigen hervorgehen, die geistigen aber aus den himmlischen, darum hieß es, die eheliche Liebe sei das Fundament aller himmlischen und geistigen, folglich auch aller natürlichen Liebes­arten. Die natürlichen Liebesarten beziehen sich auf die Selbst  und Weltliebe, die geistigen auf die Nächstenliebe, und die himmlischen auf die Liebe zum Herrn. Wegen dieser Be­züge der verschiedenen Liebesarten ergibt sich auch, in wel­cher Ordnung sie aufeinander folgen und in welcher sie beim Menschen stehen. Folgen sie der genannten Ordnung, so leben die natürlichen Liebesarten des Menschen aus den gei­stigen, diese wiederum aus den himmlischen, und alle zu­sammen aus dem Herrn, von dem sie stammen.

(6) In dieser Liebe sind alle Freuden und Wonnen von den ersten bis zu den letzten enthalten.

*68. Alles, was der Mensch nur immer als angenehm empfindet, hängt mit seiner Liebe zusammen, die sich darin offenbart, ja dadurch existiert und lebt. Bekannt ist, daß sich angenehme Empfindungen im selben Maße steigern, wie sie die Liebe, bzw. je mehr die emp­fangenen Eindrücke (incidentes affectiones) die herrschende Liebe berühren. Weil nun die eheliche Liebe die grundlegende Liebe aller guten Liebesarten ist, dem Menschen, wie oben gezeigt wurde, bis in alle Einzelheiten eingepflanzt, so über­treffen ihre angenehmen Empfindungen die aller anderen Lie­besarten und erfüllen diese auch, wo sie vorhanden und so­weit sie mit ihr verbunden sind, mit Lustgefühlen. Sie erwei­tert nämlich das Innerste des Gemüts zugleich mit dem Innersten des Körpers, ähnlich wie die liebliche Ader einer Quelle diese durchfließt und erschließt.

Wenn gesagt wurde, daß in dieser Liebe alle Wonnen von den ersten bis zu den letzten enthalten sind, so deshalb, weil ihr Nutzen den aller anderen Liebesarten übersteigt. Dieser Nutzen ist die Fortpflanzung des Menschengeschlechts und von daher des Engelhimmels. Weil dieser Nutzen der End­zweck aller Endzwecke der Schöpfung ist, müssen in dieser Liebe alle Seligkeiten, Freuden, Annehmlichkeiten, Lieblich­keiten und Genüsse, die der Herr und Schöpfer dem Men­schen irgend geben konnte, enthalten sein.

Die angenehmen Empfindungen sind Folgen der Nutz­wirkungen und werden je nach der Liebe dazu in den Men­schen gelegt. Das zeigt sich an den Freuden, die uns von den Augen und Ohren, von Geruch, Geschmack und Tastgefühl vermittelt werden. Jedem dieser fünf Sinne sind ihren spezi­fischen Nutzwirkungen entsprechend Freuden der verschie­densten Art zugeordnet. Warum dann nicht auch dem Sinn der ehelichen Liebe, deren Nutzwirkung der Inbegriff aller übrigen Nutzwirkungen ist?

*69. Es ist mir klar, daß nur wenige anerkennen werden, daß alle Freuden und Wonnen von den ersten bis zu den letzten in der ehelichen Liebe zusammengefaßt sind. Denn heut­zutage ist die eheliche Liebe so selten, daß man, wie oben #58 f. dargelegt und nachgewiesen wurde, nichts über ihr Wesen weiß, ja nicht einmal, daß es sie wirklich gibt. In einer anderen als der echten ehelichen Liebe finden sich die ge­nannten Freuden und Wonnen nicht. Und weil nun diese Liebe auf Erden so selten geworden ist, lassen sich ihre höch­sten Seligkeiten nur noch aus dem Munde der Engel beschreiben, weil sie in dieser Liebe leben.

Die Engel sagten: Die innigsten Freuden dieser Liebe sind seelischer Art, in die zuerst das Eheliche der Liebe und Weis­heit bzw. des Guten und Wahren vom Herrn einfließt. Diese sind nicht wahrnehmbar und daher unaussprechlich, weil sie zugleich Freuden des Friedens und der Unschuld sind. Erst im Niedersteigen werden sie mehr und mehr wahrnehmbar — in den obersten Regionen des Gemüts als Seligkeiten, in den unteren als Beglückungen, von daher in der Brust als Ange­nehmes, und von dort aus ergießen sie sich weiter in alle Ein­zelheiten des Körpers. Schließlich vereinigen sie sich im Letz­ten zur Wonne der Wonnen.

Die Engel berichteten Wunderbares darüber. So sagten sie unter anderem, die Vielfalt dieser Wonnen sei in der Seele der Ehegatten und von da aus in ihrem Gemüt und schließlich in ihrer Brust unendlich und auch ewig. Je nach der Weisheit bei den Männern würden sie gesteigert, und zwar weil sie ewig in der Blüte ihrer Jahre blieben und es für sie keine größere Seligkeit gebe als immer weiser zu werden. Weiteres über diese von den Engeln berichteten Wonnen findet man in den Denkwürdigkeiten im Anschluß an die folgenden Kapitel.

(7) Niemand erlangt diese Liebe und niemand kann darin bleiben, der sich nicht an den Herrn wendet, die Wahr­heiten der Kirche liebt und das daraus folgende Gute tut.

*70. Es heißt, daß niemand diese Liebe erlangt, der sich nicht an den Herrn wendet, weil die monogamischen Ehen, die Ehe eines Mannes mit einer Frau, der Ehe des Herrn und der Kirche ent­sprechen und weil ihr Ursprung die Ehe des Guten und Wah­ren ist, wie oben #60 und 62 ausgeführt wurde. Dies läßt sich noch nicht vollständig darlegen, weil jene beiden Geheim­nisse gesondert behandelt werden müssen, was in den fol­genden Abschnitten geschehen soll, von denen einer den Ur­sprung der ehelichen Liebe in der Ehe des Guten und Wahren, der andere aber die Ehe des Herrn mit der Kirche samt ihrer Entsprechung behandeln wird. Die Folgerung daraus, daß sich die eheliche Liebe beim Menschen je nach dem Zustand der Kirche in ihm verhält, wird dann ebenfalls deutlich werden.

*71. Tatsächlich kann niemand in der wahren ehelichen Liebe sein, der sie nicht vom Herrn her in sich aufnimmt, also niemand, der sich nicht unmittelbar an Ihn wendet und von Ihm her ein Leben der Kirche lebt. Denn diese Liebe ist in ihrem Ursprung und in ihrer Entsprechung himmlisch, geistig, heilig, rein und lauter vor allen anderen Liebesarten, die sich bei den Engeln des Himmels und bei den Menschen der Kir­che finden. Das wurde oben #64 gezeigt. Diese Eigenschaf­ten können sich aber nur bei jemandem finden, der mit dem Herrn verbunden und von Ihm den Engeln des Himmels bei­gesellt worden ist. Menschen dieser Art fliehen nämlich alle außerehelichen Liebesarten — d.h. alle Verbindungen außer mit der eigenen Gattin oder dem eigenen Gatten — als das Ver­derbnis der Seele und Höllenpfuhl. Je nachdem, wie die Gat­ten auch in ihrem Willen die Gelüste und die daraus ent­springenden Absichten fliehen, wird diese Liebe bei ihnen gereinigt und nach und nach geistig, zuerst schon während sie auf Erden leben, nachher dann im Himmel. Doch weder bei den Menschen noch bei den Engeln kann eine Liebe, somit auch diese Liebe je ganz rein werden. Weil der Herr aber vor allem das Streben des Willens ansieht, wird der Mensch, soweit er sich bestrebt und darin beharrt, auch in die Reinheit und Heiligkeit der wahren ehelichen Liebe ein­geführt und wächst darin.

In die geistige eheliche Liebe kann lediglich jemand aus dem Herrn gelangen, weil in ihr der Himmel ist. Der natürli­che Mensch, der die Lust der ehelichen Liebe nur vom Sinn­lichen ableitet, kann weder dem Himmel noch einem Engel nahen, ja nicht einmal einem Menschen, in dem wahre eheliche Liebe ist. Wie oben #65 67 dargelegt wurde, ist diese die fundamentale Liebe aller himmlischen und geistigen Liebes­arten. Durch viele Erfahrungen ist mir dies zur Gewißheit ge­worden. Ich sah in der geistigen Welt Genien, die zur Hölle vorbereitet wurden, wie sie sich an einen Engel heranmachen wollten, der sich mit seiner Gattin ergötzte. Doch als sie näher kamen, wurden sie schon von weitem wie Furien, suchten Höhlen und Gruben auf und stürzten sich hinein, um darin Zuflucht zu finden. Schon aus dem, was in den Vorbemer­kungen in #10 gesagt wurde, kann man darauf schließen, daß die bösen Geister das lieben, was mit ihrer Neigung überein­stimmt, so unrein es auch sein mag. Daher spüren sie Wider­willen vor einem himmlischen Geist, der Reinheit verkörpert und im Widerspruch zu ihrer Neigung steht.

*72. Niemand erlangt diese Liebe und niemand kann darin sein, wenn er nicht die Wahrheiten der Kirche liebt und das in ihnen enthaltene Gute tut, weil niemand anders vom Herrn aufgenommen wird. Nur er ist in Verbindung mit Ihm und kann daher von Ihm in dieser Liebe erhalten werden.

Zweierlei macht die Kirche und daher den Himmel beim Menschen aus: das Wahre des Glaubens und das Gute des Lebens. Das Wahre des Glaubens bewirkt die Gegenwart des Herrn und das Gute des Lebens gemäß den Glaubens Wahr­heiten die Verbindung mit Ihm, und so die Kirche und den Himmel. Das Wahre des Glaubens bewirkt die Gegenwart des Herrn, weil es zum Licht gehört, und das geistige Licht nichts anderes ist. Das Gute des Lebens bewirkt die Verbindung, weil es zur Wärme gehört, und geistige Wärme auch nichts ande­res ist als Liebe. Das Gute des Lebens aber gehört der Liebe an. Bekannt ist, daß alles Licht, auch im Winter, Gegenwart be­wirkt, Licht gemeinsam mit Wärme aber Verbindung. Gärten und Blumenbeete kann man in jedem Licht sehen, sie blühen aber nur und bringen Früchte, wenn sich mit dem Licht die Wärme verbindet. Daraus ergibt sich, daß der Herr mit der wahren ehelichen Liebe nur die beschenkt, welche die Wahr­heiten der Kirche wissen und tun, nicht aber jene, die sie bloß wissen, aber nicht tun.

(8) Bei den Alten, die im Goldenen, Silbernen und Kupfernen Zeitalter lebten, war die eheliche Liebe die höch­ste aller Liebesarten.

*73. Geschichtlich ist nicht belegt, daß die eheliche Liebe bei den Alten in den genannten Zeitaltern die höchste aller Liebesarten (Amor amorum) gewesen ist, weil von ihnen keine schriftlichen Zeugnisse vorliegen. Was von alten Schriften noch vorhanden ist, stammt von Schriftstellern einer späteren Zeit. Aber darin wird von den Alten gespro­chen und die Reinheit und Lauterkeit ihres Lebens beschrie­ben, wie auch deren allmähliche Abnahme, ähnlich wie die Zeitalter vom Goldenen zum Eisernen herabsteigen. Das letzte, das Eiserne, das mit jenen Schriftstellern begonnen hat, läßt sich einigermaßen aus den Lebensgeschichten einiger Könige, Richter und Weisen, Sophi genannt, erkennen. Beim Propheten Daniel findet sich die Weissagung, daß dieses Zeit­alter nicht wie Eisen Bestand haben, sondern wie mit Ton ver­mischtes Eisen sein werde, die beide nicht zusammenhalten. Da nun die nach Gold, Silber und Kupfer benannten Zeital­ter vor der Zeit der schriftlichen Überlieferung liegen, es also keine Kenntnis ihrer auf Erden geführten Ehen mehr geben kann, hat es dem Herrn gefallen, mir deren Kenntnis auf gei­stigem Wege zu eröffnen. Zu diesem Zweck führte er mich in die Himmel ein, in denen sich ihre Wohnstätten finden, damit ich dort aus ihrem Munde etwas über die Beschaffenheit der Ehen in ihren Zeitaltern auf Erden vernähme. Denn alle Menschen, die von Beginn der Schöpfung an aus der natürlichen Welt abgeschieden sind, befinden sich in der geistigen Welt und sind hinsichtlich ihrer Liebe noch die gleichen und blei­ben es auch in Ewigkeit.

Da diese Dinge wert sind, erzählt und gewußt zu wer­den, und weil sie die Heiligkeit der Ehen bestätigen, will ich sie öffentlich bekannt machen, so wie sie mir bei wachem Geist gezeigt und hernach durch einen Engel ins Gedächtnis zurückgerufen und von mir niedergeschrieben wurden. Und weil sie wie die übrigen Zusätze nach den einzelnen Kapiteln der Abhandlung aus der geistigen Welt stammen, wollte ich sie wie die aufeinanderfolgenden Zeitalter (secundum Progres­siones Aetatum) in sechs Denkwürdigkeiten gliedern.

*74. Diese sechs Denkwürdigkeiten aus der geistigen Welt betreffen die eheliche Liebe und offenbaren ihre Beschaffenheit in den ersten und den darauffolgenden Zeital­tern bis zur heutigen Zeit. Aus ihnen ergibt sich, daß diese Liebe nach und nach von ihrer Heiligkeit und Reinheit abge­wichen ist und zuletzt einen lasterhaften Charakter annahm (usque dum factus est scortatorius), aber auch, daß noch Hoffnung auf Wiederherstellung ihrer ursprünglichen oder alten Heiligkeit besteht.

Erste Denkwürdigkeit.

*75. Als ich einst über die eheliche Liebe nachdachte, überkam mich das Verlangen zu erfahren, welchen Charakter diese Liebe bei den Menschen des Gol­denen Zeitalters hatte, dann aber auch, wie sie bei denen war, die in den nach dem Silber, Kupfer und Eisen benannten Zeit­altern lebten. Weil ich wußte, daß von ihnen alle, die einen guten Lebenswandel geführt hatten, in den Himmeln sind, betete ich zum Herrn, mir die Erlaubnis zu erteilen, mit ihnen zu sprechen und von ihnen belehrt zu werden. Und siehe, ein Engel stand bei mir und sagte: "Ich bin vom Herrn ge­sandt, dein Führer und Gefährte zu sein. Zuerst will ich dich zu denen führen und begleiten, die im ersten Weltalter, dem sogenannten Goldenen, gelebt haben." Dann sagte er: "Der Weg zu ihnen ist schwierig; er führt durch einen dunklen Wald, den niemand ohne einen ihm vom Herrn beigegebe­nen Führer durchschreiten kann." Ich war im Geist und machte mich für den Weg bereit. Wir wandten das Angesicht gen Osten. Beim Voranschreiten sah ich einen Berg, der bis über die Wolken emporragte. Wir durchquerten eine große Wüste und kamen schließlich in den aus den verschieden­sten Bäumen bestehenden dichten und dunklen Wald, von dem der Engel zuvor gesprochen hatte. Mehrere schmale Fußpfade durchquerten ihn. Der Engel bezeichnete sie als Irrwege, auf denen die Wanderer in die rundum an den Sei­ten gelegenen Höllen gelangten, sofern ihnen nicht vom Herrn die Augen geöffnet würden, so daß sie die von Wein um­rankten Ölbäume bemerkten und ihre Schritte von einem Ölbaum zum nächsten lenkten. Der Wald habe jedoch diese Beschaffenheit, um den Zugang zu dem Berge zu versperren, auf dem kein anderes Volk als das uranfängliche wohne. Als wir den Wald betraten, wurden unsere Augen aufgetan, und wir sahen hie und da Ölbäume, umrankt von Weinstöcken, an denen Trauben von cyanenblauer Farbe hingen. Die Öl­bäume bildeten fortlaufende Kreise, und wir gingen, als wir ihrer ansichtig wurden, in ständigen Kreisbewegungen, bis wir endlich einen Hain aus hohen Zedern erblickten, auf denen mehrere Adler saßen. Als er sie entdeckt hatte, sprach der Engel: "Jetzt sind wir nicht mehr weit vom Gipfel." Wir schritten weiter, und siehe, da fanden wir hinter dem Hain ein kreisrundes Gefilde, auf dem Schafe und Lämmer weideten, die repräsentativen Formen des unschuldigen und friedvol­len Zustands der Bergbewohner. Als wir das Feld durchquert hatten, siehe, da erschienen Zelte, dicht an dicht zu etlichen Tausenden und nach allen Richtungen, vorwärts und seit­wärts, soweit das Auge reichte. Der Engel sagte: "Jetzt sind wir im Lager, hier sind die Heerscharen des Herrn Jehovah. So nennen sie sich und ihre Wohnstätte. Die Ältesten pflegten in der Welt in Zelten zu wohnen und tun es daher auch jetzt. Doch laßt uns den Weg nach Süden einschlagen, wo sich die Weiseren von ihnen aufhalten, damit wir jemanden treffen, mit dem wir uns unterhalten können."

Unterwegs erblickte ich von ferne drei Knaben und drei Mädchen, die am Eingang eines Zeltes saßen. Doch als wir näher kamen, erschienen sie uns als Männer und Frauen mittlerer Größe. Der Engel erklärte: "Alle Bewohner dieses Berges erscheinen von ferne wie Kinder, weil sie im Stand der Unschuld sind, die Kindheit aber die Erscheinung der Un­schuld ist." Als sie uns erblickten, kamen die Männer zu uns hergelaufen und sagten: "Woher seid ihr, und wie seid ihr hierher gekommen? Euren Gesichtern nach seid ihr nicht von unserem Berg." Der Engel erklärte es ihnen, berichtete von unserer Erlaubnis, den Wald zu durchqueren und nannte auch die Ursache unseres Kommens. Nachdem sie das gehört hatten, lud uns einer der drei Männer ein und führte uns in sein Zelt. Er war angetan mit einem hyazinthfarbenen Oberkleid und einem Untergewand von weißer Wolle. Seine Frau trug ein Purpurkleid und darunter ein Brustgewand von ge­sticktem Byssus.

Weil in meinen Gedanken das Verlangen lag, die Ehe der Ältesten kennenzulernen, blickte ich bald den Mann, bald seine Frau an, wobei ich in ihren Gesichtern die Einheit ihrer Seelen wahrnahm. Darum bemerkte ich: "Ihr beiden seid eins." Der Mann antwortete: "Das sind wir tatsächlich. Ihr Leben ist in mir, und meines in ihr. Wir sind zwei Körper, aber eine Seele. Zwischen uns besteht ein Einklang wie zwischen den beiden Zeltkammern in der Brust, Herz und Lunge ge­nannt. Sie ist mein Herz, und ich bin ihre Lunge. Doch weil wir hier unter dem Herzen die Liebe verstehen und unter der Lunge die Weisheit, so ist sie die Liebe meiner Weisheit, und ich bin die Weisheit ihrer Liebe. Deshalb umhüllt auch ihre Liebe von außen her meine Weisheit, und meine Weisheit ist von innen her in ihrer Liebe. Daher rührt die von dir bemerkte Erscheinung seelischer Einheit in unseren Gesichtern."

Nun fragte ich weiter: "Wenn eine solche Einheit besteht, kannst du dann auch eine andere Frau als deine eigene anblicken?" Darauf antwortete er: "Ich kann es, doch weil meine Gattin mit meiner Seele vereinigt ist, blicken wir sie beide zu­gleich an, und so kann nicht das geringste von Begierde ein­dringen. Sehe ich nämlich die Ehefrauen anderer an, so durch die Augen meiner eigenen, die allein ich liebe. Und weil sie alle meine Neigungen wahrnehmen kann, leitet sie als Ver­mittlerin meine Gedanken, entfernt daraus alles Entzweiende (abstrahit omne discors) und flößt zugleich Abscheu vor aller Unkeuschheit ein. Daher ist es uns hier ebenso unmöglich, die Ehefrau irgend eines anderen mit Begierde anzublicken, wie es unmöglich ist, aus der Finsternis des Tartarus das Licht unseres Himmels zu erblicken. Darum gibt es auch bei uns keine Denkvorstellung, geschweige denn ein Wort für die Reize der wollüstigen Liebe." Tatsächlich vermochte er das Wort "Hurerei" nicht auszusprechen, weil dem die Keusch­heit ihres Himmels widerstrebte.

Mein Engel Führer nahm wieder das Wort und sagte: "Du hörst jetzt die Sprache der Engel dieses Himmels, sie ist die Sprache der Weisheit, weil sie nämlich aus den Ursachen ent­steht." Nun blickte ich um mich und sah, wie ihr Zelt gleichsam mit Gold überzogen war. Nach der Ursache befragt, antwor­tete er: "Es kommt von dem flammenden Licht, das wie Gold glänzt und auf die Vorhänge unseres Zeltes fällt, während wir uns über die eheliche Liebe unterhalten. Dann entfaltet sich nämlich die Wärme unserer Sonne, die ja ihrem Wesen nach Liebe ist, und färbt das Licht, das seinem Wesen nach Weisheit ist, mit ihrem goldenen Schein. Das geschieht, weil die eheli­che Liebe in ihrem Ursprung ein Spiel zwischen Weisheit und Liebe ist, ist doch der Mann als Verkörperung der Weisheit geboren (ut sit sapientia), die Frau aber als Verkörperung der Liebe zur Weisheit des Mannes (ut sit amor sapientiae viri). Darin liegt der Ursprung der Wonnen dieses Spiels in der ehe­lichen Liebe und der daraus fließenden Wonnen zwischen uns und unseren Gattinnen. Jahrtausende alte Erfahrung hat uns gelehrt, daß diese Wonnen hinsichtlich ihrer Fülle, ihres Gra­des und ihrer Stärke in dem Maße herrlicher und glänzender sind, wie wir den Herrn Jehovah bei uns anbeten, weil von Ihm her diese himmlische Vereinigung bzw. himmlische Ehe der Liebe und Weisheit einfließt." Kaum hatte er dies gesagt, sah ich auf dem Hügel inmitten der Zeltstadt ein großes Licht, und als ich fragte, woher es komme, antwortete er: "Aus der Stiftshütte unseres Kultes." Ich fragte ihn, ob ich sie mir anse­hen dürfe, was er bejahte. Ich ging also hin und betrachtete das Zelt von außen und von innen. Es glich weitgehend der Be­schreibung der Stiftshütte, die für die Kinder Israels in der Wüste errichtet und deren Vorbild Mose auf dem Berge Sinai gezeigt worden war, 2 Mose 25, 40 und 26, 30. Auf meine Frage, was denn inwendig im Tempel sei, von dem ein so großes Licht ausgehe, antwortete er: Eine Tafel mit der Inschrift 'Bund zwi­schen Jehovah und dem Himmel'." Mehr sagte er nicht, und da wir uns gerade zum Gehen anschickten, fragte ich ihn noch, ob wohl auch einige von ihnen in der natürlichen Welt mit mehreren Frauen gelebt hätten. Seine Antwort war, daß er von keinem einzigen wisse, "denn wir konnten nicht einmal an mehrere denken. Jene aber, die doch solche Gedanken gehabt hatten, sagten uns, die himmlischen Seligkeiten ihrer Seelen seien umgehend zurückgewichen vom Innersten bis zum Äußersten, ja bis herab zu den Fußnägeln, und damit zugleich auch die Vorzüge ihrer Männlichkeit. Auch wurden sie, als man das begriffen hatte, aus unseren Ländern ausgestoßen."

Nach diesen Worten lief der Mann zu seinem Zelt, kehrte mit einem Granatapfel zurück, der voll goldener Samenkörner war, und schenkte ihn mir. Ich nahm ihn an als Zeichen, daß wir bei den Menschen gewesen waren, die im Goldenen Zeitalter gelebt hatten. Mit dem Friedensgruß entfernten wir uns und kehrten nach Hause zurück.

Die zweite Denkwürdigkeit.

*76. Am folgenden Tag erschien mir der Engel wieder und sprach: "Soll ich dich zu den Völkern führen und geleiten, die im Silbernen Welt- oder Zeit­alter gelebt hatten, damit wir von ihnen etwas über die Ehen zu ihrer Zeit hören?" Zugleich vermerkte er, daß man auch zu diesen nur unter der Leitung des Herrn kommen könne.

Wie zuvor war ich auch jetzt wieder im Geist und beglei­tete meinen Führer. Zuerst ging's zu einem Hügel an der Grenze zwischen Morgen und Mittag. Als wir oben angelangt waren, zeigte er mir ein ausgedehntes Land. In der Ferne sahen wir etwas wie ein Gebirge aufragen. Zwischen ihm und unserem Hügel erstreckte sich ein Tal. Dahinter lag eine Ebene, aus der sich sanft eine Anhöhe erhob. Wir stiegen den Hügel hinab, um das Tal zu durchqueren. Seitwärts sahen wir ab und zu Statuen aus Holz oder Stein. Sie stellten Menschen und alle möglichen Tiere, Vögel und Fische dar. Als ich den Engel fragte, ob dies Götzenbilder seien, erwiderte er: "Nein, ganz und gar nicht. Es sind Symbole (configurationes reprae­sentativae), die alle möglichen Tugenden und geistigen Wahrheiten im Bilde darstellen. Bei den Völkern dieses Zeit­alters war die Wissenschaft von den Entsprechungen be­kannt, und da jeder Mensch, jedes Tier, jeder Vogel und Fisch irgendeiner Beschaffenheit entspricht, stellt jede Statue eine besondere Tugend oder Wahrheit dar, während mehrere zu­sammen die Tugend oder Wahrheit selbst in ihrer allgemeinen Form und ihrem Umfang abbilden. Es handelt sich um das, was man in Ägypten als geheime Bilderschrift bezeichnete."1

1) Anm. d. Ü.'s: Vgl. die Ausführungen von Dr. Horand Gutfeldt über die verschiedenen Bedeutungs Ebenen der ägyptischen Hierogly­phen, "Studia Swedenborgiana", Newton, MA, USA, vol. 7, #2.

Als wir nach Durchschreiten des Tals auf die Ebene hinaustraten, erblickten wir Pferde und Wagen. Die Pferde trugen unterschiedlichen Hals  und Halfterschmuck, und die Wagen hatten vielfältige Formen, einige waren gestaltet wie Adler, manche wie Hirsche mit Geweihen oder Einhörner, weiter hinten standen auch Lastkarren. An den Seiten ringsumher befanden sich die Ställe. Doch als wir näherkamen, waren Pferde und Wagen verschwunden. An ihrer Statt erblickten wir Menschen, die paarweise spazierengingen und mitein­ander sprachen und disputierten. Der Engel erklärte mir: "Was von weitem wie Pferde, Wagen und Ställe aussah, waren Er­scheinungen (apparentiae) der vernünftigen Einsichten der Menschen dieses Zeitalters. Das Pferd bezeichnet nämlich aufgrund der Entsprechung das Verständnis des Wahren, der Wagen die entsprechende Lehre, und die Ställe die Unterwei­sungen. Du weißt ja, daß in dieser Welt alles seinen Entspre­chungen gemäß erscheint."

Wir gingen weiter und stiegen eine lange, sanfte Steigung hinan. Endlich erblickten wir eine Stadt und traten in sie ein. Während wir Straßen und Marktplätze durchstreiften, betrach­teten wir die Häuser. Sie bestanden aus lauter Palästen, zu denen Stufen von Alabaster hinaufführten, eingerahmt von Säulen aus Jaspis. Auch sahen wir Tempel, errichtet aus kost­baren Steinen von saphir  und lazur-blauer Farbe. Der Engel sagte mir: "Sie haben steinerne Häuser, weil gewöhnliche Steine die natürlichen Wahrheiten, kostbare Steine die geistigen Wahr­heiten bezeichnen. Alle Menschen des Silbernen Zeitalters ge­wannen Einsicht aus den geistigen und so auch aus den natür­lichen Wahrheiten. Ähnliches bedeutet auch das Silber."

Während wir in der Stadt umherstreiften, erblickten wir hin und wieder Bewohner, die zu Zweit gingen. Weil es sich um Ehepaare handelte, hofften wir, irgendwohin eingeladen zu werden, und als uns das durch den Sinn ging, wurden wir auch schon von Zweien in ihr Haus zurückgerufen. Wir stiegen hin­auf und traten ein. Der Engel sprach für mich mit ihnen und eröffnete ihnen die Ursache unseres Kommens in diesen Him­mel; er sagte: "Wir sind hierhergekommen, um Aufschluß zu erlangen über die Ehen bei den Alten, zu denen ihr gehörtet." Sie antworteten: "Wir gehörten zu den asiatischen Völkern. Das Streben unseres Zeitalters zielte ab auf Wahrheiten, durch die wir Einsicht erlangten. Es war wirklich ein Streben, das Seele und Gemüt entsprang. Unsere körperlichen Sinne aber waren bemüht, die Wahrheiten durch Formen zu gestalten, denn sie waren durch unsere Kenntnis der Wissenschaft der Entsprechungen verbunden mit den Wahrnehmungen unse­res Gemüts, und dadurch gewannen wir Einsicht." Als wir das vernommen hatten, bat sie der Engel, etwas über die Ehen bei ihnen zu berichten. Darauf sprach der Ehemann:

"Es besteht eine Entsprechung zwischen der geistigen Ehe, die eine Ehe des Wahren mit dem Guten ist, und der natürlichen Ehe, der Ehe des Mannes mit einer Frau. Und da wir uns auf das Studium der Entsprechungskunde verlegt hatten, erkannten wir, daß die Kirche mit ihren Wahrheiten und ihrem Guten ausschließlich bei denen sein kann, die in wahrhaft ehe­licher Liebe mit einer Frau leben. Die Ehe des Guten und Wah­ren ist nämlich die Kirche beim Menschen. Daher sagen alle, die hier mit uns leben, daß der Ehemann das Wahre und die Ehefrau das Gute sei, und daß das Gute kein anderes Wahres und das Wahre wiederum kein anderes Gutes lieben könne, als das ihm zugehörende. Würde es ein anderes lieben, die in­nere Ehe, welche die Kirche beim Menschen ausmacht, ginge zu Grunde und entartete zu einer rein äußerlichen Ehe, mit der nicht die Kirche, sondern der Götzendienst in Entspre­chung steht. Deshalb bezeichnen wir die Ehe mit einer Frau als ein Heiligtum. Gäbe es bei uns eine Ehe mit mehreren Frauen, so würden wir sie ein Sakrileg, einen Religionsfrevel nennen."

Nach diesen Worten wurden wir ins Vorzimmer geführt, wo wir an den Wänden verschiedene Kunstwerke und kleine Bilder erblickten, die wie aus Silber gegossen waren. Auf meine Frage, was diese Dinge bedeuteten, wurde mir zur Antwort: "Es sind Gemälde und sinnbildliche Darstellungen verschie­dener Qualitäten, Eigenschaften und Freuden, die zur eheli­chen Liebe gehören. Manche stellen die Einheit der Seelen, andere die Verbindung der Gemüter oder die Eintracht der Herzen oder die daraus entspringenden Wonnen dar."

Während wir diese Dinge betrachteten, erschien an der Wand etwas wie ein Regenbogen, der aus drei Farben bestand, Purpur, Hyazinth und einem glänzenden Weiß. Zugleich sahen wir, wie die Purpurfarbe ins Violettblau überging und sich das Weiß zu einem Cyanenblau [kornblumenblau, d.Ü.] verfärbte, das durch's Violettblaue in die Purpurfarbe zurück­floß, um es wie zu einem flammenden Strahlenglanz zu er­heben. Der Ehemann fragte mich nun: "Verstehst du das?" Ich antwortete: "Erkläre mir's!" Da sagte er: "Die Purpurfarbe bedeutet aufgrund ihrer Entsprechung die eheliche Liebe der Frau, das glänzende Weiß die Einsicht des Mannes, die Hya­zinthfarbe den Anfang der ehelichen Liebe in der Wahrneh­mung des Mannes von der Frau, die cyanenblaue Farbe, zu dem sich das glänzende Weiß verfärbte, die eheliche Liebe, wie sie sich danach im Manne darstellt. Diese Farbe floß aber durch's Cyanenblau zurück zur Purpurfarbe, sie zu flammen­dem Strahlenglanz erhöhend, weil dadurch die vom Mann zur Frau zurückfließende eheliche Liebe dargestellt wird."

Solche Dinge werden bei ihnen an den Wänden darge­stellt. Wir aber betrachteten unverwandten Blickes die dort abgebildeten Regenbogen und dachten dabei über die eheli­che Liebe und ihre gegenseitige, sukzessive und gleichzeitige Vereinigung nach.

Ich sagte: "Diese Dinge sind heutzutage mehr als my­stisch; denn sie formen vorbildend die Geheimnisse der ehe­lichen Liebe zwischen einem Manne und einer Gattin." Er be­stätigte das, fügte aber hinzu: "Für uns sind es freilich keine Geheimnisse und darum auch nicht mystisch." Darauf zeigte sich in der Ferne ein von weißen Rössern gezogener Wagen. Wie er ihn erblickte, sprach er: "Das ist ein Zeichen, daß wir uns hinwegbegeben sollen." Wir stiegen die Stufen hinab, und unser Wirt gab uns eine Rebe mit weißen Trauben, die samt ihren Blättern am Weinstock hing; und siehe, die Blätter wur­den zu Silber. Wir aber nahmen sie mit zum Zeichen, daß wir mit den Völkern des Silbernen Zeitalters gesprochen hatten.



Dritte Denkwürdigkeit.

*77. Am darauffolgenden Tag kam der Engel, mein Führer und Begleiter, wieder und sagte: "Mach dich reisefertig. Wir wollen zu den Bewohnern im west­lichen Himmel gehen; dort wohnen Menschen, die im drit­ten bzw. kupfernen Zeitalter auf Erden gelebt hatten. Ihre Wohnstätten reichen vom Süden über den Westen bis gen Norden, doch nicht in den Norden hinein." Als ich reisefertig war, begleitete ich ihn, und wir betraten den genannten Him­mel vom Süden her. Hier befand sich ein prächtiger Park von Palmen und Lorberbäumen, den wir durchquerten. Genau an der westlichen Grenzlinie erblickten wir plötzlich Riesen, doppelt so groß wie normale Menschen. Sie fragten uns, wer uns in den Park hineingelassen habe; der Engel antwortete: "Der Gott des Himmels!" Nun sagten sie: "Wir sind die Wäch­ter am alten abendländischen Himmel, aber geht nur hin­durch!" Beim Weitergehen sahen wir von einer Warte aus einen Berg, der bis zu den Wolken reichte. Zwischen unserer Warte und dem Berg reihten sich Landhäuser an Landhäu­ser, dazwischen erstreckten sich Gärten, Haine und Felder. Wir durchquerten die Region der Landgüter, bis zum Fuß des Berges, den wir bestiegen. Doch siehe, die Spitze war gar keine Spitze, sondern eine Ebene, auf der eine ausgedehnte, große Stadt lag. Alle ihre Häuser bestanden aus dem Holz harziger Bäume, die Dächer aus Brettern. Ich fragte den Engel, warum die Häuser hier aus Holz wären. "Weil Holz das natürliche Gute bedeutet, in dem die Menschen des dritten Erdzeital­ters lebten; weil auch Kupfer das natürliche Gute bezeichnet, wurde ihr Weltalter von den Alten nach dem Kupfer benannt. Hier sind auch die heiligen Gebäude aus dem Holz der Öl­bäume errichtet. Inmitten dieser Gebäude befindet sich das Heiligtum mit einer Lade, in der das Wort liegt, das den Bewohnern Asiens vor dem israelitischen Wort gegeben wor­den war. Die geschichtlichen Bücher desselben heißen 'Die Kriege Jehovah's' und die prophetischen 'Die Sprüche'. Beide werden von Moses genannt, und zwar im 4. Buch, Kap 21, 14 f. und 27 30. Dieses Wort ist heute in den Ländern Asiens nicht mehr vorhanden und wird nur noch in der großen Tatarei1 aufbewahrt"

1) Anm. d.Ü.'s: Gemeint ist höchstwahrscheinlich Tibet, denn die "große Tatarei" umfaßte nach damaliger Anschauung einen Groß­teil der Länder Asiens, in denen nach Swedenborgs Aussage die­ses Alte Wort eben nicht mehr existieren soll. Vgl. die Arbeit von Felix Prochaska "Heidnische Religionen und das Alte Wort" (Swe­denborg Verlag 1974).

Nun führte mich der Engel zu einem Tempel. Wir blick­ten hinein und sahen in seiner Mitte das genannte Heiligtum in hellstem Licht erstrahlen. Der Engel aber sagte: "Dieses Licht entspringt jenem alten asiatischen Wort; denn alles Gött­lich Wahre leuchtet in den Himmeln."

Beim Verlassen des Tempels vernahmen wir, daß sich in der Stadt die Nachricht verbreitet habe, es seien zwei Fremde angekommen, und man müsse sie befragen, woher sie kämen und was sie hier zu suchen hätten. Vom Rathaus her erschien ein Gerichtsdiener und forderte uns auf, vor Gericht zu erscheinen. Auf die Frage, woher wir kämen und was wir hier zu suchen hätten, antworteten wir: "Wir haben den Palmenwald durchquert, ebenso die Standorte der Riesen, der Wäch­ter eures Himmels, und schließlich die Region eurer Land­häuser. Daraus könnt ihr schließen, daß wir nicht eigen­mächtig, sondern mit Erlaubnis des Gottes aller Himmel hierher gekommen sind. Uns hat die Frage nach euren Ehen hierher geführt, wir möchten uns über eure Ehen informieren, ob sie monogamisch oder polygamisch sind." Sie antworteten: "Polygamisch, hieße das nicht hurerisch?"

Nun bestimmte das Gericht einen Verständigen, der uns in seinem Hause Näheres dazu erklären sollte. Dort rief die­ser zunächst seine Gattin herbei und sprach dann: "Von den ersten oder ältesten Menschen haben wir über die Ehen Vorschriften, die bei uns aufbewahrt werden. Sie lebten nämlich in der wahren ehelichen Liebe und daher in der Welt auch mehr als andere in der Kraft und im Vermögen dieser Liebe. Jetzt sind sie in ihrem Himmel, der im Osten liegt, im allerse­ligsten Zustand. Wir sind ihre Nachkommen und Söhne. Als unsere Ahnen hinterließen sie uns Lebensregeln, darunter fol­gende über die Ehe:

'Söhne, wollt ihr Gott und den Nächsten lieben und in Ewigkeit weise und glücklich sein, so raten wir euch, nur ein Weib zur Ehe zu nehmen. Wenn ihr von diesem Gebot abweicht, wird euch alle himmlische Liebe fliehen und damit die innere Weisheit, und ihr werdet verstoßen werden.'

Dies Gebot unserer Väter haben wir als Söhne befolgt und seine Wahrheit erfahren. Insoweit nämlich jemand allein seine Gattin liebt, wird er himmlisch und innerlich; liebt er sie nicht ausschließlich, wird er natürlich und äußerlich. Er liebt dann nur sich und seine Phantasiebilder, kurz, er ist ein Narr und ein Tor. Aus diesem Grunde leben wir alle in diesem Himmel nur mit einer Frau, und weil dem so ist, werden alle Grenzen unseres Himmels vor denen bewacht, die polyga­misch leben, also vor Ehebrechern und Lasterhaften. Drin­gen Anhänger der Vielweiberei trotzdem ein, werden sie in die mitternächtliche Finsternis hinausgestoßen, Ehebrechern drohen dann die Feuerstätten des Abends und den Lasterhaf­ten die Irrlichter des Mittags." Auf meine Frage, was unter den Finsternissen der Mitternacht, den Feuerstätten des Abends und den Irrlichtern des Mittags zu verstehen sei, antwortete er: "Die Finsternisse der Mitternacht sind die Stumpfheit des Geistes und die Unwissenheit in Dingen der Wahrheit. Die Feuerstätten des Abends sind die Liebe zum Bösen und die Irrlichter des Mittags die Verfälschungen des Wahren — diese sind geistige Hurerei." Dann sagte er: "Folgt mir in unsere Schatzkammer." Dort zeigte er uns die Schriften der ältesten Zeit und erklärte uns, daß sie auf Tafeln aus Holz oder Stein, später auf geglättete Baumrinde geschrieben wären, während das zweite Weltalter auf Tierhäute geschrieben habe. Dann brachte er ein Pergament herbei, auf das die Regeln der älte­sten Menschen von den steinernen Tafeln kopiert worden waren, darunter auch das Gebot über die Ehen.

Nachdem wir diese und andere Sehenswürdigkeiten be­trachtet hatten, die aus dem Altertum stammten, sprach der Engel: "Es ist Zeit, daß wir gehen." Unser Wirt trat in den Gar­ten hinaus, brach von einem Baum einige Zweige mit Früch­ten und Blättern ab, band sie zusammen und reichte sie uns mit den Worten: "Diese Zweige sind von einem Baum, der nur hier wächst und eine Besonderheit unseres Himmels ist. Sein Saft verbreitet einen balsamischen Duft." Wir nahmen den Strauß entgegen und stiegen auf einem unbewachten Weg, parallel zum Osten, hinab. Und siehe, die Zweige ver­wandelten sich in glänzendes Erz, die obersten Spitzen aber in Gold — ein Zeichen, daß wir bei dem Volk des dritten Zeit­alters gewesen waren, das seinen Namen dem Kupfer bzw. Erz verdankt.

Vierte Denkwürdigkeit.

*78. Nach zwei Tagen sprach der Engel wiederum zu mir: "Laßt uns den Zyklus der Zeitalter vollends durchlaufen; noch fehlt nämlich das letzte, das nach Eisen benannte. Das Volk dieses Zeitalters lebt im Norden. Sein Gebiet erstreckt sich bis in die Gegend des Abends. Es besteht aus allen alten Bewohnern Asiens, die das Alte Wort hatten und deren Gottesdienst daraus abgeleitet war. Mit an­deren Worten: Sie lebten noch vor der Ankunft unseres Herrn auf Erden. Das ergibt sich auch aus den Schriften der Alten, in denen die Zeitalter so benannt werden. Diese Weltalter wer­den auch durch die Bildsäule bezeichnet, die dem Nebukad­nezar erschien; deren Haupt war aus Gold, Brust und Arme waren aus Silber, Bauch und Lenden aus Erz, die Schenkel aus Eisen, und die Füße bestanden aus einem Gemisch von Eisen und Ton (Dan 2, 32 f.)"

Diese Erklärungen gab mir der Engel auf dem Weg. Die­ser aber war gebildet und vorausbestimmt durch die Zustandsveränderungen, die je nach den Sinnesarten der Bewohner, bei denen wir vorbeikamen, in unseren Gemütern bewirkt wurden. Die Räume und damit auch die Entfernun­gen in der geistigen Welt sind nämlich nur anscheinend vorhanden (sunt apparentiae) und entsprechen den verschiedenen Gemütszuständen.

Als wir die Augen aufhoben, siehe, da befanden wir uns in einem Wald aus Buchen, Kastanien und Eichen, und wie wir uns umschauten, erblickten wir zu unserer Linken Bären und zur Rechten Leoparden. Ich wunderte mich darüber, da sprach der Engel: "Es sind keine Bären und Leoparden, son­dern Menschen, die den Bewohnern des Nordens als Wache dienen. Mit ihrer Nase wittern sie die Lebenssphäre der Vorübergehenden und fallen über alle her, deren Wesen geistig ist; denn die Bewohner hier sind natürlich. Wer das Wort nur liest und keine Lehre daraus schöpft, erscheint von weitem wie ein Bär, und wer aus dem Wort das Falsche begründet, er­scheint wie ein Leopard." Als sie uns sahen, wandten sie sich ab und ließen uns vorbei.

Hinter dem Wald erschienen zunächst Sträucher und Bü­sche, dann Felder, mit Gras bewachsen, in Beete unterteilt und mit Buchsbaum eingefaßt. Danach senkte sich das Land schräg in ein Tal hinab, in dem zahlreiche Städte lagen. Wir gingen an verschiedenen vorüber und betraten dann eine der größeren. Die Gassen wie auch die Häuser waren unregel­mäßig angelegt; es handelte sich um übertünchte Fachwerk­bauten aus Ziegelsteinen. Auf den Hauptplätzen standen Tempel aus behauenem Kalkstein, der Unterbau lag unter, der Oberbau über der Erde. Wir stiegen in einen dieser Tem­pel auf drei Stufen hinab. An den Wänden ringsum erblick­ten wir Bildwerke verschiedener Art, sowie einen Haufen Volks, das auf den Knien davorlag und sie anbetete. In der Mitte befand sich etwas wie ein Chor, aus dem der Schutzgott dieser Stadt mit dem Kopf hervorragte. Beim Herausgehen erklärte mir der Engel, solche Götzenbilder seien bei den Alten, die im silbernen Zeitalter gelebt hätten und von denen weiter oben die Rede war, Sinnbilder geistiger Wahrheiten ge­wesen. Als dann aber die Wissenschaft der Entsprechungen aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden und erlo­schen sei, habe man jene Bildwerke zuerst zu Gegenständen der Verehrung gemacht und nachher als Gottheiten angebe­tet. So sei der Götzendienst entstanden.

Außerhalb des Tempels betrachteten wir dann die Men­schen und ihre Erscheinung genauer. Ihre Gesichtsfarbe war bläulich und glich dem Stahl. Gekleidet waren sie wie Komödianten mit Schärpen, die um die Lenden an einer eng an der Brust anliegenden Tunika herabhingen. Auf dem Kopf trugen sie schiffsförmige Hüte mit breiten Krämpen. Der Engel sagte: "Genug davon! Wir wollen uns nun über die Ehen der Völker dieses Zeitalters unterrichten lassen." Wir betraten das Haus eines Würdenträgers, dem ein turmartiger Hut auf dem Kopf saß. Er nahm uns gütig auf und sprach: "Tretet nur näher, damit wir uns unterhalten können!" So gingen wir in die Vor­halle und setzten uns dort zusammen. Ich befragte ihn über die Ehen in dieser Stadt und Gegend. Er antwortete: "Wir leben hier nicht mit einer Frau, sondern manche mit zweien oder dreien, einige mit noch mehreren. Die Abwechslung, der Ge­horsam und die uns wie einer Majestät erwiesene Ehre er­freuen uns nämlich. All dies wird uns von den Frauen erwie­sen, vorausgesetzt daß es mehrere sind. Wäre es nur eine, ver­mißten wir die Annehmlichkeit der Abwechslung; aus dem Einerlei entstünde Überdruß, statt einschmeichelnden Ge­horsams herrschte lästige Gleichheit, und statt einer be­glückenden Herrschaft und damit der Ehre träte der lästige Streit um die Oberherrschaft. Und übrigens: Was ist denn das Weib? Wird es nicht dazu geboren, dem Manne zu willen zu sein und ihm zu dienen, nicht aber um ihn zu beherrschen? So ist denn bei uns jeder Ehemann etwas wie eine königliche Ma­jestät. Und da das zu unserer Liebe gehört, ist es auch die Seligkeit unseres Lebens." Hier warf ich die Frage ein: "Wo bleibt aber dann die eheliche Liebe, die zwei Seelen vereinigt, die Gemüter verbindet und den Menschen selig macht? Diese Liebe kann nicht geteilt werden, sonst wird sie zur Brunst, die schließlich erkaltet und erlischt." Darauf antwortete er: "Was du da sagst, verstehe ich nicht. Was sonst könnte den Mann se­liger machen als der Wetteifer der Frauen um die Ehre, von seiten ihres Ehemannes vorgezogen zu werden?" Als er das gesagt hatte, ging er ins Frauengemach, öffnete dort zwei Türen und ein Geruch strömte heraus, wie etwas Lüsternes, dem Kot Ähnliches, weil die polygame Liebe ehelich und hu­rerisch zugleich ist. Ich erhob mich daher, schloß die Türen und sagte: "Wie könnt ihr nur in eurem Lande bestehen, da ihr gar keine wahrhaft eheliche Liebe habt und zudem Götzen­bilder anbetet?" Seine Antwort lautete: "Was die eheliche Liebe angeht, so ereifern wir uns so sehr um unsere Weiber, daß wir niemand weiter in unsere Häuser einlassen als in die Vorhalle. Wo Eifersucht ist, da ist aber auch Liebe. Was nun die Götzenbilder anlangt, so beten wir sie keineswegs an. Wir können nur nicht an den Gott des Weltalls denken, ohne Gestalten vor Augen zu haben, weil wir unsere Gedanken nicht über das Sinnliche des Körpers erheben können, vor allem nicht die Gott betreffenden Gedanken über seine sichtbaren Bilder." Hier warf ich die Frage ein: "Haben nicht eure Götzenbilder verschiedene Gestalten   wie können sie aber dann die Anschauung eines einzigen Gottes bewirken?" Die Antwort lautete: "Das ist für uns etwas Mystisches. Etwas von der Verehrung Gottes liegt in jeder Gestalt verborgen." Da sagte ich: "So seid ihr denn ganz und gar körperlich sinnlich und besitzt weder Liebe zu Gott noch eheliche Liebe, in der etwas Geistiges wäre. Und doch bildet diese zwiefache Liebe zu­gleich den Menschen und macht ihn aus einem sinnlichen zu einem himmlischen."

Kaum hatte ich das gesagt, da erschien jenseits des Tores etwas wie ein Blitz. Auf meine Frage, was das zu be­deuten habe, antwortete er: "Solche Blitze sind uns ein Zei­chen, daß der Alte aus dem Osten kommen werde. Er be­lehrt uns über Gott, nämlich daß er Einer und der Allmäch­tige ist, der Erste und der Letzte. Ferner ermahnt er uns, die Götzenbilder nicht zu verehren, sondern nur als Sinnbilder der von dem Einen Gott ausgehenden Kräfte (virtutum) zu betrachten, die zugleich zu seiner Verehrung führen (quae simul conformant cultum Ipsius). Dieser Alte ist unser Engel, den wir verehren und auf den wir hören. Er kommt zu uns und richtet uns wieder auf, wenn wir in einen dunklen Got­tesdienst verfallen infolge unserer mit den Bildern zusam­menhängenden Phantasien."

Nachdem wir das gehört hatten, verließen wir das Haus und die Stadt. Unterwegs zogen wir unsere Schlüsse aus dem, was wir in den Himmeln über den Kreislauf (circulo) und die Entwicklungen der ehelichen Liebe gesehen hatten: einen Kreislauf, der sie von einem morgendlichen in einen mittäglichen Zustand und von da in einen abendlichen, ja schließ­lich sogar in einen mitternächtlichen Zustand gebracht hat. Was diese Entwicklung anlangt, so fanden wir, daß sie am Mor­gen himmlisch, am Mittag geistig, am Abend natürlich und zur Mitternacht sinnlich war, während die Liebe und Anbetung Gottes im gleichen Maße abnahm. Daraus ergibt sich die Schlußfolgerung, daß diese Liebe im ersten Weltalter wie Gold, im zweiten wie Silber, im dritten wie Erz und im vier­ten wie Eisen war, bis sie schließlich ganz erlosch.

Hier aber sprach der Engel, mein Führer und Begleiter: "Gleichwohl hege ich die Hoffnung, daß der Herr, der Gott des Himmels, diese Liebe wieder erwecken wird, ist sie doch der Wiedererweckung fähig."

Fünfte Denkwürdigkeit.

*79. Und wieder erschien mir der Engel, mein Führer und Begleiter zu den Alten der vier Welt­alter, dem Goldenen, Silbernen, Kupfernen und Eisernen. Diesmal sprach er: "Wenn du das auf diese vier Weltalter fol­gende sehen willst, wie es war und noch ist, so folge mir, und du wirst es sehen. Es sind die Menschen, von denen Daniel folgendes geweissagt hat:

"Nach jenen vieren wird ein Reich erstehen, in dem Eisen ver­mischt sein wird mit Ton. Sie werden sich vermischen durch Menschensamen, aber es wird keins mit dem anderen zusammenhängen, gleichwie Eisen sich nicht vermischen läßt mit Ton" (Dan 2, 41 43)

Der Engel fuhr fort: "Unter dem Menschensamen, durch den Eisen und Ton vermischt und doch nicht zusammen­hängen werden, ist das verfälschte Wahre des Wortes zu verstehen."

Darauf folgte ich ihm. Unterwegs erzählte er mir folgen­des: "Sie wohnen an der Grenze zwischen Süden und Westen, doch in großer Entfernung von den Menschen, die in den vier ersten Weltaltern gelebt hatten, und auch weiter unten." Wir gingen nun durch den Süden in eine an den Westen grenzende Gegend. Dabei durchquerten wir einen furchterregenden Wald. Darin gab es Seen, aus denen die Köpfe von Krokodi­len hervorschauten, die ihre weiten Rachen voller Zähne gegen uns aufsperrten. Zwischen diesen Seen sah man schreckliche Hunde, darunter solche mit drei Köpfen, wie die Cerberusse, auch zweiköpfige. Alle hatten entsetzliche Kröpfe und schauten uns beim Vorbeigehen mit wilden Augen (et trucibus oculis...) an. Als wir in den westlichen Teil dieser Ge­gend kamen, erblickten wir Drachen und Leoparden, wie sie in der Offb Joh 12, 3 und 13, 2 geschildert werden. Der Engel aber sagte: "All diese entsetzlichen Tiere, die du gesehen hast, sind keine wilden Tiere, sondern Entsprechungen, d.h. vor­bildende Formen der Begierden jener Wesen, die wir besu­chen werden. Die eigentlichen Begierden werden durch die entsetzlichen Hunde, ihre Betrügereien und Schlauheiten durch Krokodile, ihre Falschheiten und üblen Neigungen, was den Gottesdienst betrifft, durch Drachen und Leoparden vor­gebildet. Aber die so vorgebildeten Bewohner wohnen nicht hier im Wald, sondern hinter einer großen Wüste, die sich zwi­schen sie und die Bewohner aus den vorhergehenden Zeital­ters schiebt, um sie vollkommen von ihnen zurückzuhalten und zu trennen. Sie sind diesen auch völlig fremd und grund­verschieden von ihnen. Wohl haben auch sie gleich den er­sten Menschen Köpfe über der Brust, die Brust oberhalb Len­den und diese über den Füßen. Aber an ihren Köpfen findet sich nichts von Gold, an der Brust kein Silber, an den Lenden kein Erz und nicht einmal an den Füßen etwas von reinem Eisen. Vielmehr ist an ihren Köpfen Eisen vermischt mit Ton, an der Brust beides vermischt mit Erz, an den Lenden beides gemischt mit Silber, und an den Füßen mit Gold. Aufgrund dieser Verkehrung sind sie aus Menschen zu Skulpturen von Menschen verwandelt worden, in denen innerlich nichts zu­sammenhängt. Denn was das Oberste war, ist zum Untersten geworden, das Haupt zur Ferse, und umgekehrt. Vom Him­mel aus betrachtet, erscheinen sie wie Gaukler, die mit umgekehrtem Leib auf den Ellenbogen liegen und sich fort­bewegen, bzw. wie Tiere, die umgedreht auf dem Rücken lie­gen, die Füße in die Höhe strecken oder mit in die Erde ver­grabenem Kopf den Himmel ansehen wollen."

Nachdem wir den Wald durchquert hatten, kamen wir in die Wüste, die nicht weniger schrecklich war. Sie bestand aus Steinhaufen, dazwischen Gruben, aus denen Wasser­schlangen und Vipern hervorkrochen und Drachen aufflogen. Die ganze Wüste führte beständig abwärts. Wir stiegen einen langen Abhang hinab und gelangten endlich in ein Tal, das von den Angehörigen dieses Zeitalters bewohnt war. Weit ver­streut sah man Hütten, die untereinander zusammenzu­hängen und eine Art Stadt zu bilden schienen. Schließlich be­traten wir diese, und siehe da, die Häuser bestanden aus ringsum angebrannten, mit Lehm verklebten Baumästen. Die Dächer waren aus Schwarzblech, die Gassen unregelmäßig, allesamt anfangs eng, sich dann aber erweiternd und am Ende breit. Dort befanden sich auch die Marktplätze, deren es daher ebensoviele gab wie Gassen. Als wir die Stadt betraten, wurde es finster, weil kein Himmel zu sehen war. Daher blickten wir empor, und da wurde uns Licht gegeben, daß wir sehen konn­ten. Nun fragte ich die Vorübergehenden, die uns begegneten: "Seht ihr denn überhaupt etwas, da der Himmel über euch nicht erscheint?" Sie antworteten verwundert: "Was fragst du da? Natürlich sehen wir, und zwar völlig klar, da wir im Licht wandeln." Als der Engel dies hörte, sprach er zu mir: "Finster­nis ist ihnen Licht und Licht Finsternis, ähnlich wie den Nacht­vögeln; denn sie blicken nach unten und nicht nach oben."

Da und dort betraten wir eine der Hütten, wo wir stets nur einen Mann mit einer Frau erblickten. Auf unsere Frage, ob alle in ihrem Hause nur mit einer Frau lebten, kam ihre Antwort gleich einem Zischen: "Was, nur mit einer Frau? Warum fragt ihr nicht, ob wir nur mit einer Hure leben? Ist die Frau denn etwas anderes als eine Hure? Unseren Gesetzen zufolge darf man freilich nicht mit mehr als einer Frau Umgang haben. Dennoch halten wir es nicht für unanständig und unziemlich, Umgang mit mehreren zu haben, nur muß es außerhalb des Hauses geschehen. Unter uns rühmen wir uns dessen und erfreuen uns unserer Ungebundenheit und Wol­lust sogar mehr als jene, die in Vielweiberei leben. Warum ver­sagt man uns, mehrere Frauen zu haben, früher war es doch erlaubt und wird auch noch heute auf der ganzen Erde rings um uns her erlaubt?! Was ist das Leben mit einer einzigen Frau anderes als Gefangenschaft und Einkerkerung? Aber wir hier zerbrechen den Riegel dieses Kerkers, reißen uns los von der Sklaverei und befreien uns. Wer verdenkt es einem Gefangen, der sich befreit, wenn er kann?"

Wir erwiderten: "Freund, du sprichst wie jemand, der ohne Religion ist. Welcher Mensch, der nur ein wenig Vernunft hat, wüßte nicht, daß es unheilig und höllisch ist, die Ehe zu brechen, und daß die Ehen heilig und himmlisch sind? Herr­schen nicht die Ehebrüche bei den Teufeln in der Hölle, die Ehen aber bei den Engeln im Himmel? Hast du nicht das sech­ste Gebot des Dekalogs gelesen und die Stelle bei Paulus, wo­nach Ehebrecher nicht in den Himmel kommen können?" (1 Kor 6, 9) Hierüber lachte unser Wirt aus vollem Hals und hielt mich für einfältig, ja beinahe für verrückt.

Alsbald aber kam ein Bote des Obersten der Stadt und sprach: "Führe die beiden Ankömmlinge auf den Gerichts­platz, wenn nötig, mit Gewalt. Wir sahen sie im Schatten des Lichts, wie sie im Verborgenen hereinkamen. Sie sind Kundschafter."

Der Engel erklärte mir: "Sie haben uns im Schatten ge­sehen, weil ihnen das Licht des Himmels, in dem wir uns be­fanden, Schatten und der Schatten der Hölle Licht ist. Dem ist so, weil sie nichts für Sünde halten, nicht einmal den Ehebruch. Das Falsche halten sie daher ganz und gar für die Wahr­heit. Es leuchtet in der Hölle vor den Satanen, während das Wahre ihre Augen gleich nächtlichen Schatten verdunkelt."

Wir sprachen nun zu dem Boten: "Du brauchst uns nicht zu nötigen oder gar mit Gewalt auf den Richtplatz zu führen; denn wir werden freiwillig mit dir gehen." Das taten wir denn auch. Dort angelangt, erblickten wir eine große Volksmenge, aus der einige Gesetzeskundige vortraten und uns ins Ohr flü­sterten: "Hütet euch davor, irgend etwas gegen die Religion, die Verfassung und die guten Sitten zu sagen." Wir antworte­ten: "Wir wollen nichts gegen diese Dinge, sondern für sie und aus ihnen sagen." Dann fragten wir: "Was ist euer religiöser Glaube in bezug auf die Ehen?" Darüber murrte die Menge und rief: "Was wollt ihr hier mit den Ehen? Ehen sind Ehen." Wir fragten weiter: "Was ist euer religiöser Glaube bezüglich Hurerei?" Auch darüber murrte das Volk und rief: "Was wollt ihr hier mit der Hurerei? Hurerei ist Hurerei. Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!" Nun fragten wir zum dritten Mal: "Lehrt eure Religion, daß die Ehen heilig und himmlisch, und daß die Ehebrüche unheilig und höllisch seien?" Hier be­gannen mehrere in der Menge laut zu lachen, zu spotten und zu höhnen und riefen: "Befragt über die Religion unsere Prie­ster und nicht uns. Wir begnügen uns völlig mit ihren Sprüchen, weil nichts von allem, was zur Religion gehört, ver­standesmäßig beurteilt werden kann. Habt ihr nicht gehört, daß der Verstand über die Geheimnisse, aus denen die ganze Religion besteht, nur faseln kann? Und was haben unsere Handlungen mit der Religion zu tun? Sind es nicht die aus dem Herzen aufsteigenden andächtigen Seufzer über Versöhnung, Genugtuung und Zurechnung, aufgrund derer die Seelen selig werden, und nicht die Werke?"

Hier aber traten einige der sogenannten Weisen der Stadt herzu und sprachen: "Macht, daß ihr hier fortkommt. Das Volk wird ungeduldig; es ist in Kürze ein Auflauf zu erwarten. Laßt uns über diese Sache allein miteinander reden. Gleich hinter dem Rathaus ist ein Spazierweg. Dorthin wollen wir uns zurückziehen." Wir befolgten die Aufforderung, und nun be­fragten sie uns, woher wir kämen und was wir hier wollten. Wir antworteten: "Wir möchten uns informieren über eure Ehen und ob sie für euch wie für die Alten, die im Goldenen, Silbernen und Kupfernen Zeitalter lebten, etwas Heiliges sind oder nicht." Ihre Antwort lautete: "Wieso etwas Heiliges?

Gehören sie nicht zu den Werken des Fleisches und der Nacht?" Wir erwiderten: "Sind sie nicht vielmehr auch Werke des Geistes? Was das Fleisch aus dem Geist tut, ist das nicht geistig? Und tut nicht der Geist alles, was er tut, aus der Ehe des Guten und Wahren heraus? Ist es nicht die geistige Ehe, die in die natürliche Ehe, d.h. in die zwischen Mann und Frau, eingeht?" Die sogenannten Weisen antworteten: "Ihr nehmt die Sache allzu genau und sublim. Ihr versteigt euch ja sogar über das Gebiet der Vernunft hinaus ins Geistige! Wer vermag denn da anzufangen, wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen und zu einem Urteil zu gelangen? Doch, so fügten sie spöttisch hinzu", vielleicht habt ihr Adlersflügel, mit denen ihr in den höchsten Regionen des Himmels fliegen und solche Dinge durchschauen könnt? Wir können es leider nicht!"

Nun baten wir sie, uns aus der Höhe oder Region, in die ihre geflügelten Ideen sich erheben könnten, zu sagen, ob sie wüßten bzw. wissen könnten, daß es eine eheliche Liebe zwi­schen einem Manne und einer Frau gibt, eine eheliche Liebe, in die alle Seligkeiten, Wonnen, Freuden, Reize und Genüsse des Himmels zusammengefaßt seien; daß diese Liebe vom Herrn stamme und sich gemäß der Aufnahme des Guten und Wahren von Ihm, somit gemäß dem Zustand der Kirche beim Menschen verhalte? Als sie das hörten, wandten sie sich ab und sprachen: "Diese Männer sind verrückt, sie dringen mit ihrem Urteil in den Äther ein und verteilen mit ihren Orakel­sprüchen taube Nüsse." Damit wandten sie sich uns wieder zu mit den Worten: "Wir wollen geradeheraus auf eure windigen Orakelsprüche und Träume antworten: Was hat die eheliche Liebe mit Religion und mit göttlicher Eingebung zu tun? Ist diese Liebe nicht bei jedem Menschen dem Zustand seiner Potenz gemäß? Findet sie sich nicht ebenso bei Menschen in­nerhalb wie außerhalb der Kirche, bei Heiden wie bei Chri­sten, ja sogar bei den Gottlosen ebenso wie bei den Frommen? Hat nicht ein jeder diese Liebeskraft, sei es als Folge seiner Vererbung, Gesundheit, seiner mäßigen Lebensweise oder der Wärme des Klimas? Kann sie nicht auch durch Arzneimittel gestärkt bzw. aufgestachelt werden? Und findet sich Ähnli­ches nicht auch bei den Tieren, namentlich bei den Vögeln, wenn sie sich paaren? Ist diese Liebe etwa nicht fleischlich? Und was hat das Fleischliche mit dem geistigen Zustand der Kirche zu tun? Ist denn diese Liebe hinsichtlich ihrer Wirkung im Letzten auch nur im geringsten anders, wenn sie mit der Ehefrau oder mit einer Dirne vollzogen wird? Ist nicht die Lust und das Vergnügen in beiden Fällen gleich? Daher ist es un­recht, den Ursprung der ehelichen Liebe von den heiligen Din­gen der Kirche abzuleiten."

Als wir dies gehört hatten, sprachen wir zu ihnen: "Euer Urteil entspringt geiler Brunst, nicht der ehelichen Liebe. Was die ist, wißt ihr überhaupt nicht, weil sie bei euch er­kaltet ist. Eure Rede hat uns überzeugt, daß ihr aus dem Zeit­alter stammt, das nach Dan 2,43 bezeichnet wird als das aus Eisen und Ton vermischte, die nicht zusammenhängen. Ihr stellt ja die eheliche und die hurerische Liebe gleich. Aber hängen diese beiden etwa mehr zusammen als Eisen und Ton? Man hält euch für Weise und nennt euch auch so, in Wirklichkeit seid ihr alles andere als weise." Als sie das hör­ten, schrien sie vor Zorn auf, riefen den Plebs zusammen, und wollten uns hinauswerfen lassen. Wir aber streckten in der Kraft, die uns vom Herrn verliehen war, die Hände aus. Und siehe, im Nu erschienen fliegende Schlangen, Vipern, Hydren und Drachen aus der Wüste, fielen über sie her und erfüllten die ganze Stadt, so daß die Bewohner vor Schreck die Flucht ergriffen. Der Engel aber sprach zu mir: "In die­ser Gegend kommen täglich neue Abgeschiedene von der Erde an, und die schon länger da sind, werden von Zeit zu Zeit verbannt und in die im Westen befindlichen Schluch­ten hinabgeworfen, die von weitem wie Feuer  und Schwe­felseen aussehen. Alle, die sich dort befinden, sind geistige oder natürliche Ehebrecher."

Sechste Denkwürdigkeit.

*80. Nachdem er das gesagt hatte, blickte ich in Richtung der westlichen Grenze, und siehe, da erschienen mir diese Feuer  und Schwefelseen. Auf meine Frage, warum die Höllen dort so erschienen, antwortete der Engel: "Sie erscheinen wie Seen infolge der Verfälschungen des Wahren. Wasser ist im geistigen Sinn das Wahre, und das Feuer, das um sie herum und in ihnen zu liegen scheint, ist der Ausdruck ihrer Liebe zum Bösen, der Schwefel aber die Folge ihrer Liebe zum Falschen. Alle drei, der See, das Feuer und der Schwefel sind Scheinbarkeiten, weil sie den bösen Liebesarten entsprechen, in denen sich die Bewohner dort befinden. Sie alle sind dort in Arbeitshäuser eingesperrt und arbeiten um Nahrung, Kleidung und Unterkunft, und wenn sie etwas Böses tun, werden sie schwer bestraft."

Wiederum wandte ich mich an den Engel und fragte: "Du sagtest, dort befänden sich geistige und natürliche Ehebrecher — warum nicht Verbrecher und Gottlose?" Er antwortete: "Weil alle, die den Ehebruch für nichts Schlimmes erachten, besser gesagt: alle, die sich in ihrer Meinung be­stärkt haben, Ehebruch sei keine Sünde und ihn vorsätzlich begehen, in ihrem Herzen Verbrecher und Gottlose sind. Das Eheliche des Menschen und die Religion halten nämlich glei­chen Schritt miteinander. Jeder Tritt und Schritt aus der Re­ligion heraus bzw. in die Religion hinein ist zugleich auch ein Tritt und Schritt aus dem Ehelichen heraus bzw. ins Ehe­liche hinein, als das Besondere und Eigentümliche für den Christen." Auf meine Frage, worin denn nun dieses Eheliche bestünde, bemerkte der Engel: "Es ist das Verlangen, nur mit einer Frau zu leben, und dieses Verlangen hat der Christ auf­grund seiner Religion."

Als ich dies hörte, empfand ich in meinem Geist Betrüb­nis darüber, daß die Ehen, die in den alten Zeiten höchst heilig gehalten, so völlig in Ehebrüche verkehrt worden waren. Der Engel aber fuhr fort: "Ebenso verhält es sich heutzutage auch mit der Religion, sagt doch der Herr bei Mat 24, 15 und 21, daß in der Vollendung des Zeitlaufs der Greuel der Verwü­stung kommen werde, der von Daniel vorhergesagt wurde, und daß eine große Trübsal herrschen werde, dergleichen es von Anfang der Welt nicht gegeben habe. Der Greuel der Ver­wüstung bedeutet, daß alles Wahre verfälscht und hinwegge­nommen werde; die Trübsal aber meint den Zustand der Kir­che, wenn sie vom Bösen und Falschen bedrängt wird, und die Vollendung des Zeitlaufs, auf die sich das alles bezieht, bedeutet die letzte Zeit oder das Ende der Kirche. Dieses Ende ist jetzt gekommen, weil nichts Wahres mehr übrig ist, das nicht verfälscht worden wäre. Die Verfälschung des Wahren aber ist geistige Hurerei und hängt mit der natürlichen Hure­rei so zusammen, daß sie dasselbe sind."

*81. Als wir diese Dinge noch besprachen und darüber betrübt waren, erschien plötzlich ein starker Lichtglanz, der meine Augen heftig angriff. Wie ich emporblickte, sah ich, daß der ganze Himmel über uns in Licht getaucht war, und von Ost bis West vernahm man eine lange Reihe von Verherrli­chungen. Der Engel erläuterte: "Es handelt sich hier um die Verherrlichung des Herrn wegen seiner Ankunft. Sie wird dar­gebracht von den Engeln des östlichen und westlichen Him­mels." Aus dem südlichen und nördlichen Himmel ließ sich nur ein liebliches Säuseln vernehmen. Und weil der Engel alles verstand, erklärte er mir: "Die Verherrlichungen und Lob­preisungen des Herrn erfolgen auf der Grundlage des Wortes, weil sie dann aus dem Herrn geschehen, denn er ist das Wort, d.h. das göttliche Wahre, das es enthält" und fuhr fort: "Jetzt verherrlichen und preisen sie den Herrn vor allem durch das, was durch den Propheten Daniel gesagt wurde:

'Du hast Eisen und Ton vermischt gesehen; sie werden sich durch Menschensamen vermischen; allein sie werden nicht zusammenhängen. Aber in jenen Tagen wird der Gott der Himmel ein Reich erstehen lassen, das in Ewigkeit nicht untergehen wird. Es wird alle jene Reiche aufreiben und ver­zehren, selbst aber in Ewigkeit bestehen' (Dan 2, 43 f)"

Danach hörte ich etwas, wie die Stimme eines Chors und sah tiefer im Osten einen noch helleren Lichtglanz. Da fragte ich wiederum den Engel: "Was verherrlichen sie dort?" Er ant­wortete: "Sie verherrlichen dort den Herrn aufgrund des Wor­tes bei Daniel:

'Ich sah in den Gesichten der Nacht, und siehe, mit den Wol­ken des Himmels kam etwas wie eines Menschen Sohn, und ihm ward gegeben die Herrschaft und das Reich, und alle Völker und Völkerschaften werden ihn anbeten. Seine Herr­schaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen und sein Reich eines, das nicht untergehen wird' (Dan 7, 13 f).

Zudem preisen sie den Herrn durch folgendes in der Offen­barung des Johannes:

'Dem Herrn Jesus Christus sei Herrlichkeit und Stärke. Siehe, er kommt mit den Wolken. Er ist das Alpha und Omega, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte, der da ist, der da war, und der da kommt, der Allmächtige. Ich, Johannes, hörte dies vom Menschensohn aus der Mitte der sieben Leuchter' (1, 5 7; 10 13, 22, 13, wie auch Mat 24, 30 f)."

Und wieder schaute ich den östlichen Himmel. Er ward von rechts her hell von Licht, und die Helligkeit drang in die süd­liche Himmelswölbung ein, woher ich liebliche Töne vernahm. Als ich den Engel fragte, womit sie dort den Herrn lobpriesen, sagte er: "Mit dem folgenden Worten in der Offenbarung:

"Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde und sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Him­mel herabsteigen, bereitet wie eine Braut für ihren Mann; und der Engel redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir die Braut, das Weib des Lammes, zeigen; und er entrückte mich im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die Stadt, das heilige Jerusalem. (21, 1.2.9.10)

Sie preisen den Herrn aber auch durch folgende Worte der Offenbarung:

"Ich, Jesus, bin der glänzende Morgenstern: und der Geist und die Braut sprechen: Komm, und Er spricht: Ja, ich komme bald, Amen. Ja komm, Herr Jesus!" (22, 16 f. 20)

Noch viel mehr war zu hören, bis eine allgemeine Verherrli­chung vom Osten bis in den Westen erklang, wie auch von Süden bis in den Norden des Himmels. Als ich den Engel nach dem In­halt fragte, antwortete er, all dies stamme aus den Propheten:

"Alles Fleisch wisse, daß Ich Jehovah, dein Heiland und dein Erlöser bin" (Jes 49, 25) und: "So sprach Jehovah, der König Israels, und sein Erlöser, Jehovah Zebaoth: Ich bin der Erste und der Letzte, und außer mir ist kein Gott" (Jes 44, 6). "An jenem Tage wird man sagen: Siehe, das ist unser Gott, den wir erwartet haben, daß er uns rette, das ist Jehovah, den wir er­warteten" (Jes 25,9). "Die Stimme eines Rufers in der Wüste: be­reitet dem Jehovah einen Weg; siehe, der Herr Jehovah kommt mit Stärke; er wird wie ein Hirt seine Herde weiden" (Jes 40, 3.5.10 f.). "Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, dessen Name ist Wunderbar, Rat, Gott, Held, Vater der Ewig­keit, des Friedens Fürst" (Jes 9, 5). "Siehe, Tage werden kom­men, da ich dem David einen gerechten Sproß erwecken werde, der als König regieren wird, und sein Name wird sein: Jehovah, unsere Gerechtigkeit" (Jer 23, 5 f.; 33, 15 f.). "Jehovah Zebaoth ist sein Name, und dein Erlöser, der Heilige Israels, der Gott der ganzen Erde wird er heißen" (Jes. 54, 5). "An jenem Tage wird Jehovah König sein über die ganze Erde, an jenem Tage wird Jehovah Einer sein und sein Name Einer " (Sach 14, 9).

Nachdem ich all dies gehört und verstanden hatte, schlug mein Herz hoch auf, und ich ging freudig nach Hause, wo ich aus mei­nem geistigen Zustand wieder in den körperlichen zurückkehrte, in dem ich das Gehörte und Gesehene aufschrieb. Dem füge ich nun noch bei, daß vom Herrn nach seiner Ankunft die eheliche Liebe wieder erweckt wird, wie sie bei den Alten war. Denn allein diese Liebe ist vom Herrn, und sie findet sich bei den Menschen, die von Ihm durch das Wort geistig werden.

*82. Bei einer anderen Gelegenheit kam aus der nördlichen Gegend ein Mann angerannt, sah mich drohend an und schrie: "Bist du derjenige, der alle Welt durch die Gründung der neuen Kirche verführen will, die du unter dem Neuen Jerusalem ver­stehst, das von Gott aus dem Himmel herabkommen soll, sowie durch die Lehre, daß der Herr alle, die die Lehren dieser Kirche an­nehmen, mit der wahrhaft ehelichen Liebe beschenken werde, deren Wonnen und Seligkeiten du bis an den Himmel erhebst? Ist das nicht bloß eine Erfindung, die du als Lockspeise und Köder gebrauchst, damit man deinen Neuerungen beitrete? Sage mir doch in gedrängter Form, welches die Lehrsätze der neuen Kir­che sind. Dann werde ich sehen, ob sie stimmen oder nicht."

Darauf antwortete ich: "Folgendes sind die Lehrsätze der Kirche, die unter dem Neuen Jerusalem zu verstehen ist:

  1. Es ist Ein Gott, in dem die göttliche Dreieinheit ist, und dieser Gott ist der Herr Jesus Christus.

  2. Der seligmachende Glaube besteht darin, daß man an Ihn glaubt.

  3. Das Böse soll man fliehen, weil es des Teufels und vom Teufel ist.1

  4. Das Gute soll man tun, weil es Gottes und von Gott ist.

  5. Der Mensch soll dies wie von sich aus tun, dabei je­doch glauben, daß es vom Herrn und durch den Herrn ge­schieht, der bei ihm ist."

1) Anm. d.Ü.'s: Für Swedenborg ist "der" Teufel als Gegenspieler Gottes nicht eine Einzelgestalt (etwa der gefallene Erzengel Luzi­fer), sondern die Verkörperung der Höllen, ähnlich dem "Dra­chen" in der Apokalypse.

Als er das vernommen hatte, ließ seine Wut einen Au­genblick ein wenig nach. Doch nachdem er etwas nachge­dacht hatte, blickte er mich wieder mit finsterer Miene an und sprach: "Sind diese fünf Vorschriften die Lehrsätze des Glau­bens und der Liebe der neuen Kirche?" Als ich das bejahte, fragte er rauh: "Wie kannst du den ersten Punkt beweisen, daß Ein Gott sein soll, in dem die göttliche Dreieinheit ist, und daß der Herr Jesus Christus dieser Gott ist?" Ich antwortete: "Ich beweise es folgendermaßen: Ist nicht Gott Einer und un­teilbar, und gibt es nicht eine Dreieinheit? Wenn aber Gott Einer und unteilbar ist, ist er dann nicht auch eine Person? Und wenn er eine Person ist, muß dann nicht die Dreieinheit in dieser bestehen? Daß er aber der Herr Jesus Christus ist, beweise ich daher, daß er

Luk 1, 34 f. zufolge empfangen ist von Gott Vater und somit seiner Seele nach Gott ist. Es ist ferner ein Beweis, wenn er selbst sagt, der Vater und er seien eins (Joh 10, 30), er sei im Vater und der Vater in ihm (Joh 14, 14 f.), wer ihn sehe, der sehe und erkenne auch den Vater (Joh 14, 7 und 9), daß nie­mand den Vater sehe und erkenne, außer er selbst, der im Schoße des Vaters ist (Joh 1, 18), daß alles, was des Vaters sei, sein ist (Joh 3, 35; 16, 15), daß er der Weg, die Wahrheit und das Leben sei und niemand zum Vater komme, außer durch ihn (Joh 14, 6), d.h. von ihm, weil er in ihm ist. Paulus zufolge wohnt in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig (Kol 2, 9), und nach Joh 17, 2 hat er Gewalt über alles Fleisch, nach Mat 28, 19 alle Gewalt im Himmel wie auf Erden.

Aus alledem folgt, daß er der Gott des Himmels und der Erde ist." Nun fragte er, wie ich den zweiten Punkt beweisen wolle, wonach der seligmachende Glaube darin bestehe, an ihn zu glauben. Ich antwortete: "Durch folgende Worte des Herrn selbst:

'Das ist der Wille des Vaters, daß ein jeder, der an den Sohn glaubt, das ewige Leben habe' (Joh 6, 40); 'also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe' (Joh 3, 15 f); 'wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben, wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm' (Joh 3, 36)."

Hierauf forderte er mich auf, ihm auch das Dritte und die fol­genden Punkte zu beweisen. Meine Antwort lautete: "Ist es denn nötig zu beweisen, daß man das Böse fliehen soll, weil es des Teufels und vom Teufel ist, das Gute aber tun, weil es Got­tes und von Gott ist, und daß der Mensch es wie von sich aus tun soll, aber im Glauben, es geschehe vom und durch den Herrn, der bei ihm ist? Die ganze heilige Schrift von Anfang bis Ende bestätigt das ja, besteht doch die Summe ihres ganzen Inhalts darin, daß man das Böse fliehen, das Gute tun und an den Herrn, unseren Gott, glauben soll. Ohne diese drei Punkte gibt es keine Religion. Ist etwa die Religion keine Angelegen­heit des Lebens? Worin bestünde dieses Leben, wenn nicht im Fliehen des Bösen und in guten Taten?

Und wie könnte der Mensch dies alles tun und glauben, wenn nicht wie von sich selbst aus? Scheidest du daher diese drei Punkte vom Glauben der Kirche, so trennst du von ihr die heilige Schrift ab, ja auch die Religion. Sind diese aber ent­fernt, ist die Kirche keine Kirche mehr."

Nachdem er dies gehört hatte, zog sich der Mann — zwar nachdenklich, aber doch unwillig — zurück.

Der Ursprung der ehelichen Liebe in der Ehe des Guten und Wahren

*83. Es gibt innere und äußere Gründe für die Entstehung der ehelichen Liebe, und von beiden mehrere. Der innerste oder universale Ursprung aber ist nur einer, von dem im Folgenden nachgewiesen wird, daß er die Ehe des Wahren und Guten ist. Bisher hat noch niemand den Ursprung der ehelichen Liebe von daher abgeleitet, weil man nicht wußte, daß es etwas wie eine Vereinigung zwischen dem Wahren und Guten gibt. Man wußte es aber deshalb nicht, weil das Gute nicht wie das Wahre im Licht des Verstandes erscheint. Daher blieb die Erkenntnis des Guten verborgen und entzog sich der For­schung. Folglich gehörte das Gute zu den unbekannten Din­gen und niemand konnte auf den Gedanken einer Ehe zwi­schen ihm und dem Wahren kommen. Ja, in den Augen der natürlichen Vernunft erscheint das Gute so entfernt vom Wah­ren, als könne zwischen ihnen keine Verbindung bestehen.

Daß es sie aber dennoch gibt, läßt sich schon daraus ersehen, wie man von beiden spricht. Wenn z.B. jemand sagt: Das ist gut, so denkt man dabei nicht im mindesten an etwas Wah­res, und wenn es heißt: Das ist wahr, denkt man ebenso wenig an etwas Gutes. Deshalb glauben heutzutage viele, das Wahre und das Gute seien zwei ganz verschiedene Dinge. Viele mei­nen auch, ein Mensch sei verständig und weise, also Mensch, wegen der Wahrheiten, die er denkt, spricht, schreibt und glaubt, nicht aber auch seines Guten wegen.

Im Folgenden soll erläutert werden, daß es jedoch kein Gutes ohne Wahres und kein Wahres ohne Gutes gibt, also eine ewige Ehe zwischen ihnen besteht; ferner, daß diese Ehe der eigentliche Ursprung der ehelichen Liebe ist. Das soll in dieser Reihenfolge geschehen:

  1. Das Gute und Wahre sind die Universalien der Schöp­fung und finden sich daher in allem Erschaffenen; sie verhalten sich aber in den geschaffenen Wesen je nach deren besonderer Form.

  2. Es gibt kein für sich allein bestehendes Gutes und ebenso kein für sich allein bestehendes Wahres; vielmehr sind sie überall verbunden.

  3. Es gibt ein Wahres des Guten und daraus ein Gutes des Wahren bzw. ein Wahres aus dem Guten und ein Gutes aus diesem Wahren; beiden ist von der Schöpfung her die Neigung eingepflanzt, sich zu Einem zu verbinden.

  4. Bei den Wesen des Tierreichs ist das Wahre des Guten bzw. das Wahre aus dem Guten das Männliche und das aus diesem hervorgehende Gute des Wahren bzw. das Gute aus jenem Wahren das Weibliche.

  5. Aus dem Einfluß der Ehe des Guten und Wahren vom Herrn stammen Geschlechtsliebe wie eheliche Liebe.

  6. Die Geschlechtsliebe gehört zum äußeren oder natürli­chen Menschen und eignet daher auch allen Tieren.

  7. Die eheliche Liebe aber gehört zum inneren oder geisti­gen Menschen und ist daher eine Eigentümlichkeit des Menschen.

  8. Beim Menschen liegt die eheliche Liebe in der Ge­schlechtsliebe verborgen, gleichsam wie der Edelstein in seinem Muttergestein.

  9. Die Geschlechtsliebe ist beim Menschen nicht der Ur­sprung, sondern nur das Erste der ehelichen Liebe; sie ist mithin wie das äußere Natürliche, dem das Geistige ein­gepflanzt werden soll.

  10. Wird die eheliche Liebe eingepflanzt, verwandelt sich die Geschlechtsliebe und wird keusch.

  11. Mann und Frau sind dazu geschaffen, die eigentliche Form der Ehe des Guten und Wahren zu sein.

  12. In ihrem Innersten sind sie diese Form, und vom Innersten aus sind sie es auch in dem daraus Resultierenden, soweit die inneren Bereiche ihres Gemüts aufgeschlossen sind.

Hier nun die Ausführung dieser Punkte.

(1) Das Gute und Wahre sind die Universalien der Schöpfung und finden sich daher in allem Erschaffenen; sie verhalten sich aber in den erschaffenen Wesen je nach deren besonderer Form.

*84. Das Gute und Wahre sind die Universalien der Schöpfung, weil diese zwei im Herrn, dem Gott und Schöpfer, ja Er selbst sind, ist Er doch das göttliche Gute und Wahre. Das leuchtet jedoch Verstand und Denken leichter und wahrnehmbarer ein, wenn man statt des Guten Liebe und statt des Wahren Weisheit sagt, also: Im Herrn, unserem Gott und Schöpfer, sind die göttliche Liebe und Weisheit in ihrem Ursprung und sind Er selbst, d.h. Er ist die Liebe und Weis­heit. Denn Liebe und Weisheit sind dasselbe wie das Gute und Wahre, da das Gute der Liebe und das Wahre der Weisheit an­gehört. Die Liebe besteht nämlich aus Gutem und die Weisheit aus Wahrheiten. Da nun diese beiden Begriffspaare ein und dasselbe sind, wird im Folgenden mal das eine und mal das andere genannt werden, aber unter beiden das Gleiche ver­standen. Dies sei im voraus bemerkt, damit man nicht im Fol­genden, wo sie genannt werden, Verschiedenes darunter ver­stehen möge.

*85. Da nun also der Herr, unser Gott und Schöpfer, die Liebe und die Weisheit selbst ist und Er das Weltall erschaffen hat, es gleichsam ein von Ihm hervorgehendes Werk ist, so kann es gar nicht anders sein, als daß in allem Geschaffenen etwas Gutes und Wahres von Ihm liegt. Denn alles, was aus ir­gend jemandem wird und hervorgeht, nimmt dessen Ähn­lichkeit an. Auch für die Vernunft ist das erkennbar, und zwar an der Ordnung, in der alles und jedes im erschaffenen Welt­all existiert. Diese Ordnung aber besteht darin, daß eins um des anderen willen da ist und eins vom anderen abhängt, wie eine Kette von ihrem Haken. Denn alles ist letztlich um des menschlichen Geschlechts willen geschaffen, weil sich aus ihm der Engelhimmel bilden soll, durch den die Schöpfung zum Schöpfer selbst zurückkehrt, von dem sie stammt. Daher stammt die Verbindung (conjunetio) des geschaffenen Welt­alls mit seinem Schöpfer und durch diese Verbindung seine fortwährende Erhaltung. Darauf beruht auch, daß das Gute und Wahre die Universalia der Schöpfung genannt werden. Jedem leuchtet das ein, der vernünftig darüber nachdenkt. Tut er das, so erkennt er in allem Geschaffenen etwas, das sich auf das Gute und etwas, das sich auf das Wahre bezieht.

*86. Das Gute und Wahre verhält sich in jedem geschaf­fenen Wesen je nach dessen Form. Das beruht darauf, daß jedes Wesen seiner Form entsprechend einen Einfluß auf­nimmt. Die Erhaltung des Ganzen geschieht ausschließlich durch einen unausgesetzten Einfluß des göttlichen Guten und Wahren in die von ihm geschaffenen Formen. Auf diese Weise ist nämlich das Bestehen oder die Erhaltung ein fortwähren­des Entstehen bzw. eine Schöpfung. Durch mancherlei läßt sich beleuchten, daß jedes Wesen diesen Einfluß gemäß sei­ner Form aufnimmt, man denke beispielsweise nur an den Einfluß von Wärme und Licht der Sonne in die Pflanzen aller Gattungen. Jede von ihnen nimmt sie ihrer Form entspre­chend auf. Das gilt für jeden Baum, jeden Strauch, jedes Kraut und jeden Grashalm. Der Einfluß in sie alle ist der gleiche, die Aufnahme aber, weil sie der Form entspricht, ist bei jeder Art besonders und bewirkt, daß sie sich gleich bleibt. Dasselbe Gesetz gilt ebenso für den Einfluß in die verschiedenen Tier­gattungen. Mit anderen Worten: Der Einfluß wird entspre­chend der Form eines jeden Wesens aufgenommen. Das kann auch der Ungebildete einsehen, wenn er nur an die vielen ver­schiedenen Blasinstrumente denkt, wie Pfeifen, Flöten, Trom­peten, Posaunen oder Orgeln, die bei gleichem Blasen oder Einströmen der Luft doch ihrer Form entsprechend tönen.

(2) Es gibt kein für sich allein bestehendes Gutes, ebenso kein für sich allein bestehendes Wahres; vielmehr sind sie überall verbunden.

*87. Wer sich vom Guten eine eini­germaßen zutreffende Vorstellung machen will, muß ihm etwas beifügen, das es darstellt und manifestiert, sonst ist das Gute etwas Namenloses. Und dasjenige, durch das es darge­stellt und manifestiert wird, bezieht sich auf das Wahre. Nenne nur irgend etwas Gutes, ohne gleichzeitig etwas, auf das es sich bezieht, — oder definiere es in abstrakter Weise, ohne etwas, das mit ihm zusammenhängt. Du wirst sehen, daß es nur mit einem solchen zu etwas Realem wird. Und wenn du den ganzen Scharfsinn deiner Vernunft aufbietest, wirst du merken, daß das Gute nichts aussagt, wenn ihm nicht irgend etwas hinzugefügt wird, und daß es daher auch ohne Bezie­hung, ohne Bestimmtheit, ohne Zustand, kurz ohne Beschaf­fenheit bleibt. Ähnlich verhält es sich mit dem Wahren, falls es ohne nähere Bestimmung ausgesprochen wird. Die geläu­terte Vernunft vermag einzusehen, daß sich diese Bestimmung auf das Gute bezieht. Das Gute aber ist zahllos, und jedes Gute steigt wie an den Sprossen einer Leiter zu seinem Maximum auf und fällt zu seinem Minimum herab, auch wechselt es je nach seiner Entfaltung und seiner Beschaffenheit den Namen. Daher fällt es den Ungebildeten schwer, die Beziehung zwi­schen dem Guten und Wahren und den Dingen, sowie ihre Ver­bindung in ihnen einzusehen. Es ergibt sich jedoch aus dem allgemeinen Innewerden, daß es kein Gutes ohne Wahres gibt, wenn man anerkennt, daß sich jede Einzelheit im Weltall auf das Gute und Wahre bezieht, wie in den vorigen Abschnitten (#84 und 85) gezeigt wurde. Die Tatsache, daß es weder ein Gutes noch ein Wahres für sich allein gibt, läßt sich durch vielerlei beleuchten und bestätigen, z.B. dadurch, daß es kein Wesen ohne Form und keine Form ohne Wesen gibt. Das Gute ist das Wesen oder Sein, das Wahre ist das, was das Wesen bildet und wodurch das Sein besteht. Ferner läßt es sich dadurch be­leuchten, daß im Menschen Wille und Verstand sind. Das Gute gehört dem Willen, das Wahre dem Verstand an. Der bloße Wille aber handelt ausschließlich durch den Verstand, und der bloße Verstand tut nichts ohne den Willen. Ferner gibt es zwei Quellen des körperlichen Lebens im Menschen, Herz und Lunge. Das Herz vermag kein Empfindungs  und Bewegungs­leben ohne die atmende Lunge hervorzubringen, und eben­sowenig vermag die Lunge ohne das Herz zu atmen. Das Herz bezieht sich auf das Gute, die Atmung der Lunge auf das Wahre. Auch hier besteht eine Entsprechung.

Ähnliches geschieht in Gemüt und Körper des Men­schen, und zwar im allgemeinen wie im einzelnen.

Hier ist nicht der Platz, die Gründe noch weiter auszu­führen, die unsere Behauptung bestätigen. Vollständiger ist dies im Werk "Die Weisheit der Engel über die göttliche Vor­sehung" geschehen, wo es in #3 26 in folgender Reihenfolge entwickelt ist:

  1. Das Weltall mit allem Geschaffenen stammt aus der göttlichen Liebe durch die göttliche Weisheit bzw., was aufs selbe hinausläuft, aus dem göttlichen Guten durch das gött­liche Wahre.

  2. Das göttliche Gute und das göttliche Wahre gehen als Eins aus dem Herrn hervor.

  3. Dieses Eine ist als ge­wisses Abbild in jedem Geschaffenen.

  4. Das Gute ist nur wahr, soweit es mit dem Wahren vereinigt ist.

  5. Gott duldet nicht, daß etwas geteilt ist. Daher muß der Mensch entweder im Guten und zugleich im Wahren oder im Bösen und zugleich im Falschen sein. Und anderes mehr.

(3) Es gibt ein Wahres des Guten und daraus ein Gutes des Wahren bzw. ein Wahres aus dem Guten und ein Gutes aus diesem Wahren; beiden ist von der Schöpfung her die Neigung eingepflanzt, sich zu Einem zu verbinden.

*88. Es ist notwendig, daß man sich das deutlich vorstellt, weil davon die Kenntnis des Ursprungs der ehelichen Liebe wesentlich ab­hängt. Wie im Folgenden ausgeführt wird, ist nämlich das Wahre des Guten oder das Wahre aus dem Guten das Männli­che, das Gute des Wahren oder das Gute aus diesem Wahren das Weibliche. Das läßt sich noch deutlicher erkennen, wenn man anstelle des Guten von Liebe und anstelle des Wahren von Weisheit spricht. Oben in #84 wurde gezeigt, daß diese ein und dasselbe sind. Nun kann die Weisheit beim Menschen nur entstehen durch die Liebe weise zu sein. Entfernt man diese Liebe, so kann der Mensch ganz und gar nicht weise wer­den. Die dieser Liebe entspringende Weisheit wird unter dem Wahren des Guten oder dem Wahren aus dem Guten verstan­den. Hat aber der Mensch aus dieser Liebe Weisheit erworben und liebt diese in sich selbst, bzw. sich um ihretwillen, dann bil­det er eine andere Liebe, nämlich die zur Weisheit, die unter dem Guten des Wahren bzw. aus dem Wahren zu verstehen ist. So findet sich beim Manne eine doppelte Liebe: zuerst die Liebe weise zu sein und später die Liebe zur Weisheit.

Diese Liebe aber ist, sofern sie beim Manne bleibt, böse. Man bezeichnet sie als Hochmut oder die Liebe zur eigenen Einsicht. Im Folgenden wird gezeigt werden, daß diese Liebe, um ihn vor dem Verderben zu bewahren, dem Manne ge­nommen und auf die Frau übertragen wurde, damit so die eheliche Liebe entstehen konnte, die ihn wiederherstellt, und daß dies von der Schöpfung her so vorgesehen war. Etwas von dieser doppelten Liebe und der Übertragung der späteren auf die Frau konnte man schon oben in Nr. 32 und 33 erfahren, ebenso wie in den Vorbemerkungen in Nr. 20.

Setzt man nun anstelle der Liebe das Gute und anstelle der Weisheit das Wahre, so zeigen die bisherigen Ausführungen, daß es ein Wahres des Guten bzw. aus dem Guten und daraus wiederum ein Gutes des Wahren bzw. aus jenem Wahren gibt.

*89. Diesen beiden ist von der Schöpfung her eine Nei­gung eingepflanzt, sich zur Einheit zu verbinden. Das kommt daher, weil eins aus dem anderen gebildet ist, die Weisheit aus der Liebe weise zu sein, bzw. das Wahre aus dem Guten, und die Liebe zur Weisheit aus dieser Weisheit, bzw. das Gute des Wahren aus diesem Wahren. Aufgrund dieser Konstella­tion kann man ersehen, daß eine wechselseitige Neigung be­steht, sich wieder zur Einheit zu vereinigen. Dies geschieht aber nur bei Männern, die echte Weisheit haben, und bei Frauen, die Liebe zu dieser Weisheit des Mannes haben, die also in der wahrhaft ehelichen Liebe sind. Doch wird von der Weisheit, die der Mann haben und die von der Frau geliebt werden soll, im Folgenden noch mehr gesagt werden.

(4) Bei den Wesen des Tierreichs ist das Wahre des Guten das Männliche und das aus diesem hervorgehende Gute des Wahren bzw. das Gute aus jenem Wahren das Weib­liche.

*90. Oben in #84 86 wurde bereits gezeigt, daß vom Herrn, dem Schöpfer und Erhalter des Weltalls, eine fortwährende Vereinigung der Liebe und Weisheit bzw. eine Ehe des Guten und Wahren einfließt, die von den erschaffenen Wesen ihrer Form gemäß aufgenommen wird. Der Mann nimmt aus die­ser vom Herrn her einfließenden Ehe das Wahre der Weisheit auf und damit wird vom Herrn das Gute der Liebe entspre­chend seiner Aufnahmefähigkeit verbunden. Diese Aufnahme erfolgt im Verstand, und der Mann wird daher geboren, um verständig zu werden. Das vermag die Vernunft in ihrem Licht an manchen Eigenschaften des Mannes zu erkennen, beson­ders an seiner Neigung, seinen Zielsetzungen, seinen Sitten und seiner Gestalt. An der Neigung, weil sie wißbegierig ist, verstehen und weise sein will. Die Neigung zu wissen zeigt sich besonders im Knabenalter, die Neigung zu verstehen im Jünglings  und ersten Mannesalter und die Neigung, weise zu sein, von da an bis zum Greisenalter. Seine Natur oder Anlage zielt also deutlich auf die Ausbildung seines Verstandes ab, folglich wird er dazu geboren, verständig zu werden. Dies kann aber nur geschehen aus der Liebe dazu, und so schenkt ihm diese der Herr je nach seiner Aufnahmefähigkeit, d.h. je wie er danach strebt, weise zu werden. Seine Zielsetzung läßt sich erkennen, weil sie auf Dinge ausgerichtet ist, die Ver­standessache sind, bzw. in denen der Verstand vorherrscht, und das sind zumeist bürgerliche Angelegenheiten, die das öffentliche Wohl betreffen. Aus seinen Sitten ersieht man, daß sie allesamt der Vorherrschaft des Verstandes entspringen. Darum handelt er in seinem Leben vernünftig — und das ver­steht man unter den Sitten —, und wenn seine Handlungen das nicht sind, stellt er sie wenigstens als vernünftig hin. Die männliche Vernunft erscheint auch in allen seinen Tugenden. Und schließlich zeigt es die Gestalt des Mannes, da sie sich durchaus von der der Frau unterscheidet. Darüber findet man auch einiges oben in #33. Hinzu kommt, daß das Zeugungs­vermögen beim Manne liegt und seinen Ursprung allein im Verstand hat,1 leitet es sich doch ab vom darin befindlichen Wahren aus dem Guten. Im Folgenden wird man sehen, daß die Zeugungskraft tatsächlich daher stammt.

1) Anm. d.Ü's: Sowohl im Hebräischen als auch im Griechischen ist das Wort für erkennen und beiwohnen ein und dasselbe. Darum übersetzte Martin Luther: "Und der Mensch erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger..." (Gen 4, 1) und "er (Joseph) er­kannte sie nicht, bis sie einen Sohn geboren hatte..." (Mat 1, 25).

*91. Die Frau hingegen wird geboren, um zu wollen (ut sit voluntaria), zu wollen aber aufgrund des Verständigen des Mannes oder, was dasselbe ist, um die Liebe zur Weis­heit des Mannes zu sein, weil sie durch diese gebildet wird (vgl. #88 f).

Dies läßt sich ebenfalls an der Neigung, ihrer Ausrich­tung, ihren Sitten und ihrer Gestalt ersehen. An ihrer Neigung, Wissenschaft, Einsicht und Weisheit zu lieben, aber nicht bei sich, sondern beim Manne. Auf diese Weise liebt sie den Mann; denn dieser kann nicht bloß deshalb geliebt werden, weil er seiner Gestalt nach als Mensch erscheint, sondern der ihm innewohnenden Gaben wegen. Diese sind es, die ihn zum Menschen machen. Die Ausrichtung der Frau zielt auf Dinge, die zu den Handarbeiten gehören, wie Nähen, Sticken und dergleichen, Dinge also, die zum Schmuck und Putz, also zur Erhöhung ihrer Schönheit dienen. Ferner neigt sie zu ver­schiedenen sogenannt häuslichen Geschäften, die sich denen der Männer, den sogenannt bürgerlichen, anschließen. All dies ist den Frauen eigen wegen ihrer Neigung zur Ehe, um Ehefrauen und so eins mit ihren Männern zu werden. Dies zeigen auch ihre Sitten und ihre Gestalt, wie ohne weitere Er­klärung deutlich ist.1

1) Anm. d.Ü's: Heute hat sich hier freilich viel verändert. Vgl. die Ausführungen im Vorwort!

(5) Aus dem Einfluß der Ehe des Guten und Wahren vom Herrn stammt sowohl die Geschlechtsliebe als auch die eheliche Liebe.

*92. Oben in #84 87 wurde gezeigt, daß das Gute und Wahre die Universalien der Schöpfung sind, die sich folg­lich in allen geschaffenen Wesen finden: Sie verhalten sich darin je nach dessen Form, und das Gute und das Wahre fließen nicht als zwei, sondern als Einheit aus dem Herrn her­vor. Daraus folgt, daß vom Herrn eine universelle eheliche Sphäre ausgeht und das Weltall vom Ersten bis zum Letzten, also von den Engeln herab bis zu den Würmern, durchdringt. Diese Sphäre der Ehe des Guten und Wahren, die vom Herrn ausgeht, ist auch die Sphäre der Fortpflanzung, d.h. der Zeu­gung und Befruchtung, weil sie identisch ist mit der göttli­chen Vorsehung, das Weltall durch aufeinanderfolgende Zeu­gungen zu erhalten. Da nun diese universelle Sphäre der Ehe des Guten und Wahren in die Wesen gemäß deren Formen einfließt (#86), ergibt sich, daß der Mann sie seiner Form ent­sprechend in den Verstand aufnimmt. Denn er ist die intel­lektuelle Form, die Frau aber nimmt diese Sphäre ihrer Form entsprechend in den Willen auf, weil sie die Willensform aus der intellektuellen Form des Mannes ist. Da nun diese Sphäre auch die Sphäre der Zeugung ist, stammt von daher die Geschlechtsliebe.

*93. Die eheliche Liebe stammt jedoch auch daher, weil jene Sphäre in die Form der Weisheit bei den Menschen wie auch bei den Engeln einfließt, kann doch dadurch der Mensch an Weisheit zunehmen bis ans Ende seines irdischen Lebens und hernach in Ewigkeit im Himmel. Je mehr er aber an Weis­heit zunimmt, desto vollkommener wird seine Form, und diese Form nimmt nicht die allgemeine Geschlechtsliebe, son­dern die Liebe zu einem Wesen aus dem anderen Geschlecht in sich auf. Denn mit diesem kann er bis ins Allerinnerste hin­ein, wo der Himmel mit seinen Seligkeiten ist, vereinigt wer­den. Und dies ist die Vereinigung der ehelichen Liebe.

(6) Die Geschlechtsliebe gehört zum äußeren oder natürlichen Menschen und eignet daher auch allen Tieren.

*94. Jeder Mensch wird als ein körperliches Wesen geboren, ent­wickelt dann aber nach und nach eine stets innerlichere Weise der Natürlichkeit und nimmt in dem Maße, wie er die Ein­sicht liebt (sicut amat intelligentiam), Vernunft an (fit ratio­nalis). Soweit er dann die Weisheit liebt, wird er schließlich geistig. Worin die Weisheit besteht, durch die der Mensch gei­stig wird, soll im Folgenden (#130) dargelegt werden.

Wie nun der Mensch vom Wissen zur Einsicht fort­schreitet und von da zur Weisheit gelangt, verändert sich auch die Form seines Gemüts, da es mehr und mehr aufgeschlos­sen und enger mit dem Himmel verbunden wird, durch den Himmel aber mit dem Herrn. Daher wächst seine Liebe zum Wahren und sein Streben nach dem Guten des Lebens. Be­gnügt er sich aber damit, auf der Schwelle zur Weisheit zu ver­weilen, bleibt die Form seines Gemüts natürlich, und diese nimmt den Einfluß der universellen Sphäre der Ehe des Guten und Wahren nur auf wie die niedrigeren Wesen des Tierreichs, etwa die Säugetiere und Vögel. Wie diese wird dann auch der Mensch ganz und gar natürlich und liebt das andere Ge­schlecht in gleicher Weise wie sie. So ist der Satz zu verstehen, daß die Geschlechtsliebe zum äußeren oder natürlichen gehört und daher auch allen Tieren eignet.

(7) Die eheliche Liebe aber gehört zum inneren oder geistigen Menschen und ist daher eine Eigentümlich­keit des Menschen.

*95. Dies beruht darauf, daß die Form des menschlichen Gemüts um so vollkommener wird, je mehr Einsicht und Weisheit der Mensch erlangt und somit innerlich oder geistig wird. Diese Form nimmt die eheliche Liebe auf, denn sie empfindet und fühlt darin eine beseligende geistige Lust, aus der schließlich die natürliche Lust resultiert, die Seele, Leben und Wesen daraus bezieht.

*96. Die eheliche Liebe ist eine Eigentümlichkeit des Men­schen, weil allein der Mensch geistig werden kann; er allein vermag seinen Verstand über die natürlichen Triebe zu erhe­ben und sie gleichsam von oben objektiv zu betrachten und über ihre Beschaffenheit zu urteilen, so daß er sie bessern, geißeln und zurückdämmen (removere) kann. Dies ist Tieren unmöglich, weil ihre Triebe völlig eins sind mit ihrem ange­borenen Wissen. Darum können sie nicht zur Einsicht und noch viel weniger zur Weisheit erhoben werden. Ihr einge­pflanzter Instinkt leitet sie, ähnlich wie ein Blinder von sei­nem Hund durch die Straßen geführt wird. Darum ist die ehe­liche Liebe eine Eigentümlichkeit des Menschen. Man kann auch sagen, daß sie ihm angeboren und angestammt sei, weil dem Menschen das Vermögen zur Weisheit innewohnt, mit dem diese Liebe eine Einheit bildet.

(8) Beim Menschen liegt die eheliche Liebe in der Geschlechtsliebe verborgen, gleichsam wie der Edelstein in seiner Mutter.

*97. Das ist freilich nur ein Vergleich, der darum im fol­genden Artikel erklärt werden wird. Dieser Vergleich beleu­chtet aber auch, daß die Geschlechtsliebe zum äußeren oder natür­lichen Menschen, die eheliche Liebe aber zum inneren oder gei­stigen Menschen gehört, wie dies soeben in #95 gezeigt wurde.

(9) Die Geschlechtsliebe ist beim Menschen nicht der Ursprung, sondern [nur] das Erste der ehelichen Liebe;

*98. sie ist mithin wie das äußere Natürliche, dem das Geistige eingepflanzt wird. Man beachte: Hier ist von der wahrhaft ehelichen Liebe die Rede, nicht von der vulgären Liebe, die auch als eheliche Liebe bezeichnet wird und doch bei man­chen nur begrenzte Geschlechtsliebe ist. Die wahrhaft eheli­che Liebe findet sich nur bei den Menschen, die nach Weisheit streben und daher auch mehr und mehr Weisheit erlangen. Der Herr, der das vorhersieht, führt sie vorsorglich in die ehe­liche Liebe ein. Diese beginnt zwar auch bei ihnen mit der Geschlechtsliebe, besser gesagt durch die Geschlechtsliebe, aber sie entsteht nicht aus ihr. Vielmehr entsteht sie im sel­ben Maß, wie ihre Weisheit wächst und ans Licht tritt. Denn Weisheit und eheliche Liebe sind unzertrennliche Gefährten.

Die eheliche Liebe beginnt aber deshalb mit der Ge­schlechtsliebe, weil das andere Geschlecht als solches geliebt, mit liebendem Blick betrachtet und höflich und anständig mit ihm umgegangen wird, noch ehe die Gefährtin gefunden ist. Der Jüngling steht ja vor der Wahl, und die ihm eingeborene Neigung — im Heiligsten seines Gemüts verborgen — zur Ehe mit einem Wesen aus dem anderen Geschlecht erwärmt dann sanft sein Äußeres. Eine andere Ursache ist darin zu sehen, daß der Entschluß, eine Ehe zu gründen, aus verschiedenen Ursachen oft bis zur Mitte des Mannesalters hinausgeschoben wird und inzwischen der Beginn dieser Liebe wie zur Begierde wird. Bei einigen geht sie denn auch tatsächlich in bloße Ge­schlechtsliebe über, auch wenn sie ihr die Zügel nicht weiter schießen lassen, als der Gesundheit zuträglich ist. Dies gilt je­doch nur vom männlichen Geschlecht, weil es Verlockungen ausgesetzt ist, die tatsächlich entflammen. Es gilt nicht vom weiblichen Geschlecht.1

1) Anm. d.Ü's: Auch hier hat sich heute manches geändert, schon darum, weil die heutigen Mädchen nicht mehr derart behütet auf­wachsen, wie es zu Zeiten des Autors üblich war und Enthaltsam­keit vor der Ehe heutzutage weder bei ihnen noch bei den Män­nern unbedingt mehr als Tugend gilt.

So ist die Geschlechtsliebe nicht der Ursprung der wahr­haft ehelichen Liebe, sondern nur ihr Erstes der Zeit, nicht dem Endzweck nach. Denn das Erste in bezug auf den End­zweck bildet im Gemüt des Menschen das Vorzüglichere (primarium), und in seinem Streben das Erste. Aber dazu gelangt er nur nach und nach durch verschiedene Mittel (media). Diese aber sind nicht das Erste an sich, sondern führen nur zu dem, was an sich das Erste ist.

(10) Wird die eheliche Liebe eingepflanzt, verwandelt sich die Geschlechtsliebe und wird keusch.

*99. Die Geschlechts­liebe verwandelt sich, wenn die eheliche Liebe zu ihrem Ursprung gelangt, der im Innersten des Gemüts liegt. Dann hat sie nämlich die Geschlechtsliebe nicht vor, sondern hinter sich und nicht über, sondern unter sich, gleichsam wie etwas, das man im Vorübergehen abgestreift hat. Etwa wie ein Beamter, der von einem Amt zum nächsten und so schließlich zu sehr hohen Würden aufsteigt und dann an die durchlaufenen Po­sitionen zurückdenkt. Oder wenn man eine Reise an den Hof eines Königs unternimmt und nach seiner Ankunft auf das zurückblickt, was man auf dieser Reise gesehen hat. Die Ge­schlechtsliebe aber bleibt, wie gesagt, erhalten, wird jedoch keusch, dabei aber süßer als zuvor, wie die Berichte aus der geistigen Welt zeigen. Man vgl. die beiden Denkwürdigkeiten in #44 und 45.

(11) Mann und Frau sind geschaffen, um die eigent­liche Form der Ehe des Guten und Wahren zu sein,

*100. weil der Mann dazu geschaffen ist, das Verständnis des Wahren — d.h. eine Form des Wahren — zu sein und die Frau, um das Wollen des Guten — d.h. eine Form des Guten — zu sein, und weil bei­ den vom Innersten her die Neigung zur Verbindung in Eins eingepflanzt ist (vgl. oben #88). Folglich bilden beide zusam­men eine einzige Form, die der ehelichen Form des Guten und Wahren nacheifert. "Nacheifert" wird gesagt, weil sie diese Form nicht wirklich ist, sondern ihr nur ähnelt. Das Gute näm­lich, das sich mit dem Wahren beim Manne verbindet, ist un­mittelbar vom Herrn, während das Gute der Frau, das sich mit dem Wahren beim Mann verbindet, zwar ebenfalls vom Herrn stammt, aber dem Manne mittelbar durch die Frau zukommt. Daher gibt es zweierlei Gutes, von dem das eine innerlich und das andere äußerlich ist. Beide verbinden sich mit dem Wah­ren beim Ehemann und bewirken, daß er beständig im Ver­ständnis des Wahren und von daher durch die wahrhaft ehe­liche Liebe in der Weisheit ist. Mehr darüber im Folgenden.

(12) In ihrem Innersten bilden zwei Ehegatten diese Form, und vom Innersten aus sind sie es auch in dem daraus Resultierenden, soweit die inneren Regionen ihres Gemüts aufgeschlossen sind.

*101. Der Mensch besteht aus Drei­erlei, das der Ordnung nach bei ihm aufeinander folgt: Seele, Gemüt und Körper. Sein Innerstes ist die Seele, sein Mittleres das Gemüt, und sein Letztes ist der Körper. Was vom Herrn her in den Menschen einfließt, strömt samt und sonders in sein Innerstes, die Seele, ein. Von dort steigt es zunächst herab in sein Mittleres, das Gemüt, und durch dieses schließlich in sein Letztes, den Körper. Auf diese Weise fließt die Ehe des Guten und Wahren vom Herrn beim Menschen ein — unmit­telbar in seine Seele, von da ins Gemüt und durch dieses ins Äußerste. Und so bringen sie gemeinschaftlich die eheliche Liebe hervor. Aus der Idee dieses Einflusses geht klar hervor, daß die beiden Ehegatten in ihrem Innersten diese Form bil­den, und von daher auch das daraus Resultierende.

*102. Ehegatten werden aber nur so weit zu dieser Form, wie sich ihre inwendigen Gemütsbereiche öffnen. Das Gemüt wird nämlich von Kindheit an bis ins späte Greisenalter nach und nach aufgeschlossen. Denn der Mensch wird als ein kör­perliches Wesen geboren und zunächst soweit vernünftig, wie das unmittelbar über dem Körper gelegene Gemüt aufge­schlossen wird. Danach, wenn dieses Vernünftige gereinigt und von den einfließenden Sinnestäuschungen und den Be­gierden gleichsam geklärt wird, welche die Lockungen des Fleisches mit sich bringen, wird es aufgeschlossen. Aber das geschieht allein durch die Weisheit. Sind dann die inwendigen Regionen des vernünftigen Gemüts aufgeschlossen, wird der Mensch zu einer Form der Weisheit, d.h. zu einem Aufnah­megefäß der wahrhaft ehelichen Liebe.

Die Weisheit, die jene Form bildet und diese Liebe auf­nimmt, ist zugleich die vernünftige und sittliche Weisheit. Die vernünftige Weisheit betrachtet das inwendig im Menschen erscheinende Wahre und Gute nicht als ihm gehörend, son­dern als etwas, das vom Herrn her einfließt. Die sittliche Weis­heit flieht alles Böse und Falsche wie den Aussatz, besonders aber alle Geilheit, die ihre eheliche Liebe befleckt.

Zwei Denkwürdigkeiten möchte ich hier beifügen:

*103. Die erste: Eines Morgens vor Sonnenaufgang blickte ich in der geistigen Welt gen Osten. Ich sah vier Reiter wie aus einer Wolke hervorfliegen, die im Glanz der Morgenröte flammte. Die Reiter trugen auf dem Kopf Helme mit Federbüschen (cassides crispate), über den Armen schienen sie Flügel zu haben und um den Leib orangefarbene Röcke. So als Eilbo­ten gekleidet, stiegen sie auf, zogen ihren Rössern über den Mähnen die Zügel an und rasten gleichsam geflügelten Fußes los. Ich verfolgte mit meinen Blicken ihren Lauf oder Flug, um zu sehen, wohin sie eilten. Und siehe, drei der Reiter warfen sich nach drei verschiedenen Himmelsrichtungen, nämlich nach Süden, Westen und Norden, während der vierte nach kurzem Lauf im Osten stehen blieb. Ich wunderte mich, blickte zum Himmel auf und fragte, wohin die Reiter wollten? Ich erhielt die Antwort: Zu den Weisen der Staaten Europas, welche die Dinge mit ausgeklügelter Vernunft und Scharfsinn durchschauten und von ihren Landsleuten als große Denker gefeiert wurden. Sie sollen zusammenkommen, um das Ge­heimnis der ehelichen Liebe, ihres Ursprungs und ihrer Kraft oder Potenz zu lösen. Ferner sagten sie mir vom Himmel her: "Warte ein wenig, und du wirst siebenundzwanzig Wagen sehen, je drei mit Spaniern, Franzosen, Italienern, Deutschen, Niederländern, Engländern, Schweden, Dänen und Polen" Nach zwei Stunden erschienen diese Wagen tatsächlich. Sie wurden von blaßroten, prächtig gezäumten Rössern gezogen und fuhren blitzschnell auf ein geräumiges Haus zu, das sich an der Grenze zwischen Osten und Süden zeigte. Dort stie­gen alle aus und gingen frischen Mutes hinein.

Nun wurde mir bedeutet: "Gehe auch du hinein, so wirst du hören!" So ging ich denn hinein. Und als ich das Innere des Hauses betrachtete, sah ich, daß es quadratisch angelegt war, mit Aussicht nach den vier Himmelsrichtungen. An jeder Seite befanden sich drei hohe Fenster aus Kristallglas, die Rahmen bestanden aus dem Holz vom Ölbaum. Zu beiden Seiten der Rahmen ragten Erker aus den Wänden wie gewölbte Zimmer. In ihnen standen Tische. Die Wände waren von Zedern , die Decke von edlem Zitrusholz, der Fußboden aus Dielen von Pappelholz. An der Wand nach Osten hin, wo keine Fenster zu sehen waren, stand ein mit Gold überzogener Tisch. Darauf lag ein Kopfbund, um und um besetzt mit kostbaren Steinen. Ihn sollte als Siegespreis oder Prämie erhalten, wer das Ge­heimnis lösen würde, das nun bald vorgelegt werden sollte.

Dann sah ich, wie sich die Männer in die überwölbten Erker neben den Fenstern, die wie besondere Zimmer waren, verteilten und bemerkte in jedem fünf aus jedem der genannten europäischen Staaten, bereit, den Gegenstand zu erfahren, den sie beurteilen sollten. Nun stand plötzlich ein Engel in der Mitte des Palastes und verkündete: "Der Gegen­stand, über den ihr urteilen sollt, ist die eheliche Liebe, ihr Ursprung, ihre Kraft und Potenz. Erörtert dies und entschei­det euch dann. Schreibt das Resultat auf ein Blatt Papier und legt es in die silberne Schale, die neben dem goldenen Tisch steht, wie ihr seht. Unterschreibt mit dem Anfangsbuchstaben des Staates, aus dem ihr stammt." Im Weggehen sagte der Engel noch: "Ich werde wiederkommen."

Nun nahmen sich die je fünf Landsleute in den Concla­ven neben den Fenstern die Aufgabe vor, stellten Betrachtun­gen darüber an und faßten einen gemeinsamen Beschluß, der ihrer Urteilskraft entsprach, schrieben ihn nieder auf ein Blatt Papier, unterzeichnet mit dem Anfangsbuchstaben ihres Landes und legten ihn in die silberne Schale. Darüber vergingen drei Stunden. Als dann der Engel zurückkehrte, entnahm er der Schale der Reihe nach die Beschlüsse und las sie der Ver­sammlung vor.

*104. Vom ersten Blatt, das er zufällig ergriff, las er fol­gendes vor: "Wir fünf Landsleute in unserem Gemach kamen zum Schluß, daß der Ursprung der ehelichen Liebe von den Ältesten des Goldenen Zeitalters und somit von der Schöpfung Adams und seines Weibes herzuleiten ist. Dort liegt der Ursprung der Ehe und damit auch der ehelichen Liebe. Was die Kraft oder das Vermögen der ehelichen Liebe anlangt, so leiten wir diese allein aus dem Klima oder der Lage zur Sonne ab, d.h. aus der Wärme der verschiedenen Länder. Wir haben uns das nicht ausgedacht, sondern entnehmen es den offen­sichtlichen Erfahrungsbeweisen, wie man sie z.B. bei den Völ­kern unter dem Äquator findet, wo es bei Tag glühend heiß ist, dann bei den Völkern, die mehr oder weniger weit ent­fernt von dieser Linie leben. Ferner ist es am Zusammenwir­ken der Sonnen  mit der Lebenswärme bei den Landtieren und Vögeln zur Frühlingszeit zu erkennen, wenn sie sich be­gatten. Was ist denn die eheliche Liebe anderes als Wärme? Wenn sich zu ihr die Sonnenwärme gesellt und mitwirkt, so entsteht die Kraft oder Potenz." Unterzeichnet war dies mit dem Buchstaben H für Hispania, Spanien.

*105. Danach ergriff der Engel ein zweites Papier und las folgendes: "Wir sind übereingekommen, daß der Ursprung der ehelichen Liebe mit dem Ursprung der Ehen zusammen­fällt, die durch die Gesetze sanktioniert wurden, um die dem Menschen angeborene Begierde zum Ehebruch zu zähmen, da diese sonst die Seelen zugrunde richten, die rationalen Kräfte des Gemüts verunreinigen, die guten Sitten beflecken und den Körper durch Schwindsucht aufreiben würden. Denn Ehebruch ist nicht menschlich, sondern tierisch, somit durch­aus nicht christlich, sondern barbarisch. Die Verdammung des Ehebruchs führte zur Entstehung der Ehe und zugleich der ehelichen Liebe. Ebenso verhält es sich auch mit der Kraft bzw. der Potenz dieser Liebe. Sie hängt ab von der Keusch­heit, der Enthaltung von ausschweifender Hurerei, weil die Kraft bzw. Potenz bei dem, der nur seine Gattin liebt, für eine einzige Frau aufbewahrt, gesammelt und gleichsam konzen­triert ist. Dadurch wird sie veredelt wie eine Essenz nach Ent­fernung der Unreinigkeiten, während sie sonst nach allen Sei­ten zerstreut und vergeudet würde. Einer von uns Fünfen, ein Priester, fügte auch noch die Vorherbestimmung als Ursache dieser Kraft oder Potenz an, indem er sagte: ,Sind nicht die Ehen vorherbestimmt? Und wenn das der Fall ist, so gilt das auch für die daraus entstehenden Zeugungen und alles, was dazu beiträgt'. Der Betreffende bestand auf dieser Ursache, weil er darauf geschworen hatte." Dieses Papier war mit dem Buchstaben B für Batavia oder Holland unterschrieben. Als jemand dies hörte, sagte er lächelnd: "Ei, ei, die Vorherbe­stimmung — welch schöne Rechtfertigung des Unvermögens oder der Impotenz!"

*106. Bald darauf nahm der Engel ein drittes Papier zur Hand und las: "Wir haben die Ursachen für den Ursprung der ehelichen Liebe erwogen und erkannt, daß die entscheidende Ursache identisch ist mit dem Ursprung der Ehe, weil diese Liebe früher nicht bestand. Sie entstand aber, weil jemand, der sich sterblich in eine Jungfrau verliebt hat, sie mit Herz und Seele als sein liebenswürdigstes Eigentum besitzen will. Sobald sie sich mit ihm verlobt, betrachtet er sie als sein Ei­gentum. Dies ist der Ursprung der ehelichen Liebe. Das geht klar hervor aus der Wut und Eifersucht eines jeden Gatten ge­genüber seinem Nebenbuhler. Dann haben wir auch über den Ursprung der Kraft oder Potenz dieser Liebe nachgedacht. Drei von uns überstimmten zwei andere mit ihrer Ansicht, daß die Kraft oder Potenz im Verkehr mit der Ehegattin von einer ge­wissen Freizügigkeit in bezug auf das andere Geschlecht herrühre. Sie sagten, sie wüßten aus Erfahrung, daß das Ver­mögen der Geschlechtsliebe stärker sei als das der ehelichen Liebe." Dies trug als Unterschrift den Buchstaben I für Italien. Nach der Verlesung dieses Papier hörte man von den Tischen den Ruf: "Entferne dies Papier und zieh ein anderes hervor."

*107. Darauf nahm der Engel sogleich das vierte Papier zur Hand und las: "Wir Landsleute haben an unserem Fen­ster beschlossen, daß der Ursprung der ehelichen und der Geschlechtsliebe ein und derselbe sei, weil jene aus dieser her­vorgeht. Der Unterschied besteht nur darin, daß die Geschlechtsliebe unbeschränkt, grenzenlos, ungebunden, unterschiedslos und schweifend ist, die eheliche Liebe aber eingeschränkt, begrenzt, gebunden, bestimmt und bestän­dig und daher auch von der menschlichen Weisheit geheiligt und festgelegt worden ist. Denn anders könnte kein Kaiser ­oder Königreich, kein Freistaat, ja überhaupt keine Gesell­schaft bestehen. Die Menschen würden hordenweise in Feld und Wald mit Huren und geraubten Frauen umherschweifen. Sie müßten von einem Wohnsitz zum anderen fliehen, um blutigen Auseinandersetzungen, Schändungen und Räube­reien zu entgehen, die das ganze menschliche Geschlecht sei­ner Ausrottung anheim geben würden. Dies also ist unser Ur­teil über den Ursprung der ehelichen Liebe. Was die Kraft oder Potenz dieser Liebe betrifft, so führen wir sie auf körperliche Gesundheit zurück, sofern sie ununterbrochen von der Ge­burt bis zum Alter fortdauert. Einem Menschen, dem bestän­dig wohl ist und der sich einer guten Gesundheit erfreut, fehlt es auch nicht an Lebenskraft; seine Fibern, Nerven und Mus­keln werden nicht schlaff, abgespannt und welk, sondern blei­ben stark und kräftig. Lebt wohl!" Dies war unterschrieben mit dem Buchstaben A (wie Albion, England).

*108. Nun zog der Engel das fünfte Blatt hervor und las folgendes: "An unseren Tischen haben wir mit der unserem Geist verliehenen Vernunft den Ursprung der ehelichen Liebe und den Ursprung ihrer Kraft oder Potenz untersucht. Nach Erwägung aller Gründe sehen wir nur einen Ursprung der ehelichen Liebe: Daß nämlich jeder Mensch im Innersten seines Gemüts und Körpers verborgene Triebe hat, die allerlei Gelü­ste in ihm aufstacheln, die durch seine Augen ausgelöst wer­den, schließlich sein Gemüt auf eine Jungfrau aus dem weib­lichen Geschlecht richten und hinneigen, bis er sich gänzlich für sie erwärmt. Dann entzündet sich seine warme Neigung und entflammt immer mehr, bis sie schließlich zur Glut wird. In diesem Zustand gibt es keine Geschlechtslust mehr; an ihrer Stelle entsteht die eheliche Liebe. Der Jüngling, der sich ver­lobt hat, weiß im Zustand seiner Glut nichts anderes, als daß die Kraft und Potenz seiner Liebe niemals enden werde. Ihm fehlt noch die Erfahrung, und so kennt er den Zustand der Er­schlaffung und der nach dem Genuß eintretenden Erkaltung der Liebe nicht. Folglich liegt der Ursprung der ehelichen Liebe wie auch der Kraft und Potenz in jenem ersten Feuer vor der Hochzeit. Nach der Hochzeit aber beginnt die Fackel zu flackern, und ihre Intensität nimmt stets ab und wieder zu, besteht aber dennoch bei steter Veränderung oder Ab  und Zunahme fort bis ins Greisenalter. Mäßigung und Klugheit, Bezähmung der aus den noch nicht gesäuberten Höhlen des Gemüts hervorbrechenden Begierden spielen dabei eine wichtige Rolle; denn die Lust geht der Weisheit voran. Dies ist unser Urteil über Ursprung und Dauer der ehelichen Kraft oder Po­tenz." Die Unterschrift war der Buchstabe P (wie Polen).

*109. Danach zog der Engel das sechste Blatt heraus und las Folgendes: "In unserem Kreise haben wir Landsleute mit Umsicht über die Ursachen des Ursprungs der ehelichen Liebe nachgedacht und uns auf zwei geeinigt. Die eine ist die rechte Erziehung der Kinder, die andere die klare Regelung der Besitz  und Erbschaftsfrage. Wir haben uns auf diese bei­den verständigt, weil sie zusammenstimmen und auf einen Zweck, das allgemeine Beste, abzielen. Dieser wird erreicht, weil die aus der ehelichen Liebe empfangenen und geborenen Kinder aufgrund der eingepflanzten elterlichen Liebe als ei­gene anerkannt werden. Die elterliche Liebe wird noch da­durch erhöht, daß diese Kinder legitim sind und zu Erben aller geistigen und materiellen Besitzungen ihrer Eltern erzogen werden. Es ist klar und vernünftig, daß auf der richtigen Kin­dererziehung und auf klarer Regelung der Besitz  und Erb­schaftsverhältnisse das allgemeine Wohl beruht.

Es gibt eine Geschlechtsliebe und eine eheliche Liebe. Sie scheinen identisch zu sein, sind jedoch aufs Bestimmteste von einander verschieden. Auch existiert nicht eine neben der an­deren, sondern eine befindet sich innerhalb der anderen, und was innerhalb ist, das ist edler als das außerhalb Befindliche. Wir sind zur Erkenntnis gelangt, daß die eheliche Liebe von der Schöpfung her innerlich und in der Geschlechtsliebe ver­borgen liegt, ganz so wie der Mandelkern in seiner Schale. Wird daher die eheliche aus ihrer Schale, der Geschlechtsliebe, her­ausgelöst, so glänzt sie vor den Engeln wie der Edelstein Beryll und Sternstein (astroites). Dem ist so, weil der ehelichen Liebe das Wohlbefinden der ganzen Menschheit eingeschrieben ist, die wir unter dem öffentlichen Wohl verstehen. Soweit unser Urteil bezüglich des Ursprungs dieser Liebe.

Was aber den Ursprung der Kraft oder des Vermögens dieser Liebe anlangt, so schlossen wir aus den schon erörter­ten Ursachen, daß er in der Herauslösung oder Trennung der ehelichen Liebe aus der Geschlechtsliebe liegt. Diese Tren­nung aber wird bewirkt durch die Weisheit von seiten des Man­nes und durch die Liebe zur Weisheit des Mannes von seiten der Frau. Denn die Geschlechtsliebe hat der Mensch mit den Tieren gemein, während die eheliche Liebe eine Eigentüm­lichkeit des Menschen ist. Soweit daher die eheliche Liebe von der Geschlechtsliebe befreit und von ihr getrennt wird, ist der Mensch Mensch und nicht Tier. Die Kraft und das Vermögen aber erlangt der Mensch aus der ihm eigenen Liebe und das Tier aus der seinigen." Dieses Blatt zeigte als Unterschrift den Buchstaben G (wie Germania, Deutschland).

*110. Nun zog der Engel das siebte Blatt heraus und las daraus Folgendes: "Im Licht unter dem Fenster unseres Zimmers erheiterten wir Landsleute uns bei unseren Gedanken und daraus resultierenden Urteilen bei den Betrachtungen über die eheliche Liebe. Denn wer würde sich nicht dabei er­heitern, da sie doch, wenn einmal im Gemüt, so auch im ganzen Leibe ist? Wir beurteilen diese Liebe nach ihrer Lust; denn wer fühlt oder fühlte jemals irgendeine Spur Liebe, wenn nicht durch die damit verbundenen Lüste und Wonnen? Die Reize der ehelichen Liebe werden in ihren Ursprüngen als Se­ligkeit, Glück und Wonne empfunden, und daher dann als Süßigkeit und Wollust, im Letzten als die Wonne der Wonnen. Die Geschlechtsliebe entspringt also, wenn die inneren Be­reiche des Gemüts und von da aus auch die inneren Körper­teile für den Einfluß jener Reize aufgeschlossen werden. Die eheliche Liebe aber entstand, als die ursprüngliche Sphäre jener Liebe durch die Einführung von Verlobungen (per cae­ptas desponsationes) zu einem Ideal gesteigert wurde.

Die Kraft oder Potenz dieser Liebe aber stammt daher, daß diese Liebesader vom Gemüt aus in den Körper über­gehen kann. Das Gemüt empfindet und handelt nämlich vom Haupt her im Körper, vor allem wenn es sich aus dieser Liebe ergötzt. Danach beurteilen wir den jeweiligen Grad ihres Ver­mögens und die Beständigkeit ihrer Abwechslungen. Zudem leiten wir die Kraft oder Potenz auch aus der Abstammung ab. War sie beim Vater edel, so wird sie durch Fortpflanzung (per traducem) auch edel bei der Nachkommenschaft. Ver­nunft und Erfahrung bestätigen die Vererbung dieses Adels auf die Nachkommen durch Zeugung." Unter diesem Papier stand der Buchstabe F (wie Frankreich).

*111. Der Engel nahm nun das achte Blatt und las: "Wir Landsleute haben in unserer Versammlung den eigentlichen Ursprung der ehelichen Liebe nicht gefunden, weil er zu innerst im Heiligsten des Gemüts verborgen liegt. Auch voll­kommenste Weisheit vermag diese Liebe in ihrem Ursprung nicht mit einem einzigen Strahl des Verstandes zu erreichen. Wir haben auf mancherlei getippt, aber nachdem wir vergeb­lich die subtilsten Dinge erwogen hatten, wußten wir schließ­lich nicht mehr, ob wir Possen oder Urteile hervorgebracht hatten. Wer daher den Ursprung dieser Liebe aus den heili­gen Bezirken des Gemüts hervorholen und sich vor Augen stellen möchte, der wende sich lieber an das Orakel von Del­phi. Wir haben diese Liebe unterhalb ihres Ursprungs be­trachtet und gesehen, daß sie im Gemüt geistig und wie ein Quell ist, dem eine süße Wasserader entspringt und in die Brust herabfließt, wo sie als Lust empfunden und als Her­zensliebe (amor pectoralis) bezeichnet wird. Sie ist an sich betrachtet voll Freundschaft und Vertrauen aus der Fülle der Neigung zur Gegenliebe. Erfüllt sie die Brust, wird sie zur zeu­genden Liebe. Wenn ein Jüngling diese und ähnliche Gedan­ken hegt — und das tut er, wenn seine Wünsche eine einzige aus dem anderen Geschlecht erlesen  so entzündet sich in sei­nem Herzen das Feuer der ehelichen Liebe. Dieses Feuer ist das Uranfängliche und damit auch der Ursprung der eheli­chen Liebe. Als Ursprung der Kraft oder Potenz erkennen wir ausschließlich diese Liebe selbst. Beide sind unzertrennliche Gefährten, von denen jedoch bald der eine und bald der an­dere den Vorrang hat. Ist die Liebe das Erste und die Kraft oder das Vermögen folgen ihr, sind beide edel, weil die Potenz dann die Kraft der ehelichen Liebe ist. Geht aber die Kraft voran und die Liebe folgt, so sind beide unedel, denn dann wird die Liebe zu einer Angelegenheit der fleischlichen Potenz. Mit an­deren Worten: wir beurteilen ihrer beider Beschaffenheit nach der Reihenfolge, in der die Liebe ab  oder aufsteigt und so von ihrem Ursprung zum Ziel vorwärts schreitet" Dies war mit dem Buchstaben D (wie Dänemark) unterzeichnet.

*112. Nun nahm der Engel das letzte, das neunte Blatt und las folgendes: "Wir Landsleute haben an unserem Versammlungsort unsere Gedanken auf die beiden vorgelegten Gegen­stände, den Ursprung der ehelichen Liebe und den Ursprung ihrer Kraft oder Potenz, gelenkt. Als wir dabei die subtilen Pro­bleme hinsichtlich des Ursprungs der ehelichen Liebe erwo­gen, haben wir, um alle Fragwürdigkeiten (umbras; wörtlich: Schatten) bei unseren Begründungen zu vermeiden, zwischen der geistigen, natürlichen und fleischlichen Geschlechtsliebe unterschieden. Unter der geistigen Geschlechtsliebe verstehen wir die wahrhaft eheliche Liebe, weil sie geistig ist, unter der natürlichen Geschlechtsliebe die Liebe zur Vielweiberei, weil sie natürlich ist, und unter der fleischlichen die hureri­sche Liebe, weil diese rein fleischlich ist. Als wir dann nach unserem Vermögen die wahrhaft eheliche Liebe zu beurteilen suchten, erkannten wir, daß diese Liebe nur zwischen einem Mann und einer Frau stattfindet und von der Schöpfung her himmlisch und innig ist — die Seele und der Vater aller guten Liebe. Sie wurde den ersten Eltern eingehaucht und kann auch den Christen eingehaucht werden. Sie ist auch derart verbin­dend, daß durch sie zwei Gemüter zu einem Gemüt und zwei Menschen wie zu einem Menschen werden können. Im Buch der Schöpfung zeigt die folgende Stelle, daß diese Liebe von der Schöpfung her eingegeben wurde: ,Und der Mann wird Vater und Mutterverlassen und seinem Weibe anhangen, und die zwei werden Ein Fleisch sein' ( 1 Mose 2, 24). Und daß diese Liebe den Christen eingehaucht werden kann, ergibt sich aus folgender Stelle: ,Jesus sprach: Habt ihr nicht gelesen, daß Er, der sie von Anfang gemacht hat, sie als Mann und Weib machte und sprach: Darum soll der Mensch Vater und Mut­ter verlassen und seinem Weibe anhangen; so sind sie denn nicht mehr zwei, sondern Ein Fleisch' (Mat 19, 4 6). Soweit über den Ursprung der ehelichen Liebe.

Was nun den Ursprung der Kraft oder Potenz der wahr­haft ehelichen Liebe betrifft, so halten wir dafür, daß sie aus der Ähnlichkeit der Gemüter und deren Einmütigkeit hervor­geht. Denn wenn zwei Gemüter ehelich verbunden sind, küs­sen sich ihre Gedanken in geistiger Weise und hauchen dann dem Körper ihre Kraft oder Potenz ein." Dies war gezeichnet mit dem Buchstaben S (wie Schweden).

*113. Hinter einer längeren Galerie vor den Türen des Palastes standen Fremdlinge aus Afrika, die den Europäern zuriefen: "Erlaubt, daß auch einer von uns seine Ansichten über den Ursprung der ehelichen Liebe, ihre Kraft und Potenz vortragen möge." Von allen Tischen winkte man mit den Händen Zustimmung, und nun trat einer der Afrikaner ein, blieb bei dem Tisch stehen, auf dem der Turban lag und sprach: "Ihr Christen leitet den Ursprung der ehelichen Liebe von der Liebe selbst ab. Wir Afrikaner führen ihn jedoch auf den Gott des Himmels und der Erde zurück. Ist denn nicht die eheliche Liebe keusch, rein und heilig? Sind nicht die Engel in dieser Liebe, und ist nicht das ganze Menschenge­schlecht und von daher der ganze Engelshimmel ein Same dieser Liebe? Kann etwas derart Vortreffliches einen ande­ren Ursprung haben als Gott selbst, den Schöpfer und Erhal­ter des Universums? Ihr Christen führt die eheliche Kraft oder Potenz auf allerlei rationale und natürliche Ursachen zurück. Wir Afrikaner aber leiten sie ab aus dem Zustand der Verbin­dung des Menschen mit dem Gott des Weltalls. Wir bezeich­nen diesen Zustand als Religion, ihr sprecht vom Zustand der Kirche. Denn wenn die Liebe von daher stammt, fest und dauerhaft ist, so kann es nicht anders sein, als daß ihr auch eine ähnliche, das heißt feste und dauerhafte Kraft entspringt. Die wahrhaft eheliche Liebe ist nur den wenigen bekannt, die Gott nahe sind, und daher ist auch ihre Potenz nur ihnen bekannt. Liebe und Potenz zusammen werden von den Engeln des Himmels als die Wonne eines immerwährenden Frühlings beschrieben."

*114. Nachdem er dies gesagt hatte, erhoben sich alle, und siehe, hinter dem goldenen Tisch, auf dem der Turban lag, ent­stand ein Fenster, das dort vorher nicht zu sehen war, und da­hinter ließ sich eine Stimme vernehmen: "Der Turban werde dem Afrikaner zuteil!" Der Engel gab ihm nun den Turban in die Hand, doch nicht aufs Haupt. Daraufhin ging der Afrika­ner nach Hause, und die Einwohner der europäischen Staa­ten bestiegen ihre Wagen und kehrten zu den Ihrigen zurück.

Zweite Denkwürdigkeit:

*115. Gegen Mitternacht er­wachte ich vom Schlaf und sah in einer gewissen Höhe im Osten einen Engel, der in seiner rechten Hand ein Blatt Pa­pier hielt, das im einströmenden Sonnenlicht hell erglänzte. Mitten auf dem Blatt standen in goldenen Lettern die Worte: "Ehe des Guten und Wahren". Aus der Schrift schimmerte ein Glanz hervor, der sich wie in einem weiten Kreis um das Papier legte. Dieser Kreis bzw. diese Aura hatte etwas von der Mor­genröte zur Frühlingszeit. Dann sah ich, wie der Engel mit dem Blatt in der Hand herniederstieg, das dabei immer we­niger hell erschien, während sich die Schrift der Worte "Ehe des Guten und Wahren" von Gold zuerst in Silber, dann in Kupfer, nachher in Eisen und schließlich in Eisenrost oder Kupferoxid verwandelte. Ganz zuletzt schien es, als träte der Engel in eine dunkle Wolke ein, um durch sie hindurch schließlich auf die Erde zu gelangen. Hier war das Papier, ob­gleich es der Engel noch immer in der Hand hielt, gar nicht mehr zu sehen. Dies ereignete sich in der Geisterwelt, in der alle Menschen nach dem Tode zuerst zusammenkommen. Nun sprach mich der Engel an mit den Worten: "Frage doch alle, die hier vorbeikommen, ob sie mich oder etwas in meiner Hand sehen." Es kamen viele vorbei, eine Schar von Osten, eine von Süden, eine von Westen und eine von Norden. Ich fragte jene, die von Osten und Süden kamen, und die in der Welt Gelehrte gewesen waren, ob sie hier bei mir jemanden sähen, der etwas in der Hand halte. Übereinstimmend ver­neinten sie und sagten, sie sähen ganz und gar nichts. Da­nach fragte ich die von Westen und Norden Gekommenen, die in der Welt den Behauptungen der Gelehrten geglaubt hat­ten. Auch sie versicherten, sie sähen nichts. Allerdings sagten die Letzten, die in der Welt einen schlichten Glauben der Liebe hegten, als die anderen sich entfernt hatten, sie sähen einen Mann in einem schönen Gewand mit einem Blatt Papier in der Hand, auf dem Buchstaben geschriebenen seien. Als sie näher hinsahen, erkannten sie die Worte "Ehe des Guten und Wahren" Dann sprachen sie den Engel an und baten ihn um eine Erklärung, was das bedeute. Darauf antwortete er: "Im ganzen Himmel und in der ganzen Welt gibt es nichts, was nicht eine Ehe des Guten und Wahren wäre. Alles nämlich, ob belebt und beseelt oder unbelebt und unbeseelt, ist aus der Ehe des Guten und Wahren und zu ihr hin erschaffen. Es gibt nichts, was nur ins Wahre und nichts, was nur ins Gute ge­schaffen wäre. Das eine wie das andere wäre allein für sich nichts. Vielmehr entstehen und werden sie nur durch diese Ehe des Guten und Wahren zu etwas, das die gleiche Be­schaffenheit hat wie die Ehe [zwischen Mann und Frau, d.Ü.]. Im Herrn, unserem Schöpfer, ist das göttliche Gute und das göttliche Wahre in seiner eigentlichen Substanz. Das Sein die­ser seiner Substanz ist das göttliche Gute und ihr Dasein (Exi­stere) das göttliche Wahre. Ferner ist der Herr auch in ihrer Vereinigung selbst, denn in ihm sind sie in unendlicher Weise Eins. Weil diese beiden im Schöpfer selbst eine Einheit sind, so sind sie es auch in allem und jedem von Ihm Geschaffenen. Dadurch ist der Schöpfer mit allem, was Er geschaffen hat, durch einen ewigen, der Ehe gleichenden Bund vereinigt."

Weiter sagte der Engel, daß die heilige Schrift als vom Herrn unmittelbar ausgegangen, im ganzen wie im einzelnen eine Ehe des Guten und Wahren sei. Die Kirche, die durch das Wahre der Lehre, und die Religion, die durch das Gute des Le­bens nach dem Wahren der Lehre gebildet werde, beruhe bei den Christen allein auf dem Wort. Daher sei klar, daß die Kir­che im allgemeinen wie im besonderen eine Ehe des Guten und Wahren darstellt. (Die nähere Begründung findet man in der "Enthüllten Offenbarung" #373 und 483).

Was oben über die Ehe des Guten und Wahren ausge­führt wurde, gilt auch für die Ehe der Liebe und des Glaubens; denn das Gute gehört der Liebe und das Wahre dem Glauben an. Einige von denen, die den Engel und die Schrift nicht ge­sehen hatten, aber noch dastanden, sagten beim Hören dieser Worte: "Ja, ja, wir begreifen das." Da sprach aber der Engel zu ihnen: "Wendet euch einmal ein wenig von mir ab und wie­derholt das!" Sie wandten sich ab und sagten dann laut: "Nein, dem ist nicht so." Der Engel redete nun von der Ehe des Guten und Wah­ren bei den Ehegatten und sagte: "Wären die Gemüter der Gatten in dieser Ehe — der Ehemann das Wahre und die Ehe­frau dessen Gutes —, so genössen beide die Wonnen der Se­ligkeit der Unschuld und befänden sich daher in der Glück­seligkeit der Engel des Himmels. Dieser Zustand wäre für die Zeugungskraft des Ehemanns ein beständiger Frühling und er wäre daher bestrebt, sein Wahres tatkräftig fort­zupflanzen. Die Ehefrau jedoch befände sich in immer­ währender Aufnahmebereitschaft aus Liebe. Die Weisheit, die vom Herrn her bei den Männern ist, kennt nichts Angenehmeres, als ihre Wahrheiten fortzupflanzen. Die Liebe zur Weisheit aber, die dort den Frauen eignet, kennt nichts Reiz­volleres, als sie gleichsam im Mutterschoß aufzunehmen, zu empfangen, zu tragen und zu gebären. Die geistigen Zeu­gungen bei den Engeln des Himmels sind solcher Art. Und wenn ihr es glauben wolltet, auch die natürlichen Zeugun­gen haben diesen Ursprung."

Nach dem Friedensgruß erhob sich nun der Engel von der Erde, und nachdem er das dichte Gewölk durchdrungen hatte, stieg er in den Himmel empor. Dabei erglänzte das Blatt nach den verschiedenen Graden seines Aufstiegs wie zuvor. Und siehe, der Kreis, der zuvor wie Morgenrot erschienen war, senkte sich herab und zerstreute das dichte Gewölk, das zuvor die Erde verfinstert hatte, und es ward heiter.

Die Ehe des Herrn mit der Kirche und ihre Entsprechungen

*116. Hier wird auch von der Ehe des Herrn mit der Kirche sowie von ihrer Entsprechung gehandelt, weil ohne deren Kenntnis und Verständnis kaum jemand verstehen kann, daß die eheliche Liebe in ihrem Ursprung heilig, geistig und himmlisch ist und vom Herrn stammt. Zwar haben in der Kir­che einige Theologen behauptet, es bestehe eine Beziehung zwischen den Ehen der Menschen und der Ehe des Herrn mit der Kirche (Eph 5, 31 f), aber worin sie besteht, weiß man nicht. Damit das einigermaßen klar erkennbar werde, ist es nötig, insbesondere von jener heiligen Ehe zu sprechen, die sich bei und in denen findet, welche die Kirche des Herrn bil­den; denn nur bei ihnen und bei niemand sonst findet sich die wahrhaft eheliche Liebe. Um Licht in dieses Geheimnis zu bringen, wird diese Abhandlung in die folgenden Ab­schnitte unterteilt:

  1. Im Wort wird der Herr als Bräutigam und Mann bezeich­net, die Kirche aber als Braut und Weib, und die Verbin­dung des Herrn mit der Kirche — sowie umgekehrt der Kirche mit dem Herrn — wird Ehe genannt.

  2. Ferner heißt der Herr im Wort Vater und die Kirche Mutter.

  3. Die Kinder des Herrn als Mann und Vater, sowie der Kir­che als Weib und Mutter sind samt und sonders geistig. Im geistigen Sinn des Wortes werden sie unter den Söh­nen und Töchtern, Brüdern und Schwestern, Schwie­gersöhnen und  töchtern, sowie unter anderen mit der Fortpflanzung zusammenhängenden Verwandtschafts­namen verstanden.

  4. Die geistigen Kinder, die aus der Ehe des Herrn mit der Kirche geboren werden, sind Wahrheiten, auf denen Ver­stand, Innewerden und alles Denken beruhen. Sie sind zugleich Gutes, dem Liebe, Wohlwollen und alle Nei­gungen entspringen.

  5. Die vom Herrn ausgehende Ehe des Guten und Wahren befähigt den Menschen zur Aufnahme des Wahren, mit dem der Herr dann das Gute verbindet und die Kirche beim Menschen bildet.

  6. Der Mann stellt aber nicht den Herrn und die Frau die Kirche dar, vielmehr bilden beide zusammen, Mann und Frau, die Kirche.

  7. Daher besteht weder in den Ehen der Engel in den Him­meln noch in den Ehen der irdischen Menschen eine Ent­sprechung des Mannes mit dem Herrn und der Frau mit der Kirche.

  8. Es besteht jedoch eine Entsprechung mit der ehelichen Liebe, mit der Befruchtung, Fortpflanzung, der Liebe zu den Kindern und dergleichen mehr, was zur Ehe gehört.

  9. Das Mittel zur Verbindung aber ist das Wort, weil es vom Herrn und somit der Herr ist.

  10. Die Kirche stammt vom Herrn und ist bei denen, die sich an ihn wenden und nach seinen Geboten leben.

  11. Die eheliche Liebe richtet sich nach dem Zustand der Kir­che, weil nach dem Zustand der Weisheit beim Menschen.

  12. Und weil die Kirche vom Herrn ist, so auch die eheliche Liebe.

(1) Im Wort wird der Herr als Bräutigam und Mann bezeichnet, die Kirche aber als Braut und Weib, und die Ver­bindung des Herrn mit der Kirche sowie umgekehrt der Kir­che mit dem Herrn wird Ehe genannt.

*117. Folgende Stellen im Wort zeigen, daß der Herr Bräutigam und Mann, die Kirche aber Braut und Weib heißt:

"Wer die Braut hat, ist der Bräutigam, der Freund des Bräutigams aber ist es, der steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme" (Joh 3, 29). So sprach Johannes der Täufer vom Herrn. "Jesus sprach: ,Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können die Söhne der Hochzeit nicht fasten; aber es werden Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genom­men wird   dann werden sie fasten' " (Mat 9, 15; Mark 2, 10; Luk 5, 34 f). "Ich sah die Heilige Stadt, das Neue Jerusalem, zubereitet wie eine Braut, geschmückt für ihren Mann" (Offb 21, 2).

Unter dem Neuen Jerusalem ist die Neue Kirche des Herrn zu verstehen, wie man im Werk "Die Enthüllte Offenbarung" (#880 f) ersehen kann.

"Der Engel sprach zu Johannes: Komm, ich will dir die Braut, das Weib des Lammes, zeigen; und er zeigte ihm die Stadt, das heilige Jerusalem" (Offb 21, 9 f). "Gekommen ist die Zeit der Hochzeit des Lammes, und sein Weib hat sich bereitet; selig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind" (Offb 19, 7.9.).

Unter dem Bräutigam, dem die fünf klugen Jungfrauen ent­gegengingen, um mit ihm zur Hochzeit einzugehen (Mat 25, 1 10) ist der Herr zu verstehen, wie aus Vers 13 zu ersehen ist, wo es heißt:

"Wachet also, weil ihr Tag und Stunde nicht wißt, zu der des Menschen Sohn kommen wird."

Dazu kommen viele weitere Stellen bei den Propheten.

(2) Ferner wird der Herr im Wort Vater und die Kirche Mutter genannt.

*118. Folgende Stellen zeigen, daß der Herr Vater genannt wird:

"Ein Knabe ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben ... und sein Name wird genannt: Wunderbar, Rat, Gott, Held, Vater der Ewigkeit, des Friedens Fürst" (Jes 9, 5). "Du, Jehovah, unser Vater, Erlöser ist von Alters her dein Name" (Jes 63, 16). "Jesus sprach: Wer mich sieht, sieht den Vater, der mich ge­sandt hat" (Joh 12, 45). "Wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr wohl auch meinen Vater, und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen" (Joh 14, 7). "Philippus sprach: Herr, zeige uns den Vater. Jesus sprach zu ihm: Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen, wie sprichst du denn: zeige uns den Vater?" (Joh 14, 8 f). "Jesus sprach: Der Vater und ich sind Eins " (Joh 10, 30). "Alles, was der Vater hat, ist mein" (Joh 16, 15; 17, 10). "Der Vater ist in mir, und ich bin in dem Vater" (Joh 10, 38; 14, 10 f. 29).

In der "Enthüllten Offenbarung" wurde vollständig nachge­wiesen, daß der Herr und sein Vater eins sind, wie Seele und Leib, und daß Gott der Vater vom Himmel herabgekommen ist und ein Menschliches angenommen hat, um die Menschen zu erlösen und selig zu machen, und daß sein Menschliches der Sohn Gottes genannt wird, der in die Welt gesandt wurde.

*119. Aus folgenden Stellen geht hervor, daß die Kirche im Wort Mutter genannt wird: "Jehovah sprach: Streitet mit eurer Mutter, sie ist nicht mein Weib, und ich bin nicht ihr Mann" (Jos 2, 2.5.) "Du bist die Tochter seiner Mutter, die ihren Mann verschmäht" (Ez 16, 45). "Wo ist der Scheidebrief eurer Mutter, die ich entlassen habe?" (Jes 50, 1). "Deine Mutter war wie ein Weinstock am Wasser gepflanzt und Frucht bringend" (Ez 19, 10).

Dies betrifft die Jüdische Kirche.

"Jesus streckte seine Hand aus zu den Jüngern und sprach: Meine Mutter und meine Brüder sind die, welche Gottes Wort hören und danach tun" (Luk 8, 21; Mat 12, 48 f; Mark 3, 33 35).

Unter den Jüngern des Herrn ist die Kirche zu verstehen.

"Beim Kreuz Jesu stand seine Mutter, und Jesus sah die Mut­ter und den Jünger, den er lieb hatte, neben ihr stehen und spricht zu seiner Mutter: Weib, siehe, dein Sohn, und zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter, und von dieser Stunde an nahm sie der Jünger zu sich" (Joh 19, 25 27).

Hierunter ist zu verstehen, daß der Herr nicht Maria als Mut­ter anerkannte, sondern die Kirche. Deshalb nennt er sie Weib und Mutter des Jüngers. Er nannte sie aber Mutter dieses Jün­ger, des Johannes, weil dieser die Kirche in bezug auf das Gute der tätigen Liebe darstellte. Das aber ist die Kirche in der Wir­kung selbst. Daher heißt es, er habe sie zu sich genommen. In der "Enthüllten Offenbarung" (#5, 6, 790, 879) kann man sehen, daß Petrus die Wahrheit und den Glauben, Jakobus die Liebe und Johannes die Werke der Liebe dargestellt haben, die zwölf Jünger zusammen aber die Kirche in bezug auf alles, was zu ihr gehört, #233; 790; 903; 915.

(3) Die Kinder des Herrn als Mann und Vater, sowie der Kirche als Weib und Mutter sind samt und sonders geistig. Im geistigen Sinn des Wortes werden sie unter den Söh­nen und Töchtern, Brüdern und Schwestern, Schwieger­söhnen und  töchtern sowie unter anderen, mit der Fortpflanzung zusammenhängenden Verwandtschaftsnamen verstanden.

*120. Ohne besonderen Beweis ist einzusehen, daß vom Herrn nur geistige Kinder durch die Kirche geboren wer­den, denn aus dem Herrn geht alles Gute und Wahre hervor, während es von der Kirche aufgenommen und zur Wirkung gebracht wird. Alles Geistige des Himmels und der Kirche aber bezieht sich auf das Gute und Wahre. Darum werden im Wort unter den Söhnen und Töchtern im geistigen Sinn Wahrhei­ten und Gutes verstanden   unter den Söhnen Wahrheiten, die im geistigen Menschen empfangen und im natürlichen geboren werden, und unter den Töchtern in gleicher Weise Gutes. Daher heißen Menschen, die vom Herrn wiedergebo­ren werden, im Wort "Söhne Gottes", "Söhne des Reichs" oder "von ihm Geborene" und nannte der Herr seine Jünger "Söhne" Auch die männliche Frucht, die das in Offb 12, 5 ge­nannte Weib gebar, und die in den Himmel entrückt wurde, bezeichnet nichts anderes (vgl. "Enthüllte Offenbarung" #612). Ebenso nennt der Herr die Menschen, die zu seiner Kirche gehören", "Brüder" und "Schwestern", Mat 12, 49; 25, 40; 28, 10. Mark 3, 35; Luk 8, 21.

(4) Die geistigen Kinder, die aus der Ehe des Herrn mit der Kirche geboren werden, sind Wahrheiten, auf denen Verstand, Innewerden und alles Denken beruhen, und sie sind zugleich Gutes, dem Liebe, Wohlwollen und alle Nei­gungen entspringen.

*121. Die Wahrheiten und das Gute sind aber deshalb die geistigen Kinder, die vom Herrn durch die Kirche geboren werden, weil der Herr das Gute und Wahre selbst ist und diese in ihm nicht zwei, sondern eins sind. Zudem kann vom Herrn lediglich ausgehen, was in ihm und was er selbst ist. Im Abschnitt über die Ehe des Guten und Wahren wurde oben gezeigt, daß diese Ehe aus dem Herrn hervorgeht und bei den Menschen einfließt und je nach dem Gemütszustand und Leben der Menschen, die zur Kirche gehören, aufgenommen wird. Weil der Mensch durch die Wahrheit Verstand, Wahrnehmung und alles Denken besitzt, durch das Gute aber Liebe, Wohlwollen (charitas) und alle Neigung, darum bezieht sich alles im Menschen auf das Wahre und Gute, und daher besteht er aus zwei Vermögen: Wille und Verstand — dem Willen als Aufnahmegefäß für das Gute, und dem Verstand als Aufnah­megefäß für das Wahre. Es bedarf keines Beweises, daß Liebe, Wohlwollen und Neigung charakteristisch sind für den Wil­len, Innewerden und Denken aber für den Verstand. Dieser Satz leuchtet jedem vernünftigen Menschen ohne weiteres ein.

(5) Die vom Herrn ausgehende Ehe des Guten und Wahren befähigt den Menschen zur Aufnahme des Wahren, mit dem der Herr dann das Gute verbindet, um beim Men­schen die Kirche zu bilden.

*122. Der Mensch nimmt aber vom Guten und Wahren, die als Einheit vom Herrn ausgehen, das Wahre auf, weil er dies als etwas Eigenes empfindet und sich aneignet, denn er denkt wie aus sich selbst und redet auch so, weil das Wahre im Licht des Verstandes erscheint und der Mensch es daher sieht. Von allem, was er in sich oder seinem Gemüt wahrnimmt, kennt er den Ursprung nicht. Dieser Ein­fluß ist ja nicht augenscheinlich, wie ein Objekt. Daher meint er, all das sei in ihm. Der Herr hat dafür gesorgt, daß es dem Menschen so erscheint, damit er Mensch sei und seinerseits etwas habe, sich mit dem Herrn zu verbinden. Dazu kommt, daß der Mensch mit der Anlage geboren wird zu wissen, einzusehen und weise zu sein (quod homo natus sit facultas sciendi), d.h. mit dem Vermögen, die Wahrheiten aufzuneh­men, durch die er Kenntnisse, Einsicht und Weisheit erlangt. Die Frau ist durch das Wahre des Männlichen geschaffen und wird im Lauf der Ehe mit dem Manne mehr und mehr zur Liebe zu ihm gebildet, folglich nimmt sie auch das Wahre des Mannes in sich auf und verbindet es mit ihrem Guten.

*123. Der Herr fügt den vom Menschen aufgenommenen Wahrheiten das Gute bei und verbindet es damit, weil der Mensch das Gute nicht wie von sich aus besitzen kann, ist es ihm doch unsichtbar. Und es ist ihm unsichtbar, weil es nicht zum Licht gehört, sondern zur Wärme. Wärme aber wird emp­funden und nicht gesehen. Wenn daher der Mensch in seinen Gedanken das Wahre erkennt, so denkt er selten an das Gute, das aus der Liebe darin einfließt und es lebendig macht. Auch die Frau denkt nicht über das Gute nach, das bei ihr ist, sondern über die Neigung des Mannes zu ihr, die sich ganz so verhält, wie sein Verstand sich zur Weisheit erhebt. Das Gute, das vom Herrn her bei ihr ist, übt sie aus, ohne daß ihr Mann etwas davon weiß.

Aus alledem ergibt sich, daß der Mensch vom Herrn her das Wahre aufnimmt und der Herr diesem Wahren das Gute beifügt, je nachdem, wie es der Mensch zum Nutzen verwendet, also je wie der Mensch weise denken und mithin weise leben will.

*124. Der Herr bildet auf diese Weise die Kirche beim Menschen, damit dieser dann in Verbindung mit ihm sein kann, und zwar mit seinem Guten und — wie aus sich selbst ­auch mit seinem Wahren. Dann ist der Mensch im Herrn und der Herr ist in ihm, nach seinen eigenen Worten bei Joh 14, 4 f. Man kann ebenso anstelle des Guten von der Liebe und statt des Wahren vom Glauben sprechen, weil das Gute zur Liebe und das Wahre zum Glauben gehört.

(6) Der Mann repräsentiert nicht den Herrn und die Frau nicht die Kirche, weil beide zusammen die Kirche bilden.

*125. Eine [von Paulus, Eph 5, 23 herrührende, d.Ü.] Redensart in der Kirche besagt, wie der Herr das Haupt der Kir­che sei, so sei auch der Mann das Haupt des Weibes. Daraus würde folgen, daß der Mann den Herrn und die Frau die Kir­che darstellte. In Wahrheit ist aber der Herr das Haupt der Kir­che, und der Mensch, d.h. Mann und Frau, mehr noch: Ehe­mann und Ehefrau zusammen sind die Kirche. Bei ihnen wird die Kirche zuerst dem Manne und durch diesen der Frau ein­gepflanzt, weil der Mann mit seinem Verstand das Wahre der Kirche aufnimmt, die Frau aber durch den Mann. Geht es um­gekehrt vor sich, was zuweilen geschieht, so entspricht es nicht der Ordnung. Wenn es geschieht, so liegt es entweder daran, daß die Männer die Weisheit und somit auch die Kirche nicht lieben oder daß sie wie Sklaven von den Winken ihrer Frauen abhängen. Man vergleiche, was darüber in den Vor­bemerkungen, #21, angedeutet wurde.

(7) Daher besteht weder in den Ehen der Engel in den Himmeln noch in den Ehen der irdischen Menschen eine Entsprechung des Mannes mit dem Herrn und der Frau mit der Kirche.

*126. Dies folgt aus dem eben Gesagten, dem noch hinzuzufügen ist, daß nur dem Anschein nach das Wahre das Primäre (primarium) der Kirche ist, weil es zeitlich zuerst kommt. Dieser Schein bewirkt, daß die Leiter der Kirche dem Glauben, der ja mit der Wahrheit zusammenhängt, den Vorzug gegeben haben, ebenso wie die Gelehrten dem Denken des Verstandes den Vorrang geben vor der Neigung des Willens. Deshalb liegt das Wesen des Guten der Liebe und die Neigung des Willens tief verborgen. Bei einigen Menschen ist es sogar so verschüttet, wie man Gräber mit Erde zuschüttet, damit die Toten ja nicht wieder auferstünden. Wer aber den Weg aus dem Himmel in seinen Verstand nicht dadurch unterbricht, daß er sich darauf versteift, allein der Glaube bedeute die Kirche und das Denken den Menschen, kann offenen Auges sehen, daß das Gute das Primäre der Kirche bildet. Nun stammt das Gute der Liebe vom Herrn, das Wahre des Glaubens beim Menschen ist aber für ihn wie etwas, das er selbst erworben hat. Beides be­wirkt eine Verbindung des Herrn mit dem Menschen und des Menschen mit dem Herrn, wie aus den Worten des Herrn bei Joh 15, 4 f. hervorgeht: "Ihr in mir, und ich in euch." Damit ist klar, daß diese Verbindung die Kirche ist.

(8) Es besteht jedoch eine Entsprechung mit der ehelichen Liebe, der Befruchtung, Zeugung, der Liebe zu den Kindern und dergleichen mehr, was zur Ehe gehört.

*127. Diese Dinge sind aber zu geheimnisvoll, als daß sie der Ver­stand erhellen könnte, es sei denn, er habe bereits nähere Be­kanntschaft mit den Entsprechungen gemacht. Ist das nicht der Fall, so wird er alles, was in diesem Artikel entwickelt wird — und wenn es noch so gründlich geschähe —, vergeblich zu begreifen suchen. In den Werken "Enthüllte Offenbarung", "Himmlische Geheimnisse" und insbesondere im Werk über die "Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift" ist ausführlich dargelegt worden, was die Entsprechung ist und daß sie das Verhältnis zwischen dem Natürlichem und dem Geistigem bezeichnet; im einzelnen wird es auch noch in einer weiter unten folgenden Denkwürdigkeit gezeigt werden. Ehe man das jedoch zur Kenntnis genommen hat, sei einiges für den noch unentwickelten Verstand vorausgeschickt, nämlich: Die eheliche Liebe entspringt der Neigung zum echten Wah­ren, zu ihrer Keuschheit, Reinheit und Heiligkeit. Die Be­fruchtung entspricht der Macht des Wahren, die Zeugung der Fortpflanzung des Wahren und die Liebe zu den Kindern der Fürsorge für das Gute und Wahre (tutationi veri et boni). Da nun dem Menschen das bei ihm befindliche Wahre als sein Eigentum erscheint und ihm das Gute vom Herrn beigefügt wird, so ist klar, daß diese Entsprechungen zwischen dem natürlichen oder äußeren und dem geistigen oder inneren Menschen bestehen. Die folgenden Denkwürdigkeiten wer­den das noch erhellen.

(9) Das Mittel zur Verbindung aber ist das Wort, weil es vom Herrn und somit der Herr ist.

*128. Seinem Wesen nach ist nämlich das Wort das göttliche Wahre, das verbunden ist mit dem göttlichen Guten und das göttliche Gute, das wiederum verbunden ist mit dem göttlichen Wahren. In der "Ent­hüllten Offenbarung" #373, 483, 689 und 881 kann man nachlesen, daß die Vereinigung in allen Einzelheiten des Wor­tes in seinem himmlischen und geistigen Sinn besteht.

Folglich ist das Wort die vollkommene Ehe des Guten und Wahren, und weil das Wort vom Herrn stammt und daher auch Er selbst ist, fügt der Herr dem Menschen, wenn er im Wort liest und daraus Wahrheiten schöpft, das Gute hinzu. Der Mensch erkennt nämlich beim Lesen des Wortes das an­regende Gute nicht, weil er mit dem Verstand liest und die­ser nur das ihm Gemäße aufnimmt, und das ist das Wahre. Der Verstand kann das vom Herrn dem Guten beigefügte Wahre jedoch infolge des einfließenden Wohlgefühls wahr­nehmen. Aber das geschieht nur im Inneren von Menschen, die das Wort in der Absicht lesen, weise zu werden. Diese Ab­sicht haben Menschen, welche die echten Wahrheiten im Wort suchen und daraus die Kirche bei sich bilden wollen. Die anderen aber, die das Wort nur lesen, um den Ruhm der Gelehrsamkeit zu erwerben, oder die der Meinung sind, das bloße Lesen oder Hören des Wortes flöße schon den Glauben ein und diene zum Heil, nehmen dadurch nichts Gutes vom Herrn auf. Sie wollen sich durch bloße Worte, in denen doch nichts vom Wahren liegt, die Seligkeit verschaffen. Andere möchten durch ihre Gelehrsamkeit hervorstechen, doch mit dieser Absicht verbindet sich nichts geistig Gutes, sondern nur natürliche Lust, die zur weltlichen Glorie gehört.

Weil das Wort ein Mittel zur Verbindung ist, wird es als Bund — der Alte und der Neue — bezeichnet. Bund aber ist Ver­bindung.

(10) Die Kirche stammt vom Herrn und ist bei den Menschen, die sich an ihn wenden und nach seinen Geboten leben.

*129. Niemand leugnet heute, daß die Kirche des Herrn ist und daß sie deshalb auch von ihm stammt. Die Kirche findet sich aber deshalb bei denen, die sich an ihn wenden, weil sie in der christlichen Welt aufs Wort gegründet ist und dieses auf eine Weise von Gott ist, daß Gott selbst das Wort ist. Im Wort vereint sich das göttliche Wahre mit dem göttlichen Guten und ist somit auch der Herr. Nichts anderes ist unter dem Wort zu verstehen, von dem es heißt, daß es

"bei Gott war, und daß es Gott war, aus dem den Menschen Leben und Licht zuteil wird, und das Fleisch ward" (Joh 1, 1 14).

Weiter heißt es, die Kirche sei bei denen, die sich an Ihn wen­den. Das beruht darauf, daß sie an den Herrn glauben, und daran, daß er Gott, der Heiland und Erlöser sei:

"Jehovah unsere Gerechtigkeit", "die Tür, durch die man in den Schafstall": d.h. in die Kirche eingehen muß", der Weg, die Wahrheit und das Leben" daß "niemand zum Vater komme, es sei denn durch ihn": daß der Vater und er "eins" seien,

und anderes mehr, was er selbst lehrte. Das kann, wie gesagt, niemand glauben, außer von ihm her, weil er allein der Gott des Himmels und der Erde ist, wie er ebenfalls lehrt. Und an wen sonst sollte und könnte man sich wenden?

Wenn es weiter heißt, die Kirche sei bei den Menschen, die nach seinen Geboten leben, so darum weil nur mit ihnen eine Verbindung erfolgt, sagt doch der Herr: "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt, und ich werde ihn lie­ben und Wohnung bei ihm nehmen. Wer mich aber nicht liebt, hält meine Gebote nicht" (Joh 14, 21 24). Die Liebe aber ist die Verbindung, und die Verbindung mit dem Herrn ist die Kirche.

(11) Die eheliche Liebe richtet sich nach dem Zu­stand der Kirche, weil nach dem Zustand der Weisheit beim Menschen.

*130. Schon weiter oben wurde gesagt — und es wird noch öfter gesagt werden —, daß sich die eheliche Liebe nach dem Zustand der beim Menschen vorhandenen Weisheit richte. Doch zunächst soll verdeutlicht werden, was die Weis­heit ist und daß sie mit der Kirche eine Einheit bildet:

Der Mensch besitzt Wissenschaft, Einsicht und Weisheit. Wissenschaft ist Sache der Kenntnisse, Einsicht gehört zur Ver­nunft, Weisheit aber hängt mit dem Leben zusammen. Be­trachtet man sie in ihrer Fülle, hat sie sowohl mit Kenntnissen als auch mit der Vernunft und dem Leben zu tun. Die Kennt­nisse gehen voraus, durch sie wird die Vernunft und durch beide die Weisheit gebildet, und zwar dann, wenn der Mensch vernünftig nach den Wahrheiten, d.h. den erworbenen Kennt­nissen lebt. Mithin ist Weisheit zugleich eine Sache der Ver­nunft und des Lebens. Zur Weisheit wird sie, wenn die Ver­nunft sie sich aneignet und sie von daher zum Lebensinhalt wird. Weisheit ist sie, sobald sie als Lebensinhalt auch zum An­liegen der Vernunft geworden ist. Die Menschen des ältesten Zeitalters (Antiquissimi) erkannten als Weisheit nur Lebens­weisheit an, und nach dieser wurden einst die Weisen benannt. Die Menschen des darauffolgenden Zeitalters hingegen (An­tiqui post Antiquissimos) erkannten die Vernunft als Weisheit an und nannten ihre Vertreter Philosophen. Heutzutage be­zeichnet man häufig auch die Wissenschaft als Weisheit und spricht von Gelehrten, Gebildeten, ja sogar schon von Men­schen, die lediglich ein großes Wissen haben, als von Weisen. Damit ist die Weisheit von ihrem Gipfel ins Tal gesunken.

Doch soll auch etwas über den Ursprung, den Fortschritt und die Fülle der Weisheit gesagt werden. Die mit der Kirche zusammenhängenden, sogenannten geistigen Dinge haben ihren Sitz im Innersten des Menschen. Unterhalb befindet sich der Sitz der bürgerlichen, mit dem Staat zusammenhängen­ den Angelegenheiten; und was zur Wissenschaft, Erfahrung und Geschicklichkeit (artis) gehört, also das Natürliche (vo­cantur naturalia), bildet gleichsam deren Grundlage (faciunt subsellium illorum). Die kirchlichen, d.h. die geistlichen Dinge haben ihren Platz im Innersten des Menschen, weil sie sich mit dem Himmel und durch den Himmel mit dem Herrn verbin­den, fließt doch nur das vom Herrn durch den Himmel beim Menschen ein. Die bürgerlichen, mit dem Staat zusam­menhängenden Angelegenheiten aber nehmen deshalb ihre Stelle unterhalb der geistigen Dinge ein, weil sie sich mit der Welt verbinden. Sie sind nämlich Weltliches und bestehen aus Satzungen, Gesetzen und Verordnungen, durch welche die Menschen in Zucht gehalten und zu einer festen und wohl­ geordneten Gesellschaft und staatlichen Gemeinschaft wer­den sollen. Wissenschaft, Erfahrung und Geschicklichkeit, also die natürlichen Angelegenheiten, stellen aber deshalb die Grundlage dar, weil sie sich eng mit den fünf körperlichen Sinnen verbinden, die ja das Letzte sind, über dem das Innere und das Innerste — Gemüt und Seele — ihren Platz haben. Die kirchlichen oder geistigen Dinge haben ihren Sitz im Inner­sten, und dieses bildet das Haupt, während die unter ihm ste­henden sogenannten bürgerlichen Angelegenheiten den Leib und die letzten, sogenannten natürlichen Dinge die Füße dar­stellen. Darum steht fest, daß der Mensch dann vollkommen ist, wenn diese drei in ihrer Ordnung aufeinander folgen, denn dann ist der Einfluß ebenso: zuerst in das Haupt, von dort in den Leib und durch diesen in die Füße, somit das Geistige ins Bürgerliche und durch dieses ins Natürliche.

Da das Geistige im Licht des Himmels steht, erleuchtet es mit seinem Licht das ihm Folgende der Reihe nach und be­lebt es mit seiner Wärme, der Liebe. Klar ist ferner, daß der Mensch, wenn das geschieht, Weisheit erlangt hat. Oben wurde gezeigt, daß Weisheit eine Angelegenheit des Lebens und von daher der Vernunft ist. Das führt zu der Frage: Was ist Lebensweisheit? Kurz zusammengefaßt: Sie besteht im Meiden des Bösen, weil dieses der Verderb der Seele, des Staa­tes und des Körpers ist; weiter im Tun des Guten, weil es zum Bestehen der Seele, des Staates und des Körpers dient. Mit dieser Weisheit verbindet sich die eheliche Liebe. Sie verbin­det sich dadurch, daß sie das Böse des Ehebruchs als Pest der Seele, des Staates und des Körpers flieht. Weil diese Weisheit dem Geistigen entspringt und zur Kirche gehört, ergibt sich, daß sich die eheliche Liebe dem Zustand der Kirche, weil dem Zustand der Weisheit beim Menschen gemäß verhält. Das schließt auch ein — wie oben häufig gesagt wurde —, daß der Mensch soweit in der wahrhaft ehelichen Liebe ist, als er gei­stig wird, und das wird er durch das Geistige der Kirche. Unten in #163 165 wird man mehr finden über die Weisheit, mit der sich die eheliche Liebe verbindet.

(12) Und weil die Kirche vom Herrn ist, so ist es auch die eheliche Liebe.

*131. Weil dies aus dem oben Ausgeführ­ten folgt, so verzichte ich darauf, es noch weiter zu begründen. Zudem bezeugen alle Engel des Himmels, daß die wahrhaft eheliche Liebe vom Herrn stammt und sie dem Zustand der Weisheit bei ihnen entspreche, während sich der Zustand der Weisheit aus dem Zustand der Kirche ergebe. Die den Kapiteln beigegebenen Denkwürdigkeiten des in der geistigen Welt Gehörten und Gesehenen weisen dies als Zeugnis der Engel des Himmels aus.

*132. Zwei Denkwürdigkeiten will ich hier anfügen.

Die erste: Ich sprach einst mit zwei Engeln, von denen der eine aus dem östlichen, der andere aus dem südlichen Him­mel stammte. Als sie wahrnahmen, daß ich über die mit der ehelichen Liebe zusammenhängenden Geheimnisse der Weis­heit nachdachte, fragten sie: "Ist dir etwas über die Schulen der Weisheit in unserer Welt bekannt?" Als ich verneinte, sagten sie: "Es gibt deren viele, und alle, die aus einer geistigen Nei­gung heraus die Wahrheiten lieben — das heißt weil sie wahr sind und man durch sie zur Weisheit gelangt — kommen auf ein gegebenes Zeichen hin zusammen, um tiefgründige Dinge zu erforschen, zu untersuchen und entsprechende Beschlüsse zu fassen." Hierauf nahmen sie mich bei der Hand: "Komm mit uns, und du wirst selbst sehen und hören. Gerade heute ist das Zeichen zu einer solchen Versammlung gegeben worden." Nun wurde ich über eine Ebene zu einem Hügel geführt — und siehe, am Fuß des Hügels zeigte sich ein von Palmen überdachter Gang, der zur Spitze hinaufführte. Wir betraten ihn und stie­gen aufwärts. Oben angelangt, zeigte sich ein Hain, dessen Bäume auf einer Bodenerhebung etwas wie ein Amphitheater bildeten, das eine mit vielfarbigen Steinplättchen bedeckte Fläche umgab. Darauf waren im Quadrat Stühle gestellt, auf denen die Liebhaber der Weisheit saßen. Im Zentrum des Ganzen stand ein Tisch. Darauf lag ein versiegeltes Papier. Die dort Sitzenden luden uns ein, auf den noch leeren Stühlen Platz zu nehmen. Da sagte ich: "Ich bin von diesen beiden Engeln hierher geführt worden, um zu sehen und zu hören, nicht um zu sitzen." Nun gingen die beiden Engel zum Tisch in der Mitte, erbrachen das Siegel des Papiers und verlasen Geheimnisse der Weisheit, die darauf geschrieben und die von den auf den Stühlen Sitzenden besprochen und entwickelt werden sollten. Sie waren von Engeln des dritten Himmels geschrieben und auf den Tisch herabgelassen worden. Es handelte sich um drei Geheimnisse. Das erste lautete: "Was ist das Bild und was die Ähnlichkeit Gottes, in die der Mensch erschaffen wurde?" Das zweite Geheimnis: "Warum wird der Mensch in keinerlei Kennt­nis der Liebe hineingeboren, während doch die Tiere und Vögel, edle wie unedle, in die Kenntnis all ihrer Triebe hineingeboren werden?" Das dritte Geheimnis: "Was bedeutet der Baum des Lebens, was der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, und was das Essen von beiden?" Darunter stand: "Verbindet diese drei zu einem Spruch, schreibt ihn auf ein neues Blatt und legt es auf diesen Tisch. Wir werden dann sehen. Erscheint dieser Spruch auf unserer Waagschale als ausgewogen und rich­tig, wird jedem von euch eine Weisheitsprämie verliehen wer­den." Nachdem die beiden Engel dies gelesen hatten, traten sie ab und wurden wieder in den Himmel erhoben.

Die Versammelten begannen nun mit der Untersuchung und Entwicklung der vorgelegten Geheimnisse. Sie sprachen der Reihe nach; die nach Norden Sitzenden zuerst, ihnen folg­ten die nach Westen, dann die nach Süden, und schließlich die nach Osten Sitzenden.

Der erste Gegenstand, den sie sich vornahmen, lautete: "Was ist das Bild und was die Ähnlichkeit Gottes, in die der Mensch erschaffen wurde?" Nun wurden zuerst die entspre­chenden Worte aus der Schöpfungsgeschichte verlesen:

"Gott sprach: Lasset uns den Menschen machen in unser Bild, nach unserer Ähnlichkeit; und Gott schuf den Men­schen in sein Bild, in das Bild Gottes schuf er ihn" (Gen 1, 26 f). "An dem Tage, da Gott den Menschen schuf, machte er ihn in die Ähnlichkeit Gottes" (Gen 5, 1).

Die nach Norden Sitzenden sprachen zuerst: "Das Bild und die Ähnlichkeit Gottes sind die beiden Leben, die dem Menschen von Gott eingehaucht wurden, nämlich das Leben des Wil­lens und das Leben des Verstandes, liest man doch:

"Jehovah Gott hauchte in die Nase Adams die Seele der Leben [wörtlich so im Urtext, wo Leben eine Dualform ist, d.Ü.], und der Mensch ward zur lebendigen Seele" (Gen 2, 7).

'In die Nase' bedeutet, in die innere Wahrnehmung, daß der Wille des Guten und der Verstand des Wahren und damit 'die Seele der Leben' in ihm sein sollte. Und weil ihm das Leben von Gott eingehaucht worden ist, so bedeutet 'Bild und Ähn­lichkeit Gottes' die Unversehrtheit (integritas) aus der Weisheit und Liebe, sowie aus der Gerechtigkeit und Urteilskraft in ihm."

Dem stimmten die nach Westen Sitzenden bei, fügten jedoch noch hinzu, daß der erwähnte, von Gott eingehauchte Zustand der Unversehrtheit jedem Menschen auch nach der Schöpfung noch beständig eingehaucht werde. Er sei aber im Menschen wie in einem Aufnahmegefäß, und der Mensch sei Bild und Ähnlichkeit Gottes in dem Maße, wie er tatsächlich ein Aufnahmegefäß sei. Nun meldeten sich die nach Süden zu Sitzenden, welche die dritte Reihe bildeten: "Bild und Ähn­lichkeit Gottes sind zwei verschiedene Dinge, die jedoch von der Schöpfung an im Menschen vereint sind. Wir sehen wie aus einem inneren Licht, daß der Mensch das Bild Gottes ver­lieren kann, nicht aber die Ähnlichkeit Gottes. Wie durch ein Gitterfenster hindurch ist erkennbar, daß Adam die Ähnlich­keit Gottes beibehielt, nachdem er aufgehört hatte, Bild Got­tes zu sein, heißt es doch noch nach seiner Verfluchung:

"Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereins, wissend Gutes und Böses" (Gen 3, 22).

Und etwas später wird er als Ähnlichkeit Gottes, nicht aber mehr als Bild Gottes bezeichnet (Gen 5, 1). Doch wollen wir es unseren Freunden, die gegen Osten hin sitzen, also in höhe­rem Licht stehen, überlassen, uns zu sagen, was mit dem Bilde und der Ähnlichkeit Gottes eigentlich gemeint ist."

Nun wurde es ganz still; die Angesprochenen erhoben sich von ihren Sitzen, blickten zum Herrn auf, setzten sich dann wieder und sprachen: "Das Bild Gottes ist das Aufnah­megefäß Gottes, und weil Gott die Liebe und Weisheit selbst ist, bildet es das Aufnahmegefäß von Gottes Liebe und Weis­heit im Menschen. Die Ähnlichkeit Gottes aber bedeutet die vollkommene Ähnlichkeit und den vollkommenen Anschein, als seien Liebe und Weisheit im Menschen selbst und daher ganz und gar sein eigen. Denn der Mensch empfindet nur, daß er selbst liebt und weise ist; anders ausgedrückt, daß er von sich aus das Gute wolle und das Wahre verstehe. Dabei stammt doch gar nichts von ihm selbst, sondern alles von Gott. Gott allein liebt und ist weise aus sich selbst, weil er die Liebe und Weisheit selbst ist. Diese Ähnlichkeit und der An­schein, Liebe und Weisheit oder Gutes und Wahres seien des Menschen Eigenes, macht den Menschen zum Menschen und verbindet ihn mit Gott, und daher kann er in Ewigkeit leben.

Der Mensch ist also dadurch Mensch, daß er ganz wie aus sich das Gute zu wollen und das Wahre zu wissen vermag, dabei aber doch wissen und glauben kann, daß es von Gott kommt. Denn wenn er das weiß und glaubt, legt Gott sein Bild in ihm an. Würde der Mensch glauben, daß es von ihm selbst und nicht von Gott stammt, so wäre es anders."

Nachdem sie das gesagt hatten, überkam sie aus Liebe zur Wahrheit ein Eifer, der sie dem bisher Gesagten noch folgendes hinzufügen ließ: "Wie könnte der Mensch etwas von der Liebe und Weisheit aufnehmen, es im Gedächtnis behal­ten und wieder äußern, wenn er nicht das Gefühl hätte, es sei sein eigen? Wie könnte Liebe und Weisheit den Menschen mit Gott verbinden, wenn ihm nicht etwas gegeben wäre, was ihn seinerseits dazu befähigte (nisi datum sit homini aliquod reci­procum conjunctionis)? Denn ohne Gegenseitigkeit ist eine Verbindung unmöglich; auf seiten des Menschen besteht sie darin, daß er Gott und was Gottes ist, liebt, daß er weise ist wie aus sich und dabei doch glaubt, daß es von Gott stammt. Ferner: wie könnte der Mensch in Ewigkeit leben ohne Ver­bindung mit dem ewigen Gott? Wie sonst könnte der Mensch Mensch sein ohne diese Ähnlichkeit Gottes in ihm?"

Als sie das hörten, stimmten alle zu und faßten folgenden Beschluß:

"Der Mensch ist ein Aufnahmegefäß Gottes, und dies ist das Bild Gottes in ihm. Und weil Gott die Liebe und Weisheit selbst ist, so ist der Mensch deren Aufnahmegefäß. In dem Maße, wie das Aufnahmegefäß auch tatsächlich aufnimmt, wird es zum Bilde Gottes. Der Mensch aber ist dadurch Gottes Ähn­lichkeit, daß er das von Gott Kommende in sich wie sein Eige­nes fühlt. Ebenso ist er aus jener Ähnlichkeit heraus Bild Gottes, soweit er anerkennt, daß Liebe und Weisheit bzw. Gutes und Wahres in ihm nicht sein Eigentum sind, sondern allein Gottes."

*133. Anschließend wandte man sich dem anderen Thema zu: "Warum weiß der Mensch im Unterschied zu den Landtieren und Vögeln, die in die Kenntnis aller ihrer Triebe hineingeboren werden, nicht einmal um einen einzigen Trieb von Geburt an?"

Zunächst wurde die Richtigkeit dieses Satzes durch allerlei Fakten bestätigt, z.B. daß dem Menschen nicht einmal das Wissen um die eheliche Liebe angeboren werde. Auf Befragen der Forscher erfuhr man, daß ein Neu­geborenes aus Instinkt nicht einmal die Mutterbrust finde, sondern von seiner Mutter oder Hebamme angelegt werden müsse und auch nur darum zu saugen wisse, weil es das im Mutterleib beständig übe. Es kann auch nicht sogleich gehen, den Ton zu einer menschlichen Stimme artikulieren oder we­nigstens, wie die Tiere, seinen triebhaften Empfindungen durch verschiedene Laute Ausdruck geben. Auch kenne es nicht, wie die Tiere, die ihm zuträgliche Nahrung, sondern stopfe alles Er­reichbare, es sei rein oder unrein, in den Mund. Die Forscher erklärten weiter, der Mensch könne ohne Belehrung nicht ein­mal das Geschlecht unterscheiden, geschweige denn wissen, wie das andere Geschlecht zu lieben ist. Junge Männer und Frauen, durch die Erziehung doch in vielerlei Kenntnisse ein­geführt, wüßten ohne Belehrung seitens Erfahrener nicht ein­mal etwas davon. Mit einem Wort: Der Mensch wird körper­lich geboren wie ein Wurm und bleibt rein körperlich, wenn er nicht von anderen Menschen Wissen aufnimmt und lernt, zu verstehen und weise zu werden. Anschließend bewiesen sie, daß edle wie unedle Tiere — , Vögel, Reptilien, Fische, Insekten usw. — von Geburt an alle ihre Instinkte kennen, beispielsweise alles, was ihnen zur Ernährung, Wohnung, Geschlechtsliebe und Fort­pflanzung sowie zur Aufzucht ihrer Jungen dient. Sie bewiesen dies durch alle möglichen erstaunlichen Dinge, die sie sich ins Gedächtnis zurückriefen aus allem, was sie in der natür­lichen Welt — so nannten sie unsere Welt, in der auch sie früher gelebt hatten und in der es nicht nur Repräsentationen von Tieren, sondern wirkliche Tiere gibt — gesehen, gehört und gelesen hatten.

Als auf diese Weise die Richtigkeit des Satzes bestätigt war, suchte man die Endzwecke und Ursachen aufzufinden und zu erforschen, um so womöglich das Geheimnis zu ent­hüllen. Alle erklärten, aufgrund der göttlichen Vorsehung wären dies die unerläßlichen Voraussetzungen dafür, daß der Mensch Mensch und das Tier Tier sei. Ja, die Unvollkommen­heit des Menschen bei der Geburt werde zu seiner Vollkom­menheit, die Vollkommenheit der Geburt des Tieres aber zu seiner Unvollkommenheit.

*134. Die nach Norden zu Sitzenden legten nun wieder als Erste ihre Ansichten dar: Der Mensch, so sagten sie, werde ohne Kenntnisse geboren, damit er alle Kenntnisse in sich auf­nehmen könne. Würde er nämlich mit Kenntnissen geboren, so könnte er außer den angeborenen keine weiteren aufneh­men und sich aneignen. Sie beleuchteten das durch folgenden Vergleich: Der neugeborene Mensch ist wie ein Erdreich, das zwar keinen Samen birgt, wohl aber alle Arten von Samen auf­nehmen, keimen und fruchtbar machen kann; das Tier hin­gegen wie ein schon mit Gräsern und Kräutern bepflanzter Boden, der keine andere Samen mehr aufnehmen kann, weil diese die vorhandenen ersticken müßten. So wächst der Mensch während einer ganzen Anzahl von Jahren heran, um gleichsam alle Arten von Saaten, Blumen und Bäumen her­vorzubringen. Demgegenüber entwickelt sich das Tier in we­nigen Jahren, in denen nur die ihm angeborenen Kenntnisse weiter ausgebildet werden.

Nach ihnen meldeten sich die gen Westen Sitzenden. Sie erklärten, der Mensch werde nicht, wie das Tier, mit Wissen geboren, sondern mit der Fähigkeit und Neigung zu wissen beziehungsweise zu lieben, doch nicht allein um zu wissen, sondern auch zu verstehen und weise zu werden, sowie — als vollkommenste Neigung —, nicht nur zu lieben, was ihn und die Welt, sondern auch was Gott und den Himmel betrifft. Folglich werde der Mensch von den Eltern als ein Organ ge­boren, das zunächst nur mit seinen äußeren und noch mit keinen inneren Sinnen lebt, um erst nach und nach zum Men­schen zu werden, zuerst zu einem natürlichen, dann zu einem vernünftigen und endlich zu einem geistigen. Das würde nicht geschehen, wenn er, wie die Tiere, mit Kenntnissen und In­stinkten geboren würde; denn im Unterschied zu den ange­borenen Fähigkeiten und Triebe setzt angeborenes Wissen der genannten Entwicklung Grenzen. Darum kann der Mensch in Wissenschaft, Einsicht und Weisheit bis in Ewigkeit vervollkommnet werden.

Nun kam die Reihe an die südlichen Teilnehmer, ihre An­sicht zu äußern. Sie sagten, der Mensch könne Wissen un­möglich aus sich selbst, sondern nur aus anderen schöpfen, weil ihm keinerlei Kenntnis angeboren sei. Und weil er aus sich selbst kein Wissen haben kann, so auch keine Liebe; denn wo kein Wissen ist, da ist auch keine Liebe. Wissen und Liebe sind unlöslich verbunden, ebenso unzertrennlich wie Wille und Verstand, Neigung und Gedanke oder Wesen und Form. Nimmt daher der Mensch Wissen von anderen auf, so gesellt sich dazu auch die (entsprechende) Liebe als Gefährtin: Diese ist, allgemein gesprochen, die Liebe zu wissen, zu verstehen und weise zu sein. Sie findet sich bei keinem Tier, sondern nur beim Menschen und fließt von Gott her ein. Wir stimmen mit unseren Gefährten aus dem Westen darin überein, daß der Mensch ohne jede Liebe, also auch ohne jegliches Wis­sen geboren wird, sondern allein mit der Neigung zu lieben und daher mit der Fähigkeit, von anderen, d.h. durch andere Menschen, Kenntnisse in sich aufzunehmen. Durch andere sagen wir, weil auch diese anderen aus sich selbst kein Wis­sen haben, sondern allein von Gott. Wir stimmen unseren nördlichen Freunden auch darin zu, daß der neugeborene Mensch einem Erdreich gleicht, das keinerlei Samen enthält, dem aber alle Arten von Samen, edle wie unedle, eingesät wer­den können. Dem möchten wir noch hinzufügen, daß die Tiere mit natürlichen Trieben geboren werden und folglich auch mit den entsprechenden Kenntnissen. Doch sie wissen, denken und verstehen aus diesen Kenntnissen heraus gar nichts und sind auch keineswegs weise, sondern werden nur mittels derselben von ihren Trieben geleitet   beinahe wie Blinde von ihren Hunden durch die Straßen geführt werden, sind sie doch, was den Verstand betrifft, blind — oder besser: wie Nachtwandler, die bei ruhendem Verstand aus blindem Willen handeln.

Zuletzt äußerten sich die im Osten Sitzenden: "Wir stim­men mit unseren Brüdern darin überein, daß der Mensch nichts aus sich, sondern nur aus anderen und durch andere weiß, damit er einsehen und anerkennen möge, daß alles, was er weiß, versteht und worin er weise ist, von Gott stammt. Der Mensch kann auf andere Weise nichts vom Herrn empfan­gen, nicht gezeugt und geboren und zu Gottes Bild und Ähnlichkeit werden. Denn zum Bilde Gottes wird er, wenn er an­erkennt und glaubt, daß er alles Gute der Liebe und Nächstenliebe, ebenso wie alles Wahre der Weisheit und des Glaubens empfangen hat und empfängt aus dem Herrn und nichts davon aus sich selbst. Zur Ähnlichkeit Gottes aber wird er, wenn er dabei das Gefühl hat, es stamme aus ihm. Und er hat dieses Gefühl, weil er nicht mit Kenntnissen geboren wird, sondern Kenntnisse empfängt und es ihm so scheint, als komme dieses Empfangen durch ihn selbst. Dieses Gefühl wird dem Menschen ebenfalls vom Herrn verliehen, damit er Mensch und nicht Tier sei. Denn dadurch, daß er will, denkt, liebt, weiß und weise ist wie aus sich, erhöht er die aufgenom­menen Erkenntnisse zur Einsicht und durch ihre Anwendung zur Weisheit. Auf diese Weise verbindet sich der Herr mit dem Menschen und dieser sich mit dem Herrn. Dies ist nur mög­lich, weil durch des Herrn Vorsehung der Mensch in gänzliche Unwissenheit geboren wird." Nach diesen Ausführungen be­stand der allgemeine Wunsch, die Erörterungen zu einem Be­schluß zusammenzufassen. Er lautete:

"Der Mensch wird in keinerlei Wissen hineingeboren, damit er zu allem Wissen gelangen und Einsicht und dadurch Weisheit entwickeln könne. Und er wird auch ohne Liebe geboren, damit er durch einsichtsvolle Anwendung seiner Kennt­nisse zur Liebe und durch die Nächstenliebe zur Gottesliebe gelangen kann. Auf diese Weise wird er mit dem Herrn ver­bunden und dadurch zum Menschen, der ewig leben kann."

*135. Anschließend wurde der dritte Punkt der Untersu­chung verlesen: "Was ist zu verstehen unter dem Baum des Lebens, dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sowie unter dem Essen von ihnen?"

Die nach Osten zu Sit­zenden wurden von den übrigen gebeten, dieses Geheimnis, das tieferer Einsicht bedürfe, zu entwickeln, da sie im flammenden Licht, d.h. in der Weisheit der Liebe seien; denn darin liege ja die Bedeutung des Gartens Eden, in dem diese bei­ den Bäume standen. Sie antworteten: "Ja, wir wollen darauf antworten, aber weil der Mensch nichts aus sich, sondern alles aus dem Herrn empfängt, so sagen wir es aus Ihm, dabei aber doch wie aus uns selbst", und nun sprachen sie:

"Der Baum des Lebens bedeutet den Menschen, seine Frucht das Gute des Lebens. Daher wird durch den Baum des Lebens der aus Gott lebende Mensch bezeichnet, bzw. Gott, sofern Er im Menschen lebt. Liebe und Weisheit, Näch­stenliebe und Glaube — oder auch das Gute und Wahre — bilden das Leben Gottes im Menschen, darum werden sie durch den Baum des Lebens bezeichnet und hat der Mensch ewiges Leben. Etwas ähnliches bezeichnet auch der Baum des Le­bens, von dem zu essen gegeben wird (Offb 2, 7; 22, 2.14).

Der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen hinge­gen bezeichnet den Menschen, wenn er aus sich und nicht aus Gott zu leben glaubt. Er meint, Liebe und Weisheit, Nächsten­liebe und Glaube, d.h. das Gute und Wahre in ihm, seien sein und nicht Gottes. Ein solcher Mensch glaubt das, weil er allem Anschein nach von sich aus denkt, will, redet und handelt. Und weil er sich einbildet, Gott habe sich in ihn eingesenkt, bzw. ihm sein Göttliches eingeprägt, darum sprach die Schlange:

"Gott weiß, daß welches Tages ihr von der Frucht jenes Baumes essen werdet, eure Augen sich auftun und ihr sein wer­det wie Gott, wissend Gutes und Böses" (Gen 3, 5).

Das Essen von jenen Bäumen bezeichnet allgemein Auf­nahme und Aneignung, das Essen vom Baum des Lebens die Aufnahme des ewigen Lebens und das Essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen die Aufnahme der Ver­dammnis. Darum wurden auch beide, Adam und sein Weib, zugleich mit der Schlange verflucht. Unter der Schlange ist der Teufel zu verstehen, nämlich das, was die Eigenliebe und den Dünkel eigener Einsicht betrifft; denn diese Liebe ist ge­wissermaßen der Besitzer jenes Baumes, und die Menschen, die dem jener Liebe entspringenden Dünkel huldigen, sind solche Bäume. Es ist also ein grober Irrtum zu meinen, Adam sei aus sich heraus weise gewesen und habe das Gute getan, und darin habe seine Unschuld bestanden. Gerade als er das glaubte, wurde er ja 'verflucht'. Er fiel aus dem Stand der Un­schuld, in dem er gewesen war, solange er glaubte, er sei weise und tue das Gute aus Gott und nichts davon aus sich selbst. Das ist zu verstehen unter dem Essen vom Baum der Er­kenntnis des Guten und Bösen. Der Herr allein war auf Erden weise und tat Gutes aus sich, weil das Göttliche selbst durch seine Geburt in ihm und so sein eigen war. Darum wurde er auch aus eigener Macht zum Erlöser und Heiland." Aus alle­dem kamen sie zu folgendem Beschluß:

"Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen wie das Essen von ihnen bezeichnet fol­gendes: Das Leben besteht für den Menschen darin, daß Gott in ihm ist und ihm dadurch das ewige Leben zuteil wird, der Tod aber darin, daß der Mensch sich einredet und glaubt, nicht Gott, sondern er selbst sei oder habe das Leben; denn auf diese Weise wird dem Menschen die Hölle und der ewige Tod, d.h. die Verdammnis zuteil."

*136. Danach sahen sie, daß das von den Engeln auf dem Tisch zurückgelassene Papier am Schluß die Aufforderung ent­hielt, ihre drei Antworten zu einem Ausspruch zu vereinigen. Als sie sich damit beschäftigten, erkannten sie, daß sie tatsäch­lich zusammenhingen und folgende Sentenz ergaben: "Der Mensch ist geschaffen, um die Liebe und Weisheit von Gott aufzunehmen, jedoch so, daß es den Anschein hat, als ge­schehe es von ihm selbst aus, und zwar damit er es aufneh­men und sich mit Gott verbinden kann. Deshalb wird der Mensch ohne Liebe und ohne Wissen geboren, ebenso ohne die Fähigkeit, aus sich selbst zu lieben und weise zu sein. Schreibt er daher alles Gute der Liebe und alles Wahre der Weis­heit Gott zu, wird er zu einem lebendigen, schreibt er es aber sich selbst zu, wird er zu einem leblosen Menschen." Diese Sätze schrieben sie auf ein neues Blatt Papier und legten es auf den Tisch. Und siehe, plötzlich erschienen wieder die Engel. Sie standen in einem blendend weißen Licht und nahmen das Blatt in den Himmel mit. Nachdem es dort gelesen war, hör­ten die Versammelten von dort her die Worte: "Gut, gut, gut!"

Und augenblicklich erschien aus dem Himmel ein Engel, als ob er flöge. Er hatte an den Füßen und an den Schläfen etwas wie zwei Flügel und trug in seinen Händen Auszeichnungen, die aus Gewändern, Hüten und Lorbeerkränzen bestanden. Er ließ sich nieder, gab denen im Norden opalfarbene und denen im Westen scharlachrote Gewänder. Die gen Süden Sitzenden er­hielten Hüte, deren Säume mit goldenen Bändern und Perlen und deren Ränder auf der linken Seite mit blumenförmig ge­schnittenen Diamanten verziert waren. Die gen Osten saßen, empfingen Lorbeerkränze mit Rubinen und Saphiren. Ge­schmückt mit diesen Auszeichnungen gingen alle aus der Schule der Weisheit nach Hause. Als sie sich ihren Frauen zeig­ten, kamen ihnen diese entgegen. Zur Verwunderung der Män­ner waren sie ebenfalls mit Ehrenzeichen geschmückt, die ihnen aus dem Himmel geschenkt worden waren.

Zweite Denkwürdigkeit:

*137. Als ich über die eheliche Liebe nachsann, siehe, da erschienen von ferne zwei Kinder. Sie hielten Körbe in den Händen und waren von Turteltau­ben begleitet, die um sie her flogen. Aus der Nähe gesehen, waren sie nackt, aber anmutig mit Blumengewinden geschmückt. Blumenkränze, Girlanden aus Lilien zierten ihre Köpfchen, und hyazinthfarbene Rosen hingen ihnen schräg von den Schultern herab bis zu den Lenden und schmückten ihre Brust. Gemeinsam umschlang sie etwas wie ein Band aus zartem Laub, in das hinein Oliven gewunden waren. Doch als sie näher kamen, erschienen sie nicht mehr als Kinder, waren auch nicht nackt, sondern zeigten sich als zwei erwachsene Menschen in blühendem Alter. Sie trugen Ober  und Unter­gewänder von schimmernder Seide mit wundervollen Blu­menmustern. Als sie ganz nahe bei mir waren, wehte mich aus dem Himmel etwas an wie Frühlingswärme und der liebliche Duft der ersten Blumen in Feld und Garten.

Es handelte sich um zwei Ehegatten aus dem Himmel. Sie sprachen mich an, und weil mir das Gesehene noch ganz frisch in Erinnerung war, fragten sie: "Was hast du gesehen?" Ich berichtete, wie sie mir zuerst als nackte, blumenge­schmückte Kinder erschienen seien und hernach als Erwach­sene, angetan mit geblümten Gewändern; dann habe mich plötzlich die Wärme und Lieblichkeit des Frühlings angehaucht. Da zeigte sich auf ihren Gesichtern ein liebliches Lächeln, wobei sie erklärten, sie selbst hätten sich auf dem ganzen Wege weder als Kinder und als nackt und mit Blumen geschmückt empfunden, sondern geradeso wie eben jetzt. Aber die eheliche Liebe werde eben auf diese Weise von ferne dargestellt; deren Unschuld erscheine wie nackte Kinder und die Wonnen dieser Liebe wie Blumengewinde; übrigens stell­ten auch die in ihre Über  und Untergewänder eingewebten Blumen diese Wonnen dar. "Du sagtest, bei unserer Annähe­rung hätte dich die Wärme des Frühlings mit seinen lieblichen Düften wie aus einem Garten angeweht. Wir wollen dir er­klären, woher das kam. Wir sind nun schon Jahrhunderte hin­durch Ehegatten und waren dabei stets in der Blüte der Jahre, wie du uns jetzt vor dir siehst. Unser erster Zustand glich dem einer Jungfrau und eines Jünglings, wenn sie sich ehelich ver­binden. Damals glaubten wir, dieser Zustand sei die höchste Seligkeit unseres Lebens. Von anderen Bewohnern unseres Himmels aber hörten wir und erfuhren es später selbst, daß dieser Zustand einer Liebe gleicht, deren Wärme noch nicht durch das Licht gemäßigt ist und daß diese Mäßigung erst nach und nach geschieht, je wie der Mann in der Weisheit vervoll­kommnet wird und die Frau diese Weisheit in ihrem Manne liebt. Das geschieht aber durch die Nutzwirkungen und soweit sich beide gegenseitig beistehen, in der Gesellschaft Nützli­ches zu bewirken. Die Wonnen folgen dann je wie Wärme und Licht bzw. Weisheit und Liebe gemäßigt sind. Dich hat es aber bei unserer Annäherung wie Frühlingswärme angehaucht, weil die eheliche Liebe und diese Wärme in unserem Himmel das­selbe sind. Die Wärme ist nämlich bei uns Liebe und das Licht, mit der Wärme vereint, ist Weisheit. Die Nutzwirkung ist wie die Atmosphäre, in der beide enthalten sind. Was wären Wärme und Licht ohne etwas, das sie enthält? Was wären also Liebe und Weisheit ohne ihren Nutzen? Es gäbe nichts Eheliches in ihnen, weil nichts vorhanden wäre, in dem sie sich aus­wirken könnten. Im Himmel, wo Frühlingswärme herrscht, blüht auch die wahrhaft eheliche Liebe, weil Frühlinghaftes nur sein kann, wo Wärme und Licht in einem ausgeglichenen Verhältnis harmonisch vereint sind — anders ausgedrückt: wo Wärme und Licht ausgeglichen sind. Wir meinen, so wie sich die Wärme am Licht erfreut und das Licht an der Wärme, hat auch die Liebe Freude an der Weisheit und die Weisheit wie­derum an der Liebe."

Nun sprach er weiter: "Bei uns im Himmel herrscht beständiges Licht, es gibt weder abendlichen Schatten, geschweige denn Finsternis; denn un­sere Sonne geht nicht auf und unter, wie die eure, sondern steht stets in der Mitte zwischen Zenit und Horizont oder, wie ihr sagen würdet, auf der Höhe von 45 Grad. Wärme und Licht unserer Sonne bewirken darum bei uns einen beständigen Frühling und sorgen dafür, daß alle beständig Frühlingsluft atmen, deren Liebe und Weisheit in einem ausgeglichenen Verhältnis zueinander stehen. Der Herr haucht durch die stete Vereinigung von Wärme und Licht Nutzwirkungen aus. Darin liegt auch die Ursache für das Wachstum auf eurer Erde, die Paarungen eurer Vögel und anderer Tiere zur Frühlingszeit. Die Frühlingswärme erschließt nämlich deren innere Regio­nen bis ins Innerste, das sogenannte Seelische, regt sie an und erfüllt sie mit ihrer ehelichen Sphäre (et eis indit conjugiale suum). Das steigert ihre Zeugungskraft dann zu ihren höch­sten Freuden, sind sie doch fortwährend bestrebt, ihre Gat­tung fortzupflanzen und so die Nutzwirkung der Furchtbarkeit zu vollziehen. Beim Menschen hingegen wirkt sich die Frühlingswärme, die aus dem Herrn hervorgeht, stetig aus. Sie können daher die ehelichen Freuden zu jeder Zeit, auch mitten im Winter, genießen. Denn die Männer sind geschaf­fen zur Aufnahme des Lichts, d.h. der Weisheit vom Herrn, die Frauen zur Aufnahme der Wärme, d.h. der Liebe zu der Weisheit, die der Mann vom Herrn empfängt. Deshalb wehte dich bei unserem Nahen Frühlingswärme mit dem Duft der ersten Garten  und Feldblumen an."

Nach diesen Worten reichte mir der Mann seine Rechte und führte mich zu den Heimstätten der Paare, die in der gleichen Blüte der Jahre standen, wie er und seine Gattin, und sprach: "Diese jetzt so jugendlich aussehenden Frauen und Männer waren in der Welt zuletzt verbrauchte Greise. Sie alle sind vom Herrn in ein blühendes Alter versetzt worden, weil sie einander geliebt und aus ihrer religiösen Haltung heraus Ehebruch als eine schwere Sünde gemieden hatten. Niemand kennt die Seligkeiten der ehelichen Liebe, der nicht die ab­scheulichen Lüste des Ehebruchs verabscheut, doch dazu ist nur imstande, wer aus dem Herrn heraus weise ist; aber aus dem Herrn weise ist allein, wer aus Liebe zu den Nutzwirkun­gen Nutzen schafft." Ich sah dann auch ihren Hausrat, der samt und sonders himmlische Formen aufwies und von Gold glänzte, aus dem eingelegte Rubine gleichsam hervor­zuflammen schienen.

Von Keuschheit und Unkeuschheit

*138. Wir stehen noch am Beginn unserer Abhandlung über die Besonderheiten der ehelichen Liebe. Diese sind nur vage zu erkennen, wenn sie nicht mit ihrem Gegenteil, der unkeuschen Liebe, verglichen werden. Diese wiederum wird bereits schattenhaft umrissen bei der Beschreibung der Keuschheit; denn Keuschheit ist nur die Reinigung von allem Unkeuschen. Darum wird hier zunächst das Keusche und das Unkeusche behan­delt werden. Unkeuschheit — der Keuschheit völlig entgegen­gesetzt — wird dann in einem späteren Teil des Werkes unter der Überschrift "Die Wollüste der Torheit, betreffend die la­sterhafte Liebe" in allen ihren Varianten beschrieben. Das Wesen von Keuschheit und Unkeuschheit und bei wem es sich findet, soll in folgender Ordnung beleuchtet werden:

  1. Von Keuschheit und Unkeuschheit läßt sich nur in Verbindung mit der Ehe und dem, was ihr angehört, sprechen.

  2. Keuschheit wird nur von monogamischen Ehen, d.h. der Ehe eines Mannes und einer Frau, ausgesagt.

  3. Nur die wahrhaft christliche Ehe kann keusch sein.

  4. Die wahre eheliche Liebe ist die Keuschheit selbst.

  5. Alle Freuden der wahren ehelichen Liebe, auch die letzten, sind keusch.

  6. Die eheliche Liebe wird bei Menschen, die vom Herrn her geistig werden, mehr und mehr gereinigt und keusch.

  7. Eheliche Keuschheit entsteht dadurch, daß man sich aus Religion aller Hurerei ganz und gar enthält.

  8. Kinder sind nicht keusch, weder Knaben und Mädchen noch Jünglinge und Jungfrauen, ehe sie Geschlechtsliebe empfinden.

  9. Auch Eunuchen, sie seien als solche geboren oder erst dazu geworden, sind nicht keusch.

  10. Man kann auch nicht Menschen keusch nennen, die den Ehebruch für nichts Böses halten, das durch die Religion verboten ist, geschweige denn Menschen, die ihn als un­schädlich für die Gesellschaft erachten.

  11. Auch Menschen, die sich bloß aus irgendwelchen äußer­lichen Gründen des Ehebruchs enthalten, sind nicht keusch.

  12. Keusch kann man auch die Menschen nicht nennen, die die Ehe an sich für unkeusch halten.

  13. Auch Menschen, die der Ehe entsagt und beständige Ehe­losigkeit gelobt haben, kann man nur dann als keusch bezeichnen, wenn ihnen die Liebe zu einem wahrhaft ehelichen Leben erhalten bleibt.

  14. Der Ehestand ist der Ehelosigkeit vorzuziehen.

Nun die Entwicklung der einzelnen Sätze:

(1) Von Keuschheit und Unkeuschheit läßt sich nur in Verbindung mit der Ehe und dem, was ihr angehört, sprechen.

*139. Der Grund: Die wahre eheliche Liebe ist die Keuschheit selbst. Die ihr entgegengesetzte, d.h. die lasterhafte Liebe ist nichts als Unkeuschheit. Inwieweit also die eheliche von der la­sterhaften Liebe gereinigt wird, insoweit ist sie keusch, weil damit das zerstörerische Gegenteil aus dem Weg geräumt wird. Damit ist klar, daß wir die Reinheit der ehelichen Liebe als Keuschheit bezeichnen. Doch gibt es auch eine unkeusche eheliche Liebe, die freilich nicht einfach mit Unkeuschheit an sich gleichzusetzen ist. Sie kommt zwischen Ehegatten vor, die sich aus verschiedenen äußeren Gründen der Geilheit ihrer Folgen wegen enthalten, ja nicht einmal an sie denken. Wird der Geist dieser Liebe nicht gereinigt, ist sie unkeusch, d.h. sie ist wohl der Form nach keusch, aber nicht in ihrem Wesen.

*140. Man kann sagen, was in einer Ehe keusch oder unkeusch ist, weil das Eheliche beide Geschlechter vom Innersten bis zum Äußersten ihres Wesens prägt. Es zeigt sich in ihrem Verhalten, ihrem Denken, Wollen, ihren Handlungen und Ge­bärden. Noch deutlicher zeigt es sich an unkeuschen Menschen. Der Ton ihrer Rede verrät ihr unkeusches Gemüt, und alles, was sie sagen, auch was keusch erscheint, bezieht sich auf Wollü­stiges. Der Ton der Rede wird durch die Neigung des Willens und die Rede aus dem Denken des Verstandes bestimmt. Daher sind Wille und Verstand, samt allem, was zu ihnen gehört, also das ganze Gemüt und folglich auch alles Körperliche vom In­nersten bis herab zum Letzten voller Unkeuschheit. Von Engeln hörte ich, daß sie Unkeuschheit selbst bei den ärgsten Heuch­lern anhand ihrer Äußerungen wahrnehmen, auch wenn sie noch so keusch daherreden. Sie empfinden es an der von ihnen ausströmenden Sphäre. Das ist ebenfalls ein Zeichen für die Un­keuschheit, die im Innersten ihres Gemüts und daher auch in den innersten Teilen ihres Körpers sitzt. Äußerlich wird sie gleichsam von einer bunt bemalten Kruste eingehüllt.

Die Satzungen der Söhne Israels zeigen, daß von den Unkeuschen eine Sphäre der Geilheit ausströmt. Alles, was die mit Unkeuschheit Befleckten auch nur berührten, galt als unrein. Umgekehrt bedeutet es, daß bei den Keuschen alles vom In­nersten herab bis zum Letzten keusch und rein ist, und das wird durch die Keuschheit der ehelichen Liebe bewirkt. Daher sagt man, den Reinen sei alles rein und den Unreinen alles unrein.

(2) Keuschheit wird nur von der monogamen Ehe, d.h. der Ehe eines Mannes und einer Frau, ausgesagt.

*141. Bei ihnen bleibt nämlich die eheliche Liebe nicht im natürlichen Menschen, sondern dringt in den geistigen ein. Nach und nach öffnet sich so der Weg zur eigentlich geistigen Ehe, der Ehe des Guten und Wahren, die deren Ursprung ist und sich mit ihr verbindet. Diese Liebe dringt nämlich soweit ein, wie die Weisheit wächst, und diese wiederum wächst in dem Maß, wie die Kirche von seiten des Herrn eingepflanzt wird. Das wurde oben ausführlich gezeigt. Bei Männern, die gleichzei­tig mehrere Frauen haben, kann das nicht geschehen, weil sie die eheliche Liebe teilen, die dadurch der bloß natürlichen Geschlechtsliebe ähnlich wird. Hierüber einiges Beach­tenswertes im Kapitel über die Polygamie.

(3) Nur die wahrhaft christliche Ehe kann keusch sein.

*142. Die wahre eheliche Liebe hält nämlich beim Menschen gleichen Schritt mit dem Zustand der Kirche, die vom Herrn bei ihm ist, wie im letzten Kapitel (#130 131) und anderwärts gezeigt wurde. Ein weiterer Grund besteht darin, daß die Kir­che mit ihren echten Wahrheiten im Wort ist, wo der Herr selbst in ihnen wohnt. Darum kann es ein wirklich reines Ehe­liches (conjugiale castum) nur in der christlichen Welt geben, und wenn es auch nicht wirklich besteht, so könnte es doch dort bestehen. Unter dem Ehelichen christlicher Art ist die wahre Ehe eines Mannes mit einer Frau zu verstehen. Dieses Eheliche kann den Christen eingepflanzt werden und sich von Eltern, die in wahrer ehelicher Liebe miteinander leben, auf die Kinder vererben. Daher kann sowohl das Vermögen wie auch die Neigung, im Hinblick auf die die Kirche und den Himmel betreffenden Dinge weise zu werden, angeboren sein. Wenn Christen mehrere Frauen nehmen, begehen sie nicht nur natürlichen, sondern auch geistigen Ehebruch. Das wird im Kapitel über die Polygamie nachgewiesen werden.

(4) Die wahre eheliche Liebe ist die Keuschheit selbst.

*143. Dafür gibt es mehrere Ursachen:

Weil diese Liebe vom Herrn ausgeht und seiner Ehe mit der Kirche entspricht.

Weil sie aus der Ehe des Guten und Wahren hervor­geht.

Weil sie wie die Kirche beim Menschen geistig ist.

Weil sie die grundlegende Liebe und die Krone aller himmlischen und geistigen Liebe darstellt.

Weil sie die eigentliche Pflanzschule des Menschen­geschlechts und daher des Engelhimmels bildet.

Weil sie sich deshalb auch bei den Engeln des Him­mels findet und ihnen aus dieser Liebe geistige Kinder gebo­ren werden, die Liebe und Weisheit sind.

Und schließlich weil ihr Nutzen alle übrigen Nutzwir­kungen der Schöpfung übertrifft.

Aus dem allem folgt: die wahre eheliche Liebe ist wegen ihres Ursprungs und ihres Wesens rein und heilig und läßt sich daher als die Reinheit und Heiligkeit, somit die Keusch­heit selbst bezeichnen. Dennoch ist sie weder bei Menschen noch bei Engeln vollkommen rein, wie man in Abschnitt (6) (#146) nachlesen kann.

(5) Alle Freuden der wahren ehelichen Liebe, auch die letzten, sind keusch.

*144. Das ergibt sich aus dem oben Aus­geführten, nämlich daß die eheliche Liebe die Keuschheit selbst ist und die Wonnen ihr Leben ausmachen. Die Won­nen dieser Liebe steigen auf und gehen ein in die Himmel, durchschreiten auf diesem Wege alle Freuden der himmli­schen Liebesarten, in denen die Engel leben und verbinden sich mit den Wonnen ihrer ehelichen Liebe, wie oben bemerkt. Zudem hörte ich von den Engeln, sie nähmen deutlich wahr, wie ihre eigenen Wonnen erhöht und erfüllt würden, wenn die Wonnegefühle keuscher Ehegatten von der Erde her zu ihnen aufsteigen. Sie nickten mit dem Kopf, als die Umste­henden, die unkeusch waren, fragten, ob das auch für die letz­ten, die sinnlichen Freuden gelte, und sagten: "Was denn sonst? Sind das nicht die Wonnen der ehelichen Liebe in ihrer Fülle?" Woher die Wonnen der ehelichen Liebe stammen und wie sie beschaffen sind, lese man oben in #69 sowie in den Denkwürdigkeiten, namentlich den folgenden, nach.

(6) Die eheliche Liebe wird bei Menschen, die vom Herrn her geistig werden, mehr und mehr gereinigt und keusch.

*145. Das beruht auf folgenden Ursachen:

Die erste Liebe, d.h. die Liebe vor der Hochzeit und unmittelbar danach, enthält noch etwas von der Ge­schlechtsliebe, also von der eigenen, noch nicht durch die gei­stige Liebe gemilderten, rein körperlichen Lust.

Der Mensch wird nach und nach aus einem natürli­chen zu einem geistigen Wesen. Er wird dazu in dem Maß, wie seine Vernunft, die zwischen Himmel und Welt steht, aus dem himmlischen Einfluß zu atmen beginnt. Das geschieht, je wie der Betreffende von der Weisheit angeregt wird und an­fängt, sich an ihr zu freuen. Vgl. dazu oben #130. Zugleich damit wird sein Gemüt in eine höhere Sphäre (in auram su­periorem) erhoben, die Licht und Wärme des Engelhimmels enthält. Das himmlische Licht ist nämlich identisch mit der Weisheit und die himmlische Wärme mit der Liebe. Soweit nun bei den Ehegatten Weisheit und Liebe zur Weisheit wach­sen, wird ihre eheliche Liebe gereinigt. Da das nach und nach geschieht, wird diese Liebe nach und nach auch immer keu­scher. Diese geistige Reinigung läßt sich mit dem chemischen Prozeß vergleichen, durch den Spirituosen gereinigt werden. Die Chemiker sprechen von Defäkation, Rectification, Casti­gation, Cohobation, Acution, Decantation und Sublimation, und die gereinigte Weisheit kann mit dem Alkohol verglichen werden, der durch Rectification, d.h. zweifaches Destillieren, den höchsten Reinheitsgrad erhalten hat.

Da nun die geistige Weisheit in sich so beschaffen ist, daß sie durch die Liebe zur Weisheit wärmer und wärmer wird und durch diese Liebe in Ewigkeit wächst, so wird ebenso auch die eheliche Liebe, deren Mutter die Weisheit ist, allmählich immer reiner und folglich immer keuscher. Dieses Wachstum der Weisheit geschieht je nach ihrer Vervollkommnung in einem Prozeß, der der Reinigung der Spirituosen ähnelt, also dadurch, daß der Verstand von den Sinnestäuschungen und der Wille von den körperlichen Verführungen gereinigt wird. Die in #137 beschriebene Denkwürdigkeit zeigt, daß die Wärme im ersten Zustand der Liebe zwischen den Ehegatten noch nicht durch das geistige Licht gemäßigt ist. Aber nach und nach geschieht das, und zwar so wie die Weisheit des Mannes vollkommener wird und von der Frau in ihrem Manne geliebt wird.

*146. Man wisse aber, daß es eine absolut keusche oder reine eheliche Liebe weder bei Menschen noch bei Engeln gibt. Immer mischt sich etwas Unkeusches oder Unreines darunter und hängt ihr an. Es ist jedoch anderer Natur als das, was aus der Unkeuschheit stammt, weil bei ihnen die Keuschheit oben und die Unkeuschheit unten steht; der Herr aber hat etwas wie eine Tür mit einem Schloß dazwischen gestellt, die nur mit Absicht geöffnet werden kann, und dafür gesorgt, daß sie im allgemeinen geschlossen bleibt, damit nicht eins ins andere übergeht und sich vermischt. Das Natür­liche des Menschen ist nämlich von Geburt an verdorben und erfüllt von Lastern. Für sein Geistiges trifft das nicht so zu, weil dessen Geburt vom Herrn geschieht, ist es doch die Wie­dergeburt, die in einer allmählichen Trennung vom Bösen, das den Neigungen angeboren ist, besteht. Oben in #71 kann man nachlesen, daß die Liebe bei Mensch und Engel nie ab­solut rein ist und es auch nicht werden kann. Der Herr sieht aber vor allem den Endzweck, den Plan oder die Absicht des Willens an. Der Mensch wird daher, soweit er darin ist und beharrt, auch in die Reinheit eingeweiht und kommt ihr fort­schreitend näher.

(7) Eheliche Keuschheit entsteht dadurch, daß man sich aus Religion aller Hurerei ganz und gar enthält,

*147. weil Keuschheit durch Entfernung der Unkeuschheit entsteht. Es ist eine allgemeine Regel, daß der Mensch, soweit er das Böse aus sich entfernt, dem Guten Raum gewährt — das Gute tritt dann anstelle des Bösen —, und je wie er das Böse haßt, liebt er das Gute und umgekehrt. Folglich tritt in der Ehe Keuschheit soweit ein, wie man der Hurerei entsagt. Jeder kann wahrnehmen, daß dem so ist und die eheliche Liebe immer mehr gereinigt wird, sobald der Hurerei eine Absage er­teilt wird. Das muß eigentlich nur geäußert und gehört wer­den und bedarf keiner weiteren Begründung. Da aber nicht alle Menschen über diese Wahrnehmung verfügen, muß es auch durch Beweise beleuchtet werden.

Die eheliche Liebe erkaltet nämlich, sobald sie geteilt wird und geht schließlich zugrunde, da sie von der Hitze der unkeuschen Liebe ausgelöscht wird. Einander entgegenge­setzte Arten der Wärme können nicht gleichzeitig bestehen, die eine raubt der anderen ihre Kraft und vertreibt sie. Stößt daher die Wärme der ehelichen Liebe die der hurerischen Liebe aus und entfernt sie, erwärmt sie selbst aufs ange­nehmste, keimt im Gefühl ihrer Wonnen auf und beginnt zu blühen, ähnlich einem Obst  und Rosengarten im Frühling. Licht und Wärme der Sonne bewirken die frühlinghafte Tem­peratur in der Natur, bei Menschen aber stammt die frühling­hafte Temperatur aus der Sonne der geistigen Welt.

*148. Jedem Menschen pflanzt der Schöpfer von Geburt an ein inneres und ein äußeres Eheliches ein; das innere ist gei­stig, das äußere natürlich. Zuerst gelangt er in dieses, aber wird er geistig, gelangt er auch in jenes. Verharrt er im äußeren oder natürlichen Ehelichen, wird ihm das innere oder geistig Eheli­che so verhüllt, daß er schließlich überhaupt nichts mehr von ihm weiß, ja es zuletzt für ein Hirngespinst hält. Wird aber der Mensch geistig, ahnt er zuerst etwas davon, nachher nimmt er etwas von seiner Beschaffenheit wahr und fühlt allmählich, wie angenehm, lieblich und wonnevoll es ist. Sobald das geschieht, beginnt sich die Verhüllung (obvelatio) zwischen dem Äuße­ren und Inneren, von der oben die Rede war, zu vermindern, um schließlich gleichsam zu zerfließen und gänzlich aufgelöst und vernichtet zu werden. Ist das geschehen, so bleibt zwar das äußerlich Eheliche erhalten, wird jedoch beständig vom Inne­ren her von seinem Bodensatz geläutert und gereinigt, bis end­lich das Äußere gleichsam zum Angesicht des Inneren wird und seine Lust, sein Leben, ja die Freuden seiner Potenz aus den Seligkeiten des Inneren erhält. Das ist die Folge der Absage an alle Hurerei. Auf diese Weise entsteht die Keuschheit der Ehe. Man könnte meinen, das äußere Eheliche, das nach der Tren­nung des Inneren und des Äußeren zurückbleibt, sei dem nicht vom Inneren getrennten Äußeren ähnlich. Doch habe ich von den Engeln gehört, daß sie einander völlig unähnlich seien. Sie erklärten mir, daß das Äußere vom Inneren her — sie nannten es das Äußere des Inneren — von aller Ausschweifung frei sei, da das Innere nicht ausschweifend sei, sondern sich nur in keu­scher Weise vergnügen kann; es präge das auch seinem Äuße­ren ein und fühle in ihm dann seine Wonnen. Ganz anders, sag­ten sie, sei das vom Inneren getrennte Äußere; es sei insgesamt und in jeder Hinsicht ausschweifend. Das äußere Eheliche, das aus dem inneren hervorgeht, verglichen sie einer edlen Frucht — zur Entsprechung mit dem inneren Ehelichen gebildet — deren lieblicher Geschmack und Geruch sich über die ganze Ober­fläche verbreitet. Sie verglichen es auch mit einem Speicher, dessen Vorrat nie abnimmt, weil er immer wieder aufgefüllt wird. Das vom Inneren getrennte Äußere hingegen sei wie der Weizen in der Wurfschaufel, von dem beim Hin  und Herrütteln nur die Spreu übrigbleibt, die dann der Wind zerstreut. Eben das geschehe mit der ehelichen Liebe, wenn der Mensch nicht der Hurerei entsagt.

*149. Aber die eheliche Keuschheit entsteht nicht durch die Enthaltung von der Hurerei allein, sondern nur wenn die Enthaltung aus religiöser Überzeugung geschieht. Ohne Religion wird nämlich der Mensch nicht geistig, sondern bleibt natürlich. Und wenn sich auch der natürliche Mensch der Hu­rerei enthält, so doch noch nicht sein Geist. Er meint dann zwar, durch seine Enthaltsamkeit sei er keusch, aber inwendig in ihm ist Unkeuschheit verborgen wie Eiter in einer nur äußerlich zugewachsenen Wunde. Oben in #130 kann man nachlesen, daß sich die eheliche Liebe je nach dem Zustand der Kirche beim Menschen verhält. Mehr darüber bei der Be­handlung des nachfolgenden (11). Abschnitts.

(8) Kinder sind nicht keusch, weder Knaben und Mädchen noch Jünglinge und Jungfrauen, ehe sie Geschlechtsliebe empfinden.

*150. Keuschheit und Unkeuschheit kann man, wie oben #139 gezeigt wurde, einzig und allein von der Ehe und vom Ehelichen aussagen. Bei Menschen, die noch nichts vom Ehelichen wissen, kann keine Rede von Keuschheit sein, da sie für sie nicht existiert und sie darum weder dazu eine Neigung haben können noch darüber nach­denken. Wenn jedoch die ersten Ahnungen der Ehe empfunden werden, rührt sich etwas, das der Geschlechtsliebe an­gehört. Weil niemand weiß, was eigentlich Keuschheit ist, spricht man aber allgemein von der Keuschheit der Jung­frauen und Jünglinge, solange sie noch keine Geschlechts­liebe empfinden.

(9) Auch Eunuchen, sie seien als solche geboren oder erst dazu geworden, sind nicht keusch.

*151. Geborene Eunuchen sind vor allem Menschen, bei denen von Geburt an das Letzte der Liebe fehlt, das für deren Erstes und Mittleres eine Grundlage bildet, auf der es steht. So existiert für die Be­treffenden diese Liebe nicht und wenn sie schon von ihr wis­sen, so kümmern sie sich doch aus Gleichgültigkeit nicht darum, zwischen Keuschheit und Unkeuschheit zu unter­scheiden. Und doch gibt es bei ihnen Unterschiede. Mit den Eunuchen, die erst dazu gemacht wurden, verhält es sich bei­nahe ebenso wie mit manchen, die so geboren wurden. Er­stere halten, weil weder Mann noch Frau, die eheliche Liebe für eine bloße Phantasie und ihre Freuden für dummes Zeug. Wenn doch etwas von Neigung in ihnen ist, so wird es indif­ferent (neuter). Was weder keusch noch unkeusch ist, kann auch nicht so benannt werden.

(10) Man kann auch Menschen nicht keusch nennen, die den Ehebruch nicht für etwas Böses halten, das durch die Religion verboten ist, geschweige denn Menschen, die ihn als unschädlich für die Gesellschaft betrachten.

*152. Sie wis­sen nämlich weder, was Keuschheit ist, noch daß es so etwas gibt, da Keuschheit, wie hier im ersten Abschnitt gezeigt wurde, allein die Ehe betrifft. Menschen, die nicht glauben, daß Ehe­bruch etwas Böses ist, das durch die Religion verboten wird, machen auch ihre Ehe zu etwas Unkeuschem, denn allein die Religion bewirkt bei den Ehegatten Keuschheit. Ihnen ist daher nichts keusch, so daß man zu ihnen vergeblich von Keusch­heit spricht. Sie sind Ehebrecher aus Überzeugung. Wer den Ehebruch für etwas hält, das nicht verderblich für die Gesell­schaft sei, weiß noch weniger, was Keuschheit ist noch daß es so etwas wie Keuschheit überhaupt gibt. Wenn solche Men­schen sagen, die Ehe sei weniger unkeusch als der Ehebruch, so ist das ein bloßes Lippenbekenntnis und kommt ihnen nicht von Herzen, weil sie der Ehe gegenüber kalt sind. Wer aus einer solchen Kälte heraus über die keusche Wärme der ehelichen Liebe spricht, hat in Wirklichkeit überhaupt keine Vorstellung davon. Wie diese Menschen im Inneren beschaffen sind, was für Vorstellungen sie hegen und wie demzufolge ihre Rede in­nerlich beschaffen ist, wird man im zweiten Teil dieses Buches sehen, der die Torheiten der Ehebrecher behandelt.

(11) Auch Menschen, die sich bloß aus irgendwel­chen äußeren Gründen des Ehebruchs enthalten, sind nicht keusch.

*153. Viele glauben, schon die körperliche Enthaltsamkeit vom Ehebruch sei Keuschheit. Sie ist es aber nur, wenn sie Hand in Hand geht mit geistiger Enthaltsamkeit. Vom Geist des Menschen, unter dem wir hier sein Gemüt, seine Neigun­gen und Gedanken verstehen, hängen Keuschheit und Un­keuschheit ab, denn vom Geist her ist das eine oder andere im Körper. Der Körper ist ganz so beschaffen, wie Gemüt oder Geist. Daher sind Menschen, die sich zwar körperlich, aber nicht geistig des Ehebruchs enthalten, aber ebenso auch Men­schen, die sich zwar geistig, aber vom Körper her [d.h. aus körperlichen Gründen] enthalten, nicht keusch. Es gibt viele Gründe, weshalb der Mensch vom Ehebruch körperlich oder auch geistig, doch unter körperlichen Gesichtspunkten, Ab­stand nimmt. Wer jedoch nicht vom Geist her körperlich davon absteht, ist gleichwohl unkeusch, sagt doch der Herr:

"Wenn jemand ein fremdes Weib ansieht, so daß er sie begehrt, hat er schon Ehebruch mit ihr begangen in seinem Herzen" (Mat 5, 28).

Nicht alle Gründe für eine bloß körperliche Enthaltsamkeit vom Ehebruch können hier aufgeführt werden, variieren sie doch je nach den Zuständen der Ehe und des Körpers. Man­che enthalten sich aus Furcht vor dem bürgerlichen Gesetz mit seinen Strafen, manche aus Furcht vor dem Verlust ihres guten Rufs und der darauf beruhenden Ehre, andere aus Furcht vor Erkrankungen, die daraus entstehen könnten oder aus Furcht vor den Vorwürfen der Frau zu Hause und damit verbundenen Unannehmlichkeiten in ihrem Leben; manche aus Furcht vor der Rache des Ehemanns oder Schwagers und vor den Schlägen der Dienstboten. Ferner enthalten sich manche des Ehebruchs, weil sie arm oder geizig oder weil sie schwächlich sind, sei es als Folge von Krankheit, Mißbrauch, Alter oder Impotenz. Auch gibt es unter ihnen Menschen, die unfähig sind, körperlichen Ehebruch zu begehen oder den Mut dazu nicht haben, und die darum den Ehebruch auch geistig verdammen und sich in moralisierender Weise gegen ihn und für die Ehe aussprechen. Aber wenn sie Ehebruch nicht aus dem Geist und aus Religion verwünschen, sind sie dennoch Ehebrecher. Zwar begehen sie ihn nicht körperlich, wohl aber geistig. Nach dem Tode, wenn sie zu Geistern wer­den, sprechen sie sich daher offen dafür aus. Das zeigt, daß auch Gottlose den Ehebruch als schädlich meiden, doch nur der wahre Christ ihn als Sünde fliehen kann. So leuchtet denn die Wahrheit des Satzes ein, daß Keuschheit nicht von Men­schen ausgesagt werden kann, die nur aus verschiedenen äußerlichen Gründen keinen Ehebruch begehen.

(12) Keusch kann man auch die Menschen nicht nennen, die die Ehe an sich für unkeusch halten.

*154. Sie wissen weder, was Keuschheit ist, noch daß es sie gibt, ebenso wie die, von denen oben #152 die Rede war, und jene, die Keusch­heit nur in Verbindung mit Ehelosigkeit bringen, von denen gleich im Folgenden gehandelt wird.

(13) Auch Menschen, die der Ehe entsagt und beständige Ehelosigkeit gelobt haben, kann man nur dann als keusch bezeichnen, wenn ihnen die Liebe zu einem wahr­haft ehelichen Leben erhalten bleibt.

*155. Sie haben ja die eheliche Liebe aufgrund ihres Gelübdes beständiger Ehelosigkeit verworfen, während doch allein von der ehelichen Liebe Keusch­heit ausgesagt werden kann; auch ist die Neigung zum ande­ren Geschlecht von der Schöpfung angeboren. Wird sie ein­geschränkt oder unterdrückt, geht sie notgedrungen in Hitze, bei manchen sogar in Glut über, steigt aus dem Körper in den Geist auf und beunruhigt ihn. Zuweilen befleckt sie ihn auch und kann so auch das Religiöse in Mitleidenschaft ziehen und von seinem heiligen Sitz im Inneren des Menschen ins Äußere herabstürzen. Es wird dann zum Lippenbekenntnis oder zur bloßen Gebärde. Deshalb hat der Herr Vorsorge getroffen, daß sich der Zustand der Ehelosigkeit auf die Menschen be­schränkt, die in äußerem Gottesdienst sind, weil sie sich weder im Gebet an den Herrn wenden noch sein Wort lesen. Bei ihnen kommt das ewige Leben durch die mit dem Keuschheits­gelübde auferlegte Ehelosigkeit nicht in Gefahr, wie bei denen, die im inneren Gottesdienst sind. Dazu kommt noch, daß viele gar nicht freiwillig in diesen Lebensstand eintreten, sondern es tun, ehe sie überhaupt in Freiheit ihrer Vernunft nach entscheiden können, oder weil sie den Verlockungen der Welt ent­gehen möchten. Wer den Stand der Ehelosigkeit wählt, um sein Gemüt von der Welt zurückzuziehen und Gott besser dienen zu können, ist nur keusch, wenn er schon vor diesem Zustand eine Liebe zur wahrhaft ehelichen Liebe hatte oder wenn sie nachher entsteht und bleibt, weil keusch nur die Liebe zu die­sem Leben ist. Deswegen werden nach dem Tode alle Mön­che und Nonnen von ihrem Gelübde entbunden und wird ihnen freigestellt, sich ihren inneren Wünschen und dem Ver­langen ihrer Liebe gemäß für das eheliche oder das außerehe­liche Leben zu entscheiden. Wählen sie das eheliche Leben und hatten sie auch das Geistige des Gottesdienstes geliebt, werden sie im Himmel vermählt. Die anderen aber, die sich zum außerehelichen Leben entschließen, werden zu ihres­gleichen gesellt, die an den Seiten des Himmels wohnen.

Ich fragte die Engel, ob Mönche und Nonnen in den Him­mel kämen und dort nach ihrem Glauben unter den Seligen die Vornehmsten sein würden, wenn sie sich um Frömmigkeit bemüht und — um sich ganz dem Dienste Gottes zu ergeben — den Blendwerken der Welt und den Lüsten des Fleisches entsagt und ewige Unschuld (virginitas) gelobt hätten. Die Engel antworteten jedoch, sie würden zwar aufgenommen, wären aber traurig, ja bekämen es mit der Angst zu tun, wenn sie dort die Sphäre der ehelichen Liebe empfänden. Einige ent­fernten sich dann spontan, andere bäten dazu um Erlaubnis oder erhielten den Befehl und würden entlassen. Wenn sie aus diesem Himmel herauskämen, würde ihnen der Weg zu solchen Schicksalsgenossen und  genossinen eröffnet, die im irdischen Leben im selben Zustand waren. Sie erholen und erheitern sich dann und freuen sich untereinander.

(14) Der Ehestand ist der Ehelosigkeit vorzuziehen.

*156. Das ergibt sich aus dem, was bisher über die Ehe und den Stand der Ehelosigkeit ausgeführt wurde. Der Stand der Ehe ist aber darum vorzuziehen, weil er von der Schöpfung an be­steht, sein Ursprung die Ehe des Guten und Wahren ist und eine Entsprechung mit der Ehe zwischen dem Herrn und der Kirche besteht. Ferner, weil Kirche und eheliche Liebe eng zu­sammengehören, und weil die ehelichen Nutzwirkungen alle anderen in der Schöpfung übertreffen. Nach der Schöpfungs­ordnung beruht auf ihnen die Fortpflanzung der Menschheit wie des Engelhimmels, der ja aus der Menschheit hervorgeht. Hinzu kommt, daß die Ehe den Menschen zu seiner Fülle führt, wird er doch erst durch sie zu einem vollständigen Men­schen, wie wir im folgenden Kapitel sehen werden. All das trifft für den Zustand der Ehelosigkeit nicht zu.

Stellte man das Postulat auf, der Stand der Ehelosigkeit sei besser als der der Ehe und untersuchte es, um ihm beistimmen und es durch Beweise erhärten zu können, käme es zu folgenden Behauptungen: Die Ehe sei nichts Heiliges, keu­sche Ehen gebe es nicht; beim weiblichen Geschlecht gebe es Keuschheit nur bei denen, die der Ehe entsagen und ewige Jungfräulichkeit geloben. Zudem seien unter solchen Menschen die Verschnittenen zu verstehen, die sich Mat 19, 12 zufolge um des Gottesreichs willen zu Verschnittenen machen — außer weiteren Behauptungen, die ebenso falsch sind, weil sie auf einer falschen Voraussetzung beruhen. Unter den Ver­schnittenen, die sich um des Gottesreichs willen dazu ge­macht haben, sind geistig Verschnittene zu verstehen, d.h. diejenigen, die sich in ihrer Ehe des Bösen der Hurerei ent­halten. Klar ist, daß unter ihnen nicht italienische Kastraten verstanden werden.

Dem will ich zwei Denkwürdigkeiten beifügen.

Die erste: Als ich aus jener Weisheitsschule, von der oben in #132 die Rede war, nach Hause ging, erblickte ich auf dem Weg einen Engel in einem hyazinthfarbigen Gewand. Er trat mir zur Seite und sagte: "Wie ich sehe, kommst du aus der Weisheitsschule und freust dich über das dort Gehörte. Ich sehe auch, daß du nicht völlig aus unserer Welt bist, sondern zugleich der natürlichen Welt angehörst. Darum kennst du auch unsere olympischen Gymnasien noch nicht, wo die alten Weisen zusammenkommen und sich von den frisch aus der Welt Ankommenden berichten lassen, welche Veränderungen und Wechsel dort die Philosophie erfahren hat und noch erfährt. Daher werde ich dich, wenn du willst, an einen Ort führen, wo viele von den alten Weisen und ihren Söhnen, d.h. Schülern, wohnen.

Und er führte mich ins Grenzland zwischen Norden und Osten. Als ich dort von einer Anhöhe Ausschau hielt, erblickte ich eine Stadt und auf deren einer Seite zwei Hügel, der näher an der Stadt gelegene niedriger als der andere. Der Engel sagte: "Das ist die Stadt Athenäum, der kleinere Hügel der Parnaß, der höhere der Helicon. Sie heißen so, weil in der Stadt und ihrer Umgebung die alten griechischen Weisen, wie Pythago­ras, Sokrates, Aristipp und Xenophon samt ihren Schülern und Studenten wohnen." Als ich nach Plato und Aristoteles fragte, sagte mir der Engel, sie und ihre Anhänger wohnten in einer anderen Gegend, weil sie die zum Verstand gehörenden Wahr­heiten lehrten, jene aber die moralischen, die eine Angele­genheit des Lebens seien. Aus der Stadt Athenäum würden häufig Studierende zu den Gelehrten aus der Christenheit ent­sandt, um zu erkunden, was man dort heutzutage denkt, vor allem über Gott, die Schöpfung des Weltalls, die Unsterblich­keit der Seele, den Zustand des Menschen im Vergleich zu dem der Tiere sowie über andere Fragen tieferer Weisheit. Auch sagte er, ein Herold habe gerade für heute eine Versammlung angekündigt. Das sei ein Zeichen, daß die Emissäre Neuankömmlinge von der Erde getroffen und von ihnen besondere Neuigkeiten vernommen hätten.

Wir sahen nun viele aus der Stadt und ihrer Umgebung kommen, einige mit Lorbeerkränzen auf dem Haupt, andere mit Palmzweigen in den Händen oder Büchern unter den Armen, auch einige mit Schreibfedern unter den Haaren der linken Schläfe. Wir mischten uns unter sie und erstiegen mit ihnen den Hügel. Oben erhob sich ein Palast in achteckiger Form, den sie Palladium nannten. Wir gingen hinein, und siehe, es zeigten sich acht sechswinklige Nischen. In jeder von ihnen standen ein Bücherschrank und ein Tisch. Daran ließen sich die Lorbeerbekränzten nieder. Im Palladium selbst erblickte man Sitze, aus Stein gehauen, auf die sich die übrigen setzten.

Eine Türe zur Linken tat sich auf, und zwei Neuankömm­linge von der Erde wurden hereingeführt. Nach der Begrüßung fragte einer der Lorbeerbekränzten: "Was bringt ihr Neues von der Erde?"

Sie antworteten: "Das Neue ist, daß man in den Wäldern Menschen gefunden hat, die Tieren glichen bzw. Tiere, die Menschen glichen. Aber an ihren Gesichtern und Körpern erkannte man, daß sie als Menschenkinder geboren, aber im zweiten oder dritten Lebensjahr in den Wäldern verloren gegangen oder zurückgelassen worden waren. Man sagt, sie hät­ten nicht den geringsten Gedanken ausdrücken können und auch nicht sprechen gelernt. Auch kennten sie nicht wie die Tiere die ihnen angemessene Nahrung, vielmehr nähmen sie alles in den Mund, was im Walde wächst, ob rein oder unrein, zu schweigen von anderen ähnlichen Sonderbarkeiten. Ei­nige unserer Gelehrten haben darauf die verschiedensten Mutmaßungen gegründet, andere wiederum haben daraus Schlüsse über den unterschiedlichen Zustand des Menschen gegenüber dem der Tiere gezogen."

Als sie das gehört hatten, wollten einige der alten Wei­sen wissen, um was für Mutmaßungen und Schlüsse es sich dabei handle. Die beiden Ankömmlinge antworteten:

"Es gibt verschiedene, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:

Der Mensch sei aufgrund seiner Natur und Geburt stumpfsinniger, somit geringer als jedes Tier und werde auch zum Tier, wenn er nicht unterrichtet wird.

Er kann unterrichtet werden, weil er gelernt hat, artikulierte Töne von sich zu geben, also zu sprechen. Das sei für ihn der Anfang gewesen, Gedanken zu äußern und in immer größerer Fülle hervorzubringen, bis er schließlich die Gesetze des menschlichen Zusammenlebens ausdrücken konnte, von denen jedoch einige den Tieren bereits von Ge­burt eingeprägt seien.

Die Tiere hätten ebenso Vernunft wie die Menschen.

Könnten die Tiere sprechen, würden sie ebenso ge­schickt über alles urteilen wie die Menschen. Das sei ein Zei­chen, daß sie ebenso wie Menschen vernünftig und klug zu denken vermöchten.

Der Verstand sei lediglich eine Modifikation des Sonnenlichts, bei der die Wärme mittels des Äthers mitwirkt, sei also nur eine Tätigkeit der inwendigeren Natur und könne so­weit gesteigert werden, daß sie wie Weisheit erscheine.

Daher sei es töricht zu glauben, im Unterschied zum Tier lebe der Mensch nach dem Tode fort, auch wenn er mög­licherweise noch einige Tage danach als nebelartiges Ge­spenst erscheinen mag, das sich aus den Ausdünstungen des körperlichen Lebens bilde, ehe es sich in der Natur auflöse ­fast wie ein zu Asche verbrannter Strauch noch die Ähnlichkeit seiner früheren Form haben kann.

Die Religion, die ein Leben nach dem Tode lehrt, sei folglich eine Erfindung, um einfache Menschen durch ihre Gesetze innerlich zu binden, so wie sie äußerlich durch die staatlichen Gesetze in Schranken gehalten werden."

Sie fügten bei, daß nur die Klüglinge (mere ingeniosi), nicht aber die Verständigen auf diese Weise diskutierten. Auf die Frage, wie denn verständige Menschen diese Fragen be­urteilten, antworteten sie, das hätten sie nicht gehört, diese wären jedenfalls anderer Meinung.

Darauf riefen alle, die an den Tischen saßen: "Was sind das für Zeiten auf Erden! Was ist aus der Philosophie geworden, hat sie sich nicht in fade Klügelei verkehrt! Die Sonne ist untergegangen und steht nun unter der Erde, diametral ihrem Mittag entgegengesetzt. Jeder könnte doch aufgrund der Beweise, die von den in den Wäldern Zurückgelassenen und Aufgefundenen geliefert wurden, erkennen, daß nur der unbelehrt gebliebene Mensch so ist! Ist denn nicht der Mensch überhaupt so, wie man ihn belehrt hat? Wird er nicht mehr als die Tiere in Unwissenheit hineingeboren? Muß er nicht sogar erst gehen und sprechen lernen? Lernte er nicht gehen, würde er dann wohl aufrecht auf seinen Füßen stehen? Lernte er nicht sprechen, würde er dann je einen Gedanken äußern? Ist nicht jeder Mensch so, wie er unterrichtet wird, töricht in­ folge des ihm beigebrachten Falschen, wobei er sich noch ein­; bildet, klüger zu sein als jemand, der aufgrund der ihm bei­ gebrachten Wahrheiten wirklich klug ist? Gibt es nicht Narren und Verrückte, die auch nicht menschenähnlicher sind als die in den Wäldern Aufgefundenen? Ähneln diese nicht eher Menschen, die das Gedächtnis verloren haben? Wir schließen aus dem einen wie dem anderen, daß der Mensch ohne Unterricht weder Mensch noch Tier, sondern nur eine Form ist, die das in sich aufnehmen kann, was den Menschen zum Menschen macht. Er wird also nicht als Mensch gebo­ren, sondern wird erst dazu, und er wird in die menschliche Form geboren, um ein aufnehmendes Organ des Lebens von Gott zu sein, ein Träger, in den Gott alles Gute hineintragen und den er durch die Vereinigung mit sich in Ewigkeit selig machen kann. Was ihr uns gesagt habt, überzeugt uns, daß die Weisheit heutzutage von der Erde verschwunden ist oder sich in Torheit verwandelt hat, weiß man doch nicht einmal mehr, wie sich der Zustand des Menschen von dem der Tiere unterscheidet, darum auch nichts mehr vom Zustand des Menschen nach dem Tod. Die Menschen aber, die davon etwas wissen könnten, es aber nicht wissen wollen und daher ein Leben nach dem Tode leugnen, wie viele von euch heuti­gen Christen, erscheinen uns wie die in den Wäldern Aufgefundenen — freilich nicht weil sie aus Mangel an Unterricht so stumpfsinnig geworden wären. Sie haben sich ja diesen Stumpfsinn selbst beigebracht, weil sie den Sinnestäuschun­gen erliegen, die die Wahrheit verfinstern."

Darauf fragte einer, der in der Mitte des Palladiums stand und eine Palme in Händen hielt: "Enthüllt doch, ich bitte euch, das folgende Geheimnis: Wie konnte der Mensch, der doch als Form Gottes geschaffen wurde, in eine Form des Teufels verwandelt werden? Ich weiß, daß alle himmlischen Engel Formen Gottes, alle höllischen aber Formen des Teu­fels sind. Beide Formen sind einander entgegengesetzt, diese sind Torheiten, jene Weisheiten. So sagt mir, wie war es nur möglich, daß der als Form Gottes erschaffene Mensch vom Licht in solche Finsternis verfallen konnte, Gott und das ewige Leben zu leugnen?"

Der Reihe nach antworteten die Lehrer, zuerst die Pythagoräer, danach die Sokratiker und die übrigen, unter denen sich auch ein Platoniker befand. Er sprach zuletzt, und sein Urteil gab den Ausschlag. Es lautete: "Die Menschen des Saturnischen oder Goldenen Zeitalters wußten und erkann­ten an, daß sie aufnehmende Formen des Leben von Gott seien. Darum war die Weisheit ihren Seelen und Herzen ein­geschrieben, und sie sahen das Wahre aus dem Licht des Wahren, und durch die Wahrheiten fühlten sie das Gute aus der Freude, die es ihnen machte. Doch in den folgenden Zeit­altern hörte das Menschengeschlecht auf anzuerkennen, daß alles Wahre der Weisheit und damit alles Gute der Liebe, das sich bei ihnen fand, von Gott her beständig einfließt. Damit konnten sie keine Wohnstätten Gottes mehr sein, und zu­gleich hörte auch das Gespräch mit Gott und der Umgang mit den Engeln auf. Die mehr im Innern liegenden Bereiche ihres Gemüts wurden von ihrer gottgegebenen ursprüngli­chen Richtung, die aufwärts zu Gott wies, abgelenkt und rich­teten sich immer mehr schräg abwärts der Welt zu, so daß sie nur noch auf diesem Wege zu Gott gelangten. Zuletzt wandten sie sich sogar in die entgegengesetzte Richtung, ab­wärts zum eigenen Ich. Und weil der innerlich so umgewan­delte und von Gott abgewandte Mensch Gott nicht schauen kann, hat er sich von Gott getrennt und ist zu einer Form der Hölle oder des Teufels geworden. Das zeigt: Die Menschen der ersten Weltalter erkannten mit Herz und Seele an, daß ihnen alles Gute der Liebe und damit auch alles Wahre der Weisheit von Gott zukam, also Gottes Eigentum bei ihnen war, sie selbst folglich nur Aufnahmegefäße des aus Gott her­ vorgehenden Lebens wären und darum Gottes Bilder, Kin­der und von Gott Geborene genannt würden. Es zeigt ferner, daß die Menschen der darauffolgenden Weltalter das nicht mehr mit Herz und Seele anerkannten, sondern nur noch in­folge eines Überredungs  oder historischen Glaubens und schließlich nur noch mit dem Munde. Bloße Lippenbe­kenntnisse aber laufen auf Nichtanerkennung und Leugnung im Herzen hinaus, und das zeigt den Stand der Weisheit bei den heutigen Christen, die doch aus der schriftlichen Offen­barung von Gott inspiriert werden könnten. So kennen sie heute nicht einmal mehr den Unterschied zwischen Mensch und Tier, und darum meinen viele, wenn der Mensch nach dem Tode weiterlebte, so müßten es auch die Tiere — oder umgekehrt, wenn die Tiere nicht weiterlebten, so auch der Mensch nicht. Ist nicht unser geistiges Licht, das unsere geistige Schau erleuchtet, bei ihnen zur Finsternis, ihr natürliches Licht aber, das nur dem körperlichen Sehen dient, zum Lichtglanz geworden?"

Dann wandten sich alle den beiden Neulingen von der Erde zu, man dankte ihnen für ihren Besuch und ihren Bericht und bat sie, ihren Brüdern mitzuteilen, was sie gehört hätten. Sie antworteten, sie wollten ihre Brüder in der Wahr­heit bestärken, daß der Mensch nur insoweit Mensch sei und zu einem Engel des Himmels werde, als er alles Gute der Liebe und alles Wahre des Glaubens dem Herrn und nicht sich selbst zuschreibe.

Zweite Denkwürdigkeit.

Eines Morgens weckte mich ein überaus lieblicher Gesang aus einer gewissen Höhe über mir. Ich konnte daher im Stadium des erstens Wachens, das innerlicher, friedlicher und süßer ist als der Wachzustand während des Tages1, eine Zeitlang geistig wie außerhalb des Körpers gehalten werden.

1) Anm. d.Ü's: Heute spricht man vom hypnagogischen Zustand.

Dabei achtete ich genau auf das Gefühl, das da besungen wurde. Der himmlische Gesang ist Ausdruck eines im Gemüt empfundenen Gefühls, das in Ge­stalt einer Melodie dem Munde entströmt; denn der Ton ent­springt einer Empfindung der Liebe, und unabhängig von den Worten des Sprechenden belebt er die Rede. In diesem Zu­stand wurde ich inne, daß es sich um ein Gefühl der Wonnen der ehelichen Liebe handelte, das da von Frauen im Himmel höchst melodiös besungen wurde. Ich erkannte es am Ton des Gesangs, der diese Wonnen in wunderbaren Variationen zum Ausdruck brachte.

Danach stand ich auf und blickte in die geistige Welt hinaus, und siehe, im Osten erschien unter der Sonne etwas wie ein goldener Regen. Es war Morgentau, der in großer Menge herabfiel und sich mir infolge der Strahlenbrechung der Sonne in Gestalt eines goldenen Regens zeigte. Das machte mich hell wach, und ich begab mich im Geist hinaus. Einen Engel, der mir begegnete, fragte ich, ob er auch diesen von der Sonne herabfallenden goldenen Regen gesehen habe. Er antwortete, er sehe ihn immer, wenn er über die eheliche Liebe nachsinne, und als er dann die Augen dahin wandte, sagte er: "Dieser Regen fällt auf ein Schloß (aula) inmitten des östlichen Para­dieses, in dem drei Männer mit ihren Frauen leben, weil bei ihnen die Weisheit über die eheliche Liebe und deren Wonnen zu Hause ist, bei den Männern die Weisheit der Liebe selbst, und bei den Frauen die Weisheit, ihre Wonnen betreffend. Doch ich sehe, daß auch du über diese Wonnen nachdenkst, darum will ich dich hingeleiten und dort einführen."

Nun führte er mich durch paradiesische Gefilde zu eini­gen Gebäuden, aus Ölbaumholz gebaut, deren Türen zu bei­den Seiten von Säulen aus Zedernholz flankiert waren. Dann stellte er mich den Männern vor und erbat mir die Erlaubnis, in ihrer Gegenwart mit ihren Frauen sprechen zu dürfen. Das wurde bewilligt, und die Männer riefen ihre Frauen herbei. Diese blickten mir scharf prüfend in die Augen und sagten, als ich nach dem Grund fragte:

"Wir können genau deine Neigung, also auch deine Ge­fühle und die daraus entspringenden Gedanken über die geschlechtliche Liebe erkennen, und wir sehen, daß du eifrig, aber keusch darüber nachsinnst." Nun fragten sie: "Was willst du von uns wissen?" Ich antwortete: "Bitte, sagt mir doch etwas über die Wonnen der ehelichen Liebe." Die Männer nickten zustimmend: "Wenn's euch gefällt, sagt ihnen ruhig etwas davon, denn ihre Ohren sind keusch." Aber die Frauen fragten zuerst: "Wer hat dich gelehrt, uns über die Wonnen dieser Liebe zu befragen, und nicht die Männer?" Ich antwortete: "Der Engel, der mich hierher geleitete, hat mir ins Ohr geflüstert, die Frau sei das Aufnahmegefäß und Empfindungsorgan jener Liebe, weil sie als Liebe geboren werde und alle Wonnen mit der Liebe zu tun haben." Lächelnd gaben sie zurück: "So sei so klug, darüber höchstens etwas durch die Blume weiterzusagen, denn das ist eine Weisheit, die tief im Herzen unseres Ge­schlechts verborgen liegt und keinem Ehemann eröffnet wird, es sei denn, er habe wahre eheliche Liebe. Dafür gibt es meh­rere Gründe, die wir ganz und gar geheim halten."

Hier schalteten sich die Männer ein: "Die Frauen ken­nen alle unsere Gemütszustände, ihnen bleibt nichts verbor­gen. Sie sehen, werden inne und fühlen alles, was unseren Willen bewegt; wir hingegen nehmen das bei ihnen nicht wahr. Den Frauen ist das gegeben, weil sie — von zärtlichster Liebe und brennendem Eifer erfüllt — eheliche Freundschaft und eheliches Vertrauen erhalten möchten, die Grundlage un­seres gemeinsamen Lebensglücks. Die suchen sie ihren Män­nern und sich selbst zu verschaffen aus der in ihrer Liebe eingebetteten Weisheit. Und diese Weisheit ist zugleich von einer solchen Klugheit, daß sie nicht wollen und darum auch nicht sagen können, diese Liebe gehe von ihnen aus, sondern nur, daß sie sich geliebt fühlen."

Als ich sie fragte, warum sie das nicht wollten und darum auch nicht sagen, antworteten sie: "Ließen wir nur das geringste davon verlauten, würde es unsere Männer abschrecken und sie von Bett, Kammer und unserem Anblick trennen. Das passiert bei allen, die die Ehe nicht heilig hal­ten und ihre Frauen nicht aus geistiger Liebe lieben, freilich nicht bei denen, die sie in diesem Sinne lieben. In ihrem Gemüt ist die eheliche Liebe etwas Geistiges, und von daher im Körper etwas Natürliches. Hier bei uns sind wir in dieser Liebe und können unseren Männern daher die Geheimnisse unserer Wonnen der ehelichen Liebe anvertrauen."

Ich bat sie höflich, mir auch etwas von diesen Geheim­nissen zu enthüllen. Sie blickten nach dem im Süden liegen­den Fenster, und siehe, dort erschien eine weiße Taube. Ihre Flügel glänzten wie Silber, der Kopf war mit einem Krönchen wie von Gold geschmückt. Sie saß auf einem Zweig, an dem eine Olive hing, und als sie ihre Flügel auszubreiten begann, sagten die Frauen:

"Wir werden dir etwas davon enthüllen; denn wenn diese Taube erscheint, sehen wir darin ein Zeichen, daß es erlaubt ist"; nun sagten sie: "Jeder Mann hat bekanntlich fünf Sinne, Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Tastgefühl. Wir aber haben noch einen sechsten, den Sinn für alle Won­nen der ehelichen Liebe des Mannes. Dieser Sinn hat bei uns seinen Sitz in den Händen, wenn wir Brust, Arme und Hände oder die Wangen unserer Männer berühren, besonders aber die Brust, und auch wenn wir von ihnen berührt werden. Alles Liebesglück (laetitia), alle freudigen Gedanken und heiteren und fröhlichen Empfindungen ihrer Brust strömen von ihnen auf uns über, stellen sich dar und werden wahrnehmbar, empfindbar und berührbar. Wir unterscheiden sie so genau, wie das Ohr Melodien und die Zunge Leckerbissen. Mit einem Wort, die geistigen Lustgefühle der Männer bekleiden sich bei uns gleichsam mit einer natürlichen Körperlichkeit. Un­sere Männer bezeichnen uns daher auch als Sinnesorgane der keuschen ehelichen Liebe und ihrer Wonnen. Doch die­ser besondere Sinn unseres Geschlechts entsteht, besteht, dauert und wird verfeinert im selben Grad, wie die Männer uns aus Weisheit und Einsicht (ex iudicio) und wir die Män­ner eben dieser Eigenschaften wegen lieben. Dieser Sinn un­seres Geschlechts wird in den Himmeln als das Spiel der Weis­heit mit ihrer Liebe und der Liebe mit ihrer Weisheit be­zeichnet."

Dies weckte in mir das Verlangen, noch mehr zu erfah­ren, z.B. über die Mannigfaltigkeit der Wonnen. Sie sagten nur: "Sie ist unendlich, mehr wollen wir nicht sagen, weil die Taube mit dem Ölzweig von unserem Fenster fortgeflogen ist." Ver­geblich wartete ich eine Weile auf ihre Rückkehr und fragte inzwischen die Männer: "Habt ihr einen ähnlichen Sinn der ehelichen Liebe?" Sie antworteten: "Wir haben ihn zwar im allgemeinen, aber nicht im besonderen und empfinden eine allgemeine Seligkeit und Annehmlichkeit, auch eine allge­meine Wonne aus den besonderen Empfindungen unserer Frauen. Dieses Allgemeine, das wir empfangen, gleicht der Heiterkeit des Friedens."

Als sie das gesagt hatten, siehe, da erschien hinter dem Fenster ein Schwan. Er saß auf dem Zweig eines Feigenbau­mes, breitete die Flügel aus und flog davon. Die Männer sahen ihn und meinten: "Das ist ein Zeichen, daß wir jetzt nicht mehr über die eheliche Liebe sagen sollen." Aber komm nur dann und wann wieder, so wird dir vielleicht mehr enthüllt werden. Sie zogen sich zurück, und wir entfernten uns.

Die Verbindung der Seelen und Gemüter in der Ehe, wie sie zu verstehen ist unter den Worten des Herrn, sie seien nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.

*156. Aus der Schöpfungsgeschichte, wie aus den Wor­ten des Herrn wird deutlich, daß Mann und Frau von der Schöpfung an bis heute die Neigung zur Verbindung in eine Einheit eingeboren ist. In der Genesis liest man:

"Jehovah Gott baute die Rippe, die er vom Menschen ge­nommen hatte, zu einem Weib und brachte sie zum Men­schen. Da sprach der Mensch: Das ist diesmal Gebein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleisch. Sie soll darum Ischah [Männin] heißen, weil sie von Isch [Mann] ge­nommen ist. Darum wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und die zwei werden Ein Fleisch sein" (2, 22).

Ähnliches sagte auch der Herr nach dem Matthäusevangelium:

"Habt ihr nicht gelesen, daß Er, der sie am Anfang als Mann und Weib gemacht hat, sprach: Darum wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und die beiden werden Ein Fleisch sein; so sind sie denn nicht mehr zwei, sondern Ein Fleisch" (19, 4 f).

Das Weib ist also gewissermaßen aus dem Manne geschaffen, und beide haben Neigung und Fähigkeit, sich wieder in Einen Menschen zu vereinigen, wie ebenfalls aus der Schöpfungs­geschichte deutlich wird, wo sie als Ein Mensch bezeichnet werden. Es heißt:

"An dem Tage, an dem Gott den Menschen schuf, schuf er sie als Mann und Weib und segnete sie und nannte ihren Namen Mensch" (5, 2).

Im Urtext heißt es: "Er nannte ihren Namen Adam": aber Adam und Mensch sind im Hebräischen dasselbe Wort. Man beachte ferner, daß beide zusammen Mensch bzw. Adam genannt wer­den. (vgl. auch 1, 27; 3, 22 24).

Durch die Worte "Ein Fleisch" wird ebenfalls Ein Mensch bezeichnet, denn in vielen Stellen im Wort heißt es "alles Fleisch" und werden darunter alle Menschen verstanden, z.B. 1. Mose 6, 12 f. 17. 19; Jes 40, 5 f.; 49, 26; 66, 16. 23 f; Jer 25, 31; 32, 27; 45, 5; Ez 20, 48; 21, 4 f., sowie an zahlreichen weiteren Stellen.

In den "Himmlischen Geheimnissen" in denen die bei­den Bücher Genesis und Exodus ihrem geistigen Sinn nach erklärt werden, wurde gezeigt, was die "Rippe des Mannes" bedeutet, die zu einem Weib gebaut wurde, sowie das Fleisch, das Gott anstelle der Rippe einsetzte; auch was "Gebein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleisch" meint, und daß der Mann Vater und Mutter verlassen und "seinem Weibe anhangen" solle. Dabei wurde nachgewiesen, daß man unter alledem etwas entsprechen des Geistiges zu verstehen hat. Bei diesem Geistigen handelt es sich um das, was aus zweien einen Menschen macht, nämlich die eheliche Liebe, die sie verbindet, und diese ist etwas Geistiges. Es wurde schon mehrmals darauf hingewiesen, daß die Liebe zur Weisheit des Mannes auf die Frau übertragen wurde. In den folgenden Betrachtungen wird das noch vollständiger belegt werden. Im gegenwärtigen Stadium darf ich jedoch nicht von der hier vor­gelegten Materie abschweifen, bei der es sich um die Ver­bindung zweier Ehegatten zu Einem Fleisch durch die Verei­nigung ihrer Seelen und Gemüter handelt. Diese Vereinigung wird in folgender Ordnung beleuchtet:

  1. Beiden Geschlechtern ist von der Schöpfung her Anlage und Neigung eingeboren, wie in Eins verbunden werden zu können und das zu wollen.

  2. Die eheliche Liebe verbindet zwei Seelen und so auch zwei Gemüter zur Einheit.

  3. Der Wille der Frau verbindet sich mit dem Verstand des Mannes und in der Folge der Verstand des Mannes mit dem Willen der Frau.

  4. Bei der Frau ist die Neigung, den Mann mit sich zu vereinigen, unwandelbar und beständig, beim Manne hingegen ist die entsprechende Neigung unbeständig und wandelbar.

  5. Durch das Maß ihrer Liebe bestimmt die Frau beim Mann die Verbindung, und der Mann nimmt sie seiner Weisheit gemäß auf.

  6. Diese Verbindung vollzieht sich nach und nach von den ersten Tagen der Ehe an und wird bei Ehegatten, die in wahrhaft ehelicher Liebe miteinander stehen, in Ewigkeit immer mehr vertieft.

  7. Die Verbindung der Frau mit der Vernunftweisheit des Mannes geschieht von innen, mit seiner sittlichen Weisheit hingegen von außen her.

  8. Weil diese Verbindung das eigentliche Ziel der Ehe ist, besitzt die Frau die Gabe, die Gemütsbewegungen des Mannes wahrzunehmen, sowie die höchste Klugheit, diese zu mäßigen.

  9. Aus zwingenden Gründen verbergen die Frauen diese Wahrnehmung vor ihren Männern, um eheliche Liebe, Freundschaft und Vertrauen, und damit das Glück des gemeinsamen Lebens zu festigen.

  10. Auf dieser Wahrnehmung beruht die Weisheit der Frau; beim Manne kann es sie nicht geben, so wie es bei den Frauen nicht die Vernunft Weisheit des Mannes geben kann.

  11. Beseelt von der Absicht, den Mann mit sich zu verbinden, denkt die Frau unablässig an die Neigung des Man­nes zu ihr; anders der Mann.

  12. Die Frau verbindet sich dem Mann dadurch, daß sie sich dem Verlangen seines Willens anschließt.

  13. Die Frau wird durch die ihrer Liebe entspringende Lebenssphäre mit ihrem Mann verbunden.

  14. Sie wird mit ihrem Manne verbunden durch Aneignung der Kräfte seiner Zeugungskraft, je nach der Beschaffen­heit ihrer wechselseitigen geistigen Liebe.

  15. So nimmt die Frau das Bild des Mannes in sich auf und erkennt und fühlt infolgedessen seine Gemütsbewegun­gen.

  16. Mann und Frau haben Pflichten, die für sie charakteristisch sind. Weder kann die Frau die charakteristischen Pflichten des Mannes übernehmen, noch der Mann die der Frau und sie gebührend erfüllen.

  17. Auch diese Pflichten, da sie sich nur mit gegenseitiger Hilfeleistung erfüllen lassen, verbinden die beiden und machen sie gleichsam zu einem Haus.

  18. Die Ehegatten werden infolge dieser Verbindungen mehr und mehr zu Einem Menschen.

  19. Ehegatten, die in der wahren ehelichen Liebe zu einander leben, fühlen sich wie ein vereinter Mensch und wie ein Fleisch.

  20. Die wahre eheliche Liebe ist an sich eine Vereinigung der Seelen, eine Verbindung der Gemüter, sowie ein Streben zur Verbindung der Herzen (nisus ad conjunctionem pectoribus) und von da aus auch im Körper.

  21. Die Zustände dieser Liebe bestehen in Unschuld, Friede, Gelassenheit, innigster Freundschaft, vollem Vertrauen und im beiderseitigen Verlangen, einander von ganzer Seele und ganzem Herzen alles Gute zu tun, woraus Seligkeit, Wohlsein, Annehmlichkeit, Vergnügen und damit himmlische Seligkeit resultieren.

  22. All das kann es allein in der Ehe eines Mannes mit einer Frau geben.

Nun zu den einzelnen Sätzen:

(1) Beiden Geschlechtern ist von der Schöpfung her Anlage und Neigung eingeboren, wie in Eins verbunden wer­den zu können und das zu wollen.

*157. Aus dem Buch der Schöp­fung wurde bereits gezeigt, daß das Weib vom Manne ge­nommen wurde. Von daher haben beide Geschlechter Anlage und Neigung, sich miteinander zu einer Einheit zu verbin­den, denn was von einem anderen genommen wurde, bezieht und behält aus dessen Eigenem das, was nun sein Eigenes wird; und weil es gleichartig ist, strebt es nach Wiederverei­nigung. Ist es aber wiedervereinigt, so wird es beim anderen wie in sich empfunden, und umgekehrt. Die Anlage zur Ver­bindung beider Geschlechter oder daß beide vereinigt werden können, unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, ebensowe­nig wie die Neigung zur Verbindung, lehrt beides doch die per­sönliche Erfahrung.

(2) Die eheliche Liebe verbindet zwei Seelen und so auch zwei Gemüter zur Einheit.

*158. Jeder Mensch besteht aus Seele, Gemüt und Leib. Die Seele ist das Innerste, das Gemüt das Mittlere und der Leib das Äußerste. Die Seele als des Men­schen Innerstes ist ihrem Ursprung nach himmlisch, das Gemüt als sein Mittleres ist geistigen und der Körper als das Äußerste natürlichen Ursprungs. Was einen himmlischen und geistigen Ursprung hat, ist nicht räumlich, sondern hat nur den Anschein von Räumlichkeit. Das weiß man auch in der Welt, und darum heißt es, vom Geistigen lasse sich weder Aus­dehnung noch Ort aussagen. Ist aber das Räumliche nur Schein, so gibt es auch nur den Anschein von Entfernung und Gegenwart. In meinen Abhandlungen über die andere Welt wurde des öfteren aufzeigt und bestätigt, daß sich der An­schein von Entfernung und Gegenwart aus der geistigen Nähe, Verwandtschaft und Affinität der Liebe [zu einer Sache oder einem anderen Geistwesen, d.Ü.] ergibt.

Das mußte gesagt werden, damit klar ist, daß die Seelen und Gemüter der Menschen nicht wie ihre Körper räumlicher Natur sind. Und weil dem so ist, können ihre Seelen und Gemüter im Unterschied zu ihren Körpern [die schließlich doch immer zwei bleiben, d.Ü.] wie zu einer Einheit verbun­den werden. Das geschieht insbesondere bei Ehegatten, die einander aufs innigste lieben. Weil aber die Frau gleichsam aus dem Manne geschaffen ist und beider Verbindung daher eine Art von Wiedervereinigung ist, zeigt vernünftige Über­legung, daß es sich dabei eigentlich nicht um eine Ver­schmelzung in eins, sondern um eine Vereinigung (adiunctio) handelt, eng und nahe je nach der Liebe, bis zur innigen Berührung bei denen, die in wahrer ehelicher Liebe zueinan­der sind. Diese Vereinigung läßt sich auch als geistiges Zusam­menwohnen bezeichnen. Sie findet sich bei Ehegatten, die einander zärtlich lieben, wie weit sie auch dem Körper nach von einander entfernt sein mögen. Es gibt viele Erfahrungs­beweise dafür auch in der natürlichen Welt. Damit ist klar, was damit gemeint ist, daß die eheliche Liebe zwei Seelen und Gemüter ins eins verbindet.

(3) Der Wille der Frau verbindet sich mit dem Verstand des Mannes und in der Folge der Verstand des Mannes mit dem Willen der Frau,

*159. weil der Mann geboren wird, um Verstand, die Frau, um liebender Wille zum Verstand des Mannes zu werden. Daraus ergibt sich, daß es eine eheliche Verbindung zwischen dem Willen der Frau und dem Verstand des Mannes und eine rückwirkende zwischen dem Verstand des Mannes und dem Willen der Frau gibt. Jeder kann einse­hen, daß zwischen Verstand und Wille die engste Verbindung besteht, so daß eins ins andere einzugehen vermag und durch diese und in dieser Verbindung ihre Freude haben kann.

(4) Bei der Frau ist die Neigung, den Mann mit sich zu vereinigen, unwandelbar und beständig; beim Mann hingegen ist die entsprechende Neigung unbeständig und wandelbar,

*160. da die Frauen als Liebe geboren werden, die Männer aber, mit denen sie sich vereinigen sollen, um wiedergeliebt zu werden, zu Aufnehmern ihrer Liebe. Die Liebe aber kann nicht anders, sie muß lieben und sich vereinigen, um wieder ge­liebt zu werden. Darin besteht ihr Wesen und Leben. Zudem wirkt die Liebe unausgesetzt, sie ist wie die Wärme, die Flamme oder das Feuer, die vergehen, wenn man sie zügelt und an der Wirkung hindert. Darum ist bei der Frau die Nei­gung, den Mann mit sich zu vereinen, beständig und unwan­delbar. Beim Mann findet sich aber darum keine ähnliche Nei­gung zur Frau, weil er nicht die Liebe, sondern nur der Auf­nehmer der Liebe von seiten der Frau ist und dieser aufnehmende Zustand einmal vorhanden ist und ein ande­res Mal nicht. Sorgen können eine Unterbrechung bewirken, auch kann sich sein Gemüt aus verschiedenen Gründen er­wärmen oder abkühlen, und die körperlichen Kräfte mögen zu  oder abnehmen. Aus diesen Gründen ist die Neigung zu jener Verbindung auf seiten der Männer unbeständig und wandelbar.

(5) Durch das Maß ihrer Liebe bestimmt die Frau beim Mann die Verbindung, und der Mann nimmt sie sei­ner Weisheit gemäß auf.

*161. Heutzutage ist den Männern ver­borgen und wird allgemein von ihnen geleugnet, daß ihnen die Liebe und damit die Verbindung von seiten der Frauen eingeflößt wird. Die Frauen reden nämlich den Männern ein, als Frauen nähmen sie die Liebe der Männer nur auf, mit an­deren Worten, die Männerverkörperten die Liebe, sie nur den Gehorsam. Sie freuen sich auch herzlich, wenn ihnen die Männer das glauben. Eine Reihe von Gründen veranlaßt sie, die Männer dazu zu überreden, alle aber gehören zur Klugheit und Umsicht der Frauen, über die im Folgenden mehr gesagt werden soll, besonders im Kapitel über die Ursache von ehe­licher Kälte, Trennung und Scheidung der Ehegatten. Die Liebe wird den Männern von ihren Frauen eingeflößt, weil sich bei ihnen keine eheliche Liebe, ja nicht einmal Ge­schlechtsliebe findet, sondern allein bei den Ehegattinnen und Frauen. Diese Tatsache ist mir in der geistigen Welt in le­bendiger Weise gezeigt worden.1

1) Anm. d.Ü's: Diese Behauptung wird bei vielen Lesern Widerspruch hervorrufen. Man wird gut daran tun, sein Urteil zurückzuhalten; aber eines kann man schon jetzt folgern: Swedenborg ist weit entfernt von männlichem Chauvinismus, der ihm von flüchtigen Lesern oft vorgeworfen wird. Hier zeigt sich eher das Gegenteil: Der Mann erscheint als ein Mangelwesen.

Dort war einst die Rede davon, und die Männer bestan­den, weil es ihnen die Frauen eingeredet hatten, darauf, daß sie und nicht die Frauen die Liebenden seien. Diese nähmen vielmehr die Liebe von ihnen auf. Um den Streit über dieses Geheimnis zu schlichten, wurden alle Frauen und Ehefrauen von den Männern entfernt und damit zugleich auch die Sphäre der Geschlechtsliebe. Nun überkam die Männer ein seltsamer, vorher nie empfundener Zustand, über den sie sich lebhaft beklagten. In diesem Zustand wurden ihnen die Frauen und den Ehemännern die Ehefrauen zugeführt. Als sie liebevoll von ihnen angesprochen, ja liebkost wurden, rea­gierten die Männer kalt, wandten sich ab und sagten zu ein­ander: "Was soll das, was will das Weibervolk?" Und als sich ei­nige von ihnen als ihre Ehefrauen zu erkennen gaben, ant­worteten sie: "Was Ehefrau? Wir kennen euch nicht!" Als dann die Ehefrauen über diese Gleichgültigkeit ihrer Männer zu trauern und teilweise zu weinen anfingen, wurde die Sphäre der weiblichen Geschlechtsliebe und der ehelichen Liebe, die den Männern entzogen worden war, wiederhergestellt. Sogleich kehrten auch die Männer in ihren vorigen Zustand zurück, ein jeder zu dem ihm entsprechenden: die Freunde der Ehe ebenso wie die Freunde der Geschlechtsliebe. Auf diese Weise wurden die Männer davon überzeugt, daß sich bei ihnen nichts von der ehelichen Liebe, ja nicht einmal etwas von der Geschlechtsliebe findet, sondern allein bei den Ehe­frauen und Frauen. Dennoch brachten es die Frauen in ihrer Klugheit fertig, die Männer wieder glauben zu machen, die Liebe gehe von ihnen aus und höchstens ein Fünkchen von dieser Liebe könne auch auf sie übergehen.

Diese Erfahrung wurde hier angeführt, um zu zeigen, daß die Frauen die eigentlich Liebenden, die Männer nur Aufneh­mende sind. Die Männer nehmen tatsächlich die Liebe ent­sprechend ihrer Weisheit auf. Beruht diese auf Religion und darauf, nur eine Gattin allein zu lieben, so zeigt sich, daß diese Liebe konzentriert, ja veredelt wird und in ihrer Potenz erhal­ten und unverändert bestehen bleibt. Sonst gliche sie dem Weizen aus der Scheuer, den man Hunden vorwirft, während im Haus selbst Mangel herrscht.

(6) Diese Verbindung vollzieht sich nach und nach von den ersten Tagen der Ehe an und wird bei Gatten, die in wahrhaft ehelicher Liebe miteinander leben, in Ewigkeit immer weiter vertieft.

*162. Die erste eheliche Wärme verbindet die Gatten noch nicht, hat sie doch noch etwas von der bloßen Geschlechtsliebe an sich, die eine Sache des Körpers und nur von daher des Geistes ist. Was aber vom Körper her im Geist ist, besteht nicht lange. Dauerhaft ist nur die Liebe, die aus dem Geist in den Körper übergeht. Zugleich mit Freundschaft und Vertrauen dringt sie in Seele und Gemüt der Gatten ein. Verbinden sich diese mit der ersten Liebe der Ehe, so entsteht die eigentliche eheliche Liebe. Sie öffnet die Herzen und haucht alle Reize der Liebe ein, um so inniger, je enger Freund­schaft und Vertrauen der ersten Liebe folgen und sich wech­selseitig durchdringen.

(7) Die Verbindung der Frau mit der Vernunftweis­heit des Mannes geschieht von innen her, mit seiner morali­schen Weisheit hingegen von außen her.

*163. Bereits eine schlichte Betrachtung und Untersuchung läßt darauf schließen, daß die Männer eine doppelte Weisheit haben: eine vernünftige und eine moralische. Die vernünftige betrifft den Verstand allein, die moralische aber zugleich Verstand und Leben. Um aber diese beiden Seiten der männlichen Weisheit klarer unterscheiden zu können, soll einiges darüber gesagt werden:

Was zur Vernunftweisheit zählt, trägt verschiedene Namen. Im allgemeinen spricht man von Wissenschaft, Ein­sicht und Weisheit, im besonderen von Vernunft, Urteilskraft, Talent, Bildung, Scharfsinn. Und da jeder Beruf auf einer besonderen Art von Wissen aufbaut, gibt es deren viele. Man denke an die besonderen Kenntnisse der Geistlichen, der Regierenden und Beamten, vor allem auch der Juristen, Ärzte und Chemiker, der Soldaten und Seeleute, der Künstler und Handwerker, der Bauern usw. Zur Vernunftweisheit zählen auch alle Wissenschaften, zu denen die studierende Jugend angelei­tet wird, und durch die sie nachher Einsicht erlangt, wie etwa Philosophie, Physik, Geometrie, Mechanik, Chemie, Astrono­mie, Jurisprudenz, Politik, Ethik, Geschichte und dergleichen mehr. Durch sie alle tritt man wie durch Türen ins Vernunft­gemäße ein, aus der dann die Vernunftweisheit entsteht.

*164. Zur moralischen Weisheit der Männer gehören alle sittlichen Tugenden, die das Leben betreffen und bestimmen, auch die geistigen, die aus der Liebe zu Gott und der Nächstenliebe entspringen und in den sittlichen Tugenden zu­sammentreffen. Auch die Tugenden, die zur moralischen Weisheit der Männer gehören, tragen viele Namen, wie Selbst­beherrschung, Nüchternheit, Rechtschaffenheit, Wohlwol­len, Freundschaft, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit, Dienstwil­ligkeit, Höflichkeit, ferner Geschäftigkeit, Fleiß, Gewandtheit, Fröhlichkeit, Wohltätigkeit, Freigebigkeit, Edelmut, Ent­schlossenheit, Furchtlosigkeit, Vorsorglichkeit und viele an­dere. Geistige Tugenden bei den Männern sind: Liebe zur Re­ligion, Nächstenliebe, Wahrhaftigkeit, Treue, Gewissenhaf­tigkeit, Unschuld und so weiter. Die einen wie die anderen Tugenden lassen sich im allgemeinen zurückführen auf die Liebe zur und den Eifer für die Religion, für das Allgemein­wohl, das Vaterland, die Mitbürger, die Eltern, den Ehegatten und die Kinder. Alle diese Tugenden sind bestimmt von Ge­rechtigkeit und Urteilskraft. Erstere gehört der moralischen, letztere der vernünftigen Weisheit an.

*165. Die Verbindung der Ehefrau mit der Vernunftweis­heit des Mannes geschieht aber deshalb von innen, weil diese Weisheit für den männlichen Verstand kennzeichnend ist und in ein Licht aufsteigt, in dem die Frauen nicht sind. Das ist auch der Grund, weshalb sich die Frauen nicht dieser Weisheit bedienen, sondern in Gesellschaft der Männer, wo derartige Gegenstände besprochen werden, schweigen und nur zuhören.

Daß die Gattinnen diese vernünftigen Gegenstände dennoch innerlich verstehen, zeigt sich an ihrem Zuhören, da sie nämlich das von den Ehemännern Gehörte bei sich er­wägen und ihm zustimmen.

Die Verbindung der Ehefrauen mit der sittlichen Weisheit der Ehemänner findet aber des­halb von außen statt, weil die Tugenden dieser Weisheit zum größten Teil mit ganz ähnlichen Tugenden bei den Frauen ver­wandt sind und sich aus dem verständigen Willen des Mannes herleiten, mit dem sich der Wille der Ehefrauen vereinigt und eine Ehe bildet. Da die Frauen diese Tugenden bei ihren Män­nern besser erkennen, als diese sie bei sich selbst, wurde ge­sagt, daß die Verbindung der Ehefrauen mit ihnen von außen geschieht.

(8) Weil diese Verbindung das eigentliche Ziel der Ehe ist, so besitzt die Frau die Gabe, die Gemütsbewe­gungen des Mannes wahrzunehmen, sowie die höchste Klugheit, diese zu mäßigen.

*166. Die Eigenschaft der Frauen, die Gemütsbewegungen ihrer Männer zu erkennen und mit Klug­heit zu mäßigen, gehört ebenfalls zu den Geheimnissen der ehelichen Liebe, die bei den Frauen verborgen liegen. Sie er­kennen dieselben durch drei Sinne, Gesicht, Gehör und Gefühl, und mäßigen sie, ohne daß ihre Männer auch nur das Geringste davon merken. Da dies aber zu den Geheimnissen der Frauen gehört, steht es mir nicht zu, es umständlich zu eröffnen. Weil dies den Frauen zusteht, folgen anschließend an die nächsten Kapitel vier Denkwürdigkeiten, in denen sie selbst darüber sprechen. Es handelt sich um die drei Frauen, die in einem Schloß wohnten, auf das ich einen goldenen Regen herabfallen sah, und die zwei von insgesamt sieben Frauen, die in einem Rosengarten saßen. Liest man diese Denkwürdigkeiten, lüftet sich das Geheimnis.

(9) Aus zwingenden Gründen verbergen die Frauen diese Wahrnehmung vor ihren Männern, um eheliche Liebe, Freundschaft und Vertrauen, und damit das Glück des gemeinsamen Lebens zu festigen.

*167. Die Frauen verbergen und verheimlichen ihre Wahrnehmung der männlichen Gemüts­bewegungen vor ihren Männern aus zwingenden Gründen, denn täten sie es nicht, würden die Ehemänner dem ge­meinsamen Bett, Schlafzimmer und Haus entfremdet. Der Grund liegt in einer ehelichen Kälte, die tief verborgen in den meisten Männern schlummert. Die mannigfachen Ursachen dafür sollen im Kapitel über eheliche Kälte, Trennungen und Scheidungen der Ehegatten aufgezeigt werden. Würden die Frauen die Gemütsbewegungen und Neigungen der Männer enthüllen, bräche diese Kälte aus ihrer Verborgenheit hervor und würde zuerst das Innere ihres Gemüts, dann die Brust und von da aus das Letzte der Liebe, das der Zeugung dient, erkalten lassen. Dann wäre die eheliche Liebe so weit ver­bannt, daß keinerlei Hoffnung mehr auf Freundschaft, Ver­trauen und ein glückliches Zusammenleben übrig bliebe. Und doch hegen die Frauen beständig gerade diese Hoffnung. Würden sie bekennen, daß sie um die Gemütsbewegungen und Liebesneigungen bei ihren Männern wüßten, wäre das zugleich die Erklärung und Preisgabe ihrer Liebe. Bekanntlich werden aber die Männer kalt und denken an Trennung, so­bald die Frauen darüber reden. Das zeigt, wie notwendig es für die Frauen ist, ihre Wahrnehmungen geheim zu halten.

(10) Auf dieser Wahrnehmung beruht die Weisheit der Frau; beim Manne kann es sie nicht geben, so wie es bei Frauen nicht die Vernunftweisheit des Mannes geben kann.

*168. Das ergibt sich aus dem Unterschied zwischen dem Männli­chen und dem Weiblichen. Die männliche Wahrnehmung beruht auf dem Verstand, die weibliche auf der Liebe. Der Ver­stand nimmt auch wahr, was Körper und Welt übersteigt; die Liebe hingegen lediglich das, was sie fühlt. Dringt sie doch darüber hinaus, so verdankt sie das der Verbindung mit dem Verstand des Mannes, die von der Schöpfung an besteht. Der Verstand hat nämlich mit dem Licht, die Liebe mit der Wärme zu tun. Licht wird geschaut, Wärme gefühlt. Damit erklärt sich der allgemeine Unterschied zwischen Männlichem und Weib­lichem und weshalb sich die Weisheit der Frau beim Manne ebenso wenig findet, wie die des Mannes bei der Frau. Auch die sittliche Weisheit des Mannes, soweit sie seiner Vernunft­weisheit entstammt, eignet nicht der Frau.

(11) Beseelt von der Absicht, den Mann mit sich zu verbinden, denkt die Frau unablässig an die Neigung des Mannes zu ihr; anders der Mann.

*169. Das hängt mit dem oben Dargelegten zusammen, nämlich daß bei der Frau die Nei­gung, sich mit dem Manne zu vereinen, gleichbleibend und beständig ist, während die entsprechende Neigung des Mannes, wie man oben nachlesen mag, unbeständig und wechselhaft ist. Mit anderen Worten: die Frau, gelenkt von der Ab­sicht, sich ihrem Mann zu verbinden, denkt ständig über seine Neigung zu ihr nach. Diese Gedanken werden zwar durch die häuslichen Pflichten, die sie zu besorgen hat, unterbrochen, bleiben dabei aber doch im Gefühl ihrer Liebe, das sich nicht so wie bei den Männern von den Gedanken trennt.

Diese Dinge aber gebe ich so wieder, wie sie mir berich­tet wurden. Man vergleiche die beiden Denkwürdigkeiten von den sieben Frauen im Rosengarten weiter unten.

(12) Die Frau verbindet sich dem Manne dadurch, daß sie sich dem Verlangen seines Willens anschließt.

*170. Das muß nicht weiter ausgeführt werden, weil es aus dem Familienleben bekannt ist.

(13) Die Frau wird durch die ihrer Liebe entsprin­gende Lebenssphäre mit ihrem Mann verbunden.

*171. Von jedem Menschen geht eine geistige Sphäre aus. Sie entsteht aus den Regungen seiner Liebe, umgibt ihn und dringt in die kör­pereigene Sphäre ein, so daß sich beide miteinander verbin­den. Es ist allgemein bekannt, daß von jedem Körper eine natürliche Sphäre ausgeht, nicht nur von dem des Menschen, sondern auch von dem der Tiere, ja der Bäume, Früchte, Blu­men, ja selbst der Metalle. In der geistigen Welt ist es nicht anders, obgleich die Sphären der Gegenstände dort geistiger Art sind. Die von den Geistern und Engeln ausgehenden Sphären sind ganz und gar geistiger Natur, weil die Wahrneh­mungen und Gedanken ihren inneren Liebesregungen ent­springen. Jede Sympathie und Antipathie hat hier ihren Ur­sprung, ebenso wie alle Verbindungen und Trennungen und damit Gegenwart und Abwesenheit in der geistigen Welt. Denn das Gleichartige bzw. Zusammenstimmende bewirkt Verbindung und Gegenwart, das Ungleichartige und Entge­gengesetzte Trennung und Abwesenheit. Die genannten Sphären bestimmen daher dort die Entfernungen. Es gibt auch Menschen, die wissen, was solche geistigen Sphären in der natürlichen Welt bewirken. Auch die Zuneigung der Ehe­gatten für einander hat keinen anderen Ursprung. Ein­trächtige und zusammenstimmende Sphären vereinen die Gatten, feindselige und entgegengesetzte trennen sie. Die Sphäre der Eintracht ist angenehm und lieblich, die der Zwie­tracht unangenehm und unerfreulich. Von Engeln, die ein kla­res Innewerden dieser Sphären haben, hörte ich, daß es weder im Inneren noch im Äußeren des Menschen irgendein Teil­chen gibt, das sich nicht ständig erneuere. Das geschehe durch Auflösen und Wiederherstellen, und daher rühre die beständig ausströmende Sphäre.

Die Engel sagten ferner, diese Sphäre umgebe den Men­schen; sie sei jedoch am Rücken dünn und an der Brust, wo sie sich mit dem Atem verbinde, dicht. Darauf beruhe auch, daß Ehegatten, deren Gesinnungen und Neigungen von einander abweichen im Bett einander den Rücken zukehren, während sich die anderen, deren Gesinnungen und Neigungen übereinstimmen, einander zuwenden. Auch verbänden bzw. trennten die Sphären die Ehegatten nicht nur äußerlich, son­dern auch innerlich, weil sie vom ganzen Menschen ausgehen und sich weit um ihn her verbreiten. Darauf beruhten alle Ver­schiedenheiten und Unterschiede der ehelichen Liebe. Zum Schluß sagten sie, die von einer zärtlich geliebten Frau aus­strömende Liebe werde im Himmel als lieblicher Wohlgeruch empfunden — weit lieblicher, als sie von einem neuvermählten Ehemann in den ersten Tagen nach der Hochzeit empfunden wird. Damit ist — wie behauptet — offenkundig wahr, daß die Frau mit dem Mann durch die ihrer Liebe entspringende Le­benssphäre verbunden wird.

(14) Sie wird mit ihrem Manne verbunden durch Aneignung der Kräfte seiner Zeugungskraft, je nach der Beschaffenheit ihrer wechselseitigen geistigen Liebe.

*172. Diese Tat­sache habe ich ebenfalls aus dem Mund von Engeln vernom­men. Sie sagten, der von den Ehemännern ausgestoßene Same (prolifica impensa) werde von den Ehefrauen im Ganzen aufgenommen und ihrem Leben beigefügt. So führ­ten die Frauen ein einträchtiges und immer einträchtigeres Leben mit ihren Männern, wodurch tatsächlich eine Vereini­gung der Seelen und eine Verbindung der Gemüter bewirkt werde. Als Ursache nannten die Engel, daß im Samen des Mannes seine Seele liege, die mit dem Inneren seines Gemüts verbunden sei. Sie fügten noch bei, es sei eine Schöpfungs­ordnung, daß die Weisheit des Mannes, die seine Seele bil­det, der Frau angeeignet werde und sie so nach den Worten des Herrn ein Fleisch würden. Zudem solle das den Mann daran hindern, seine Frau nach der Empfängnis wegen ir­gendwelcher Phantasien zu verlassen. Und schließlich setzten die Engel noch hinzu, die Einverleibung und Aneignung des männlichen Lebens seitens der Frauen geschehe je nach der

Beschaffenheit der ehelichen Liebe bei ihnen, weil diese eine geistige Vereinigung ist und verbindet, und dies sei ebenfalls aus verschiedenen Gründen vorgesehen.

(15) So nimmt die Frau das Bild des Mannes in sich auf und erkennt und fühlt infolgedessen seine Gemütsbewegungen.

*173. Aus den oben angeführten Gründen ist offenkundig, daß Ehefrauen in sich aufnehmen, was zur Weisheit der Männer gehört, was also das Eigentliche ihrer Seelen und Gemüter darstellt und wodurch sie sich aus Jungfrauen zu Ehefrauen heranbilden. Die Ursachen dafür sind folgende:

Das Weib ist aus dem Manne geschaffen.

Infolgedessen liegt in ihr die Neigung, sich mit dem Manne zu vereinigen, ja gleichsam wiederzuvereinigen.

Wegen und um dieser Vereinigung mit ihrem Gatten willen wird das Weib als Liebe zum Mann geboren und durch die Ehe mehr und mehr die Liebe zu ihm, da ihre Liebe dann fortwährend darauf sinnt, ihn mit sich zu verbinden.

Sie wird mit ihrem Einziggeliebten dadurch verbunden, daß sie sich nach den Wünschen seines Lebens richtet.

Verbunden werden die beiden durch die sie umgebenden Sphären, die sich je nach der Art der ehelichen Liebe der Frau und der aufnehmenden Weisheit des Mannes im allgemeinen wie im besonderen vereinigen.

Sie werden auch verbunden durch Aneignung der männlichen Kräfte von seiten der Frauen.

Damit ist klar, daß vom Ehemann beständig etwas in die Frau übertragen und ihr als Eigentum einverleibt wird.

Aus alledem folgt, daß das Ebenbild des Mannes in der Frau gebildet wird. Und weil sie sein Ebenbild ist, wird die Frau inne, was im Manne vorgeht und sieht und fühlt sich selbst gleichsam wie in ihm. Inne wird sie es infolge von Kommunikation, sie erkennt es anhand der Erscheinung, und sie fühlt es durch Berührung. In einigen der folgenden Denkwürdigkeiten wird berichtet, wie mir drei Frauen in einem Schloß und sieben Frauen in einem Rosengarten eröffneten, sie fühlten die Aufnahme ihrer Liebe von seiten ihrer Gatten dadurch, daß sie diese mit den Händen an Wangen, Armen, Händen und Brust berührten.

(16) Mann und Frau haben Pflichten, die für sie charakteristisch sind. Weder kann die Frau die charakteristischen Pflichten des Mannes übernehmen, noch der Mann die der Frau und sie gebührend erfüllen.

*174. Diese unterschiedlichen Pflichten müssen nicht im einzelnen aufgezählt werden. Jeder kennt sie und vermag sie aufzuzählen, wenn er nur darüber nachdenkt. Die Pflichten, durch die sich die Frauen vor allem mit den Männern verbinden, hängen mit der Erziehung der Kinder beiderlei Geschlechts zusammen, der Mädchen bis zum heiratsfähigen Alter.

*175. Weder kann die Frau die charakteristischen Pflichten des Mannes noch der Mann die der Frau übernehmen, weil sie sich unterscheiden wie die Weisheit und die Liebe zur Weisheit oder wie der Gedanke und die ihm zugrunde liegende Neigung bzw. wie der Verstand und der zugrunde liegende Wille. Bei den für den Mann charakteristischen Pflichten herrscht der Verstand, das Denken und die Weisheit vor, bei den für die Frau charakteristischen der Wille, die Neigung und die Liebe. Aus diesen verschiedenen Quellen heraus verrichten Mann und Frau ihre Aufgaben. Daher sind diese verschiedener Natur, dennoch aber in aufeinanderfolgender Ordnung miteinander verbindbar.

Viele sind der Meinung, die Frauen könnten sehr wohl die Aufgaben der Männer verrichten, wenn sie nur wie die Knaben von Jugend auf dazu aus gebildet würden. Zwar können sie in deren Ausführung eingeführt werden, aber nicht in ein gründliches Verständnis der Pflichten, von dem die Richtigkeit der Ausführung innerlich abhängt. Daher sind Frauen, die in die Pflichten der Männer

eingeführt wurden, auf deren Urteil und Rat angewiesen, wor­auf sie dann nach Möglichkeit daraus das auswählen, wohin sich ihre Liebe neigt.

Einige behaupten, Frauen könnten mit der Schärfe ihres Verstandes ebenso in die Sphäre des Lichts [der Erkenntnis] eindringen wie die Männer und die Dinge von derselben Höhe aus durchschauen. Zu dieser Meinung kamen sie aufgrund der Schriften einiger gelehrter Autorinnen (eruditis camenis). Doch wurden diese Schriften in ihrer Gegenwart in der geistigen Welt geprüft und nicht als Produkte der Urteilskraft und Weisheit, sondern des Scharfsinns und der Redegabe be­funden. Was aus beidem hervorgeht, erscheint nur denen, die Scharfsinn mit Weisheit verwechseln, als erhaben und gelehrt, und zwar aufgrund der Eleganz und des kunstvollen Stils.

Aber auch Männer können nicht die für Frauen charak­teristischen Pflichten übernehmen und sie gebührend erfüllen, weil sie nicht in deren Neigungen eintreten können, die von ihren eigenen ganz verschieden sind. Weil Neigungen und Wahrnehmungen des männlichen Geschlechts von der Schöpfung und somit von Natur aus verschieden sind, gehörte zu den Gesetzen der Kinder Israels auch das folgende:

"Ein Weib soll nicht Männertracht tragen, und ein Mann soll nicht Frauenkleider anziehen; denn ein Greuel ist dem Herrn, deinem Gott, ein jeder, der solches tut" (Deut 22, 5).

Dieses Gebot beruht darauf, daß in der geistigen Welt alle ihren Neigungen entsprechend gekleidet werden. Zwei verschiedenartige Neigungen, wie die von Frau und Mann können nur zwischen zwei Menschen, niemals aber in einem ver­einigt werden.

(17) Auch diese Pflichten, da sie sich nur in gegenseitiger Hilfeleistung erfüllen lassen, verbinden die bei­den und machen sie gleichsam zu einem Haus.

*176. Die Pflich­ten des Mannes verbinden sich in gewisser Hinsicht mit denen der Frau, während sich die der Frau denen des Mannes an­schließen. Das gehört zu den in der Welt bekannten Dingen, und man weiß, daß darin die gegenseitige Hilfeleistung be­steht und sich danach richtet. Aber das Wichtigste, was Seele und Leben der Ehegatten miteinander verbindet, ist die ge­meinschaftliche Sorge für die Erziehung der Kinder. Hierin unterscheiden und verbinden sich zugleich die Pflichten von Mann und Frau. Sie unterscheiden sich, weil die Sorge für die Ernährung (lactatio) und Erziehung der kleinen Kinder bei­derlei Geschlechts, ebenso wie die Unterweisung der Mädchen bis zum Alter, wo sie einem Manne zugesagt und mit ihm verbunden werden, der Frau obliegt. Die Sorge für den Unterricht der Knaben nach der Kindheit bis zum Jüng­lingsalter und darüber hinaus, bis sie ihre eigenen Herren wer­den, gehört zu den charakteristischen Pflichten des Mannes. Beide verbinden sich aber durch gegenseitigen Rat, die Sorge für die Ernährung der Kinder und verschiedene andere ge­genseitige Hilfeleistungen. Bekanntlich verbinden diese Auf­gaben ihre Gemüter zu einer Einheit, sowohl die einander er­gänzenden als auch die unterschiedlichen, also die gemein­samen ebenso wie die für Mann und Frau charakteristischen. Alles zusammen bewirkt die sogenannte Elternliebe. Ebenso ist bekannt, daß diese Aufgaben in ihrer Unterschiedlichkeit und in ihrem Zusammenklang, einen Haushalt bilden (faciant unam domum).

(18) Die Ehegatten werden infolge dieser Ver­bindungen mehr und mehr zu Einem Menschen.

*177. Das trifft überein mit dem Inhalt von Artikel (6), wo dargelegt wurde, daß die Verbindung der Ehegatten von den ersten Tagen der Ehe an nach und nach vor sich gehe und bei denen, die in wahrhaft ehelicher Liebe leben, in Ewigkeit immer inniger werde, wie man dort nachlesen kann. Zu Einem Menschen werden sie gemäß dem Wachstum der ehelichen Liebe bei ihnen. Und weil diese Liebe in den Himmeln aufgrund des himmlischen und geistigen Lebens der Engel rein ist, werden dort zwei Ehegatten als zwei bezeichnet, wenn man von ihnen als Ehemann und Ehefrau spricht, aber als einer, sobald man sie Engel nennt.

(19) Ehegatten, die in der wahren ehelichen Liebe miteinander leben, fühlen sich wie ein vereinter Mensch und wie ein Fleisch.

*178. Das kann nicht aus dem Munde irgendeines Erdenmenschen, sondern nur aus dem von Himmelsbewoh­nern bestätigt werden, gibt es doch bei den irdischen Men­schen gegenwärtig keine wahre eheliche Liebe mehr. Dazu kommt, daß sie in einen groben Körper gehüllt sind, der das Gefühl zweier Ehegatten, ein vereinter Mensch und wie ein Fleisch zu sein, abstumpft und absorbiert. Zudem wollen ir­dische Menschen, die ihre Ehegatten nur äußerlich und nicht innerlich lieben, davon auch gar nichts hören, denken sie doch darüber nur fleischlich und unzüchtig. Anders ist es bei den Engeln des Himmels, weil diese in der geistigen und himmli­schen Liebe stehen und nicht mit einem derart groben Kör­per umhüllt sind wie die irdischen Menschen. Von einigen die­ser Engel, die schon seit Jahrhunderten mit ihren Ehegatten im Himmel lebten, habe ich mit völliger Gewißheit bezeugen (te­statum) hören, daß sie sich in dieser Weise vereint fühlten: der Mann mit seiner Frau und diese mit ihrem Manne, eins im anderen bzw. in der anderen, gegenseitig und wechselseitig, und das ebenso im feinstofflichen Fleisch, obgleich sie ge­trennte Körper hätten. Als Ursache dieser auf Erden so seltenen Erscheinung bezeichneten sie die Tatsache, daß sie die Verei­nigung ihrer Seelen und Gemüter im Fleisch empfänden, weil die Seele nicht nur das Innerste des Hauptes, sondern auch des gesamten Leibes bilde. Dasselbe gälte auch für das Gemüt, das die Mitte zwischen Seele und Leib einnimmt. Obgleich es im Haupt erscheine [d.h. bewußt werde, d.Ü.], sei es doch in Wirklichkeit im ganzen Leib gegenwärtig. Das komme daher, wie sie sagten, daß die von Seele und Gemüt beabsichtigten Handlungen augenblicklich vom Körper bewirkt werden. Dar­auf beruhe auch, daß sie selbst, nachdem sie ihren Körper in der vorigen Welt abgelegt hätten, noch immer vollkommene Menschen seien. Da sich nun Seele und Gemüt dem Fleisch des Körpers so eng verbinden, um tätig sein und Wirkungen hervorbringen zu können, ergibt sich, daß die Vereinigung von Seele und Gemüt mit denen des Ehegatten im Leibe so emp­funden wird, als seien sie Ein Fleisch. Als die Engel das sagten, hörte ich die dabei stehenden Geister sprechen, das seien Dinge der Engelweisheit, die über die Vernunft hinausgingen. Es handelte sich aber um natürlich vernünftige und nicht um geistig vernünftige Geister.

(20) Die wahre eheliche Liebe ist an sich eine Ver­einigung der Seelen, eine Verbindung der Gemüter sowie ein Streben nach der Verbindung der Herzen und von da aus auch im Körper.

*179. Über die Vereinigung der Seelen und die Ver­bindung der Gemüter sehe man oben #158. Das Streben nach der Verbindung in der Brust beruht darauf, daß die Brust etwas wie einen Sammelplatz und königlichen Hof darstellt, während der Körper wie eine dicht bevölkerte Stadt darum herum angelegt ist. Die Brust ist aber deshalb wie ein Sam­melplatz, weil alles, was von Seele und Gemüt aus in den Kör­per ausläuft, zuerst in die Brust einfließt. Einem Königshof aber gleicht die Brust, weil dort die Herrschaft über alle Teile des Körpers ihren Sitz hat, denn dort befinden sich Herz und Lunge. Das Herz aber herrscht überall im Körper durch das Blut und die Lunge durch den Atem. Klar ist, daß der Körper etwas wie eine dicht bevölkerte Stadt um die Brust herum dar­stellt. Wenn nun Seele und Gemüt der Ehegatten vereinigt sind, weil wahrhaft eheliche Liebe sie vereint, so fließt diese liebevolle Vereinigung zuerst in ihre Brust und von da in ihre Körper ein und löst den Drang nach Vereinigung aus. Und das um so mehr, als die eheliche Liebe den Drang bis zum Letz­ten treibt, um ihre Lust und Wonne zur Erfüllung zu bringen. Weil die Brust die Mitte des Körpers bildet, hat die eheliche Liebe offenbar dort den Sitz ihrer Lustgefühle erhalten.

(21) Die Zustände dieser Liebe bestehen in Un­schuld, Friede, Gelassenheit, innigster Freundschaft, vollem Vertrauen und im beiderseitigen Verlangen, einander von ganzer Seele und ganzem Herzen alles Gute zu tun, woraus Seligkeit, Wohlsein, Annehmlichkeit, Vergnügen und damit himmlische Seligkeit resultieren.

*180. Das alles ist in der eheli­chen Liebe enthalten und entspringt ihr daher auch, ist doch ihr Ursprung die Ehe des Guten und Wahren, die vom Herrn herrührt. Darum will diese Liebe auch ihre Freuden dem an­deren, den sie von Herzen liebt, mitteilen, ja in ihn übertragen und daraus wiederum ihre eigenen Freuden schöpfen. Mithin will der Herr in seiner göttlichen Liebe noch unendlich viel mehr in den Menschen übertragen, hat er ihn sich doch zum Aufnahmegefäß der aus ihm hervorgehenden Liebe und Weisheit erschaffen, den Mann zur Aufnahme der Weisheit und die Frau zur Aufnahme der Liebe zur Weisheit des Mannes. Darum hat er auch den Menschen vom Innersten her die ehe­liche Liebe eingegossen, um alles, was selig, beglückend, an­genehm und erfreuend ist, und was zugleich mit dem Leben aus der göttlichen Liebe durch die göttliche Weisheit hervor­tritt und einfließt, in sie übertragen zu können. Und zwar ge­schieht das bei Menschen, die in wahrer ehelicher Liebe leben, da sie allein die Aufnehmenden sind. Unschuld, Friede, Ge­lassenheit, innigste Freundschaft, volles Vertrauen und ge­genseitiges Verlangen von Seele und Herz, einander alles Gute zu tun, werden deshalb hier genannt, weil Unschuld und Friede zur Seele gehören, Gelassenheit zum Gemüt, innigste Freundschaft zur Brust, vollkommenes Vertrauen zum Her­zen, das gegenseitige Verlangen von Seele und Herz, einan­der alles Gute zu tun, gehören hingegen zum Körper, jedoch von Seele, Herz, Gemüt und Brust her.

(22) All das kann es nur in der Ehe eines Mannes mit einer Frau geben.

*181. Das folgt aus allem, was bisher ausge­führt wurde, ebenso wie aus allem, was noch dargelegt werden wird. Daher muß es hier nicht noch besonders behandelt werden.

*182. Dem möchte ich noch zwei Denkwürdigkeiten beifügen. Hier die erste:

Einige Wochen später hörte ich, wie eine Stimme aus dem Himmel rief: "Auf. Es findet wiederum eine Versammlung auf dem Parnaß statt. Komm, wir wollen Dir den Weg zeigen." Ich gesellte mich zu ihnen und, als wir nahe herangekommen waren, erblickte ich auf dem Helicon jemanden mit einer Posaune, mit der er zur Versammlung blies und sie ankündigte. Wie zuvor sah ich aus der Stadt Athenäum und den umge­benden Orten Geistwesen heraufziehen, in ihrer Mitte drei Neuankömmlinge von der Erde. Sie stammten aus der Chri­stenheit; einer von ihnen war Priester, der andere Politiker, und der dritte Philosoph. Unterwegs sprachen sie über alles mögliche, besonders über die Philosophen des Altertums, die sie auch nannten. Die drei fragten, ob sie die auch zu Gesicht bekommen würden, was man ihnen zusicherte. Wenn sie wollten, könnten sie sie sogar begrüßen, ließen sie doch gerne mit sich reden. Daraufhin fragten die drei nach Demosthenes, Diogenes und Epikur. Ihnen wurde geantwortet: "Demosthenes ist nicht hier, sondern hält sich bei Plato auf; Diogenes weilt mit seinen Schülern unterhalb des Helicons, weil er alles Welt­liche für nichts achtet und sich in seinem Gemüt nur mit himmlischen Dingen befaßt. Epikur aber wohnt an der westlichen Grenze und erscheint nicht unter uns, weil wir zwi­schen guten und bösen Neigungen unterscheiden und der Ansicht sind, daß es nur die guten Neigungen mit der Weisheit halten, die bösen hingegen der Weisheit zuwiderlaufen."

Als sie den Hügel des Parnaß erstiegen hatten, brachten einige der dortigen Wächter in kristallenen Bechern Wasser aus einer Quelle und sagten: "Hier ist Wasser aus jener Quelle, von der die Alten im Mythus sagten, sie sei durch den Huf des Pegasus aufgebrochen und dann den neun Jungfrauen ge­weiht worden. Das geflügelte Pferd Pegasus bezeichnete in ihren Augen den Verstand des Wahren, der zur Weisheit führt, die Pferdehufe die Erfahrungen, durch die es zur natürlichen Einsicht kommt, und die neun Jungfrauen die Erkenntnisse und Wissenschaften aller Art. Heutzutage spricht man in die­sem Zusammenhang von Sagen (fabulae), allein es handelt sich um Entsprechungen, aus deren Kenntnis die Urmen­schen sprachen."

Die begleitenden Geister erklärten den drei Neu­ankömmlingen: "Wundert euch nicht über diese Worte. Die Wächter sind angewiesen, so zu reden. Wir verstehen unter dem Trinken des Quellwassers das Unterrichtetwerden in den Wahrheiten und durch diese im Guten, um so weise zu wer­den."

Danach betraten sie, zusammen mit den drei Neulingen — Priester, Politiker und Philosoph — das Palladium. Hier frag­ten die Lorbeerbekränzten an den Tischen: "Was bringt ihr Neues von der Erde?" Die Neuankömmlinge antworteten: "Das Neue ist, daß ein gewisser Mensch behauptet, er spräche mit den Engeln, und seine Augen seien für die geistige Welt ebenso aufgetan, wie für die natürliche. Daher bringt er viel Neues vor, unter anderem, daß der Mensch nach dem Tode ebenso als Mensch lebe wie zuvor in der Welt, daß er sehen, hören und reden könne, sich kleide und schmücke, Hunger und Durst empfände, wie in der Welt, eheliche Freuden ge­nieße, schlafe und erwache. Zudem gebe es in der geistigen Welt Länder und Meere, Berge und Hügel, Ebenen und Täler, Quellen und Flüsse, Gärten und Wälder, darüber hinaus Palä­ste und Wohnhäuser, Städte und Dörfer, Schriften und Bücher, Ämter und Geschäfte, Edelsteine, Gold und Silber — mit ei­nem Wort: alles und jedes, was es auch auf Erden gibt, nur sei es in den Himmeln unendlich vollkommener. Der Unter­schied beruhe darauf, daß alles in der geistigen Welt einen geistigen Ursprung habe und daher geistig sei, weil es der dortigen Sonne entstamme, die reine Liebe ist. In der natür­lichen Welt dagegen habe alles einen natürlichen Ursprung und sei daher natürlich und materiell, weil es von der irdi­schen Sonne stamme, die reines Feuer ist. Mit einem Wort, er behauptet, der Mensch sei nach dem Tode auf vollkommene, ja sogar auf noch vollkommenere Weise Mensch, da sein Leib vorher nur materiell gewesen sei, während er in dieser Welt geistig ist." Nun aber fragten die alten Weisen, was man dar­über auf Erden denke, und die drei sagten: "Wir wissen, daß es wahr ist, da wir hier sind und alles betrachtet und untersucht haben. Wir wollen daher sagen, was darüber auf Erden ge­sprochen und vernünftelt wurde."

Zuerst sagte nun der Priester: "In unserem Stande sprach man zuerst, als man davon hörte, von Visionen, dann von Lügen, später sagte man, er habe Gespenster gesehen, endlich erklärte man ratlos: ,Das glaube, wer mag. Wir haben bisher gelehrt, daß der Mensch nach dem Tode nicht eher wieder in einem Leibe sein werde als am Tag des Gerichts'." Auf die Frage, ob es denn nicht wenigstens einige Vernünftige unter ihnen gebe, die es beweisen und die Menschen von der Wahrheit überzeugen könnten, daß der Tod nicht das Ende ist, antwor­tete der Priester, wohl gebe es einige, die es beweisen könnten, ohne aber zu überzeugen. Als Beweise führten sie an, der Glaube, der Mensch werde nicht eher als am Tag des Jüng­sten Gerichts als Mensch fortleben, widerspräche der gesun­den Vernunft. Die Seele sei ja dann bis dahin ohne Leib, und was und wo soll sie inzwischen sein? Ist sie etwa nur ein Hauch oder Wind, der in der Luft umherfliegt, oder ist ihr Aufenthalt irgendwo im Innern der Erde? Fliegen denn die Seelen Adams und Evas und ihrer Nachkommen nun schon seit sechstau­send Jahren oder sechzig Jahrhunderten im Weltall umher bzw. werden im Erdinnern unter Verschluß gehalten, um auf das Jüngste Gericht zu warten? Was wäre angstvoller und jäm­merlicher als so ein Warten? Müßte man ein solches Los nicht mit dem Schicksal von Menschen vergleichen, die im Kerker in Ketten und Fußeisen gefangen gehalten werden? Stimmte es, daß den Menschen nach dem Tode ein solches Los erwar­tet, wäre es ihm dann nicht besser, als Esel statt als Mensch ge­boren zu sein? Widerspricht nicht auch der Glaube, die Seele werde wieder mit ihrem Körper bekleidet, der Vernunft? 1

1) Anm. d.Ü's: Schon Martin Luther spottete über diesen Glauben: "Das müßte mir eine närrische Seele sein, die, wenn sie schon bei Gott wäre, noch Verlangen nach ihrem Leibe trüge."

Ist nicht der Körper inzwischen von Würmern, Mäusen oder Fi­schen gefressen worden? Oder soll zu jenem neuen Leib ein von der Sonne verbranntes oder zu Staub zerfallenes Knochengerippe verwendet werden? Und wie sollen die verwesten und verfaulten Körperteile wieder zusammengefügt und mit den Seelen vereinigt werden? Darauf antwortet man ihnen nicht mit Vernunftgründen, sondern beruft sich auf den Glau­ben, indem man erklärt: "Wir nehmen unsere Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens gefangen" Was die Versammlung sämtlicher Toten aus den Gräbern am Tag des Jüngsten Gerichts betrifft, so erklärt man es zu einem Werk der Allmacht. Werden aber einmal Allmacht und Glauben zusam­men genannt, so ist die Vernunft verbannt. "Ich darf sagen, daß ihnen dann die gesunde Vernunft überhaupt nichts gilt, ja manchen von ihnen sogar wie ein Gespenst vorkommt. Setzt sich jemand für die gesunde Vernunft ein, so können sie den Betreffenden sogar beschuldigen, Unsinn zu sprechen!"

Als sie das vernommen hatten, erklärten die Weisen Grie­chenlands: "Heben sich derartige Paradoxien nicht durch den ihnen innewohnenden Widerspruch von selbst auf  und doch sollen sie heutzutage in der Welt nicht von der gesunden Ver­nunft zerstört werden können? Kann man etwas Widersinni­geres glauben als das, was vom Jüngsten Gericht behauptet wird, nämlich das Weltall werde dann vergehen und die Sterne des Himmels würden auf die Erde herabfallen, die doch klei­ner ist als die Sterne; die Leiber der Menschen, die dann ent­weder als Leichname in der Erde ruhen oder mumifiziert und vielleicht von Menschen (Kannibalen) verspeist oder zu bloßen Fasern wurden, sollten wieder mit ihren Seelen zusammen­wachsen? Als wir noch in der Welt lebten, glaubten wir an die Unsterblichkeit der Menschenseelen. Die Gründe gab uns die Vernunft an die Hand. Auch wiesen wir den Seligen einen Auf­enthalt an, indem wir von den elysäischen Gefilden sprachen. Ferner glaubten wir, sie seien menschliche Erscheinungen oder Gestalten, wenngleich von zarter, weil geistiger Art."

Nun wandten sie sich an den zweiten Neuankömm­ling, der in der Welt ein Politiker gewesen war. Dieser be­kannte, er habe nicht an ein Leben nach dem Tode geglaubt. Was er darüber gehört habe, seien für ihn Einbildungen und Erfindungen gewesen. "Als ich darüber nachdachte, sagte ich mir: Wie können Seelen leibhaft sein? Liegt nicht alles, was zum Menschen gehört hatte, tot im Grab, seine Augen und Ohren, sein Mund usw. — womit könnte er dann sehen, womit hören oder reden? Wenn etwas im Menschen den Tod überlebte, wäre es mehr als ein Gespenst? Wie könnte ein solches essen und trinken oder der ehelichen Freunden ge­nießen? Woher kämen ihm Kleider, Haus, Nahrung und dergleichen? Gespenster sind ja nichts als Luftgebilde, und obgleich sie erscheinen, als ob sie etwas seien, sind sie den­noch nichts. Dergleichen Gedanken hatte ich in der Welt über das Leben nach dem Tode. Jetzt aber, nachdem ich alles gesehen und mit meinen eigenen Händen betastet habe, bin ich durch meine eigenen Sinne überzeugt wor­den, daß ich Mensch bin wie in der Welt — so sehr, daß mir nichts anderes bewußt ist, als daß ich ebenso lebe wie zuvor, mit dem Unterschied freilich, daß ich jetzt über eine ge­sündere Vernunft verfüge. Zuweilen habe ich mich meiner früheren Gedanken geschämt."

Ähnliches erzählte der Philosoph, jedoch mit dem Unterschied, daß er die Nachrichten über das Leben nach dem Tode unter die Meinungen und Hypothesen eingereiht habe, die er sich aus alten und neueren Quellen gesammelt hatte.

Nachdem sie das gehört hatten, staunten die Weisen, und die Mitglieder der Sokratischen Schule erklärten: "Aus diesen Nachrichten von der Erde entnehmen wir, daß das Innere der menschlichen Gemüter nach und nach verschlossen wurde und jetzt in der Welt der Glaube an Falsches als Wahrheit und alberne Vernünftelei als Weisheit leuchtet. Das Licht der Weis­heit hat sich mithin seit unseren Zeiten vom Inneren des Ge­hirns niedergesenkt in den Mund unter die Nase, glänzt vor den Augen und läßt die Rede des Mundes als Weisheit er­scheinen."

Nach dieser Äußerung sagte einer der dortigen Nachwuchs Weisen (quidam ex tironibus ibi): "Wie stumpfsinnig sind doch heutzutage die Bewohner der Erde! Wären doch ei­nige von den Schülern Heraklits und Demokrits hier, die über alles lachen oder weinen. Wahrlich, wir würden ein großes Lachen und Weinen zu hören bekommen!"

Als die Versammlung beendet war, übergab man den drei Neuankömmlingen von der Erde Insignien des betreffenden Gebiets. Sie bestanden aus Kupferblättchen mit einigen eingravierten Hieroglyphen. Damit zogen sie davon.

Zweite Denkwürdigkeit:

*183. In der östlichen Gegend erschien mir ein Hain von Pal­men und Lorbeerbäumen, die spiralförmig angeordnet waren. Ich ging darauf zu, betrat ihn und spazierte auf Wegen, die mehrfach herumführten, bis ich am Ende des Weges einen Garten erblickte, der die Mitte des Haines bildete. Dazwischen war eine kleine Brücke, sowie ein Tor auf der Seite des Hains und eines auf der Seite des Gartens. Als ich davor stand, öffnete ein Wächter die Tore. Ich fragte, wie der Garten heiße, und er antwortete: "Adramandoni", was soviel heißt wie "die Wonne der ehelichen Liebe" Ich trat ein, und siehe da: Ölbäume an Ölbäumen, miteinander verbunden durch Weinstöcke, die dazwischen gepflanzt waren, und deren Reben herabhingen. Darunter und dazwischen blühende Büsche. In der Mitte war ein runder Rasenplatz, auf dem Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen paarweise saßen. Inmitten des Rondells be­fand sich eine Bodenerhebung, auf der eine kleine Quelle ihr Wasser kräftig in die Höhe springen ließ. Als ich mich dem Ron­dell näherte, erblickte ich zwei Engel in Purpur und Scharlach, die mit denen, die auf dem Rasen saßen, ein Gespräch über den Ursprung der ehelichen Liebe und ihre Freuden führten. Und weil dies das Thema war, herrschte gespannte Aufmerk­samkeit und ließ man sich nichts entgehen. In dem, was die Engel sagten, lag etwas Erhabenes, wie vom Feuer der Liebe be­seelt. Aus ihrer Rede habe ich, kurz zusammengefaßt, folgen­des aufgenommen: Zuerst sprachen sie davon, daß Erfor­schung und Wahrnehmung des Ursprungs der ehelichen Liebe schwierig seien, weil dieser Ursprung göttlich himmlisch ist. Er liegt nämlich in der göttlichen Liebe, der göttlichen Weisheit und in der göttlichen Nutzwirkung. Diese drei gehen als ein Ganzes vom Herrn aus und fließen von ihm auch als ein Ganzes in die menschlichen Seelen ein. Von dort dringen sie weiter hinein in die menschlichen Gemüter, zuerst in deren innere Regungen und Gedanken, durch diese dann in die nahe beim Leiblichen liegenden Wünsche und von da aus über die Brust in den Zeugungsbereich. Dort ist alles beisammen, was aus dem ersten Ursprung stammt und bildet zugleich mit allem Nachfolgenden die eheliche Liebe.

Darauf sagten die Engel: "Laßt uns das weitere als Frage und Antwort miteinander verhandeln, weil etwas, das man nur durch's Ohr vernimmt, zwar einfließt, aber nicht bleibt, wenn der Hörende nicht bei sich selbst darüber nachdenkt und seine Fragen stellt."

Hierauf wandten sich einige aus diesem an der eheliche Liebe interessierten Kreis an die Engel: "Wir haben nun gehört, daß der Ursprung der ehelichen Liebe himmlisch göttlicher Natur sei, weil diese Liebe auf einem Einfluß des Herrn in die menschlichen Seelen beruhe. Weil vom Herrn ausgehend, be­stehe sie aus Liebe, Weisheit und Nutzwirkung, jenen drei We­senselementen, die zusammen das eine göttliche Wesen aus­machen. Vom Herrn aber gehe nur das aus, was zu seinem göttlichen Wesen gehört und ins Innerste des Menschen, also seine Seele, einfließen kann. Beim Herabsteigen in den Leib würden jedoch jene drei in etwas Analoges und Entsprechen­des verwandelt. So fragen wir denn zuerst: Was ist unter dem dritten ausgehenden göttlichen Wesenselement, der soge­nannten Nutzwirkung, zu verstehen?"

Die Engel antworteten, Liebe und Weisheit ohne Nutz­wirkung seien nur abstrakte Ideen, die nach einiger Zeit, während der sie im Gemüt bewahrt werden, wie ein Wind ver­gehen. In der Nutzwirkung werden beide zusammengefaßt und erst so zu etwas, das man als real bezeichnen kann. Die Liebe kommt aber nicht zur Ruhe, wenn sie nicht wirkt, ist sie doch das eigentlich Aktive des Lebens. Die Weisheit kann je­doch nur entstehen und bestehen aus und zusammen mit der wirkenden Liebe. Und Wirken ist Nutzenschaffen. Wir defi­nieren daher Nutzwirkung als das Tun des Guten aus Liebe und durch Weisheit. Die Nutzwirkung aber ist das Gute selbst. Da nun diese drei, Liebe, Weisheit und Nutzwirkung in die Seelen der Menschen einfließen, kann man erkennen, warum es heißt, alles Gute komme von Gott. Alles nämlich, was aus Liebe durch Weisheit getan wird, heißt gut, und die Nutzwir­kung ist ja doch eine Tat. Was ist Liebe ohne Weisheit ande­res als etwas Albernes? Und Liebe zusammen mit Weisheit, doch ohne Nutzwirkung, wäre sie mehr als eine Inflation des Gemüts (flatum mentis)? Liebe und Weisheit, verbunden mit Nutzwirkung hingegen machen nicht nur den Menschen aus, sie sind auch der Mensch und   worüber ihr euch vielleicht wundern werdet — pflanzen ihn fort. Denn im Samen des Mannes liegt seine Seele in vollkommener menschlicher Form, eingehüllt in Substanzen aus den reinsten Teilen der Natur, aus denen dann im Mutterleib der Körper gebildet wird. Dies ist die höchste und letzte Nutzwirkung der göttlichen Liebe durch die göttliche Weisheit.

Schließlich sagten die Engel: "Laßt uns zusammenfas­sen: Jede Zeugung, Befruchtung und Fortpflanzung, hat ihren Ursprung in dem vom Herrn ausgehenden Einfluß der Liebe, Weisheit und Nutzwirkung, in dem unmittelbaren Einfluß vom Herrn in die Seelen der Menschen, im mittelbaren Ein­fluß in die Seelen der Tiere und im noch mittelbareren Einfluß ins Innerste der Pflanzen. All das geschieht vom Ersten her im Letzten. Es ist klar, daß alles, was mit Zeugung, Befruchtung und Fortpflanzung zu tun hat, die Schöpfung fort­setzt. Die Schöpfung aber kann keinen anderen Ursprung haben als die göttliche Liebe durch die göttliche Weisheit in der Nutzwirkung. Darum wird alles im Weltall aus der Nutz­wirkung, in der Nutzwirkung und zum Zweck der Nutzwir­kung hervorgebracht und gebildet."

Nun fragten die auf den Grasbänken Sitzenden die Engel: "Woher stammen die unzähligen und unaussprechlichen Wonnen der ehelichen Liebe?" Die Engel antworteten: "Sie stammen aus den Nutzwirkungen der Liebe und Weisheit. Man kann es aus folgendem ersehen: Inwieweit jemand weise sein möchte, um echte Nutzwirkungen vollbringen zu kön­nen, ist er auch in der Ader und Kraft der ehelichen Liebe, und inwieweit er beides besitzt zugleich in den Wonnen der eheli­chen Liebe. Das bewirkt die Nutzwirkung, weil Liebe und Weisheit sich aneinander erfreuen; sie spielen auch mitein­ander, fast wie Kinder. Und wenn sie heranwachsen, verbin­den sie sich aufs glücklichste, was ähnlich vor sich geht wie Verlobungen, Hochzeiten, Ehen und Fortpflanzungen, und es setzt sich in aller Mannigfaltigkeit ewig fort. Das also ge­schieht im Vollzug der Nutzwirkung zwischen Liebe und Weis­heit. Diese Wonnen sind jedoch anfänglich nicht wahrnehm­bar, werden es aber mehr und mehr, soweit sie stufenweise herabsteigen und in den Körper eingehen. Sie gelangen stu­fenweise von der Seele des Menschen ins Innere seines Gemüts und von dort in sein Äußeres, zunächst in die Brusthöhle und dann in den Zeugungsbereich. Diese himm­lischen Hochzeitsspiele in der Seele nimmt der Mensch frei­lich mit keiner Faser wahr, aber von dort aus sinken sie als Empfindungen des Friedens und der Unschuld herab ins In­nere des Gemüts. Von da steigen sie als Gefühle der Beseli­gung, des Glücks und der Annehmlichkeit weiter herab bis ins Äußere des Gemüts, um sich schließlich in der Brust als Wonnegefühle der innigsten Freundschaft und im Zeugungs­bereich — durch den beständigen seelischen Einfluß — als das eigentliche Gefühl der ehelichen Liebe, das heißt als Wonne der Wonnen, zu manifestieren. Die erwähnten hochzeitlichen Spiele zwischen Liebe und Weisheit, die beim Vollzug der Nutzwirkung in der Seele stattfinden, dauern an, wenn sie gegen das Innerste der Brust vordringen. Sie manifestieren sich dort fühlbar als unendliche Mannigfaltigkeit der Won­nen, und wegen der wunderbaren Gemeinschaft des Inneren der Brust mit dem Zeugungsbereich werden diese Wonnen dort zu den Wonnen der ehelichen Liebe, die alle Wonnen im Himmel und auf Erden übertreffen, weil die Nutzwirkung der ehelichen Liebe die vortrefflichste aller Nutzwirkungen ist. Denn sie bewirkt die Zeugung des menschlichen Geschlechts, und aus diesem geht der Engelhimmel hervor."

Die Engel fügten noch hinzu: "Menschen, die es nicht vom Herrn her lieben, weise zu sein, um Nutzen zu schaffen, wissen nichts von der Mannigfaltigkeit der unzähligen Wonnen der wahrhaft ehelichen Liebe. Bei den Menschen nämlich, die keine Lust haben, aus den echten Wahrheiten her­aus weise zu sein, sondern die im Gegenteil aus dem Falschen heraus töricht sein wollen und in ihrer Torheit aufgrund ir­gendeiner Leidenschaft böse Nutzwirkungen vollbringen, ist der Weg zur Seele versperrt. Daher werden bei ihnen die himmlisch hochzeitlichen Spiele zwischen Liebe und Weis­heit mehr und mehr gehemmt und kommen zum Erliegen, damit aber auch die eheliche Liebe samt ihrer Ader, Kraft und ihren Wonnen." Die Zuhörer meinten dazu, sie verstünden sehr wohl, daß sich nach dem Willen des Herrn die eheliche Liebe beim Menschen entsprechend seiner Liebe gestalte, um der Nutzwirkungen willen weise zu sein. Die Engel bestätigten das; da erschienen auf den Häuptern von einigen Blumen­kränze. Nach dem Grund befragt, antworteten die Engel, weil sie mit ihrem Verstand tiefer in diese Dinge eingedrungen seien. Danach verließen alle miteinander den Garten.

Die Veränderung des Lebenszustands bei Männern und Frauen durch die Ehe.

*184. Den Gebildeten und Philosophen ist bekannt, was unter Lebenszuständen bzw. deren Veränderungen zu ver­stehen ist, nicht aber den Ungebildeten und einfachen Men­schen. Der Lebenszustand des Menschen ist dessen Beschaf­fenheit, und das Leben jedes Menschen wird durch zwei Ver­mögen bestimmt, nämlich durch Verstand und Willen; somit ist der Lebenszustand des Menschen ebenso beschaffen wie sein Verstand und Wille. Damit ist klar, daß Veränderungen des Lebenszustands zugleich Veränderungen in der Beschaf­fenheit des Verstandes und des Willens bedeuten. Jeder Mensch wird bezüglich dieser beiden ständig verändert, aber, wie dieser Abschnitt zeigen wird, in unterschiedlicher Mannigfaltigkeit vor und nach der Ehe. Wir wollen dabei nach fol­gender Ordnung vorgehen:

  1. Der Lebenszustand des Menschen wird von Kindheit an bis zum Lebensende und danach in Ewigkeit beständig verändert.

  2. Dasselbe gilt für die innere Form, also die Form des Gei­stes.

  3. Diese Veränderungen sind bei Männern anders als bei Frauen, da die Männer von der Schöpfung her Formen des Wissens, der Einsicht und Weisheit sind, die Frauen aber Formen der Liebe zu alledem bei den Männern.

  4. Bei den Männern wird das Gemüt in ein höheres Licht, bei den Frauen in intensivere Wärme erhoben, und die Frau fühlt die Wonnen ihrer Wärme im Licht des Mannes.

  5. Die Lebenszustände bei Männern und Frauen sind vor der Ehe anders als nach der Ehe.

  6. Die Lebenszustände werden nach der Heirat bei den Ehegatten verändert und folgen aufeinander, je wie sich deren Gemüter durch die eheliche Liebe miteinander verbinden.

  7. Die Ehe bewirkt auch, daß die Seelen und Gemüter der Ehegatten andere Formen annehmen.

  8. Die Frau wird tatsächlich   wie die Beschreibung in der Schöpfungsgeschichte zeigt   zur Gattin des Mannes ge­bildet.

  9. Diese Bildung seitens der Frau geschieht auf geheime Weise, dadurch bezeichnet, daß das Weib geschaffen wurde, während der Mann schlief.

  10. Diese Bildung seitens der Frau geschieht durch die Verbindung ihres Willens mit dem inneren Willen des Man­nes.

  11. Das Endziel dabei ist, daß der Wille beider eins werde, damit beide Ein Mensch seien.

  12. Dies geschieht seitens der Gattin dadurch, daß sie sich die Neigungen des Gatten aneignet;

  13. ferner durch ihre Aufnahme der Fortpflanzungskeime aus der Seele des Gatten (per receptionem propagatio­num animae mariti), verbunden mit dem Wonnegefühl, das darin liegt, die Liebe zur Weisheit ihres Mannes zu sein.

  14. So wird die Jungfrau zur Ehefrau und der Jüngling zum Ehemann gebildet.

  15. Wenn in der Ehe eines Mannes mit einer Frau eine wahr­haft eheliche Liebe besteht, wird die Ehefrau immer mehr zur Ehefrau und der Ehemann zum Ehemann.

  16. Ihre Formen werden auf diese Weise auch von innen her nach und nach vervollkommnet und veredelt.

  17. Auf die Kinder von zwei in wahrhaft ehelicher Liebe ver­bundenen Menschen geht von ihren Eltern her das Ehe­liche des Guten und Wahren (Conjugiale boni et veri) über. Daraus eignen ihnen Neigungen und Vermögen: dem Sohn innezuwerden, was zur Weisheit gehört, der Tochter, die Weisheitslehren zu lieben.

  18. Dies beruht darauf, daß die Seele des Kindes vom Vater, die Umhüllung derselben von der Mutter ist.

Und nun die Entfaltung der einzelnen Punkte:

(1) Der Lebenszustand des Menschen wird von Kindheit an bis zum Lebensende und danach in Ewigkeit beständig verändert.

*185. Die allgemeinen Lebenszustände, die der Mensch durchläuft, sind Kindheit, Knaben  bzw. Mädchenalter, Jugend, Erwachsenen  und Greisenalter. Jeder Mensch, der lange genug lebt, geht nach und nach von einem in den anderen über, vom ersten bis zum letzten. Die Über­gänge zwischen diesen verschiedenen Lebensaltern treten nur infolge der dazwischen liegenden Zeiträume in Erscheinung. Vernünftigerweise sieht man ein, daß sie von einem Augen­blick zum anderen, also fortlaufend geschehen, geht es doch dem Menschen gleich wie einem Baum, der vom Samen an in jedem seiner noch so kleinen Teilchen stetig weiter wächst. Auch diese augenblicksartigen Fortschritte sind Zustands­veränderungen, weil das jeweils Folgende dem Vorhergehen­den etwas hinzufügt, das den Zustand vervollkommnet.

Die Veränderungen im Inneren des Menschen hängen in einer noch vollkommeneren Weise stetig zusammen wie die Veränderungen in seinem Äußeren. Das beruht darauf, daß das Innere des Menschen  also alles, was zu seinem Gemüt oder Geist gehört — über das Äußere erhaben ist und auf einer höheren Stufe steht. Auf der höheren Stufe geschieht jedoch im selben Augenblick, wo im Äußeren nur ein einzi­ges vor sich geht, Tausenderlei. Die Zustandsveränderungen im Inneren betreffen die Neigungen des Willens und der Gedanken des Verstandes. Diese aufeinanderfolgenden Zustandsveränderungen der einen und anderen Art sind es, auf die unser Hauptsatz vor allem abzielt. Die Zustandsverände­rungen jener beiden Leben oder Anlagen des Menschen erfol­gen aber darum von Kindheit an bis zum Lebensende und hernach in Ewigkeit, weil es kein Ende des Wissens, ge­schweige denn der Einsicht oder gar der Weisheit gibt; denn ihr Ursprung liegt im Unendlichen und Ewigen. Daher stammt der philosophische Satz der Alten, wonach alles bis ins Un­endliche teilbar sei. Dem ist noch beizufügen, daß auch alles bis ins Unendliche vervielfältigt werden kann. Die Engel be­haupten, sie würden vom Herrn in Ewigkeit fort an Weisheit vervollkommnet werden. Das bedeutet aber zugleich ins Un­endliche, denn das Ewige ist das Unendliche der Zeit.

(2) Dasselbe gilt für die innere Form, also die Form des Geistes.

*186. Diese wird ebenso beständig verändert wie der Lebenszustand des Menschen, denn es gibt nichts ohne Form und den Zustand, der sie verursacht. Daher läuft es auf dasselbe hinaus, ob man nun von der Veränderung des Lebens­zustands oder der Veränderung der Form des Menschen spricht. Alle Neigungen und Gedanken des Menschen bestehen in Formen und daher aus Formen; denn die Formen sind ihre Träger. Wären die Neigungen und Gedanken nicht in Trägern, die bestimmte Formen aufweisen, so könnten sie sich ebenso gut in Schädeln ohne Gehirn befinden. Das wäre dann etwa so, wie Sehen ohne Auge, Hören ohne Ohr und Schmecken ohne Zunge. Aber bekanntlich haben diese Sinne ihre Träger oder Formen. Es ist aber eine Wahrheit, die von den alten Weisen an bis heute gelehrt wird, daß es nicht zwei gleiche, geschweige denn mehrere absolut identische Dinge gibt, z.B. völlig gleiche menschliche Gesichter. Der Lebenszustand und mithin die Form beim Menschen wird also beständig verändert. Ebenso verhält es sich auch beim Aufeinanderfolgenden: Es gibt keinen folgenden Lebenszustand, der mit einem vergangenen iden­tisch wäre. Also findet beim Menschen eine fortlaufende Veränderung seines Lebenszustands, mithin auch seiner Form statt; das gilt besonders für sein Inneres. [Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluß steigen.]

Diese Überlegungen sagen nichts über die Ehen aus, son­dern bereiten nur den Weg für entsprechende Erkenntnisse. Zudem handelt es sich um philosophische Untersuchungen des Verstandes, die für manche schwer verständlich sind. Darum wollen wir es bei diesem Wenigen bewenden lassen.

(3) Diese Veränderungen sind bei Männern anders als bei Frauen, da die Männer von der Schöpfung her For­men des Wissens, der Einsicht und Weisheit sind, die Frauen aber Formen der Liebe zu alledem bei den Männern.

*187. Oben in #90 wurde dargelegt, daß Männer als Formen des Verstan­des und Frauen als Formen der Liebe zum Verstand der Män­ner geschaffen wurden. Daher haben die Zustandsverände­rungen, die bei Mann und Frau vom kindlichen bis zum reifen Alter aufeinander folgen, den Zweck, diese Formen zu vervoll­kommnen: die Verstandesform bei den Männern und die Willensform bei den Frauen; die Veränderungen bei Männern und Frauen müssen darum verschieden sein. Bei beiden än­dert sich jedoch die äußere, also die körperliche Form, im Ein­klang mit der inneren Form, dem Gemüt, und wird vervollkommnet. Das Gemüt wirkt ja auf den Körper, und nicht um­gekehrt. Darin liegt auch der Grund, weshalb Kinder im Himmel im Zusammenhang mit ihrer wachsenden Einsicht zu großen und schönen Menschen heranwachsen. Bei den ir­dischen Kindern ist das anders, weil sie wie die Tiere mit einem materiellen Körper bekleidet sind. Sie stimmen jedoch darin mit den himmlischen überein, daß sie zuerst in der Nei­gung zu dem wachsen, was ihre körperlichen Sinne reizt, später allmählich auch in dem, was ihre inneren Gedanken anregt und schließlich nach und nach auch in dem, was den Willen mit Streben erfüllt (imbuunt affectione). Wenn dann das Alter zwischen Unreife und Reife erreicht ist, kommt die eheliche Neigung hinzu, die der Jungfrau zum Jüngling und des Jüng­lings zur Jungfrau. Und weil die Jungfrauen in den Himmeln ebenso wie auf Erden ihre Neigung zur Ehe verbergen, so wis­sen auch dort die Jünglinge nur, daß sie selbst die Liebe in den Jungfrauen erregen. Das erscheint ihnen so aufgrund ihres männlichen Dranges. Doch selbst diesen haben sie durch den Einfluß der Liebe seitens des schönen Geschlechts. Von diesem Einfluß wird noch ausführlich gesprochen wer­den. Aus all dem läßt sich die Wahrheit des Satzes erkennen, daß die Zustandsveränderungen bei Männern und Frauen verschieden sind, weil die Männer von der Schöpfung her For­men von Wissen, Einsicht und Weisheit, die Frauen aber For­men der Liebe zu alledem bei den Männern sind.

(4) Bei den Männern wird das Gemüt in ein höhe­res Licht, bei den Frauen in eine intensivere Wärme erhoben, und die Frau fühlt die Wonnen ihrer Wärme im Licht des Mannes.

*188. Das Licht, in das die Männer erhoben werden, ist Einsicht und Weisheit, weil das geistige Licht aus der Sonne der geistigen Welt, deren Wesen Liebe ist, mit Einsicht und Weisheit iden­tisch ist. Die Wärme, in welche die Frauen erhoben werden, ist die eheliche Liebe, weil die geistige Wärme, die aus der Sonne jener Welt hervorgeht, ihrem Wesen nach Liebe ist. Bei den Frauen aber verbindet sich diese Liebe mit der Einsicht und Weisheit der Männer. Sie wird in ihrem Inbegriff als eheliche Liebe bezeichnet und wird durch Abgrenzung (et per determi­nationem fit ille amor) zu dieser Liebe. Es heißt, sie sei eine Er­hebung in helleres Licht und höhere Wärme, weil sie ins Licht und in die Wärme der Engel in den oberen Himmeln erfolgt. Sie ist in der Tat eine Erhebung, wie vom Nebel in klare Luft und aus deren unteren Schichten in immer höhere und schließ­lich bis in den Äther. Bei den Männern besteht die Erhebung in helleres Licht zunächst darin, daß sie höhere Einsicht und dann Weisheit erlangen, bei der es wiederum immer weitere Steigerungen gibt. Bei den Frauen hingegen besteht die Erhe­bung in höhere Wärme darin, daß sie eine immer keuschere und reinere eheliche Liebe erlangen, bis hin zum Ehelichen, das von der Schöpfung her im Innersten verborgen liegt. An sich handelt es sich bei diesen Erhebungen um das Erschließen des Gemüts. Das menschliche Gemüt ist nämlich in Bereiche eingeteilt, vergleichbar der Welt mit ihren verschiedenen At­mosphären, von denen die unterste das Wasser, die höhere die Luft und die noch höhere der Äther ist, über dem es noch höhere Atmosphären gibt. In ähnliche Bereiche wird das Gemüt bei seiner Erschließung erhoben, bei Männern durch die Weisheit, bei den Frauen durch die wahrhaft eheliche Liebe.

*189. Es heißt, die Frau empfände die Wonnen ihrer Wärme im Licht des Mannes. Das ist so zu verstehen, daß sie die Wonnen ihrer Liebe durch die Weisheit des Mannes emp­findet, weil diese das Aufnahmegefäß ist. Wo aber die Liebe diese Weisheit als sich entsprechend antrifft, ist sie in ihren Freuden und Wonnen. Doch hat man das nicht so zu verste­hen, als ob die Wärme sich mit ihrem Licht außerhalb der Formen erfreue; es geschieht vielmehr innerhalb derselben. Und die geistige Wärme erfreut sich am geistigen Licht in die­sen Formen um so mehr, als diese durch die ihnen innewoh­nende Weisheit und Liebe Lebensformen und damit aufnah­mebereit sind. Man kann das einigermaßen verdeutlichen am sogenannten Spiel von Wärme und Licht in den Pflanzen. Außerhalb von ihnen besteht nur eine einfache Verbindung von Wärme und Licht, innerhalb aber gleicht ihre Verbindung einem Spiel, weil sie sich hier in Formen oder Aufnahmegefäßen befinden, die sie in wunderbaren, mäanderartigen Krümmungen durchlaufen. In deren Innerstem atmen sie gleichsam ihrem Ziel, den Nutzwirkungen der Frucht entge­gen und hauchen ihre duftenden Reize weit und breit hin­aus in die Luft. Noch weit lebhafter ergötzen sich geistige Wärme und geistiges Licht miteinander in den menschlichen Formen, in denen die Wärme die eheliche Liebe und das Licht die Weisheit ist.

(5) Die Lebenszustände bei Männern und Frauen sind vor der Ehe anders als danach.

*190. Vor der Ehe finden sich bei beiden Geschlechtern zwei verschiedene Zustände, einer vor der Entstehung der Neigung zur Ehe und ein anderer da­nach. Die Veränderungen beider Zustände und die Bildung der Gemüter infolge dieser Veränderungen gehen der Ord­nung nach vor sich, das heißt der eine folgt auf den anderen, ihrem steten Wachstum gemäß. Es ist hier jedoch nicht der Ort, diese Veränderungen zu beschreiben, sind sie doch individuell wechselnd und verschieden. Eben diese Neigungen zur Ehe bestehen, bevor sie vollzogen werden, nur in der Phantasie, werden aber immer mehr fühlbar im Körper. Nach der Eheschließung sind sie Zustände der Verbindung und Zeugung. Offenkundig unterscheiden sie sich dabei von den früheren wie die Verwirklichung von der Absicht.

(6) Die Lebenszustände werden nach der Heirat beiden Ehegatten verändert und folgen aufeinander, je wie sich deren Gemüter durch die eheliche Liebe miteinander ver­binden.

*191. Die Zustandsveränderungen nach der Heirat und deren Entfaltung verhalten sich bei beiden Ehegatten je nach ihrer ehelichen Liebe, zielen also entweder auf Verbindung oder Trennung; denn die eheliche Liebe ist nicht nur verän­derlich, sondern bei beiden Gatten auch verschieden. Bei Gat­ten, die einander innerlich lieben, ist sie zwar auch veränder­lich, ja erfährt sogar zuweilen Unterbrechungen, ihre Wärme bleibt dabei doch innerlich unangetastet. Verschieden davon ist die Liebe aber bei Gatten, die einander nur äußerlich lie­ben. Bei ihnen wird sie ebenfalls zuweilen unterbrochen, aber aus anderen Gründen, weil nämlich Kälte und Wärme bei ihnen abwechseln. Der Grund für diesen Unterschied beruht darauf, daß bei diesen Gatten der Körper die erste Rolle spielt, seine Brunst ringsum verbreitet und die unteren Gemütsbe­reiche einnimmt. Lieben sich die Eheleute hingegen inner­lich, fällt dem Gemüt die erste Rolle zu und es bezieht den Körper ein. Zwar sieht es so aus, als ob die Liebe vom Körper in die Seele aufsteige, doch nur, weil sie ins Gemüt gelangt, sobald der Körper die Reize mit den Augen wie durch Türen auf­nimmt. Das Sehen bildet also eine Art Vorhof, durch den die Liebe in die Gedanken und von da in die Seele dringt. Gleich­wohl steigt sie von dort herab und wirkt auf die unteren Berei­che je nach deren Verfassung ein. Daher handelt ein geiles Gemüt geil und ein keusches keusch. Das keusche Gemüt be­herrscht den Körper, das geile wird vom Körper beherrscht.

(7) Die Ehe bewirkt auch, daß die Seelen und Gemüter der Ehegatten andere Formen annehmen.

*192. Das läßt sich in der natürlichen Welt nicht wahrnehmen, weil Seelen und Gemüter hier vom materiellen Körper umhüllt sind, durch den das Gemüt nur selten hindurchscheint. Zudem ler­nen die Menschen dieses Zeitalters mehr als die Menschen des Altertums schon von Kindesbeinen an ihre Gesichtszüge zu verstellen, die Neigungen ihres Gemüts tief zu verbergen. Aus diesem Grund sind die Formen der Seelen und Gemüter vor und nach der Heirat nicht zu unterscheiden. In der geistigen Welt aber zeigt sich deutlich, daß sie verschieden sind. Denn dort sind die Betreffenden Geister und Engel nichts an­deres als Gemüter und Seelen in menschlicher Gestalt, jedoch entblößt von ihren Hüllen, die aus den Elementen im Wasser und in der Erde und den von daher in die Luft zerstreuten Aus­dünstungen gebildet waren. Sobald diese abgestoßen sind, zeigen sich die Gestalten der Gemüter so, wie sie inwendig in ihren Körpern beschaffen waren. Dann sieht man deutlich, daß sie bei Menschen, die in der Ehe leben, anders sind als bei den Unverheirateten. Im allgemeinen hat das Antlitz der Ehegatten eine inwendigere Schönheit, nimmt doch der Mann von der Frau die schöne Röte ihrer Liebe an und die Frau den glänzenden Schimmer seiner Weisheit; denn beide Gatten sind dort ihren Seelen nach vereinigt, zudem erscheint in ihnen beiden das Menschliche in seiner Fülle.

So ist es nur im Himmel, weil es woanders keine Ehen gibt. Unterhalb des Himmels gibt es nur Verbindungen, die der Begattung dienen (infra coelum autum sunt modo con­nubia) und die geknüpft und wieder gelöst werden.

(8) Die Frau wird tatsächlich — wie die Beschrei­bung in der Schöpfungsgeschichte zeigt — zur Gattin des Mannes gebildet.

*193. In der Genesis heißt es, das Weib sei aus der Rippe des Mannes geschaffen worden, und der Mann habe, als sie ihm zugeführt wurde, ausgerufen:

"Das ist Bein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleisch, darum soll sie Männin [Ischah] heißen, weil sie vom Manne [Isch] genommen ist." (2, 22 24).

Die Rippe der Brust bezeichnet im geistigen Sinne des Wortes nichts anderes als das natürliche Wahre; das gilt auch für die Rippen, die nach Dan 7, 5 ein Bär zwischen den Zähnen trug. Bären bezeichnen nämlich Menschen, die das Wort nur seinem natürlichen Sinne nach lesen, ohne Verständnis für die darin enthaltenen Wahrheiten. Die Brust des Mannes bezeich­net jenes Wesentliche und Eigentümliche, durch das es sich von der Brust des Weibes unterscheidet, und das ist, wie man oben in #187 lesen kann, die Weisheit. Das Wahre stützt näm­lich die Weisheit ähnlich wie die Rippe die Brust. Die Brust umschließt ja alles, was den Menschen ausmacht, weil sie in seinem Mittelpunkt liegt. Damit steht fest, daß die Frau aus dem Mann geschaffen wurde durch Übertragung der ihm ei­genen Weisheit, d.h. aus dem natürlich Wahren. Ferner wurde die Liebe zu dieser Weisheit vom Manne in die Frau übertra­gen, damit daraus die eheliche Liebe entstehen könne. Der Sinn dieser Übertragung liegt darin, daß im Manne nicht die Liebe zu sich selbst, sondern zu seiner Gattin die Oberhand habe. Die Gattin aber kann ihrer angeborenen Anlage zufolge nicht anders handeln, als die Selbstliebe des Mannes in Liebe zu sich umzuwandeln. Auch habe ich gehört, daß dies aus der Liebe der Frau geschieht, ohne Wissen des Mannes und eben­falls ohne Wissen der Frau. Daher kann auch niemand seine Gattin im Sinn wahrhaft ehelicher Liebe lieben, wenn er aus Eigenliebe im Dünkel eigener Einsicht verharrt.

Hat man einmal dieses Geheimnis der Erschaffung des Weibes aus dem Manne verstanden, erkennt man, daß die Frau auch in der Ehe gleichsam aus dem Manne geschaffen oder gebildet wird, daß dies jedoch von seiten der Gattin, bes­ser: von seiten des Herrn durch die Gattin geschieht. Denn es ist der Herr, der den Frauen die Neigung dazu einflößt. Die Gattin nimmt nämlich das Bild des Mannes dadurch in sich auf, daß sie sich seine Neigungen aneignet (vgl. oben #183) und den inneren Willen des Mannes mit ihrem eigenen verbindet, wovon in der Folge die Rede sein wird. Es geschieht aber auch dadurch, daß sie sich die Fortpflanzungskeime sei­ner Seele aneignet; davon ebenfalls in der Folge mehr. Es ist also offenkundig, daß nach der in einem tieferen Sinne ver­standenen Beschreibung im Buch der Schöpfung die Frau durch das zur Ehefrau gebildet wird, was sie dem Ehemann und seiner Brustregion entnimmt, um es sich einzuverleiben.

(9) Diese Bildung seitens der Frau geschieht auf geheime Weise, dadurch bezeichnet, daß das Weib geschaf­fen wurde, während der Mann schlief.

*194. Man liest in der Schöpfungsgeschichte:

"Jehovah Gott ließ einen tiefen Schlaf auf Adam fallen, so daß er einschlief, und dann nahm er eine von seinen Rippen und baute sie zu einem Weibe (2, 21 f).

Der tiefe Schlaf, in den der Mann versenkt wurde, bezeichnet seine gänzliche Unwissenheit darüber, daß ihm etwas genom­men wird, woraus das Weib gebildet und gleichsam geschaf­fen wird. Das wird offenkundig aus dem, was im vorigen wie auch im gegenwärtigen Kapitel in bezug auf die den Ehefrauen eingepflanzte Klugheit und Umsicht ausgeführt wird, die sie veranlaßt, nichts von ihrer Liebe verlauten zu lassen; das gilt ebenso von ihrer Aufnahme der Lebensneigungen des Man­nes, somit von der Übertragung seiner Weisheit in sie selbst. Aus dem oben in #166 168 Dargelegten wird klar, daß das sei­tens der Ehefrau geschieht, ohne Wissen des Ehemannes, gleichsam während er schläft, also auf geheime Weise. An den angegebenen Stellen wurde auch gezeigt, daß den Frauen von der Schöpfung, also von Geburt an, die Klugheit dazu einge­pflanzt ist und dies einer Notwendigkeit entspricht, weil so eheliche Liebe, Freundschaft und Vertrauen zwischen den Ehe­leuten gefestigt wird, und damit die Seligkeit ihres Zusam­menlebens, mithin ihr Lebensglück. Damit das aber in ge­bührender Weise geschehen kann, soll der Mann Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen (1 Mose 2, 24; Mat 19, 4 f). Vater und Mutter, die der Mann verlassen soll, be­zeichnen im geistigen Sinn das Eigene seines Willens und das Eigene seines Verstandes, das er aufgeben soll. Das Eigene des Willens besteht darin, sich selbst, seinen eigenen Verstand, seine eigene Weisheit zu lieben. Seinem Weibe anhangen heißt, sich der Liebe zur Gattin hinzugeben. Oben in #193, wie auch an anderen Stellen, kann man nachlesen, daß dieses zweifache Eigene für den Mann todbringend ist, wenn es bei ihm bleibt, daß es sich aber in die eheliche Liebe verwandelt, je wie er sei­ner Gattin anhängt, d.h. ihre Liebe aufnimmt. Schlafen aber heißt, in Unwissenheit und Sorglosigkeit sein; Vater und Mut­ter bezeichnen das doppelte Eigene des Menschen, nämlich seinen Eigenwillen und den eigenen Verstandesdünkel; je­mandem anhangen bedeutet, sich der Liebe zu ihm ergeben. Das alles läßt sich durch Stellen aus dem Wort hinlänglich be­legen, doch ist hier nicht der Ort dazu.

(10) Diese Bildung seitens der Frau geschieht durch die Verbindung ihres Willens mit dem inneren Willen des Mannes.

*195. Oben in #163 165 wurde gezeigt, daß der Mann eine vernünftige und eine sittliche Weisheit besitzt und sich die Gattin mit dem verbindet, was beim Manne zur sittlichen Weisheit gehört. Die Vernunftweisheit bildet den Verstand des Mannes, was zu seiner sittlichen Weisheit gehört, seinen Wil­len. Die Gattin aber verbindet sich mit dem, was den Willen des Mannes darstellt. Es läuft aufs selbe hinaus, ob man sagt, die Gattin verbinde sich, oder sie verbinde ihren Willen mit dem des Mannes, weil die Gattin als wollendes Wesen gebo­ren wird (quia uxor nata est voluntaria) und daher alles, was sie tut, aus dem Willen tut. Wenn es heißt, sie verbinde sich mit dem inneren Willen des Mannes, so darum, weil der Wille des Mannes seinen Sitz im Verstand hat und das Verständige des Mannes das Innerste der Frau ist, wie im Abschnitt #32 und später noch mehrfach über die Bildung des Weibes vom Mann ausgeführt wurde. Die Männer haben auch einen äußeren Willen, der aber oft der Heuchelei und Verstellung entspringt. Die Gattin durchschaut das und tut nur so, als verbinde sie sich mit dieser Art von Willen bzw. tut es zum Scherz.

(11) Das Endziel dabei ist, daß der Wille beider eines werde, damit beide Ein Mensch seien.

*196. Wenn man den Wil­len eines Menschen mit sich verbindet, so verbindet man zu­gleich dessen Verstand mit sich, ist doch dieser an sich nur der Diener und Gehilfe des Willens. Das zeigt sich deutlich an der Neigung der Liebe, den Verstand so zu lenken, daß er nach ihrem Wink denkt. Jede Neigung der Liebe ist eine Eigenschaft des Willens, denn was der Mensch liebt, das will er auch. Damit ist klar, daß jemand, der den Willen eines Menschen mit sich verbindet, den ganzen Menschen mit sich verbindet. Darin liegt der Grund, weshalb der Liebe der Frau eingebo­ren ist, ihren eigenen Willen mit dem des Mannes zu vereini­gen. Auf diese Weise wird sie zur Gattin des Mannes und der Mann zu ihrem Gatten und beide werden Ein Mensch.

(12) Dies geschieht seitens der Gattin dadurch, daß sie sich die Neigungen des Gatten aneignet.

*197. Es ist das gleiche wie in den beiden vorhergehenden Abschnitten, weil die Nei­gungen dem Willen angehören. Sie sind lediglich Ableitungen der Liebe, bilden den Willen, setzen ihn zusammen und stellen ihn dar. Neigungen sind aber bei den Männern Verstandesan­gelegenheiten, bei den Frauen hingegen Willenssache.

(13) Diese Bildung seitens der Gattin geschieht fer­ner durch die Aufnahme der Fortpflanzungskeime aus der Seele des Gatten, verbunden mit dem Wonnegefühl, das darin liegt, die Liebe zur Weisheit ihres Mannes zu sein.

*198. Dies stimmt überein mit dem, was oben in #172 f. darlegt wurde, weshalb wir hier nicht weiter darauf eingehen müssen. Die ehelichen Wonnen bei den Frauen haben nur diesen einen Ursprung, daß sie sich mit ihren Ehemännern in eins verbinden wollen, wie in der geistigen Ehe das Gute eins ist mit dem Wahren. Oben in #83 ist ausführlich dargelegt worden, daß aus dieser geistigen Ehe die eheliche Liebe herabsteigt. Das ergibt ein Bild davon, wie sich die Frau mit dem Manne verbindet, so wie das Gute mit dem Wah­ren, und daß der Mann in Wechselwirkung dazu sich seinerseits wieder mit der Frau verbindet. Das geschieht entsprechend der Aufnahme ihrer Liebe in sich, so wie das Wahre sich entspre­chend seiner Aufnahme des Guten rückwirkend mit dem Guten verbindet. Auf diese Weise bildet sich die Liebe der Gattin durch die Weisheit des Mannes, geradeso wie sich das Gute durch das Wahre bildet, da es die Form des Guten ist. Aus allem geht auch hervor, daß die ehelichen Wonnen der Frau hauptsächlich dar­auf beruhen, eins sein zu wollen mit dem Gatten, folglich daß sie die Liebe zu seiner Weisheit sein will. Dann nämlich fühlt sie die Wonne ihrer Wärme im Licht des Mannes, wie oben im vier­ten Abschnitt in #188 dargelegt wurde.

(14) Wie die Jungfrau zur Ehefrau und der Jüng­ling zum Ehemann gebildet wird,

*199. folgt aus dem Vorherge­henden im gegenwärtigen Kapitel wie aus dem, was weiter oben über die Verbindung der beiden Gatten in ein "Fleisch" gezeigt wurde. Die Jungfrau wird aber zur Gattin oder ist dazu geworden, weil ihr etwas aus dem Manne Genomme­nes hinzugefügt wurde, das sie als Jungfrau nicht besaß. Der Jüngling wird zum Gatten, weil in ihm etwas von der Gat­tin Entnommenes ist, nämlich eine erhöhte Empfänglich­keit für die Liebe und Weisheit, die er als Jüngling noch nicht hatte. Das gilt jedoch nur für die Gatten, die in wahrhaft ehe­licher Liebe leben. Im vorhergehenden Kapitel kann man in #178 nachlesen, daß das bei allen der Fall ist, die sich als einen vereinigten Menschen und als Ein Fleisch fühlen. Damit ist klar, wie das Jungfräuliche bei den Frauen ins Frauliche und das Jünglinghafte bei den Männern ins ehe­lich Männliche verwandelt wird. Ich bin darin durch fol­gende Erfahrung in der geistigen Welt bestärkt worden: Ei­nige Männer behaupteten, die Verbindung mit einer Frau vor und nach der Eheschließung sei gleicher Art. Als die Frauen das hörten, wurden sie sehr unwillig und sagten: "Es besteht tatsächlich keine Ähnlichkeit, sondern ein Unter­schied wie zwischen unwirklich und wirklich." Darauf erwiderten die Männer: "Seid ihr nicht Weiber wie zuvor?" Die Frauen antworteten mit erhobener Stimme: "Wir sind keine Weiber, wir sind Ehefrauen. Eure Liebe aber ist keine echte, sondern eine törichte Liebe, darum schwatzt ihr so dumm daher!" Hierzu bemerkten die Männer: "Wenn ihr keine Weiber seid, so seid ihr doch immerhin Weibsperso­nen (si non feminae, attamen mulieres)." Darauf bemerk­ten die Frauen: "In den ersten Tagen der Ehe waren wir das, jetzt aber sind wir Ehefrauen."

(15) Wenn in der Ehe eines Mannes mit einer Frau eine wahrhaft eheliche Liebe besteht, wird die Ehefrau immer mehr zur Ehefrau und der Ehemann immer mehr zum Ehemann.

*200. Oben in #178 f. kann man nachlesen, daß die wahrhaft eheliche Liebe die zwei immer mehr zu Einem Menschen verbindet. Und weil die Frau durch ihre Verbindung mit dem Ehemann zur Ehe­frau wird und der Mann zum Ehemann durch die Verbindung mit seiner Ehefrau, weil zudem die wahrhaft eheliche Liebe in Ewigkeit fortdauert, so folgt, daß die Frau immer mehr zur Ehe­frau und der Mann immer mehr zum Ehemann wird. Die ei­gentliche Ursache liegt darin, daß in der auf wahrer ehelicher Liebe beruhenden Ehe beide immer mehr zu innerlichen Men­schen werden. Diese Liebe schließt nämlich die inneren Berei­che ihrer Gemüter auf, und in dem Maß, wie das geschieht, wird der Mensch mehr und mehr zum Menschen. Das heißt aber, daß die Ehefrau immer mehr zur Ehefrau und der Ehemann immer mehr zum Ehemann wird. Von den Engeln hörte ich, daß die Ehefrau im selben Maße mehr zur Ehefrau werde, wie der Ehemann zum Ehemann wird, nicht aber umgekehrt. Denn selten, wenn überhaupt, liebt eine keusche Ehegattin ihren Mann nicht. Wohl aber kommt es vor, daß keine Gegenliebe von seiten des Mannes vorhanden ist, und zwar dann, wenn es bei ihm an der Erhebung der Weisheit mangelt, die allein die Liebe der Gattin aufnimmt. Über diese Weisheit lese man nach in #130 und 163 165. Dies gelte aber nur für die irdischen Ehen.

(16) Ihre [der Ehegatten] Formen werden auf diese Weise von innen her nach und nach vervollkommnet und veredelt.

*201. Die vollkommenste und edelste menschliche Form ergibt sich, wenn zwei Formen durch die Ehe zu einer Form werden: Wenn, wie es in der Schöpfungsgeschichte heißt, aus zweierlei Fleisch Ein Fleisch wird. Oben in #188 f. wurde ge­zeigt, daß dann das Gemüt des Mannes in höheres Licht und das der Frau in intensivere Wärme erhoben wird, worauf sie anfangen zu treiben, zu blühen und Frucht zu bringen, wie zur Frühlingszeit. Im folgenden Abschnitt wird man sehen, daß die Veredelung dieser Form edle Früchte entstehen läßt, geistige im Himmel und natürliche auf Erden.

(17) Auf die Kinder von zwei in wahrhaft eheli­cher Liebe verbundenen Menschen gehen von ihren Eltern her das Eheliche des Guten und Wahren (Conjugiale boni et veri) über.

Von daher eignen ihnen Neigungen und Vermö­gen: dem Sohn innezuwerden, was zur Weisheit gehört, der Tochter, die Weisheitlehren zu lieben.

*202. Kinder erben von den Eltern die Anlagen zu dem, was zu deren Liebe und Leben gehört, wie im allgemeinen aus der Geschichte und aus per­sönlicher Erfahrung bekannt ist. Sie bekommen oder ererben aber von den Eltern nicht die Neigungen selbst, folglich auch nicht die damit verbundene Lebensweise, sondern lediglich die Anlagen und Fähigkeiten dazu. Dies wurde von den Wei­sen in der geistigen Welt in den beiden oben angeführten Denkwürdigkeiten nachgewiesen. Die Nachkommen geraten aber aufgrund ihrer angeborenen Anlagen — vorausgesetzt, daß diese nicht geschwächt (si non franguntur) werden — auch in ähnliche Neigungen, Gedanken, Ausdrucks  und Lebens­weisen wie ihre Eltern. Das zeigt sich deutlich am jüdischen Volke, das noch heute eine Ähnlichkeit mit seinen Vorfahren in Ägypten, in der Wüste, im Lande Kanaan und zur Zeit des Herrn bewahrt, so daß es ihnen nicht nur seelisch, sondern auch physiognomisch ähnlich ist. Wer erkennt nicht schon am Aussehen den Juden? Dasselbe gilt für andere Nachkom­menschaften, woraus man sicher nicht zur Unrecht folgern kann, daß die Anlagen zur Ähnlichkeit mit den Eltern ange­boren werden. Die göttliche Vorsehung sorgt aber dafür, daß sich nicht die Gedanken und Handlungen selbst vererben (sed ne ipsa cogitata et acta sequantur), damit die schlechten An­lagen verbessert werden können. Ebenfalls eingepflanzt wird die Fähigkeit dazu, die eine Verbesserung der Sitten durch El­tern und Lehrer ermöglicht und später, wenn der Mensch sein eigener Herr geworden ist, auch durch ihn selbst bewirkt wer­den kann.

*203. Kinder haben, wie gesagt, von den Eltern her das Eheliche des Guten und Wahren in sich, weil es von der Schöp­fung in die Seele eines jeden Menschen gelegt ist. Dies Eheli­che macht sein menschliches Leben aus und fließt vom Herrn in den Menschen ein. Doch dieses Eheliche steigt von der Seele aus in die folgenden Regionen bis hin ins Körperliche herab und wird auf diesem Weg auf verschiedene Weise ver­ändert, zuweilen sogar in sein Gegenteil, das man dann als Ehe oder Paarung des Bösen bezeichnen kann. Wenn das ge­schieht, wird das Gemüt von unten gegen oben hin verschlossen und zuweilen wie eine Spiralfeder in umgekehrte Richtung verdreht. Bei einigen Menschen wird freilich das Gemüt nicht völlig verschlossen, sondern bleibt halb geöff­net und bei anderen sogar ganz. Das eine wie das andere ist jenes Eheliche, durch das sich die Anlagen der Eltern auf die Kinder vererben — anders auf den Sohn als auf die Tochter. Diese Vererbung geht aus dem Ehelichen hervor, weil die ehe­liche Liebe die fundamentalste aller Liebesarten ist, wie oben #65 nachgewiesen wurde.

*204. Kinder, deren Eltern miteinander in wahrer eheli­cher Liebe leben, erben deren Anlagen und Fähigkeiten, und zwar der Sohn, daß er inne wird, was zur Weisheit gehört, die Tochter, daß sie liebt, was die Weisheit lehrt. Denn das Eheli­che des Guten und Wahren ist von der Schöpfung her jeder Seele eingepflanzt, auch den Bereichen, die sich weiter nach unten beim Menschen anschließen. Wie früher gezeigt wurde, erfüllt dieses Eheliche das ganze Weltall vom Ersten bis zum Letzten, vom Menschen bis zum Wurm. Und ebenfalls ist be­reits oben gezeigt worden, daß jedem Menschen von der Schöpfung her die Fähigkeit eingepflanzt ist, die unteren Gemütsbereiche aufzuschließen, bis hin zu ihrer Verbindung mit den oberen, die in Licht und Wärme des Himmels sind. Damit wird offenbar, daß die Fähigkeit und Leichtigkeit, das Gute mit dem Wahren und das Wahre mit dem Guten zu ver­binden — also weise zu werden — Kindern aus einer solchen Ehe vor anderen angeboren ist, folglich auch die Möglichkeit, Dinge der Kirche und des Himmels in sich aufzunehmen.

Oben wurde schon mehrfach gezeigt, daß mit diesen die eheliche Liebe verbunden ist. Damit wird für die Vernunft der Endzweck deutlich, weshalb der Herr und Schöpfer die Ehen, die auf wahrer ehelicher Liebe beruhen, vorgesehen hat und auch weiterhin vorsieht.

*205. Von Engeln hörte ich, daß die Menschen der älte­sten Zeiten in den Himmeln auch heute noch wie zu ihrer Zeit auf Erden leben, Haus für Haus, Familie für Familie und Sippe für Sippe. Der Grund sei, daß bei ihnen die wahrhaft eheliche Liebe herrschte, und von daher hätten die Kinder die Anlage zum Ehelichen des Guten und Wahren geerbt. Von den Eltern seien sie durch die Erziehung mühelos immer weiter ange­leitet und als Erwachsene — zu eigenem Urteil befähigt — wie von selbst durch den Herrn darin eingeführt worden.

(18) Dies beruht darauf, daß die Seele des Kin­des vom Vater, die Umhüllung derselben von der Mutter ist.

*206. Von keinem Philosophen wird bezweifelt, daß die Seele vom Vater stammt. Man sieht es deutlich an den in gerader Linie von ihren Stammvätern abstammenden Nachfahren, ihrer seelischen Beschaffenheit und Physiognomie, die ja das Ab­bild der Seele ist. Der Vater kehrt — wo nicht in den Söhnen, so doch in den Enkeln und Urenkeln — gleichsam wie im Bilde wieder. Das beruht darauf, daß die Seele das Innerste des Men­schen ist. Es kann zwar bei den nächsten Nachkommen verhüllt sein, kommt aber dann doch wieder zum Vorschein und offenbart sich bei den darauffolgenden Geschlechtern. Die Tatsache, daß die Seele vom Vater, die Umhüllung von der Mutter stammt, läßt sich durch Analoges im Pflanzenreich veranschaulichen. Bei den Pflanzen ist die Erde bzw. der Boden die gemeinsame Mutter. Sie nimmt den Samen wie im Mutterschoß in sich auf und bekleidet ihn, ja sie empfängt, trägt, gebiert und erzieht ihn gleichsam wie die Mutter ihre Kinder vom Vater.

Dem möchte ich zwei denkwürdige Erlebnisse hinzufügen.

*207. Das erste: Einige Zeit später blickte ich wieder nach der Stadt Athenäum, über die ich in der vorigen Denkwürdigkeit berichtete.

Ich vernahm von dort ungewöhnliche Laute, gemischt mit Lachen, Unwille und Besorgnis. Dennoch waren die Rufe nicht mißtönend, sondern harmonisch, weil das eine nicht neben, sondern im anderen ertönte. In der geistigen Welt kann man am Ton deutlich die Mannigfaltigkeit und Mischung der Gemütsbewegungen wahrnehmen. Ich fragte aus der Ferne, was da vorgehe, und man sagte mir: "Von dort, wo die Neu­linge aus der christlichen Welt zuerst erscheinen, ist ein Bote gekommen. Er hat die Nachricht gebracht, daß er von Dreien gehört habe, in der Welt, aus der sie gekommen seien, hätten sie mit allen anderen geglaubt, den Seligen und Glücklichen werde nach dem Tode vollständige Ruhe von der Arbeit be­schieden sein. Und das gelte auch für Verwaltung, Amtsge­schäfte und körperliche Tätigkeiten, da ja all das Arbeit sei. Von unseren Abgesandten soeben hergeführt, stehen diese Drei vor dem Tor und warten. Da kam es zu den Rufen, und man hat nach einer Beratung beschlossen, sie nicht wie die Vorigen ins Palladium auf dem Parnaß zu führen, sondern in den dortigen großen Hörsaal, damit sie ihre Neuigkeiten aus der christlichen Welt vorbringen mögen. Einige von uns aber wurden abgesandt, um sie feierlich einzuführen."

Da ich im Geist war — sich aber bei den Geistwesen die Entfernungen je nach dem Zustand ihrer Neigungen verhalten — und ich den Wunsch verspürte, sie zu sehen und zu hören, er­schien ich mir selbst bei ihnen gegenwärtig, sah, wie sie ein­geführt wurden und hörte, wie sie sprachen. Die Älteren bzw. Weiseren saßen an den Seiten des Hörsaals, die anderen in der Mitte. Vor ihnen sah man ein Podest, zu dem die drei Neulinge von den Jüngeren feierlich mitten durch den Hörsaal hindurch geleitet wurden. Als Ruhe eingetreten war, wurden sie zuerst von einem der Ältesten begrüßt und dann gefragt: "Was bringt ihr Neues von der Erde? "Sie sagten: "Es gibt viele Neuigkeiten, darum sage uns, was Euch am meisten interessiert." Der Älte­ste erwiderte: "Was gibt es Neues auf Erden in bezug auf un­sere Welt und den Himmel?" Die Antwort lautete: "Als wir vor kurzem in diese Welt kamen, vernahmen wir, daß es hier und im Himmel Verwaltungen, Ämter, Dienstleistungen, Handel, wissenschaftliche Beschäftigungen und wunderbare Hand­werke aller Art gebe. Wir aber hatten geglaubt, nach unserer Wanderung oder Übersiedelung aus der natürlichen in diese geistige Welt würden wir auf ewig von aller Arbeit ruhen. Was sind aber Dienstleistungen anderes als Arbeit?"

Darauf sprach der Älteste: "Habt ihr euch etwa unter der ewigen Ruhe von der Arbeit ein ewiges Nichtstun vorgestellt, wo ihr beständig sitzen oder liegen würdet, um in der Brust Won­nen zu empfinden und mit dem Munde Leckerbissen zu ge­nießen?" Die Neulinge lachten dazu freundlich und sagten, tatsächlich hätten sie so etwas geglaubt. Ihnen wurde geant­wortet: "Was haben Freude, Wonne und Glück mit Müßiggang zu tun? Das Gemüt erleidet durch Nichtstun eher einen Zu­sammenbruch als Bereicherung, der Mensch wird abgetötet und nicht belebt. Stelle dir einmal einen Menschen vor mit hän­genden Händen und niedergeschlagenen oder blicklosen Augen, vollkommen untätig dasitzend. Stell dir weiter vor, die­ser Mensch würde zugleich von allen Seiten vom Hauch der Freude umströmt. Würde er nicht an Haupt und Gliedern vom Schlaf übermannt, würden seine Gesichtszüge nicht erschlaf­fen, bis er schließlich, sobald die Ermattung auch auf die Mus­keln übergegriffen hätte, einnickte und zu Boden fiele? Was hält denn den ganzen Körper spannkräftig, wenn nicht die Anspannung der Seele? Und wie anders käme es zu dieser seeli­schen Anspannung, als durch lustvolle Betätigung von Kopf und Hand? Ich will euch daher aus dem Himmel etwas sagen, was für Erdbewohner neu ist: Es gibt im Himmel Verwaltun­gen, Ämter, größere und kleinere Gerichte, ebenso wie Künste und Handwerke." Als das die drei Neuankömmlinge hörten, fragten sie erstaunt: "Wozu gibt es denn im Himmel größere und kleinere Gerichte? Werden dort nicht alle von Gott inspiriert und geleitet, um zu wissen, was gerecht und recht ist? Wozu brauchen sie dann noch Richter?" Der Alte antwortete: "In un­serer Welt werden wir geradeso wie in der natürlichen Welt un­terrichtet und lernen, was gut und wahr, was recht und billig ist; und wir lernen es nicht unmittelbar von Gott, sondern mit­telbar durch andere Engel. Die Engel denken das Wahre und tun das Gute gleich den Menschen wie von sich aus. Das Ei­gene ist aber je nach dem Zustand des Engels gemischter Natur, jedenfalls nicht völlig rein. Auch gibt es unter den Engeln Ein­fältige und Weise, und die letzteren sollen richten, wenn sich die anderen in ihrer Einfalt und Unwissenheit darüber streiten, was in einem bestimmten Fall die Gerechtigkeit heischt oder wenn sie von ihr abweichen. Aber da ihr in dieser Welt noch neu seid, so kommt mit mir in unsere Stadt, wenn's euch beliebt, so wol­len wir euch alles zeigen." Bei diesen Worten verließen sie den Hörsaal und wurden von einigen der Ältesten zuerst zur großen Bibliothek geführt, die den verschiedenen Wissenschaften nach in kleinere Sammlungen aufgeteilt war. Als die drei Neulinge die vielen Bücher sahen, staunten sie und sprachen: "Gibt es auch in dieser Welt Bücher? Woher stammen denn Pergament und Papier, Feder und Tinte?" Die Ältesten antworteten: "Wir sehen, in der vorigen Welt glaubtet ihr, diese Welt als eine gei­stige Welt sei leer. Euer Glaube beruhte aber auf einem völlig abstrakten Begriff vom Geistigen, so als ob es nichts mit der Materie gemein hätte, und das erschien euch wie ein Phantom, also wie etwas Leeres. In Wahrheit ist hier aber die Fülle von allem, weil alles substantiell und nicht materiell ist. Die Ma­terie hat ihren Ursprung im Substantiellen. Wir hier in unserer Welt sind geistige Menschen, weil wir substantiell und nicht materiell sind. Darum gibt es hier in der natürlichen Welt alles, doch in Vollkommenheit, und so auch Bücher und Schrif­ten, ebenso wie unzählig viele andere Dinge." Als die Neu­ankömmlinge vom Substantiellen sprechen hörten, überleg­ten sie sich, daß dem so sein müsse, da sie ja die geschrie­benen Bücher mit eigenen Augen gesehen hatten und man ihnen sagte, die materiellen Dinge seien ursprünglich aus Sub­stanzen hervorgegangen. Um sie aber noch weiter zu überzeu­gen, wurden sie in die Wohnungen der Schreiber geführt, welche die von den Weisen der Stadt verfaßten Manuskripte ins reine schrieben. Sie staunten, wie schön und sauber die ihnen ge­zeigten Schriften waren. Danach führte man sie noch in ver­schiedene Museen, Gymnasien und Kollegien, wo literarische Wettbewerbe stattfanden. Diese Spiele trugen verschiedene Namen, abgeleitet vom (Musen Berg) Helicon, vom Parnaß, von Athen und von den Quell Jungfrauen. Letztere Bezeichnung, so hieß es, beruhe darauf, daß Jungfrauen die Neigungen zu den Wissenschaften bedeuten, und ein jeder Mensch Einsicht be­sitze je nach seiner Neigung zu den Wissenschaften. Diese ver­schiedenen Spiele waren Übungen und Wettkämpfe geistiger Art. Anschließend führte man sie in der Stadt umher und machte sie mit den Leitern und Verwaltungsbeamten und deren Amts­dienern bekannt. Diese zeigten ihnen wunderbare, von Künst­lern auf geistige Weise erzeugte Kunstwerke.

Danach sprach der Älteste wieder mit ihnen über die sogenannte ewige Ruhe von aller Arbeit, die angeblich die Seli­gen und Glücklichen nach dem Tode erwarte, und sagte: "Diese ewige Ruhe ist kein Müßiggang; denn daraus folgte nur Erschlaffung, Gefühllosigkeit, Stumpfsinn und Schläfrig­keit von Geist und Leib. Das wäre Tod und nicht Leben, ge­schweige denn ewiges Leben, dessen sich die Engel erfreuen. Diese sogenannte ewige Ruhe ist daher ein friedvoller Zu­stand, welcher die Untätigkeit mit ihren Folgen austreibt und bewirkt, daß der Mensch wahrhaft lebt. Dazu gehört alles, was das Gemüt erhebt, alle Bestrebungen und Werke, die das Gemüt anregen, beleben und erfreuen. Das aber ergibt sich je nach der Nutzwirkung, aus der, in der und für die das Gemüt tätig ist. Denn der ganze Himmel ist in den Augen des Herrn in einer unausgesetzten Nutzwirkung, und jeder Engel ist je nach der Art des Nutzens, den er leistet, ein Engel. Die Freude, sich nützlich zu machen, treibt den Engel wie die günstige Mee­resströmung das Schiff und bewirkt, daß er ewigen Frieden und damit ewige Ruhe hat. Das ist es, was unter der ewigen Ruhe von aller Arbeit zu verstehen ist. Die Engel sind also le­bendig in dem Maße, wie ihr Gemüt vom Streben nach Nutz­wirkung erfüllt ist, wie sich deutlich daran zeigt, daß jeder Engel soweit über die eheliche Liebe mit ihrer Kraft, Potenz und Wonne verfügt, wie er nach echter Nutzwirkung strebt.

Als sich die drei Neulinge überzeugt hatten, daß die ewige Ruhe nicht in Müßiggang besteht, sondern in den Freuden nützlichen Tuns, nahten sich ihnen einige Jungfrauen mit selbstverfertigten Stickereien und Näharbeiten, um sie damit zu beschenken. Die drei Neulinge verabschiedeten sich, und nun sangen die Jungfrauen eine Ode, die auf engelhafte Weise die Neigung zu nützlichem Tun und die damit verbundenen Freuden zum Ausdruck brachte.

Zweite Denkwürdigkeit:

*208. Als ich über die Geheim­nisse der ehelichen Liebe nachdachte, die bei den Ehefrauen verborgen liegen, erschien mir wiederum jener goldene Regen, von dem oben die Rede war. Ich erinnerte mich, daß dieser Regen auf ein im Osten gelegenes Anwesen herabfiel, wo drei sich zärtlich liebende Ehepaare lebten   Ideale der ehelichen Liebe. Beim Anblick des Regens erlebte ich wieder die Süßig­keit des Nachdenkens über diese Liebe, und so eilte ich, als ob ich eingeladen wäre, dorthin. Beim Näherkommen verwan­delte sich das Gold des Regens zunächst in Purpur, dann in Scharlachrot und zuletzt, als ich ganz nahe war, erschien der Regen ähnlich wie Tau, opalfarben. Ich klopfte an, und als mir ein Diener die Tür öffnete, bat ich ihn, den Ehemännern zu melden, es sei derjenige wieder da, der früher einmal zusam­men mit einem Engel zu ihnen gekommen sei und bitte darum, vorgelassen zu werden, um sich mit ihnen zu besprechen. Der Diener kehrte bald mit der Erlaubnis zurück, und ich trat ein. Die drei Ehemänner standen zusammen mit ihren Frauen im Garten unter freiem Himmel und gaben meinen Gruß freund­lich zurück. Zunächst fragte ich die Frauen, ob sich jene weiße Taube später wieder am Fenster gezeigt habe. Sie erwiderten, gerade heute sei das der Fall gewesen, und sie habe auch ihre Flügel ausgebreitet. "Das hat uns vermuten lassen, daß du kommen und darum bitten würdest, dir noch ein weiteres Geheimnis der ehelichen Liebe zu eröffnen." Nun fragte ich: "Warum sprecht ihr von einem Geheimnis, da ich doch gekommen bin, deren mehrere zu erfahren?" Sie antworteten:

"Es sind freilich mehrere, aber einige übersteigen eure männ­liche Weisheit so sehr, daß euer Verstand sie nicht fassen kann. Ihr Männer rühmt euch uns gegenüber ob eurer Weisheit. Wir tun das nicht, und dabei übersteigt unsere Weisheit eure, weil sie in eure Neigungen und Triebe eindringt, sie erkennt, emp­findet und fühlt. Ihr dagegen wißt überhaupt nichts über die Neigungen und Triebe eurer Liebe, und doch sind sie es, aus und denen gemäß ihr weise seid. Die Frauen aber kennen sie an ihren Männern so gut, daß sie sie ihnen vom Gesicht able­sen und am Ton ihrer Stimme wahrnehmen, ja sogar an Brust, Armen und Wangen fühlen. Doch im Eifer der Liebe zu eurer und damit zugleich unserer eigenen Glückseligkeit stellen wir uns so, als wüßten wir nichts von diesen Neigungen. Gleich­wohl lenken wir sie so umsichtig, daß wir allem nachkommen und alles dulden, was unseren Männern gefällt, es aber soweit als möglich lenken, jedoch ohne etwas zu erzwingen." Ich fragte: "Woher habt ihr diese Weisheit?" Sie antworteten: "Sie ist von der Schöpfung, also von Geburt an eingepflanzt. Unsere Männer sprechen von Instinkt, wir aber behaupten, ihr Ur­sprung ist die göttliche Vorsehung, damit die Männer durch ihre Frauen glücklich werden. Von unseren Männern hören wir, der Herr wolle, daß der männliche Mensch in Freiheit nach der Vernunft handle, und der Herr selbst leite deshalb seine Freiheit, die sich auf die Neigungen und Triebe bezieht, von innen her. Durch seine Frau aber leite er sie von außen her, und so bilde er den Mann zusammen mit seiner Frau zu einem Engel des Himmels. Zudem ändert sich das Wesen der Liebe, sobald sie erzwungen wird; sie wird dann nicht zur ehelichen Liebe. Doch um noch offener zu sein: Wir werden deshalb zu der Klugheit bewogen, die Neigungen und Triebe unserer Män­ner so zu lenken, daß sie dabei doch den Eindruck behalten, frei nach ihrer eigenen Vernunft zu handeln, weil wir an ihrer Liebe unsere Freude haben und nichts mehr wünschen, als daß sie ihre Freude an unseren Freuden haben. Verlieren diese bei ihnen an Wert, so werden sie auch bei uns stumpf."

Danach ging eine von den Frauen in ihr Schlafgemach und sagte, als sie zurückkam: "Meine Taube schlägt noch mit den Flügeln — ein Zeichen, daß wir noch mehr enthüllen sol­len." Daraufhin meinten die Frauen: "Wir haben in den Nei­gungen und Gemütsbewegungen unserer Männer verschie­dene Veränderungen beobachtet. Beispielsweise sind die Männer gegenüber ihren Frauen kalt, solange sie nichtige Ge­danken über Gott und die Kirche hegen, ebenso wenn sie sich etwas auf ihre eigene Einsicht zugute halten, fremde Frauen begehrlich anblicken oder wenn sie von ihren eigenen Frauen Vorwürfe wegen mangelnder Liebe zu hören bekommen und dergleichen mehr. Auch wechselt ihre Kälte nach Grad und Art. Wir werden dessen gewahr an der Weise, wie sich alle Empfindung ihrer Augen, Ohren und ihres ganzen Körpers der Gegenwart unserer eigenen Empfindungen entziehen. Diesen wenigen Andeutungen kannst du entnehmen, daß wir besser als die Männer wissen, ob ihnen wohl oder unwohl ist. Sind sie uns gegenüber kalt, so fühlen sie sich unwohl, sind sie es nicht, fühlen sie sich wohl. Die Seele der Frauen sinnt daher ständig darüber nach, was zu tun ist, damit ihre Männer ihnen gegenüber warm und nicht kalt sind. Und sie entwickeln dabei einen Scharfsinn, der für die Männer unergründlich ist."

Kaum hatten sie das gesagt, vernahm man etwas wie den Klageton einer Taube. Da meinten die Frauen: "Das ist uns ein Zeichen, daß wir nicht, wie wir gern möchten, noch ge­heimere Dinge enthüllen sollen. Aber vielleicht erklärst du den Männern, was du gehört hast." Ich antwortete: "Das habe ich tatsächlich vor — was könnte es auch schaden?" Nachdem sich die Frauen untereinander verständigt hatten, sprachen sie: "So tu das, wenn du willst. Wir sind uns wohl bewußt, wie groß unsere Macht der Überredung ist, werden wir doch den Männern sagen: 'Dieser Mann treibt nur sein Spiel mit euch. Was er sagt, ist nur Geschwätz, nichts als die üblichen, auf Scheinbarkeiten beruhenden Witzeleien der Männer. Glaubt nicht ihm, sondern uns. Wir wissen, daß bei euch Männern die Liebe und bei uns Frauen der Gehorsam ist.' Darum sage es ihnen ruhig, wenn du willst. Die Ehemänner werden schließ­lich doch nicht auf das hören, was dein Mund spricht, son­dern der Mund ihrer Frauen, den sie küssen."

Allgemeines über die Ehen

*209. Über die Ehen ließe sich sehr viel sagen. Wollte man es bis in alle Einzelheiten ausführen, würde dieses kleine Werk zu einem dicken Bande anschwellen. Man könnte im einzel­nen die Ähnlichkeit und Unähnlichkeit der Ehegatten behan­deln; die Sublimierung der natürlichen ehelichen Liebe zur geistigen und ihre Verbindung miteinander; das Wachstum der einen und die Abnahme der anderen; die Mannigfaltig­keiten und Verschiedenheiten beider; die Einsicht der Ehe­frauen; die allgemeine eheliche Sphäre aus dem Himmel und ihren Gegensatz aus der Hölle; den Einfluß und die Aufnahme beider Sphären   und so noch vieles andere mehr. Den Leser würde es nur ermüden. Aus diesem Grund und um unnötige Weitschweifigkeit zu vermeiden, soll dies alles zu allgemei­nen Sätzen über die Ehen zusammengefaßt werden (con­trahuntur illa in Universalia de Conjugiis):

  1. Das Tastgefühl (sensus tactus) ist das kennzeichnende Sinnesvermögen der ehelichen Liebe.

  2. Bei Menschen, die in wahrer ehelicher Liebe leben, wächst die Fähigkeit, Weisheit zu erlangen, bei den an­deren dagegen nimmt sie ab.

  3. Bei Menschen, die in wahrer ehelicher Liebe leben, wächst die Seligkeit des Beisammenwohnens, bei den anderen nimmt sie ab.

  4. Bei Menschen, die in wahrer ehelicher Liebe stehen, ver­binden sich die Gemüter, und damit wächst auch die Freundschaft zwischen den Gatten, bei den anderen nimmt beides ab.

  5. Ehegatten, die in wahrer ehelicher Liebe leben, haben den beständigen Wunsch, Ein Mensch zu sein (continue velint unus homo esse), die anderen hingegen wollen zwei Menschen bleiben.

  6. Eheleute, die in wahrer ehelicher Liebe sind, haben das Ewige der Ehe vor Augen, nicht so die anderen.

  7. Die eheliche Liebe nimmt ihren Ausgangspunkt bei den keuschen Ehefrauen; ihre Liebe hängt aber gleichwohl von ihren Ehemännern ab.

  8. Die Frauen lieben den Ehebund, sofern das auch auf sei­ten ihrer Männer der Fall ist.

  9. Der Verstand der Frauen ist durch Bescheidenheit, guten Geschmack, Friedfertigkeit, Nachgiebigkeit, Weichheit und Zartheit gekennzeichnet; der der Männer hingegen ist würdevoll, herb, hart, mutig, auf Ungebundenheit aus (gravis, aspera, dura, animosa, licentiae amans).

  10. Die Frauen kennen keine Erregung wie die Männer, wohl aber einen Zustand der Vorbereitung zur Emp­fängnis.

  11. Die Männer verfügen über die Fähigkeit, je nach ihrer Liebe die Wahrheiten ihrer Weisheit fortzupflanzen und ihrer Liebe entsprechend Nutzen zu schaffen.

  12. Die Entscheidung obliegt dem Mann.

  13. Es gibt eine eheliche Sphäre, die vom Herrn durch den Himmel hindurch bis in die letzten Einzelheiten des Weltalls einfließt.

  14. Das weibliche Geschlecht nimmt diese Sphäre auf und überträgt sie auf das männliche, nicht umgekehrt.

  15. Wo wahre eheliche Liebe herrscht, wird diese Sphäre von der Ehefrau aufgenommen und allein durch sie auch vom Ehemann.

  16. Wo die Liebe nicht (echt) ehelich ist, wird diese Sphäre zwar von der Frau, nicht aber vom Mann durch sie auf­genommen.

  17. Die wahre eheliche Liebe kann sich bei einem der beiden Gatten finden, ohne auch beim anderen zu sein.

  18. Es gibt bei den Ehegatten viele Ähnlichkeiten, aber auch Verschiedenheiten, innerer wie äußerer Art.

  19. Verschiedene Ähnlichkeiten können miteinander, nicht aber mit Unvereinbarkeiten verbunden werden.

  20. Der Herr sieht für Menschen, die sich nach der wahren ehelichen Liebe sehnen, eine Ähnlichkeit vor, und fin­det sich diese nicht auf Erden, so sorgt er dafür, daß das in den Himmeln geschieht.

  21. Ermangelt der Mensch der ehelichen Liebe oder geht sie ihm verloren, nähert er sich der Natur des unvernünfti­gen Tieres.

Und nun die nähere Entwicklung der einzelnen Sätze.

(1) Das Tastgefühl (sensus tactus) ist das kenn­zeichnende Sinnesvermögen der ehelichen Liebe.

*210. Jede Liebe hat ihr besonderes Sinnesvermögen. Die Liebe zum Sehen geht aus der Liebe zum Verstehen hervor und ihr Organ sind die Augen. Seine Annehmlichkeiten findet dieser Sinn in Sym­metrie und Schönheit. Die Liebe zum Hören entspringt der Liebe zum Zuhören und zum Gehorsam und ist mit dem Gehörverbunden, dem Harmonien angenehm sind. Die Liebe zur Wahrnehmung will wissen, was alles in der Luft umher­schwebt, und ist verknüpft mit dem Geruchssinn, dem Wohl­gerüche gefallen. Die Liebe, sich zu ernähren entspringt der Liebe, sich mit Gutem und Wahrem zu versehen; zu ihr gehört der Geschmackssinn, der leckere Speisen liebt. Die Liebe zum Erkennen von Dingen, entstanden aus der Neigung, sich vor­zusehen und zu schützen, bedient sich des Tastgefühls; seine Annehmlichkeiten bestehen in den Berührungen (hujus amaenitates sunt titillationes, wörtlich: seine Annehmlich­keiten sind Kitzel). Die Liebe, sich mit einem Ehegatten zu verbinden, beruht auf der Neigung, das Gute und Wahre zu vereinen; ihr Sinnesvermögen ist das Tastgefühl, weil es allen Sinnen gemeinsam ist und sich dieser daher bedient. Es ist bekannt, daß diese Liebe alle Sinne mit ihren Freuden zu­sammenfaßt. An jedem ihrer Spiele und ihrer steten Verfei­nerung bis zur höchsten Vollkommenheit (et ab exaltatione subtilitatum ejus ad summe exquisitum) zeigt sich, daß der Tastsinn das die eheliche Liebe besonders kennzeichnende Sinnesorgan ist. Die weitere Ausführung überlassen wir gern den Liebhabern.

(2) Bei Menschen, die in wahrer ehelicher Liebe leben, wächst die Fähigkeit, Weisheit zu erlangen, bei den anderen nimmt sie ab.

*211. Weil diese Liebe bei den Ehegatten aus der Weisheit hervorgeht und dieser entspricht, wächst die Fähigkeit, weise zu werden bei Menschen, die in wahrer ehe­licher Liebe leben. Das wurde in den vorhergehenden Ab­schnitten hinlänglich nachgewiesen. Da ferner der Tastsinn das Sinnesorgan dieser Liebe bildet, er allen Sinnen zugrunde liegt und auch voller Wonnen ist, schließt er die inneren Be­reiche des Gemüts auf — so wie er das auch bei den inwendi­geren Bereichen der Sinne und damit zugleich bei allen Or­ganen des Körpers bewirkt. Infolgedessen lieben Menschen, die in wahrer ehelicher Liebe leben, nichts mehr als weise zu werden, denn der Mensch wird soweit weise, wie die inneren Bereiche seines Gemüts erschlossen werden. Durch diese Öff­nung werden die Gedanken des Verstandes in höheres Licht und die Neigungen des Willens in intensivere Wärme erhoben. Das höhere Licht aber ist die Weisheit, und die intensivere Wärme die Liebe zu ihr. Wer in wahrhaft ehelicher Liebe lebt, wird der geistigen Wonnen in der Verbindung mit den natürli­chen teilhaftig. Sie bewirken bei ihm Liebenswürdigkeit und Fähigkeit weise zu sein. Daher befinden sich die Engel je nach ihrer Weisheit in ehelicher Liebe und wachsen darin und im Erleben ihrer Wonnen je nach dem Wachstum ihrer Weisheit. Ferner gehen die aus ihren Ehen geborenen geistigen Kinder aus der Weisheit des Vaters und der Liebe der Mutter hervor und sind etwas, das von ihnen mit geistiger Elternliebe ge­liebt wird. Diese Liebe wird ihrer ehelichen Liebe hinzuge­fügt, erhöht sie beständig und verbindet beide miteinander.

*212. Das Gegenteil geschieht bei Menschen, die nicht in ehelicher Liebe stehen, fehlt ihnen doch die Liebe zur Weis­heit. Sie schließen keine Ehe, ohne dabei auch die Befriedi­gung ihrer geilen Lust im Auge zu haben. Darin aber liegt zu­gleich Liebe zur Torheit. Jeder Zweck stellt nämlich an sich betrachtet eine bestimmte Liebe dar, die geile Lust aber ist ihrem geistigen Ursprung nach Torheit. Unter Torheit verste­hen wir den Wahn des Gemüts, der aus Falschem hervorgeht. Zum Ausbruch kommender Wahnsinn aber resultiert aus einem Wahren, das so sehr verfälscht wurde, daß man es für Weisheit hält. In der geistigen Welt kann man sich auf eine sehr handgreifliche Art davon überzeugen oder überzeugen lassen, daß solche Menschen gegen die eheliche Liebe einge­stellt sind. Sobald sie nur irgend etwas davon riechen, ent­fliehen sie in Höhlen und schließen hinter sich zu. Öffnet man die Höhlen, rasen sie wie die Tobsüchtigen in der Welt.

(3) Bei Menschen, die in wahrer ehelicher Liebe leben, wächst die Seligkeit des Beisammenwohnens, bei den anderen nimmt sie ab.

*213. Das kommt daher, daß sie sich in jedem Sinne gegenseitig lieben. Die Gattin kennt nichts Lie­benswürdigeres als ihren Mann, und ebenso umgekehrt der Mann. Ja, sie hören, riechen und berühren nichts lieber als einander; daher die Seligkeit ihres Beisammenwohnens in Haus und Schlafgemach. Ihr Ehemänner könnt euch davon überzeugen, wenn ihr an die ersten Freuden eurer Ehe denkt. Diese pflegen nämlich deshalb in ihrer ganzen Fülle erlebt zu werden, weil dann die Gattin als einzige des ganzen Ge­schlechts geliebt wird. Bekanntlich ist das Gegenteil der Fall, wenn man nicht in ehelicher Liebe lebt.

(4) Bei Eheleuten, die in wahrer ehelicher Liebe leben, verbinden sich die Gemüter und damit wächst zu­gleich auch die Freundschaft zwischen den Gatten, bei den anderen hingegen nimmt beides ab.

*214. Diese Zunahme wurde im Kapitel über die Verbindung der Seelen und Gemüter nach­gewiesen. Sie ist auch gemeint mit den Worten des Herrn, "sie werden nicht mehr zwei, sondern Ein Fleisch sein" (vgl. #156­-181). Diese Verbindung wächst jedoch so, wie sich mit der Liebe die Freundschaft verbindet, weil Freundschaft wie das Angesicht oder auch wie das Kleid dieser Liebe ist. Sie fügt sich der Liebe nicht nur an wie ein Kleid, sondern verbindet sich auch mit ihr wie das Angesicht. Liebe, die der Freund­schaft vorangeht, ähnelt der Geschlechtsliebe, die nach der Verheiratung verschwindet. Eine mit Freundschaft verbun­dene Liebe hingegen bleibt bestehen und wird nur noch fester. Auch dringt sie tiefer in die Brust ein. Die Freundschaft führt sie ein und läßt sie zur wahrhaft ehelichen Liebe werden. Und dann wiederum bewirkt jene Liebe, daß ihre Freundschaft zur ehelichen Freundschaft wird, die sich durch ihre Vollkom­menheit von jeder auf anderer Liebe beruhenden Freund­schaft unterscheidet. Bei Eheleuten, die nicht in ehelicher Liebe miteinander leben, ist bekanntlich das Gegenteil der Fall. Ihre erste Freundschaft, die sich zur Zeit der Verlobung und dann in den ersten Tagen nach der Hochzeit eingestellt hatte, zieht sich mehr und mehr aus dem Inneren ihrer Gemüter zurück, bis sie schließlich gleichsam zur Haut austritt. Den­ken die Eheleute an Trennung, verliert sie sich ganz, bei den an­deren bleibt die Liebe zwar äußerlich, erkaltet aber im Inneren.

(5) Ehegatten, die in wahrer ehelicher Liebe leben, haben den beständigen Wunsch, Ein Mensch zu sein (continue velint unus homo esse), die anderen hingegen wollen zwei Menschen bleiben.

*215. Das Wesen der ehelichen Liebe besteht allein darin, daß zwei Menschen Ein Mensch sein und ihrer beider Leben zu Einem Leben verbinden wol­len. Dieser Wille ist ein beständiges Streben jener Liebe; aus ihm entspringen alle ihre Wirkungen. Streben ist das eigent­liche Wesen der Bewegung, und der Wille ist beim Menschen lebendiges Streben. Dieser Satz ist durch philosophische For­schung erwiesen, leuchtet aber auch jedem ein, der nur ver­nünftig darüber nachdenkt. Menschen, die in wahrhaft ehe­licher Liebe leben, wollen folglich Ein Mensch sein und stre­ben ständig danach. Bei denen, die nicht in ehelicher Liebe leben, ist das Gegenteil der Fall, wie die Betreffenden selbst sehr gut wissen. Und weil sie aufgrund der Uneinigkeit ihrer Seelen und Gemüter beständig als zwei verschiedene Men­schen denken, verstehen sie auch nicht, was die Worte des Herrn bedeuten sollen, wonach sie nicht mehr zwei, sondern Ein Fleisch seien (Mat 19, 6).

(6) Eheleute, die in wahrer ehelicher Liebe sind, haben das Ewige in der Ehe vor Augen, nicht so die anderen.

*216. Wer in wahrer ehelicher Liebe lebt, schaut aufs Ewige, weil in dieser Liebe Ewigkeit liegt. Diese Liebe wächst nämlich bei der Ehefrau ebenso in Ewigkeit, wie beim Ehemann die Weis­heit, und im Wachsen und Fortschreiten dringen die Ehegat­ten schließlich ins Innerste ein und gelangen immer mehr zu den himmlischen Seligkeiten, die in ihrer Weisheit und in der Liebe zur Weisheit bereits in verborgener Weise vorhanden sind. Würde die Vorstellung des Ewigen ihren Gemütern ent­rissen oder ihnen durch irgendeinen Umstand verlorenge­hen, es wäre, als fielen sie vom Himmel auf die Erde. Geschähe dies, und ihre Gemüter würden von der Idee der Zeitlichkeit durchdrungen, befänden sie sich in einem Zustand, der mir durch folgende Erfahrung klar vor Augen trat:

Einst waren, nach entsprechender Erlaubnis, zwei Ehe­gatten aus dem Himmel bei mir. Ihnen wurde von einem listi­gen Nichtsnutz die Idee von der Ewigkeit der Ehe ausgeredet.

Sie fingen daraufhin an laut zu klagen und erklärten, sie könn­ten nach diesem Verlust nicht länger leben und fühlten einen Jammer, wie nie zuvor. Als Mitengel im Himmel das wahrnah­men, wurde der Nichtsnutz entfernt und hinabgeworfen — und im selben Augenblick kehrte die Vorstellung von der Ewigkeit ihrer Ehe zurück. Darüber freuten sich die Betreffenden von Herzensgrund und umarmten einander aufs zärtlichste. Fer­ner hörte ich von zwei Ehegatten, die mit ihrer Ehe mal die Vorstellung von deren Ewigkeit, mal von ihrer Zeitlichkeit ver­banden. Das kam daher, weil sie einander im Inneren unähn­lich waren. Lebten sie in der Vorstellung von der Ewigkeit ihrer Ehe, so freuten sie sich gemeinsam, sobald sie aber der Vor­stellung von ihrer Zeitlichkeit Raum gaben, sprachen sie davon, daß ihre Ehe keine Ehe mehr sei. Die Frau sagte: Ich bin keine Gattin mehr, sondern nur noch eine Konkubine, und der Mann: Ich bin kein Ehemann mehr, sondern ein Ehebrecher.

Darum verließen sie einander, als ihnen ihre innere Ver­schiedenartigkeit offenbar wurde. Später aber, als sich bei bei­den die Idee von der Ewigkeit der Ehe wieder belebt hatte, wur­den sie mit zu ihnen passenden Partnern verbunden.

Daraus ist klar ersichtlich, daß in wahrer ehelicher Liebe miteinander verbundene Menschen das Ewige im Auge haben, sich aber, wenn diese Vorstellung dem Innersten ihres Denkens entfällt, hinsichtlich der ehelichen Liebe von einan­der entfernen. Die zwischen ihnen herrschende Freundschaft mag dabei bestehen bleiben, da diese im Äußeren, jene aber im Inneren ihren Ursprung hat. Ähnlich ist es auch bei den irdischen Ehen. Solange sich die Eheleute zärtlich lieben, glau­ben sie an die Ewigkeit ihres Bundes und nicht an dessen Ende durch den Tod. Der Gedanke daran schmerzt sie zwar, aber die Hoffnung an eine Fortdauer ihrer Liebe nach dem Tode richtet sie wieder auf.

(7) Die eheliche Liebe nimmt ihren Ausgangs­punkt bei den keuschen Ehefrauen; ihre Liebe hängt aber gleichwohl von ihren Ehemännern ab.

*216b. Die Frauen werden nämlich als Liebe geboren. Daher ist ihnen angeboren, eins mit ihren Ehemännern sein zu wollen, und mit diesem Gedanken ihres Willens nähren sie fortwährend ihre Liebe. Wi­chen sie von diesem Streben nach Vereinigung mit den Ehemännern ab, wäre das gleichbedeutend mit Selbstaufgabe. Bei den Ehemännern verhält es sich anders, da sie nicht als eheliche Liebe geboren sind, sondern als Empfänger dieser Liebe von den Frauen. Die Frauen dringen daher mit ihrer Liebe soweit ein, wie die Männer diese Liebe aufnehmen. Ist das nicht der Fall, stehen die Frauen mit ihrer Liebe draußen und warten. Das gilt für die keuschen Frauen, nicht für die un­keuschen. Damit ist klar, daß die eheliche Liebe bei den Frauen beginnt, ihre Liebe aber von den Ehemännern abhängig ist.

(8) Die Frauen lieben den Ehebund, sofern das auch auf seiten ihrer Männer der Fall ist.

*217. Das ergibt sich aus dem, was im vorigen Abschnitt dargelegt wurde. Hinzu kommt noch, daß Frauen durch die ihnen angeborene Liebe Ehe­frauen sein und heißen wollen; es ist für sie eine Auszeich­nung und Ehre, und daher lieben sie die ehelichen Bande. Weil die keuschen Frauen nicht nur dem Namen nach, sondern tatsächlich Ehefrauen sein wollen und sich das durch die immer innigere Verbindung mit ihren Ehemännern verwirk­licht, lieben sie den Ehebund, und zwar um so mehr, je mehr auch sie von ihren Männern geliebt werden — das bedeutet aber, je mehr auch die Männer diesen Bund lieben.

(9) Der Verstand der Frauen ist durch Bescheiden­heit, guten Geschmack, Friedfertigkeit, Nachgiebigkeit, Weichheit und Zartheit gekennzeichnet; der der Männer hingegen ist würdevoll, herb, hart, mutig und auf Ungebun­denheit aus (gravis, aspera, dura, animosa, licentiae amans).

*218. Die unterschiedliche Art von Frauen und Männern wird ganz deutlich an ihren Leibern, am Gesicht, am Ton ihrer Stimme, ihren Gebärden und ihrem Verhalten. Der Körper der Män­ner ist an Fleisch und Haut derber, der der Frauen zarter. Das Antlitz der Männer ist ebenfalls derber, steifer, rauher, gelber und auch bärtig, also weniger schön; das der Frauen ist sanf­ter, nachgiebiger, zarter, weißer und daher schöner. Die Stimme der Männer ist rauher, die der Frauen sanfter, die Sprache der Männer ist ungebunden und heftig, die der Frauen bescheiden und friedfertig. Die Gebärden sind bei den Männern kräftiger und bestimmter, bei den Frauen kraftlo­ser und schwächer. Die Sitten der Männer sind unmäßiger, die der Frauen anständiger. Wie sehr sich schon die ange­borene Art der Männer von der der Frauen unterscheidet, hat sich mir deutlich beim Anblick spielender Gruppen von Kna­ben und Mädchen gezeigt, die ich in einer großen Stadt mehr als einmal vom Fenster aus auf der Straße beobachten konnte. Dort versammelten sich täglich mehr als zwanzig. Die Spiele der Knaben vollzogen sich ihrem angeborenen Naturell ent­sprechend unter Lärmen, Schreien, Streiten, Prügeln, auch bewarfen sie einander mit Steinen. Die Mädchen hingegen saßen friedlich unter den Haustüren. Einige spielten mit klei­nen Kindern, andere mit ihren Puppen oder nähten kleine Stückchen Leinen zusammen, tauschten untereinander Küsse aus und betrachteten zu meiner Verwunderung doch die Kna­ben, wie sie sich gebärdeten, mit freundlichen Augen. So zeigte sich mir deutlich, daß der Mann als Verstand und die Frau als Liebe geboren wird, aber auch, wie Verstand und Liebe beginnen und wie wenig sich der Verstand des Mannes ohne Verbindung mit der weiblichen und schließlich mit der ehelichen Liebe entwickeln würde.

(10) Die Frauen kennen keine Erregung wie die Män­ner, wohl aber einen Zustand der Vorbereitung zur Emp­fängnis.

*219. Den Männern obliegt die Befruchtung, und von daher kommt ihre Erregung. Es ist klar, daß das bei den Frauen anders ist. Was ich jedoch vernehmen durfte, berichte ich, und danach kennen die Frauen einen Zustand der Vorberei­tung zur Empfängnis. Wie dieser Zustand ist, darf ich nicht beschreiben; er ist auch nur ihnen allein bekannt. Sie haben mir nicht verraten, ob ihre Liebe sich dabei in einem ange­nehmen oder, wie einige behaupten, unangenehmen Zustand befindet. Nur soviel weiß man, daß es dem Ehemann nicht erlaubt ist, seiner Gattin zu sagen, er könne zwar, wolle aber nicht. Er würde den Zustand des Empfangens bei ihr auf bei­spiellose Weise verletzten; denn die Vorbereitung muß in Über­einstimmung mit dem Zustand des Ehemanns hinsichtlich seines Vermögens stehen.

(11) Die Männer verfügen über die Fähigkeit, je nach ihrer Liebe die Wahrheiten ihrer Weisheit fortzupflan­zen und entsprechenden Nutzen zu schaffen.

*220. Das enthält eines jener Geheimnisse, die den Alten noch bekannt waren, heute aber verloren gegangen sind. Die Alten wußten, daß alles, was im Körper vorgeht, bis herab zum geringsten, einen geistigen Ursprung hat. So gehen z.B. die Handlungen aus dem wesensmäßig geistigen Willen hervor, die Sprache ent­springt dem ebenfalls geistigen Denken. Ferner wußten sie, daß natürliches Sehen aus dem geistigen, also dem Verstand, hervorgeht, natürliches Hören aus dem geistigen, das Auf­merksamkeit des Verstandes und zugleich Anpassung des Willens ist, ebenso wie der natürliche Geruchssinn aus dem gei­stigen entspringt, nämlich der Wahrnehmung, usw. Die Alten sahen auch, daß die männliche Befruchtung einen geistigen Ursprung hat.1

1) Anm. d.Ü's: Im Hebräischen wie im Griechischen ist Zeugen und Erkennen dasselbe Wort! (z.B. "Adam erkannte sein Weib', Gen 4, 1).

Aus verschiedenen Vernunft  und Erfah­rungsbeweisen schlossen sie, daß sie aus den Wahrheiten her­vorgeht, die den Verstand bilden. Sie meinten, aus der geisti­gen Ehe — also der Ehe des Guten und Wahren, die in alle Ein­zelheiten des Weltalls einfließt — werde von den Männern nur das Wahre und was sich aufs Wahre bezieht aufgenommen.

Dieses werde dann im Körper zum Samen gestaltet, und darum seien die Samen, geistig verstanden, Wahrheiten, was ihre Form anlangt. Die männliche Seele sei somit, weil ver­standesmäßig geprägt, Wahres. Das Verstandesmäßige ist nichts anderes.

Wenn daher die Seele hernieder steigt, so auch das Wahre. Das kommt dadurch zustande, daß die Seele — also das Inner­ste, seinem Wesen nach Geistige des Menschen wie auch eines jeden Tieres — aus dem ihr eingepflanzten Drange zur Fort­pflanzung niederzusteigen strebt und sich fortpflanzen will. Wenn das geschieht, bildet sich die ganze Seele, hüllt sich ein und wird zum Samen. Der Vorgang kann sich tausend und abertausendmal wiederholen, weil die Seele eine geistige Sub­stanz ohne Ausdehnung und doch von solcher Fülle ist, daß sie durch den Fortfall eines Teils keinen Verlust erleidet, son­dern sich vielmehr immer wieder ganz hervorbringt (quia anima est substantia spiritualis, cui non est extensio sed im­pletio, et e qua non est exsumptio partis, sed est productio to­tius, absque aliqua jactura ejus). Darauf beruht, daß die Seele in den kleinsten Behältern, den Samen, gleich vollkommen ist wie im Körper, ihrem größten Gefäß. Wenn nun das Wahre der Seele Ursprung des Samens ist, so müssen auch die Män­ner die Fähigkeit haben, ihrer Liebe gemäß die Wahrheiten ihrer Weisheit fortzupflanzen. Sie verfügen denn auch über diese Fähigkeit je nach ihrer Liebe, Nutzen zu schaffen, weil die Nutzwirkungen das Gute sind, das durch die Wahrheit her­vorgebracht wird. In der Welt wissen auch einige, daß die rührigen Männer und nicht die Müßiggänger eine hohe Po­tenz besitzen.

Ich fragte: "Wie wird das Weibliche aus der männlichen Seele fortgepflanzt?" Die Antwort, die ich erhielt, lautete: "Es geschieht aus dem verständigen Guten (ex bono intellectuali), weil dies seinem Wesen nach das Wahre ist; denn der Verstand kann denken, daß dasselbe gut, mit anderen Worten, wahr sei, daß es gut ist. Anders verhält es sich mit dem Willen, er denkt das Gute und Wahre nicht, sondern liebt und tut es." Oben in #120 kann man nachlesen, daß im Wort durch Söhne die Wahrheiten, durch Töchter Gutes verstanden wird. In der "Enthüllten Offenbarung" #565 sieht man, daß Samen im Wort Wahres bezeichnen.

(12) Die Entscheidung obliegt dem Manne.

*221. Der Grund dafür liegt im oben erwähnten Vermögen der Männer, das bei ihnen sowohl nach den Zuständen des Gemüts als auch des Körpers wechselt. Der Verstand ist nämlich nicht so be­ständig in seinen Überlegungen wie der Wille in seinen Nei­gungen; er wird bald nach oben, bald nach unten gezogen, ist bald in einem heiteren und klaren, dann wieder in einem trü­ben und dunklen Zustand. Bald befaßt er sich mit angeneh­men, dann wieder mit unangenehmen Dingen. Und weil die Tätigkeit des Gemüts sich zugleich auch auf den Körper aus­wirkt, so ergeben sich für diesen ähnliche Zustände. Darum entfernt sich der Ehemann bald von der ehelichen Liebe, bald nähert er sich ihr wieder, und seine Potenz wird ihm in dem einen Zustand entzogen, im anderen wiederhergestellt. Aus diesen Gründen ist die Entscheidung [zur Kopulation] den Männern zu überlassen. Und darum mahnen auch die Frauen sie in ihrer angeborenen Weisheit niemals daran.1

1) Anm. d.Ü's: Hier wird vom Idealfall, der wahren ehelichen Liebe, gesprochen.

*222 (13) Es gibt eine eheliche Sphäre, die vom Herrn durch den Himmel bis in die letzten Einzelheiten des Welt­alls einfließt.

Oben im entsprechenden Kapitel ist der Nach­weis erbracht worden, daß vom Herrn Liebe und Weisheit aus­gehen oder — was dasselbe ist — Gutes und Wahres. In der Ehe gehen Liebe und Weisheit beständig aus dem Herrn hervor, weil sie ja Er selbst sind und alles von Ihm stammt. Was von Ihm ausgeht, erfüllt das Weltall, würde doch ohne Ihn nichts von allem bestehen, was entstanden ist. Es gibt mehrere Sphären, die von Ihm ausgehen: z.B. die Sphäre der Erhaltung des erschaffenen Weltalls; die Sphäre, die das Gute und Wahre vor dem Bösen und Falschen schützt; die Sphäre der Umbil­dung und Wiedergeburt (reformationis etregenerationis) und die der Unschuld und des Friedens; die Sphäre der Barmher­zigkeit und Gnade und verschiedene andere. Die universelle Sphäre aber ist die der ehelichen Liebe, weil sie auch die der Fortpflanzung und damit die allumfassende Sphäre ist, die der Erhaltung des gesamten Universums durch aufeinander­folgende Zeugungen dient. Diese eheliche Sphäre erfüllt und durchdringt das ganze Weltall vom Ersten bis zum Letzten, wie oben nachgewiesen wurde. Es ergibt sich daraus, daß es in den Himmeln Ehen gibt, und zwar die allervollkommensten im dritten oder obersten Himmel. Ähnliches gibt es außer bei den Menschen auch bei allen Mitgliedern des Tierreichs bis herab zu den Würmern, außerdem bei allen Subjekten des Pflanzenreichs von den Öl  und Palmbäumen herab bis zu jedem Gräslein.

Diese Sphäre ist umfassender als die von Wärme und Licht, die der Sonne unserer Welt entspringen. Das ist vernünf­tig und überzeugend, denn sie wirkt auch, wenn die Sonnen­wärme im Winter und das Sonnenlicht in der Nacht fehlen, be­sonders bei den Menschen. Diese Wirkung beruht auf ihrem Ursprung aus der Sonne des Engelhimmels, deren Wärme und Licht als Verbindung des Guten und Wahren stets ausgeglichen, da im Zustand beständigen Frühlings sind. Die Veränderungen des Guten und Wahren bzw. der Wärme und des Lichts dieser geistigen Sonne sind nicht mit den irdischen Schwankungen zu vergleichen, die auf dem Wechsel von Wärme und Licht der irdischen Sonne beruhen, sondern jene entstehen aus den ver­schiedenen Zuständen der sie aufnehmenden Subjekte.

(14) Das weibliche Geschlecht nimmt diese Sphäre auf und überträgt sie auf das männliche, nicht umgekehrt.

*223. Die oben in #161 berichtete Erfahrung hat mich darin be­stätigt, daß sich beim männlichen Geschlecht keine eheliche Liebe findet, sondern nur beim weiblichen, von dem sie auf das männliche übertragen wird. Damit stimmt überein, daß die männliche Gestalt eine Verstandesform ist, die weibliche aber eine Willensform. Die Verstandesform kann nicht aus sich in ehelicher Liebe erglühen, sondern nur in der verbin­denden Wärme eines Wesens, dem sie von der Schöpfung her eingepflanzt ist. So kann die männliche Form jene Liebe nur aufnehmen durch die ihr beigefügte Willensform der Frau, weil diese die Form der Liebe ist. In den Augen des natürlichen Men­schen wäre das zu bestätigen durch die Ehe des Guten und Wahren und die Ehe des Herzens und der Lunge, weil das Herz der Liebe und die Lunge dem Verstand entspricht. Weil aber den meisten Menschen die Kenntnis dieser Dinge abgeht, würde eine solche Begründung die Sache eher verdunkeln als erhellen. Die Übertragung dieser Sphäre vom weiblichen auf das männliche Geschlecht bringt es mit sich, daß das Gemüt be­reits beim bloßen Gedanken ans andere Geschlecht entflammt. Folglich stammt auch daher die auf Fortpflanzung abzielende Handlung und die damit zusammenhängende Erregung. Denn wenn sich auf Erden nicht Wärme zum Licht gesellt, wird dort nichts lebendig oder angeregt, Frucht zu bringen.

(15) Wo wahre eheliche Liebe herrscht, wird diese Sphäre von der Ehefrau aufgenommen und allein durch sie auch vom Ehemann.

*224. Das ist heutzutage ein Geheimnis, und doch müßte es das nicht sein, weil der Bräutigam und ange­hende Ehemann es wissen könnte. Regt ihn denn nicht alles, was von seiner Braut und angehenden Ehefrau ausstrahlt, auf eheliche Weise an, während andere Einflüsse aus dem weib­lichen Geschlecht ihn kalt lassen? Dasselbe gilt auch für Men­schen, die in wahrhaft ehelicher Liebe zusammenleben. Weil aber jeden Menschen, ob Mann oder Frau, seine eigene Le­benssphäre umgibt — und zwar ist sie an der Brust dichter als am Rücken —, so ist klar, warum Männer, die ihre Frauen innig lieben, sich ihnen zuwenden und sie tagsüber freundlich an­blicken, während Männer, die ihre Frauen nicht lieben, sich von ihnen abwenden und Zurückhaltung üben. Die wahrhaft eheliche Liebe erkennt man und kann sie von der unechten, falschen und kalten ehelichen Liebe daran unterscheiden, daß der Ehemann die eheliche Sphäre einzig und allein von sei­ner Gattin aufnimmt.

(16). Wo die Lieben nicht [wahrhaft] ehelich ist, wird diese Sphäre zwar von der Frau, nicht aber vom Mann durch sie aufgenommen.

*225. Diese ins Weltall einfließende eheliche Sphäre ist in ihrem Ursprung göttlich. In ihrer weiteren Ent­faltung ist sie bei den Engeln des Himmels himmlisch und geistig, beim Menschen natürlich und bei den Tieren und Vö­geln animalisch; bei den Würmern ist sie rein körperlich und bei den Pflanzen leblos. Zudem verändert sie sich bei allen Wesen je nach deren Form. Da nun diese Sphäre vom weibli­chen Geschlecht unmittelbar, vom männlichen aber mittelbar aufgenommen wird, und zwar je nach ihrer jeweiligen Form, so kommt es, daß sie, obgleich in ihrem Ursprung heilig, in den aufnehmenden Subjekten in eine unheilige, ja sogar in eine ihr entgegengesetzte Sphäre verkehrt werden kann. So wird sie bei entsprechenden Weibern als hurerisch, bei ent­sprechenden Männern als unzüchtig bezeichnet. Und da sich diese Weiber und Männer in der Hölle befinden, stammt auch diese Sphäre daher. Aber auch sie ist von großer Mannigfal­tigkeit, und es gibt von ihr die verschiedensten Abarten. Nur jeweils eine davon — die ihm zusagende, seiner Gemütsart an­gemessene und entsprechende — wird vom Manne eingeso­gen. Damit steht fest, daß ein Mann, der seine Frau nicht liebt, diese Sphäre woanders her als von seiner Frau aufnimmt. Und doch wird sie ihm auch von seiner Frau her eingeflößt, während er erglüht. Das weiß aber der Mann nicht.

(17) Die wahre eheliche Liebe kann sich auch nur bei einem der beiden Gatten finden, ohne bei dem anderen zu sein.

*226. Einer von beiden kann sich nämlich von Herzen nach einer keuschen Ehe sehnen, der andere aber weiß vielleicht gar nicht, was keusch ist. Der eine mag lieben, was zur Kirche gehört, der andere nur das Weltliche. Einer von beiden kann sei­nem Gemüt nach im Himmel, der andere in der Hölle sein. Folglich kann bei dem einen die eheliche Liebe sein und beim anderen nicht. Die Gemüter solcher Ehegatten sind ge­gensätzlich ausgerichtet und stoßen einander innerlich ab. Und wenn es auch äußerlich nicht sichtbar werden mag, betrach­tet doch wenigstens der nicht in der ehelichen Liebe stehende Gatte die ihm angetraute Gattin als ein widerliches altes Weib...

(18) Es gibt bei Ehegatten viele Ähnlichkeiten, aber auch Verschiedenheiten, innerer wie äußerer Art.

*227. Das ist eine bekannte Tatsache, ebenso daß zwar äußere Ähnlich­keiten und Unähnlichkeiten sichtbar werden, nicht aber die inneren. Nur die Gatten selbst erkennen sie an gewissen Merk­malen, wenn sie eine Zeitlang zusammengelebt haben. Es wäre jedoch zwecklos, beide aufzuzählen und kenntlich zu machen, da allein schon Benennung und Beschreibung ihrer Verschiedenheiten viele Seiten erfordern würden. Die Ähn­lichkeiten können teilweise aus den Unähnlichkeiten abge­leitet bzw. gefolgert werden, derentwillen die eheliche Liebe erkaltet, und von denen das folgende Kapitel handelt. Die Ähnlichkeiten bzw. Unähnlichkeiten beruhen auf den ange­borenen Neigungen, die sich je nach Erziehung, gesell­schaftlichem Umgang und angenommenen Überzeugungen verändern.

(19) Verschiedene Ähnlichkeiten können mitein­ander, nicht aber mit Unähnlichkeiten verbunden werden.

*228. Die Ähnlichkeiten variieren auf mancherlei Weise und sind mehr oder weniger weit entfernt voneinander. Und dennoch können die entfernten mit der Zeit auf mancherlei Weise mit­einander verbunden werden, vor allem durch Anpassung an die Wünsche der anderen Seite, durch gegenseitige Dienst­leistungen, durch Höflichkeit, Enthaltsamkeit von unzüchti­gen Handlungen, gemeinsame Liebe zu den Kindern und Sorge für sie, vor allem aber durch Übereinstimmung in allem, was die Kirche betrifft. Die kirchlichen Dinge bewirken näm­lich eine Verbindung der einander entfernten Ähnlichkeiten auf innerliche Weise, was andere Dinge nur auf äußerliche Weise zustande bringen. Zwischen den wirklichen Unähn­lichkeiten kann es freilich keine Verbindung geben, weil sie ab­stoßend sind.

(20) Der Herr sieht für Menschen, die sich nach der wahren ehelichen Liebe sehnen, eine Ähnlichkeit vor, und findet diese sich nicht auf Erden, so sorgt er dafür, daß das in den Himmeln geschieht.

*229. Denn alle Ehen, die auf wahrer ehelicher Liebe beruhen, werden vom Herrn selbst gestiftet; man vgl. oben #130 f. Wie das in den Himmeln vorgesehen wird, hörte ich Engel folgendermaßen beschreiben: Die Gött­liche Vorsehung des Herrn sei hinsichtlich der Ehen wie auch in den Ehen zugleich allumfassend und beträfe die letzten Einzelheiten, weil alle Freuden des Himmels aus den Freu­den der ehelichen Liebe entspringen, gleich dem Süßwasser aus einer Quelle. Deshalb werde dafür gesorgt, daß eheliche Paare geboren werden. Unter Leitung des Herrn würden sie beständig für ihre zukünftige Ehe erzogen, ohne daß es dem betreffenden Knaben oder Mädchen bewußt werde. Wenn dann die Zeit reif und das Mädchen zur Jungfrau und der Knabe zum heiratsfähigen Jüngling herangewachsen seien, träfen sie einander irgendwo, wie durch eine schicksalhafte Fügung. Umgehend erkennen sie, wie aus Instinkt, daß sie einander gleichen, und als spräche eine innere Stimme, denkt dann der Jüngling bei sich: Sie ist mein, und die Jungfrau: Er ist mein. Eine Zeitlang bewegen sie das in ihren Gemütern, spre­chen dann einander entschlossen an und verloben sich. Man sagt, das geschehe schicksalhaft, aus Instinkt oder Eingebung, weil es so erscheint, solange man nicht weiß, daß darunter eine Fügung der Göttlichen Vorsehung zu verstehen ist. Denn, wie gesagt, der Herr schließt die inneren Ähnlichkeiten auf, damit sie einander erkennen.

(21) Mangelt es an der ehelichen Liebe oder geht sie verloren, nähert sich der Mensch der Natur unvernünf­tiger Tiere,

*230. und zwar aus folgendem Grund: Soweit der Mensch in ehelicher Liebe lebt, ist er geistig, und nur soweit er das ist, ein Mensch. Der Mensch wird nämlich für ein Leben nach dem Tode geboren und erlangt dieses Leben, weil eine geistige Seele in ihm ist und er durch seinen Verstand zu ihr er­hoben werden kann. Wird dann auch sein Wille durch das ihm gegebene Vermögen dahin erhoben, so erwartet ihn nach dem Tode ein himmlisches Leben. Doch das Gegenteil ist der Fall, wenn er in einer der ehelichen Liebe entgegengesetzten Liebe lebt; denn soweit er darin lebt, ist er natürlich, und der bloß natürliche Mensch ähnelt hinsichtlich seiner Begierden, Liebe und damit zusammenhängenden Annehmlichkeiten dem Tier, mit dem alleinigen Unterschied, daß er fähig ist, den Verstand ins Licht der Weisheit und den Willen in die Wärme der himmlischen Liebe zu erheben; beide Fähigkeiten werden keinem Menschen genommen. Darum lebt der bloß natürliche Mensch trotz seiner Ähnlichkeit mit dem Tier in seinen Begierden, Trieben und entsprechenden Freuden nach dem Tode weiter, wenngleich in einem Zustand, der seinem tatsächlichen Leben entspricht. Es ist also ersichtlich, daß der Mensch je nach seinem Mangel an ehelicher Liebe zur Natur des Tieres herabsinkt. Darin scheint ein Widerspruch zu lie­gen, weil der Mangel bzw. der Verlust der ehelichen Liebe Wesen betrifft, die trotz allem Menschen sind. Ich rede aber von Menschen, die aus ihrer Liebe zur Unzucht die eheliche Liebe mißachten und so einen echten Mangel oder Verlust derselben erleiden.

Drei Denkwürdigkeiten sollen beigefügt werden:

*231. Die erste: Ich vernahm einst wiederholtes Geschrei. Es stru­delte wie durch Wasser hindurch aus der Unterwelt hervor. Auf der linken Seite tönte es: "Oh, wie gerecht!" auf der rech­ten: "Oh, wie gelehrt!' und von hinten: "Oh, wie weise!" Ich dachte bei mir, gibt es denn auch in der Hölle Gerechte, Ge­lehrte und Weise, und mich kam das Verlangen an, mich davon zu überzeugen. Vom Himmel her wurde mir gesagt: "Du wirst schon sehen und hören!" Da ging ich im Geist aus dem Haus und erblickte vor mir eine Öffnung, trat hinzu und blickte hinab, und siehe, da stand eine Leiter, an der ich hin­abstieg. Als ich unten ankam, sah ich eine Ebene mit Büschen, dazwischen Dornen und Brennesseln. Ich erkundigte mich, ob das hier die Hölle sei. Die Antwort lautete: Es ist die un­tere Erde, unmittelbar über der Hölle. Nun folgte ich dem Ge­schrei der Reihe nach und gelangte so zum ersten: "Oh, wie ge­recht!" Ich erblickte eine Versammlung von Geistern, die in der Welt Richter gewesen und ihr Urteil nach Freundschaft und Geschenken gefällt hatten. Als ich zum zweiten Geschrei kam: "Oh, wie gelehrt!" sah ich Geister versammelt, die in der Welt nach Belieben alles begründet hatten. Ich wandte mich wieder ab und näherte mich denen, die in der Welt ihre Urteile, durch Freundschaft und Geschenke bestochen, gefällt hatten und nun als Gerechte ausgerufen wurden. Auf der Seite sah ich etwas wie ein Amphitheater, aus Backsteinen erbaut und mit schwarzen Ziegeln bedeckt. Man sagte mir, es würde ihnen als Gerichtshof dienen. Drei Eingänge vom Norden und drei vom Westen standen offen, jedoch keine von Süden und Osten   ein Zeichen, daß ihre Urteile nichts mit Gerechtigkeit, son­dern nur mit Willkür zu tun hatten. In der Mitte des Amphitheaters sah man einen offenen Herd, auf den die Brandwächter Schwefel  und Pechfackeln warfen, deren Schein an die übertünchten Wände Bilder wie von Abend ­und Nachtvögeln warfen. Der offene Herd aber und die von seinem Feuerschein an die Wand geworfenen Bilder waren bloß Vorbildungen ihrer Urteilssprüche, denn die beruhten auf ihrer Fähigkeit, die Inhalte jeden Rechtsstreits wie mit farbiger Schminke zu übertünchen und die ihnen genehmen beliebi­gen Erscheinungsformen zu verleihen. Nach einer halben Stunde sah ich alte Männer und Jünglinge in verbrämten Röcken und Mänteln eintreten. Sie legten ihre Hüte ab und setzten sich auf die Stühle an den Tischen, um Gericht zu hal­ten. Nun hörte und bemerkte ich, wie geschickt und scharf­sinnig sie ihre Urteile beugten und verdrehten, um ihnen den Anschein von Gerechtigkeit zu geben — soweit, daß sie das Un­recht schließlich selbst als gerecht und umgekehrt das Recht als ungerecht ansahen. Diese Selbstüberredungen erschie­nen auch auf ihren Gesichtern und ließen sich aus ihren Reden entnehmen. Nun wurde mir aus dem Himmel Erleuchtung zuteil, und ich konnte im einzelnen wahrnehmen, was rech­tens und nicht rechtens war, wie betriebsam sie die Unge­rechtigkeit verhüllten und ihr den Anschein der Gerechtig­keit gaben, wie sie aus den Gesetzen das für sie jeweils gün­stigste auswählten, die anderen Gesetze aber durch ihre Auslegungskünste damit in Übereinstimmung brachten. Nach der Sitzung wurden die Richtersprüche den befreunde­ten Schützlingen und Gönnern übergeben, und diese schrien nun, um sich für die Gunst erkenntlich zu zeigen: "Oh, wie gerecht, oh, wie gerecht!"

Anschließend sprach ich mit den Engeln des Himmels über sie und berichtete ihnen einiges von dem Gesehenen und Gehörten. Die Engel erklärten, derartige Richter machten auf andere den Eindruck, als hätten sie den schärfsten Ver­stand, während sie doch in Wirklichkeit von dem, was recht und billig sei, nicht das geringste verstünden. "Siehst du ein­mal von der Freundschaft ab, die sie für irgend jemand hegen, so sitzen sie im Gericht stumm wie Bildsäulen und sagen nur immer: Ich stimme dem oder dem bei, richte mich nach dem und dem. Im Grund sind einfach alle ihre Urteile Vorurteile; das Vorurteil begleitet aber die Sachlage von Anfang bis zu Ende mit seiner Gunst. Sie sehen daher nur, was dem Freund nützt. Alles, was gegen ihn spricht, schieben sie beiseite. Müs­sen sie den Gegenstand wieder aufnehmen, so umspinnen sie ihn mit ihren Vernünfteleien, geradeso wie die Spinne ihren Fang mit ihren Fäden, um ihn dann abzutun. Daher sehen sie nur das Recht, das aus dem Gespinst ihres Vorurteils entsteht. Man hat sie geprüft, wie weit sie wirklich objektiv sehen kön­nen und dabei erkannt, daß sie dazu nicht fähig sind. Die Be­wohner deiner Welt werden sich darüber wundern, aber sage ihnen nur, daß dies eine von den Engeln des Himmels er­probte Wahrheit sei. Weil sie keine Gerechtigkeit zu erkennen vermögen, betrachten wir im Himmel sie nicht als Menschen, sondern als Monster, bei denen Fragen der falschen Freund­schaft das Haupt, die der Ungerechtigkeit die Brust, die der Begründung die Füße, und Dinge der Gerechtigkeit die Fuß­sohlen darstellen. Die Sache der Gerechtigkeit aber treten sie mit Füßen, sobald sie gegen ihren Freund spricht. Wie sie uns aber vom Himmel her erscheinen, wirst du gleich sehen, denn ihr Ende ist gekommen."

Und siehe, da tat sich plötzlich der Boden auf, die Tische fielen übereinander, und sie selbst wurden samt dem Amphitheater verschlungen, in Höhlen geworfen und eingekerkert. Nun fragte man mich, ob ich sie dort sehen wolle. Und siehe, sie erschienen, die Gesichter wie von poliertem Stahl, die Leiber vom Nacken bis zu den Lenden wie aus Stein ge­hauen, gekleidet in Leopardenfelle und mit Füßen wie Schlan­gen. Die Gesetzbücher, die auf den Tischen gelegen hatten, sah ich nun in Spielkarten verwandelt, und statt zu richten wurde ihnen der Auftrag gegeben, Zinnober zu Schminke zu bereiten und damit die Gesichter der Huren zu bemalen, um sie in Schönheiten zu verwandeln.

Danach wollte ich mich auch noch zu den beiden ande­ren Versammlungen begeben, der einen, die aus lauter Vernünftlern und der anderen, die aus lauter Begründern bestand. Doch sagte man mir: "Ruh dich zuerst ein wenig aus; es werden dir Engel aus der nächsthöheren Gesellschaft bei­gegeben werden. Durch sie wirst du vom Herrn Licht emp­fangen und Erstaunliches zu sehen bekommen."

Die zweite Denkwürdigkeit:

*232. Einige Zeit darauf hörte ich aus der unteren Erde wieder Stimmen aufsteigen, wie zuvor: "Oh, wie gelehrt!" und: "Oh, wie weise!" Ich schaute mich um, was für Engel wohl zugegen sein mochten, und siehe, es waren Engel, deren Himmel unmittelbar über dem Gebiet jener lag, denen die Rufe galten: "Oh, wie gelehrt!" Ich sprach mit ihnen über diese Rufe, und sie erklärten mir, es handle sich dabei um Gelehrte, die immer nur darüber ver­nünfteln, ob etwas sei oder nicht sei, aber selten dächten, daß es wirklich sei. Sie ähnelten daher Winden, die wehen und vorüberstreichen, oder der Rinde um Bäume ohne Mark, Mandelschalen ohne Kern oder Häuten um Früchte ohne Fleisch. "Ihr Geist ist ohne innere Urteilskraft und nur mit den Körpersinnen verbunden. Darum können sie nur zu einem Schluß kommen, wenn ihre Sinne urteilen. Mit einem Wort, sie sind nur sinnlich. Wir nennen sie die Vernünftler, weil sie nie zu einem Schluß kommen, nur aufnehmen, was sie hören und dann darüber diskutieren, ob es überhaupt sei, wobei sie dauernd Widersprüche vorbringen. Nichts lieben sie mehr als die Wahrheiten anzugreifen, sie in ihren Streit hineinzu­ziehen und so zunichte zu machen. Sie halten sich für die aller Welt überlegenen Gelehrten."

Als ich das vernommen hatte, bat ich die Engel, mich zu ihnen zu führen, und sie geleiteten mich zu einer Höhle, von der eine Treppe zur unteren Erde führte, die wir hinabstie­gen, dem Rufe folgend: "Oh, wie gelehrt!" Und siehe, es han­delte sich um einige hundert Geister, die auf einer Stelle den Boden mit ihren Füßen zerstampften. Ich wunderte mich an­fangs darüber und fragte: "Warum stehen sie so da und stamp­fen mit den Füßen den Boden? Wenn sie so weitermachen", fügte ich hinzu, "könnten sie leicht den Boden durchstamp­fen" Darüber lächelten die Engel und sagten: "Es scheint nur so, als träten sie auf der Stelle, weil sie nie eine Sache akzep­tieren, wie sie nun einmal ist, sondern immer nur fragen, ob sie auch wirklich so sei und sich darüber streiten. Da sie sich aber keine weitergehenden Gedanken machen, scheint es, als ob sie immer auf der Stelle träten und sie breit stampften, ohne je voranzukommen."

Nun ging ich näher heran, und siehe, sie schienen mir wie Menschen mit nicht unschönen Gesichtern und in an­ständigen Kleidern. Doch die Engel sprachen: "Sie erscheinen so nur in ihrem eigenen Licht, sobald jedoch aus dem Himmel Licht einströmt, verändern sich ihre Gesichter und auch ihre Kleider." Das geschah denn auch, und nun erschienen mir ihre Gesichter rußfarben und ihre Kleider wie schwarze Säcke. Als sich das Licht wieder zurückzog, sahen sie wieder aus wie zu­vor. Es dauerte nicht lange, da kam ich auch mit einigen von ihnen ins Gespräch und sagte: "Ich habe gehört, wie die Menge um euch her ausrief: ,Oh, wie gelehrt!' Erlaubt mir darum, mich mit euch über einige Fragen zu unterhalten, die zu den Gegenständen der höchsten Gelehrsamkeit zählen." Sie antworteten: "Frage nur, was du willst, wir werden dich zu­friedenstellen." Ich fragte nun: "Wie beschaffen muß eine Re­ligion sein, durch die der Mensch selig wird?" Sie erwiderten: "Laßt uns diese Frage zunächst in mehrere unterteilen; bevor wir uns nicht darüber schlüssig geworden sind, können wir darauf nicht antworten. Zuerst werden wir untersuchen müs­sen, ob die Religion überhaupt etwas Objektives ist, zweitens ob es so etwas wie eine Seligmachung überhaupt gibt oder nicht, drittens ob die eine Religion wirksamer ist als die an­dere, viertens ob es Himmel und Hölle und, fünftens, ob es überhaupt ein Leben nach dem Tode gibt." Als ich nach dem ersten Punkt fragte, ob die Religion überhaupt etwas sei, be­gannen sie unzählige Gründe pro und contra aufzuzählen. Zunächst, ob es so etwas wie Religion überhaupt gebe und ob, was man so nenne, auch wirklich etwas Objektives sei. Ich bat sie, diese Frage ihrer Versammlung vorzulegen, was sie auch taten. Die gemeinsame Antwort lautete, dieses Thema bedürfe einer weitläufigen Untersuchung und könne an   einem Abend nicht behandelt werden. Ich fragte: "Könntet ihr das Problem vielleicht in einem Jahre lösen?" Jemand ant­wortete: "Nicht in hundert Jahren!" Auf meine Frage, ob sie also in der Zwischenzeit ohne Religion wären, antwortete er: "Muß nicht zuerst einmal bewiesen werden, daß es Religion gibt und daß das, was man so nennt, auch wirklich etwas Ob­jektives ist? Ist sie das, wird sie es auch für die Weisen sein, wenn nicht, wohl nur für den Pöbel. Die Religion wird ja be­kanntlich als ein Band (vinculum = Band oder Fessel) be­zeichnet; es fragt sich nur, für wen? Ist sie das nur für's ge­meine Volk, so ist sie an sich nichts, ist sie es aber auch für die Weisen, so ist sie etwas Objektives."

Als ich das vernahm, sagte ich: "Ihr seid alles andere als Gelehrte, könnt euch über nichts anderes Gedanken machen, als ob etwas überhaupt sei und dies dann nach allen Seiten drehen und wenden. Wer kann Gelehrsamkeit erlangen, ohne von etwas Gewissem auszugehen, dann von dort Schritt für Schritt weiterzugehen und nach und nach Weisheit zu erlan­gen? Ihr berührt ja die Wahrheiten nicht einmal mit der Fin­gerspitze, sondern verliert sie mehr und mehr aus den Augen. Nur darüber vernünfteln, ob etwas sei oder nicht sei   ist das nicht etwa so, als vernünftelte man über ein Hut, den man doch niemals aufsetzt oder über einen Schuh, den man nie anzieht? Folgt daraus nicht nur, daß ihr nicht wißt, ob es über­haupt etwas gibt, nicht einmal ob es eine Seligmachung und ein Leben nach dem Tode gibt, ob die eine Religion mehr be­wirkt als die andere und ob es Himmel und Hölle gibt? Ihr könnt euch in Wirklichkeit gar keine Gedanken darüber ma­chen, weil ihr beim ersten Schritt stehen bleibt, auf der Stelle tretet, ohne je einen Fuß vor den anderen zu setzen und vor­wärtszuschreiten. Hütet euch davor, eure Gemüter ohne jedes Urteil zu lassen, euch inwendig zu verhärten und zu Salzsäu­len zu werden, zu Freunden von Lot's Weib." Nach diesen Wor­ten begab ich mich hinweg. Sie aber warfen mir in ihrem Un­willen Steine nach und erschienen mir dabei wie steinerne Standbilder, ohne einen Funken menschlicher Vernunft. Ich befragte die Engel über ihr Los; sie antworteten: "Sie werden in die Tiefe hinabgelassen und in eine Wüste versetzt, wo man sie anhält, Lasten zu schleppen. Und da sie unfähig sind, etwas Vernünftiges vorzubringen, schwatzen und reden sie über lau­ter unnützes Zeug. Von ferne erscheinen sie wie Lastesel."

Die dritte Denkwürdigkeit:

*233. Einer der Engel sprach nun: "Folge mir an den Ort, wo sie schreien: "Oh, wie weise!" und fügte hinzu: "Du wirst Scheusale von Menschen sehen; zwar erscheinen sie mit menschlichen Gesichtern und Lei­bern, sind aber in Wirklichkeit eigentlich gar keine Menschen " Ich fragte: "Ja, sind sie denn Tiere?" Der Engel antwortete: "Nein, aber Tiermenschen. Sie können nämlich in keiner Weise darüber urteilen, ob etwas, das als wahr ausgegeben wird, wirklich wahr ist oder nicht. Und doch sind sie fähig, alles, was sie wollen, als wahr hinzustellen. Wir nennen sie daher die Begründer." Nun folgten wir dem Geschrei und kamen an ihren Ort. Und siehe, da gab es eine Versammlung von Männern, um die sich eine Volksmenge scharte, darun­ter aber auch einige von edler Abkunft. Als diese hörten, daß jene Männer alles, was sie behaupteten, zu begründen ver­möchten und ihnen durch ihre offenkundige Zustimmung nützlich sein könnten, wandten sie sich um und riefen: "Oh, wie weise!" Der Engel sagte mir aber: "Wir wollen nicht zu ihnen hingehen, sondern lieber einen aus der Versammlung herausrufen." Das taten wir denn auch, begaben uns mit dem Betreffenden auf die Seite und unterhielten uns mit ihm über allerlei. Er aber begründete eine Behauptung nach der an­deren, bis zuletzt alles als vollkommen wahr erschien. Als wir ihn fragten, ob er auch das Gegenteil beweisen könnte, erwi­derte, er könne das eine so gut wie das andere und sprach nun ganz offen: "Was ist Wahrheit? Gibt es denn der Natur der Dinge nach eine andere Wahrheit, als was der Mensch dazu macht? Nenne mir irgend etwas, und ich beweise dir, daß es wahr ist." Ich sagte: "So erhebe zur Wahrheit, daß der Glaube in der Kirche die Hauptsache sei." Das tat er nun dermaßen ge­schickt und erfinderisch, daß ihn die umstehenden Gelehrten bewunderten und beklatschten. Hierauf bat ich ihn, als Wahr­heit zu beweisen, daß die Liebtätigkeit in der Kirche die Hauptsache sei. Auch das tat er. Auf eine weitere Aufforde­rung bewies er dann ebenso, daß die Liebtätigkeit überhaupt nichts mit der Kirche zu tun habe. Beides umkleidete und schmückte er so geschickt mit Scheingründen, daß die Um­stehenden einander anblickten und sagten: "Ist das nicht ein Weiser?" Ich aber sprach zu ihm: "Weißt du nicht, daß recht zu leben (bene vivere) Liebe und recht zu glauben (bene credere) Glaube ist und wer recht lebt, auch recht glaubt, daß folglich der Glaube zur Liebe und die Liebe zum Glauben gehört?" Er antwortete: "Ich will beweisen, daß das wahr ist und werde dann sehen." Das tat er denn auch und erklärte: "Ja, jetzt sehe ich es auch." Gleich darauf aber erklärte er auch das Gegenteil für wahr, indem er sprach: "Ich sehe auch, daß das wahr ist." Darüber lächelten wir und sagten. "Sind das nicht Wider­sprüche? Wie kannst du nur zwei einander widersprechende Sätze gleichzeitig für wahr halten?" Unwillig kam die Antwort: "Ihr irrt, beides ist wahr, weil nur das wahr ist, was der Mensch zur Wahrheit erklärt."

In der Nähe stand jemand, der in der Welt ein Gesand­ter ersten Grades gewesen war. Dieser wunderte sich über das Gehörte und sagte: "Ich will ja gelten lassen, daß in der Welt dergleichen vorkommen mag, aber du treibst es denn doch ad absurdum. Beweise doch einmal, wenn du's fertig bringst, daß Licht Finsternis und Finsternis Licht ist!" "Nichts leichter als das." entgegnete jener: "Licht und Finsternis hängen nur vom Zustand des Auges ab. Verwandelt sich nicht das Licht in Schatten, wenn das Auge plötzlich aus dem Sonnenlicht her­auskommt, ebenso wenn es unverwandt in die Sonne blickt? Wer wüßte nicht, daß sich dann der Zustand der Augen ver­ändert und infolgedessen das Licht als Schatten erscheint, umgekehrt aber der Schatten als Licht, wenn sich der Zustand des Auges wiederherstellt? Ist nicht für die Nachteule die nächtliche Finsternis wie das Tageslicht, dieses aber nächtli­che Finsternis, in der die Sonne als eine schwärzlich dunkle Kugel erscheint? Hätte der Mensch Augen wie die Eule, was würde er dann Licht, was Finsternis nennen? Wovon hängt also das Licht ab, wenn nicht vom Zustand des Auges, und ist dann nicht das Licht Finsternis und die Finsternis Licht? Darum ist das eine ebenso wahr wie das andere." Nun bat ihn der Gesandte, er möge beweisen, daß der Rabe weiß und nicht schwarz sei. "Auch das ist für mich eine Kleinigkeit", erwiderte dieser. "Nimm eine Nadel oder ein Taschenmesser und öffne damit die Flaum  oder Flügelfeder des Raben. Sind sie nicht innen weiß? Entferne dann die Flügel  und Flaumfedern und betrachte die Haut des Raben. Ist sie nicht weiß? Ist das Schwarze, das den Raben rings umgibt, nicht nur etwas wie ein Schatten, nach dem man nicht über seine Farbe urteilen kann? Frage die Kenner der Optik; sie werden dir erklären, daß schwarz nichts als Schatten ist. Oder nimm einen schwarzen Stein oder ein schwarzes Glas und zermahle sie zu einem fei­nen Pulver; du wirst sehen, es ist weiß." Der Gesandte wandte ein, der Rabe erscheine aber doch dem Auge schwarz. Der Be­gründer erwiderte: "Willst du, der du doch ein Mensch bist, nach dem bloßen Schein urteilen? Du kannst zwar aufgrund des äußeren Anscheins sagen, der Rabe sei schwarz, es aber nicht denken; wie du zum Beispiel auch dem Schein entspre­chend sagst, die Sonne gehe auf, laufe ihre Bahn und gehe schließlich wieder unter. Aber du denkst es als gebildeter Mensch nicht, weil du ja weißt, daß die Sonne still steht und sich nur die Erde um sie herum bewegt und zugleich dabei weiterdreht. Ebenso verhält es sich auch mit dem Raben. Schein ist Schein. Du kannst also sagen, was du willst, der Rabe ist doch ganz und gar weiß, und er wird auch, wie ich selbst ge­sehen habe, im Alter weiß."

Wir baten ihn nun, uns offen zu sagen, ob er bloß scherze oder ob er wirklich glaube, daß wahr nur das sei, was der Mensch zur Wahrheit mache. Er antwortete. "Ich schwöre, daß ich das glaube." Daraufhin fragte ihn der Gesandte, ob er wohl auch beweisen könne, daß er selbst ein Tor sei; seine Antwort: "Freilich kann ich das, will es aber nicht. Und übrigens: wer ist denn kein Narr?"

Danach schickte man den Allesbegründer zu den Engeln, die ihn auf seinen Geisteszustand hin untersuchen sollten. Sie taten das und erklärten anschließend, daß er nicht ein Körnchen Verstand besitze, weil bei ihm alles oberhalb des Rationalen verschlossen sei und nur offen stehe, was darunter liege. Über dem Rationalen leuchtet das himmlische Licht, darunter das natürliche, das so beschaffen ist, daß sich in ihm alles begründen läßt, was man nur will. Wenn aber das himm­lische Licht nicht ins natürliche einfließt, kann der Mensch nicht erkennen, ob etwas Wahres wahr und folglich auch nicht, ob etwas Falsches falsch ist. Diesen Unterschied erken­nen zu können, ist Folge der Anwesenheit des himmlischen Lichts im natürlichen. Das himmlische Licht aber kommt vom Gott des Himmels, dem Herrn. Jener Allesbegründer ist daher weder Mensch noch Tier, sondern ein Tiermensch.

Ich fragte den Engel nach dem Schicksal solcher Leute, ob sie wohl überhaupt mit den Lebenden zusammen sein könnten, da doch der Mensch sein Leben aus dem himmli­schen Licht und daraus auch seinen Verstand besitzt. Der Engel antwortete, sie könnten für sich allein weder denken noch reden, sondern stünden stumm wie Maschinen und wie in tiefen Schlaf versunken da. Aber fingen sie etwas mit ihren Ohren auf, dann erwachten sie. Er setzte hinzu, sie würden zu Wesen, die im Innersten böse sind. In sie könne von oben her kein himmlisches Licht einfließen, sondern nur etwas gei­stiges Licht von der Welt her, das sie befähige, alles zu be­gründen.

Danach hörte ich eine Stimme aus der Schar der Engel, die ihn untersucht hatten, zu mir sprechen: "Zieh aus dem, was du gehört hast, einen allgemeinen Schluß!" Ich zog fol­genden: "Einsicht besteht nicht darin, zu begründen, was einem gerade in den Sinn kommt, sondern den Unterschied zwischen Wahrem und Falschem zu erkennen."

Das Volk aber, das die Begründer umgab, hörte ich wei­terhin rufen: "Oh, wie weise!" Und siehe, eine dunkle Wolke umhüllte sie, und in der Wolke flogen Eulen und Fledermäuse. Man sagte mir: "Eulen und Fledermäuse, die in dieser dunk­len Wolke umherfliegen, sind Entsprechungen, also Erschei­nungen, in denen sich ihre Gedanken ausdrücken. Denn in dieser Welt werden Falschheiten, die soweit begründet wer­den, daß sie als Wahrheiten erscheinen, in Form von Nacht­vögeln vorgebildet, deren Augen von innen her ein Irrlicht (quorum oculos fatua lux intus illuminat) erleuchtet, aus dem sie Gegenstände, die im Dunkel liegen, wie im Licht sehen. Ein solches Irrlicht leuchtet allen, die Falsches solange begrün­den, bis es als Wahrheit erscheint und dann auch so genannt und für wahr gehalten wird. Sie alle sind in einem Zustand, da sie nur a posteriori und nicht a priori sehen können.1

1) Anm. d.Ü's: In #408 dieses Werkes wird erklärt, was mit der Schau a priori und a posteriori gemeint ist: "Denken und folgern aus dem Inneren und Früheren (ex interiori et priori), heißt von den End­zwecken und Ursachen her denken und auf die Wirkungen schließen. Denken und schließen vom Äußeren oder Späteren her (ex exteriori seu posteriori), heißt von den Wirkungen her auf die Ursachen und Zwecke schließen. Dieses Vorgehen ist gegen die Ordnung, jenes aber der Ordnung gemäß."

Die Ursachen der ehelichen Kälte, der Trennungen und Scheidungen.

*234. Mit den Ursachen der ehelichen Kälte werden hier zugleich auch die Ursachen der Trennungen und Scheidun­gen behandelt, weil all dies zusammenhängt. Trennungen be­ruhen nämlich auf nichts anderem als auf Kälte, die sich nach der Verehelichung allmählich einstellt, oder auf Ursachen, die erst nachher entdeckt werden und ebenfalls eheliche Kälte auslösen. Scheidungen beruhen meist auf Ehebrüchen, weil diese den Ehen entgegengesetzt sind und Gegensätze Kälte auslösen   wenn nicht bei beiden Teilen, so doch bei dem einem. Darum also werden die Ursachen der Kälte, der Tren­nungen und Scheidungen in ein Kapitel zusammengefaßt. Wie diese Ursachen zusammenhängen, wird klarer, wenn man sie der Reihenfolge nach betrachtet:

  1. Man muß unterscheiden zwischen geistiger Wärme und geistiger Kälte. Geistige Wärme ist Liebe, geistige Kälte Lieblosigkeit.

  2. Geistige Kälte in den Ehen bedeutet Entzweiung und Trennung von Seele und Gemüt; das Resultat ist Gleich­gültigkeit, Uneinigkeit, Verachtung, Widerwillen, Abscheu und infolgedessen bei vielen auch die Trennung von Bett und Tisch.

  3. Es gibt verschiedene Ursachen der Kälte; einige sind in­nerer, andere äußerer und wieder andere mehr zufälli­ger Natur.

  4. Die inneren Ursachen der ehelichen Kälte sind religiö­ser Natur.

  5. An erster Stelle steht die Ablehnung der Religion von seiten beider Ehegatten.

  6. Die zweite besteht darin, daß ein Teil religiös ist, der an­dere nicht.

  7. Die dritte, daß ein Gatte einer anderen Religion angehört als der andere.

  8. Die vierte innere Ursache ehelicher Kälte besteht in der Verinnerlichung einer falschen Religion.

  9. Diese Ursachen erzeugen oft innere Kälte, aber nicht zugleich auch äußere.

  10. Es gibt auch viele äußere Gründe für eheliche Kälte, dabei steht an erster Stelle die Verschiedenheit der Ehegatten in ihren Ansichten und Sitten.

  11. An zweiter Stelle steht die Überzeugung, die eheliche Liebe unterscheide sich nicht von hurerischer Liebe, nur daß diese vom Gesetz verboten, jene aber erlaubt sei.

  12. Die dritte Ursache liegt im Kampf um die Herrschaft zwi­schen den Ehegatten.

  13. Die vierte ist die Folge von Müßiggang, wenn man sich zu keiner Beschäftigung und keinem Beruf entschließen kann; das Resultat ist ausschweifende Begierde.

  14. Als fünfte Ursache ist die äußere Ungleichheit von Stand und Stellung zu nennen.

  15. Auch die Gründe für Trennungen sind vielfältig.

  16. Der erste legitime Grund ist eine bestehende Gemüts­krankheit.

  17. Der zweite Grund ist ein schweres leibliches Gebrechen.

  18. Der dritte legitime Trennungsgrund ist eine schon vor der Ehe bestehende Impotenz.

  19. Ehebruch ist der Haupt Grund der Scheidung.

  20. Es gibt auch eine Reihe von Nebenursachen: Erstens die Gleichgültigkeit, die sich aus dem Recht zu jederzeiti­gem Verkehr ergibt.

  21. Zweitens, daß der Verkehr mit der Ehegattin durch das Gesetz erzwungen und nicht freiwillig zu sein scheint.

  22. Der dritte Grund ist Zudringlichkeit von seiten der Gattin und ihr häufiges Gerede von Liebe.

  23. Der vierte Grund ergibt sich, wenn der Mann Tag und Nacht meint, die Gattin wolle den Beischlaf, diese aber umgekehrt denkt, er wolle ihn nicht.

  24. Wie die Kälte im Gemüt ist, so ist sie auch im Körper, und je wie die Kälte zunimmt, wird auch das Äußere des Körpers verschlossen.

Und nun im einzelnen:

(1) Man muß unterscheiden zwischen geistiger Wärme und geistiger Kälte. Geistige Wärme ist Liebe, gei­stige Kälte Lieblosigkeit.

*235. Die geistige Wärme entspringt allein aus der Sonne der geistigen Welt, die vom Herrn ausgeht und in deren Mitte er selbst ist. Und weil diese Sonne vom Herrn stammt, so besteht sie aus reiner Liebe. Vor den Engeln erscheint sie als Feuer, ganz wie uns Menschen die Sonne un­serer Welt. Sie erscheint aber so, weil die Liebe ein geistiges Feuer ist. Diese Sonne strahlt Wärme und Licht aus. Weil sie aber reine Liebe ist, so ist auch ihre Wärme dem Wesen nach Liebe und ihr Licht Weisheit. Damit ist klar, woher die geistige Wärme kommt und daß sie Liebe ist. Mit wenigen Sätzen soll aber auch erklärt werden, woher die geistige Kälte kommt. Sie entstammt der Sonne der natürlichen Welt und deren Wärme und Licht.

Die Sonne der natürlichen Welt ist dazu geschaffen, in ihre Wärme und ihr Licht geistige Wärme und geistiges Licht aufzunehmen und mittels der Atmosphären bis zu den letzten Dingen auf Erden zu transportieren. So sollen die Zwecke ver­wirklicht werden, die der Herr mit seiner geistigen Sonne ver­folgt. Auf diese Weise werden die geistigen Dinge mit ent­sprechenden Hüllen versehen, d.h. mit materiellen Stoffen bekleidet, um in der Natur die letzten Zwecke zu bewirken. Dies geschieht tatsächlich, wenn sich die geistige Wärme der natürlichen einfügt. Das Gegenteil tritt jedoch ein, wenn sich die natürliche Wärme von der geistigen trennt, wie es bei den Menschen geschieht, die das Natürliche lieben und das Gei­stige ablehnen. Bei ihnen wird die geistige Wärme zur Kälte. Jene beiden Liebesarten geraten, obgleich von der Schöpfung her in Übereinstimmung, auf diese Weise in Gegensatz zuein­ander, weil die Wärme, die herrschen sollte, zur dienenden gemacht wird, und umgekehrt. Um das zu verhindern, zieht sich die geistige Wärme, der die Herrschaft gebührt, zurück. Als Folge davon wird in den betreffenden Menschen die gei­stige Wärme zum Gegenteil, zur Kälte. Damit ist deutlich, daß geistige Kälte auf dem Verlust der geistigen Wärme beruht.

In dem soeben Ausgeführten wird unter Wärme Liebe verstanden, weil sie von den lebenden Subjekten als Liebe emp­funden wird. Aus der geistigen Welt habe ich gehört, daß die nur natürlichen Geister vom Gefühl heftiger Kälte ergriffen wer­den, wenn sie sich an die Seite eines Engels heranmachen, der im Zustand der Liebe ist, und daß dasselbe auch für die hölli­schen Geister gilt, wenn bei ihnen Wärme aus dem Himmel einfließt. Unter sich freilich erglühen sie, solange sie von der himmlischen Wärme abgeschlossen sind, von großer Hitze.

(2) Geistige Kälte in den Ehen bedeutet Entzwei­ung und Trennung von Seele und Gemüt; das Resultat ist Gleichgültigkeit, Uneinigkeit, Verachtung, Widerwillen, Abscheu und infolgedessen bei vielen auch die Trennung von Bett und Tisch.

*236. Das ist nur allzu bekannt bei Eheleuten, so­bald ihre erste Liebe verflogen und an ihrer Stelle Kälte ein­getreten ist. Daher muß es hier nicht weiter ausgeführt wer­den. Der Grund dieser Erscheinung ist, daß die eheliche Kälte ihren Sitz im Gemüt oberhalb jeder anderen Form von Kälte hat, ist doch das eheliche Prinzip (ipsum conjugiale) der Seele eingeschrieben, damit sie sich in anderen Seelen fortpflanze, nämlich vom Vater auf die Kinder. Darum beginnt auch dort die Kälte und senkt sich allmählich auf die folgenden Gemüts­bereiche herab, steckt sie an und verwandelt auf diese Weise die Freuden und Annehmlichkeiten der ersten Liebe in Trauer und Unlust.

(3) Es gibt verschiedene Ursachen der Kälte; einige sind innerer, anderer äußerer und wieder andere zufälliger Natur.

*237. Es ist bekannt, daß die eheliche Kälte viele Ursachen hat, und man weiß auch, daß sie auf vielen äußeren Ursachen beruhen. Man weiß jedoch nicht, daß die Gründe für ihre Ent­stehung im Innersten des Menschen verborgen liegen und sich von da aus auf die untergeordneten Bereiche ausdehnen, bis sie schließlich auch im Äußeren sichtbar werden. Um zu zeigen, daß die äußeren Gründe von den eigentlichen, den innersten Ursachen nur abgeleitet sind, nehmen wir zunächst eine allgemeine Einteilung in innere und äußere Ursachen vor, die dann im einzelnen untersucht werden.

(4) Die inneren Ursachen der Kälte sind religiöser Natur.

*238. Der eigentliche Ursprung der ehelichen Liebe liegt im Innersten des Menschen, das heißt in seiner Seele. Davon kann sich jeder schon aufgrund der Tatsache überzeugen, daß die Seele des Kindes vom Vater stammt. Man erkennt es an der Ähnlichkeit der Neigungen und Triebe, wie an der allge­meinen Gesichtsbildung, die vom (Stamm )Vater her bis zur späten Nachkommenschaft erhalten bleibt; ferner an der den Seelen von der Schöpfung her angeborenen Fortpflanzungs-fähigkeit, und schließlich erkennt man es an der Analogie zu den Subjekten des Pflanzenreichs, weil im Innersten ihrer Keime die Fortpflanzungsfähigkeit des Samens und damit des ganzen Gewächses verborgen liegt, handle es sich um Baum, Strauch oder Staude. Diese Fortpflanzungs  oder Bildekraft in den Samen des Pflanzenreichs, aber auch in den Seelen des Tierreichs hat ihren Grund allein in der ehelichen Sphäre, d.h. in der Sphäre des Guten und Wahren, die vom Schöpfer und Erhalter der Welt unausgesetzt ausströmt und einfließt (vgl. #222 225) und in dem Streben des Guten und Wahren, sich zur Einheit zu verbinden.

Aus diesem den Seelen innewohnenden Streben hat die eheliche Liebe ursprünglich ihr Dasein. Im Kapitel über die Ehe des Guten und Wahren und auch sonst wurde immer wie­der gezeigt, daß eben diese Ehe als Ursprung jener universel­len Sphäre die Kirche beim Menschen bildet. Damit erscheint es völlig vernünftig, daß Kirche und eheliche Liebe densel­ben Ursprung im Gemüt haben und einander fortwährend ergänzen. Mehr darüber oben in #130, wo der Nachweis ge­führt wurde, daß die eheliche Liebe dem Zustand der Kirche beim Menschen entspricht, folglich auf seiner Religion be­ruht, weil sie diesen Zustand bewirkt. Der Mensch ist auch geschaffen, um immer innerlicher und näher zu jener Ehe ge­führt oder erhoben zu werden und damit zur wahren eheli­chen Liebe — soweit, daß er den Zustand ihrer Glückseligkeit auch wirklich innewird.

Daraus geht klar hervor, daß die Religion das einzige Mittel zu dieser Einführung oder Erhebung ist, weil Kirche und eheliche Liebe im Menschen denselben Ursprung und Sitz haben und in ständiger Verbindung miteinander sind, können sie doch nicht anders als verbunden sein.

*239. Aus allem folgt, daß es eheliche Liebe nur da gibt, wo Religion ist, und wo sie fehlt, Kälte eintritt. Oben in #235 hat man gesehen, daß die eheliche Kälte im Mangel an jener Liebe besteht. Folglich ist eheliche Kälte die Folge, wenn der Mensch in einem Zustand ohne Kirche oder Religion lebt. Das läßt sich hinreichend daraus ableiten, daß heutzutage eine allgemeine Unwissenheit über die wahrhaft eheliche Liebe herrscht. Wer wüßte denn, möchte anerkennen oder wun­derte sich nicht zumindest darüber, daß dies der Ursprung der ehelichen Liebe ist? Dafür gibt es nur den Grund, daß man zwar Religion hat, aber deren Wahrheiten nicht kennt. Was ist aber Religion ohne ihre Wahrheiten? In dem Werk "Die Ent­hüllte Offenbarung" ist dieser Mangel an Wahrheiten in den kirchlichen Konfessionen nachgewiesen worden. Man vgl. dort auch die in #566 berichtete Denkwürdigkeit.

(5) An erster Stelle steht die Verwerfung der Religion von seiten beider Ehegatten.

*240. Bei Menschen, welche die heili­gen Dinge der Kirche aus den Augen verlieren oder aus der Brust verbannen, gibt es keine gute Liebe. Wenn ihre körper­liche Liebe auch den Anschein erwecken mag, ist sie doch im Geist nicht vorhanden. Bei diesen Menschen legt sich das Gute von außen um das Böse und verhüllt es, vergleichsweise wie ein goldglänzendes Gewand einen modernden Leib. Das Böse im Inneren, das so verhüllt wird, ist im allgemeinen Haß, der in­nerlich gegen alles Geistige ankämpft. Die zur Kirche gehören­den Dinge, die sie verwerfen, sind ihrem Wesen nach geistig. Da nun, wie oben gezeigt wurde, die wahrhaft eheliche Liebe die Grundlage aller geistigen Liebesneigungen bildet, müssen diese Menschen die eheliche Liebe innerlich hassen, und da ihre eigene inwendige Liebe auf das Gegenteil zielt, ist sie also eine Liebe zum Ehebruch. Darum werden sie die Wahrheit, daß sich die eheliche Liebe beim Menschen je nach dem Zu­stand der Kirche bei ihm verhält, mehr als andere verspotten, ja, schon bei deren bloßer Erwähnung laut lachen. Sei's drum! Man muß dennoch nachsichtig mit ihnen sein, weil es ihnen unmöglich ist, zwischen den Umarmungen in der Ehe und in einer unzüchtigen Verbindung zu unterscheiden — ebenso un­möglich wie einem Kamel, durch ein Nadelöhr zu gehen. Sol­che Menschen empfinden stärkere Kälte als andere. Wenn sie noch eine gewisse Anhänglichkeit an ihre Frauen haben, so wegen der oben in #153 angeführten äußeren Ursachen, die ihnen Schranken auferlegen. Bei ihnen werden die inwendi­geren Bereiche von Seele und Gemüt immer mehr verschlos­sen und gegen den Leib hin verstopft. Auch ihre Geschlechts­liebe nimmt dann gemeine Züge an, d.h. sie wird im Inwen­digeren des Körpers und von daher im untersten Bereich ihres Denkens zur unsinnigen Geilheit. Von ihnen wird in der Denk­würdigkeit in #79 berichtet, die nachzulesen ist.

(6) Die zweite Ursache besteht darin, daß ein Teil religiös ist, der andere nicht.

*241. Die Seelen der Ehegatten sind dann unvermeidlicherweise uneins, ist doch die Seele des einen offen für die Aufnahme der ehelichen Liebe, die des an­deren aber verschlossen. Verschlossen ist sie bei dem, der keine Religion, geöffnet bei dem, der Religion hat. So wird ihr Zusammenleben schließlich unmöglich, und ist die eheliche Liebe einmal verbannt, tritt Kälte an ihre Stelle, allerdings nur beim religionslosen Gatten. Die Kälte läßt sich nur entfernen durch die Annahme einer Religion, die mit der des anderen Gatten übereinstimmt, vorausgesetzt, diese ist echt. Andern­falls entsteht beim religionslosen Gatten eine Kälte, die von der Seele in den Körper bis zur Haut hindurchdringt. Als Folge kann er dem Gatten nicht einmal mehr offen ins Gesicht schauen oder in ruhigem, nicht gepreßtem Ton mit ihm reden, ihn nicht bei der Hand fassen, geschweige denn am Rücken berühren — abgesehen von all den Unsinnigkeiten, die sich aus jener Kälte in die Gedanken einschleichen und worüber sie nicht miteinander sprechen. Aus diesem Grund lösen sich solche Ehen von selbst auf. Zudem ist bekannt, daß ein Gott­loser seinem Ehegatten gegenüber Verachtung empfindet. Gottlos sind alle Menschen ohne Religion.

(7) Die dritte Ursache besteht darin, daß der eine Gatte einer anderen Religion angehört als der andere.

*242. Bei solchen Ehegatten kann nämlich das Gute nicht mit seinem entsprechenden Wahren verbunden werden. Wie oben ge­zeigt, ist ja die Gattin das Gute des Wahren ihres Gatten und dieser das Wahre des Guten seiner Gattin. Im genannten Fall können sich daher die Seelen der beiden nicht zu einer Seele verbinden, folglich werden die Quellen der ehelichen Liebe verstopft. Ist das einmal geschehen, entsteht ein eheliches Verhältnis auf einer niedrigeren Stufe, das auf der Verbindung des Guten mit einem ihm fremden Wahren beruht, bezie­hungsweise des Wahren mit einem anderen Guten als dem ihm gemäßen. Zwischen ihnen ist eine einträchtige Liebe nicht möglich. Daher stellt sich bei dem Gatten, dessen Religion auf Falschem beruht, Kälte ein, eine Kälte, die um so stärker ist, als sich seine Religion von der des anderen Gatten unterscheidet.

Ich durchstreifte einst die Straßen einer großen Stadt, um eine Wohnung zu suchen und betrat ein Haus, in dem die Ehegatten verschiedenen Religionen angehörten. Sogleich sprachen mich, der ich das nicht ahnte, Engel an und sagten: "In diesem Hause können wir nicht mit dir zusammensein, weil die Ehegatten hier Religionen angehören, die sich be­feinden." Sie hatten das an der inneren Entzweiung der See­len der Bewohner erkannt.

(8) Die vierte innere Ursache ehelicher Kälte besteht in der Verinnerlichung einer falschen Religion.

*243. Falsch­heit in geistigen Dingen hebt nämlich die Religion entweder auf oder verunreinigt sie. Bei Menschen, die die echten Wahr­heiten verfälscht haben, hebt sie sie auf, bei anderen, die zwar auch in Falschem befangen sind, aber keine echten Wahrhei­ten kannten, sie daher auch nicht verfälschen konnten, ver­unreinigt sie die Religion. Bei ihnen kann es Gutes geben, dem der Herr das betreffende Falsche durch Anpassungen mit dem Guten zu verbinden vermag. Dieses Falsche gleicht nämlich verschiedenen Dissonanzen, die sich durch geschickte Über­leitungen und Verbindungen in Harmonien auflösen lassen, wodurch sie sogar gefällig werden. Bei diesen Menschen kann sich ein gewisser Grad von ehelicher Liebe entwickeln, nicht aber wenn sie die echten Wahrheiten der Kirche bei sich verfälscht haben. Daher stammt auch die herrschende Unwissenheit hinsichtlich der wahrhaft ehelichen Liebe bzw. der verneinende Zweifel, ob es sie überhaupt gibt. Darauf beruht auch die unsinnige Meinung, Ehebrüche seien kein religiö­ses Übel, wie viele Menschen törichterweise meinen.

(9) Die oben genannten Gründe sind bei vielen die Ursachen der inneren Kälte, nicht aber zugleich auch die der äußeren.

*244. Würden die bisher angeführten und begründe­ten Ursachen der Kälte im Inneren die gleiche Kälte auch im Äußeren bewirken, so gäbe es ebensoviele Trennungen wie innere Entfremdungen (frigora interna). Obwohl es ebenso­ viele Entfremdungen gibt wie Ehen zwischen Menschen, deren Religion entweder auf Falschem beruht oder ganz verschieden voneinander ist, bzw. die überhaupt keine Religion haben, wie gezeigt wurde, leben bekanntlich viele wie Lie­bende und Freunde zusammen. Im folgenden Kapitel wird den Ursachen der scheinbaren Liebe, Freundschaft und Gunst zwischen Ehegatten nachgegangen und darüber Auskunft ge­geben, wie es bei Menschen dazu kommen kann, obgleich ihre Liebe innerlich erkaltet ist. Aus verschiedenen Ursachen verbinden sich zwar die Gemüter (animos), aber nicht die See­len (animas) miteinander, einige davon wurden oben #183 aufgeführt. Inwendig verbirgt sich in solchen Ehen dennoch Kälte und macht sich zeitweise auch bemerkbar und fühlbar. Die Neigungen der Gatten entfernen sich voneinander, während sich ihre Gedanken, wie sie in ihren Reden und ihrem Verhalten zum Ausdruck kommen, einander aus scheinbarer Freundschaft und gegenseitiger Gunst nähern. Aber eben darum spüren die Betreffenden nichts von der Lieblichkeit und Annehmlichkeit, geschweige denn von der Wonne und Glückseligkeit wahrhaft ehelicher Liebe. Diese halten sie für bloße Märchen. Sie gehören zu denen, die die Ursprünge der ehelichen Liebe aus den Ursachen ableiten (effingunt), wie das die neun aus den verschiedenen Reichen versammelten Gruppen von Weisen taten, von denen oben in der #103 114 ; berichteten Denkwürdigkeit die Rede war.

*245. Man könnte gegen die obigen Darlegungen ein­wenden, die Seele pflanze sich ja doch vom Vater her fort, auch wenn sie nicht mit der Seele der Mutter verbunden ist, da ja die zwischen ihnen herrschende Kälte eine Trennung ihrer Seelen bewirke. Wenn Seelen bzw. Kinder dennoch fort­gepflanzt werden, so weil im Prinzip der Verstand des Mannes nicht derart verschlossen wird, daß er nicht ins Licht, in dem die Seele ist, erhoben werden könnte. Freilich wird die Liebe seines Willens nicht ohne weiteres in die dem dortigen Licht entsprechende Wärme erhoben, sondern nur durch ein Leben, daß ihn aus einem natürlichen zu einem geistigen Menschen macht. Daher kommt es in solchem Fall gleich­wohl zur Zeugung einer neuen Seele. Wenn diese aber herab­steigt und zum Samen wird, kleidet sie sich in Eigenschaften aus der natürlichen Liebe des Vaters. Daraus entspringt das Erbböse. Dem möchte ich ein Geheimnis aus dem Himmel beifügen: Zwischen innerlich getrennten Seelen zweier Men­schen, vor allem zweier Ehegatten, kommt es zur Verbindung in einer mittleren Liebe, sonst käme es bei ihnen gar nicht zur Empfängnis.

Zu diesen Bemerkungen über die eheliche Kälte, deren Sitz im obersten Gemütsbereich ist, lese man auch die letzte Denkwürdigkeit dieses Kapitels in #270.

(10) Es gibt auch viele äußere Gründe für eheliche Kälte: dabei steht an erster Stelle die Verschiedenheit der Ehegatten in ihren Ansichten und Sitten.

*246. Es gibt innere wie auch äußere Gleichheiten und Ungleichheiten. Der Ur­sprung der inneren liegt ausschließlich in der Religion, wird diese doch den Seelen eingepflanzt und durch die Seelen als oberste Neigung von den Eltern auf die Kinder übertragen. Die Seele eines jeden Menschen empfängt nämlich ihr Leben von der Ehe des Guten und Wahren, und aus dieser stammt auch die Kirche. Da nun die Religion in der Welt mannigfal­tige und unterschiedliche Formen aufweist, sind auch die Seelen aller Menschen von mannigfaltiger und verschiede­ner Art. Darauf beruhen also die inneren Gleichheiten und Ungleichheiten, die sich, wie gezeigt, auf die ehelichen Verbindungen auswirken.

Die äußeren Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten haben dagegen nichts mit der Seele, sondern mit der Gemütsart zu tun (non sunt animarum, sed animorum). Wir verstehen unter der Gemütsart der äußeren Triebe und daraus hervorge­henden Neigungen, die nach der Geburt vor allem durch Er­ziehung, gesellschaftlichen Umgang und sich daraus bildende Gewohnheiten geprägt werden. Man sagt ja: "Ich habe im Sinn (est mihi animus), dies oder das zu tun" und meint damit den Trieb oder die Neigung dazu. Die Meinungen, die man sich über diese oder jene Lebensart gebildet hat, formen die Gemüter ebenfalls. So kann die Neigung entstehen, eine Ehe mit einem unähnlichen Partner einzugehen oder mit einem ähnlichen zu verweigern. Dennoch gestalten sich diese Ehen nach einiger Zeit des Zusammenlebens unterschiedlich, und zwar je nach den ererbten oder anerzogenen Unähnlichkei­ten. Unähnlichkeiten bewirken Kälte. Das gilt auch für die Unähnlichkeiten der Sitten (dissimilitudines morum), wenn etwa ungebildete und gebildete, reinliche und unreinliche, zanksüchtige und friedfertige, kurz: ungesittete und gesittete Partner zusammenleben. Die Ehen zwischen derart un­gleichartigen Partnern ähneln der Verbindung verschiedener Tiergattungen miteinander, etwa Schafen und Ziegen, Hir­schen und Maultieren, Hühnern und Gänsen, Spatzen und Singvögeln, ja Hunden und Katzen, die sich wegen ihrer Un­gleichheit nicht paaren.1

1) Anm. d.Ü's: Anläßlich von Wielands Tod hat Goethe diese Stelle in leichter Abwandlung zitiert, wenn er sagt: "Und da stehen wir wieder an der Rangordnung der Seelen. Swedenborg hat dies auf seine Weise versucht und bedient sich ... eines Bildes, das nicht glücklicher gewählt sein kann. Er vergleicht nämlich den Aufent­halt, worin sich die Seelen befinden, mit einem in drei Haupt­gemächer abgeteilten Raume, in dessen Mitte ein großer befind­lich ist. Nun wollen wir annehmen, daß aus diesen verschiedenen Gemächern sich auch verschiedene Kreaturen, z.B. Fische, Vögel, Hunde, Katzen, in den großen Saal begeben, eine freilich sehr ge­mischte Gesellschaft. Was wird die unmittelbare Folge sein? Das Vergnügen, beisammen zu sein, wird bald genug aufhören; aus den einander so heftig entgegengesetzten Neigungen wird sich ein ebenso heftiger Krieg entspinnen; am Ende wird sich das Gleiche zum Gleichen, werden sich die Fische zu den Fischen, die Vögel zu den Vögeln gesellen."

Bei den Menschen zeigen sich die Ungleichheiten nicht so sehr an den Gesichtern, sondern an den Gewohnheiten. Diese sind es, die Kälte nach sich ziehen.

(11) An zweiter Stelle steht die Überzeugung, die eheliche Liebe unterscheide sich nicht von der unzüchtigen Liebe, nur daß diese vom Gesetz verboten, jene aber erlaubt sei.

*247. Wenn die Vernunft erwägt, daß die unzüchtige Liebe das genaue Gegenteil der ehelichen Liebe ist, erkennt sie deut­lich, daß diese Auffassung Kälte hervorrufen muß. Wer daher glaubt, eheliche und hurerische Liebe seien ein und dasselbe, stellt in seiner Vorstellung beide auf die gleiche Stufe. Er be­trachtet seine Gattin wie eine Hure und die Ehe als unsaube­res Verhältnis. Ein solcher Mann ist ein Ehebrecher, wenn auch nicht in leiblicher, so doch in geistiger Beziehung. Als unvermeidliche Folge stellt sich zwischen Mann und Frau Ver­achtung, Widerwille und Abscheu, also heftige Kälte ein. Nichts verursacht mehr eheliche Kälte als die hurerische Liebe, und weil sie sich in Kälte verwandelt, kann sie mit Recht als die eigentliche eheliche Kälte bezeichnet werden.

(12) Die dritte der äußeren Ursachen von ehelicher Kälte ist der Kampf um die Herrschaft zwischen den Ehegatten,

*248. weil die eheliche Liebe vor allem auf die Vereini­gung des beiderseitigen Willens und von daher auf die Mei­nungsfreiheit (placiti libertatem) abzielt. Beide werden aber getrennt, wenn sie danach streben, den anderen Partner zu beherrschen. Die Herrschsucht verdrängt, zerteilt, ja zer­schneidet den beiderseitigen Willen, und an die Stelle der Meinungsfreiheit tritt Knechtschaft. Solange dieses Bestre­ben anhält, sinnt der Geist des einen auf Gewalt gegenüber dem anderen. Könnte man in ihre Gemüter blicken und sie mit geistigen Augen betrachten, sie erschienen einem wie Kämpfer, die mit Dolchen aufeinander losgehen, bald einan­der zornig, bald freundlich anblickend   zornig, wenn ihre Herrschsucht sie heftig erregt, freundlich, wenn sie die Hoff­nung haben, ihr Ziel zu erreichen oder wenn der Geschlechts­trieb sie treibt. Nach dem Siege des einen über den anderen zieht sich dieses Ringen um Herrschaft aus dem Äußeren ins Innere des Gemüts zurück, um im Verborgenen weiter­zuschwelen (ibi manet cum irrequie recondita). Daher ent­steht sowohl beim unterworfenen oder zum Sklaven gewor­denen Mann als auch bei der Siegerin oder Herrin Kälte — auch bei ihr, weil keine eheliche Liebe mehr vorhanden ist und der Verlust dieser Liebe, wie oben #235 gezeigt wurde, gleich Kälte ist. An Stelle der ehelichen Liebe tritt die aus der Überlegen­heit (supereminentia) entspringende Wärme, die aber der ehelichen Wärme völlig entgegengesetzt ist, auch wenn sie durch den nach wie vor bestehenden Geschlechtstrieb äußer­lich übereinstimmen kann. Eine stillschweigende Überein­kunft zwischen ihnen läßt den Anschein entstehen, ihre eheliche Liebe sei zur Freundschaft geworden. Der Unterschied zwischen ehelicher Freundschaft und knechtischer Freund­schaft ist jedoch gleich groß wie der Unterschied zwischen Licht und Schatten, zwischen lebendigem Feuer und einem Irrlicht, ja wie zwischen einem Menschen in Saft und Kraft und einem, der nur aus Haut und Knochen besteht.

(13) Die vierte der äußeren Ursachen der Kälte ist eine Folge von Müßiggang, wenn man sich zu keiner Beschäftigung und keinem Beruf entschließen kann; das Resultat ist ausschweifende Begierde.

*249. Der Mensch ist dazu geschaffen, sich nützlich zu machen, weil der Nutzen das Gute und Wahre in sich enthält, aus deren Ehe die Schöpfung, wie auch die eheliche Liebe hervorgeht. Das wurde in dem ent­sprechenden Kapitel weiter oben gezeigt. Unter Beschäftigung und Beruf verstehen wir jegliche Beteiligung an Nutzwirkun­gen. Hat der Mensch eine Beschäftigung oder einen Beruf, also eine Nutzwirkung, wird sein Gemüt in diesem Lebens­kreis begrenzt und innerhalb desselben nach und nach zu einer wahrhaft menschlichen Form gebildet. Wie aus seinem Haus erblickt dann das Gemüt die verschiedenen Begierden außerhalb seiner selbst, und weil im Hause gesunde Vernunft waltet, hält es sie von sich fern, auch die wilden Tollheiten der lasterhaften Lust. Darum erhält sich die eheliche Wärme bei diesen Menschen länger als bei anderen. Das Gegenteil ge­schieht, wenn sich Menschen der Trägheit und dem Müßig­gang ergeben. Ihr Gemüt ist unbegrenzt oder unbestimmt, daher lassen sie alles eitle und tolle Wesen, das aus der Welt und vom Körper her anregt, eindringen, sich ganz davon ein­nehmen und zur Liebe dazu fortreißen. Es versteht sich, daß dann die eheliche Liebe ausgetrieben wird; denn Untätigkeit und Müßiggang machen das Gemüt stumpf und den Körper schlaff. Der ganze Mensch wird unempfänglich für jede Art lebendiger Liebe, besonders für eheliche Liebe, welche die Quelle allen Eifers und frohen Lebensmutes ist. Bei diesen Menschen unterscheidet sich aber die eheliche Kälte von der bei anderen, die zwar auch Folge eines Verlustes ehelicher Liebe ist, aber aufgrund ihres Unvermögens.

(14) Als fünfte der äußeren Ursachen der Kälte ist die äußere Ungleichheit von Stand und Stellung zu nennen.

*250. Es gibt viele solche Ungleichheiten, die beim Zusammenleben die vor der Hochzeit in Ansätzen vorhandene eheliche Liebe zerstören. Man kann sie zurückführen auf große Altersunter­schiede, Unterschiede der gesellschaftlichen Stellung und des Vermögens. Es braucht keinen Beweis, daß allzu ungleiches Alter zu ehelicher Kälte führen kann, z.B. wenn ein junger Mann die Ehe mit einer alten Frau schließt oder ein junges Mädchen mit einem altersschwachen Mann. Auch wird man ohne weiteres anerkennen, daß dasselbe für Ungleichheit der gesellschaftlichen Stellung gilt, wenn sich z.B. ein Fürst mit einer Dienstmagd oder eine vornehme Dame mit einem Be­diensteten verehelicht. Klar ist auch, daß dasselbe für Vermö­gensungleichheiten gilt, es sei denn, die Gleichheit der Gesin­nungen und der Sitten, sowie die Anpassung des einen Gatten an die Neigungen und natürlichen Wünsche des anderen ver­bänden sie dennoch. Die Subordination des einen Gatten im Blick auf den höheren Stand oder die gesellschaftliche Stellung des anderen bewirkt aber nur eine sklavische Verbindung, und die ist ihrer Natur nach kalt. Bei diesen Menschen gehört das eheliche Wesen nicht Geist und Herz an, sondern nur Mund und Namen, wobei der niedriger stehende Partner groß tut und der höher stehende schamhaft errötet.

In den Himmeln aber spielt Ungleichheit des Alters, des Standes und des Vermögens keine Rolle, stehen doch dort alle in ihrer Jugendblüte und bleiben auch ewig darin. Was den Stand betrifft, so achtet einer den anderen nach seiner er­brachten Nutzwirkung, und Höhergestellte betrachten ihre Untergebenen als Brüder; sie stellen ihre Standeswürde nicht über die Vortrefflichkeit ihrer Nutzwirkung, sondern umge­kehrt. Und wenn Jungfrauen in die Ehe gegeben werden, weiß man nicht, von wem sie abstammen. Denn niemand kennt dort seinen irdischen Vater, vielmehr ist der Herr der Vater aller. Dasselbe gilt für das Vermögen, es besteht in den Himmeln aus den Fähigkeiten, weise zu sein. Und Güter werden ihnen je nach diesen Fähigkeiten in ausreichendem Maße gegeben. Über die Eheschließungen im Himmel vgl. man oben #229.

(15) Auch die Gründe der Trennung sind vielfältig.

*251. Man muß unterscheiden zwischen der Trennung vom Bett und der Trennung vom Haus. Für beide gibt es mehrere — Gründe. Hier soll nur von den rechtmäßigen die Rede sein. Ist das Konkubinat die Ursache für die Trennung, sei der Leser auf den zweiten Teil dieses Werkes verwiesen: dort werden die Gründe der Reihe nach angeführt. Die rechtmäßigen Gründe der Trennung aber sind folgende:

(16) Der erste legitime Grund für eine Trennung ist eine bestehende Gemütskrankheit,

*252. weil die eheliche Liebe die Verbindung der Gemüter ist. Ist daher das Gemüt des einen Partners allzu verschieden von dem des anderen, löst sich ihre Verbindung und damit auch das Band ihrer Liebe. Die Art der Gebrechen, die eine Trennung verursachen, ergibt sich aus ihrer Aufzählung: Raserei, Geisteskrankheit, Wahnsinn, wirkliche Torheit und Albernheit, Gedächtnisschwund, schwere Hysterie, extreme Einfalt, die keinerlei Gefühl für das Gute und Wahre zuläßt, extreme Störrigkeit, die sich dem nicht fügen will, was recht und billig ist, zügellose Geschwätzigkeit, der Drang, immer nur dummes Zeug zu reden, die zügellose Begierde, häusliche Geheimnisse auszuplaudern, zu zanken, zu schla­gen, sich zu rächen, Böses zuzufügen, zu stehlen, zu betrügen und zu lästern, Vernachlässigung der Kinder, Unmäßigkeit, Üp­pigkeit, übermäßige Verschwendung, Trunksucht, Unsauber­keit, Schamlosigkeit, Beschäftigung mit magischen Künsten und Zauberei, Gottlosigkeit u.a.m. Unter den rechtmäßigen Gründen werden hier nicht die gerichtlichen verstanden, son­dern die für den anderen Partner rechtmäßigen. Trennungen vom Haus werde [J. 1768!] auch vom Richter selten verhängt.

(17) Der zweite Grund für eine rechtmäßige Tren­nung ist ein schweres leibliches Gebrechen.

*253. Unter leibli­chen Gebrechen sind nicht gelegentliche Krankheiten zu verstehen, die dem einen oder anderen Gatten während der Ehe zustoßen und die vorübergehen, sondern bleibende und un­heilbare Krankheiten, wie sie die Pathologie lehrt, und die zahlreich sind, z.B. Krankheiten, von denen der ganze Leib so sehr infiziert wird, daß Ansteckung den Tod nach sich zieht: bösartige und pestartige Fieber, Aussatz, Geschlechtskrank­heiten, Brand, Krebs und dergleichen mehr. Ferner Krank­heiten, die den ganzen Körper dermaßen belasten, daß eine Beiwohnung unmöglich ist, und aus denen sich schädliche Aus­flüsse und Ausdünstungen entwickeln, sei es von der Haut aus oder von den inneren Teilen, insbesondere Magen und Lunge. Auf der Haut gehören dazu bösartige Blattern, Warzen, Pusteln, Lungentuberkulose (phtysis scorbutica), giftiger Grind, beson­ders wenn er das Gesicht entstellt. Ekelhaftes, übelriechendes, stinkendes Aufstoßen von unverdauten Stoffen aus dem Magen, scheußliche, faulige Ausatmungen aus der Lunge, die sich aus Tuberkeln, Geschwüren, Abszessen, aus verdorbenem Blut oder verdorbener Lymphe entwickeln, kommen dazu. Außerdem gibt es noch andere Krankheiten verschiedenster Art, z.B. die Lipo­thymie, eine totale Schwäche und Kraftlosigkeit des Körpers, die Paralyse, eine Auflösung und Erschlaffung der Membranen und Bewegungsmuskeln, verschiedene chronische Krankhei­ten, die auf dem Verlust der Spannkraft und Elastizität der Ner­ven beruhen oder aus zu großer Dicke, Zähflüssigkeit oder Schärfe der Säfte entstehen, dann die Epilepsie, andauernde Schwäche infolge von Schlaganfällen, einige Arten der Schwindsucht, die zur Auszehrung des Leibes führen, Darm- ­und Unterleibsleiden, Brüche und ähnliche Krankheiten.

(18) Der dritte legitime Trennungsgrund ist eine schon vor der Ehe bestehende Impotenz.

*254. Dies ist deshalb ein Trennungsgrund, weil der Zweck der Ehe die Zeugung der Kinder ist, die auf diese Weise unmöglich wird. Wissen die Männer dies zuvor, so berauben sie ihre Frauen vorsätzlich der Hoffnung darauf, obgleich doch diese Hoffnung deren eheliche Liebe nährt und stärkt.

(19) Ehebruch ist der Haupt Scheidungsgrund,

*255. und zwar aus mehreren Gründen, die klar und vernünftig erscheinen, heutzutage aber verborgen sind. Die Vernunft er­kennt, daß die Ehe heilig und der Ehebruch unheilig ist, Ehe und Ehebruch also einander diametral entgegengesetzt sind. Wirken aber Gegensätze aufeinander, zerstören sie sich ge­genseitig, und zwar bis auf den letzten Lebensfunken. Das gilt auch für die eheliche Liebe, wenn ein Partner mit Entschie­denheit, also aus Vorsatz Ehebruch begeht. Wer etwas über Himmel und Hölle weiß, dem tritt das darum noch deutlicher ins Bewußtsein, weil er weiß, daß die Ehe himmlisch und vom Himmel ist, der Ehebruch hingegen höllisch und von der Hölle, beide also ebenso wenig zu vereinbaren sind, wie Himmel und Hölle, daß vielmehr der Himmel der Hölle Platz macht, wenn der Mensch beides miteinander verbindet. Darum ist Ehe­bruch der Haupt Scheidungsgrund, weshalb der Herr sagt: Wer sein Weib entläßt, es sei denn um der Hurerei willen, und eine andere freit, der bricht die Ehe (Mat 19, 9). Der Herr sagt, wenn der Betreffende die eine entlasse und eine andere heirate, außer wegen Hurerei, so begehe er einen Ehebruch, weil eine Entlassung aus diesem Grund eine völlige Trennung der Gemüter ist, die als Scheidung bezeichnet wird. Die übrigen Entlassungen aus den oben angeführten Gründen sind Tren­nungen. Wird nach einer solchen Trennung eine andere Frau genommen, ist es Ehebruch, nicht jedoch nach der Scheidung.

(20) Es gibt auch eine Reihe mehr zufälliger Ursa­chen ehelicher Kälte: Erstens Gleichgültigkeit, die sich aus dem Recht zu jederzeitigem Verkehr ergibt.

*256. Gleichgültigkeit gehört zu den mehr zufälligen Ursachen der ehelichen Kälte, weil sie sich bei Männern einstellt, die von der Ehe wie von der Gattin zügellos denken, nicht aber bei denen, die die Ehe für heilig halten und Hochachtung für ihre Frauen hegen (non autum sancte de conjugio et secure de uxore). Fortwährende Berechtigung zum ehelichen Verkehr kann Gleichgültigkeit zur Folge haben, so daß auch die damit verbundenen Freuden gleichgültig, ja zum Überdruß werden. Das ist ja auch der Fall bei Spielen, Theatervorstellungen, Konzerten, Tanzveranstal­tungen, Banketten und dergleichen, so sehr sie an sich belu­stigen und beleben sollen. Dasselbe gilt für das Zusammenle­ben und den Verkehr zwischen Ehegatten, vor allem wenn sie aus ihrer Liebe nicht die unkeusche Geschlechtsliebe entfernt haben. Bedrängt sie nicht gerade der Geschlechtstrieb, kom­men ihnen wegen der Selbstverständlichkeit der andauern­den Berechtigung dazu schlimme Gedanken. Es versteht sich von selbst, daß bei solchen Menschen diese Selbstverständ­lichkeit zur Ursache für die Kälte wird. Diese Art der Kälte wird als zufällig bezeichnet, weil sie zur inneren Kälte nur noch hin­zukommt und sie bestärkt. Um die daraus entstehende Kälte zu verhindern, entziehen sich die Frauen in ihrer angebore­nen Klugheit ihren Männern auf verschiedene Weise und ma­chen so das Erlaubte zum Nichterlaubten. Ganz anders aber liegen die Dinge bei Männern, die keusch über ihre Gattinnen denken. Daher ist bei den Engeln gerade die Selbst­verständlichkeit der ständigen Berechtigung die eigentliche Wonne der Seele und erhält ihre eheliche Liebe. Sie genießen ständig die Freuden dieser Liebe auch im Letzten, da ihre Gemüter nicht durch irgendwelche Sorgen gestört werden, also je nach dem, wie es dem Urteil der Ehemänner gefällt.

(21) Die zweite Nebenursache besteht darin, daß der Verkehr mit der Ehegattin durch das Gesetz erzwungen und nicht freiwillig zu sein scheint.

*257. Das gilt ebenfalls nur für Ehen, in denen die eheliche Liebe im Innersten erkaltet ist. Und weil diese Ursache zur inwendigen Kälte nur noch hin­zukommt, gehört sie zu den zusätzlichen und zufälligen. Bei solchen Ehegatten enthält ihr Inneres außereheliche Liebe, weil sie ihr zustimmen und sie begünstigen; denn die Kälte der einen ist die Wärme der anderen. Diese Wärme ist, selbst wenn sie nicht als solche empfunden wird, dennoch in ihr, sogar mitten in der Kälte. Wäre es nicht so, gäbe es keine Bes­serung oder Wiederherstellung. Diese Wärme bewirkt ein Ge­fühl des Zwanges, das sich immer mehr steigert, wenn von einem Gatten der geschlossene Ehevertrag und sein gesetzli­cher Schutz als Fessel betrachtet wird, die nicht gelöst wer­den darf. Etwas anderes ist es, wenn die Fessel von beiden Sei­ten gelöst wird.

Das Gegenteil gilt für Ehegatten, die jede außereheliche Liebe verabscheuen und die eheliche Liebe für etwas Himm­lisches halten, ja geradezu als ihren Himmel betrachten — um so mehr, wenn sie das auch innerlich fühlen. Ihnen ist der Ehe­bund mit seinen Übereinkünften und das Gesetz mit seinen Verpflichtungen ins Herz geschrieben und gräbt sich immer tiefer darin ein. Ihr Liebesband hält nicht, weil ihr Bund ge­setzlich bestätigt wurde, sondern weil die Liebe, die ihnen von der Schöpfung her eingepflanzt wurde, sie beseelt. Darauf be­ruhen auch die weltlichen Bande, und nicht umgekehrt, und darum wird auch alles, was zu dieser Liebe gehört, als etwas Freies empfunden, gibt es doch keine Freiheit, die nicht eine Angelegenheit der Liebe wäre. Von seiten der Engel hörte ich, daß die Freiheit der wahrhaft ehelichen Liebe die höchste Form der Freiheit, weil die Liebe aller Liebe sei.

(22) Die dritte Nebenursache ist Zudringlichkeit von seiten der Gattin und ihr allzu häufiges Gerede von Liebe.

*258. Bei den Engeln im Himmel gibt es keine Weigerung und kein Widerstreben seitens der Gattinnen, wie bei manchen irdischen Ehefrauen. Bei den Engeln sprechen auch die Frauen von Liebe, und es herrscht kein Schweigen darüber, wie bei manchen irdischen Frauen. Ich darf jedoch die Ursachen dafür nicht nennen, weil es mir nicht zukommt. Man verglei­che jedoch, was in den vier Denkwürdigkeiten hinter ver­schiedenen Kapiteln über jene Engelsfrauen berichtet wurde, die sich ihren Gatten gegenüber frei darüber äußerten. Es han­delt sich um die drei Frauen in einem Schloß, über dem ein goldener Regen erschien und um die sieben Frauen im Ro­sengarten. Diese Denkwürdigkeiten sollten alles aufdecken, was zur ehelichen Liebe gehört, von der hier im allgemeinen wie im besonderen die Rede ist.

(23) Der vierte Grund ergibt sich, wenn der Mann Tag und Nacht meint, die Gattin wolle den Beischlaf, diese aber umgekehrt denkt, er wolle ihn nicht.

*259. Es soll hier nicht weiter erörtert werden, daß Letzteres die Liebe bei den Gat­tinnen erlöschen läßt, Ersteres bei den Männern Kälte her­vorruft. Ehemänner, die die Geheimnisse der Liebe ergründen wollten, stellten fest, daß der Mann erkalte, wenn er beim An­blick seiner Gattin an seiner Seite Tag und Nacht denkt, sie wünsche und verlange von ihm den Beischlaf. Andererseits büßt die Frau ihre Liebe ein, wenn sie vom Manne denkt, daß er ihren Wunsch erfüllen könnte, aber nicht wolle. Dies ist auch nur zur Vervollständigung des vorliegenden Werkes be­merkt worden, und um die Wonnen der Weisheit über die ehe­liche Liebe zu Ende zu führen.

(24) Wie das Gemüt, so erkaltet auch der Körper, und nimmt diese Kälte zu, wird auch das Äußere des Kör­pers verschlossen.

*260. Man glaubt heute, das Gemüt des Men­schen habe seinen Sitz im Kopf, im Körper finde sich nichts davon. Aber in Wirklichkeit wohnen Seele und Gemüt sowohl im Kopf als auch im Körper, sind sie doch der eigentliche Mensch. Beide zusammen bilden seinen Geist, der nach dem Tode fortlebt. In unseren Abhandlungen ist zudem der voll­ständige Nachweis erbracht worden, daß dieser vollkommene menschliche Gestalt hat. Das erklärt auch, weshalb der Mensch seine Gedanken augenblicklich mit dem Munde aus­sprechen und mit seinen Gebärden ausdrücken und, sobald er etwas will, es auch umgehend mit den Gliedern seines Lei­bes ausführen kann. Das wäre unmöglich, wenn Seele und Gemüt nicht zugleich auch im Körper wohnten und seinen geistigen Menschen bildeten. Diese Tatsache zeigt, daß die eheliche Liebe, sofern sie im Gemüt ist, sich ebenso im Körper befindet, dessen Äußeres sie, weil sie ja Wärme ist, von innen heraus öffnet, daß aber umgekehrt die Kälte, also die Abwe­senheit der Liebe, von innen heraus das Äußere des Körpers hemmt. Das erklärt, warum das Vermögen bei den Engeln in Ewigkeit erhalten bleibt, ebenso auch, was die Ursache des Un­vermögens bei Menschen ist, in denen eheliche Kälte herrscht.

Drei Denkwürdigkeiten sollen hier angefügt werden.

*261. Die erste: Oben im Norden der geistigen Welt befinden sich nahe dem Osten Orte zur Unterrichtung von Knaben, Jünglingen, Männern, aber auch von Greisen. Dorthin werden alle geschickt, die im Kindesalter gestorben sind und im Him­mel erzogen werden, wie auch alle, die neu aus der Welt an­kommen und mehr über Himmel und Hölle wissen wollen. Dieser Bezirk liegt deshalb nahe beim Osten, damit alle durch den Einfluß vom Herrn unterrichtet werden. Der Herr ist näm­lich der Aufgang, weil Er in der dortigen Sonne ist, die aus jener reinen Liebe besteht, die von ihm ausgeht. Daher ist die von dieser Sonne ausströmende Wärme in ihrem Wesen Liebe und das aus ihr hervorgehende Licht Weisheit. Beides wird ihnen vom Herrn aus der dortigen Sonne eingehaucht, und zwar ent­sprechend ihrer Aufnahme. Diese aber richtet sich nach ihrer Liebe, Weisheit zu erlangen. Ist die Zeit des Unterrichts be­endet, wird von dort entlassen, wer zur Einsicht gekommen ist. Sie werden dann Jünger des Herrn genannt und werden zu­erst in den westlichen Bereich geschickt. Wer aber dort nicht bleiben will, wird in den südlichen, einige auch in den östli­chen entlassen. Sie werden in die Gesellschaften eingeführt, zu denen sie gehören.

Als ich einst über Himmel und Hölle nachdachte, über­kam mich das Verlangen nach einer umfassenden Erkennt­nis bezüglich ihres Zustands; denn es war mir klar, daß man die Einzelheiten erst verstehen kann, wenn man das Umfas­sende kennt, weil jene in diesem enthalten sind, wie die Teile in ihrem Ganzen. Mit diesem Verlangen im Herzen hielt ich Ausschau nach jenem Bezirk in der nordöstlichen Gegend, wo die Unterrichsstätten sind, und auf einem Weg, der sich vor mir auftat, begab ich mich dorthin. Ich betrat ein Kollegium, in dem junge Männer unterrichtet wurden und wandte mich sogleich an die dortigen Oberlehrer, die den Unterricht erteil­ten. Ich fragte sie, ob ihnen die Universalia von Himmel und Hölle bekannt seien. Sie antworteten: "Nur ein wenig, aber wenn wir gen Osten zum Herrn aufschauen, werden wir darin erleuchtet." Das taten sie denn auch und erklärten: "Das Uni­verselle der Hölle, das den diametralen Gegensatz zum Him­mel bildet, setzt sich aus drei Dingen bzw. Liebesarten zu­sammen: der auf Selbstsucht beruhenden Liebe zur Herr­schaft über andere, der aus Weltsucht entspringenden Liebe, die Güter anderer zu besitzen, und der unzüchtigen Liebe. Auch das Universelle des Himmels beruht auf drei Liebesar­ten, die denen der Hölle entgegengesetzt sind: Der Liebe zu herrschen, um dadurch Nützliches zu leisten, der Liebe zum Besitz weltlicher Güter, um mit ihnen Nutzen zu schaffen, sowie der ehelichen Liebe." Als sie das gesagt hatten, entbot ich ihnen den Friedensgruß und ging nach Hause. Dort angelangt, wurde mir aus dem Himmel gesagt: "Erwäge diese drei um­fassenden Grundsätze nach allen Seiten, dann werden wir sie in deiner Hand erkennen können." "In der Hand" sagten sie, weil alles, was der Mensch mit dem Verstand betrachtet, den Engeln so erscheint, als wäre es in die Hände geschrieben.

*262. Hierauf betrachtete ich die erste allgemeine Liebes­art der Hölle, die auf der Selbstsucht beruhende Liebe zur Herrschaft über andere; danach die entsprechende allge­meine Liebe des Himmels, die um der Nutzwirkungen willen nach Herrschaft strebt. Ich durfte nämlich nicht die eine Liebe ohne die andere betrachten, weil sie Gegensätze bilden und nur aus dem Gegensatz heraus begriffen werden können — so wie ein schönes, gefälliges Antlitz erst so richtig ins Auge fällt, wenn ihm ein häßliches und mißgestaltetes gegenübersteht. Als ich die auf der Selbstsucht beruhende Liebe zur Herrschaft untersuchte, durfte ich innewerden, daß sie im höchsten Grade höllisch ist und sich daher bei den Menschen findet, die in der tiefsten Hölle sind. Dagegen ist die Liebe zu den Nutzwirkungen und die darauf beruhende Liebe zu herrschen im höchsten Grade himmlisch und findet sich eben darum bei den Bewohnern der höchsten Himmel, während die auf der Selbstsucht beruhende Liebe zur Herrschaft aus dem Ei­genen des Menschen stammt, das von Geburt her nichts als böse und dem Herrn diametral entgegengesetzt ist. Darum leugnen die Betreffenden, wenn ihre böse Herrschsucht wächst, immer mehr Gott und die heiligen Dinge der Kirche, bis sie schließlich nur noch sich selbst und die Natur anbe­ten. Wer diesem Bösen verfallen ist, beobachte sich selbst, so wird er es sehen. Diese Liebe ist nicht aufzuhalten, wenn man ihr die Zügel schießen läßt  und das geschieht, wenn ihr kein unüberwindliches Hindernis im Wege steht , sie steigert sich ins Grenzenlose. Ja, selbst das genügt einem solchen Men­schen nicht, vielmehr ist er ärgerlich und stöhnt, daß er nicht noch höher steigen kann. Diese Liebe beherrscht die Politi­ker (apud politicos) so sehr, daß sie Könige und Kaiser sein und womöglich über alles in der Welt herrschen möchten. Bei Geistlichen steigert sie sich bis zum Wunsch, Götter zu sein und soweit als möglich über alles im Himmel zu herrschen und Götter der Götter genannt zu werden. Im Folgenden wird man sehen, daß weder die einen noch die anderen in ihrem Herzen Gott anerkennen. Umgekehrt verhält es sich bei Men­schen, die aus Liebe zu Nutzwirkungen herrschen wollen: Sie herrschen nicht aus sich, sondern aus dem Herrn, weil ihre Liebe zu den Nutzwirkungen vom Herrn stammt, ja der Herr selbst bei ihnen ist. Sie betrachten die Herrschaftswürde ein­zig als Mittel, Nutzen zu schaffen; er steht für sie weit über der Würde, wogegen Ersteren die Würden weit über die Nutz­leistungen gehen.

*263. Als ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte, wurde mir durch einen Engel vom Herrn gesagt: "Du wirst gleich sehen und dich selbst überzeugen können, wie jene höllische Liebe aussieht." Im selben Augenblick tat sich zu meiner Linken der Boden auf, und ich erblickte einen Teufel, der aus der Hölle heraufstieg. Er trug einen viereckigen Hut auf dem Kopf, über die Stirn bis zu den Augen herabgedrückt. Das Gesicht war wie das eines Fieberkranken mit Pusteln über­deckt, die Augen blickten finster, die Brust war aufgebläht, und aus dem Mund stieß er Rauch aus wie ein Ofen. Seine Lenden waren ganz glühend, und anstelle der Füße hatte er nur fleischlose Knochen. Der ganze Körper strahlte eine übel­riechende, unreine Wärme aus. Ich erschrak bei seinem An­blick und rief ihm zu: "Komm nicht näher und sage mir, woher du bist!" Mit heiserer Stimme antwortete er: "Ich komme aus der Unterwelt, wo ich mit zweihundert anderen zusammen einen Verein bilde, der von allen der erlesenste ist. Wir sind Kaiser der Kaiser, Könige der Könige, Herzöge der Herzöge und Fürsten der Fürsten. Niemand von uns ist lediglich ein Kaiser, König, Herzog oder Fürst. Wir sitzen vielmehr auf den Thronen der Throne und senden von da Befehle aus in alle Welt, ja sogar noch darüber hinaus." Ich sprach zu ihm: "Siehst du nicht, daß du in deinem Dünkel höchster Erhabenheit ver­rückt bist?" Seine Antwort lautete: "Wie kannst du es wagen, so zu reden, da wir uns doch gegenseitig so erscheinen und auch anerkennen?" Als ich das gehört hatte, verzichtete ich darauf zu wiederholen, daß er verrückt sei, weil er es ja in­folge seiner Einbildung war, durfte aber erfahren, daß er in der Welt nur Hausverwalter gewesen war. Doch hieß es, er sei schon damals so hochmütig gewesen, daß er die ganze Menschheit neben sich verachtete und sich einbildete, wür­diger als ein König, ja als ein Kaiser zu sein. Als Folge dieses Hochmuts leugnete er Gott und glaubte, alle heiligen Forde­rungen der Kirche gälten nicht für ihn, sondern nur für den dummen Pöbel. Zuletzt fragte ich ihn: "Seit wann rühmt ihr Zweihundert einander schon auf diese Weise?" Er erwiderte: "Seit einer Ewigkeit. Doch diejenigen von uns, die andere damit belästigen, daß sie ihnen den Vorrang streitig machen, sinken hinunter, denn wir dürfen einander zwar rühmen, aber niemandem ein Leid antun." Weiter fragte ich ihn: "Weißt du, welches Los die Versinkenden trifft?" "Sie geraten in ein be­stimmtes Gefängnis, wo man sie beschimpft, ja, als die Aller­schlechtesten bezeichnet und hart arbeiten läßt." Da sprach ich zu ihm: "So sieh zu, daß du nicht auch dorthin absinkst!"

*264. Gleich darauf tat sich die Erde abermals auf, jedoch diesmal zu meiner Rechten, dort sah ich einen anderen Teu­fel heraufsteigen. Er trug auf dem Kopf eine Art Tiara, um die sich etwas wie eine Schlange wand, deren Kopf vorn her­ausragte. Sein Gesicht war von oben bis unten voller Aussatz, ebenso die Hände; seine Lenden waren nackt und schwarz wie Ruß. Etwas wie ein Herdfeuer schien durch ihn hindurch. Die Fußknöchel glichen zwei Vipern. Kaum ward der erste Teufel seiner ansichtig, warf er sich vor ihm auf die Knie und betete ihn an. Nach dem Grund befragt, sagte er: "Das ist der Gott des Himmels und der Erde, und er ist allmächtig." Als ich den anderen fragte, was er dazu sage, sprach er: "Was ich dazu sage? Ich habe tatsächlich alle Gewalt über Himmel und Hölle, und das Schicksal aller Seelen liegt in meiner Hand!" Ich fragte weiter, wieso sich jener, der doch ein Kaiser der Kaiser sei, der­art erniedrigen könne, und wie er dessen Anbetung an­nehmen könne, erwiderte er: "Er ist ja doch mein Knecht. Was ist schon ein Kaiser vor Gott? In meiner Rechten liegt der Bannstrahl!" Da sagte ich: "Wie kannst du nur so verrückt sein? Du warst doch in der Welt nur ein Domherr, und weil du dir einbildetest, du habest die Schlüssel und damit die Gewalt zu binden und zu lösen, hast du deinen Geist zu einem solchen Grad von Wahnsinn gesteigert, daß du dich jetzt selbst für Gott hältst." Er wurde unwillig und behauptete steif und fest, es verhalte sich wirklich so, und der Herr habe keine Gewalt mehr im Himmel, "weil er alle Gewalt auf uns übertragen hat. Wir brauchen nur zu gebieten, und sogleich gehorchen uns Himmel und Hölle voller Ehrerbietung. Schicken wir jemand zur Hölle, nehmen ihn die Teufel umgehend auf, und dasselbe tun die Engel mit jedem, den wir in den Himmel schicken." Weiter fragte ich, wieviele zu seiner Gesellschaft gehörten. "Bei dreihundert" antwortete er, "und wir alle sind Götter. Ich aber bin der Gott der Götter!" Bei diesen Worten tat sich der Boden unter den Füßen der beiden auf, und sie versanken wieder tief in ihre Höllen. Bei der Gelegenheit durfte ich auch sehen, daß sich darunter Ar­beitshäuser befanden, in die hinein alle fallen, die anderen Leid zufügen. Denn in der Hölle wird jedem seine Einbildung wie auch die damit zusammenhängende Prahlerei gelassen, doch darf er den anderen ungestraft nichts Böses tun.

Diese Zustände erklären sich damit, daß der Mensch nach dem Tode ein Geist ist, der Geist nach der Trennung vom Körper jedoch die volle Freiheit erlangt, seinen Neigungen und entsprechenden Gedanken gemäß zu handeln. Es wurde mir gestattet, ihre Höllen ein wenig näher zu betrachten. Die Hölle, wo sich die Kaiser der Kaiser und die Könige der Könige aufhielten, war voller Unrat aller Art, und die Bewohner selbst erschienen mir wie wilde Tiere mit grimmigen Augen. Ähnlich die andere Hölle, wo sich die Götter und der Gott der Götter befanden. Um sie herum flattern gräßliche Nachtvögel, Ochim und Ijim genannt. Es handelte sich dabei um Bilder ihrer Phantasien, die von mir so gesehen wurden. Daraus wurde mir klar, welcher Art die Eigenliebe der Politiker und der Geistlichen ist. Letztere wollen Götter, erstere Kaiser sein. Fer­ner, daß sie das in dem Maß wollen und zu verwirklichen trachten, wie ihre Triebe nicht gezügelt werden.

*265. Danach wurde eine andere Hölle aufgetan, wo ich zwei Teufel erblickte. Der eine saß auf einer Bank und streckte die Füße in einen Korb voller Schlangen, die ihm über die Brust hinauf bis zum Halse krochen. Der andere saß auf einem feurigen Esel, gefolgt auf beiden Seiten von roten Schlangen, die ihre Hälse und Köpfe in die Höhe streckten. Man sagte mir, es handle sich um Päpste, die Kaiser abgesetzt, be­schimpft und übel behandelt hatten, und zwar in Rom, wohin diese als Bittsteller und um Gnade Flehende gekommen waren. Der Korb mit den Schlangen wie auch der feurige Esel mit den Vipern zu beiden Seiten seien, wie es hieß, Sinnbil­der ihrer Herrschsucht aus Eigenliebe. Derartige Bilder wür­den freilich nur von denen gesehen, die aus der Entfernung darauf blicken. Ich fragte einige der anwesenden Domherrn, ob es sich wirklich um jene Päpste handle. Die Antwort lautete: "Wir kennen sie und wissen, daß sie es sind."

*266. Nachdem ich diese traurigen und abscheulichen Dinge gesehen hatte, schaute ich mich um und erblickte nicht weit von mir zwei Engel, die miteinander sprachen. Der eine war mit einer wollenen Toga bekleidet, die in feurigem Purpur erstrahlte, und mit einem Untergewand aus glänzendem Byssus. Der andere hatte ähnliche Gewänder, aber von schar­lachroter Farbe. Er trug zudem eine Mütze, der rechts einige Karfunkel appliziert waren. Ich näherte mich ihnen, entbot ihnen den Friedensgruß und fragte ehrerbietig: "Warum hal­tet ihr euch hier unten auf?" Sie antworteten: "Wir sind im Auftrag des Herrn aus dem Himmel herabgekommen, um mit dir über das selige Los derer zu sprechen, die aus Liebe zu den Nutzwirkungen Herrschaft zu erlangen streben. Wir sind Ver­ehrer des Herrn; ich selbst bin Fürst unserer Vereinigung, und dieser ist unser geistliches Oberhaupt." Der Fürst fuhr fort und erklärte, er sei aufgrund seiner Nutzwirkungen der Diener (servus) seiner Vereinigung. Der andere sagte, er sei der Die­ner (minister) der dortigen Kirche und diene ihr zum Nutzen ihrer Seelen durch den Gottesdienst, den er verrichte. Sie beide befänden sich aufgrund der ewigen Seligkeit, die vom Herrn her in ihnen sei, in unausgesetzter Freude. In ihrer Ver­einigung sei alles strahlend und prächtig — strahlend von Gold und Edelsteinen, prächtig durch ihre Paläste und Parkanlagen. "Denn", sprach er, "unsere Liebe zu herrschen beruht nicht auf Eigenliebe, sondern auf der uns vom Herrn verliehenen Liebe, Nutzen zu schaffen. Darum strahlen auch alle guten Nutzwirkungen in den Himmeln. Und weil wir alle in unse­rer Gesellschaft diese Liebe teilen, erstrahlt bei uns die ganze Atmosphäre wie von Gold, von dem Licht her, das seinen Schein dem Feuer unserer Sonne verdankt. Das Feuer der Sonne entspricht dieser Liebe." Wie sie das sagten, erschien mir auch eine solche Sphäre um sie her, zugleich empfand ich einen aromatischen Geruch, was ich ihnen auch sagte. Schließlich bat ich sie, mir noch ein wenig mehr über ihre Liebe zu den Nutzwirkungen zu sagen. Da fuhren sie fort: "Wir haben uns zwar um unsere Würden beworben, doch nur in der Absicht, dadurch auf einer breiteren Basis Nutzen schaf­fen zu können. Wir werden auch mit Ehren überhäuft und nehmen sie an, doch nicht um unseretwillen, sondern zum Besten unserer Gesellschaft. Unsere Mitbrüder und Genossen, die dem gewöhnlichen Volk entstammen, glauben, die mit unserer Würde verbundenen Ehren hafteten an unserer Per­son und die von uns geschaffenen Nutzwirkungen stammten von uns. Wir denken jedoch anders darüber, nämlich daß die mit unserer Würde zusammenhängenden Ehren nicht in uns, sondern außerhalb von uns seien, gleichsam wie unsere Ge­wänder, während die von uns vollbrachten guten Taten [Nutz­wirkungen] der uns vom Herrn verliehenen Liebe zu denselben entstammen. Diese Liebe empfängt ihre Seligkeit aus der Kom­munikation, die wir mit den anderen pflegen. Auch wissen wir aus Erfahrung, daß diese Liebe im selben Maße zunimmt, wie wir aus Liebe zu ihnen Nutzen schaffen, und zugleich mit der Liebe wächst auch die Weisheit, durch die Kommunikation erst möglich wird. Halten wir aber die Nutzwirkung in uns zurück und teilen sie nicht mit, vergeht auch die Seligkeit. Die Nutzwirkung wird dann zu etwas wie einer Speise, die unver­daut im Magen liegenbleibt und dem Leib mit seinen verschiedenen Teilen nicht zugute kommt, sondern Übelkeit her­vorruft. Kurz, der ganze Himmel ist vom Ersten bis zum Letz­ten ein Inbegriff von Nutzwirkungen, die nichts anderes sind, als die verwirklichte Liebe zum Nächsten   und was hielte die Himmel zusammen, wenn nicht diese Liebe?"

Als ich das vernommen hatte, fragte ich: "Wie kann man aber wissen, ob man nützlich handelt aus Eigenliebe oder aus Liebe zu den Nutzwirkungen? Jeder Mensch, ob gut oder böse, schafft doch Nutzen und tut es aus einer gewissen Liebe. Ge­setzt den Fall, es gäbe in der Welt eine Gesellschaft von lau­ter Engeln und eine andere von lauter Teufeln, so vermute ich, daß die Teufelsgesellschaft aus dem Feuer ihrer Eigen­liebe und um des Ruhmes willen ebensoviele Nutzwirkungen vollbringen würde, wie die Engelgesellschaft. Wer kann also wissen, aus welcher Liebe und aus welcher Quelle die Nutz­wirkungen jeweils stammen?" Die beiden Engel antworteten darauf: "Die Teufel schaffen Nutzen um ihrer selbst und des Ruhmes willen. Die Engel tun es nicht aus diesen Motiven, son­dern aus Liebe zu den anderen und um des Nutzens willen. Zwar kann der Mensch die verschiedenen Arten, Nutzen zu schaffen, nicht unterscheiden, der Herr aber unterscheidet sie. Jeder, der an den Herrn glaubt und das Böse als Sünde flieht, vollbringt Nutzwirkungen aus dem Herrn. Wer aber nicht an den Herrn glaubt und das Böse nicht als Sünde flieht, tut sie aus sich und um seinetwillen. Das ist der Unterschied zwischen den Nutzwirkungen der Teufel und denen der Engel."

Als sie das gesagt hatten, entfernten sich die beiden Engel, und aus der Ferne sah man, wie sie gleich Elia in einem feurigen Wagen fuhren und gen Himmel erhoben wurden.

Zweite Denkwürdigkeit:

*267. Einige Zeit darauf kam ich in etwas wie ein Wäldchen, ging darin spazieren und dachte über die Menschen nach, die sich in ihrer Habgier ausmalen, ihnen würde die ganze Welt gehören. Da sah ich in einiger Entfernung zwei Engel, die miteinander sprachen und dabei ab und an zu mir herüberschauten. Ich näherte mich ihnen, und bei ihnen angelangt, sprachen sie mich an: "Wir haben das Gefühl, daß auch du gerade über das nachdenkst, wor­über wir gerade reden, oder umgekehrt, daß wir über das reden, über das du gerade nachdenkst. Das kommt von der gegenseitigen Kommunikation der Neigungen." Ich fragte sie, worüber sie denn gerade gesprochen hätten. Sie antworte­ten: "Über Phantasie, Begierde und Einsicht, und gerade eben von denen, die sich an ihrer Vorstellung und Einbildung ergötzen, alle Güter der Welt zu besitzen." Da bat ich sie, ihre Ansicht über Begierde, Phantasie und Einsicht, diese drei, zu äußern. Sie begannen sogleich: "Jeder ist durch seine Geburt im Innern begehrlich und durch seine Erziehung, jedoch nur äußerlich, einsichtig. Niemand besitzt innerlich, d.h. aufgrund seines eigenen Geistes, Einsicht, geschweige denn Weisheit, ­es sei denn, er habe beides vom Herrn empfangen. Jeder Mensch wird nämlich allein durch den Herrn von seinen bösen Begierden abgehalten und wird auch, soweit er zu Ihm aufblickt und entsprechend seiner Verbindung mit Ihm, in der Einsicht erhalten. Abgesehen davon ist der Mensch nichts als Begierde, obgleich er von der Erziehung her bzw. dem Leibe nach äußerlich einsichtig sein mag. Der Mensch begehrt nämlich Ehren und Reichtümer, und beides erlangt er nur, wenn er zumindest den Anschein erweckt, sittlich einwand­frei und geistig zu sein, d.h. verständig und weise. Beides lernt er von Kindheit an. Deshalb richtet er sich nach den Regeln des Anstands und der Ehrbarkeit, sobald er unter Menschen oder in Gesellschaft ist und zügelt seine Begierden. Er redet und handelt, wie er es von Kind an gelernt und in seinem kör­perlichen Gedächtnis bewahrt hat. Dabei hütet er sich sorg­fältig, etwas vom Wahn seiner Begierden, der ihn beherrscht, zutage treten zu lassen. Darum ist jeder Mensch, der nicht in­nerlich vom Herrn geleitet wird, ein Scheinheiliger, Betrüger und Heuchler, also nur ein scheinbarer, nicht ein wahrer Mensch. Von einem solchen Menschen kann man sagen, seine Hülle bzw. sein Körper sei klug, sein Kern oder Geist aber un­sinnig, beziehungsweise sein Äußeres sei menschlich, sein Inneres tierisch. Menschen dieser Art blicken mit dem Hin­terhaupt aufwärts und mit der Stirn abwärts. So laufen sie hän­genden Hauptes und mit dem Blick zur Erde umher, als ob sie eine schwere Last trügen (sicut gravidene obsessi). Legen solche Menschen ihren Körper ab und werden zu Geistern und erlangen damit Freiheit, werden sie gewissermaßen selbst zu ihren unsinnigen Begierden. Von ihrer Eigenliebe beherrschte Menschen begehren die Herrschaft über das Universum, ja möchten am liebsten, um sie zu erweitern, noch dessen Grenzen ausdehnen. Sie selbst kennen keine Grenze. Von der Weltliebe Besessene möchten alles besitzen, was es in der Welt gibt. Es tut ihnen weh und macht sie neidisch, wenn sie sehen müssen, daß manche Schätze, für sie uner­reichbar, bei anderen liegen. Damit sie nicht zu bloßen Be­gierden und Unmenschen werden, wird ihnen in der geistigen Welt verliehen, so zu denken, als hätten sie den Verlust des guten Namens, der Ehre und des Erwerbs sowie das Gesetz mit seinen Strafen zu fürchten. Auch dürfen sie sich irgend­einer Beschäftigung oder Tätigkeit zuwenden, wodurch sie äußerlich im Zustand der Einsicht erhalten werden, mögen sie innerlich auch noch so wahnsinnig und toll sein."

Hierauf fragte ich, ob auch alle von ihren Begierden besessene Menschen entsprechende Phantasien hätten. Sie ant­worteten: Wer seinen geheimen Gedanken und seiner Einbil­dung nachhänge, der lebe in seinen begehrlichen Phantasien und führe Selbstgespräche. Die Verbindung zwischen Geist und Körper würde fast durchtrennt, und ihre Phantasievor­stellungen überfluteten den Verstand. In ihrem Wahn ergötz­ten sie sich dann am vermeintlichen Besitz der ganzen Welt.

In diesen Wahn wird nach dem Tode versetzt, wer seinen Geist vom Körper gelöst hat und nicht von dem mit seinem Wahn verbundenen Vergnügen lassen will. Er könnte davon lassen, wenn er aus Religion etwas über das Böse und Falsche nach­gedacht hätte, wenigstens darüber, daß zügellose Eigenliebe die Liebe zum Herrn und zügellose Weltliebe die Nächsten­liebe zerstört.

*268. Danach überkam die beiden Engel und mich das Verlangen, solche Geister zu sehen, die aufgrund ihrer Welt­liebe in schwärmerischen Begierden oder Phantasien schwel­gen, alles zu besitzen. Dabei nahmen wir wahr, daß uns dieses Verlangen eingegeben wurde, damit wir die Betreffenden durchschauen könnten. Sie hielten sich unterhalb der Erde, auf der wir mit unseren Füßen standen, doch noch oberhalb der eigentlichen Hölle auf. Wir blickten einander an und be­schlossen hinzugehen. Sogleich erschien eine Öffnung, darin eine Treppe, die wir hinabstiegen. Es hieß, wir sollten uns ihnen von Osten her nähern, um nicht in den Dunst ihrer Phantasien hineinzugeraten, was unseren Verstand und zu­gleich damit unsere Sehkraft verdunkeln würde. Und siehe, es zeigte sich ein Haus, aus Schilfrohr gebaut, also voller Rit­zen. Es stand in einem nebligen Dunst, der sich aus dem Rauch gebildet hatte, der in einem fort durch die Ritzen dreier Wände hervorquoll. Als wir eintraten, erblickten wir Gruppen von je fünfzig Personen, die auf Bänken saßen; die einen sahen nach Westen und kehrten dem Osten den Rücken zu, die an­deren nach Norden, den Rücken dem Süden zugewandt. Jeder hatte vor sich ein Tischchen und darauf prall gefüllte Geldsäcke und drum herum verstreut Goldmünzen. Wir frag­ten: "Sind das etwa die Schätze der ganzen Welt?" Die Ant­wort lautete: "Nein, nicht der ganzen Welt, aber des ganzen Reiches." Der Ton ihrer Rede war zischend, sie selbst hatten runde Gesichter mit rötlicher, schuppiger Haut wie die Schnecken; die Pupillen ihrer Augen funkelten wie auf grü­nem Grund, was auf das Licht ihrer Phantasien zurückging. Mitten unter ihnen stehend, fragten wir: "Glaubt ihr wirklich, alle Schätze des Reiches zu besitzen?" Als sie das bejahten, fragten wir weiter: "Wer von euch ist denn der Besitzer?" Sie antworteten: "Jeder von uns." Auf unsere nächste Frage: "Wieso ein jeder? Ihr seid ja doch zahlreich!" antworteten sie: "Jeder von uns weiß, daß alles, was sein, zugleich auch mein ist. Niemand darf denken, geschweige sagen: Was mein ist, ist nicht dein; er darf aber denken und sagen: Was dein ist, ist mein." Die Münzen auf den Tischen erschienen wie aus purem Gold, auch in unseren Augen. Als wir aber Licht aus dem Osten hereinließen, waren es nur noch Goldkörner. Durch ihre ver­einte Phantasie war es ihnen gelungen, sie derart zu ver­größern. Sie erklärten, jeder, der hier eintrete, müsse etwas Gold mitbringen, das sie dann in kleine und kleinste Stückchen zerteilten und durch die vereinte Kraft ihrer Phan­tasie zu Münzen vergrößerten. Da sagten wir: "Seid ihr denn nicht als Menschen mit Vernunft geboren worden — wie kommt ihr nur zu diesem schwärmerischen Unfug?" Sie er­widerten: "Wir wissen genau, daß es sich um bloße Einbil­dung handelt. Aber weil es uns eine innere Freude bereitet, kommen wir hier zusammen und vergnügen uns am ver­meintlichen Allbesitz. Aber wir halten uns nur einige Stun­den hier au£ Wenn wir wieder draußen sind, kehrt uns regel­mäßig der gesunde Menschenverstand zurück. Von Zeit zu Zeit überkommt uns aber wieder die Lust zu unserem schwär­merischen Zeitvertreib und treibt uns dazu, erneut hier ein­- und auszugehen. Wir wissen auch, daß alle ein hartes Los er­wartet, die anderen ihre Güter mit List entwenden." Wir woll­ten wissen, was für ein Los das sei. Sie antworteten: "Ver­schlungen und in ein höllisches Gefängnis gestoßen zu wer­den, wo man sie zwingt, für Kleidung und Nahrung zu arbeiten, später dann für einige Pfennige, die sie zusammen­sparen und die ihre ganze Herzensfreude ausmachen. Fügen sie aber ihren Genossen Böses zu, müssen sie zur Strafe einen Teil davon wieder abgeben."

*269. Danach stiegen wir aus dem unterirdischen Bereich wieder in die mittägliche Gegend herauf, wo wir uns zuvor befunden hatten. Nun berichteten die Engel einige bemer­kenswerte Dinge über die Begierde, in der sich jeder Mensch von Geburt an befindet und die weder schwärmerisch noch phantastisch ist: "Solange bei diesen Menschen die Begierde vorherrscht, sind sie wie toll, obgleich sie sich selbst als höchst weise vorkommen. Hin und wieder werden sie jedoch aus dieser Tollheit in einen vernünftigen Zustand versetzt, der freilich rein äußerlich ist. In diesem Zustand sehen, an­erkennen und bekennen sie dann zwar ihre Tollheit, sehnen sich aber gleichwohl wieder zu ihm zurück und versetzen sich auch hinein, was sie dann wie eine Befreiung von Zwang und Unlust empfinden, hin zu einem Zustand der Freiheit und Lust. So sehr ergötzen sie sich innerlich an ihrer Begierde und nicht an der Einsicht.

Es gibt drei Hauptarten der Liebe, aus denen jeder Mensch von der Schöpfung her besteht: Die Liebe zum Näch­sten, zur Welt und zu sich selbst. Die erste ist identisch mit der Liebe, Nutzen zu wirken, die zweite mit der Besitzliebe und die dritte mit der Liebe, über andere zu herrschen. Die Nächstenliebe bzw. die Liebe, Nutzen zu wirken, ist geistiger Art, die Welt  bzw. Besitzliebe materieller Natur, die Eigen­liebe bzw. die Liebe, über andere zu herrschen, ist eine fleisch­liche Liebe (amor corporeus). Der Mensch ist wahrer Mensch, wenn die Nächstenliebe, also die Liebe Nutzen zu schaffen, das Haupt bildet, die Weltliebe den Leib und die Eigenliebe die Füße. Bildet dagegen die Weltliebe das Haupt, gleicht der Mensch einem Buckligen, bildet gar die Eigenliebe das Haupt, gleicht er einem Menschen, der nicht auf den Füßen, sondern auf den Händen steht, Kopf nach unten, Hinterbacken nach oben gerichtet. Bildet dagegen die Nächstenliebe das Haupt und die beiden anderen Liebesarten der Ordnung nach Leib und Füße, so erscheint der Mensch vom Himmel aus gesehen mit Engelsangesicht und einem schönen Farbenbogen ums Haupt. Bildet die Weltliebe das Haupt, erscheint er vom Him­mel aus mit dem blassen Antlitz eines Toten, einen gelben Ring ums Haupt; und bildet die Eigenliebe das Haupt, er­scheint der Mensch vom Himmel her gesehen mit einem schwarzen Gesicht und einem weißen Ring um den Kopf." Ich erkundigte mich nach der Bedeutung der Ringe um den Kopf und erhielt die Antwort: "Sie bezeichnen ihre Einsicht. So bil­det der weiße Ring in Verbindung mit dem schwarzen Gesicht vor, daß die Einsicht des Betreffenden nur ins Äußere bzw. in seine unmittelbare Umgebung reicht, während in seinem In­neren der Wahnsinn herrscht. Diese Menschen sind weise, wenn sie im Körper, wahnsinnig, wenn sie im Geist sind. Kein Mensch ist von sich aus weise im Geist, es sei denn vom Herrn her, und das ist dann der Fall, wenn er von Ihm wieder  bzw. neugeboren und geschaffen wird."

Nach diesen Worten tat sich der Boden zur Linken auf, und ich sah durch die Öffnung einen Teufel heraufsteigen, um dessen Kopf ein solcher weißer Ring lag. Auf meine Frage, wer er sei, gab er zur Antwort: "Ich bin Luzifer, der Sohn der Morgenröte, und weil ich mich dem Höchsten gleichstellte, bin ich hinabgeworfen worden." Er war freilich nicht jener Lu­zifer, sondern bildete sich nur ein, es zu sein. Ich fragte: "Wenn du hinabgeworfen worden bist, wie kannst du da von der Hölle wieder heraufsteigen?" Er antwortete: "Dort bin ich ein Teufel, aber hier bin ich ein Engel des Lichts. Siehst du denn nicht, welch lichte Sphäre mein Haupt umgibt? Wenn du willst, wirst du auch bemerken, daß ich sittlicher bin als die Sittlichen und vernünftiger als die Vernünftigen, ja sogar geistiger als die Gei­stigen. Auch weiß ich zu predigen und habe schon gepredigt." Auf meine Frage, worüber er denn gepredigt habe, antwor­tete er: "Ich habe gegen die Betrüger, Ehebrecher und alle höllischen Triebe gepredigt. Ja, ich selbst, Luzifer, nannte mich dann einen Teufel und verschwor mich hoch und heilig gegen ihn. Darum wurde ich auch unter Lobgesang bis in den Him­mel erhoben. Das ist der Grund, weshalb man mich den Sohn der Morgenröte genannt hat. Es wunderte mich ja selbst, daß ich, sobald ich auf der Kanzel stand, nicht anders dachte als daß ich schicklich und gebührlich redete. Doch dann ent­deckte ich den Grund, nämlich daß ich mich dann in meinem Äußeren befand, das damals noch von meinem Inneren ge­trennt war. Aber trotz dieser Entdeckung vermochte ich mich nicht zu ändern, weil ich in meinem Hochmut nicht auf Gott sah." Hierauf fragte ich: "Wie konntest du nur so predigen, da du doch selbst ein Betrüger, ein Ehebrecher, ja ein Teufel bist?" Seine Antwort war: "Ich bin ein anderer, wenn ich im Äuße­ren bzw. im Leibe bin, und ein anderer, wenn ich im Inneren oder im Geist bin. Im Leib bin ich ein Engel, im Geist aber ein Teufel. Bin ich im Leibe, herrscht in mir der Verstand, bin ich aber im Geist, der Wille. Der Verstand trägt mich empor, der Wille zieht mich hinab. Herrscht in mir der Verstand, umgibt mein Haupt ein weißer Ring. Ergibt sich aber der Verstand ganz und gar dem Willen und wird völlig von ihm eingenommen ­und das ist unser Endschicksal  , dann wird der Ring schwarz und verschwindet. Ist das einmal geschehen, können wir nicht mehr in dieses Licht aufsteigen." Hernach sprach er noch über seinen gespaltenen Zustand, den äußeren und den inneren, und zwar viel vernünftiger als irgendein anderer. Doch als er dann Engel bei mir sah, entflammte sich plötzlich sein Gesicht und seine Stimme, und er selbst wie auch der Ring um seinen Kopf wurde schwarz. Da fiel er durch die Öffnung, durch die er heraufgestiegen war, wieder in die Hölle hinab.

Die Zeugen dieser Ereignisse zogen daraus den Schluß, daß der Mensch so beschaffen ist wie seine Liebe und nicht wie sein Verstand, weil die Liebe den Verstand leicht auf ihre Seite herüberzieht und in Abhängigkeit von sich bringt. Hier­auf fragte ich die Engel: "Woher haben denn die Teufel diese Vernunft?" Sie sagten: "Sie beruht auf der Glorie ihrer Eigen­liebe, umgibt sich doch diese rundum mit einer Glorie, die ihren Verstand bis ins Licht des Himmels erhebt. Der Verstand kann nämlich bei jedem Menschen je nach seinen Erkennt­nissen erhoben werden, der Wille hingegen nur durch ein Leben in Übereinstimmung mit den Wahrheiten der Kirche und der Vernunft. Darum erfreuen sich selbst die Atheisten, die aufgrund ihrer Eigenliebe mit der Glorie eines hervorra­genden Rufes ausgestattet und daher stolz auf ihre eigene Ein­sicht sind, einer höheren Vernunft als viele andere — freilich nur, solange sie aus dem Verstand heraus denken, und nicht, wenn sie von der Neigung des Willens fortgerissen werden. Denn diese beherrscht das Innere des Menschen, das Den­ken des Verstandes aber nur sein Äußeres." Weiter nannte der Engel auch den Grund, weshalb der Mensch aus den drei oben genannten Liebesarten besteht, der Liebe zur Nutzwirkung, der Welt  und der Eigenliebe. Er liegt darin, daß der Mensch aus Gott, wenngleich wie aus sich, denken soll. Er sagte, das Ober­ste im Menschen sei aufwärts zu Gott gekehrt, das Mittlere nach außen zur Welt, und das Unterste nach unten zu sich selbst. Und weil dieses nach unten gekehrt ist, denkt der Mensch wie von sich aus, obgleich es doch von Gott aus geschieht.

Dritte Denkwürdigkeit.

*270. Eines Morgens nach dem Erwachen vertiefte sich mein Denken in einige Geheimnisse der ehelichen Liebe, zuletzt aber in das folgende: In welchem Bereich des menschlichen Gemüts hat die wahrhaft eheliche Liebe ihren Sitz, und in welchem die eheliche Kälte? Ich wußte ja, daß es im menschlichen Gemüt drei übereinander gele­gene Bereiche gibt, und daß im untersten die natürliche Liebe, im darüber gelegenen die geistige und im obersten die himm­lische wohnt, in jedem Bereich aber eine Ehe des Guten und Wahren besteht. Ich wußte auch, daß in jedem dieser Bereiche die Ehe der Liebe und Weisheit ist, da ja das Gute zur Liebe und das Wahre zur Weisheit gehört, und ferner wußte ich, daß diese Ehe identisch ist mit der Ehe des Willens und des Ver­standes, weil der Wille das Aufnahmegefäß der Liebe und der Verstand das Aufnahmegefäß der Weisheit bildet. Als ich mich in diese Gedanken vertieft hatte, siehe, da erschienen mir zwei Schwäne, die gen Norden, bald darauf zwei Paradiesvögel, die nach Süden und zwei Turteltauben, die nach Osten flogen. Als ich ihrem Flug mit den Augen folgte, sah ich, wie die bei­den Schwäne ihre Richtung von Norden nach Osten lenkten, ebenso wie die beiden Paradiesvögel, die zuerst nach Süden geflogen waren. Beide Paare gesellten sich mit den Turteltau­ben im Osten zusammen und flogen nun gemeinsam einem hoch aufragenden Palast entgegen, der von Ölbäumen, Pal­men und Buchen umgeben war. Am Palast erkannte man drei Fensterreihen übereinander, und als ich genauer hinblickte, sah ich, wie die Schwäne durch die offenen Fenster des untersten Stockwerks in den Palast hineinflogen, die Paradies­vögel durch die des zweiten und die Turteltauben durch die des obersten Stockwerks. Nachdem ich das beobachtet hatte, stand plötzlich ein Engel bei mir und fragte: "Verstehst du auch, was du gesehen hast?" Ich sagte: "Ein wenig." Da sagte er: "Der Palast bildet die Wohnstätten der ehelichen Liebe in den Gemütern der Menschen vor, der oberste Stock, in den die Turteltauben hineinflogen, den obersten Gemütsbereich, wo die eheliche Liebe in der Liebe zum Guten mit ihrer Weis­heit wohnt, das mittlere Geschoß, in den sich die Paradiesvö­gel zurückzogen, den mittleren Bereich, wo die eheliche Liebe in der Liebe zum Wahren samt ihrer Einsicht wohnt, und das unterste Stockwerk, in den sich die Schwäne hineinbegaben, den untersten Gemütsbereich, wo die eheliche Liebe in der Liebe zu dem, was gerecht und redlich ist, samt dem zugehörigen Wissen wohnt. Ähnliches bedeuten die drei verschiedenen Arten von Bäumen, die den Palast umgeben, Ölbäume, Palmen und Buchen. Im Himmel bezeichnen wir den obersten Gemütsbereich als den himmlischen, den mittleren als den geistigen und den untersten als den natürlichen, und wir betrachten sie wie die übereinander liegenden Wohnun­gen eines Hauses, die durch Treppen miteinander verbunden sind, so daß man hinauf  und hinabsteigen kann. In jeder Wohnung befinden sich zwei Räume, einer für die Liebe und der andere für die Weisheit; nach vorn liegt ein Schlafzimmer, in dem sich die Liebe mit ihrer Weisheit bzw. das Gute mit sei­nem Wahren oder, was dasselbe ist, der Wille mit seinem Ver­stand wie auf dem ehelichen Lager zusammengesellen. An diesem Palast zeigen sich also wie im Bilde alle Geheimnisse der ehelichen Liebe."

Als ich das vernommen hatte, regte sich in mir der Wunsch, den Palast näher zu betrachten, und so fragte ich, ob man ihn besichtigen dürfe, da er ja eine Vorbildung sei. Der Engel antwortete: "Das dürfen nur Bewohner des dritten Himmels, weil bei ihnen alles, was Liebe und Weisheit vorbil­det, zur Wirklichkeit wird. Von ihnen habe ich gehört, was ich dir erzählte. Dazu gehört auch folgendes: Die wahrhaft eheli­che Liebe wohnt im obersten Bereich inmitten der gegensei­tigen Liebe im Gemach oder Zimmer des Willens, ebenso wie im Gemach oder Zimmer des Verstandes inmitten der Wahr­nehmungen der Weisheit; und im Schlafgemach, das an der Vorderseite im Osten liegt, gesellen sie sich auf dem ehelichen Lager zusammen." Auf meine weitere Frage, warum es denn zwei Gemächer gebe, antwortete er: "Der Ehemann wohnt im Gemach des Verstandes, die Ehefrau in dem des Willens."

Als ich dann fragte: "Wenn dort die eheliche Liebe wohnt, wo dann die eheliche Kälte?" sagte er: "Ebenfalls im obersten Bereich, aber nur im Gemach des Verstandes, während das dortige Gemach des Willens verschlossen ist. Der Verstand mit seinen Wahrheiten kann nämlich so oft er will durch eine Wendeltreppe in den obersten Bereich zu seinem Gemach emporsteigen. Steigt aber nicht zugleich mit ihm der Wille mit dem Guten seiner Liebe in das damit verbundene Gemach empor, wird es verschlossen und im anderen entsteht dann Kälte, die eheliche Kälte. Solange eine derartige Kälte gegen die Gattin besteht, blickt der Verstand vom obersten Bereich herab auf den untersten, und wenn ihn nicht die Furcht zurückhält, steigt er auch hinab, um sich dort am unerlaubten Feuer zu wärmen."

Danach wollte er anhand der Vorbildungen jenes Pa­lastes noch weiteres über die eheliche Liebe mitteilen, sprach aber schließlich: "Genug für heute! Denk zunächst einmal dar­über nach, ob dies deinen gesunden Menschenverstand über­steigt, und wenn ja, wozu dann noch mehr? Wenn nicht, so wird dir noch mehr enthüllt werden."

Gründe für die scheinbare Liebe, Freundschaft und Gunst in den Ehen.

*271. Nachdem die Ursachen von Kälte und Trennungen behandelt wurden, müssen jetzt der Ordnung halber auch die Gründe für nur scheinbare Liebe, Freundschaft und Gunst in den Ehen besprochen werden. Es ist ja bekannt, daß Ehe­gatten heutzutage oft zusammenleben und Kinder zeugen, obwohl Kälte ihre Gemüter trennt. Das wäre nicht möglich, gäbe es nicht auch Formen scheinbarer Liebe, die der ech­ten gegenseitigen Liebe ähneln und ihre Wärme nachahmen. Man wird im Folgenden sehen, daß diese Formen scheinba­rer Liebe notwendig und nützlich sind, weil ohne sie viele Familien und auch die Gesellschaft als solche nicht beste­hen könnten. Zudem besteht die Gefahr, daß gewissenhafte Menschen sich bei der Vorstellung ängstigen, daß die Unei­nigkeit zwischen ihnen und ihrem Ehegatten und die daraus entstehende innere Entfremdung ihnen zur Last gelegt und als Schuld angerechnet werden könnte, was ihnen von Her­zen leid wäre. Weil es aber nicht in ihrer Macht liegt, diesen inneren Uneinigkeiten ihrer Gemüter abzuhelfen, beruhigen sie ihr Gewissen durch Erweise scheinbarer Liebe und Gunst. Dadurch kann auch Freundschaft wiederhergestellt werden, in der sich wenigstens auf ihrer Seite die eheliche Liebe noch verbirgt, wenn auch möglicherweise nicht auf seiten des Part­ners. Aber auch diese Abhandlung muß wegen der Vielfalt des Stoffes wiederum in Abschnitte zerlegt werden. Es handelt sich um folgende:

  1. In der natürlichen Welt können fast alle Menschen ihren äußeren Neigungen nach verbunden werden, nicht aber nach ihren inneren, wenn diese voneinander abweichen und das offenkundig ist.

  2. In der geistigen Welt werden alle nach ihren inneren, nicht nach ihren äußeren Neigungen miteinander ver­bunden, es sei denn, diese stimmten mit den inneren überein.

  3. In der Welt liegen den Heiraten im allgemeinen äußere Neigungen zugrunde, weil man die inneren selten berücksichtigt.

  4. Sind in diesen äußeren Neigungen keine inneren Neigungen enthalten, welche die Gemüter verbinden, so lösen sich die Ehen im Hause auf.

  5. Gleichwohl sind die Ehen in der Welt bis zum Ende aufrechtzuerhalten.

  6. In Ehen, die durch keine inneren Neigungen verbunden sind, bewirken äußere Neigungen, die den inneren ähneln, die Verbindung.

  7. Darauf beruht die scheinbare Liebe oder Freundschaft und Gunst zwischen den Ehegatten.

  8. Diese Scheinbarkeiten sind eheliche Verstellungskünste (simulationes conjugiales), die aber lobenswert, weil nützlich und notwendig sind.

  9. Diese ehelichen Verstellungskünste werden beim geisti­gen Menschen, der mit dem natürlichen verbunden ist, von Gerechtigkeit und Urteilskraft geleitet.

  10. Beim natürlichen Menschen werden diese ehelichen Ver­stellungskünste entweder durch Klugheit oder diverse andere Gründe bestimmt.

  11. Sie dienen der Verbesserung des ehelichen Verhältnis­ses und der Anpassung aneinander,

  12. sowie der Aufrechterhaltung häuslicher Ordnung und gegenseitiger Hilfsbereitschaft,

  13. der einmütigen Sorge für die kleineren und größeren Kinder,

  14. dem häuslichen Frieden,

  15. dem guten Ruf außerhalb des Hauses.

  16. Zweck dieser ehelichen Verstellungskünste können auch verschiedene Vorteile sein, die man vom Ehepartner oder dessen Verwandten erwartet, bzw. die Furcht vor dem Verlust solcher Vorteile;

  17. ferner die Bemäntelung eigener Geburtsfehler und damit die Vermeidung eines üblen Rufs,

  18. die Aussöhnung.

  19. Wenn die Zuneigung der Gattin weiterbesteht, nicht aber beim Manne die Potenz, so kann sich eine Freund­schaft bilden, die im Alter der ehelichen Freundschaft ähnlich wird.

  20. Es gibt verschiedene Arten scheinbarer Liebe und Freundschaft zwischen Ehegatten, von denen der eine unterjocht und daher dem anderen unterlegen ist.

  21. In der Welt gibt es höllische Ehen zwischen Gatten, die in­nerlich die bittersten Feinde sind, äußerlich aber wie die innigsten Freunde erscheinen.

Und nun zu den einzelnen Punkten:

(1) In der natürlichen Welt können fast alle Men­schen ihren äußeren Neigungen nach verbunden werden, nicht aber nach ihren inneren, wenn diese voneinander ab­weichen und das offenkundig ist.

*272. Der Mensch hat nämlich in der Welt einen materiellen Leib voller Begierden, die dem un­reinen Bodensatz gleichen, der sich bildet, wenn der Wein­most hell wird. Ähnlich sind die Stoffe, aus denen die Körper der Menschen zusammengesetzt sind. Darum kommen die inneren Neigungen des Gemüts nicht zur Erscheinung, ja bei vielen schimmert kaum ein Körnchen davon nach außen durch. Entweder absorbiert der Körper diese Neigungen und verhüllt sie mit seinen Unreinheiten, oder der Mensch ver­birgt sie mit Hilfe der von Kind an erlernten Verstellung gründ­lich vor den anderen. Dadurch versetzt er sich in den Zustand jeder Neigung, die er beim anderen Menschen wahrnimmt, macht ihn sich geneigt, und so verbinden sie sich. Sie verbin­den sich, weil jede Neigung ihren Lustreiz hat, und die Lustreize vereinigen die Gemüter. Anders wäre es, wenn die inneren Nei­gungen ebenso wie die äußeren im Gesicht, in den Gebärden und im Ton der Stimme sichtbar und hörbar in Erscheinung träten oder sich mit der Nase riechen ließen, wie das in der geistigen Welt der Fall ist. Dann würden sich ihre Gemüter, so­bald sie den Zwiespalt spürten, voneinander trennen, und sich entsprechend ihrem Gefühl der Abneigung weit voneinander entfernen. Das zeigt, weshalb in der natürlichen Welt nahezu alle Menschen ihren äußeren Neigungen nach verbunden werden können, nicht aber ihren inneren nach, falls diese von­einander abweichen und das auch offensichtlich ist.

(2) In der geistigen Welt werden alle nach ihren in­neren, nicht nach ihren äußeren Neigungen miteinander verbunden, es sei denn, diese stimmten mit den äußeren überein.

*273. Dann wird nämlich der materielle Leib abgelegt, der die Formen aller Neigungen annehmen und darstellen konnte, wie soeben gesagt wurde. Ist aber der Mensch dieses Körpers entledigt, so lebt er in seinen inwendigen Neigun­gen, die der Körper vorher verdeckt hatte. So kommt es, daß man dort die Gleichartigkeiten und Ungleichartigkeiten bzw. die Sympathien und Antipathien nicht nur empfindet, son­dern daß sie auch auf den Gesichtern, in der Sprache und in den Gebärden zur Erscheinung kommen. Daher werden dort die einander Ähnlichen verbunden, die anderen aber ge­trennt. Und das ist auch die Ursache, weshalb der ganze Him­mel vom Herrn gemäß allen Variationen der Neigungen der Liebe zum Guten und Wahren geordnet ist, die Hölle aber auf­grund des Gegensatzes gemäß allen Variationen der Neigun­gen der Liebe zum Bösen und Falschen. Weil die Engel und Geister ebenso wie die irdischen Menschen innere und äußere Neigungen haben und bei ihnen die inneren nicht durch die äußeren verdeckt werden können, darum scheinen die inne­ren Neigungen durch und manifestieren sich. Deshalb werden bei ihnen beide Arten von Neigungen zur Ähnlichkeit und Entsprechung gebracht. Die Folge ist, daß sich auf ihren Gesich­tern die inneren Neigungen durch die äußeren veranschauli­chen und am Ton ihrer Stimme ebenso wie in ihrem Beneh­men erkennen lassen. Die Engel und Geister haben innere und äußere Neigungen, weil sie Gemüt und geistigen Leib be­sitzen. Neigungen und die daraus entspringenden Gedanken gehören dem Gemüt an, Sinneswahrnehmungen und die aus ihnen hervorgehenden Lustgefühle aber dem geistigen Leib. Es kommt oft vor, daß dort Freunde nach dem Tod zusammenkommen, sich ihrer Freundschaft in der vorigen Welt erinnern und glauben, ihre Beziehung fortführen zu können. Nimmt man aber im Himmel wahr, daß ihr Verhältnis nur auf äußeren Neigungen beruht hatte, so findet eine den inneren Neigungen gemäße Trennung statt. Dann kann es geschehen, daß die einen aus dem Freundeskreis in eine westliche, die anderen in eine nördliche Gegend versetzt werden und dann so weit voneinander entfernt sind, daß sie sich nirgends mehr sehen und einander auch nicht mehr erkennen, hat sich doch an ihren Aufenthaltsorten ihr Antlitz verändert, weil sie nun zu Abbildern ihrer inneren Neigungen werden. Daraus geht klar hervor, daß in der geistigen Welt alle gemäß ihren inneren, nicht ihren äußeren Neigungen miteinander verbunden wer­den, es sei denn, diese stimmten mit den inneren überein.

(3) In der Welt liegen den Heiraten im allgemei­nen äußere Neigungen zugrunde, weil man die inneren sel­ten berücksichtigt.

*274. Aber selbst wenn man sie berücksich­tigt, tritt doch deren etwaige Ähnlichkeit bei den Frauen nicht hervor, weil sie diese ihrer Natur gemäß im Heiligtum ihres Gemüts bewahren. Es gibt zahlreiche äußere Neigun­gen, die Männer dazu veranlassen, eine Ehe einzugehen. In dieser Generation [1768!] steht obenan die Neigung, durch das Vermögen der Frau das Hauswesen zu fördern, sowohl zur Bereicherung als auch zur Sicherung des Lebensunter­halts. An zweiter Stelle steht das Streben nach Ansehen, um höhere Achtung oder größeres Glück zu erreichen. Darüber hinaus gibt es noch andere Verlockungen und Begierden, aber auch diese geben keinen Anlaß, Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der inneren Neigungen ausfindig zu machen. Diese wenigen Andeutungen zeigen schon, daß in der Welt gewöhnlich aufgrund äußerer Neigungen geheira­tet wird.

(4) Sind in diesen äußeren Neigungen keine inne­ren Neigungen enthalten, welche die Gemüter verbinden, so lösen sich die Ehen im Hause auf.

*275. "Im Hause" heißt es, weil das zwischen ihnen im privaten Bereich geschieht. Dieser Fall tritt ein, wenn die erste, zur Zeit der Verlobung entfachte und beim Herannahen der Hochzeit lodernde Flamme infolge des schroffen Unter­schieds der inneren Neigungen nach und nach erlischt, und die Wärme in Kälte übergeht. Bekannt ist, daß sich dann die äußeren Neigungen, die sie zur Heirat bewogen und verlockt hatten, verlieren und die beiden Gatten nicht mehr mitein­ander verbinden. Im vorigen Kapitel wurde nachgewiesen, daß die Kälte aus verschiedenen inneren, äußeren und zufäl­ligen Ursachen entsteht, die sämtlich auf der Ungleichheit der inneren Neigungen beruhen. Damit ist klar, daß sich die Ehen [ohne formelle Scheidung] im Hause auflösen, sofern in den äußeren Neigungen nicht auch innere enthalten sind, welche die Gemüter verbinden.

(5) Gleichwohl sind die Ehen in der Welt bis zum Ende aufrechtzuerhalten.

*276. Dies wird hier angeführt, damit die Vernunft noch klarer die Notwendigkeit, Nützlichkeit und Wahrheit erkennen kann, daß die eheliche Liebe, auch da, wo sie nicht echt ist, vorgegeben werden muß, damit es wenig­stens den Anschein hat, als ob sie vorhanden sei.

Anders wäre es, wenn die eingegangenen Ehen nicht auf Lebenszeit geschlossen würden, sondern wie beim Volk Is­rael willkürlich aufgelöst werden könnten. Die Israeliten nah­men sich die Freiheit, ihre Frauen aus beliebiger Ursache zu entlassen, wie bei Matthäus deutlich wird:

"Da traten die Pharisäer zu ihm ... und sprachen: Darf ein Mann seine Frau um jedweder Ursache willen entlassen?"

Als ihnen Jesus antwortete, es sei nicht erlaubt, seine Frau zu entlassen und eine andere zu nehmen, es sei denn wegen Hu­rerei, brachten sie vor, Moses habe ja verordnet, ihr einen Scheidebrief zu geben und sie zu entlassen.1

1) Anm. d.Ü's: Die Antwort Jesu, Moses habe es ihnen "um ihres Her­zenshärte willen erlaubt": die Swedenborg hier unerwähnt läßt, könnte als Motto über allen Überlegungen stehen, die Swedenborg im Zusammenhang mit den Abarten der ehelichen und außerehe­lichen Liebe anstellt. Sie sind zugelassen, weil die Herzen vieler ver­härtet, d.h. nicht für die wahrhaft eheliche Liebe empfänglich sind.

"Die Jünger aber sprachen: Steht die Sache eines Mannes mit seiner Frau so, dann ist es nicht ratsam zu heiraten (Mat 19, 3 10)."

Wenn also die Ehe ein Bund auf Lebenszeit ist, so muß zumindest der Anschein von Liebe und Freundschaft zwischen den Ehegatten aufrechterhalten werden.

Die Dauer einmal geschlossener Ehen bis ans Ende des Lebens in der Welt beruht auf dem Göttlichen Gesetz und wird darum auch von der Vernunft und vom bürgerlichen Gesetz gefordert. Es ist insofern eine Forderung des Göttlichen Ge­setzes, als dieses nicht erlaubt, seine Frau zu entlassen und eine andere zu nehmen, es sei denn wegen Hurerei, wie eben gezeigt wurde. Eine Forderung des Vernunftgesetzes ist es, weil dieses auf dem geistigen aufbaut — das göttliche und das Vernunftgesetz sind nämlich im Grunde ein einziges Ge­setz. Aus diesem und jenem zusammen, besser: durch dieses aus jenem kann man deutlich erkennen, zu wievielen schrecklichen Mißständen und Zerrüttungen der gesell­schaftlichen Verhältnisse es kommen müßte, wenn die Ehen aufgelöst oder die Frauen nach Belieben der Männer bereits vor dem Tod entlassen werden dürften.

Diese gewaltigen Mißstände und Zerrüttungen kann man einigermaßen aus der in #103 bis 115 beschriebenen Denkwürdigkeit erse­hen, in der die aus neun Reichen Versammelten den Ur­sprung der ehelichen Liebe erörterten. Es ist nicht nötig, wei­tere Gründe hinzuzufügen. Doch alle diese Ursachen ste­hen der Zulassung von Trennungen aus bestimmten Gründen nicht im Wege (vgl. oben Nr. 252 254), ebenso auch nicht der Zulassung des Konkubinats, wie im Zweiten Teil dieses Werkes gezeigt wird.

(6) In Ehen, die durch keine inneren Neigungen verbunden sind, bewirken äußere Neigungen, die den in­neren ähneln, die Verbindung.

*277. Unter inneren Neigungen sind gegenseitige Zuneigungen zu verstehen, die vom Himmel her die Gemüter beider Gatten beseelen, unter äußeren Neigun­gen hingegen Zuneigungen, die ihre Gemüter aus weltlichen Gründen hegen. Diese Neigungen oder Zuneigungen gehören zwar ebenfalls dem Gemüt an, nehmen aber darin den unte­ren Bereich ein, die anderen hingegen den oberen. Da nun beide ihren Sitz im Gemüt haben, könnte man meinen, sie seien gleich und stimmten überein. Aber wenn sie auch nicht gleich sind, kann doch der Anschein der Harmonie entste­hen, und bei einigen ist das auch der Fall, bei anderen aber sind es nichts als schmeichlerische Verstellungen. Eine gewisse Gemeinschaft ist beiden Ehegatten von Beginn ihres Ehebundes an eingepflanzt und bleibt erhalten, auch wenn sie im Gemüt nicht zusammenstimmen: etwa die Gemeinschaft des Besitzes, bei vielen auch die gemeinsamen Nutzleistun­gen, verschiedene häusliche Bedürfnisse und auch Gedan­ken und gewisse Geheimnisse. Ferner besteht die Gemein­schaft des Bettes und der Liebe zu den kleinen Kindern und manches andere, das zum Ehebund gehört und ihren Ge­mütern eingeprägt ist. Aus alledem entstehen vor allem jene äußeren Neigungen, die den inneren gleichen. Neigungen aber, die von den Menschen nur simuliert werden, stammen teils aus diesem, teils aus einem anderen Ursprung. Von bei­den wird im Folgenden gehandelt.

(7) Auf diesen äußeren Neigungen beruht die scheinbare Liebe oder Freundschaft und Gunst zwischen den Ehegatten.

*278. Scheinbare Liebe, Freundschaft und Gunst zwischen Ehegatten sind die Folge des auf Lebenszeit geschlossenen Bundes und der ehelichen Gemeinschaft und sind daher den auf diese Weise Verbundenen eingeprägt. Daraus entstehen die äußeren Neigungen, welche, wie oben angedeutet wurde, den inneren ähneln, außerdem entstehen sie aber auch aus Gründen der Nützlichkeit und Notwendig­keit. Daraus entspringen zum Teil der Verbindung förderli­che äußere oder vorgebliche Neigungen, die der äußeren Liebe und Freundschaft den Anschein innerer Liebe und Freundschaft verleihen.

(8) Diese Scheinbarkeiten sind eheliche Verstel­lungskünste, die aber lobenswert, weil nützlich und notwendig sind.

*279. Von Verstellungskünsten (simulationes) wird ge­sprochen, weil sie zwischen Ehegatten stattfinden, deren Gemüter nicht harmonieren und die infolgedessen innerlich kalt gegeneinander sind. Wenn sie aber trotzdem äußerlich ein geselliges Leben führen, wie es sein soll und sich geziemt, dann können diese Beziehungen als Verstellungen bezeichnet werden, aber eheliche, die sich ganz und gar von den heuch­lerischen Verstellungskünsten unterscheiden, da sie wegen ihrer Nützlichkeit lobenswert sind. Durch diese ehelichen Ver­stellungskünste wird all das Gute bewirkt, das weiter unten in den Abschnitten (11) bis (20) aufgezählt wird. Lobenswert sind diese Künste auch insofern, als sonst all jenes Gute nicht zu­stande käme, das doch einer Notwendigkeit entspricht, weil der Ehebund und das Gesetz das Zusammenleben der Ehe­gatten zur Pflicht macht. Darum ist damit auch Pflichtgefühl verbunden.

(9) Diese ehelichen Verstellungskünste werden beim geistigen Menschen, der mit dem natürlichen verbun­den ist, von Gerechtigkeit und Urteilskraft geleitet.

*280. Der gei­stige Mensch handelt ja stets aus Gerechtigkeit und Ur­teilskraft. Er betrachtet daher diese Verstellungen nicht als etwas, das mit seinen inneren Neigungen im Widerspruch steht, sondern als in Übereinstimmung damit. Er handelt ja gewissenhaft und ist stets auf Besserung des ehelichen Verhältnisses bedacht. Und wenn er diese auch nicht erreicht, so bezweckt er doch die Anpassung aneinander im In­teresse der häuslichen Ordnung und gegenseitigen Hilfsbe­reitschaft, der Kindererziehung, des Friedens und der Ruhe. Dazu treibt ihn seine Gerechtigkeit, und seinem Urteil entsprechend verwirklicht er dieses Ziel. Der geistige Mensch wohnt auf diese Weise mit dem natürlichen zusammen, weil er auch ihm gegenüber geistig handelt.

(10) Beim natürlichen Menschen werden die eheli­chen Verstellungskünste entweder durch Klugheit oder verschiedene andere Gründe bestimmt.

*281. Es kommt vor, daß von zwei Gatten der eine geistig, der andere natürlich ist. Der gei­stige liebt geistige Dinge und ist so vom Herrn her weise, der natürliche liebt nur die natürlichen Dinge und ist nur aus sich selbst weise. Sind zwei solche Menschen durch die Ehe zusammengesellt, so ist die eheliche Liebe bei dem geistigen Partner warm, bei dem natürlichen kalt. Es ist klar, daß Wärme und Kälte nicht gleichzeitig bestehen können und die Wärme den nicht entzünden kann, der innerlich kalt ist, es sei denn, seine Kälte werde zuvor vertrieben. Es ist ebenso klar, daß Kälte nicht in jemanden einfließen kann, der innerlich warm ist, es sei denn, seine Wärme würde zuvor entfernt. Darum ist herzliche Liebe zwischen Ehegatten, von denen der eine geistig, der andere natürlich ist, unmöglich. Wohl aber ist auf seiten des geistigen Gatten eine der herzlichen Liebe ähnliche Liebe möglich, wie im vorigen Abschnitt gezeigt wurde. Zwi­schen zwei gleichermaßen natürlichen Ehegatten ist dage­gen keinerlei herzliche Liebe möglich, weil beide kalt sind. Erwärmen sie sich für einander, so nur aufgrund unkeuscher Gelüste. Gleichwohl können Menschen mit getrennten Gemütern beisammen wohnen, sich auch gegeneinander lie­bevoll und freundschaftlich gebärden, so gegensätzlich auch ihre Gemüter sein mögen. Bei solchen Menschen können die äußeren Neigungen, die sich zumeist auf Vermögen und Be­sitz beziehen oder auf Ehren und Würden, gleichsam er­glühen. Und weil diese Glut verbunden ist mit der Furcht vor dem Verlust aller dieser Dinge, sind die ehelichen Verstel­lungskünste für sie notwendig. Darüber wird weiter unten in den Abschnitten (15) bis (17) vor allem gehandelt. Die übri­gen dort aufgeführten Gründe können auch etwas mit denen des geistigen Menschen gemeinsam haben, die oben in #280 beschrieben wurden, jedoch nur, wenn die Klugheit beim natürlichen Menschen durch Einsicht bestimmt wird.

(11) Der Zweck der ehelichen Verstellungskünste ist die Verbesserung des ehelichen Verhältnisses und die Anpassung aneinander.

*282. Die ehelichen Verstellungskünste, die Liebe und Freundschaft zwischen Ehegatten wider­sprüchlicher Gesinnung vortäuschen, bezwecken die Verbes­serung der ehelichen Beziehung, weil der geistige Mensch, der mit einem natürlichen durch die Ehe verbunden ist, aus­schließlich das beabsichtigt. Das geschieht von seiner Seite aus durch kluge und anmutsvolle Äußerungen sowie durch Gefälligkeiten, die der Sinnesart des anderen angenehm sind. Hat das keine Wirkung auf Gesinnung und Gewohnheiten des anderen, so hat er dabei doch die Bewahrung der häuslichen Ordnung, das Wohl der großen und kleinen Kinder, gegensei­tige Hilfsbereitschaft und dergleichen im Auge. Worte und Handlungen des geistigen Menschen werden ja, wie oben in #280 gezeigt wurde, durch seinen Gerechtigkeitssinn und seine Urteilskraft bestimmt. Bei Ehegatten aber, von denen keiner geistig ist, die vielmehr beide natürlich sind, kann das zwar auch vorkommen, aber mit anderen Zielsetzungen. Ist Verbesserung und Anpassung beabsichtigt, so ist bei ihnen der Zweck, den anderen zum gleichen unsittlichen Betragen zu veranlassen und seinen eigenen Wünschen gefügig zu ma­chen. Es kann auch sein, daß man vom anderen bestimmte Leistungen erwartet oder daß man den häuslichen Frieden und den guten Ruf nach außen wahren will. Auch können be­sondere Vergünstigungen von seiten des Gatten oder seiner Verwandten und andere ähnliche Dinge der Zweck sein. Bei ei­nigen entspringen diese Absichten ihrer vernünftigen Klug­heit, bei anderen ihrer natürlichen Höflichkeit, wieder bei an­deren den Lustreizen ihrer angeborenen Begierden, deren Verlust gefürchtet wird. Dazu gibt es noch manches, was die Bezeugung von Gunst, die als eheliche Liebe ausgegeben wird, mehr oder weniger zur Heuchelei werden läßt. Es gibt auch außerhäusliche Gunstbeweise, die der ehelichen Liebe zu ent­springen scheinen und nicht innerhalb des Hauses stattfin­den. Diese beabsichtigen nur den guten Ruf beider Ehegatten. Ist das nicht der Fall, so sind sie nur nichtiges Spiel.

(12) Der Sinn der ehelichen Verstellungskünste ist die Aufrechterhaltung der häuslichen Ordnung und gegen­seitigen Hilfsbereitschaft.

*283. Jede Haushaltung, zu der auch Kin­der und deren Haus  Lehrer sowie andere Bedienstete gehören mögen, ähnelt der großen menschlichen Gesellschaft, die sich ja auch in ihren Teilen aus einzelnen Haushaltungen zusam­mensetzt. Wie das Wohl der Gesamtgesellschaft von der Ord­nung abhängt, so auch das dieser kleinen Gesellschaften, und wie es Pflicht der Staatsbeamten ist, darauf zu achten und dafür zu sorgen, daß Ordnung in der Gesamtgesellschaft be­steht und erhalten bleibt, so ist es die der Ehegatten in bezug auf ihre kleine Gesellschaft. Aber eine solche Ordnung ist unmöglich, wenn Mann und Frau von ganz verschiedener Gesinnung sind, weil dadurch die Überlegungen wie auch die einander geleistete Hilfe in entgegengesetzter Richtung ver­laufen und so ihre Gemüter gleichsam geteilt werden. Dadurch bricht die Form der kleinen Gesellschaft auseinander. Das bedeutet: soll die Ordnung aufrechterhalten bleiben und will man dadurch für sich selbst und so auch für sein Haus sorgen, damit nicht alles zugrunde geht und ins Verderben stürzt, so ist es unerläßlich, daß Herr und Herrin einig sind. Scheint das wegen des Unterschieds ihrer Gemüter unmög­lich, so ist es, wenn es gut gehen soll, dennoch notwendig und auch schicklich, diese Einigkeit wenigstens durch eine äußerliche eheliche Freundschaft zu bewirken. Bekanntlich wird auf diese Weise Einigkeit in den Familien hergestellt, weil es als notwendig und nützlich angesehen wird.

(13) Der Sinn solcher ehelichen Verstellungs­künste ist die einmütige Sorge für die kleineren und größe­ren Kinder.

*284. Allgemein ist bekannt, daß die ehelichen Verstel­lungskünste, die den Anschein von Liebe und Freundschaft er­wecken und den wahrhaft ehelichen gleichen, um der kleineren und größeren Kinder willen geschehen. Die gemeinsame Liebe zu ihnen bewirkt, daß die Gatten einander gütig und freundlich ansehen. Die Liebe zu den Kindern bei Mutter und Vater verbindet sich wie Herz und Lunge. Bei der Mutter ist diese Liebe wie das Herz, beim Vater wie die Lunge. Der Grund für diesen Vergleich liegt darin, daß das Herz der Liebe und die Lunge dem Verstand entspricht. Die Liebe der Mutter entspringt aus dem Willen, die des Vaters aus dem Ver­stand. Bei geistigen Menschen beruht die eheliche Verbin­dung durch diese Liebe auf Gerechtigkeit und Urteil — auf Ge­rechtigkeit, weil die Mutter sie unter dem Herzen getragen und mit Schmerzen geboren und nachher mit unermüdlicher Fürsorge säugt, nährt, reinigt, kleidet und aufzieht.



(14) Alle ehelichen Verstellungskünste dienen auch dem häuslichen Frieden.

*285. Die äußeren Freundschafts­beweise, die dem häuslichen Frieden und der Ruhe dienen, finden sich vor allem bei Männern. Ihrem Naturell gemäß handeln sie nämlich aus dem Verstand, und der erwägt, weil er überlegt, manches, was das Gemüt beunruhigt und verdü­stert. Wenn zu Hause Unruhe herrschte, würden ihre Lebens­geister schließlich matt und ihr inneres Leben gleichsam zum Erliegen kommen, Gesundheit von Gemüt und Leib unter­graben. Die Furcht davor und vor anderen Mißlichkeiten würde ihre Gemüter beherrschen, wenn sie nicht zuhause bei ihren Frauen Zuflucht fänden, um ihren stürmisch erregten Verstand zu beruhigen. Zudem heitern häuslicher Friede und Ruhe das Gemüt auf und läßt sie das Wohlwollen, das ihnen von den Frauen entgegengebracht wird, dankbar annehmen. Diese geben sich alle Mühe, die Wolken zu zerstreuen, die sie bei ihren Männern mit scharfem Blick wahrnehmen, was den Reiz ihrer Gegenwart noch zusätzlich steigert. Das macht deutlich, daß eine Nachahmung der wahren ehelichen Liebe (simulatio amoris sicut vere conjugialis), die häuslichen Frie­den und Ruhe zum Ziel hat, nicht nur notwendig, sondern auch nützlich ist. Dazu kommt, daß sich bei den Frauen keine derartigen Verstellungskünste finden, auch wenn es so scheint, handelt es sich doch um Äußerungen wirklicher Liebe, weil sie dazu geboren sind, den Verstand der Männer zu lieben. So nehmen sie die Gunstbezeugungen der Männer von Herzen freundlich auf, selbst wenn sie nichts dazu sagen.

(15) Diese Verstellungskünste bezwecken auch den guten Ruf außerhalb des Hauses.

*286. Die Stellung (fortuna) des Mannes hängt meist von dem Ruf ab, gerecht, ehrlich und auf­richtig zu sein, er hängt aber auch von der Frau ab, die sein häus­liches Leben kennt. Bräche daher der Zwiespalt ihrer Gemüter in offene Feindschaft aus, in Streit oder gehässige Drohungen und käme durch die Frau und ihre Freundinnen oder durch Dienstboten unter die Leute, so könnte daraus leicht üble Nachrede entstehen, die seinem Namen zur Unehre und Schmach gereichte. Um solche Folgen zu vermeiden, gibt es keine andere Wahl, als entweder seiner Frau mit verstellter Für­sorglichkeit zu begegnen oder getrennt von ihr zu wohnen.

(16) Zweck der ehelichen Verstellungskünste kön­nen auch verschiedene Vorteile sein, die man vom Ehepart­ner oder dessen Verwandten erwartet, bzw. die Furcht vor dem Verlust solcher Vorteile.

*287. Das trifft vor allem für Ehegat­ten ungleichen Standes und Vermögens zu (vgl. oben #250). Wenn jemand z.B. eine reiche Frau heiratet, diese ihr Geld ver­birgt, in Hypotheken anlegt oder gar trotzig darauf besteht, es sei Sache des Mannes, den Haushalt aus seinem eigenen Vermögen und Einkommen zu bestreiten. Es ist allgemein be­kannt, daß es auf diese Weise zur erzwungenen Nachahmung ehelicher Liebe kommt. Der gleiche Fall tritt ein, wenn jemand eine Frau geheiratet hat, deren Eltern, Verwandte und Freunde hohe Würdenträger und Amtsinhaber sind oder gewinnreiche Unternehmungen und Handelsgeschäfte leiten und ihm daher zu größerem Wohlstand verhelfen können. Allgemein ist bekannt, daß aus diesem Grund oft versucht wird, den Schein ehelicher Liebe aufrecht zu erhalten. Klar ist auch: das eine wie das andere geschieht nur, weil man den Verlust von Vorteilen befürchtet.

(17) Zweck ehelicher Verstellungskünste kann ferner die Bemäntelung eigener Geburtsfehler sein, und damit die Vermeidung eines üblen Rufs.

*288. Es gibt verschiedene schwere und weniger schwere Geburtsfehler, deretwegen man für seinen guten Ruf fürchtet: Fehler des Gemüts wie auch körperliche Fehler weniger bedeuten der Art als die im vorigen Kapitel in #252 bis 253 angeführten, die echte Trennungs­gründe sind. Hier sind daher Fehler gemeint, die wegen der damit verbundenen Schande vor dem anderen Ehegatten ver­schwiegen werden. Dazu kommen bei manchen Menschen auch Vergehen, die sie belasten und die, würden sie bekannt, die Strafe des Gesetzes nach sich zögen. Ganz zu schweigen von der Abnahme jener Potenz, deren sich die Männer zu rüh­men pflegen. Es ergibt sich ohne weitere Erklärung, daß die Bemäntelung dieser Dinge zur Vermeidung von Schimpf ein Grund ist, den Anschein eines liebevollen und freundlichen Umgangs mit der Gattin aufrechtzuerhalten.

(18) Ein weiterer Zweck liegt in der Aussöhnung.

*289. Aller Welt ist bekannt, daß es zwischen Ehegatten, deren Gemüter aus verschiedenen Gründen nicht miteinander har­monieren, abwechselnd zu Zwistigkeiten und Vertrautheit, Entfremdung und Verbundenheit, ja sogar zu schwerwiegen­den Streitigkeiten, anschließend aber wieder zu Verständi­gung und Versöhnung kommt. Oft bewirkt auch eine schein­bare Freundschaft eine Versöhnung. Freilich kommt es auch zu Wiederversöhnungen, wenn die Zerwürfnisse nicht so wechselhaft und vorübergehend waren.

(19) Wenn bei der Gattin die Zuneigung weiter besteht, nicht aber beim Manne die Potenz, kann sich eine Freundschaft bilden, die im Alter der ehelichen Freund­schaft ähnlich wird.

*290. Eine Hauptursache für die Trennung der Gemüter der Ehegatten liegt darin, daß die Zuneigung der Frau ermattet, sobald die Potenz beim Manne aufhört, und hierauf die Liebe. Denn ebenso wie sich Wärme gegenseitig mitteilt, so auch Kälte. Vernunft und Erfahrung lehren, daß — die Freundschaft aufhört, wenn die Liebesfähigkeit bei beiden ermattet, und wenn nicht zu befürchten ist, daß dadurch der häusliche Wohlstand in Gefahr gerät, hört gewöhnlich auch die Zuneigung auf. Schreibt nun der Mann im stillen sich selbst die Ursache zu und beharrt die Frau in keuscher Zu­neigung zu ihm, kann sich dadurch eine Freundschaft bilden, die — weil zwischen Ehegatten bestehend — als eine der eheli­chen Liebe ähnliche Liebe erscheint. Die Erfahrung bezeugt, daß eine dieser Liebe gleichende Freundschaft zwischen alten Eheleuten möglich ist, gehen sie doch oft ruhig, harmlos, lie­bevoll und freundlich miteinander um.

(20) Es gibt verschiedene Arten scheinbarer Liebe und Freundschaft zwischen Ehegatten, von denen der eine unterjocht und daher dem anderen unterlegen ist.

*291. Nach der ersten Zeit ehelicher Verbindung kommt es zwischen den Gatten häufig zu Rivalitäten darüber, wem Recht und Macht zu­stehe. Was das Recht betrifft, soll ja nach den Bestimmungen des geschlossenen Bundes Rechtsgleichheit zwischen ihnen bestehen und einem jeden die Würde zukommen, die der Lei­stung seiner Funktion entspricht. Was die Macht betrifft, be­anspruchen bekanntlich die Männer in allen Angelegenheiten des Hauses den größeren Anteil, einfach weil sie die Männer sind, und räumen den Frauen geringeren Einfluß ein, nur weil sie Frauen sind. Das weiß man in der gegenwärtigen Welt sehr wohl.

Aber diese heutzutage sehr häufigen Rivalitäten kom­men einzig und allein daher, daß man die wahre eheliche Liebe nicht kennt und keinen Sinn für ihre Seligkeiten hat. Weil es nun hieran fehlt, ist an Stelle der ehelichen Liebe die Begierde getreten, die den trügerischen Schein ehelicher Liebe annimmt. Ist die echte Liebe verlorengegangen, so entspringt der an ihre Stelle getretenen Begierde das Streben nach Macht. Einige Menschen sind von der Herrschaftsliebe besessen, an­deren wird sie vor der Hochzeit von erfahrenen Frauen bei­gebracht, einigen ist sie aber auch unbekannt. Männer mit dieser Ambition, die nach wechselvoller Rivalität die Herr­schaft an sich reißen, bringen es schließlich dahin, ihre Frauen vollkommen abhängig zu machen, so daß sie nur noch ihren Launen dienen und ihre Sklavinnen sind   je nach dem Grad oder dem besonderen Zustand ihrer Ambitionen, wie er einem jeden von ihnen eingeprägt und in ihm verborgen liegt. Haben aber Frauen diese Ambition und reißen nach wech­selvoller Rivalität die Herrschaft an sich, bringen sie es dazu, daß die Männer ihnen schließlich entweder gleiche Rechte einräumen oder ihren Launen dienen und zu ihren Sklaven werden. Da aber bei Frauen, sobald sie herrschen, die Begierde bleibt, die den trügerischen Schein der ehelichen Liebe annimmt und im Zaum gehalten wird durch Gesetz und Furcht vor berechtigter Trennung, falls sie ihre Herrschaft übermäßig ausdehnen würden, so führen sie ein geselliges Leben mit ihren Männern. Es läßt sich freilich nicht mit we­nigen Worten beschreiben, was für eine Liebe und Freund­schaft zwischen einer dominierenden Frau und einem zum Knecht gewordenen Mann, bzw. zwischen einem dominie­renden Mann und einer zur Sklavin gewordenen Frau besteht. Ja, wenn man die dabei bestehenden Unterschiede definieren und aufzählen wollte, würden mehrere Seiten nicht genügen, sind sie doch mannigfach und völlig verschieden wegen ihrer unterschiedlichen Art bei Männern und Frauen. Solche Män­ner kennen keine wahre, sondern nur eine törichte (fatua) Lie­besfreundschaft und solche Frauen nur die Freundschaft einer unechten Liebe, die auf lüsterner Begierde beruht. Im nächsten Abschnitt wird gezeigt, welcher Kunstgriffe sich solche Frauen bedienen, um sich Macht über ihre Männer zu verschaffen.

(21) In der Welt gibt es höllische Ehen zwischen Gatten, die innerlich die bittersten Feinde sind, äußerlich aber wie innigste Freunde erscheinen.

*292. Frauen dieser Art wol­len mich zwar von der geistigen Welt aus daran hindern, sol­che Ehen ans Licht der Öffentlichkeit zu ziehen, fürchten sie doch, ihre Kunst, sich Macht über die Männer zu verschaf­fen, könnte dadurch bekannt werden, während sie doch alles tun, um sie geheim zu halten. Weil ich aber von den Männern in der anderen Welt aufgefordert werde, die Gründe aufzu­zeigen, durch die in ihren Herzen ein innerer, fast an Wut gren­zender Frauen Haß entstand, möchte ich über deren geheime Künste wenigstens folgendes anführen: Die Männer sagten, sie hätten, ohne sich dessen recht bewußt zu werden, eine schreckliche Furcht vor ihren Frauen bekommen und nicht mehr anders gekonnt, als deren Launen aufs untertänigste zu gehorchen und ihren willkürlichen Anordnungen zu folgen, mehr als die niedrigsten Knechte, so daß sie schließlich wie zu Waschlappen (vappae) geworden seien. Aber nicht nur Männer niedrigen Standes seien in ein solches Verhältnis zu ihren Frauen geraten, sondern auch Männer, die hohe Wür­den bekleideten, darunter sogar tapfere und berühmte Feld­herren. Ferner sagten sie, nachdem diese Furcht sie über­mannt habe, hätten sie nicht mehr gewagt, unfreundlich mit ihren Frauen zu reden und sich ihren Wünschen zu widerset­zen, obgleich sie in ihrem Herzen einen geradezu tödlichen Haß gegen sie gehegt hätten. Gleichwohl, fügten sie hinzu, behandelten ihre Frauen sie freundlich und schenkten auch manchen ihrer Wünsche ein geneigtes Ohr. Die Männer konn­ten selbst nicht begreifen, wie in ihrem Inneren eine derar­tige Antipathie, aber in ihrem Äußeren doch etwas wie Sym­pathie habe entstehen können. Darum forschten sie bei Frauen, die mit jener geheimen Kunst vertraut waren, nach den Gründen. Aus deren Mund vernahmen sie, wie sie sag­ten, daß Ehefrauen tief in sich das Wissen verbergen, wie sie, wenn es ihnen darum zu tun ist, die Männer ihrer Herrschaft unterwerfen können. Ungebildete Frauen bewirken das durch abwechselndes Schelten und freundliches Benehmen, andere durch widerwärtige, beständig unfreundliche Mienen und ähnliches. Gebildete Frauen hingegen erreichen ihr Ziel durch beharrliche Bitten und hartnäckigen Widerstand, wenn sie Härte von seiten ihrer Männer erleiden, berufen sich auf ihr gesetzliches Recht der Gleichheit und widersetzen sich mutig. Selbst wenn sie zum Haus hinausgeworfen würden, kehrten sie zurück, wenn sie wollten und bestünden auf ihren Forde­rungen. Sie wissen nämlich, daß Männer ihrer Natur nach den hartnäckigen Vorstellungen ihrer Frauen nicht widerstehen können und sie, sobald sie einmal nachgegeben haben, sich ihrem Willen fügen. Die Frauen aber zeigen sich, sobald sie die Herrschaft errungen haben, freundlich und einschmeichelnd gegenüber ihren Männern.

Die Frauen können aber deshalb durch solche List zur Herrschaft gelangen, weil der Mann aus dem Verstand und die Frau aus dem Willen handelt und der Wille fest entschlos­sen handeln kann, nicht aber der Verstand. Man sagte mir, die schlimmsten dieser Frauen, die von ihrem Streben nach Herrschaft ganz durchdrungen sind, könnten an ihren eigen­sinnigen Forderungen bis zum letzten Atemzug festhalten. Doch hörte ich von jenen Frauen auch die Rechtfertigung dafür, weshalb sie sich dieser Kunst bedient hätten: Sie wür­den es nicht getan haben, hätten sie nicht vorausgesehen, daß sie von den Männern, wären sie ihrerseits von ihnen unter­jocht worden, mit größter Verachtung behandelt und ver­stoßen worden wären. Sie hätten darum aus Notwehr zu ihren Waffen gegriffen. Sie fügten dem noch die Mahnung für die Männer bei, sie möchten doch auch den Frauen ihre Rechte lassen und diese, wenn sie hin und wieder Kälte gegen sie empfänden, nicht geringschätziger behandeln als ihre Mägde. Sie sagten ferner, viele aus ihrem Geschlecht seien aus ange­borener Schüchternheit unfähig, jene Kunst auszuüben. Ich aber setzte hinzu: "Aus angeborener Bescheidenheit."

Damit ist nun deutlich, welche Ehen in der Welt, deren Partner innerlich erbitterte Feinde, äußerlich aber wie die in­nigsten Freunde erscheinen, als höllisch zu bezeichnen sind.

Zwei Denkwürdigkeiten sollen hier beigefügt werden.

*293. Die erste: Einst blickte ich aus dem Fenster nach Osten und sah sieben Frauen in einem Rosengarten an einer Quelle sitzen und von ihrem Wasser trinken. Ich schaute angespannt hin, um zu sehen, was sie sonst noch machten. Das fiel ihnen auf, und eine von ihnen gab mir einen Wink, zu ihnen zu kom­men. Ich verließ das Haus und näherte mich ihnen eilends.

Angelangt, fragte ich höflich, woher sie kämen. Sie sagten: "Wir sind Ehefrauen und unterhalten uns über die Wonnen der ehelichen Liebe, und aus vielen Gründen kommen wir zu dem Schluß, daß diese Wonnen zugleich Wonnen der Weisheit sind." Diese Antwort erfreute mein Gemüt dermaßen, daß es mir vorkam, ich sei innerlicher und heller im Geist und damit auch im Innewerden als je zuvor. Darum sprach ich: "Er­laubt mir, euch die eine oder andere Frage über diese Wonnen zu stellen." Als sie einwilligten, fragte ich: "Wie könnt ihr Frauen wissen, daß die Wonnen der ehelichen Liebe und die Wonnen der Weisheit dasselbe sind?" Ihre Antwort lautete: "Wir wissen es aus der Entsprechung der Weisheit unserer Männer mit den Wonnen der ehelichen Liebe bei uns; denn die Wonnen dieser Liebe erhöhen oder vermindern und ver­halten sich bei uns ganz nach der Weisheit unserer Männer." Als ich das hörte, sprach ich: "Ich weiß wohl, daß euch die schmeichlerischen Reden der Männer und ihre heitere Gemütsverfassung anregen und ihr euch von Herzen darüber freut, doch wundere ich mich, daß ihr meint, ihre Weisheit bewirke das. Sagt mir doch, was versteht ihr unter Weisheit, und wie ist sie beschaffen?" Unwillig erwiderten die Frauen: "Meinst du etwa, wir wüßten nicht, wie und was die Weisheit ist? Bei unseren Männern achten wir doch immer darauf und lernen es täglich von ihnen. Wir Frauen denken nämlich vom Morgen bis zum Abend an den Zustand unserer Männer. Es gibt im Laufe des Tages kaum einen Augenblick, in dem sich unser intuitives Denken (cogitatio intuitiva) völlig von ihnen abwendet. Umgekehrt denken die Männer tagsüber nur wenig an unseren Zustand. Daher wissen wir, welcher Art ihre Weis­heit ist, die sich in uns als Wonnegefühl zeigt. Die Männer be­zeichnen diese Weisheit als geistig vernünftig und geistig sitt­lich. Von der geistig vernünftigen sagen sie, sie gehöre zum Verstand, von der geistig sittlichen, sie sei Sache des Willens und des Lebens. Aber sie verbinden beide miteinander und behaupten, die lieblichen Gefühle dieser Weisheit aus ihren Gemütern verwandelten sich in unserer Brust zu Wonnege­fühlen, um von da aus wieder zu ihnen zurückzukehren, also zu der Weisheit, von der sie ursprünglich ausgegangen sind." Weiter fragte ich: "Wißt ihr noch mehr von der Weisheit der Männer, die ihr so wonnevoll empfindet?" "O ja!" antworteten sie", es gibt eine geistige Weisheit und daraus eine vernünftige und eine sittliche Weisheit. Die geistige Weisheit besteht darin, daß man den Herrn und Heiland als Gott des Himmels und der Erde anerkennt und sich von Ihm durch das Wort und die Pre­digten aus dem Wort die Wahrheiten der Kirche und damit geistige Vernünftigkeit erwirbt; dazu soll man von Ihm her danach leben und dadurch geistige Sittlichkeit erlangen. Diese Weisheiten bezeichnen unsere Männer als jene, die im allge­meinen die wahre eheliche Liebe bewirken. Wir haben von ihnen auch den Grund dafür erfahren, nämlich daß durch jene Weisheit die inwendigeren Bereiche ihres Gemüts und zu­gleich auch ihres Leibes aufgetan werden. Dadurch entsteht ein freier Durchgang (liber transitus) vom Ersten bis zum Letz­ten für jene Ader der Liebe, von deren Zufluß, Fülle und Kraft die eheliche Liebe abhängt und lebt. Zweck und Ziel der geistig vernünftigen und  sittlichen Weisheit unserer Männer, besonders was die Ehe betrifft, besteht darin, die Gattin al­lein zu lieben und jede Begierde nach anderen Frauen abzu­legen. Und je wie das geschieht, wird der Grad der Liebe er­höht und sie vervollkommnet. Im selben Maß empfinden auch wir deutlicher und feiner alle Wonnen, die in uns den angenehmen Neigungen und schönen Gedanken unserer Männer entsprechen." Nun fragte ich, ob sie wüßten, in wel­cher Weise die Kommunikation geschehe. Sie erwiderten: "Bei jeder Verbindung durch Liebe muß man Tätigkeit, Aufnahme und Reaktion unterscheiden. Der wonnevolle Zustand unse­rer Liebe ist das Bewegende (agens) oder die Tätigkeit; der Zustand der Weisheit der Männer ist das Aufnehmende oder die Aufnahme, die zugleich zurückwirkt bzw. eine dem Inne­werden gemäße Reaktion ist. Diese empfinden wir in der Brust als Wonnegefühle, und zwar entsprechend dem Zustand, der beständig gespannt und aufnahmebereit ist für das, was mit der männlichen Kraft und somit auch mit dem letzten Zu­stand der Liebe bei uns Frauen einigermaßen zusammen­hängt und davon ausgeht." Weiter sagten sie: "Hüte dich aber davor, unter den erwähnten Wonnen etwa die letzten Wonnen dieser Liebe zu verstehen. Davon sagen wir nirgends etwas, wir sprechen vielmehr von den Wonnen, die wir in unserer Brust empfinden und die ständig mit dem Zustand der Weis­heit unserer Männer in Entsprechung stehen."

Nun erschien von weitem etwas wie eine Taube, die mit dem Blatt eines Baumes im Schnabel heranflog. Doch als sie sich näherte, erkannte man anstelle der Taube einen kleinen Knaben mit einem Blatt Papier in der Hand. Angekommen, überreichte er es mir mit den Worten: "Lies es vor den Ohren dieser Quell Jungfrauen!" und ich las: "Sage den Erdenbe­wohnern, bei denen du bist: Es gibt eine wahrhaft eheliche Liebe mit Tausenden von Wonnen, von denen die Mensch­heit bisher nur die wenigsten kennt. Sie wird sie aber ken­nenlernen, wenn sich die Kirche bei ihnen mit ihrem Herrn verlobt und vermählt!" Ich fragte: "Warum hat der Knabe euch als Quell Jungfrauen bezeichnet?" Sie antworteten: "Man nennt uns so, wenn wir an dieser Quelle sitzen, weil wir die Neigungen zu den Wahrheiten unserer Männer sind, die Nei­gung zum Wahren aber als 'Jungfrau' bezeichnet wird. Die Quelle bedeutet auch das Wahre der Weisheit, der Rosengarten aber, in dem wir sitzen, deren Wonnen." Hierauf flocht eine der sieben einen Rosenkranz, netzte ihn mit Quellwasser und legte ihn auf den Hut, der das Köpfchen des Knaben zierte. Dabei sprach sie: "Empfange die Wonnen der Einsicht und wisse, daß der Hut die Einsicht und der Kranz von diesem Ro­senbeet ihre Wonnen bezeichnet." Nun entfernte sich der Knabe in seinem Schmuck und erschien von ferne wieder wie eine fliegende Taube, jetzt mit einem Kränzchen auf dem Kopf.

Die zweite Denkwürdigkeit:

*294. Ein paar Tage später sah ich die sieben Frauen abermals in einem Rosengarten, aber es war nicht der gleiche wie zuvor, sondern ein pracht­voller Rosenhain, dergleichen ich noch nie gesehen hatte. Er war im Kreis angelegt, und die Rosen bildeten etwas wie einen Farbenbogen: Der äußerste Kreis bestand aus purpurfarbe­nen, der nächstinnere aus goldgelben Blüten, innerhalb des­selben waren Rosen von blauer Farbe, und ganz im Inneren Blüten von saftiggrüner oder glänzend grüner Farbe. Im Mit­telpunkt dieses regenbogenfarbenen Rosenhains befand sich ein kleiner See mit klarem Wasser. Als mich jene sieben Frauen, die früher als Quell Jungfrauen bezeichnet worden waren, am Fenster sahen, riefen sie mich wieder zu sich und sprachen dann: "Hast du jemals etwas Schöneres auf Erden gesehen?" Ich verneinte, und sie sprachen: "Dergleichen Dinge werden vom Herrn in einem Moment geschaffen und bilden etwas Neues auf Erden vor. Was der Herr erschafft, bil­det samt und sonders Etwas vor (repraesentat). Rate einmal, wenn du kannst, was dies bedeutet. Wir ahnen, daß es sich um die Wonnen der ehelichen Liebe handelt." Als ich das ver­nommen hatte, sagte ich: "Worin bestehen aber die Wonnen der ehelichen Liebe, über die ihr mir aus eurer Weisheit der­art beredt so vieles berichtet habt? Als ich euch damals ver­lassen hatte, erzählte ich Frauen aus unserer Gegend eure Aus­führungen. Ich sagte ihnen: 'Ich weiß jetzt, nachdem ich dar­über belehrt worden bin, daß ihr Wonnegefühle in eurer Brust empfindet, die aus eurer ehelichen Liebe entspringen und die ihr euren Männern je nach ihrer Weisheit mitzuteilen ver­mögt. Darum begleiten eure geistigen Augen eure Männer vom Morgen bis zum Abend, und ihr trachtet danach, ihr Gemüt zu bewegen und zu lenken, Weisheit zu suchen, damit ihr jene Wonnegefühle erlangt'. Zudem erwähnte ich, was ihr unter der Weisheit versteht, nämlich die geistig-vernünftige und die sittliche; und was die Ehe betrifft, so sagte ich, daß man allein seine Gattin lieben und jedes Verlangen nach an­deren Frauen ablegen soll. Aber die Frauen aus unserer Ge­gend lachten nur darüber und meinten: 'Was soll das heißen? Das sind doch taube Nüsse! Uns ist nicht bekannt, was eheli­che Liebe ist. Vielleicht findet sie sich bei den Männern, bei uns jedenfalls nicht. Woher also sollten wir ihre Wonnegefühle kennen? Ja, gegen die sogenannten letzten Wonnen sträuben wir uns zuweilen mit aller Kraft, sind sie uns doch unange­nehm, fast als wären es Vergewaltigungen. Du wirst, wenn du genauer hinsiehst, bestimmt kein Zeichen von solcher Liebe auf unseren Gesichtern erblicken. Es sind also nur Windbeuteleien und Scherze, wenn du wie jene sieben Frauen be­hauptest, wir dächten vom Morgen bis zum Abend nur an unsere Männer und achteten beständig darauf, was ihnen gefällt und lieb ist, bloß in der Absicht, solche Wonnegefühle von ihnen zu erlangen.' Ich habe mir das, was sie sagten, ge­merkt, um es euch zu hinterbringen, weil es euren Aus­führungen an der Quelle, die ich begierig aufgenommen und geglaubt habe, widerspricht, ja in krassem Gegensatz dazu steht." Darauf erwiderten die Frauen im Rosengarten:

"Freund, du kennst die Weisheit und Klugheit der Frauen nicht, weil sie sie vor euch Männern völlig verbergen. Dahin­ter steckt nur die Absicht, geliebt zu werden, liegt doch im In­nersten jedes Mannes Kälte gegenüber seiner Gattin verbor­gen, wenn er nur auf der natürlichen, nicht aber auf der gei­stigen Stufe vernünftig und sittlich ist. Eine weise und kluge Frau aber merkt das ganz genau und verheimlicht darum viel von ihrer ehelichen Liebe, verbirgt sie tief in der Brust, damit nicht das geringste auf ihrem Antlitz, im Ton ihrer Stimme und im Benehmen bemerkbar wird. Denn im selben Maße, wie es erschiene, würde sich auch die versteckte eheliche Kälte des Mannes aus dem Innersten seines Gemüts bis ins Letzte verbreiten und im Körper ein völliges Erkalten und den Wunsch nach Trennung von Tisch und Bett hervorrufen." Dar­auf fragte ich sie: "Woher kommt denn nun diese Kälte, die ihr als eheliche Kälte bezeichnet?" Sie antworteten: "Sie kommt vom Unverstand (insania, wörtlich: Wahnsinn) der Männer in geistigen Belangen, und jeder in dieser Hinsicht Unverständige ist im Innersten kalt gegen seine Gattin, aber angezogen von Freudenmädchen. Und weil eheliche und hu­rerische Liebe Gegensätze sind, erkaltet die eheliche Liebe, sobald sich die hurerische entzündet. Herrscht aber einmal beim Manne Kälte, so erträgt er kein Gefühl der Liebe, auch nicht einen Hauch davon seitens seiner Gattin. Aus diesem Grunde verheimlicht sie wohlweislich und klug ihre Liebe, und so weit sie sie unter Leugnen und Verneinen verheim­licht, wird der Mann von der einfließenden lasterhaften Liebe befreit und geheilt. So kommt es, daß die Gattin eines solchen Mannes in ihrer Brust keine Wonnen empfindet, wie wir, son­dern nur Wollust (voluptates), die auf seiten des Mannes als Lüste der Torheit, also der hurerischen Liebe zu bezeichnen sind. Jede keusche Frau liebt ihren Mann, auch wenn er nicht keusch ist. Weil aber allein die Weisheit ihre Liebe aufnimmt, gibt sich die Frau alle Mühe, seine Torheit (insania) in Weisheit umzuwandeln, d.h. daß er außer ihr keine andere begehrt. Das versucht sie auf tausend Arten, wobei sie sich hütet, den Mann das geringste davon merken zu lassen, weil sie sehr wohl weiß, daß sich Liebe nicht erzwingen läßt, sondern nur in Freiheit gedeiht. Darum ist es den Frauen gegeben, durch Auge, Ohr und Gefühl jeden einzelnen Gemütszustand ihrer Männer zu erkennen. Umgekehrt ist es den Männern nicht gegeben, den Gemütszustand ihrer Frauen zu erkennen. Eine keusche Frau kann ihren Mann finster ansehen, ihn grob anreden, ja ihm auch zürnen und mit ihm zanken, und dabei doch im Herzen eine innige und zarte Liebe gegen ihn hegen.

Die Tatsache, daß sie sich im Augenblick wieder mit ihm ver­söhnen kann, beweist, daß ihre Zornesäußerungen und Verstellungen letztlich nur zum Ziel haben, die Weisheit beim Mann und damit die Aufnahme ihrer Liebe seitens des Mannes zu fördern. Zudem verfügen Ehefrauen über Mittel, die ihrem Herzen und Lebensmark eingeborene Liebe so zu verheimli­chen, daß die eheliche Kälte beim Manne nicht zum Ausbruch kommt und womöglich auch noch das Feuer zum Erlöschen bringt, das die Wärme seiner Sexuallust liefert, wodurch er aus einem grünen Holz zu einem dürren Pfahl würde."

Als die sieben Frauen dies und manches andere gesagt hatten, kamen ihre Männer herbei. Sie trugen in ihren Händen Trauben, von denen einige köstlich, andere widerlich schmeckten. Da sagten die Frauen: "Warum bringt ihr denn auch solche schlechten oder wilden Trauben?" Darauf antworteten sie: "Weil wir in unseren mit euch verbundenen See­len innewurden, daß ihr mit diesem Manne einerseits über die wahre eheliche Liebe gesprochen habt und sagtet, ihre Wonnen seien Wonnen der Weisheit, zum anderen aber auch über die hurerische Liebe, deren Wonnen Wollüste der Torheit (voluptates insaniae) seien. Letztere sind die Trauben von wi­derlichem oder wildem Geschmack, erstere die köstlichen Trauben." Dann bestätigten sie die Worte ihrer Frauen und fügten hinzu: "Die Wollüste der Torheit ähneln zwar äußerlich den Wonnen der Weisheit, nicht aber innerlich, gerade wie die guten und schlechten Trauben, die wir gebracht haben. Keusche wie Unkeusche verfügen nämlich äußerlich über ähnliche Weisheit, innerlich ist sie aber ganz verschieden."

Danach erschien wieder der kleine Knabe, in der Hand ein Blatt von Pergament. Er reichte es mir und sagte: "Lies!" Da las ich folgende Worte: "Ihr sollt wissen, daß die Wonnen der ehelichen Liebe bis zum höchsten Himmel emporsteigen, sich dort mit den Wonnen aller himmlischen Liebesarten verbin­den und die Gatten dadurch in jene Seligkeit eintreten, die ewig währt. Denn die Wonnen jener Liebe sind auch Wonnen der Weisheit. Ihr sollt aber auch wissen, daß die Wollüste der hurerischen Liebe bis zur untersten Hölle herabsteigen und sich dort mit den Wollüsten aller höllischen Liebesarten ver­binden. Dadurch geraten die Betreffenden in den Zustand der Unseligkeit, der in einer Verarmung an allen angenehmen Ge­fühlen des Herzens besteht. Der Grund: die Wollüste dieser Liebe sind auch die Wollüste der Torheit."

Hierauf entfernten sich die Männer mit ihren Frauen und begleiteten den kleinen Knaben bis dahin, wo sein Weg zum Himmel anstieg. Dabei erkannten sie, daß die Gesellschaft, die ihn ausgesandt hatte, zum neuen Himmel gehörte, mit dem die neue Kirche auf Erden verbunden sein wird.

Verlobungen und Hochzeiten.

*295. Verlobungen und Hochzeiten und die damit zu­sammenhängenden Feierlichkeiten sollen hier vor allem unter Berücksichtigung des Verstandes behandelt werden. Denn dieses Buch setzt sich zum Ziel, den Leser die darin enthaltenen Wahrheiten seiner Vernunft deutlich werden zu lassen, damit er ihnen zustimmen kann. Auf diese Weise wird sein Geist überzeugt, und Überzeugungen haben beim Men­schen einen höheren Stellenwert als etwas, das ohne Konsul­tation der Vernunft, nur aufgrund von Autorität, als Glaube übernommen wurde. Das dringt nur ins Gedächtnis und bleibt Gedächtniswissen, vermischt sich mit Täuschungen und Falschheiten und steht unterhalb jener Vernunftwahr­heiten, die zum Verstand gehören. Jeder Mensch kann aus dem Gedächtnis heraus scheinbar vernünftig über etwas reden, das doch verkehrt ist. Er denkt dann nämlich in der Art des Krebses, mit den Augen nach hinten und dem Schwanz nach vorn. Denkt der Mensch hingegen aus dem Verstand, wählt seine vernünftige Anschauung Übereinstimmendes aus dem Gedächtnis, durch das er die betrachtete Wahrheit bei sich begründet. Deshalb wird in diesem Kapitel manches angeführt, was allgemein angenommene Sitte ist, z.B. die, daß die Wahl den Männern zusteht, die Eltern zu Rate gezogen werden sollen, der Ehebund vor der Hochzeit geschlossen und vom Geistlichen gesegnet werden soll, ferner daß die Hochzeit feierlich zu begehen ist. Dies und anderes mehr wird ange­führt, damit der Mensch aus Vernunft einsieht, daß diese Dinge zur ehelichen Liebe gehören und damit sie als Mittel zu ihrer Förderung und Vervollständigung dienen. Die ein­zelnen Abschnitte dieser Abhandlung werden folgendermaßen angeordnet:

  1. Dem Manne, nicht der Frau steht die Wahl zu.

  2. Der Mann soll um die Frau werben und sie bitten, die Ehe mit ihm einzugehen, und nicht umgekehrt.

  3. Die Frau soll ihre Eltern oder deren Stellvertreter zu Rate ziehen und sich erst dann entscheiden, ehe sie einwilligt.

  4. Nach der Erklärung der Einwilligung sind Unterpfänder zu geben.

  5. Die Einwilligung ist durch eine feierliche Verlobung zu bekräftigen und zu festigen.

  6. Die Verlobung dient der Vorbereitung beider Partner auf die eheliche Liebe.

  7. Durch die Verlobung werden die Gemüter beider mit­einander verbunden, damit vor der leiblichen eine gei­stige Ehe entsteht.

  8. Das geschieht bei Partnern, die keusch über die Ehe den­ken, nicht bei den anderen, die unkeusch über sie denken.

  9. Während der Verlobungszeit soll keine leibliche Verbin­dung stattfinden.

  10. Nach Verlauf der Verlobungszeit soll Hochzeit gehalten werden.

  11. Vor der Hochzeitsfeier soll in Gegenwart von Zeugen der Ehebund geschlossen werden.

  12. Die Ehe ist von einem Geistlichen zu weihen.

  13. Die Hochzeit soll festlich begangen werden.

  14. Nach der Hochzeit soll die geistige Ehe auch eine leibli­che und damit vollständige Ehe werden.

  15. So sollte sich die eheliche Liebe samt ihren verschiedenen Arten von der ersten Wärme bis zu ihrem ersten Auf­flammen entfalten.

  16. Wird die eheliche Liebe ohne Maß und Ordnung überstürzt, so verbrennt sie das Lebensmark und verzehrt sich selbst.

  17. Die Reihenfolge der Gemütszustände beider Gatten hat Einfluß auf den Zustand ihrer Ehe, jedoch in anderer Weise bei den geistigen als bei den natürlichen.

  18. Dem ist so, weil es sowohl eine aufeinander folgende wie auch eine gleichzeitige Ordnung gibt und diese sich aus und gemäß jener bildet.

Und nun zur Erklärung der einzelnen Sätze:

(1) Dem Manne, nicht der Frau steht die Wahl zu,

*296. und zwar deshalb, weil er geboren ist, um Verstand, die Frau hingegen, um Liebe zu sein. Ein weiterer Grund besteht darin, daß bei den Männern gewöhnlich die Geschlechtsliebe do­miniert (est amor sexus), bei den Frauen aber die Liebe zu einem einzigen Mann. Ferner weil es für die Männer nicht ungebührlich ist, von Liebe zu reden und sie zu bekennen, während es den Frauen nicht geziemt. Sie aber haben die Frei­heit, einen ihrer Bewerber zu wählen. Was den ersten Grund betrifft, nämlich daß den Männern die Wahl zusteht, so beruht er darauf, daß sie für den Verstand geboren sind, dieser aber durchschauen kann, was übereinstimmt und was nicht, und daß er beides unterscheiden und dann mittels seiner Urteils­kraft das Zuträgliche zu wählen vermag. Bei den Frauen ver­hält es sich anders: Weil sie für die Liebe geboren sind, fehlt ih­nen der Scharfblick jenes Lichts. Darum würden sie sich zur Ehe nur durch die Neigungen ihrer Liebe bestimmen lassen. Wenn sie auch Männer von Männern zu unterscheiden wis­sen, so wird doch ihre Liebe oft zu Scheinbarkeiten hingeris­sen (fertur ad apparentias). Was den zweiten Grund dafür betrifft, daß den Männern und nicht den Frauen die Wahl zusteht, nämlich weil bei den Männern im allgemeinen die Geschlechtsliebe, bei den Frauen aber die Liebe zu einem einzigen aus dem Geschlecht überwiegt —, so haben die Männer aufgrund ihrer Ge­schlechtsliebe freiere Übersicht und Unterscheidungskraft, anders als die Frauen, denen die Liebe zu einem einzigen aus dem männlichen Geschlecht eingeboren ist. Um sich davon zu überzeugen, frage man die nächstbesten Männer, wie sie über Einehe und Vielehe denken. Man wird selten einen tref­fen, der nicht der Vielehe das Wort redete — und damit der Geschlechtsliebe. Befragt man dagegen Frauen, werden fast alle, ausgenommen Dirnen, die Vielehe verwerfen. Das zeigt, daß bei den Frauen die Liebe zu einem einzigen Mann, also die eheliche Liebe herrscht.

Was den dritten Grund betrifft, nämlich daß es sich für Männer schickt, über die Liebe zu reden und sie zu bekennen, während es sich für die Frauen nicht geziemt, so erklärt er sich selbst. Folglich steht den Männern auch das Beken­nen ihrer Liebe zu, und damit zugleich ihre Wahl. Wie man weiß, haben hingegen die Frauen die Wahl unter ihren Be­werbern. Aber ihre Art der Wahl ist eng begrenzt, während die der Männer frei und unbegrenzt ist.

(2) Der Mann soll um die Frau werben und sie bitten, die Ehe mit ihm einzugehen, und nicht umgekehrt.

*297. Die­ser Schritt folgt nach der Wahl; zudem ist die Bewerbung des Mannes um eine Frau und der entsprechende Antrag etwas Ehrenhaftes und Schickliches. Stellten hingegen die Frauen den Antrag, würde man sie nicht nur tadeln, sondern auch ge­ringschätzen und nach der Ehe als zügellose Wesen (libidines) betrachten, mit denen keine Gemeinschaft möglich ist, es sei denn eine kalte und widerwillige. Die Ehe würde sich auf diese Weise in ein Trauerspiel verwandeln. Auch rechnen es sich die Frauen zur Ehre an, wenn sie sich nur nach längerem Drän­gen der Männer gleichsam als besiegt erklärt haben. Es ist vor­aussehbar, daß wenn Frauen sich um Männer bewürben, sie nur selten angenommen, vielmehr in den meisten Fällen schmachvoll abgewiesen oder zur Unzucht verführt würden und damit auch ihre Tugend verlören. Zudem ist den Män­nern, wie oben schlüssig nachgewiesen wurde, keine eigentli­che Liebe zum Geschlecht angeboren, und ohne diese Liebe gibt es keine innere Lebenslust, weshalb Männer, um ihr Leben durch diese Liebe zu bereichern, sich bemühen, den Frauen freundlich zu begegnen, sich höflich, artig und bescheiden an sie zu wenden, um diese süße "Zugabe" zu ihrem Leben zu er­langen. Die dem weiblichen Geschlecht vor den Männern ver­liehene Schönheit von Gesicht, Leib und Gesittung läßt die­sen Wunsch der Männer um so berechtigter erscheinen.

(3) Die Frau soll ihre Eltern oder deren Stellvertre­ter zu Rate ziehen und sich erst dann entscheiden, ehe sie einwilligt.

*298. Die Eltern sollen zu Rate gezogen werden, weil sie aufgrund von Urteilsvermögen, Kenntnis und Liebe erwägen und beraten; denn in ihrem vorgerückteren Alter haben sie ein reiferes Urteilsvermögen und durchschauen leichter, was zusammenpaßt und was nicht; ihre Kenntnis sowohl des Be­werbers, über den sie Erkundigungen eingezogen haben, als auch der Tochter befähigt sie, wenn sie ihre Gesichtspunkte vereinen, über die beiden zu einem Schluß zu gelangen; und schließlich beraten sie aus Liebe über das Wohl ihrer Tochter und sorgen, indem sie auf deren häusliches Glück bedacht sind, letztlich auch für ihr eigenes.

*299. Ganz anders käme es heraus, wenn die Tochter von sich aus, ohne Befragung ihrer Eltern oder Stellvertreter, einem Bewerber die Einwilligung gäbe, kann sie doch diese Angele­genheit, von der ihr künftiges Wohl und Wehe abhängt, nicht aus eigenem Urteilsvermögen, eigener Kenntnis und Liebe genau abwägen — am Urteilsvermögen fehlt es ihr, weil sie das eheliche Leben noch nicht kennt und daher nicht imstande ist, die Gründe gegeneinander abzuwägen und die Verhaltenswei­sen der Männer, die sich aus deren Geschlecht ergeben, zu durchschauen; an Kenntnis gebricht es ihr, weil sie kaum mehr als das Hauswesen bei den Eltern und einigen Freundinnen kennt und außerstande ist, die Gewohnheiten und Eigenheiten ihres Bewerbers zu erforschen; auch nicht aus Liebe, weil sich die Liebe der Töchter sowohl im ersten wie im zweiten heirats­fähigen Alter von den Wünschen der Sinne und noch nicht von einem verständigen Gemüt leiten läßt. Doch auch die Tochter muß sich die Angelegenheit selber überlegen, ehe sie ihre Ein­willigung gibt, weil sie nicht gegen ihren Willen zur Verbindung mit einem Manne gebracht werden darf, den sie nicht liebt. Denn die Einwilligung ist notwendig zur Ehe und führt den Geist in diese Liebe ein. Eine ungern gegebene oder erpreßte Einwilligung kann keine geistige, sondern nur körperliche Ver­bindung bewirken, und so wandelt sie die Keuschheit, die in ihrem Geist wohnt, in Wollust, und dadurch wird die eheliche Wärme der Liebe schon im Ansatz verdorben.

(4) Nach der Erklärung der Einwilligung sind als Zeichen Pfänder zu geben.

*300. Diese Pfänder (pignora) sind ein erstes Zeichen der Gunst und ein Ausdruck der Freude. Sie sind eine Bestätigung und ein Zeichen der Einwilligung. Daher sagt man, wenn beide Seiten eingewilligt haben: Gib mir ein Zeichen. Und wenn zwei einander die Ehe versprochen und das Gelöbnis durch derartige Geschenke bestätigt haben, so sind sie gleichsam verpfändet, d.h. versichert. Die Pfänder sind ein Zeugnis, sind sozusagen ständige Augenzeugen der gegenseitigen Liebe. Darum sind sie auch Erinnerungen daran, vor allem wenn es Ringe, Parfümfläschchen und Me­daillons sind, die man sich zum Andenken umhängt. Diese Dinge sind gewissermaßen Bilder, welche die Gefühle (ani­morum) von Bräutigam und Braut darstellen. Die Pfänder sind auch erste Gunsterweisungen, gelobt sich doch die eheliche Liebe beständige gegenseitige Gunst, und Geschenke sind das erste Zeichen. Die Pfänder dienen bekanntlich vor allem auch zur Freude, sie erheitern das Gemüt, wenn man sie anschaut, und weil sich die Liebe darin manifestiert, sind solche aus Liebe gegebenen Geschenke teurer und wertvoller als alle an­deren, fast, als lägen die Herzen selbst darin. Weil jene Pfänder Versicherungen der ehelichen Liebe sind, waren Geschenke, nach der Einwilligung gegeben, auch bei den Menschen des Altertums üblich, und nach ihrem Austausch wurden beide zu Braut und Bräutigam erklärt. Anzumerken bleibt noch, daß es den Betreffenden frei steht, die Gaben vor oder nach der Verlobung zu überreichen. Werden sie vorher gegeben, dienen sie der Bestätigung und Bezeugung der Einwilligung zur Verlobung, wenn nachher, so auch zur Hochzeit.

(5) Die Einwilligung ist durch eine feierliche Verlo­bung zu bestätigen und zu bekräftigen.

*301. Die Gründe für die Verlobung sind folgende:

Die Seelen der beiden sollen sich danach einander zuneigen.

Die allgemeine Liebe zum anderen Geschlecht soll sich auf den einen oder die eine aus dem anderen Geschlecht konzentrieren.

Die inneren Neigungen sollen von beiden Seiten er­kannt und dadurch, daß sie sich aneinander anschließen, zur inneren Heiterkeit der Liebe (hilaritas interna amoris) ver­bunden werden.

Die Seelen der beiden (utriusque spiritus) sollen eine Ehe eingehen und sich immer mehr vereinigen.

So soll sich die eheliche Liebe in der rechten Art und Weise von ihrer ersten Wärme bis zur hochzeitlichen Flamme entfalten.

Die eheliche Liebe soll also von ihrem geistigen Ursprung aus in der rechten Ordnung voranschreiten und zunehmen.

Der Verlobungsstand läßt sich vergleichen mit der Frühlingszeit, die dem Sommer vorausgeht, die lieblichen inne­ren Empfindungen mit der Baumblüte, der die Früchte fol­gen. Anfänge und Steigerungen der ehelichen Liebe wachsen mit ihrem Einfluß auf die bei der Hochzeit beginnende effek­tive Liebe der Reihenfolge nach.

(6) Die Verlobung dient der Vorbereitung beider Partner auf die eheliche Liebe.

*302. Die im vorigen Abschnitt angeführten Argumente zeigen klar, daß die Verlobung Gemüt oder Geist des einen Partners zur Vereinigung mit dem Gemüt oder Geist des anderen oder — was aufs selbe hinausläuft — die Liebe des einen zum anderen vorbereitet. Darüber hinaus ist noch zu erwähnen: Der wahren eheli­chen Liebe ist die Ordnung eingeschrieben, daß sie aufsteigt und wiederum herabsteigt. Von ihrer ersten Wärme an steigt sie allmählich aufwärts bis in die Seelen und bewirkt in ihnen Verbindungen durch immer innerlicheres Auf­schließen der Gemüter. Es gibt tatsächlich keine Liebe, die diese Öffnung auf intensivere Weise zustande brächte oder die das Innere der Gemüter stärker und geschickter öffnete als die eheliche, streben doch die Seelen beider danach. Aber im gleichen Augenblick, in dem diese Liebe zu den See­len emporsteigt, sinkt sie auch herab in den Leib, durch den sie sich bekleidet. Doch wohlgemerkt: die Beschaffenheit der ehelichen Liebe bleibt bei ihrem Herabsteigen so, wie sie auf der Höhe war, zu der sie sich aufgeschwungen hatte. War sie in der Höhe keusch, so steigt sie auch keusch von dort herab, war sie es nicht, steigt sie unkeusch herab. Die unteren Gemütsbereiche sind nämlich, da sie mit dem Kör­per zusammenhängen, an sich unkeusch, die oberen hingegen sind, da sie sich von ihnen trennen, keusch. Mehr dar­über unten unter #305. Dies wenige läßt erkennen, daß die Gemüter beider Partner durch die Verlobung auf die eheli­che Liebe vorbereitet werden, wenn auch auf verschiedene Art, je nach ihren Neigungen.

(7) Durch die Verlobung werden die Gemüter bei­der miteinander verbunden, damit vor der leiblichen eine geistige Ehe entsteht.

*303. Das ist die Schlußfolgerung aus den Ausführungen in #301 und 302. Darum wird es ohne weitere Beweise übergangen.

(8) Das geschieht bei Partnern, die keusch über die Ehe denken, nicht bei den anderen, die unkeusch über sie den­ken.

*304. Keusch sind Menschen, deren Gedanken über die Ehe der Religion entspringen. Bei ihnen geht die Ehe des Geistes voraus und die des Leibes folgt ihr nach. Sie sind es, bei denen sich die Liebe bis zur Seele emporschwingt, um aus dieser Höhe wiederum herabzusteigen (vgl. #302). Die Seelen die­ser Menschen sagen sich los von schrankenloser Ge­schlechtsliebe und weihen sich einem einzigen Partner, mit dem sie eine beständige und ewige Vereinigung samt den dar­aus folgenden Seligkeiten anstreben   ein Ziel, das die Hoff­nung auf fortwährende Erquickung ihrer Gemüter nährt.

Völlig anders ist es bei den Unkeuschen, d.h. bei denen, die über die Ehe und ihre Heiligkeit nicht von der Religion her denken. Bei ihnen gibt es nur eine Ehe des Fleisches, nicht des Geistes. Kommt ihnen, solange sie im Verlobungsstand leben, etwas von einer Ehe des Geistes in den Sinn und erhe­ben sie ihre Gedanken bis zur Höhe ihrer Seele, so fallen sie doch wieder auf die Ebene der Begierde zurück, die vom Fleisch her ihren Willen bestimmt. So senken sie sich infolge der unkeuschen Triebe schleunigst in den Körper herab und beflecken das Letzte der ehelichen Liebe durch ihre sinnesrei­zende Glut. Und wie sie anfänglich in dieser Glut entbrennen, so erlischt dies Feuer rasch und wandelt sich zu winterlicher Kälte, dadurch auch die Erschöpfung beschleunigend. Der Verlobungsstand bei diesen Menschen fördert kaum etwas anderes als die Steigerung ihrer Begierden zur Geilheit, wo­durch das eheliche Wesen der Liebe verunreinigt wird.

(9) Während der Verlobungszeit soll keine leibli­che Verbindung stattfinden.

*305. Denn dadurch ginge die der ehelichen Liebe eingeschriebene Reihenfolge verloren. In den menschlichen Gemütern gibt es nämlich drei Bereiche, von denen der oberste der himmlische, der mittlere der geistige und der unterste der natürliche genannt wird. In diesem un­tersten Bereich wird der Mensch geboren, zum oberen dage­gen, zum geistigen, steigt er empor durch ein Leben nach den Wahrheiten der Religion, und in den obersten durch die Ehe von Liebe und Weisheit. Im untersten, dem natürlichen Be­reich, haben alle Begierden des Bösen sowie Ausschweifungen ihren Sitz, im oberen, dem geistigen Bereich hingegen gibt es nichts davon, weil der Herr den Menschen in diesen Bereich einführt, wenn er wiedergeboren wird. Im obersten Bereich aber, dem himmlischen, wohnt die eheliche Keuschheit in ihrer Liebe. Zu diesem Bereich wird der Mensch erhoben durch die Liebe zu Nutzwirkungen und — weil aus den Ehen die vortrefflichsten Nutzwirkungen hervorgehen — durch die wahrhaft eheliche Liebe.

Dies zeigt in kürzester Form, daß die eheliche Liebe von Anfang an, d.h. wenn sie sich entzündet, aus dem untersten Bereich in den oberen erhoben werden muß, um keusch zu werden und so aus dem Bereich der Keuschheit durch den mittleren und unteren Bereich in den Leib herabzusteigen. Geschieht das, wird dieser Bereich durch die sich niedersen­kende Keuschheit von der Unkeuschheit gereinigt, und so wird auch das Letzte dieser Liebe keusch. Wird aber die auf­einanderfolgende Ordnung dieser Liebe dadurch überstürzt, daß vorzeitige leibliche Verbindungen stattfinden, so folgt, daß der Mensch aus dem untersten, dem von Geburt an un­keuschen Bereich heraus handelt. Hier liegt, wie man weiß, die Ursache der Kälte gegen den Ehegatten, der Mangel an Ach­tung vor ihm und der Grund für den Überdruß. Es gibt jedoch manche Unterschiede bei den Folgen voreiliger Verbindun­gen, wie auch bei zu langer Verzögerung oder zu großer Hast nach der Verlobung. Aber diese Unterschiede können wegen ihrer Zahl und Vielfalt nicht im einzelnen angeführt werden.

(10) Nach Ablauf der Verlobungszeit soll Hochzeit ge­halten werden.

*306. Es gibt Feste, die bloße Förmlichkeiten, aber auch solche, die von wesentlicher Bedeutung sind, und dazu gehören die Hochzeiten. Folgende Überlegungen zeigen, daß sie zu den wesentlichen Ereignissen im Leben gehören, die feier­lich bekanntgegeben und förmlich begangen werden sollten:

Die Hochzeit beendet den vorangegangenen Zustand, der mit der Verlobung begann und vor allem ein bestimmter Geisteszustand war. Sie ist der Beginn des folgenden Zustands, der seine Weihe durch die Ehe erhält, die Geist und Leib be­trifft, weil dann der Geist in den Leib eingeht und in ihm zu wirken beginnt. Die Vermählten legen daher an diesem Tag den Status wie auch den Namen von Braut und Bräutigam ab und erlangen stattdessen Status und Namen von Ehegatten.

Die Hochzeit ist zugleich Einführung und Eintritt in einen neuen Zustand. Die Jungfrau wird zur Gattin und der Jüngling zum Gatten, und so werden beide Ein Fleisch. Das ge­schieht, wenn die Liebe sie durch das Letzte vereint und die Ehe die beiden in eine einzige menschliche Form vereint, so daß sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch sind. Oben wurde bereits gezeigt, daß die Ehe die Jungfrau wirklich zur Gattin und den Jüngling zum Gatten umwandelt.

Mit der Hochzeit beginnt die völlige Trennung der Ge­schlechtsliebe von der ehelichen Liebe, und zwar indem sich durch die ganze Fülle der Verbindung die Liebe des einen mit der des anderen Gatten aufs innigste verbindet.

Es scheint, als sei die Hochzeit nur eine Art Zwischenakt zwischen jenen beiden Zuständen, somit eine bloße Förmlichkeit, die ebenso gut unterbleiben könnte. Und doch liegt in ihr als etwas ganz Wesentliches der Beginn des oben er­wähnten neuen Zustandes in der Kraft eines regelrechten Bun­des und die beiderseitige Einwilligung, die vor Zeugen erklärt und von einem Geistlichen geweiht werden muß — zu schwei­gen von den anderen Zeichen der Bestätigung.

Weil der Hochzeit eine wesentliche Bedeutung zukommt und die rechtmäßige Ehe erst danach entsteht, darum werden auch im Himmel Hochzeiten gefeiert (vgl. oben #21 und 27 44).

(11) Vor der eigentlichen Hochzeitsfeier soll in Ge­genwart von Zeugen der Ehebund geschlossen werden.

*307. Es ist notwendig, den Bund der Ehe vor der Hochzeitsfeier zu schließen, damit man die Regeln und Gesetze der wahren ehelichen Liebe kennenlerne und sich ihrer nach der Hochzeit erinnere, aber auch damit ein Band besteht, das die Gemü­ter zu rechter Ehe verbindet. Nach dem Vollzug der Ehe stellt sich nämlich zuweilen wieder ein Zustand ein, wie er vor der Verlobung bestand und in dem die Erinnerung an den ge­schlossenen Ehebund in Vergessenheit gerät. Ja, wenn ein Un­keuscher zur Unkeuschheit verlockt wird, schlägt er sich den Gedanken an den Ehebund ganz aus dem Sinn, und erinnert er sich daran, verschmäht er ihn. Um derartige Auswüchse zu verhindern, hat die Gesellschaft selbst den Schutz dieses Bun­des übernommen und seinen Bruch unter Strafe gestellt. Mit einem Wort: Der vor der Hochzeitsfeier geschlossene Bund offenbart die heiligen Pflichten der wahren ehelichen Liebe, setzt sie fest und verpflichtet auch zügellose Menschen, sie zu befolgen. Hinzu kommt, daß durch diesen Bund das Recht zur Zeugung von Nachwuchs und diesem das Recht auf das Erbe der Eltern gesetzlich gesichert wird.

(12) Die Ehe ist von einem Geistlichen einzusegnen,

*308. und zwar weil die Ehen an sich betrachtet etwas Geistiges und darum Heiliges sind, da sie von der himmlischen Ehe des Guten und Wahren abstammen. Was zur Ehe gehört, entspricht der göttlichen Ehe des Herrn mit der Kirche, stammt also vom Herrn selbst und verhält sich gemäß dem Zustand der Kirche bei den Ehegatten. Weil nun der geistliche Stand auf Erden die mit dem Priestertum des Herrn — d.h. die mit seiner Liebe zu­sammenhängenden Dinge — verwaltet, muß es so sein, daß die Ehe von seinen Dienern eingesegnet und von ihnen als den Hauptzeugen die Einwilligung zur ehelichen Verbindung gehört, angenommen, bestätigt und damit gesichert wird.

(13) Die Hochzeit soll festlich begangen werden,

*309. weil die Liebe, die zwischen ihnen als Braut und Bräutigam be­standen hatte, nun ganz in ihre Herzen herabsteigt und sich von da über ihre Leiber verbreitet, damit die Wonnen der Ehe empfunden werden und ihre Gemüter in festliche Stimmung versetzt werden und sie sich, soweit es erlaubt und schicklich ist, der Festfreude hingeben. Zur Förderung dieser Stimmung ist es wichtig, daß sich diese festlichen Gefühle ihrer Gemü­ter in Gemeinschaft äußern können und so sie selbst in die Freuden der ehelichen Liebe eingeführt werden.

(14) Nach der Hochzeit soll die geistige Ehe auch eine leibliche und damit vollständige Ehe werden.

*310. Alles, was im Leib des Menschen vorgeht, fließt von seinem Geist her ein. Bekanntlich redet der Mund nicht aus sich, sondern aus dem Denken des Gemüts, und die Hände und Füße handeln nicht aus sich, sondern aus dem Willen des Gemüts. Folglich redet das Gemüt durch sein Organ und handelt auch durch seine körperlichen Organe. Damit ist klar, daß Rede und Handlungen von Mund und Körper die gleiche Beschaffenheit haben wie das Gemüt, das sich durch sie äußert. Das Gemüt veranlaßt also den Körper durch einen unaufhörlichen Einfluß zu übereinstimmenden und synchronen Tätigkeiten. Daher sind die menschlichen Körper in einem tieferen Sinne nichts als Form der ihnen innewohnenden Gemüter, äußerlich or­ganisiert, um die Befehle der Seelen auszuführen.

Diese Bemerkungen wurden vorausgeschickt, damit man besser verstehen kann, weshalb zuerst die Gemüter oder Geister der Partner gleichsam durch eine Ehe vereinigt werden müssen, ehe die leibliche Ehe vollzogen wird, nämlich damit dann die Ehen zugleich auch Ehen des Geistes seien, d.h. sich die Ehegatten aus dem Geist und von daher dann auch im Körper lieben. Von diesem Standpunkt aus wollen wir nun die Ehe betrachten.

Verbindet die eheliche Liebe die Gemüter zweier Men­schen zur Ehe, dann verbindet und bildet sie auch ihre Lei­ber dazu. Wie bereits gesagt, ist ja die Form des Leibes von innen heraus die Form des Gemüts, nur mit dem Unterschied, daß diese äußerlich so organisiert ist, daß sie zur Ausführung bringen kann, wozu ihre innere Form vom Gemüt bestimmt wird. Ein Gemüt aber, das durch die eheliche Liebe gebildet wurde, ist nicht nur innerlich überall im ganzen Leib gegen­wärtig, sondern überdies im Inneren der Geschlechtsorgane, die ihre eigene Region unterhalb der anderen Regionen des Körpers haben. In sie laufen die Formen des Gemüts bei den Menschen aus, die durch eheliche Liebe miteinander vereinigt sind. Infolgedessen nehmen auch die Neigungen und Gedan­ken ihrer Gemüter diese Richtung. Hierin unterscheiden sich die Aktivitäten des Gemüts von anderen Liebesarten, die nicht bis dahin vordringen. Aus alledem ergibt sich: die eheliche Liebe ist innerlich in ihren Organen so beschaffen wie in den Gemütern der beiden Partner. Klar ist, daß die Ehe des Gei­stes nach der Hochzeit auch eine leibliche und damit voll­ständige Ehe werden soll. Folglich bleibt die Ehe, wenn sie in ihrem Geist keusch ist und von daher ihre Heiligkeit bezieht, auch wenn sie im Körper in ihrer Fülle ist, gleich keusch. Um­gekehrt verhält es sich, wenn die Ehe im Geist unkeusch ist.

(14) So sollte sich die eheliche Liebe samt ihren ver­schiedenen Arten von ihrer ersten Wärme bis zu ihrem ersten Aufflammen entfalten.

*311. "Angefangen von ihrer ersten Wärme bis zu ihrem ersten Aufflammen" heißt es, weil die Lebens­wärme die Liebe ist, die eheliche Wärme oder Liebe aber nach und nach zunimmt, um schließlich zu etwas wie einer Flamme oder Fackel zu werden. "Bis zu ihrem ersten Auf­flammen" heißt es, weil hier der erste Zustand nach der Hoch­zeit gemeint ist, wo diese Liebe brennt. Wie sie aber danach wird, d.h. in der Ehe selbst, ist zuvor beschrieben worden. In unseren gegenwärtigen Betrachtungen aber wird ihre Rei­henfolge dargestellt, wie sie sich von ihrem eingeschränkten Zustand entwickelt bis hin zu ihrem ersten Ziel. Jede Ordnung schreitet fort vom Ersten bis zum Letzten, wobei jeweils das Letzte zum Ersten einer folgenden Ordnung wird. Ferner: das Ganze der mittleren Ordnung ist das Letzte der ihr vorherge­henden Ordnung. So gehen die Zwecke durch die Ursachen stetig in ihre Wirkungen über. Das läßt sich durch Beobach­tungen der bekannten und sichtbaren Dinge in der Welt ver­nünftig und einleuchtend nachweisen. Da nun hier allein von der Ordnung der Reihenfolge gehandelt wird, in der die Liebe von ihrem ersten Zustand bis zu ihrem Ziel fortschreitet, so können wir das übergehen und nur davon sprechen, daß diese Liebe so geordnet bleibt, wie sie von ihrer ersten Wärme bis zu ihrem ersten Aufflammen war, und das meist auch später, wenn sie sich weiter entwickelt. Denn bei dieser Entwicklung handelt es sich nur um die Entfaltung der ersten Wärme. War diese keusch, so festigt sich in der Folge die Keuschheit, war sie unkeusch, so festigt sich in der Folge die Unkeuschheit, bis sie alle Keuschheit, in der sie zur Zeit der Verlobung äußer­lich, aber nicht innerlich war, verloren hat.

(16) Wird die eheliche Liebe ohne Maß und Ord­nung überstürzt, so verbrennt sie das Lebensmark und ver­zehrt sich selbst.

*312. Das behaupten einige der Himmlischen. Unter dem Lebensmark verstehen sie das Innere von Gemüt und Körper. Es wird von der überstürzten ehelichen Liebe verbrannt, d.h. verzehrt, weil diese Liebe dann mit einer Flamme beginnt, die jenes Allerheiligste zerstört und verdirbt, in dem die eheliche Liebe in ihren Anfängen ist, und von denen aus sie beginnen soll. Dazu kommt es, wenn Mann und Frau die Ehe ohne Ordnung überstürzen, ohne zum Herrn aufzu­blicken, ohne auch ihre Vernunft zu befragen und sich wei­gern, eine Verlobungszeit einzuhalten, indem sie allein den fleischlichen Trieben gehorchen. Wenn aber die Liebe so be­ginnt, wird sie anstelle einer innerlichen zu einer äußerlichen, also nicht zur ehelichen Liebe. Eine solche Liebe kann man als Schale ohne Kern bezeichnen oder auch als eine magere und trockene fleischliche Liebe, die ihres echten Wesens beraubt ist. Mehr darüber findet man oben in #305.

(17) Die Reihenfolge der Gemütszustände beider Gatten hat Einfluß auf den Zustand ihrer Ehe, jedoch in anderer Weise bei den geistigen als bei den natürlichen.

*313. Eine Regel, die in der gebildeten Welt wegen ihrer Wahrheit allge­mein anerkannt wird, besagt, daß sich der letzte Zustand nach der aufeinanderfolgenden Ordnung richtet, aus der er sich bildet und sein Dasein hat. Denn nur so läßt sich zeigen, was der Einfluß ist und was er bewirkt. Unter dem Einfluß ist all das zu verstehen, was vorhergeht und das Folgende gestaltet, und unter dem in der Entwicklung Folgenden das Letzte. Man denke z.B. an alles, was bei einem Menschen vorhergehen muß, ehe er zur Weisheit gelangt oder bei einem Politiker, bis er klug wird, bei einem Theologen, bis seine Gelehrsamkeit ausgebildet ist. Ebenso denke man an alles, was von Kindheit an vorgehen muß, damit der Mensch zum Menschen wird, oder was in der Entwicklung vom Samen und Setzling auf­einander folgen muß, um einen Baum entstehen zu lassen, und was wiederum in der Blüte vorgeht, damit Same entsteht. In ganz ähnlicher Weise verhält es sich mit allem, was bei Braut und Bräutigam vorgehen und sich entwickeln muß, um ihre Ehe zu bilden. Das also ist unter dem Einfluß zu verstehen.

In der Welt ist jedoch noch unbekannt, daß alles, was in den Gemütern vorgeht, Folgen hat und die so entstandenen Folgen sich wiederum zusammenschließen, eine neben der anderen und eine nach der anderen, um so gemeinsam das Letzte zu gestalten. Weil das eine Wahrheit ist, die ich aus dem Himmel gehört habe, führe ich sie hier an. Durch sie wird ent­hüllt, was der Einfluß bewirkt und von welcher Beschaffenheit das Letzte ist, in dem die eben erwähnten nach und nach ge­bildeten Folgen zusammen miteinander existieren. Daraus läßt sich ersehen, daß die Gemütszustände beider Gatten, so wie sie sich nach und nach in ihren Entwicklungsstadien er­geben, Einfluß auf den Zustand ihrer Ehe haben. Die Ehegat­ten sind aber nach der Eheschließung in völliger Unwissenheit hinsichtlich der Aufeinanderfolge dessen, was sich ihren Gemütern aus dem Vorhergehenden einprägte und nun darin wohnt. Und doch ist es gerade das, was der ehelichen Liebe ihre Form gibt und den Zustand der Gemüter ausmacht, aus dem sich ihr Verhalten zueinander ergibt. Bei den Geistigen bildet sich aus einer anderen Entwicklungsordnung ein an­derer Zustand als bei den Natürlichen, weil sie in der richtigen Ordnung voranschreiten, die Natürlichen aber in der falschen. Die Geistigen blicken nämlich bei ihrer Entwicklung auf den Herrn, und dieser besorgt und leitet die Ordnung, nach der sie fortschreiten. Die Natürlichen hingegen blicken nur auf sich selbst und entwickeln sich daher in verkehrter Ordnung fort. Der Zustand ihrer Ehe ist innerlich voller Unkeuschheit, und so groß ihre Unkeuschheit ist, so groß ist auch ihre ehe­liche Kälte, und so groß wiederum diese ist, so groß ist auch die Verschlossenheit ihres innersten Lebens. Dadurch wird die Ader verstopft und die Quelle ausgetrocknet.

(18) Dem ist so, weil es sowohl eine aufeinander­folgende als auch eine gleichzeitige Ordnung gibt und diese sich aus und gemäß jener bildet.

*314. Auf diesem Grund beruht der im vorhergehenden Abschnitt aufgestellte Satz. Bekannt ist, daß es sowohl eine aufeinanderfolgende als auch eine gleich­zeitige Ordnung gibt, nicht bekannt hingegen, daß die gleich­zeitige Ordnung aus der aufeinanderfolgenden hervorgeht. Es läßt sich jedoch nur mit großer Schwierigkeit darstellen, wie sich das Aufeinanderfolgende ins Gleichzeitige einfügt und was für eine Ordnung es hier bildet, weil man bei den Gelehrten noch keine zur Verdeutlichung brauchbare Vorstellung findet.

Die Idee, die diesem Geheimnis zugrunde liegt, läßt sich nicht mit wenigen Worten umschreiben. Eine ausführliche Darstellung würde andererseits den Geist der Leser von der unbefangenen Anschauung der ehelichen Liebe ablenken. Darum soll hier zur Erklärung nur das angeführt werden, was in der "Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift" über jene beiden Ordnungen — die aufeinanderfolgende und die gleichzeitige und über den Einfluß der ersteren in die letz­tere — in aller Kürze dargelegt wurde. Dort heißt es:

"Im Himmel wie in der Welt gibt es eine sukzessive und eine gleichzeitige Ordnung. In der sukzessiven Ordnung folgt eines nach dem anderen, vom Obersten bis zum Untersten, während in der gleichzeitigen Ordnung vom Innersten bis zum Äußersten eins neben dem anderen steht. Die aufeinan­derfolgende Ordnung ist wie eine Säule mit Absätzen vom Obersten bis zum Untersten, die gleichzeitige Ordnung hingegen ist wie ein Werk, das vom Inneren bis zur Oberfläche zusammenhängt. Die sukzessive Ordnung wird im Letzten zur gleichzeitigen Ordnung, und zwar auf folgende Weise: Das Oberste der aufeinanderfolgenden Ordnung wird zum Inner­sten und das Unterste zum Äußersten der gleichzeitigen Ord­nung. Es läßt sich mit einer aus Abschnitten zusammenge­setzten Säule vergleichen, die in sich zusammensinkt und auf diese Weise ein in der Ebene zusammenhängender Körper wird. So bildet sich das Gleichzeitige aus dem Aufeinander­folgenden. Und das ist so im Ganzen wie in einem Einzelnen, in der geistigen Welt ebenso wie in der natürlichen" (#38 und 65). Mehr darüber findet man im Werk "Die Weisheit der Engel über die göttliche Liebe und Weisheit" (#205 229).

Dasselbe gilt für die aufeinanderfolgende Ordnung bis zur Ehe und die gleichzeitige Ordnung in der Ehe. Diese geht nämlich aus Jener hervor und gestaltet sich ihr gemäß.

Wer sich über den Einfluß der sukzessiven Ordnung in die gleichzeitige klar ist, kann auch begreifen, warum die Engel aus der Hand des Menschen alle Gedanken und Bestrebungen — seines Gemüts erkennen können und warum die Ehefrauen die Neigungen ihrer Männer erspüren, wenn diese ihnen die Hände auf die Brust legen — ein Punkt, der schon mehrfach in den Denkwürdigkeiten erwähnt wurde. Die Hände sind nämlich das Letzte im Menschen, in das die Erwägungen und Schlüsse seines Gemüts auslaufen und ein Gleichzeitiges bil­den. Darum heißt es auch im Wort, es sei in die Hände ge­schrieben.

Zwei denkwürdige Erlebnisse sollen hier beigefügt werden.

*315. Das erste: Nicht weit von mir sah ich einst ein meteoro­logisches Phänomen: eine Wolke, die sich in mehrere kleinere Wolken zerteilte, von denen einige blau und andere dunkel waren. Es schien mir, als ob sie untereinander zusammen­ stießen, wobei Streifen von Strahlen hindurch leuchteten, die mal scharf wie Dolche erschienen, mal aber auch stumpf wie zerbrochene Degen. Diese Streifen rückten bald aufeinander los, bald zogen sie sich wieder zurück, ganz nach der Art von Fechtern. Mit anderen Worten, es schien, als ob diese ver­schiedenfarbigen Wölkchen miteinander kämpften. Freilich war es nur ein Spiel. Und weil sich dieses Phänomen nicht weit von mir zeigte, blickte ich genauer hin. Da sah ich Kna­ben, Jünglinge und Greise, die in ein Haus hineingingen, das aus Marmor bestand und auf einer Basis von Porphyr errich­tet war. Über diesem Hause zeigte sich das merkwürdige Wol­kenspiel. Nun sprach ich einen der Eintretenden an und fragte, was das hier sei. Er antwortete: "Das hier ist ein Gymnasium, wo junge Menschen in verschiedene Gebiete der Weisheit eingeführt werden." Als ich das hörte, schloß ich mich ihnen an und trat ein. Ich war aber im Geist, d.h. in einem Zustand, in dem auch die Menschen der geistigen Welt sind, die man Gei­ster und Engel nennt. Und siehe, im Vordergrund des Gym­nasiums stand ein Pult, in der Mitte waren Bänke und an den Seiten ringsum Stühle. Über dem Eingang aber befand sich ein Orchesterraum. Das Pult war für die Jünglinge, die auf die ihnen vorgelegte Frage antworten sollten, die Bänke für die Zuhörer, die Stühle an den Seiten für diejenigen, die bei früheren Anläs­sen gut geantwortet hatten, und der Orchesterraum für die Äl­testen, die als Schiedsrichter und Sachverständige fungieren sollten. Auf einer Tribüne, die sich in der Mitte des Orchester­raums erhob, saß ein weiser Mann, der als Oberlehrer bezeich­net wurde und die Aufgaben stellte, die die Jünglinge beant­worten sollten. Als alles versammelt war, stand er auf und sagte: "Die heutige Aufgabe lautet: Was und wie beschaffen ist die Seele? Bitte beantwortet diese Frage, wenn ihr könnt."

Bei diesen Worten entsetzten sich alle und begannen, miteinander zu flüstern. Einige aber von den auf den Bänken Sitzenden riefen: "Wer von allen Menschen, die seit dem Zeit­alter des Saturn bis zur Gegenwart gelebt haben, hätte je auf vernünftige Art erkannt und erfaßt, was die Seele ist, ge­schweige denn, welcher Art sie ist? Übersteigt das nicht den Horizont aller Menschen?" Vom Orchesterraum her hörte man jedoch erwidern: "Es geht keineswegs über den Verstand, son­dern liegt innerhalb seines Bereichs. Antwortet nur!" Bei die­sen Worten machten sich die für diesen Tag dazu bestimm­ten Jünglinge bereit, das Pult zu besteigen und die Frage zu be­antworten. Es waren ihrer fünf, die von den Ältesten geprüft und für besonders klug befunden worden waren. Sie nahmen links und rechts vom Pult auf Polstersesseln Platz und bestie­gen es nun einer nach dem anderen, ihrer Sitzordnung gemäß. Dabei zog jeder zunächst eine opalfarbige Tunika an, darüber ein Oberkleid aus weicher Wolle mit eingewirkten Blumen, und zuletzt bedeckte er sich mit einem Hut, dessen Wölbung ein Rosenkranz zierte, der von kleinen Saphiren umschlungen war. Ich sah, wie der erste in dieser Kleidung das Pult bestieg und hörte ihn sagen:

"Was und wie beschaffen die Seele ist, das ist vom Tag der Schöpfung an noch keinem offenbart worden. Es ist ein Geheimnis, verborgen allein in der Schatzkammer Gottes. So­ viel aber weiß man, nämlich daß die Seele im Menschen wie eine Königin residiert. Wissenschaftlich gebildete Seher haben zu ergründen versucht, wo sich ihre Residenz befinden könnte. Einige meinten sie in jener kleinen Erhöhung zwischen Groß  und Kleinhirn zu erkennen, die man als Zirbeldrüse bezeichnet. In sie verlegten sie den Sitz der Seele, weil der ganze Mensch von diesen beiden Gehirnen aus re­giert wird, jene Erhöhung sie dazu anregt und nach ihrem Be­lieben die Gehirne zur Wirkung bestimmt — damit aber den ganzen Menschen von Kopf bis Fuß." Er fügte noch hinzu: "Aus diesem Grund erschien dies in der Welt vielen als richtig oder doch wahrscheinlich. Ein Jahrhundert später wurde es aber als bloße Mutmaßung verworfen." Sprach's, legte Gewand und Hut ab und übergab alles dem nächsten der Auserwählten, der sich nun damit bekleidete und das Pult einnahm.

Sein Ausspruch über die Seele lautete: "Im ganzen Him­mel und in der ganzen Welt weiß man nicht, was und wie be­schaffen die Seele ist. Freilich weiß man, daß es sie gibt und sie im Menschen wohnt, aber wo sie ihren Sitz hat, kann man nur raten. Sicher scheint mir soviel, daß er sich im Kopf befindet, weil hier der Verstand denkt und der Wille seine Absichten formt, ebenso auch, weil sich im Gesicht, also einem Teil des Kopfes, die Sinneswerkzeuge des Menschen befinden. Das alles wird allein von der Seele, die im Kopf ihren Sitz hat, be­lebt. Wo sie sich aber dort befindet, darüber wage ich keine Behauptung aufzustellen. Vielmehr habe ich zwischen den verschiedenen Meinungen geschwankt: Sitz in den drei Kam­mern des Großhirns, in den streifigen Körpern des Großhirns, in der Marksubstanz beider Gehirne, in der Rindensubstanz oder in der harten Hirnhaut. Es fehlte sozusagen nicht an In­dizien (calculi), die für den einen oder anderen Sitz der Seele sprachen. Ein Indiz für ihren Sitz in den drei Kammern des Großhirns war die Tatsache, daß diese Gefäße die der Le­bensgeister und aller Lymphen des Gehirns sind; für den Sitz der Seele in den streifigen Körpern sprach, daß diese das Mark bilden, durch das die Nerven austreten und beide Gehirne sich ins Rückenmark fortsetzen und aus dem Mark und dem Gehirn die Fibern hervorgehen, aus denen der ganz