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 Die goettliche Vorsehung html  1.04MB  Emanuel Swedenborg a.D. *1688 - 1772     

Göttliche Vorsehung

Emanuel Swedenborg

Die Weisheit der Engel





Band II

Die göttliche Vorsehung

*

Das Original von 1764:

SAPIENTIA ANGELICA DE DIVINO AMORE ET DE DIVINA PROVIDENTIA.

Aus dem Lateinischen von Friedemann Horn.



*

 



Vorwort des Übersetzers

In den Jahren 1763-64 gab Emanuel Swedenborg in Amsterdam zwei Werke heraus, die eng aufeinander bezogen sind, wie schon in dem gemeinsamen Titel – „Die Weisheit der Engel“ — deutlich wird. Das erste handelt über „die göttliche Liebe und Weisheit“, das zweite über „die göttliche Vorsehung“. Die Titel der zahlreichen neusprachlichen Übersetzungen ließen in den meisten Fällen diesen Zusammenhang nicht mehr erkennen. Auch die bisherigen deutschen Ausgaben titelten „Die göttliche Liebe und Weisheit“ und „Die göttliche Vorse­hung“ und beließen es bei einem Hinweis auf den lateinischen Originaltitel. Der Swedenborg Verlag hat sich nun entschlossen, die Zusammengehörigkeit der beiden Werke durch Voranstellung des Obertitels wieder deutlich zu machen. Was die neue Übersetzung betrifft, so ist darüber im er­sten Band der „Weisheit der Engel“ alles Nötige gesagt.  



(Friedemann Horn)

 





Teil 1 - Die göttliche Vorsehung ist das Walten der göttlichen Liebe und Weisheit des Herrn.



*1. Um zu verstehen, was das Wesen der göttlichen Vorsehung ist und daß sie im Walten der göttlichen Liebe und Weisheit des Herrn besteht, ist es wichtig zu wissen, was in dem Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ dar­über bereits gesagt wurde, nämlich: Im Herrn gehört die göttliche Liebe der göttlichen Weisheit an, und umgekehrt (# 34 39); beide können nur sein und existieren in dem, was von ihnen erschaffen wurde und etwas anderes ist als sie selbst (# 47 51); alle Teile des Universums wurden von der göttlichen Liebe und Weisheit erschaffen (# 52 60, 151­-156); sie sind samt und sonders Aufnahmegefäße für die göttliche Liebe und Weisheit (# 54 60); der Herr erscheint den Engeln als Sonne, deren Wärme Liebe und deren Licht Weisheit ist (# 83 88, 89 98, 296 301); die vom Herrn aus­gehende göttliche Liebe und Weisheit stellen eine Einheit dar (# 99 102); der Herr von Ewigkeit, Jehovah (Jahwe), hat das Weltall mit allen seinen Teilen aus sich selbst und nicht aus dem Nichts erschaffen (# 282 284, 290 295).

*2. Vergleicht man das mit dem, was im genannten Werk über die Schöpfung ausgeführt wurde, so kann man zwar er­kennen, daß das Walten der göttlichen Liebe und Weisheit des Herrn das ist, was als göttliche Vorsehung bezeichnet wird. Aber weil dort die Schöpfung und nicht die Erhaltung des Ge­schaffenen behandelt wurde, in der doch das Walten des Herrn besteht, soll nun hier die Rede davon sein: Jedoch in dem Ab­schnitt, der die Erhaltung der Vereinigung der göttlichen Liebe und Weisheit bzw. des Göttlich Guten und  Wahren im Er­schaffenen behandelt, und zwar in dieser Reihenfolge:

Das ganze Universum mit allen Einzelheiten ist aus der göttlichen Liebe durch die göttliche Weisheit er­schaffen worden.

*3. Im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ wurde gezeigt, daß der Herr von Ewigkeit, Jehovah (Jahwe), seinem Wesen nach die göttliche Liebe und Weisheit ist und das Universum mit allen seinen Teilen aus sich erschaffen hat. Daraus ergibt sich auch, daß das Universum mit allen Einzel­heiten aus der göttlichen Liebe durch die göttliche Weisheit er­schaffen wurde. Im erwähnten Werk wurde ferner nachgewie­sen, daß die Liebe ohne die Weisheit ebenso wenig zu tun vermag, wie die Weisheit ohne die Liebe. Denn die Liebe kann ohne die Weisheit, der Wille ohne den Verstand nichts denken, ja nicht einmal etwas sehen und empfinden oder reden. So kann denn auch die Weisheit ohne die Liebe bzw. der Verstand ohne den Willen nichts tun. Wird Weisheit und Verstand die Liebe entzogen, so ist auch kein Wollen, mithin kein Handeln mehr vorhanden.

Wenn sich dies beim Menschen so verhält, wieviel mehr muß es bei Gott so gewe­sen sein, der die Liebe und Weisheit selbst ist, als er das Universum mit allen seinen Teilen erschuf!

Die Bestätigung dafür, daß das Weltall mit allen Einzelheiten aus der göttlichen Liebe durch die göttliche Weisheit erschaffen wurde, liefern alle sichtbaren Gegenstände in der Welt: Stell dir nur irgendein Ding vor Augen und betrachte es mit ein wenig Weisheit, so wirst du dich darin bestärkt finden. Nimm beispielsweise einen Baum oder seinen Samen bzw. seine Frucht, nimm seine Blüte oder sein Blatt, überdenke es weise, betrachte es mit einem scharfen Mikroskop, und du wirst Wunderdinge sehen. Aber das Innere, das du nicht siehst, ist noch viel wunderbarer.

Anm. d. Übersetzers: Swedenborg und seine Zeitgenossen verfügten über Mikroskope von 30  bis 60 facher Vergrößerung. Heutige Elektronen  oder Raster­-Elektronen Mikroskope erreichen leicht das mehr als Tausendfache. In der Tat offenbaren sich die dabei zeigenden Strukturen als unglaublich schön und fein.

Betrachte nur die Ordnung in ihren aufeinanderfolgenden Stadien, etwa wie ein Baum aus dem Samen heranwächst, bis er selber wieder neuen Samen hervor­bringt, und erwäge, ob sich nicht in jeder Folge wieder das Streben zur Fortpflanzung ausdrückt. Denn das letzte Ziel bil­det der Same, der die Fortpflanzungsfähigkeit erneuert. Willst du dir darüber auch auf geistige Weise Gedanken machen ­und bei vorhandenem Willen kannst du das —, wirst du dann nicht der darin liegenden Weisheit gewahr? Entfaltest du dann dein geistiges Denken noch weiter, wirst du erkennen, daß das weder am Samen noch an der irdischen Sonne liegt, die ja rei­nes Feuer ist, sondern an Gott, dem Schöpfer, und seiner un­endlichen Weisheit. Und das nicht nur bei der Erschaffung, sondern ohne Unterbrechung auch hernach, bedeutet doch Er­haltung ein fortwährendes Entstehen; geradeso als ob du den Willen von der Handlung, den Gedanken von der Rede, das Streben von der Bewegung oder die Ursache von der Wirkung trennen wolltest und damit Handeln, Reden, Bewegung und Wirkung beendest.

In alles Geschaffene ist zwar eine Kraft gelegt, aber diese tut nichts aus sich, sondern aus Dem, der sie hineinge­legt hat. Betrachte auch irgendetwas anderes auf Erden, etwa den Seidenwurm, die Biene oder ein sonstiges Tierchen; be­obachte es zuerst natürlich, dann vernünftig und schließlich geistig. Können deine Gedanken nur tief genug eindringen, wirst du bei allem erstaunen. Und wenn du die Weisheit in dir zu Wort kommen läßt, wirst du staunend ausrufen: Wer sieht nicht in alledem das Göttliche — samt und sonders Werke der göttlichen Weisheit!? Das steigert sich noch, wenn du die Nutz­wirkungen aller erschaffenen Dinge betrachtest, wie sie in ihrer Ordnung bis hinauf zum Menschen reichen, und vom Men­schen wieder zum Schöpfer, von dem sie ausgingen, und wie von der Verbindung des Schöpfers mit dem Menschen der Zu­sammenhang aller Dinge und — wenn du es anerkennen willst ­auch die Erhaltung aller Dinge abhängt. Im Folgenden wird man sehen, daß die göttliche Liebe alles erschaffen hat, aber nichts ohne die göttliche Weisheit.

Gottes Liebe und Weisheit gehen als Einheit von ihm aus.

*4. Das ist auch aus dem offensichtlich, was im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ ausgeführt wurde, ins­besondere aus dem Folgenden: Sein und Dasein sind im Herrn eine Einheit, können aber unterschieden werden (# 14 17); dasselbe gilt für das Unendliche im Herrn (# 17 22); die göttli­che Liebe gehört der göttlichen Weisheit an und umgekehrt (# 34 39); die Liebe kann ohne ihre Ehe mit der Weisheit nichts bewirken (# 401 403); die Liebe tut nur etwas in Verbindung mit der Weisheit (# 409 f); die geistige Wärme und das geistige Licht bilden bei ihrem Hervorgehen aus dem Herrn als der gei­stigen Sonne eine Einheit, ebenso wie die göttliche Liebe und Weisheit im Herrn (# 99 102). Aus dem, was an den genannten Stellen ausgeführt wurde, wird diese Wahrheit offensichtlich. Da man aber nicht weiß, wie zwei einheitlich zusammenwir­ken können, die doch verschieden von einander sind, möchte ich hier zeigen, daß es ohne Form keine Einheit gibt. Denn eben die Form bewirkt die Einheit, ja, die Form bildet eine umso vollkommenere Einheit, wenn die Dinge, aus denen sie sich zusammensetzt, untereinander verschieden, aber dennoch vereint sind.

Ohne eine Form gibt es keine Einheit, vielmehr bildet die Form selbst die Einheit: Jeder, der seinen Geist anstrengt, kann deutlich erkennen, daß es ohne eine Form keine Einheit gibt, und wenn es sie gibt, es die Form selbst ist. Denn alles, was existiert, hat durch seine Form das, was man als seine Be­schaffenheit, sein Prädikat, seine Zustandsveränderung oder auch Relation und anderes mehr bezeichnet. Darum ist etwas, das keine Form hat, ohne Beschaffenheit, und was keine Be­schaffenheit hat, ist auch nichts Wirkliches (est etiam nullius rei). All das bewirkt die Form selbst. Und weil sich alles, was eine Form hat — vorausgesetzt, diese ist vollkommen — gegen­seitig auf einander bezieht, ähnlich wie in einer Kette ein Glied auf das andere, so ergibt sich, daß die Form selbst die Einheit und damit den Gegenstand bildet, von dem sich je nach der Vollkommenheit der Form etwas aussagen läßt, wie Beschaf­fenheit, Zustand und dergleichen mehr.

Alles, was die Augen in dieser Welt erblicken, aber auch alles, was sie nicht erblicken — sei es verborgen im In­neren der Natur, sei es in der geistigen Welt — besteht aus sol­cher Einheit. Der Mensch ist eine solche Einheit, aber auch die menschliche Gesellschaft. Die Kirche ist ebenfalls eine solche Einheit, ferner der ganze Engelhimmel vor dem Herrn. Mit einem Wort: das erschaffene Weltall ist — nicht nur im allgemei­nen, sondern auch im besonderen — eine solche Einheit. Aber damit alles bis ins Einzelne eine Form haben kann, muß Er, der alles erschaffen hat, notwendigerweise die Urform sein und aus dieser alles hervorgegangen sein, was es an Formen gibt.

Das alles ist im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ gezeigt worden: Die göttliche Liebe und Weisheit sind Substanz und Form (# 40  43); sie sind die Form in sich, folglich das Selbst und das Eine (# 44 46). Im Herrn sind die göttliche Liebe und Weisheit eine Einheit (# 14 17; 18 22), und von ihm gehen sie als Einheit aus (# 99 102 und an anderen Stellen).

Die Form bildet eine umso vollkommenere Einheit, wenn die Dinge, aus denen sie besteht, verschieden von einan­der und dennoch vereint sind: Das ist dem unentwickelten Ver­stand nur schwer begreiflich, scheint es doch, als ob eine Form nur dann eine Einheit bilden könne, wenn das, was sie bildet, einander ähnlich und gleichartig ist. Ich habe darüber mehr­fach mit Engeln gesprochen. Sie sagten, hier liege ein Geheim­nis vor, das von ihren Weisen klar begriffen werde, aber den weniger Weisen dunkel bleibe. Doch sei es eine Wahrheit, daß eine Form umso vollkommener ist, je unterschiedlicher die Dinge sind, aus denen sie besteht, dabei aber doch auf be­sondere Weise eins. sie bestätigten dies durch den Hinweis auf die Gesellschaften in den Himmeln, die alle zusammen die Form des Himmels bilden, sowie anhand der Engel einer jeden einzelnen Gesellschaft: je mehr jeder von ihnen sich von den anderen unterscheide, ein eigenes, freies Wesen sei und somit wie aus sich, d.h. aus eigener Neigung heraus seine Gefährten liebe, desto vollkommener sei die Form seiner himmlischen Gesellschaft. Sie beleuchteten es auch durch den Hinweis auf die Ehe des Guten und Wahren: Je unterschiedlicher die zwei seien, desto vollkommener könnten sie eine Einheit bilden. Dasselbe gelte für Liebe und Weisheit. Das nicht Unterschie­dene sei etwas Verworrenes, aus dem alle Unvollkommenheit der Form resultiere.

Auf welche Weise das vollkommen Unterschiedene vereinigt wird und so eine Einheit bildet, belegten sie auch durch viele Beispiele, vor allem dadurch, wie der Mensch ge­bildet ist, der trotz der unzählbaren Vielfalt in ihm eine Einheit darstellt — unterschieden in sich durch Hüllen, vereinigt durch Bänder. Ebenso verhalte es sich auch mit allem, was zur Liebe und mit allem, was zur Weisheit gehört, das nur als Einheit be­griffen wird. Mehr darüber findet man im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“, # 14 22 und im Werk „Himmel und Hölle“, # 56 und 459. Dies wurde angeführt, weil es zur Weisheit der Engel gehört.

In allem Erschaffenen liegt eine Art Abbild dieser Einheit.

*5. Aus dem, was im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit" verschiedentlich dargelegt wurde, läßt sich erse­hen, daß die göttliche Liebe und Weisheit, die im Herrn eine Einheit darstellen, als solche von ihm ausgehen und in allem Erschaffenen wie in einer Art Abbild sind. Man vergleiche be­sonders # 47 51, 54 60, 282 284, 290 295, 316 318, 319 326 und 349 357. Dort wurde gezeigt, daß das Göttliche darum in allem Erschaffenen ist, weil Gott der Schöpfer, der Herr von Ewigkeit, aus sich selbst die Sonne der geistigen Welt und durch diese alle Teile des Universums hervorgebracht hat. Daher, so wurde gezeigt, ist diese Sonne, die aus dem Herrn und in der der Herr ist, nicht nur die erste, sondern die einzige Substanz, aus der alles stammt. Und weil sie die einzige ist, so muß sie auch in allem Erschaffenen sein, doch mit unendlicher Mannigfaltig­keit, je nach den Nutzwirkungen.

Da nun im Herrn die göttliche Liebe und Weisheit ist und in der aus ihm stammenden Sonne das göttliche Feuer und der göttliche Strahlenkranz, und da aus dieser Sonne geistige Wärme und geistiges Licht hervorgehen und beide eine Einheit bilden, so ergibt sich, daß sich in allem Erschaffenen eine Art Abbild dieser Einheit findet. Darum bezieht sich alles im Welt­all auf das Gute und Wahre, ja auf deren Verbindung oder — was auf dasselbe hinausläuft — auf die Liebe und Weisheit und deren Verbindung. Denn das Gute gehört zur Liebe und das Wahre zur Weisheit, da die Liebe alles gut und die Weisheit alles wahr nennt, was ihr Wesen ausmacht. Im Folgenden wird man sehen, daß in jedem Erschaffenen eine Verbindung von beiden liegt.

*6. Viele Menschen erkennen an, daß es nur eine einzige Substanz gibt, die die erste und allumfassende ist. Doch wel­che Beschaffenheit diese Substanz hat, weiß man nicht. Man meint, sie sei so einfach, daß es nichts Einfacheres gebe, ver­gleichbar einem Punkt, der keine Ausdehnung hat. Aus un­endlich vielen derartiger Punkte seien räumliche Formen ent­standen. Doch das ist eine Täuschung, die der Vorstellung des Raumes entspringt, weil nach dieser Vorstellung das Kleinste als etwas Räumliches erscheint. Gleichwohl ist zutreffend, daß etwas umso größer und vollständiger ist, je einfacher und rei­ner es ist. Darum erblickt man in einem Gegenstand, je weiter man in ihn mit den Augen eindringt, desto Wunderbareres, Vollkommeneres und Schöneres, in der ersten Substanz aber das Allerwunderbarste,  vollkommenste und  schönste. Der Grund für diese Tatsache besteht darin, daß die erste Substanz der geistigen Sonne entstammt, die — wie gesagt — aus dem Herrn und in der der Herr ist. Jene Sonne ist daher selbst die einzige Substanz und  da nicht räumlicher Natur  alles in allem und im Größten wie im Kleinsten des erschaffenen Alls.

Anm. d.Ü.: Die Aufnahmen mit den heutigen Elektronen  und Raster Elek­tronen Mikroskopen bestätigen das voll und ganz: Die dadurch sichtbar wer­denden feinsten Strukturen sind von einer Vollkommenheit und Schönheit, die man sich bis vor kurzem noch nicht vorstellen konnte.

Daraus folgt, daß in dieser ersten und einzigen Sub­stanz unendlich mehr liegt als je in den aus ihr entstandenen Substanzen — angefangen bei den sogenannten substantiellen bis zu den materiellen Phänomenen — zur Erscheinung kom­men kann. Es kann in diesen nicht in seiner Fülle erscheinen, weil es aus der geistigen Sonne über Stufen doppelter Art her­absteigt und dabei an Vollkommenheit abnimmt. Daher kommt es auch, daß — wie oben ausgeführt wurde — etwas umso wun­derbarer, vollkommener und schöner erscheint, je mehr man bei seiner Betrachtung in es eindringt. Das wird gesagt, um zu belegen, daß in allem Erschaffenen eine Art Abbild des Göttli­chen liegt, daß es aber beim Niedersteigen durch die Grade immer weniger zum Vorschein kommt, am wenigsten, wenn der von seinem höheren getrennte Grad durch irdische Stoffe eingeschlossen und verdeckt wird. Doch das muß dunkel er­scheinen, solange man nicht gelesen und verstanden hat, was im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ über die geistige Sonne (# 83 172), die Stufen oder Grade (# 183 281) und die Schöpfung des Universums (# 282 357) dargelegt wurde.

Die göttliche Vorsehung zielt darauf ab, daß jedes Erschaffene im allgemeinen wie im besonderen eine solche Einheit sei oder doch werde, wenn es das nicht ist.

*7. Das heißt, daß in allem Erschaffenen etwas aus der göttlichen Liebe und zugleich aus der göttlichen Weisheit oder — was das­selbe ist — Gutes und Wahres bzw. eine Verbindung des Guten und Wahren liegt. Weil das Gute der Liebe und das Wahre der Weisheit angehört, wie oben (# 5) gezeigt wurde, soll im Fol­genden statt der Liebe und Weisheit hin und wieder das Gute und Wahre genannt werden und statt der Verbindung von Liebe und Weisheit die Vermählung des Guten und Wahren.

*8. Aus dem vorigen Abschnitt geht hervor, daß die gött­liche Liebe und Weisheit, die im Herrn eine Einheit sind und die als Einheit von ihm ausgehen, in allem von ihm Erschaffe­nen wie in einer Art Abbild sind. Von jener Einheit oder Ver­bindung, die als Ehe des Guten und Wahren bezeichnet wird, soll nun im besonderen die Rede sein. Über diese Ehe ist fol­gendes zu sagen: Sie besteht im Herrn selbst, da die göttliche Liebe und Weisheit in ihm eine Einheit sind. Sie stammt vom Herrn, denn in allem, was aus ihm her­vorgeht, sind Liebe und Weisheit völlig vereint. Beide gehen vom Herrn als der geistigen Sonne hervor, die gött­liche Liebe als Wärme, die göttliche Weisheit als Licht. Die Engel nehmen sie zwar als zwei auf, aber der Herr verbindet sie bei ihnen. Ähnliches vollzieht sich bei den Menschen der Kirche. Der Herr wird darum im Wort als Bräutigam und Mann, der Himmel und die Kirche als Braut und Weib bezeich­net, weil Liebe und Weisheit vom Herrn als eine Einheit bei den Engeln des Himmels und den Menschen der Kir­che einfließen.

Inwieweit daher Himmel und Kirche im allgemeinen, Engel und Mensch im besonderen in jener Vereinigung, der Ehe des Guten und Wahren, leben, insoweit sind sie „Bild und Ähnlichkeit“ des Herrn, weil das Gute und Wahre im Herrn eine Einheit, besser gesagt: weil sie der Herr selbst sind.

Liebe und Weisheit sind im Himmel und in der Kirche im allgemeinen, aber auch im Engel des Himmels und Men­schen der Kirche eine Einheit, wenn Wille und Verstand, also Gutes und Wahres oder — was aufs selbe hinausläuft — tätige Liebe und Glaube bzw. — was wiederum aufs selbe hinausläuft — die Lehre aus dem Wort und das Leben nach der Lehre eine Einheit bilden.

Wie es aber geschieht, daß jene zwei im Menschen und allem, was zu ihm gehört, eins werden, ist im 5. Teil des Werkes „Die göttliche Liebe und Weisheit“ dargelegt wor­den, wo von der Schöpfung des Menschen und insbeson­dere vom Entsprechungsverhältnis von Wille und Ver­stand mit Herz und Lunge in # 385 432 die Rede ist.

*9. Auf welche Weise diese Einheit in dem zustande­kommt, was sich unterhalb oder außerhalb des Menschen be­findet, also bei Tieren und Pflanzen, wird im weiteren Verlauf dieser Abhandlung hin und wieder besprochen werden. Die folgenden drei Punkte müssen jedoch vorausgeschickt werden:

Diese drei Punkte wurden im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ durch viele Überlegungen zur Genüge belegt. Jeder Mensch kann auch aufgrund seiner Vernunft einsehen, daß der Herr beständig dahin wirkt, diese Ehe des Guten und Wahren, die doch von der Schöpfung her bestand und erst spä­ter getrennt wurde, wiederherzustellen. Darin — somit in der Verbindung des ganzen erschaffenen Universums mit dem Herrn durch den Menschen — liegt folglich das Ziel der göttli­chen Vorsehung.

Nur in Verbindung mit dem Wahren der Weis­heit ist das Gute wirklich gut, und nur im Verein mit dem Guten der Liebe ist das Wahre wirklich wahr.

*10. Das beruht auf dem Ursprung des Guten und Wahren. Das Gute, wie auch das Wahre, ist nämlich ursprünglich im Herrn, weil dieser das Gute und Wahre selbst ist und beide in ihm eine Einheit dar­stellen. So kommt es, daß das Gute sowohl bei den Engeln des Himmels als auch bei den Menschen der Erde nicht in sich selbst gut ist, sofern es nicht mit dem Wahren vereint, und daß das Wahre nicht in sich selbst wahr ist, sofern es nicht mit dem Guten vereint ist. Wie man weiß, stammt alles Gute und Wahre vom Herrn. Weil aber das Gute mit dem Wahren und das Wahre mit dem Guten eine Einheit bilden, so müssen sie, damit sie wirklich gut und wirklich wahr sind, auch in ihren Empfängern, den Engeln des Himmels und den Menschen der Erde, eins sein.

*11. Man weiß zwar, daß sich alles im Universum auf das Gute und Wahre bezieht, versteht man doch unter dem Guten im umfassenden Sinne alles, was der Liebe angehört und unter der Wahrheit alles, was der Weisheit angehört und sie in sich schließt. Noch unbekannt ist aber, daß weder das Gute ohne die Vereinigung mit dem Wahren noch das Wahre ohne die Ver­einigung mit dem Guten Substanz hat. Zwar hat es den An­schein, als ob das Gute ohne das Wahre und das Wahre ohne das Gute etwas sei, aber sie sind gleichwohl ein Nichts. Denn die Liebe, deren Inhalte allesamt gut genannt werden, ist das Sein eines jeden Dings, und dessen Dasein ist die Weisheit, deren Inhalte samt und sonders wahr genannt werden, wie im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ # 14 16 nachgewiesen wurde. Daher gilt: ebenso wie das Sein nichts ist ohne das Da­sein, so auch das Gute nichts ohne das Wahre und das Wahre ohne das Gute. Und ebenso: was wäre gut ohne jegliche Be­ziehung? Kann man etwas gut nennen, wenn es weder Gegen­stand einer Neigung noch einer Wahrnehmung ist?

In Verbindung mit einem Guten aber, das anregt und sich wahrnehmen und empfinden läßt, bezieht es sich auf das Wahre, also auf etwas, das im Verstand ist. Gebrauche ich jemand gegenüber nur das nackte Wort „gut“, ohne zu erwähnen, wen oder was ich gut nenne, so besagt es gar nichts. Hingegen be­sagt es etwas, wenn ich es mit diesem oder jenem verbinde, das als eins mit dem Guten wahrgenommen wird, und dieses Etwas wird allein im Verstand mit dem Guten verbunden, und jeder Verstand bezieht sich auf das Wahre. Ähnlich verhält es sich mit dem Wollen: ein Wollen ohne Wissen, Wahrnehmen und Nachdenken darüber, was der Mensch will, ist ein Nichts; es wird erst in Verbindung mit ihnen zu etwas. Alles Wollen ist Sache der Liebe und bezieht sich auf das Gute, alles Wahrneh­men und Denken gehört zum Verstand und bezieht sich auf das Wahre. Damit ist klar, daß ein abstraktes Wollen im Unterschied zum konkreten Wollen von diesem oder jenem nichts ist.

Ebenso verhält es sich mit jeder Nutzwirkung (usus), weil Nutzwirkungen etwas Gutes sind. Ist die Nutzwirkung nicht auf einen bestimmten Gegenstand gerichtet, mit dem sie eins sein will, ist sie keine Nutzwirkung, also nichts. Die Nutz­wirkung leitet alles, was zu ihr gehört, aus dem Verstand ab und das, was sich ihr von daher verbindet oder beifügt, bezieht sich aufs Wahre; von ihm hat sie ihre Beschaffenheit.

Diese wenigen Sätze zeigen, daß weder das Gute ohne das Wahre noch das Wahre ohne das Gute Realität hat. Es wird gesagt, das Gute zusammen mit dem Wahren und das Wahre zu­sammen mit dem Guten sei etwas Wirkliches. Daraus folgt aber, daß das Böse zusammen mit dem Falschen und das Falsche zu­sammen mit dem Bösen nichts Wirkliches ist (non sint Liquid), steht es doch im Gegensatz zu jenem, und der Gegensatz zer­stört hier die Wirklichkeit. Darüber in der Folge mehr.

*12. Zu unterscheiden ist zwischen einer Ehe des Guten und Wahren im Bereich der Ursachen und einer solchen im Bereich der Wirkungen. Erstere ist die Ehe von Wille und Ver­stand bzw. von Liebe und Weisheit. In allem, was der Mensch will und denkt, was er so beschließt und anstrebt, liegt diese Ehe. Sie geht in die Wirkung ein und führt sie herbei. Im Wir­ken selbst aber erscheinen die beiden als etwas Verschiedenes, weil dann aus dem Gleichzeitigen ein Nacheinander wird. Will sich der Mensch z.B. Nahrung und Kleidung verschaffen, eine Wohnung haben, ein Geschäft oder eine Arbeit verrich­ten, ein Gespräch führen usw., so will und denkt oder be­schließt und beabsichtigt er es zuerst gleichzeitig. Bringt er es aber zur Ausführung, folgt eins auf das andere, während sie in seinem Willen und seinen Gedanken doch immer nur eins sind. Das Nützliche dieser Wirkungen gehört zur Liebe bzw. zum Guten, die Mittel hingegen, durch die der Nutzen bewirkt wird, gehören zum Verstand bzw. zum Wahren. Jeder kann diese allgemeine Feststellung durch besondere Erlebnisse be­stätigen, nur muß er dabei deutlich unterscheiden zwischen dem, was sich aufs Gute der Liebe und was sich aufs Wahre der Weisheit bezieht, ebenso wie es sich in der Ursache und wie in der Wirkung verhält.

*13. Es wurde schon mehrfach darauf hingewiesen, daß die Liebe das Leben des Menschen ausmacht. Man hat aber dar­unter nicht eine Liebe zu verstehen, die von der Weisheit bzw. ein Gutes, das vom Wahren getrennt wäre. Eine getrennte Liebe oder ein getrenntes Gutes hätte keinerlei Realität. Des­halb ist jene Liebe, die das innerste Leben des Menschen bil­det, das von Gott stammt, Liebe und Weisheit zugleich. Auch die Liebe, die das Leben des Menschen ausmacht, sofern er sich im Zustand der Aufnahme befindet, ist nicht in der Ursa­che, sondern nur in der Wirkung getrennt. Denn keine Liebe läßt sich vorstellen ohne ihre Beschaffenheit, diese aber ist die Weisheit. Die Beschaffenheit bzw. die Weisheit kann aber nur aus ihrem Sein hervorgehen, und das ist die Liebe. Darum sind sie eins, ebenso wie das Gute und Wahre. Weil nun aber das Wahre aus dem Guten und die Weisheit aus der Liebe stammt, werden beide zusammengenommen die Liebe oder das Gute genannt, ist doch die Liebe in ihrer Form Weisheit und das Gute Wahrheit. Aus der Form allein aber stammt alle Beschaf­fenheit. So kann man also erkennen, daß das Gute lediglich insoweit gut ist, als es mit seinem Wahren, dieses aber nur inso­weit wahr ist, als es mit seinem Guten eine Einheit bildet.

*14. Ist das Gute der Liebe nicht mit dem Wahren der Weisheit vereint, ist es nicht wirklich, sondern nur scheinbar gut. Ebenso ist das mit dem Guten der Liebe nicht vereinte Wahre nur scheinbar wahr.

Es ist zwar eine Tatsache: es gibt kein Gutes, das an sich gut wäre, wenn es nicht mit seinem Wahren, und kein Wahres, das an sich wahr wäre, wenn es nicht mit seinem Guten vereinigt ist. Und doch gibt es ein vom Wahren getrenntes Gutes und ein vom Guten getrenntes Wahres. Man findet es bei Heuchlern und Schmeich­lern, bei bösen Menschen aller Art und bei denen, die nur in natürlichem, nicht aber in irgendeiner Art von geistigem Guten sind. Die einen wie die anderen können der Kirche, dem Va­terland, der Gesellschaft, den Mitbürgern, den Bedürftigen, den Armen, Witwen und Waisen Gutes tun. Auch können sie Wahr­heiten einsehen, aus der Einsicht heraus denken und aus dem Denken reden und lehren. Aber bei ihnen ist solch Gutes und Wahres nicht innerlich, d.h. nicht an sich gut und wahr, son­dern nur äußerlich, also scheinbar. Sie zeigen es nur um ihrer selbst und der Welt, nicht um des Guten und Wahren willen, d.h. es stammt bei ihnen nicht aus dem Guten und Wahren und gehört daher nur Mund und Körper, nicht aber dem Herzen an.

Man kann es vergleichen mit Schlacken, faulem Holz oder Unrat, die man mit Silber oder Gold überzogen hat. Wahrheiten der erwähnten Art kann man auch mit der Luft ver­gleichen, die man zwar einatmet, die aber verfliegt, oder mit einem Irrlicht, das zwar solche Dinge äußerlich als echt er­scheinen läßt, dann aber plötzlich verschwindet. Auf ähnliche Art erscheint bei so gearteten Menschen das Gute und Wahre, anders jedoch bei denen, die es hören und aufnehmen, davon aber nichts wissen. Denn jeder wird vom Äußeren je nach dem Zustand seines Inneren angeregt. Das Wahre, von wem es auch immer ausgesprochen wird, dringt ja durchs Gehör in den anderen Menschen ein, und er nimmt es mit seinem Ver­stand auf je nach seinem Zustand und seiner Beschaffenheit. Bei Menschen, die durch Vererbung nur im Natürlich Guten und nicht in Geistig Gutem sind, verhält es sich ganz ähnlich, da das Innere alles Guten und Wahren geistig ist und das Falsche und Böse austreibt; das nur Natürliche begünstigt es. Zum Bösen und Falschen geneigt sein und das Gute tun paßt aber nicht zusammen.

*15. Das Gute kann vom Wahren und das Wahre vom Guten getrennt werden und nach der Trennung dennoch den Eindruck des Guten und Wahren machen, weil der Mensch die Fähigkeit hat zu handeln, die als Freiheit bezeichnet wird, und die Fähigkeit zu erkennen, Vernunft genannt. Der Mißbrauch dieser beiden Fähigkeiten ist der Grund, weshalb der Mensch äußerlich anders erscheinen kann, als er innerlich ist, also auch wenn er böse ist, Gutes tun und Wahres sprechen bzw. als Teu­fel sich in einen Engel des Lichts verstellen kann. Im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ vergleiche man dazu folgende Stellen: Der Ursprung des Bösen liegt im Mißbrauch der dem Menschen eigenen Fähigkeiten, die als Vernunft und Freiheit bezeichnet werden (# 264 270). Diese beiden Fähigkeiten haben gute wie böse Menschen (# 425). Die Liebe kann ohne eheliche Verbindung mit der Weisheit bzw. das Gute ohne eine solche Verbindung mit dem Wahren nichts bewirken (# 401); sie wirkt nur in Verbindung mit der Weisheit oder dem Verstand (# 409). Die Liebe verbindet sich mit der Weisheit oder dem Verstand und macht, daß Weisheit oder Verstand sich rückwir­kend mit ihr verbindet (# 410 412). Weisheit oder Verstand wer­den nach Maßgabe ihres Vermögens von der Liebe erhoben und können dann wahrnehmen und in sich aufnehmen, was dem Licht aus dem Himmel angehört (# 413). Auch die Liebe kann auf ähnliche Art erhoben werden und aufnehmen, was der Wärme aus dem Himmel angehört, vorausgesetzt, daß sie ihren Gatten, die Weisheit, in einem solchen Grade liebt (# 414­-415). Andernfalls zieht die Liebe Verstand bzw. Weisheit wie­der von ihrer Erhebung herab, um im Einklang mit ihnen zu wirken (# 416 418). Die Liebe wird im Verstand gereinigt, so­fern sie beide gleichzeitig erhoben werden (# 419 421). Die von der Weisheit im Verstand gereinigte Liebe wird geistig und himmlisch, die im Verstand befleckte Liebe hingegen sinnlich und fleischlich (# 422 424). Mit der Verbindung von tätiger Liebe und Glauben verhält es sich ähnlich wie mit der von Liebe und Weisheit (# 427 430). Das Wesen der tätigen Liebe in den Himmeln (# 431).

*16. Der Herr duldet nicht, daß etwas geteilt ist. Deshalb muß es entweder im Guten und zugleich im Wah­ren oder im Bösen und zugleich im Falschen sein.

Ziel des Wirkens der göttlichen Vorsehung besteht darin, daß der Mensch im Guten und zugleich im Wahren lebe, da er nur auf diese Weise sein Gutes und seine Liebe, sein Wahres und seine Weisheit sein kann. Eben hierdurch ist der Mensch ein Mensch und so ein Bild des Herrn. Der Mensch kann aber, solange er in der Welt lebt, gleichzeitig im Guten und im Falschen und ebenso auch im Bösen und im Wahren, ja sogar gleichzeitig im Guten und Bösen leben, also eine Art Doppelwesen sein. Diese Spal­tung aber zerstört das Bild des Herrn im Menschen und damit den Menschen selbst. Darum zielt die göttliche Vorsehung des Herrn bei allen ihren Vorkehrungen darauf hin, diese Spaltung zu beheben. Und da es zuträglicher für den Menschen ist, wenn er zugleich im Bösen und Falschen ist als zugleich im Guten und Bösen, darum läßt der Herr ersteres zu — nicht weil er es will, sondern weil er es im Interesse des Ziels, das in der Erlö­sung besteht, nicht verhindern kann. Der Mensch kann im Bösen und zugleich im Wahren sein, und um des Endzwecks der Erlösung willen verhindert es der Herr nicht, weil der menschliche Verstand bis ins Licht der Weisheit erhoben wer­den und die Wahrheiten sehen oder anerkennen kann, wenn er sie hört, obgleich seine Liebe unten zurückbleibt. Der Mensch kann auf diese Weise mit dem Verstand im Himmel, mit seiner Liebe aber in der Hölle sein. Das kann ihm nicht verwehrt wer­den, weil ihm die beiden Fähigkeiten, durch die er Mensch ist und sich von den Tieren unterscheidet und durch die allein er wiedergeboren und damit erlöst werden kann, Vernunft und Freiheit, nicht genommen werden können. Aufgrund dieser Fähigkeiten kann der Mensch handeln im Einklang mit der Weisheit, aber auch im Einklang mit seiner Liebe zu dem, was nicht weise ist. Er kann aus der Weisheit von oben herabblicken auf seine unten zurückgebliebene Liebe, d.h. auf seine Gedan­ken, Absichten und Neigungen, also auf das Böse und Falsche, dann aber auch auf das Gute und Wahre in Leben und Lehre, ohne deren Kenntnis und innere Anerkennung der Mensch nicht umgebildet werden kann. Die beiden Fähigkeiten wurden schon oben besprochen, und das soll in der Folge noch weiter geschehen. Dies ist also der Grund, warum der Mensch zugleich im Guten und Wahren, aber auch im Bösen und Falschen und abwechselnd im einen oder anderen sein kann.

*17. Der Mensch kann, solange er in der Welt lebt, weder leicht in die Verbindung oder Vereinigung des Guten und Wah­ren noch des Bösen und Falschen geraten. Denn solange er hier lebt, wird er im Zustand der Umbildung oder Wiederge­burt gehalten. Aber nach dem Tode gelangt der Mensch ent­weder in das eine oder das andere. Weil er dann nicht mehr umgebildet und wiedergeboren werden kann, bleibt er seinem innersten Wesen nach so, wie sein Leben in der Welt, d.h. wie seine herrschende Liebe beschaffen war. Führte er ein Leben aufgrund der Liebe zum Bösen, wird ihm alles Wahre genom­men, das er sich in der Welt durch Lehrer, aus der Predigt oder aus dem Wort verschafft hatte. Ist dies aber einmal entfernt, saugt er wie ein Schwamm das mit seinem Bösen übereinstim­mende Falsche auf, und umgekehrt das mit seinem Falschen übereinstimmende Böse. Hat er aber sein Leben aufgrund der Liebe zum Guten geführt, wird bei ihm alles Falsche entfernt, das er in der Welt aufgenommen hatte, weil er es gehört oder gelesen, auf das er sich aber nicht versteift hatte. Stattdessen wird ihm nun jenes Wahre gegeben, das mit seinem Guten übereinstimmt. Das ist es, was man unter den Worten des Herrn zu verstehen hat:

„Darum nehmt ihm das Talent und gebt es dem, der zehn Talente hat; denn jedem, der da hat, wird gegeben wer­den, daß er die Fülle habe, dem aber, der nicht hat, wird auch das, was er hat, genommen werden.“ (Mat. 25/28 f; 13, 12; Mark. 4/25; Luk. 8/18; 19/24 26)

*18. Jeder Mensch wird nach seinem Tode entweder zu­gleich im Guten und Wahren oder im Bösen und Falschen sein, weil das Gute und Böse nicht miteinander verbunden werden kann  weder das Gute mit dem Falschen des Bösen noch das Böse mit dem Wahren des Guten. Es handelt sich dabei um Ge­gensätze, die solange miteinander kämpfen, bis einer den an­deren zerstört hat. Menschen, die im Bösen und Guten zu­gleich sind, werden durch die Worte des Herrn in der Apoka­lypse an die Gemeinde zu Laodicea gekennzeichnet:

„Ich kenne deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du doch kalt oder warm wärst! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, will ich dich aus­speien aus meinem Munde,“ (Apok. 3/15 f)

sowie durch den Ausspruch des Herrn:

„Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten.“ (Mat. 6/24)

*19. Was zugleich im Guten wie im Wahren ist, hat Realität (sit aliquid); nichtig hingegen ist, was zu­gleich im Bösen wie im Falschen ist.

Oben in # 11 kann man nachlesen, daß alles, was im Guten und zugleich im Wahren ist, wirklich ist (sit aliquid). Daraus folgt, daß das Böse zugleich mit dem Falschen nicht wirklich ist (non sit Liquid). Nicht wirklich sein aber heißt, keine Kraft und kein geistiges Leben haben. Diejenigen, die im Bösen und zugleich im Falschen sind — und diese befinden sich samt und sonders in der Hölle — haben zwar Kraft unter sich, denn der Böse kann Böses tun und tut es auch auf tausend Weisen, aber er kann aus seinem Bösen nur ande­ren Bösen ein Böses zufügen, nicht im geringsten aber den Guten. Und wenn das doch einmal geschieht, so nur in Verbindung mit Bösem, das den Guten noch anhaftet.

Hieraus entstehen deren Versuchungen, d.h. Anfech­tungen von Seiten des ihnen noch anhaftenden Bösen. Daher ihre Kämpfe, durch die sie von ihrem Bösen befreit werden können. Weil die Bösen in Wirklichkeit keine Macht haben, ist die ganze Hölle vor dem Herrn wie ein Nichts, ja völlig macht­los. Ich habe das durch viele Erfahrungen bestätigt gefunden. Erstaunlich aber ist, daß im Unterschied zu allen Guten alle Bösen sich für mächtig halten, weil sie alles ihrer eigenen Macht, somit ihrer List und Bosheit, zuschreiben, während die Guten ihrer eigenen Klugheit nichts zurechnen, sondern alles dem allmächtigen Herrn. Ein weiterer Grund, weshalb das Böse und zugleich Falsche nicht wirklich ist, liegt darin, daß ihm kein geistiges Leben innewohnt. Darum wird das Leben der Höllischen nicht als Leben, sondern als Tod bezeichnet. Da also nur das Leben wirklich ist (quare cum omne aliquid est vitae), kann dem Tode keine Realität zukommen.

*20. Menschen, die im Bösen und zugleich in Wahrheiten sind, kann man mit Adlern vergleichen, die hoch fliegen, aber in dem Augenblick herabfallen, wo ihnen die Flügel genom­men werden. Ähnlich verhalten sich Menschen nach dem Tode — wenn sie Geister geworden sind  , die zwar Wahrheiten ein­gesehen, darüber gesprochen und sie gelehrt haben, dabei aber doch in ihrem Leben nicht zu Gott aufgeblickt hatten. Sie erheben sich hoch durch ihre Gedanken, ja dringen bisweilen bis in die Himmel ein und täuschen Engel des Lichts vor. Nimmt man ihnen aber die Wahrheiten weg und schickt sie fort, fallen sie in die Hölle hinab. Tatsächlich bedeuten die Adler auch Raubmenschen, die über intellektuelle Schau ver­fügen, und Flügel bezeichnen geistige Wahrheiten. Es wurde gesagt, so seien jene beschaffen, die in ihrem Leben nicht zu Gott aufblickten. Zu Gott aufblicken heißt aber nichts anderes als sich bewußt sein, daß gewisse Handlungen Sünde sind gegen Gott, und sie darum nicht tun.

*21. Die göttliche Vorsehung des Herrn hat es so eingerichtet, daß das Böse zusammen mit dem Falschen zum Gleichgewicht, zur Beziehung und zur Reinigung dient, somit wird es zur Verbindung des Guten und Wah­ren bei anderen.

Aus den bisherigen Darlegungen kann man erkennen, daß die göttliche Vorsehung des Herrn beständig da­hin wirkt, beim Menschen das Wahre mit dem Guten und das Gute mit dem Wahren zu vereinigen. Diese Vereinigung ist nämlich die Kirche und der Himmel, ist sie doch im Herrn und in allem, was aus ihm hervorgeht. Um dieser Vereinigung wil­len wird der Himmel eine Ehe genannt, ebenso die Kirche, und deshalb wird auch das Reich Gottes im Wort mit einer Ehe ver­glichen. Diese Vereinigung ist der Grund, daß in der Israeliti­schen Kirche der Sabbat das Heiligste des Gottesdienstes war; denn er bezeichnet diese Vereinigung. Darauf beruht auch, daß allen Teilen des Wortes eine Ehe des Guten und Wahren zu­grunde liegt. Dazu vergleiche man „Die Lehre des Neuen Jeru­salems von der Heiligen Schrift“ (# 80 90). Die Ehe des Guten und Wahren entspringt aus der Ehe des Herrn mit der Kirche, und diese wiederum aus der Ehe der Liebe und Weisheit im Herrn; denn das Gute gehört der Liebe und das Wahre der Weisheit an. Das alles zeigt, daß es das beständige Ziel der göttlichen Vorsehung ist, beim Menschen das Gute mit dem Wahren und das Wahre mit dem Guten zu vereinen, weil so der Mensch mit dem Herrn vereint wird.

*22. Viele haben diese Ehe zerrissen und zerreißen sie noch, vor allem dadurch, daß sie den Glauben von der tätigen Liebe trennen. Der Glaube gehört ja doch dem Wahren und das Wahre dem Glauben an, ebenso wie die tätige Liebe dem Guten und das Gute der tätigen Liebe. Dadurch verbinden diese Menschen bei sich das Böse und Falsche und werden so zum Gegenpol. Der Herr aber sorgt mithilfe des Gleichge­wichts, der Beziehung und Reinigung dafür, daß solche Men­schen dennoch zur Verbindung des Guten und Wahren bei an­deren dienen.

*23. Der Herr sorgt für die Verbindung des Guten und Wahren bei anderen durch das Gleichgewicht zwischen Him­mel und Hölle. Aus der Hölle dünstet nämlich fortwährend Böses zugleich mit Falschem aus, während der Himmel unaus­gesetzt Gutes und Wahres aushaucht. Jeder Mensch wird in die­sem Gleichgewicht erhalten, solange er in der Welt lebt, und durch das Gleichgewicht in der Freiheit des Denkens, Wollens, Redens und Handelns, in der er umgebildet werden kann. Über dieses geistige Gleichgewicht, aufgrund dessen der Mensch Freiheit hat, lese man nach im Werk „Himmel und Hölle“ (# 589 596 und 597 603).

*24. Der Herr trägt Sorge für die Verbindung des Guten und Wahren durch die Beziehung. Das Gute wird nämlich in seiner Beschaffenheit nur erkannt durch die Beziehung zum weniger Guten und durch den Gegensatz zum Bösen. Alle Wahrnehmung und Empfindung beruht darauf, wie auch des­sen Qualität. Denn alles, was angenehm ist, wird doch wahr­genommen und empfunden aus dem Gegensatz zu dem, was weniger angenehm und unangenehm ist, alles, was schön ist, aus dem, was weniger schön oder unschön ist, ebenso alles Gute der Liebe aus dem weniger Guten und Bösen, und alles Wahre der Weisheit aus dem weniger Wahren und Falschen. In jeder Angelegenheit muß es eine Mannigfaltigkeit geben von ihrem Größten bis zum Kleinsten, und ist das auch in ihrem Gegenpol der Fall, ergibt sich so ein Gleichgewicht. Es entsteht entsprechend den Graden beiderseits ein Verhältnis zueinan­der, und Wahrnehmen und Empfinden der Sache wird stärker oder schwächer. Doch muß man wissen, daß durch Ge­gensätzlichkeit Wahrnehmungen und Empfindungen entweder aufgehoben oder verstärkt werden. Vermischen sich die Ge­gensätze, heben sie sich auf. Deshalb trennt der Herr das Gute und das Böse sorgfältig, damit sie sich beim Menschen nicht vermischen, wie er auch Himmel und Hölle getrennt hält.

*25. Bei anderen Menschen trägt der Herr auch Sorge für die Verbindung des Guten und Wahren durch die Reinigung, die auf zwei Arten geschieht, einmal durch Versuchungen, zum anderen durch Gärungsprozesse (fermentationes). Geistige Versuchungen sind nichts anderes als Kämpfe gegen Böses und Falsches, das aus der Hölle aufsteigt und reizt. Durch sie wird der Mensch von Bösem und Falschem gereinigt und das Gute bei ihm mit dem Wahren und das Wahre mit dem Guten verbunden. Geistige Gärungsprozesse vollziehen sich auf verschiedene Weise, und zwar sowohl im Himmel wie auf Erden. Doch in der Welt weiß man nicht, was sie sind und wie sie geschehen. Böses und Falsches, wenn es in menschlichen Gesellschaften zugelassen wird, wirkt nämlich ähnlich wie jene Fermente, die man dem Mehl oder Most beifügt und durch die das Fremdartige ausgeschieden, das Gleichartige aber verbun­den und rein und klar wird. Das ist auch unter den Worten der Herrn zu verstehen:

„Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig, den ein Weib nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis daß es ganz durchsäuert wurde.“ (Mat. 13/33; Luk. 13/21)

*26. Diese Nutzwirkungen sieht der Herr aus der Verbin­dung des Bösen und Falschen vor, die sich bei den Bewohnern der Hölle findet. Denn die Herrschaft des Herrn erstreckt sich nicht allein auf den Himmel, sondern auch auf die Hölle und ist ein Reich der Nutzwirkungen. Die Vorsehung des Herrn be­wirkt, daß es dort nichts und niemand gibt, von dem und durch das nicht etwas Nützliches geschieht.

*



Teil 2 - Das Ziel der göttlichen Vorsehung des Herrn ist ein Himmel aus dem Menschlichen Geschlecht.



*27. Der Himmel besteht nicht aus Engeln, die von Anbe­ginn an als solche erschaffen wurden, und die Hölle geht nicht auf einen Teufel zurück, der anfänglich als Engel des Lichts er­schaffen wurde und nachher aus dem Himmel herabgestürzt wurde. Vielmehr bestehen Himmel und Hölle aus dem menschlichen Geschlecht — der Himmel aus denen, die das Gute lieben und daher auch Einsicht in die Wahrheit haben, die Hölle aus denen, die das Böse lieben und darum das Falsche für wahr erkennen. Das ist mir durch langen Umgang mit En­geln und Geistern bekannt und zur Gewißheit geworden. Man vergleiche hierzu auch, was im Werk „Himmel und Hölle“ # 311 316, im kleinen Werk „Das Jüngste Gericht“ # 14 27 und in der „Fortsetzung vom Jüngsten Gericht und von der Geister­welt“ von Anfang bis Ende ausgeführt wurde.

Da nun der Himmel aus dem menschlichen Ge­schlecht besteht und ein Zusammenwohnen mit dem Herrn in Ewigkeit ist, so folgt, daß er für den Herrn das Ziel der Schöp­fung war und darum auch das Ziel seiner göttlichen Vorsehung. Der Herr hat das Universum nicht um seinet-, sondern um der Wesen willen erschaffen, mit denen er im Himmel zusammen­sein möchte. Das Wesen der geistigen Liebe besteht nämlich darin, daß sie den anderen das Ihrige schenken will. In dem Maße wie sie das vermag, ist sie in ihrem Sein, ihrem Frieden und ihrer Seligkeit. Sie entnimmt das der göttlichen Liebe des Herrn, die auf unendliche Weise so beschaffen ist. Daraus folgt, daß die göttliche Liebe, somit die göttliche Vorsehung, einen Himmel zum Ziel hat, der aus Menschen besteht, die zu Engeln geworden sind bzw. zu Engeln werden, denen sie alle Selig­keiten und Beglückungen, die der Liebe und Weisheit an­gehören, schenken kann, und zwar aus sich selbst in ihnen. Sie kann auch gar nicht anders, weil ja ihr eigenes Bild und ihre eigene Ähnlichkeit von der Schöpfung her in ihnen angelegt sind. Das Bild (imago) in ihnen ist die Weisheit, die Ähnlichkeit (similitudo) die Liebe, und der Herr in ihnen ist die mit der Weisheit vereinte Liebe und die mit der Liebe vereinte Weisheit oder — was aufs selbe hinausläuft — das mit dem Wahren ver­einte Gute und das mit dem Guten vereinte Wahre. Diese Ver­einigung wurde im vorigen Abschnitt behandelt.

Man weiß aber nicht, was der Himmel im allgemeinen, d.h. bei vielen und was er im besonderen, d.h. heim einzelnen Menschen ist, auch nicht, was er in der geistigen und was er in der natürlichen Welt ist. Weil in ihm aber das Ziel der göttlichen Vorsehung besteht und darum viel daran liegt, es zu wissen, will ich es in dieser Reihenfolge einigermaßen erklären:

Der Himmel ist eine Verbindung mit dem Herrn.

*28. Nicht die Engel bilden den Himmel, sondern der Herr. Denn Liebe und Weisheit, in denen die Engel sind und die den Himmel ausmachen, stammen nicht von ihnen, sondern vom Herrn, ja sind der Herr in ihnen. Und weil Liebe und Weisheit des Herrn sind und er darin ist, Liebe und Weisheit aber das Leben der Engel ausmacht, so ist offensichtlich, daß ihr Leben dem Herrn angehört, ja der Herr ist. Die Engel bekennen selbst, daß sie allein aus dem Herrn leben. Damit ist klar, daß der Himmel eine Verbindung mit dem Herrn ist. Da es aber ver­schiedene Arten der Verbindung mit dem Herrn gibt und der Himmel beim einen nicht der gleiche ist wie beim anderen, so ist auch klar, daß der Himmel sich je nach der Art der Verbin­dung mit dem Herrn gestaltet. Man wird im folgenden Ab­schnitt sehen, daß darum die Verbindung mehr oder weniger eng oder entfernt ist.

Hier soll einiges über diese Verbindung gesagt werden, nämlich wie sie entsteht und von welcher Art sie ist. Sie ist eine wechselseitige, vom Herrn zu den Engeln und von diesen zum Herrn. Der Herr wirkt ein in die Lebensliebe der Engel, und diese nehmen den Herrn in Weisheit auf, durch die sie sich ihrerseits mit dem Herrn verbinden. Man muß aber wissen, daß es den Engeln zwar scheint, als ob sie sich durch ihre Weisheit mit dem Herrn verbänden, in Wirklichkeit ist es jedoch der Herr, der sie durch die Weisheit mit sich verbindet, ist doch ihre Weisheit ebenfalls von ihm. Dasselbe gilt, wenn man sagt, der Herr verbinde sich mit den Engeln durch das Gute, während sich wiederum die Engel mit dem Herrn durch das Wahre verbinden; denn alles Gute gehört der Liebe und alles Wahre der Weisheit an.

Diese gegenseitige Verbindung ist aber ein Geheim­nis, das wenige verstehen, wenn es nicht erklärt wird. Darum will ich es soweit als möglich auf faßliche Weise enthüllen. In dem Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ ist in # 404 und 405 gezeigt worden, auf welche Weise sich die Liebe mit der Weisheit verbindet, nämlich durch die Wißbegier (affektiv sciendi), aus der die Liebe zum Wahren (affektiv veri) hervor­geht, durch das Verlangen nach Erkenntnis (affectio intelli­gendi), der die Wahrnehmung des Wahren entspringt, sowie durch ein Verlangen, geistig zu schauen, was man weiß und erkennt, dem das Denken entspringt. In alle diese Neigungen wirkt der Herr ein, da sie Ableitungen aus der Lebensliebe eines jeden Menschen sind, und die Engel nehmen diesen Ein­fluß auf in ihrem Innewerden des Wahren und im Denken. Im Denken wird ihnen dieses Einfließen bewußt, nicht in den Neigungen.

Da nun den Engeln ihre Wahrnehmungen und Ge­danken so erscheinen, als ob sie ihnen selbst angehörten, während sie doch aus den Neigungen hervorgehen, die sie vom Herrn haben, so entsteht der Anschein, als ob sich die Engel ihrerseits mit dem Herrn verbänden, während doch in Wirklichkeit der Herr sie mit sich verbindet. Denn die Neigung bringt die Wahrnehmungen und Gedanken hervor. Diese Nei­gung nämlich, die zur Liebe gehört, ist die Seele derselben. Niemand kann irgendetwas wahrnehmen oder denken ohne eine entsprechende Neigung, und jeder Mensch nimmt seiner Neigung gemäß wahr und denkt. Damit ist deutlich, daß die wechselseitige Verbindung der Engel mit dem Herrn nicht aus ihnen, sondern nur wie aus ihnen hervorgeht. Dasselbe gilt auch für die Verbindung des Herrn mit der Kirche und der Kir­che mit dem Herrn, himmlische und geistige Ehe genannt.

*29. In der geistigen Welt kommt alle Verbindung durch Hinwendung (inspectio, eigtl. Hinschauen) zustande. Wenn dort einer an den anderen denkt, weil er mit ihm sprechen möchte, wird der andere sogleich gegenwärtig, und beide sehen einander von Aug zu Auge. Ähnliches geschieht, wenn einer aus einer Neigung der Liebe an den anderen denkt, nur entsteht durch diese Neigung eine Verbindung, durch die an­dere bloß Gegenwart. Das ist eine Eigentümlichkeit der geisti­gen Welt, weil dort alle Wesen geistig sind. In der natürlichen Welt ist es anders, weil dort alle materiell sind. Und doch ge­schieht ähnliches auch in der natürlichen Welt bei den Men­schen in ihren geistigen Neigungen und Gedanken. Weil aber die natürliche Welt räumlich ist, während in der geistigen Welt Räume nur etwas Scheinbares (apparentiae) sind, darum ge­schieht in der geistigen Welt wirklich, was in den Gedanken jedes Geistwesens vor sich geht.

Das wurde dargelegt, damit man wisse, wie die Ver­bindung des Herrn mit den Engeln geschieht und die scheinbar wechselseitige der Engel mit dem Herrn. Alle Engel wenden nämlich ihr Antlitz dem Herrn zu, und dieser blickt ihnen auf die Stirn (aspicit illos in fronte). Die Engel hingegen erblicken den Herrn durch die Augen (aspiciunt Dominum oculis). Der Grund liegt darin, daß die Stirn der Liebe und ihren Neigungen entspricht, das Auge aber der Weisheit und ihren Wahrneh­mungen. Die Engel wenden jedoch ihr Antlitz nicht von sich aus dem Herrn zu, vielmehr wendet der Herr sie sich zu, und zwar dadurch, daß er in ihre Lebensliebe einfließt und auf diese Weise in ihre Wahrnehmungen und Gedanken eingeht.

Ein solcher Kreis der Liebe zu den Gedanken und von den Gedanken zur Liebe durch die Liebe findet sich in allen Teilen des menschlichen Gemüts, man kann sie auch als den Lebenskreis (circulus vitae) bezeichnen. In dem Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ findet sich einiges darüber, u.a. folgendes: Die Engel wenden ihr Antlitz ständig dem Herrn als der geistigen Sonne zu (# 129 134); alle Geistwesen, welcher Art sie auch seien, wenden sich auf ähnliche Weise ihrer herr­schenden Liebe zu (# 140 145); die Liebe verbindet sich mit der Weisheit und bewirkt, daß die Weisheit ihrerseits mit ihr ver­bunden wird (# 410 412); die Engel sind im Herrn und der Herr in ihnen, aber weil die Engel nur die Aufnehmenden sind, ist der Herr allein der Himmel (# 113 118).

*30. In der natürlichen Welt wird die Kirche der Himmel des Herrn genannt, und der Mensch der Kirche, wenn verbun­den mit dem Herrn, ist der Engel dieses Himmels. Nach seinem Abscheiden von der Welt wird ein solcher Mensch auch ein Engel des geistigen Himmels. Daraus geht hervor, daß von der Kirche, dem menschlichen Himmel, ähnliches gilt wie vom En­gelhimmel. Jene wechselseitige Verbindung mit dem Herrn, die beim Menschen den Himmel bildet, wurde vom Herrn bei Jo­hannes mit den Worten offenbart:

„Bleibt in mir, und ich in euch; wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viele Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh. 15/4, 5, 7)

*31. Man sieht daraus, daß der Herr der Himmel ist, und zwar nicht nur im allgemeinen, sondern auch bei jedem ein­zelnen Himmelsbewohner im besonderen. Jeder Engel ist näm­lich ein Himmel in kleinster Form. Aus ebenso vielen Himmeln wie Engeln besteht der Himmel im allgemeinen. Man lese dazu # 51 58 im Werk „Himmel und Hölle“. so möge denn keiner bei sich den Irrtum nähren, der vielen zuerst in den Sinn kommt, der Herr halte sich im Himmel unter den Engeln auf oder sei bei ihnen wie ein König auf Erden in seinem Reich; vielmehr ist er über ihnen, was den Anblick betrifft, und in der dortigen Sonne, was ihr Leben der Liebe und Weisheit betrifft, in ihnen.

Der Mensch ist von der Schöpfung her so be­schaffen, daß er immer enger mit dem Herrn verbunden werden kann.

*32. Das wird deutlicher im dritten Teil des Werkes „Die göttliche Liebe und Weisheit“ über die verschiedenen Grade, vor allem aus folgendem: Es gibt drei gesonderte oder Höhengrade von der Schöpfung her in den Menschen (# 230­-235). Diese drei Grade sind in jedem Menschen von Geburt an, und in dem Maße, wie sie aufgeschlossen werden, ist der Mensch im Herrn und der Herr in ihm (# 236 241). Alle Voll­kommenheiten wachsen und steigen auf mit und entsprechend den Graden (# 199 204). Daraus geht hervor, daß der Mensch von der Schöpfung her so beschaffen ist, daß er durch die Grade hindurch immer enger mit dem Herrn verbunden wer­den kann.

Vor allem muß man zuerst einmal wissen, was die Grade sind, und daß es zwei verschiedene Arten von Graden gibt, nämlich gesonderte oder Höhengrade und fortlaufende oder Breitengrade, und worin der Unterschied besteht. Ferner muß man wissen, daß jeder Mensch von der Schöpfung, also von Geburt an drei gesonderte oder Höhengrade in sich hat, und wenn er geboren wird, in den ersten, den natürlichen Grad eintritt. In diesem Grad kann er fortgesetzt wachsen, bis er ver­nünftig wird. In den zweiten, den geistigen Grad kommt er, wenn er nach den geistigen Ordnungsgesetzen lebt, die iden­tisch sind mit den göttlichen Wahrheiten. In den dritten, den himmlischen Grad kann er auch gelangen, wenn er nach den himmlischen Ordnungsgesetzen lebt, die das Göttlich Gute sind.

Diese Grade schließt der Herr beim Menschen gemäß dessen Leben in der irdischen Welt wirklich auf, aber das wird wahrnehmbar und fühlbar erst nach dem Abschei­den des Menschen aus dieser Welt. Und soweit sie aufgeschlos­sen und dann vervollkommnet werden, wird der Mensch immer enger mit dem Herrn verbunden. Die Verbindung kann durch Annäherung in Ewigkeit wachsen, und das geschieht auch bei den Engeln. Dennoch kann kein Engel auch nur bis zum ersten Grad der Liebe und Weisheit des Herrn gelangen oder ihn erreichen, weil der Herr unendlich, der Engel hin­gegen endlich ist. Zwischen dem Unendlichen und dem End­lichen gibt es keinen Vergleich (ratio). Da niemand ohne Kenntnis dieser verschiedenen Grade den Zustand des Menschen und seiner Erhebung und Annäherung an den Herrn erkennen kann, ist im Werk „Die göttliche Liebe und Weis­heit“ von # 173 281 ausführlich davon die Rede gewesen, was man nachlesen möge.

*33. Nun soll in Kürze gesagt werden, wie der Mensch enger mit dem Herrn verbunden werden kann, und wie diese Verbindung mehr und mehr in Erscheinung tritt. Also: Wie wird der Mensch enger und enger mit dem Herrn ver­bunden? Es geschieht nicht allein durch das Wissen oder die Einsicht, auch nicht allein durch die Weisheit, sondern nur durch ein damit übereinstimmendes Leben. Das Leben des Menschen ist seine Liebe, und die Liebe ist vielfältig. Ganz all­gemein gesprochen gibt es eine Liebe zum Bösen und eine zum Guten. Erstere ist die Liebe, Ehebruch zu begehen, sich zu rächen, zu betrügen, zu lästern und andere ihrer Güter zu be­rauben. Am Denken und Tun solcher Dinge hat die Liebe zum Bösen ihre Wonne und Lust. Die Ableitungen bzw. Neigungen dieser Liebe sind ebenso zahlreich wie das Böse selbst, wozu sie sich entschlossen hat, und Empfindungen (perceptiones) und Gedanken dieser Liebe sind so zahlreich wie das Falsche, das dieses Böse begünstigt und rechtfertigt. Dieses Falsche ver­bindet sich mit dem Bösen zur Einheit, ebenso wie sich Ver­stand und Wille zur Einheit verbinden. Sie trennen sich nicht voneinander, weil eins zum anderen gehört.

Da nun, wie oben gesagt wurde, der Herr in die Le­bensliebe eines jeden Menschen einfließt und mittels deren Neigungen auch in die Wahrnehmungen und Gedanken, aber nicht umgekehrt, so folgt, daß er sich nicht enger mit ihm ver­binden kann als seine Liebe zum Bösen samt ihren Neigungen — und diese sind Begierden — entfernt ist. Diese haben ihren Sitz im natürlichen Menschen, und der Mensch hat bei allem, was er als natürlicher Mensch tut, die Empfindung, es aus sich zu tun. Deshalb muß er auch das Böse jener Liebe wie aus sich entfernen, und in dem Maße, wie er das tut, kommt ihm auch der Herr näher und verbindet sich mit ihm. Jeder kann so mit seiner Vernunft erkennen, daß die Begierden mit ihren Lüsten die Türen vor dem Herrn versperren und verriegeln, und daß der Herr die Begierden nicht austreiben kann, solange der Mensch selbst die Türen verschlossen hält und von außen her [d.h. aus seinem natürlichen Menschen] verhindert, daß sie geöffnet werden. Aus den Worten des Herrn in der Apokalypse geht hervor, daß der Mensch selbst die Türe öffnen muß:

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, so gehe ich zu ihm ein und halte das Abendmahl mit ihm, und er mit mir.“ (3/20)

Daraus wird klar: Soweit jemand das Böse als teuflisch und als Hindernis für den Eingang des Herrn flieht, wird er immer enger mit dem Herrn verbunden, am engsten der Mensch, der jene bösen Begierden als schwarze und feurige Teufel verabscheut. Denn das Böse und der Teufel sind eins, ebenso wie das Falsche des Bösen und der Satan. Gerade so wie der Herr in die Liebe zum Guten und ihre Neigungen und durch sie in die Wahrnehmungen und Gedanken einfließt — die samt und sonders vom Guten her, in dem der Mensch ist, die Wahrheit im Gefolge haben — fließt auch der Teufel, d.h. die Hölle, in die Liebe zum Bösen und ihre Neigungen, d.h. Be­gierden ein, und durch diese in die Wahrnehmungen und Ge­danken, die sämtlich vom Bösen her, in dem der Mensch ist, das Falsche im Gefolge haben.

Auf welche Weise zeigt sich, wenn jene Verbin­dung immer enger wird? Je mehr das Böse im natürlichen Menschen dadurch entfernt wurde, daß er davor flieht und es verabscheut, desto enger wird der Mensch mit dem Herrn ver­bunden. Und weil Liebe und Weisheit, die letztlich der Herr selbst sind, nichts Räumliches an sich haben — die zur Liebe gehörenden Neigungen und das zur Weisheit gehörende Den­ken haben ja nichts mit dem Raum zu tun —, so erscheint der Herr näher je nach der Verbindung von Liebe und Weisheit, umgekehrt aber entfernter so weit wie der Mensch Liebe und Weisheit verwirft. In der geistigen Welt gibt es keinen Raum, vielmehr sind dort Entfernung und Gegenwart Scheinbarkeiten (apparentiae), die von der Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit der Neigungen herrühren. Denn, wie gesagt, die zur Liebe gehörenden Neigungen und die zur Weisheit gehörenden Ge­danken sind geistig und nicht räumlich. Man lese darüber nach, was im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ # 7 10 und 69-­72 und anderwärts ausgeführt wurde.

Die Verbindung des Herrn mit dem Menschen, dessen Böses entfernt wurde, wird bezeichnet durch folgende Worte des Herrn:

„Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“ (Mat. 5/8)

und:

"Wer meine Gebote hat und hält ... bei dem werden wir Wohnung machen." (Joh. 14/21, 23)

„Die Gebote haben“, heißt wissen, „die Gebote tun“ heißt lieben, wird doch ausdrücklich gesagt: „Wer meine Gebote tut, der ist es, der mich liebt.“

Je inniger sich der Mensch mit dem Herrn ver­bindet, desto weiser wird er.

*34. Oben in # 32 war gerade die Rede davon, daß sich beim Menschen von der Schöpfung her, also von Geburt an drei Lebensgrade finden; so sind vor allem drei Grade der Weisheit bei ihm. Diese Grade sind es, die sich beim Menschen entsprechend der Verbindung mit dem Herrn erschließen, und zwar entsprechend seiner Liebe, denn diese ist eben die Verbindung. Aber der Mensch nimmt das Empor­steigen der Liebe nach den Graden nur dunkel wahr, das Em­porsteigen der Weisheit hingegen deutlich, vorausgesetzt, er weiß und sieht, was Weisheit ist. Der Grund, weshalb die Grade der Weisheit wahrgenommen werden, beruht darauf, daß die Liebe durch die Neigungen meist unbewußt in die Wahrnehmungen und Gedanken eindringt, letztere sich je­doch der inneren Anschauung des Gemüts darstellen und der äußeren Anschauung des Körpers entsprechen. Darum kommt die Weisheit zur Erscheinung, die Neigung der Liebe aber, die die Weisheit erzeugt, nicht im gleichen Maß. Es ist damit ähn­lich wie mit allem, was tatsächlich vom Menschen geschieht: Man bemerkt zwar, wie der Körper, nicht aber wie die Seele dabei wirkt. So wird auch wahrgenommen, wie der Mensch nachsinnt, wahrnimmt und denkt, nicht aber, wie die Seele diese Gedanken durch Neigung zum Guten und Wahren her­vorbringt.

Nun gibt es drei Grade der Weisheit, einen natürli­chen, einen geistigen und einen himmlischen. Im natürlichen Grad der Weisheit ist der Mensch, solange er in der Welt lebt. Dieser Grad kann bei ihm hier bis zur höchsten Vollkommen­heit gelangen, ohne jedoch in den geistigen Grad eindringen zu können. Der geistige Grad schließt sich nämlich nicht in kontinuierlicher Weise an den natürlichen an, sondern wird nur durch Entsprechungen mit ihm verbunden. In den geisti­gen Grad tritt der Mensch erst mit seinem Tode ein, und auch dieser Grad kann bis zur höchsten Vollkommenheit gelangen, ohne jedoch in den himmlischen eindringen zu können, da sich auch dieser Grad nicht in kontinuierlicher Weise an den geistigen anschließt, sondern nur durch Entsprechungen mit ihm verbunden wird. Hieraus läßt sich ersehen, daß die Weis­heit in dreifacher Beziehung erhoben, auf jedem Grad aber in einfacher Beziehung bis zu dessen höchster Vollkommenheit gebracht werden kann.

Wer die Erhöhungen und Vervollkommnungen dieser Grade begriffen hat, kann einigermaßen verstehen, was von der Weisheit der Engel gesagt wurde, nämlich daß sie unaus­sprechlich sei. Und das ist sie in der Tat so sehr, daß tausend Ideen eines Gedankens, den die Engel aufgrund ihrer Weisheit hegen, sich in einem Gedanken menschlicher Weisheit nur in einer einzigen Idee darstellen können. Von den tausend Ideen, die im Gedanken eines Engels liegen, können 999 nicht beim Menschen Eingang finden, weil diese Ideen übernatürlich sind. Aufgrund lebendiger Erfahrung durfte ich öfter erkennen, daß dem wirklich so ist. Doch wie bereits gesagt, kann niemand in jene unaussprechliche Weisheit der Engel eindringen, außer durch Verbindung mit dem Herrn, und dieser gemäß. Denn al­lein der Herr erschließt den geistigen und himmlischen Grad, und auch nur bei denen, die weise aus Ihm sind. Und weise aus dem Herrn sind die Menschen, die den Teufel, d.h. das Böse, aus sich ausstoßen.

*35. Es glaube aber niemand, jemand besitze Weisheit, weil er vieles weiß und einigermaßen versteht und verständig darüber reden kann, es sei denn, sein Wissen sei mit der Liebe verbunden. Denn nur die Liebe bringt mittels ihrer Neigungen Weisheit hervor. Ist Wissen nicht mit Liebe verbunden, gleicht es einem Meteor in der Luft oder einer Sternschnuppe, die ver­schwindet. Die mit der Liebe verbundene Weisheit hingegen ist wie das bleibende Licht der Sonne und wie ein Fixstern. Liebe zur Weisheit hat ein Mensch, soweit er die teuflische Rotte, d.h. die Begierden des Bösen und Falschen verabscheut.

*36. Die Weisheit, die zur Wahrnehmung gelangt, ist das Innewerden des Wahren aus der Neigung zum Wahren, vor allem das Innewerden des Geistig Wahren. Man hat zu unter­scheiden zwischen Bürgerlich Wahrem, Sittlich Wahrem und Geistig Wahrem. Wer aus einer entsprechenden Neigung das Geistig Wahre innewird, hat zugleich auch ein Innewerden des Moralisch  und des Bürgerlich Wahren, ist doch die Nei­gung zum Geistig Wahren deren Seele. Ich sprach zuweilen mit Engeln über die Weisheit und hörte von ihnen, die Weis­heit sei eine Verbindung mit dem Herrn, weil dieser die Weis­heit selbst ist, und zu dieser Verbindung gelange er, soweit er die Hölle von sich ausstoße. Die Engel erklärten, sie stellten sich die Weisheit als einen prächtig geschmückten Palast vor, zu dem man auf zwölf Stufen emporsteigt, wobei jedoch nie­mand auch nur zur ersten Stufe gelange, wenn nicht vom Herrn durch die Verbindung mit ihm und nach dem Maß die­ser Verbindung. Je wie er emporsteige, erkenne der Betref­fende auch, daß niemand von sich, sondern nur vom Herrn aus weise ist. Ferner erkenne er, daß alles, was er weiß, nicht mehr ist als einige Tropfen im Verhältnis zu einem großen See. Die zwölf Stufen zum Palast der Weisheit bezeichnen das mit dem Wahren verbundene Gute und die mit dem Guten ver­bundenen Wahrheiten.

Je inniger sich der Mensch mit dem Herrn ver­bindet, desto glücklicher wird er.

*37. Was oben # 32 34 von den Graden des Lebens und der Weisheit nach der Verbindung mit dem Herrn dargelegt wurde, gilt ähnlich auch von den Graden der Glückseligkeit. Die Glückseligkeiten und Wonnen steigern sich so weit, wie sich beim Menschen die oberen Gemütsgrade, der geistige und himmlische, aufschließen. Nach Beendigung seines irdischen Lebens wachsen jene Grade, sofern sie er­schlossen sind, bis in alle Ewigkeit.

*38. Kein Mensch, der den Lüsten der Begierden zum Bösen verfallen ist, kann etwas von den Lustreizen der Neigun­gen zum Guten wissen, die im Himmel der Engel herrschen, denn die beiden Arten des Lustreizes sind innerlich einander völlig entgegengesetzt, also auch im Inwendigen des Äußeren. Auf der Oberfläche unterscheiden sie sich freilich nur wenig. Jede Liebe hat nämlich ihr Lustgefühl, auch die zum Bösen. Das gilt für Menschen, die ihren Begierden verfallen sind, beispiels­weise der Liebe zum Ehebruch, zur Rache, zu Betrug, Diebstahl und zur Grausamkeit. Bei den Ärgsten besteht die Liebe, das Heilige der Kirche zu lästern und giftige Reden gegen Gott zu führen. Die Quelle jener Lustgefühle ist die auf der Selbstliebe basierende Herrschsucht; sie entstehen aus den Begierden, die das Innere des Gemüts beherrschen. Von da strömen sie hinab in den Körper und fachen Unreines an, das die Nerven kitzelt. So entsteht aus der Lust des Gemüts entsprechend den Begier­den die angenehme Erregung des Körpers.

Jedem Menschen wird nach seinem Tode in der gei­stigen Welt zu erkennen gegeben, wie und welcher Art das Un­reine ist, das die Nerven des Körpers kitzelt. Im allgemeinen bezieht es sich auf Aas, Exkremente, Dünger, stinkende und urinartige Dinge; solcher Schmutz füllt ihre Hölle. Es handelt sich um Entsprechungen, worüber man mehr findet im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ # 422 424. Diese scheußli­chen Lustgefühle verwandeln sich jedoch in schreckliche Grau­samkeiten. Weil alles aus seinem Gegensatz heraus erkannt wird, wurden diese Dinge angeführt, denn nur so versteht man, wie und welcher Art die Glückseligkeit des Himmels ist.

*39. Die Seligkeiten, Wonnen, Lustgefühle und Annehm­lichkeiten, kurz: die Glückseligkeiten des Himmels lassen sich nicht mit Worten beschreiben, wohl aber im Himmel sinnlich erfahren (Sense percipi). Denn was nur sinnlich erfahren wer­den kann, läßt sich nicht beschreiben, weil es nicht in gedank­liche Vorstellungen fällt, folglich auch nicht in Worte zu fassen ist. Allein der Verstand sieht nämlich, und zwar das, was zur Weisheit oder zum Wahren gehört; was der Liebe oder dem Guten eignet, sieht er hingegen nicht. Deshalb sind die besag­ten Glückseligkeiten unaussprechlich, steigen aber dennoch im selben Grad wie die Weisheit empor. Ihre Variationen sind un­endlich, und eine jede ist unaussprechlich. Ich habe es gehört und empfunden.

Diese Glückseligkeiten dringen aber in den Menschen ein, je wie er die Begierden der Liebe zum Bösen und Falschen wie aus sich, aber dennoch aus dem Herrn, entfernt. Denn wie gesagt, diese Glückseligkeiten gehören zu den Neigungen des Guten und Wahren, die den Begierden der Bösen und Falschen entgegengesetzt sind. Die Glückseligkeiten aus den Neigungen zum Guten und Wahren haben ihren Anfang im Herrn, also im Innersten. Von dort aus verbreiten sie sich ins Untere, bis hin zum Letzten, erfüllen so den Engel und bewirken, daß er gleichsam ganz und gar Wonne wird. Diese Glückseligkeiten sind mit unendlichen Variationen in jeder Neigung zum Guten und Wahren, vor allem in der Liebe zur Weisheit.

*40. Die Lustgefühle der Begierden zum Bösen lassen sich nicht mit den Neigungen zum Guten vergleichen, weil inwen­dig in ihnen der Teufel, inwendig in den Neigungen zum Guten hingegen der Herr ist. Wenn ein Vergleich gemacht wer­den soll, dann sind die Lustreize der Begierden zum Bösen wie die geilen Lustreize der Frösche in den Teichen oder wie die der Schlangen in den Sümpfen. Die Lustreize der Neigungen zum Guten dagegen sind wie die Wonnen, die das Gemüt in Gärten und Blumenauen empfindet. Ähnlich wie das, was Frö­sche und Schlangen anregt, regt nämlich in der Hölle an, was von Begierden zum Bösen erfüllt ist, und wieder ähnliches, was die Gefühle in Gärten und Blumenauen anregt, regt in den Himmeln jene an, die Neigungen zum Guten hegen. Oben wurde bereits gesagt, die Bösen regt das entsprechende Un­reine, die Guten das entsprechende Reine an.

*41. Damit steht fest: Je inniger sich ein Mensch mit dem Herrn verbindet, desto glückseliger wird er. Aber in der Welt zeigt sich das selten, weil der Mensch hier in einem natürli­chen Zustand lebt und das Natürliche nicht in stetig fortlau­fender Weise mit dem Geistigen in Gemeinschaft steht, son­dern durch Entsprechungen. Darum wird diese Gemeinschaft nur durch eine gewisse Seelenruhe und einen Seelenfrieden empfunden, wie er besonders nach Kämpfen gegen das Böse eintritt. Legt aber der Mensch nach dem Verlassen der Welt sei­nen natürlichen Zustand ab und gelangt in den geistigen Zu­stand, so manifestiert sich nach und nach die oben beschrie­bene Glückseligkeit.

Je inniger sich der Mensch dem Herrn ver­bindet, desto bestimmter hat er den Eindruck, als ob er sich selbst angehöre, desto klarer erkennt er aber auch, daß er in Wirklichkeit dem Herrn angehört.

*42. Es scheint, daß der Mensch umso weniger sich selbst angehöre, je enger er mit dem Herrn verbunden ist. Das meinen jedenfalls alle Bösen wie auch jene, deren religiöse Meinung ist, sie stünden nicht mehr unter dem Joch des Gesetzes, und niemand könne Gutes aus sich (a se) tun. Die einen wie die anderen können sich nichts anderes vorstellen, als daß „das Böse nicht denken und wollen zu dürfen, sondern nur das Gute“ gleichbedeutend damit sei, sich nicht selbst anzugehören. Und weil Menschen, die mit dem Herrn verbunden sind, das Böse weder begehren noch in der Lage sind, das Böse zu denken und zu wollen, zie­hen die anderen, weil es so aussieht, bei sich den Schluß, dies heiße, sich nicht selbst angehören, während doch das Gegen­teil der Fall ist.

*43. Es gibt eine höllische und eine himmlische Freiheit. Der Ersteren entspringt Denken und Wollen und — soweit die bürgerlichen und sittlichen Gesetze es nicht verhindern — Tun und Aussprechen des Bösen. Aus der himmlischen Freiheit hingegen stammt Denken und Wollen und — soweit die Mög­lichkeit besteht — Reden und Tun des Guten. Was immer der Mensch in Freiheit will, denkt und tut, fühlt er als sein Eige­nes; denn jegliche Freiheit des Menschen hängt mit seiner Liebe zusammen. Wer in der Liebe zum Bösen lebt, empfindet daher die höllische Freiheit als eigentliche Freiheit. Anders, wer in der Liebe zum Guten ist, für ihn ist die himmlische Frei­heit die wahre Freiheit. Für beide ist der Gegensatz Sklaverei. Aber niemand kann leugnen, daß nur eins von beiden die wahre Freiheit sein kann. Auch läßt sich nicht leugnen, daß vom Guten geleitet werden, Freiheit, vom Bösen geleitet wer­den, Knechtschaft bedeutet. Denn Ersteres geschieht vom Herrn, Letzteres vom Teufel. Dem Menschen erscheint, wie gesagt, alles als Eigenes, was er in Freiheit tut, da es zu seiner Liebe gehört, und aus der eigenen Liebe handeln, heißt in Freiheit handeln. Daraus folgt: die Verbindung mit dem Herrn bewirkt, daß sich der Mensch als frei und sich selbst gehörend erscheint, und je enger diese Verbindung, desto freier und deutlicher (distinctius) sein eigen fühlt er sich, weil es zum Wesen der göttlichen Liebe gehört, zu wollen, daß das Ihrige dem anderen, also dem Menschen und Engel angehören möge. Das ist das Wesen aller geistigen Liebe, und ganz be­sonders der göttlichen. Dazu kommt, daß der Herr niemanden zwingt, weil alles, wozu jemand gezwungen wird, ihm nicht als sein eigen erscheint und darum nicht zu seiner Liebe wer­den, ihm also nicht als etwas zu ihm Gehörendes angeeignet werden kann. Deshalb leitet der Herr den Menschen bestän­dig in der Freiheit, und in Freiheit wird er auch umgebildet und wiedergeboren.

Hierüber in der Folge mehr. Einiges fin­det man schon oben in # 4.

*44. Der Grund, weshalb der Mensch umso deutlicher den Eindruck hat, er gehöre sich selbst an, je klarer er erkennt, daß er dem Herrn angehört, beruht darauf, daß er umso wei­ser wird, je enger er mit dem Herrn verbunden wird. Das wurde oben # 34 36 bereits gezeigt. Die Weisheit lehrt ihn das und läßt es ihn erkennen. Die Engel des dritten Himmels, die weisesten aller Engel, empfinden das auch und nennen eben dies ihre Freiheit; Knechtschaft nennen sie hingegen, von sich selbst geführt zu werden. Sie nennen auch den Grund, nämlich daß der Herr nicht unmittelbar einfliege in das, was zu ihrem Wahrnehmen und Denken aus der Weisheit gehört, sondern in ihre Neigungen der Liebe zum Guten und durch sie in jene. Den Einfluß in die Neigung, aus der ihre Weisheit entspringt, aber empfänden sie, und dann erscheine alles, was sie aus der Weisheit denken, als ob es von ihnen ausginge und ihr Eigenes sei. Hierdurch entstehe eine gegenseitige Verbindung zwischen dem Herrn und ihnen.

*45. Weil das Endziel der göttlichen Vorsehung des Herrn der Himmel aus dem menschlichen Geschlecht ist, so gehört zu diesem Endziel logischerweise auch die Verbindung des mensch­lichen Geschlechts mit demselben (vgl. # 28 31), ebenso die immer engere Verbindung des Menschen mit dem Herrn, weil jener dann den Himmel in sich hat (vgl. 32 33). Zum genannten Endziel der Vorsehung gehört auch, daß der Mensch durch seine Verbindung mit dem Herrn immer weiser werden soll (vgl. 37 41), weil der Himmel dem Menschen zuteil wird aus und gemäß der Weisheit, und durch sie auch die Glückseligkeit. Und endlich gehört zum Endziel der Vorsehung, daß der Mensch sich immer deutlicher so erscheinen möge, als ob er sich selbst angehöre und dabei dennoch immer klarer erkenne, daß er dem Herrn angehört (vgl. dazu # 42 44). Das alles zählt zu den Gegenständen der göttlichen Vorsehung des Herrn, weil es den Himmel ausmacht, der ihr Endziel ist.

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Teil 3 - Die göttliche Vorsehung des Herrn hat bei allem was sie tut, das Unendliche und Ewige im Auge.


*46. 1.) In der christlichen Welt weiß man, daß Gott der Un­endliche und Ewige ist, wird doch in der auf Athanasius zurück­geführten Trinitätslehre gesagt, Gott Vater sei der Unendliche, Ewige und Allmächtige, ebenso wie Gott Sohn und Gott Heili­ger Geist, und doch seien nicht drei Unendliche, Ewige und All­mächtige, sondern einer. Hieraus folgt, von Gott kann, weil er der Unendliche und Ewige ist, nichts anderes ausgesagt werden als Unendliches und Ewiges. Was das aber ist, kann von endli­chen Wesen nicht begriffen, und doch auch wieder begriffen werden. Es kann nicht begriffen werden, weil Endliches nicht empfänglich ist für das Unendliche; und es kann doch auch be­griffen werden, weil es abstrakte Vorstellungen gibt, die einem zeigen, daß gewisse Dinge existieren, wenn auch nicht ihre Be­schaffenheit. Derartige Vorstellungen gibt es auch vom Unend­lichen, wie z.B. daß Gott, weil er der Unendliche, bzw. daß das Göttliche, weil es das Unendliche ist, zugleich auch Sein, Wesen und Substanz selbst, Liebe und Weisheit, Gutes und Wahres selbst ist, somit daß Gott das aus sich selbst Bestehende ist, ja der eigentliche Mensch. Ebenso wenn es heißt, das Unendliche enthalte alles, gleichwie unendliche Weisheit Allwissenheit und unendliche Macht Allmacht sei.    

2.) Doch das bleibt menschlichem Denken dunkel und wird möglicherweise als unbegreiflich verneint, es sei denn, man nimmt Abstand von den Vorstellungen, die dem Denken von der Natur her eigentümlich sind: Raum und Zeit. Diese verendlichen zwangsläufig alle Vorstellungen und bewirken, daß abstrakte Ideen als unwirklich erscheinen. Wenn es aber gelingt, jenes raum­zeitliche Denken beim Menschen aufzuheben, wie das bei den En­geln geschieht, kann das Unendliche mithilfe dessen, was oben an­geführt wurde, begriffen werden — also auch, daß der Mensch darum ist, weil er vom unendlichen Gott geschaffen wurde, der das Ganze (Omne) ist. Ferner ist dann erklärlich, daß der Mensch eine endliche Substanz ist, weil er von dem unendlichen Gott er­schaffen wurde, der die Substanz selbst ist, und weiter, daß der Mensch Weisheit hat, weil der unendliche Gott, der ihn erschaffen hat, die Weisheit selbst ist, und so fort. Wäre der unendliche Gott nicht das Ganze, die Substanz und Weisheit selbst, dann hätte näm­lich der Mensch keine Realität, sondern wäre entweder ein Nichts oder nur die Idee von etwas, nach der Ansicht jener Schwärmer (visionarios), die man als Idealisten bezeichnet.

3.) Was im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ aus­geführt wurde, zeigt: das göttliche Wesen ist Liebe und Weis­heit (# 28 39); die göttliche Liebe und Weisheit ist die Substanz und Form selbst, sie ist das aus sich selbst Bestehende (Ipsum) und das Einzige (# 40 46). Gott hat das Universum mit allem, was dazu gehört, aus sich selbst und nicht aus dem Nichts er­schaffen (# 282 284). Daraus folgt, daß alles Geschaffene, und vor allem der Mensch und die Liebe und Weisheit in ihm, eine Realität (aliquid = etwas) sind und nicht bloß eine Vorstellung, daß sie etwas seien. Denn wäre Gott nicht der Unendliche, so gäbe es kein Endliches, und wenn das Unendliche nicht das Ganze wäre, so gäbe es überhaupt nichts. Hätte Gott nicht alles aus sich selbst erschaffen, so gäbe es nichts, also nur ein Nichts. Mit einem Wort: Wir sind, weil Gott ist.

*47. Was hier über die göttliche Vorsehung und insbeson­dere darüber ausgeführt wird, daß diese bei allem, was sie tut, das Unendliche und Ewige im Auge hat, kann nur in einer ge­wissen Ordnung deutlich gemacht werden, daher soll folgende Reihenfolge eingehalten werden:

Das Unendliche und Ewige in sich ist ein und dasselbe mit dem Göttlichen.

*48. Das kann aus dem bekannt sein, was an mehreren Stellen im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ gezeigt wurde. Das Unendliche und Ewige in sich als das Göttliche ist eine Vorstellung der Engel. Sie verstehen unter dem Unendlichen nichts anderes als das göttliche Sein und unter dem Ewigen das göttliche Dasein (Existere). Der Mensch aber kann die Tatsache, daß das Unendliche und Ewige in sich ist, schauen oder auch nicht. Geschaut werden kann es von denen, die vom Unendlichen keine räumlichen und vom Ewi­gen keine zeitlichen Vorstellungen hegen. Hingegen kann es niemand schauen, der über das Unendliche und Ewige räum­lich und zeitlich denkt. Anders ausgedrückt: es kann von denen geschaut werden, die in gehobener Weise, also mehr in­nerlich vernünftig denken, nicht aber von Menschen, die nied­riger, also äußerlicher denken. Wer es schauen kann, stellt sich vor, daß es kein räumlich Unendliches, folglich auch kein zeit­lich Unendliches geben kann, welches das Ewige und Unend­liche an sich wäre, hat doch das Unendliche weder Anfang noch Ende oder Begrenzungen, auch könne es kein Unendli­ches aus sich (a se) geben, weil dieses „aus sich“ eine Begren­zung und einen Anfang voraussetzt bzw. ein Früheres, von dem es stammt, folglich sei die Behauptung inhaltlos (vanum), das Unendliche und Ewige sei aus sich. Das wäre ebenso ein Widerspruch in sich, wie wenn man sagte, das Sein sei aus sich. Das Unendliche aus sich wäre somit ein Unendliches vom Unendlichen, und ein Sein von sich wäre ein Sein vom Sein. Ein solches Unendliches und Sein wäre dasselbe wie das End­liche, d.h. es wäre endlich. Hieraus und aus ähnlichem, das mit der inneren Vernunft geschaut werden kann, geht klar hervor: Es gibt ein Unendliches in sich und ein Ewiges in sich, und das eine wie das andere ist das Göttliche, aus dem alles hervorgeht.

*49. Ich weiß, daß sich manche sagen werden: Wie kann jemand innerlich in seiner Vernunft etwas begreifen, was ohne Raum und Zeit ist und nicht nur behaupten, daß es sei, son­dern auch, daß es das Ganze sei und das aus sich selbst Be­stehende, aus dem alles hervorgeht? Man denke aber nur tie­fer darüber nach, ob die Liebe oder irgendeine ihrer Neigun­gen, ob die Weisheit oder irgendeine ihrer Wahrnehmungen, ja ob das Denken in Raum und Zeit stattfinde, und man wird erkennen, daß das nicht der Fall ist. Wenn nun das Göttliche die Liebe und Weisheit selbst ist, so folgt daraus, daß es nicht in Raum und Zeit begriffen werden kann, und damit auch nicht das Unendliche. Will man das deutlicher erkennen, kann man weiter fragen, ob Gedanken in Zeit und Raum stattfinden. Gesetzt den Fall, ein Denkvorgang erstrecke sich über 10 oder 12 Stunden — könnte ein solcher Zeitraum nicht unter Um­ständen auch wie ein solcher von ein oder zwei Stunden oder auch ein oder zwei Tagen erscheinen? Die Länge richtet sich nach dem Zustand der Neigung, aus der die Gedanken her­vorgehen. Bei einer freudigen Neigung denkt man nicht an Zeit, und 10 oder 12 Stunden erscheinen einem kaum wie ein Gedankengang von ein oder zwei Stunden; umgekehrt, wenn die Neigung schmerzlich ist. Dann wird einem die Zeit be­wußt. Das zeigt deutlich: die Zeit ist nur etwas Scheinbares und richtet sich nach dem Zustand der Neigung, aus der das Denken hervorgeht. Ähnlich verhält es sich mit der Empfin­dung der räumlichen Entfernung, ob man nun spazierengeht oder sich auf Reisen befindet.

*50. Engel und Geister sind Liebesneigungen und daraus hervorgehende Gedanken. Darum befinden sie sich nicht in Zeit und Raum, sondern nur in deren Anschein. Der Anschein (apparentia) von Zeit und Raum verhält sich bei ihnen gemäß den Zuständen ihrer Neigungen und den daraus entstehenden Gedanken. Denkt daher einer von ihnen aus Neigung an einen anderen und möchte ihn sehen oder mit ihm reden, so stellt sich der Betreffende umgehend als gegenwärtig dar.

Darauf beruht auch, daß bei jedem Menschen Geister gegenwärtig sind, die die gleiche Meinung mit ihm teilen ­böse Geister beim Menschen, der die Neigung zu einem ähnli­chen Bösen hat, gute beim Menschen, der einem ähnlichen Guten zuneigt. Diese Geister sind auf eine Weise gegenwärtig, wie jemand, der zur selben Gesellschaft gehört. Raum und Zeit tragen deshalb nichts zur Gegenwart bei, weil Neigung und daraus hervorgehendes Denken nichts mit Raum und Zeit zu tun haben und Engel wie Geister Neigungen und von daher rührende Gedanken sind.

Das alles wurde mir aus der Erfahrung vieler Jahre zu wissen gegeben, namentlich auch dadurch, daß ich mit vielen nach ihrem Tode gesprochen habe, sowohl mit Menschen aus den verschiedenen europäischen Staaten als auch mit Men­schen aus verschiedenen Ländern Asiens und Afrikas, und sie alle waren nahe bei mir. Gäbe es für sie Raum und Zeit, hätte eine zeitraubende Reise dazwischen liegen müssen.

Im Grunde weiß das jeder Mensch aus dem, was von der Natur in ihm oder seinem Geist liegt. Mir wurde das da­durch zur Gewißheit, daß niemand an irgend einen räumlichen Abstand dachte, wenn ich erzählte, ich hätte mit einem in Asien, Afrika oder Europa Verstorbenen gesprochen, beispiels­weise mit Calvin, Luther, Melanchthon oder mit irgendeinem König, Statthalter oder Priester aus einem entfernten Lande. Dabei kam meinen Zuhörern nicht einmal der Gedanke: Wie konnte er nur mit ihnen reden bzw. wie konnten sie zu ihm kommen, da doch Länder und Meere dazwischen lagen? Auch daran wurde mir klar, daß bei allem, was mit der geistigen Welt zusammenhängt, niemand zeitlich und räumlich denkt. Im Werk „Himmel und Hölle“ (# 162 169; 191 199) kann man jedoch nachlesen, daß auch in der geistigen Welt der Anschein von Zeit und Raum be­steht.

*51. Aus alledem kann man ersehen, daß man sich das Unendliche und Ewige, also den Herrn, ohne Zeit und Raum zu denken hat und daß man es sich so auch vorstellen kann. Ferner, daß es von allen auch so gedacht wird, die sich aus einer inwendigeren Vernunft heraus darüber Gedanken ma­chen, und daß dann das Unendliche und Ewige eins ist mit dem Göttlichen. So also denken Engel und Geister. Durch ein von Zeit und Raum abgezogenes Denken begreift man die gött­liche Allgegenwart und Allmacht, sowie das Göttliche von Ewigkeit, aber durchaus nicht mit Gedanken, die der Vorstel­lung von Raum und Zeit verhaftet sind. Daraus ergibt sich, daß man sich zwar Gott von Ewigkeit denken kann, keineswegs aber eine Natur von Ewigkeit, und als weitere Konsequenz, daß man sich eine Schöpfung des Universums durch Gott, aber durchaus nicht aus der Natur vorstellen kann. Zu den Eigen­schaften der Natur gehören Zeit und Raum, das Göttliche ist ohne diese. Im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ ist in # 7 10, 69 72, 73 76 und an weiteren Stellen ausgeführt wor­den, daß das Göttliche ohne Raum und Zeit besteht.

Das Unendliche und Ewige in sich kann auf nichts anderes abzielen als auf das Unendliche und Ewige, das von ihm her im Endlichen ist.

*52. Unter dem Un­endlichen und Ewigen in sich ist das Göttliche selbst zu ver­stehen, wie im letzten Abschnitt gezeigt wurde, unter dem End­lichen alles von ihm Erschaffene, insbesondere die Menschen, Geister und Engel. „Abzielen auf das Unendliche und Ewige, das von ihm her im Endlichen ist“ heißt, auf das Göttliche im Erschaffenen blicken, etwa wie der Mensch sein Bild im Spie­gel betrachtet. Dafür finden sich manche Belege im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“, vor allem da, wo nachgewiesen wurde, daß im geschaffenen Universum ein Bild des Menschen und ein Bild des Unendlichen und Ewigen, also ein Bild des Schöpfers, d.h. des Herrn von Ewigkeit, zu finden ist (# 317­-318). Doch muß man wissen, daß das Göttliche in sich im Herrn ist, das Göttliche aus ihm (a se) aber das Göttliche vom Herrn in den geschaffenen Dingen.

*53. Um das besser verständlich zu machen, muß es be­leuchtet werden: Das Göttliche kann nach nichts anderem stre­ben als nach dem Göttlichen, und das kann es ausschließlich in dem von ihm Geschaffenen. Das zeigt sich auch daran, daß niemand anders als aus dem Seinigen in sich (ex suo in se) einen anderen betrachten kann. Wer den anderen liebt, be­trachtet ihn aus der ihm eigenen Liebe. Wer weise ist, betrach­tet den anderen aus seiner ihm eigenen Weisheit. Zwar kann er sehen, ob der andere ihn liebt oder nicht, ob der Betreffende weise ist oder nicht, aber er sieht dies aus der Liebe und Weis­heit in ihm selbst. Er verbindet sich daher soweit mit ihm, wie der andere ihn liebt und er den anderen liebt oder soweit der andere weise ist wie er selbst, denn so bilden sie eins.

Ebenso verhält es sich mit dem Göttlichen in sich, kann es doch nicht aus einem anderen, z.B. aus einem Men­schen, Geist und Engel, sich selbst anschauen. Diese haben ja nichts Göttliches in sich, und aus einem anderen, in dem nichts Göttliches ist, auf das Göttliche schauen, wäre gleichbedeu­tend damit, das Göttliche aus dem Nichtgöttlichen betrachten, was unmöglich ist. Daher kommt es, daß der Herr so mit Mensch, Geist und Engel verbunden ist, daß alles, was Bezug hat auf das Göttliche, nicht von ihnen, sondern vom Herrn ist. Denn, wie man weiß, stammt alles Gute und Wahre, das je­mand besitzt, nicht von ihm selbst, sondern vom Herrn, ja nie­mand kann auch nur den Herrn oder seinen Namen Jesus und Christus nennen, außer aus Ihm.

Die Folgerung daraus ist: Das Unendliche und Ewige, das ein und dasselbe ist mit dem Göttlichen, schaut alles auf unendliche Weise in den endlichen Wesen und verbindet sich mit ihnen, je nach dem Grade ihrer Aufnahme der Liebe und Weisheit. Mit einem Wort: Der Herr kann beim Menschen und Engel eine Wohnstätte nur in dem finden und darin wohnen, was in diesen das Seinige ist, nicht aber in ihrem Eigenen, da dieses böse ist. Und wäre es auch gut, so wäre es doch immer noch endlich und kann mithin das Unendliche nicht in sich und aus sich fassen. Das zeigt, daß der Endliche unmöglich den Unendlichen, wohl aber der Unendliche das Unendliche schauen kann, das aus ihm in dem Endlichen ist.

*54. Es scheint, als ob das Unendliche nicht mit dem End­lichen verbunden werden könne, weil zwischen dem Unendli­chen und dem Endlichen kein Verhältnis besteht und das End­liche das Unendliche nicht fassen kann. Und dennoch gibt es eine Verbindung zwischen ihnen: Einerseits weil der Unendli­che alles aus sich selbst erschaffen hat, wie im Werk „Die gött­liche Liebe und Weisheit“ (# 282 284) dargelegt wurde, und an­dererseits weil der Unendliche im Endlichen auf nichts anderes blicken kann als auf das, was vom Unendlichen in ihnen ist und den Endlichen wie etwas erscheinen kann, das in ihnen ist. So gibt es also doch ein Verhältnis des Endlichen zum Un­endlichen, nur geht es nicht vom Endlichen, sondern vom Un­endlichen in ihm aus. Auf diese Weise kann auch der Endliche das Unendliche fassen, freilich nicht der Endliche in sich, son­dern wie in sich, u.z. durch das Unendliche, das aus sich in ihm ist. Hierüber im Folgenden mehr.

Die göttliche Vorsehung hat bei allem, was sie tut, das Unendliche und Ewige im Auge, das von ihr stammt ­besonders bei der Erlösung des menschlichen Geschlechts.

*55. Das Unendliche und Ewige in sich ist, wie gesagt, das Göttli­che selbst oder der Herr in sich. Das Unendliche und Ewige aus ihm aber ist das ausgehende Göttliche bzw. der Herr in anderen, aus ihm erschaffenen Wesen, also in den Menschen und Engeln. Und dieses Göttliche ist identisch mit der göttli­chen Vorsehung; denn durch das Göttliche aus ihm sorgt der Herr dafür, daß alles in der Ordnung, in der und zu der es ge­schaffen wurde, bewahrt werde. Weil das ausgehende Göttli­che dies bewirkt, ergibt sich, daß in all diesem die göttliche Vorsehung besteht.

*56. Die göttliche Vorsehung hat bei allem, was sie tut, das Unendliche und Ewige im Auge, wie sich daran zeigt, daß alles Geschaffene von seinem Anfang in Gott, dem Unendlichen und Ewigen, bis zum Letzten fortschreitet, und vom Letzten wie­derum zum Ersten, aus dem es stammt. Das wurde im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ im Kapitel über die Schöp­fung des Universums gezeigt. Und weil bei allem Wachstum zu innerst ein Erstes wirkt, von dem es stammt, so folgt, daß das ausgehende Göttliche oder die göttliche Vorsehung bei allem, was sie tut, irgendein Bild des Unendlichen und Ewigen im Auge hat, in manchem bis zur Anschaulichkeit, in anderem nicht so weit. Anschaulich stellt die Vorsehung das Bild des Un­endlichen und Ewigen in der Mannigfaltigkeit aller Dinge dar, sowie bei den Vorgängen der Befruchtung und Vervielfältigung.

Ein Bild des Unendlichen und Ewigen in der Man­nigfaltigkeit aller Dinge zeigt sich darin, daß es nichts gibt, das völlig mit einem anderen identisch wäre, und daß das auch in Ewigkeit nicht möglich ist. An den Gesichtern der Menschen von Beginn der Schöpfung an ist das offenkundig und gilt ge­nauso für ihre Seelen, die ja die Gesichter formen. Dasselbe gilt auch für die Neigungen, Wahrnehmungen und Gedanken, aus denen sich ja die Seelen zusammensetzen. So gibt es im ganzen Himmel nicht zwei Engel oder zwei Geister, die identisch wären, und das kann auch in Ewigkeit nicht vorkommen. Ebenso verhält es sich mit jedem sichtbaren Gegenstand in bei­den Welten, der natürlichen wie der geistigen. Man kann daher feststellen: die Mannigfaltigkeit ist unendlich und ewig.

Ein Bild des Unendlichen und Ewigen in aller Be­fruchtung und Vermehrung zeigt sich im Pflanzenreich an der Kraft, die im Samen liegt, sowie an der Vermehrung im Tierreich, besonders deutlich bei den Fischen. Sie würden, käme ihre Fähigkeit sich zu befruchten und zu vermehren voll zur Auswirkung, innerhalb eines Jahrhunderts das ganze Meer, ja die ganze Welt erfüllen. So liegt auch in ihrem Fortpflan­zungsvermögen das Streben, sich bis ins Unendliche zu ver­mehren. Und weil es von Anbeginn der Schöpfung nicht an Be­fruchtungen und Vervielfältigungen gefehlt hat und in Ewigkeit fehlen wird, so folgt, daß in dieser Fähigkeit auch das Streben hin zur Ewigkeit liegt.

*57. Dasselbe gilt für die Menschen inbezug auf ihre Nei­gungen, die zur Liebe und ihre Wahrnehmungen, die zur Weis­heit gehören. Die Mannigfaltigkeit der einen wie der anderen ist unendlich und ewig, ebenso ihre Befruchtungen und Ver­vielfältigungen, die geistiger Natur sind. Keines Menschen Nei­gung und Wahrnehmung ist der eines anderen so vollkommen ähnlich, daß sie identisch wären, und das kann auch in Ewig­keit nicht sein. Die Neigungen können auch befruchtet und die Wahrnehmungen vervielfältigt werden ohne Ende. Bekanntlich können sich die Wissenschaften niemals erschöpfen. Diese Fähigkeit der Befruchtung und Vervielfältigung ohne Ende bzw. ins Unendliche und Ewige erstreckt sich aufs Natürliche bei den Menschen, aufs Geistige bei den geistigen Engeln und aufs Himmlische bei den himmlischen Engeln. Aber das gilt nicht nur für Neigungen, Wahrnehmungen und Kenntnisse im allgemeinen, sondern auch für alle, selbst deren kleinste Be­standteile im besonderen. Diese Eigenschaft beruht darauf, daß sie vom Unendlichen und Ewigen in sich durch das Unendli­che und Ewige aus ihm entstehen. Doch weil das Endliche nichts Göttliches in sich hat, ist im Engel oder Menschen nichts davon sein Eigentum, nicht einmal das geringste; denn Mensch und Engel sind endlich und nur Aufnahmegefäße, die an sich tot sind. Was lebendig in Mensch und Engel ist, haben sie vom ausgehenden Göttlichen, das mit ihm verbunden ist, weil es ihn berührt und ihm daher als das Seinige erscheint. Im Fol­genden wird man das deutlich sehen.

*58. Die göttliche Vorsehung hat aber das Unendliche und Ewige von sich vor allem darum bei der Erlösung des menschli­chen Geschlechts im Auge, weil ihr Ziel der Himmel aus dem menschlichen Geschlecht ist, wie oben # 37 45 gezeigt wurde. Aus dieser Zielsetzung folgt, daß die göttliche Vorsehung vor allem auch die Umbildung und Wiedergeburt des Menschen, also seine Erlösung im Auge hat, bildet sich doch der Himmel aus denen, die erlöst oder wiedergeboren sind. Den Menschen wiedergebären heißt aber, das Gute und Wahre bzw. die Liebe und Weisheit bei ihm vereinigen, wie sie im vom Herrn ausge­henden Göttlichen vereinigt sind. Darauf zielt daher die göttli­che Vorsehung bei der Erlösung der menschlichen Geschlechts vor allem ab. Das Bild des Unendlichen und Ewigen liegt beim Menschen allein in der Vermählung des Guten und Wahren bei ihm. Dies wird im menschlichen Geschlecht bewirkt durch das ausgehende Göttliche, wie das Beispiel derer zeigt, die — erfüllt mit dem ausgehenden Göttlichen, dem Heiligen Geist — geweis­sagt haben, und von denen im Wort die Rede ist. Bekannt ist es ebenso durch die Erleuchteten, die die göttlichen Wahrheiten im Licht des Himmels sehen, was vor allem für die Engel gilt, wel­che die Gegenwart des Herrn, seinen Einfluß und die durch ihn bewirkte Verbindung mit den geistigen Sinnen wahrnehmen, dabei aber auch erkennen, daß die Verbindung nur in etwas be­steht, das man als Anschluß (adjunctio) bezeichnen kann.

*59. Man weiß noch nicht, daß die göttliche Vorsehung in allem, was sie beim Menschen bewirkt, dessen ewigen Zustand im Auge hat. Sie kann nämlich nichts anderes im Auge haben, weil das Göttliche das Unendliche und Ewige ist und dieses nicht in der Zeit und ihm folglich alles Zukünftige gegenwärtig ist. Diese Beschaffenheit des Göttlichen bringt es mit sich, daß alles, was es bewirkt, bis ins einzelne ewig ist. Menschen aber, die aus den Kategorien von Zeit und Raum denken, begreifen das nur schwer — nicht nur, weil sie das Zeitliche lieben, son­dern auch weil sie aufgrund der weltlichen, nicht der himmli­schen Gegenwart denken. Diese liegt ihnen so fern wie das Ende der Erde. Menschen hingegen, die im Göttlichen sind, denken aus dem Herrn und darum auch aus dem Ewigen, wäh­rend ihre Gedanken in der Gegenwart sind. Bei sich sagen sie: Was ist schon etwas, das nicht ewig ist? Ist es nicht zeitbedingt, beziehungsweise wie nichts und wird auch zu einem Nichts, wenn es ein Ende nimmt? Ganz anders das Ewige: Von ihm al­lein kann man sagen, daß es Ist, weil sein Sein kein Ende nimmt. Wer so denkt, denkt in der Gegenwart und doch zu­gleich aus dem Ewigen. Lebt der Mensch auch entsprechend, dann hat das ausgehende Göttliche oder die göttliche Vorse­hung bei ihm immerwährend den Zustand seines ewigen Le­bens im Himmel im Auge und leitet ihn dorthin. Im Folgenden wird man sehen, daß das Göttliche in jedem Menschen, er sei gut oder böse, auf das Ewige abzielt.

Das Bild des Unendlichen und Ewigen stellt sich im Engelhimmel klar heraus.

*60. Zu dem, was man unbe­dingt kennen sollte, gehört auch der Engelhimmel; denn jeder religiöse Mensch denkt an ihn und möchte dahin kommen. Aber nur wer den Weg kennt, der zu ihm führt und ihn be­schreitet, gelangt ans Ziel. Man kann ihn einigermaßen ken­nen, wenn man etwas vom Wesen der Engel weiß, die den Himmel bilden und daß niemand zu einem Engel wird oder in den Himmel kommt, der nicht etwas Engelhaftes (angelicum) aus der Welt mit sich bringt. Zu diesem Engelhaften gehört die Erkenntnis des Weges, die nur erlangt wird, indem man ihn geht, sowie auf ihm wandelt in der Erkenntnis desselben. In der geistigen Welt gibt es auch wirklich Wege, die zu jeder ein­zelnen Gesellschaft des Himmels bzw. der Hölle führen. Jeder sieht dort wie von sich aus den ihm gemäßen Weg. Er sieht ihn, weil es dort für jede Art der Liebe einen Weg gibt, den die Liebe weist und der zu den Genossen führt. Niemand sieht dort andere Wege als die seiner Liebe entsprechenden, weil Engel nichts anderes sind als himmlische Liebesarten (amo­res), da sie sonst die zum Himmel führenden Wege nicht ge­sehen hätten. Das wird jedoch bei der Beschreibung des Him­mels deutlicher werden.

*61. Jeder Menschengeist ist Neigung und daraus ent­springendes Denken, und weil jede Neigung der Liebe und jeder Gedanke dem Verstand angehört, ist jeder Geist identisch mit seiner Liebe und seinem Verstand. Darum denkt der Mensch, ist er allein in seinem Geist — also bei sich zu Hause ­aus der zu seiner Liebe gehörenden Neigung. Daher kann man feststellen, daß der Mensch nach dem Tode als Geistwesen die Neigung seiner Liebe und nur das zu dieser Neigung gehö­rende Denken ist. Diese Neigung ist böse, d.h. ist eine Be­gierde, wenn er das Böse liebte, und ist gut, wenn er das Gute liebte. Jeder hat eine gute Neigung, sofern er das Böse als Sünde gemieden, und jeder eine böse Neigung, sofern er das nicht getan hatte. Da nun alle Geister und Engel Neigungen sind, so liegt am Tag: der ganze Engelhimmel besteht nur aus der Liebe aller Neigungen zum Guten und der damit zusam­menhängenden Weisheit aller Wahrnehmungen des Wahren. Und weil alles Gute und Wahre vom Herrn stammt, der die Liebe und Weisheit selbst ist, so ergibt sich, daß der Engelhim­mel sein Abbild ist. Und weil ferner die göttliche Liebe und Weisheit ihrer Form nach Mensch ist, ergibt sich, daß der En­gelhimmel ebenfalls in eine solche Form gebildet ist. Hierüber mehr im folgenden Abschnitt.

*62. Der Engelhimmel ist ein Bild des Unendlichen und Ewigen, weil er ein Bild des Herrn und dieser der Unendliche und Ewige ist. Das Bild des Unendlichen und Ewigen Selbst er­scheint im Himmel darin, daß er sich aus Myriaden von Myria­den Engeln zusammensetzt und diese ebensoviele Gesellschaf­ten bilden, wie es gemeinsame Neigungen der himmlischen Liebe gibt. Dabei unterscheidet sich wieder jeder einzelne Engel jeder einzelnen Gesellschaft durch seine besondere Neigung von allen anderen. Dazu kommt, daß die Form des Himmels im allgemeinen und besonderen aus ebenso vielen Neigungen be­steht und diese Formen vor dem Herrn als Einheit erscheinen, ebenso wie jeder Mensch eine Einheit darstellt. Diese Form wird gemäß ihrer Vermehrung in Ewigkeit vervollkommnet. Je mehr menschliche Wesen in die Form der göttlichen Liebe, die Form aller Formen, Eingang finden, desto vollkommener näm­lich wird die Vereinigung. Damit liegt am Tage, daß sich das Bild des Unendlichen und Ewigen im Engelhimmel zeigt.

*63. Wenn man diese kurze Schilderung des Himmels zur Kenntnis genommen hat, wird klar, daß die Neigung der Liebe zum Guten den Himmel beim Menschen bildet. Doch wer weiß das heutzutage noch? Ja, wer weiß auch nur, was Neigung der Liebe zum Guten ist und daß die Zahl der Neigungen der Liebe zum Guten unendlich ist? Denn, wie gesagt, jeder Engel ist eine unterschiedliche Neigung, und die Form des Himmels besteht aus der Form aller Neigungen der göttlichen Liebe, die es dort gibt. Nur wer die Liebe und zugleich die Weisheit selbst und dabei der Unendliche und Ewige ist, kann alle Neigungen in diese himmlische Form vereinigen. Denn das Unendliche und Ewige liegt in jeder Form — das Unendliche in der Verbindung und das Ewige in der Beständigkeit. Würde ihr das Unendliche und Ewige genommen, sie würde im gleichen Augenblick zer­fallen. Wer sonst könnte die Neigungen zu einer Form vereinen, ja wer könnte auch nur eine derselben einen? Denn nicht eins davon kann anders als der universellen Idee nach mit allen ver­einigt werden, und das Universelle in allen nur nach der sin­gulären Idee eines jeden. Myriaden über Myriaden bilden diese Form, und in Ewigkeit fort werden Jahr für Jahr Myriaden in sie eingehen: alle Kinder und ebenso viele Erwachsene, wie es Nei­gungen der Liebe zum Guten gibt. Auch hieran läßt sich das Bild des Unendlichen und Ewigen im Engelhimmel erkennen.

Das innerste der göttlichen Vorsehung ist das Streben nach dem Unendlichen und Ewigen bei der Bil­dung des Engelhimmels, damit er vor dem Herrn wie Ein Mensch und Sein Bild sei.

*64. Im Werk „Himmel und Hölle“ kann man in # 59 bis 86 nachlesen, daß vor dem Herrn der Himmel wie Ein Mensch erscheint, ebenso jede himmlische Gesell­schaft, und daß infolgedessen jeder Engel in vollkommener Form Mensch ist, weil Gott der Schöpfer, der Herr von Ewig­keit, Mensch ist. In # 87 bis 102 des genannten Werkes liest man, daß dadurch zwischen allem im Himmel und allem im Menschen eine Entsprechung besteht. Daß der ganze Himmel wie Ein Mensch ist, habe ich nicht gesehen, weil niemand außer dem Herrn den ganzen Himmel auf einmal sehen kann. Wohl aber konnte ich mehrmals sehen, wie eine ganze größere oder kleinere himmlische Gesellschaft als Ein Mensch erschien. Und dabei wurde mir erklärt, daß die größte Gesellschaft, näm­lich der Himmel in seinem gesamten Umfang, ebenso er­scheine, doch nur vor dem Herrn. Und aus diesem Grunde sei jeder Engel in aller Form Mensch.

*65. Weil sich der ganze Himmel in den Augen des Herrn wie Ein Mensch darstellt, ist der Himmel in ebenso viele gemeinschaftliche Gesellschaften unterteilt, wie es Organe, Eingeweide und Glieder im Menschen gibt. und jede dieser gemeinschaftlichen Gesellschaften ist wiederum in ebenso viele weniger umfassende bzw. besondere Gesellschaften unterteilt, so wie Organe oder Eingeweide aus größeren Einzelteilen be­stehen. Das ergibt die Beschaffenheit des Himmels, und da nun der Herr der eigentliche Mensch ist, der Himmel aber ein Bild von Ihm, heißt „im Himmel sein“ soviel wie „im Herrn sein“. Im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ kann man in # 11 13 und 285 289 nachlesen, daß der Herr der eigentliche Mensch ist.

*66. Daraus läßt sich jenes Geheimnis, das als Geheimnis der Engel bezeichnet werden kann, einigermaßen verstehen, daß eine jede Neigung des Guten und des damit zusammen­hängenden Wahren die menschliche Form bildet. Denn alles vom Herrn Hervorgehende leitet aus seiner göttlichen Liebe ab, daß es eine Neigung zum Guten und aus seiner göttlichen Weisheit, daß es eine Neigung zum Wahren ist. Die vom Herrn ausgehende Neigung zum Wahren erscheint als Wahrnehmung und infolgedessen als Gedanken des Wahren bei Engel und Mensch, weil man nämlich auf Wahrnehmung und Denken achtet, wenig aber auf die Neigung, aus der sie stammen, ob­gleich doch beide als Eins vom Herrn ausgehen.

*67. Der Mensch ist von der Schöpfung her ein Himmel in kleinster Gestalt, also ein Bild des Herrn. Der Himmel aber be­steht aus ebenso vielen Neigungen wie es Engel gibt, und jede einzelne Neigung ist in ihrer Form menschlich. Aus alledem folgt, daß die göttliche Vorsehung fortwährend bestrebt ist, den Menschen zu einer Form, d.h. zu einem Bild des Herrn zu ge­stalten, und weil das durch die Neigung zum Guten und Wah­ren bewirkt wird, daß er zu dieser Neigung werde. Das Inner­ste des Strebens der göttlichen Vorsehung aber besteht darin, der Mensch möge hier oder dort im Himmel, d.h. hier oder dort in dem göttlich himmlischen Menschen sein; denn damit ist er im Herrn. Bei denen, die der Herr zum Himmel leiten kann, ge­schieht dies auch. Und weil der Herr das vorhersieht, sieht er auch beständig vor, daß der Mensch so werde. Auf diese Weise wird jeder, der sich zum Himmel führen läßt, für seinen Platz im Himmel vorbereitet.

*68. Der Himmel ist, wie oben gesagt, in ebenso viele Ge­sellschaften eingeteilt, wie es Organe, Eingeweide und Glieder im Menschen gibt, und von diesen kann keines an einer ande­ren Stelle als der ihr bestimmten sein. Daraus ergibt sich, daß die Engel Teile im göttlich himmlischen Menschen sind und nur Engel werden, die einst Menschen in der Welt waren; auch daß ein Mensch, der sich zum Himmel führen läßt, vom Herrn fortgesetzt für die ihm bestimmte Stelle vorbereitet wird. Das geschieht durch eine Neigung zum Guten und Wahren, die die­ser Stelle entspricht. Dort wird jeder Engel Mensch nach sei­nem Abscheiden von der Welt gleichsam eingeschrieben. Darin liegt also das Innerste der göttlichen Vorsehung inbezug auf den Himmel.

*69. Ein Mensch aber, der sich nicht zum Himmel führen und dort einreihen läßt, wird für seinen Platz in der Hölle vor­bereitet. Aus sich strebt nämlich der Mensch fortgesetzt zur un­tersten Hölle, aber vom Herrn wird er beständig davon abge­bracht. Wer nicht abgebracht werden kann, wird für einen be­stimmten Platz in der Hölle vorbereitet, für den er auch sogleich nach seinem Abscheiden aus der Welt eingeschrieben wird. Dieser Platz ist in jedem Fall der Gegenpol zu einem be­stimmten Platz im Himmel, ist doch die Hölle der Gegenpol zum Himmel. Erlangt der Mensch als Engel seine Stelle im Him­mel je nach seiner Neigung zum Guten und Wahren, so der Mensch als Teufel seinen Platz in der Hölle je nach seiner Nei­gung zum Bösen und Falschen: denn zwei Gegenpole, die in ähnlicher Lage einander gegenüber stehen, werden im Zusam­menhang gehalten. Dies ist das Innerste der göttlichen Vorse­hung inbezug auf die Hölle.

*

Teil 4 - Es gibt Gesetze der göttlichen Vorsehung, die dem Menschen verborgen sind.


*70. Man weiß, daß es eine göttliche Vorsehung gibt, aber nichts über ihre Beschaffenheit. Das Unwissen beruht darauf, daß es geheime Gesetze gibt, die bis jetzt in der Weisheit der Engel verborgen lagen, nun aber offenbart werden sollen, damit man dem Herrn gebe, was ihm gehört und nicht dem Menschen, was ihm nicht gehört: die meisten irdischen Men­schen schreiben nämlich alles sich und ihrer Klugheit zu, und was sie sich nicht zuschreiben können, nennen sie Zufall oder Schicksal. Sie ahnen nicht, wie nichtig die menschliche Klugheit ist und daß Zufall oder Schicksal leere Worte sind.

Die Gesetze der göttlichen Vorsehung lagen, wie ge­sagt, bisher in der Weisheit der Engel verborgen, weil in der Christenheit der Verstand für göttliche Dinge durch die Reli­gion verschlossen wurde. Darum wurde der Mensch im Hin­blick auf diese Dinge dermaßen stumpf und widerstrebend, daß ihm entweder der Wille oder das Vermögen und daher auch das Wollen fehlte, von der göttlichen Vorsehung mehr zu verstehen, als daß es sie gibt. Ob es sie gibt oder nicht, darüber konnte er vernünfteln, ebenso ob sie sich nur aufs Allgemeine oder auch aufs Besondere erstrecke. Weiter brachte es der durch die Religion verschlossene Verstand nicht.

In der Kirche wurde jedoch anerkannt, daß der Mensch aus sich nichts Gutes tun kann, das an sich gut wäre, und nichts Wahres denken, das an sich wahr wäre. Diese Grundsätze sind nun aber eins mit der göttlichen Vorsehung, und darum hängt auch der Glaube an das eine ab vom Glau­ben an das andere. Damit nun nicht das eine bejaht und das andere verneint werde und so beides schwindet, muß über­haupt erst einmal geoffenbart werden, worin die göttliche Vor­sehung besteht. Das kann aber nicht geschehen, ohne die Ge­setze zu enthüllen, durch die der Herr vorsieht und die Willens-­ und Verstandeskräfte des Menschen regiert. Denn nur die Ge­setze lassen erkennen, wie die Vorsehung beschaffen ist, und nur wer sie erkennt, kann sie auch anerkennen, da er sie dann einsieht. Aus diesem Grund werden die Gesetze der göttlichen Vorsehung jetzt geoffenbart, die bisher in der Weisheit bei den Engeln verborgen lagen.

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Teil 5 - Es ist ein Gesetz der göttlichen Vorsehung, daß der Mensch aus Freiheit nach der Vernunft handeln soll.



*71. Bekanntlich hat der Mensch die Freiheit, zu denken und zu wollen, was ihm beliebt, nicht aber die Freiheit, alles zu sagen, was er denkt, geschweige denn alles zu tun, was er will. Wir verstehen hier also unter Freiheit eine geistige, nicht eine natürliche Freiheit, es sei denn, sie wären eins. Denken und Wollen ist etwas Geistiges, Reden und Handeln hingegen etwas Natürliches. Offenbar unterscheidet sie auch der Mensch, kann er doch denken, was er nicht ausspricht und wollen, was er nicht tut. Damit ist deutlich, daß Geistiges und Natürliches beim Menschen unterschieden ist. Daher muß auch der Mensch selbst bestimmen, wann er vom einen zum anderen übergehen kann. Diese Selbstbestimmung läßt sich mit einer Tür vergleichen, die man zuerst aufschließen und öffnen muß. Doch steht diese Tür bei denen gleichsam offen, die aus Vernunft in Übereinstimmung mit den bürgerlichen Gesetzen des Staates und den sittlichen der Gesellschaft den­ken und wollen. Sie reden, was sie denken und tun, was sie wollen. Dagegen ist diese Tür gleichsam verschlossen bei den Menschen, die im Gegensatz zu den genannten Gesetzen den­ken und wollen.

Wer auf die Entscheidungen seines Willens und die dar­aus hervorgehenden Taten achtet, wird bemerken, daß er diese Entscheidungen immer wieder zu treffen hat und zuweilen mehrmals während einer Unterredung oder einer Handlung. Das wurde vorausgeschickt, damit klar ist, mit dem Han­deln aus Freiheit nach der Vernunft ist hier gemeint, frei den­ken und wollen und so auch frei sagen und tun, was der Ver­nunft gemäß ist.

*72. Wenige verstehen und erkennen an, daß dies ein Ge­setz der göttlichen Vorsehung sein könne, weil ja der Mensch auf diese Weise auch frei ist, Böses und Falsches zu denken, während ihn doch die göttliche Vorsehung unausgesetzt zum Denken und Wollen des Guten hinleitet. Darum muß dies, um verständlich zu werden, deutlich entwickelt werden, und zwar folgendermaßen:

Der Mensch hat Vernunft (ratio) und freien Willen (liberum) oder Vernünftigkeit (rationalitas) und Freiheit (libertas). Diese beiden Anlagen (facultates) sind vom Herrn beim Menschen.

*73. Im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ ist von # 264 270, 425, sowie in # 43 und 44 davon die Rede gewesen, daß der Mensch eine Anlage zum Erkennen hat, die gleichbedeutend ist mit Vernünftigkeit, und die Anlage zu denken, zu wollen, zu sagen und zu tun, gleich­bedeutend mit Freiheit, und daß der Mensch beide Anlagen vom Herrn hat. Beim Nachdenken über beide Anlagen oder Fähigkeiten können einem mancherlei Zweifel kommen. Darum will ich an der Schwelle dieser Abhandlung nur einiges verraten über die Freiheit des Menschen, der Vernunft gemäß zu handeln.

Fürs erste muß man wissen, daß aller freie Wille der Liebe angehört. Darum sind Liebe und freier Wille dasselbe. Weil nun die Liebe das Leben des Menschen ist, gehört auch der freie Wille zu seinem Leben. Denn alles, was der Mensch als angenehm empfindet, stammt aus seiner Liebe; einen ande­ren Ursprung gibt es nicht. Aus dem Lustgefühl der Liebe han­deln, heißt aus freiem Willen handeln; denn dieses Lustgefühl führt den Menschen wie etwas, das auf einem Strom schwimmt und von dessen Lauf entsprechend fortgetragen wird. Da es nun mehrere Arten der Liebe gibt, zusammen  und nicht zu­sammen-stimmende, muß es auch verschiedene Arten des freien Willens geben, und zwar im allgemeinen drei: einen natürlichen, einen vernunftgemäßen und einen geistigen.

Natürlichen freien Willen besitzt jeder Mensch auf­grund von Vererbung, und er liebt aus ihm nur sich und die Welt; sein Leben besteht zuerst aus nichts anderem. Aus diesen beiden Arten der Liebe entsteht alles Böse und macht sie daher auch aus. Daraus folgt, daß Böses denken und wollen des Menschen natürlicher freier Wille ist und er es, hat er sich durch Vernunftschlüsse darin bestärkt, aus freiem Willen seiner Vernunft gemäß tut. Derartiges Handeln stammt aus seiner An­lage zur Freiheit und die Begründungen aus seiner Anlage zur Vernünftigkeit.

Ein Beispiel: In der Liebe, in die der Mensch hinein­geboren wird, liegt es, daß er ehebrechen, betrügen, lästern und Rache nehmen will. Begründet er dieses Böse bei sich und macht es dann für sich zu Erlaubtem, dann denkt und will er es aus der Lust seiner Liebe zu dergleichen Handlungen in Frei­heit und gleichsam seiner Vernunft gemäß. Wenn bürgerliche Gesetze ihn nicht davon abhalten, sagt und tut er es auch. Die göttliche Vorsehung des Herrn läßt es dem Menschen um des freien Willens oder um der Freiheit willen zu, so zu handeln. Diesen freien Willen hat der Mensch von Natur, aufgrund von Vererbung. Menschen, die die genannten Dinge aus ihrer Lust der Selbst  und Weltliebe durch Vernunft bei sich begründet haben, sind in dieser Art freien Willens.

Vernunftmäßiger freier Wille (liberum rationale) entsteht aus der Liebe zum guten Ruf, um dadurch Ehre oder Gewinn zu erwerben. Der Lustreiz dieser Art Liebe besteht darin, daß man der äußeren Form nach als moralisch ein­wandfreier Mensch erscheine. Weil ein solcher Mensch seinen guten Ruf liebt, betrügt er nicht, bricht nicht die Ehe, rächt sich nicht und lästert auch nicht. Da er dies seiner Vernunft aneig­net, spielt er auch freiwillig und seiner Vernunft gemäß den Aufrichtigen, Gerechten, Keuschen oder Freund. Aufgrund sei­ner Vernunft kann er sogar schöne Reden darüber halten. Ist aber seine Vernunft bloß natürlich und nicht zugleich geistig, bleibt sein freier Wille nur äußerlich und ist nicht innerlich, denn er liebt jenes Gute nicht innerlich, sondern nur äußerlich wegen seines guten Rufs. Daher ist das Gute, das er tut, nicht an sich gut. Es mag auch sein, daß er sagt, man müsse das Gute um des allgemeinen Wohles willen tun, doch er sagt es nicht aus Liebe zum allgemeinen Wohl, sondern aus Liebe zur eige­nen Ehre oder zum Gewinn. Der freie Wille eines solchen Men­schen hat also nichts zu tun mit der Liebe zum allgemeinen Wohl, auch seine Vernunft nicht, die ja nur seiner Liebe bei­stimmt. Diese Art von vernunftmäßig freiem Willen ist folglich nur ein tiefer im Inneren liegender natürlicher freier Wille. Auch diese Art freien Willens läßt die göttliche Vorsehung des Herrn einem jeden hingehen.

Geistiger freier Wille (liberum spirituale) entspringt der Liebe zum ewigen Leben. Zu dieser Liebe und ihrer Wonne gelangt nur, wer das Böse als Sünde erkennt und es aus diesem Grunde nicht will und dabei zugleich zum Herrn aufblickt. So­bald der Mensch das tut, ist er in jenem freien Willen. Denn niemand kann das Böse als Sünde verabscheuen und deshalb unterlassen, es sei denn aus dem inneren oder oberen freien Willen, d.h. aus seiner inneren oder oberen Liebe. Dieser freie Wille erscheint anfänglich nicht als frei, ist es aber dennoch, und später erscheint er auch so. Ist dieser Zustand erreicht, handelt der Mensch aus dem eigentlichen freien Willen und der rechten Vernunft gemäß, indem er das Gute und Wahre denkt, will, sagt und tut. Dieser freie Wille wächst im selben Maße, wie der natürliche freie Wille abnimmt und eine dienende Funktion einnimmt. Er verbindet sich mit dem vernunft­gemäßen freien Willen und läutert ihn.

Jeder kann diesen freien Willen erlangen, wenn er nur bedenken will, daß es ein ewiges Leben gibt. Annehmlichkeit und Glück des Lebens in der Zeit und für die Zeit sind ja ge­genüber Wonne und Seligkeit des Lebens in der Ewigkeit und für die Ewigkeit nur wie ein vorübergehender Schatten. Der Mensch kann das bedenken, wenn er nur will, weil er Vernunft und Freiheit hat und der Herr, der beides in ihm angelegt hat, fortwährend darauf hinwirkt, daß er es kann.

Was immer der Mensch aus freiem Willen tut, es sei vernünftig oder unvernünftig, hält er für sein Eigenes, wenn es nur seiner Vernunft entspricht.

*74. Worin die dem Menschen eigene Vernünftigkeit und Freiheit beste­hen, läßt sich sehr deutlich machen durch den Vergleich des Menschen mit den Tieren. Denn diese haben weder Vernunft noch die Anlage zu verstehen, ebensowenig Freiheit noch An­lage zu einem freien Willen. Sie haben also auch keinen Ver­stand und Willen, sondern statt des Verstandes ihr angeborenes Wissen und statt des Willens ihre angeborene Neigung — beide von natürlicher Art. Weil ihnen jene beiden Anlagen fehlen, haben sie auch kein Denken, sondern statt dessen ein inneres Sehen, das aufgrund der Entsprechung mit ihrem äußeren Sehen übereinstimmt.

Jede Neigung hat ihre Gefährtin, etwas wie eine Gat­tin. So hat die Neigung der natürlichen Liebe das Wissen, die Neigung der geistigen Liebe die Einsicht und die Neigung der himmlischen Liebe die Weisheit. Denn eine Neigung ohne ihre Genossin oder Gattin ist nichts; sie ist wie ein Sein ohne Da­sein und eine Substanz ohne Form, von denen sich nichts aus­sagen läßt. So kommt es, daß allem Geschaffenen etwas inne­wohnt, das man — wie oben ausführlich dargelegt wurde — auf die Ehe des Guten und Wahren beziehen kann. In den Tieren besteht eine Ehe der Neigung und des Wissens. Ihre Neigung aber bezieht sich auf das Natürlich Gute und ihr Wissen auf das Natürlich Wahre .

Neigung und Wissen stimmen bei ihnen vollkommen überein, und ihre Neigung können sie ebenso wenig über ihr Wissen erheben wie ihr Wissen über ihre Neigung. Werden sie erhoben, so beide zugleich. Ein geistiges Gemüt, zu dem oder in dessen Licht und Wärme sie sich erheben könnten, besitzen sie nicht. Aus diesen Gründen haben sie weder die Fähigkeit zu verstehen, also Vernunft, noch die Fähigkeit frei zu wollen, also Freiheit. Stattdessen eignet ihnen lediglich natürliche Nei­gung, verbunden mit ihrem Wissen. Die natürliche Neigung, die sie haben, besteht darin, sich zu ernähren, einen Standort zu haben, sich fortzupflanzen, ihnen Schädliches zu meiden und zu verschmähen, samt allem dazu erforderlichen Wissen. Diese Beschaffenheit ihres Lebenszustands läßt sie nicht den­ken: „dies will ich und jenes nicht, dies weiß ich und jenes nicht“. Noch weniger können sie denken: „dies erkenne ich oder liebe ich“. Vielmehr werden sie ohne Vernunft und Frei­heit von ihrer Neigung durch ihr Wissen geführt. Diese Art der Führung liegt nicht in der natürlichen, sondern in der geistigen Welt begründet. Denn es gibt in der natürlichen Welt nichts, das nicht mit der geistigen zusammenhinge. Jede Ursache, die eine Wirkung hervorbringt, stammt von daher. Einiges mehr darüber oben in # 96.

*75. Anders ist es bei einem Menschen, der nicht nur über Neigungen der natürlichen Liebe verfügt, sondern auch über Neigungen der geistigen und der himmlischen Liebe. Das menschliche Gemüt (mens) hat nämlich, wie im dritten Teil des Werkes „Die göttliche Liebe und Weisheit“ gezeigt wurde, drei Grade. Deshalb kann der Mensch vom natürli­chen Wissen zur geistigen Einsicht und von da weiter zur himmlischen Weisheit erhoben werden. Durch diese beiden — Einsicht und Weisheit — kann er zum Herrn aufblicken und mit ihm verbunden werden und so ewig leben. Doch diese Erhebung hinsichtlich seiner Neigung wäre unmöglich, ver­fügte er nicht über die Anlage, aufgrund seiner Vernunft sei­nen Verstand zu erheben und das infolge seiner Freiheit auch zu wollen.

Diese beiden Anlagen ermöglichen es dem Menschen, in seinem Innern über das nachzudenken, was er mit seinen körperlichen Sinnen in der Außenwelt wahrnimmt und auch aus einer höheren Region darüber nachzusinnen, was er ge­rade in einer niedrigeren denkt. Jeder kann ja sagen: „dies habe ich gedacht und das denke ich“ oder: „dies habe ich gewollt und das will ich“ oder: „ich sehe ein, daß es so ist und liebe es darum, weil es so ist“, usw. Das zeigt, daß der Mensch ober­halb seines natürlichen Denkens zu denken vermag und es gleichsam unter sich sieht. Diese Fähigkeit hat der Mensch auf­grund seiner Vernunft und Freiheit. Durch seine Vernunft ver­mag er in einer höheren Region zu denken und durch seine Freiheit will er aus Neigung so denken. Denn hätte er nicht die Freiheit zu solchem Denken, hätte er auch nicht den Willen dazu, also auch nicht die entsprechenden Gedanken.

Menschen, die nur erkennen wollen was der Welt und Natur angehört, nicht aber, was moralisch und geistig gut und wahr ist, können nicht vom Wissen zur Einsicht und noch we­niger von dort zur Weisheit erhoben werden. Sie haben diese Anlagen bei sich verschlossen. Daher werden sie nur soweit zu Menschen, daß sie aufgrund der ihnen eigenen Vernunft und Freiheit erkennen können, wenn sie nur wollen, und es auch wollen können. Aufgrund dieser beiden Anlagen kann der Mensch denken und seine Gedanken formulieren. Im übrigen sind sie keine Menschen, sondern Tiere und manche von ihnen durch den Mißbrauch ihrer Anlagen ärger als die Tiere.

*76. Jeder Mensch mit unverhüllter Vernunft kann erken­nen und begreifen, daß der Mensch ohne den Anschein, sich selbst anzugehören, weder die Neigung zum Wissen noch zur Einsicht hätte. Denn alles Angenehme und Erfreuliche, also alles was mit dem Willen zu tun hat, stammt aus einer Nei­gung, die zur Liebe gehört. Wer könnte etwas wissen oder ein­sehen wollen, ohne eine gewisse Freudigkeit der Neigung, und wer könnte eine solche empfinden, wenn ihm nicht das, was ihn anregt, als sein Eigenes erschiene? Wenn alles einem an­deren gehörte, ihm selber hingegen nichts, d.h. wenn jemand aus seinen Neigungen etwas ins Gemüt eines anderen ein­flößte, der von sich aus gar keine Neigung zu Wissen und Ein­sicht hätte, würde der es aufnehmen, ja könnte er es über­haupt aufnehmen? Erschiene so ein Mensch nicht wie ein stumpfsinniger Tölpel? Damit ist klar: Obgleich alles einfließt, was der Mensch wahrnimmt, erkennt und weiß, und was er sei­ner Wahrnehmung gemäß will und tut, bewirkt die göttliche Vorsehung dennoch, daß es dem Menschen erscheint, als ob es ihm angehöre. Sonst würde der Mensch, wie gesagt, nichts aufnehmen und folglich nicht mit Einsicht und Weisheit begabt werden können. Bekanntlich gehört alles Gute und Wahre dem Herrn und nicht dem Menschen an, dennoch erscheint es dem Menschen als ob es ihm angehöre. Und weil alles Gute und Wahre so erscheint, darum auch alles, was Himmel und Kirche, Liebe und Weisheit, der tätigen Liebe und dem Glauben an­gehört  und gleichwohl gehört nichts davon dem Menschen an. Niemand könnte dies alles vom Herrn aufnehmen, schiene es ihm nicht, als ob er es aus sich selbst wahrnehme. Das be­legt die Wahrheit dieser Behauptung (hujus rei), daß alles, was der Mensch aus freiem Willen tut — sei es nun vernünftig oder unvernünftig — ihm als sein eigener Wille erscheint, vor­ausgesetzt, es entspricht seiner Vernunft.

*77. Wer kann nicht mit Hilfe seiner Anlage zur Vernunft erkennen, ob das eine oder andere Gute dem Gemeinwesen nützlich oder das eine oder andere Böse schädlich ist? Daß also etwa Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und eheliche Keuschheit dem Gemeinwesen nützlich, hingegen Ungerechtigkeit, Unredlich­keit und verbotener Umgang mit Frauen anderer Männer schäd­lich sind, Böses also dem Gemeinwesen Schaden, Gutes Nutzen bringt? Wer könnte dies seiner Vernunft nicht aneignen, wenn er nur will? Jeder verfügt doch über Vernunft und Freiheit, und soweit sie sich enthüllen, treten sie in Erscheinung, leiten und fördern Wahrnehmung und Vermögen, sofern der Mensch ihret­halber das Böse bei sich meidet; und soweit er das tut, hat er das genannte Gute im Auge wie ein Freund den anderen.

Die Anlage zur Vernunft befähigt den Menschen, hier­aus auf das Gute zu schließen, das dem Gemeinwohl in der geistigen Welt nützt, ebenso wie auf das Böse, das dort schäd­lich ist — vorausgesetzt, er versteht unter dem Bösen die Sünde und unter dem Guten die Werke der tätigen Liebe. Auch dies kann der Mensch seiner Vernunft aneignen, wenn er nur will, weil er ja Vernunft und Freiheit hat, die soweit deutlich wer­den, leiten und Wahrnehmen und Vermögen verleihen, wie er jenes Böse als Sünde meidet. Tut er das, so hat er das Gute der tätigen Liebe im Auge, wie ein Nächster den anderen aus ge­genseitiger Liebe.

Weil nun der Herr — der Aufnahme und Verbindung wegen — will, daß dem Menschen alles, was er aus freiem Wil­len seiner Vernunft gemäß tut, als sein Eigenes erscheine und dies auch der Vernunft selbst entspricht und darin die ewige Seligkeit liegt, so folgt, daß es der Mensch aufgrund seiner Ver­nunft auch wollen und unter Anrufung der göttlichen Allmacht des Herrn tun kann.

Alles, was der Mensch aus freiem Willen sei­nem Denken gemäß tut, wird ihm als Eigenes zugebilligt und bleibt, weil das Eigene (proprium) des Menschen und sein freier Wille eins ausmachen.

*78. Das Eigene des Menschen gehört seinem Leben an, und handelt er aus seinem Leben, handelt er aus freiem Willen. Ferner gehört dieses Eigene des Menschen seiner Liebe an, bildet doch die Liebe das Leben eines jeden Menschen, und aus seiner Lebensliebe tut er es freiwillig. Der Mensch handelt aber deshalb aus freiem Willen seinem Denken gemäß, weil alles, was dem Leben oder der Liebe angehört, auch gedacht und durch die Gedanken befe­stigt wird. Ist das geschehen, handelt der Mensch aus freiem Willen und in Übereinstimmung mit seinem Denken.

Alle Handlungen vollbringt der Mensch aus dem Wil­len durch den Verstand, und die freie Selbstbestimmung gehört zum Willen, das Denken zum Verstand. Der Mensch kann auch freiwillig gegen die Vernunft handeln, ebenso unfreiwillig der Vernunft gemäß. Das wird ihm jedoch nicht angeeignet, da es nur Mund und Körper betrifft und nicht seinen Geist oder sein Herz. Doch was Geist und Herz angehört, wird dem Menschen auch dann angeeignet, wenn er es zur Angelegenheit des Mun­des und Körpers macht. Man könnte das durch mancherlei er­läutern, aber es gehört nicht hierher.

Wenn es heißt, es werde dem Menschen angeeignet, meint das, es werde Teil seines Lebens und so sein Eigentum. Im Folgenden wird man jedoch sehen, daß nichts wirklich des Menschen Eigentum ist, es ihm vielmehr nur so erscheint. Hier sei nur angedeutet, daß dem Menschen alles Gute, das er frei­willig und seiner Vernunft gemäß tut, als das Seinige angeeig­net wird, weil es ihm in seinen Gedanken, seinem Wollen, Reden und Tun als solches erscheint. Gleichwohl gehört aber das Gute nicht dem Menschen an, sondern dem Herrn beim Menschen, wie man oben # 76 nachlesen kann. Auf welche Weise aber dem Menschen das Böse angeeignet wird, wird man im entsprechenden Abschnitt sehen.

*79. Was der Mensch aus freiem Willen seinem Denken gemäß tut, bleibt ihm auch, wie gesagt. Denn von dem, was sich der Mensch angeeignet hat, läßt sich nichts mehr ausrei­ßen, weil es zu einem Bestandteil seiner Liebe und zugleich seiner Vernunft, bzw. seines Willens und zugleich seines Ver­standes, also seines Lebens geworden ist. Zwar kann es ent­fernt, nicht aber ausgestoßen werden. Wird es entfernt, wird es gleichsam vom Zentrum an die Peripherie versetzt, wo es ver­weilt. Mit anderen Worten: dort bleibt es.

Ein Beispiel: Hat sich ein Mensch in der Kindheit oder Jugend etwas Böses angeeignet, das er aus dem Lustreiz seiner Liebe heraus gern tat, etwa wenn er betrog, lästerte, sich rächte, unzüchtig lebte, so hat er sich das auch angeeignet, weil er es ja aus freiem Willen seinen Gedanken gemäß getan hatte. Tut er aber später Buße und meidet jenes Böse und betrachtet es als verabscheuenswerte Sünde, steht also aus freiem Willen seiner Vernunft gemäß davon ab, so wird ihm das jenem Bösen ent­gegengesetzte Gute angeeignet. Dieses bildet dann den Mittel­punkt und drängt das Böse immer weiter gegen die Peripherie hin zurück, je wie er sich davon abwendet und es abscheulich findet. Gleichwohl kann es nicht so vollständig ausgetrieben werden, daß man es als ausgerottet bezeichnen könnte. Infolge seiner Zurückdrängung kann es aber doch wie ausgerottet er­scheinen. Das geschieht dadurch, daß der Mensch durch den Herrn vom Bösen abgehalten und im Guten erhalten wird.

Das­selbe geschieht auch mit jedem ererbten Bösen, wie auch mit jedem Bösen, das der Mensch tatsächlich getan hat.

Ich sah das auch durch die Erfahrung bestätigt bei ei­nigen Engeln im Himmel. Sie meinten, weil sie vom Herrn im Guten erhalten wurden, seien sie ohne Böses. Um sie nicht glauben zu lassen, das Gute, in dem sie waren, sei ihr eigenes, wurden sie aus dem Himmel fortgeschickt und in ihr Böses zurückversetzt. Schließlich erkannten sie, daß sie von sich aus im Bösen waren, vom Herrn her aber im Guten. Danach wur­den sie wieder in den Himmel zurückversetzt.

Man wisse also, daß das Gute dem Menschen nur in der Weise angeeignet wird, daß es im Grunde beständig dem Herrn beim Menschen angehört, daß der Herr aber dem Men­schen, soweit er dies anerkennt, auch verleiht, daß ihm das Gute als sein eigenes erscheine, d.h. daß es ihm scheint, er liebe den Nächsten oder habe die Nächstenliebe bzw. tätige Liebe wie von sich aus, glaube oder habe Glauben wie von sich aus, tue das Gute und erkenne das Wahre wie von sich aus, sei also weise wie von sich aus. Daraus kann der Erleuch­tete erkennen, von welcher Art und wie stark diese Scheinbar­keit ist, in der der Herr den Menschen erhalten will — er will es aber, weil niemand ohne diesen Anschein selig werden kann. Man vergleiche, was dazu oben in # 42 45 gesagt wurde.

*80. Dem Menschen wird nichts angeeignet, was er nur in seinen Gedanken erwägt, nicht einmal das, was er zu wollen gedenkt, es sei denn, er ist dazu bis zu dem Grad entschlossen, daß er es auch wirklich tut, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet. Denn erst dann, wenn der Mensch das Gute in der Folge auch verwirklicht, tut er es aus dem Willen durch den Verstand bzw. aus der Neigung des Willens durch das Denken des Ver­standes. Aber solange er es nur in Gedanken erwägt, kann es ihm nicht angeeignet werden, weil sich der Verstand nicht mit dem Willen verbindet bzw. das Denken des Verstandes mit der Neigung des Willens. Vielmehr verbindet sich der Wille samt dessen Neigungen mit dem Verstand und dessen Gedanken. Das wurde im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ im fünf­ten Teil ausführlich gezeigt. Man hat das auch unter den fol­genden Worten des Herrn zu verstehen, wenn er sagt:

„Nicht was in den Mund eingeht, macht den Menschen un­rein, sondern das, was aus dem Herzen durch den Mund ausgeht, macht den Menschen unrein.“ (Mat. 15/11, 17 19)

Der Mund bedeutet im geistigen Sinn das Denken, weil die Gedanken sich durch den Mund äußern, und unter dem Herzen versteht man im genannten Sinne die der Liebe an­gehörende Neigung. Denkt und spricht der Mensch daraus, macht er sich unrein. Das Herz bezeichnet auch die Neigung, die zur Liebe oder zum Willen gehört, und der Mund das Den­ken, das dem Verstand angehört, Luk. 6/45.

*81. Auch das Böse, das der Mensch für erlaubt hält, wird ihm angeeignet, selbst wenn er es nicht tut. Denn daß er es in Gedanken für erlaubt hält, beruht darauf, daß er es will und sein Denken zustimmt. Wenn der Mensch daher etwas Böses für erlaubt hält, löst er in seinem Inneren das Band, das es zurückhielt, und nun wird er nur noch durch äußere Bande, d.h. durch Furcht, davon abgehalten, es auch zu tun. Und weil der Geist des Menschen das Böse begünstigt, tut er es auch, so­bald die äußeren Bande in Wegfall kommen, da er es ja für er­laubt hält. Bis dahin tut er es nur beständig in seinem Geist. Hierzu vergleiche man, was in der „Lebenslehre für das Neue Jerusalem“ in # 108 113 dargelegt wurde.

Durch diese beiden Anlagen wird der Mensch vom Herrn umgebildet und wiedergeboren, was ohne sie nicht möglich wäre.

*82. Wie der Herr lehrt, kann nie­mand das Reich Gottes sehen, wenn er nicht von neuem ge­boren wird (Joh. 3/3, 5, 7). Wenigen Menschen aber ist be­kannt, was von neuem geboren oder wiedergeboren werden heißt. Das liegt daran, daß man bisher keine rechte Vorstel­lung davon hatte, was Liebe (amor) und tätige Liebe (chari­tas), mithin auch nicht, was Glaube ist. Wer nicht weiß, was Liebe und tätige Liebe ist, kann aber auch nicht wissen, was Glaube ist, weil tätige Liebe und Glaube ebenso eine Einheit sind, wie die Neigung des Willens und das Denken des Ver­standes. Diese Einheit ist in den Werken „Die göttliche Liebe und Weisheit“ # 427 431 und „Die Lehre des Neuen Jerusa­lems vom Glauben“ # 13 24 beschrieben worden. Man ver­gleiche aber auch oben # 3 20.

*83. Es kann aber deshalb niemand ins Reich Gottes kom­men, der nicht von neuem geboren ist, weil der Mensch zwar durch Vererbung von seinen Vorfahren her in alle Arten von Bösem hineingeboren wird, zugleich aber mit der Fähigkeit, das Böse zu entfernen und dadurch geistig zu werden. Wird er nicht geistig, kann er nicht in den Himmel kommen. Aus einem natürlichen ein geistiger Mensch werden, das ist von neuem geboren oder wiedergeboren werden. Will man aber wissen, wie der Mensch wiedergeboren wird, muß man die folgenden drei Punkte beachten: Der erste Zustand des Menschen ist der Zustand der Verdammnis, der zweite der Zustand der Umbil­dung und der dritte der der Wiedergeburt.

Im ersten Zustand, dem der Verdammnis, ist der Mensch aufgrund der Vererbung von Seiten seiner Vorfahren (a parentibus), durch die er in die Eigenliebe und Weltliebe hin­eingeboren wird, und damit in Böses aller Art, die daraus wie aus ihrer Quelle hervorgehen. Die Lustreize dieser Liebesarten leiten ihn und bewirken, daß er kein Bewußtsein seines Bösen hat. Jeder Lustreiz einer Liebe wird nämlich als etwas Gutes empfunden. Deshalb erkennt auch der Mensch, wenn er nicht wiedergeboren wird, als wahres Gut nichts anderes an als sich selbst und die Welt über alles zu lieben, und als höchstes Gut, alle anderen zu beherrschen und ihre Güter zu besitzen. Hier­aus entsteht auch alles Böse; denn ein solcher Mensch be­trachtet niemanden außer sich selbst mit Liebe, und wenn er es scheinbar doch tut, so wie ein Teufel den anderen und ein Schurke den anderen, wenn sie zusammenwirken.

Menschen, die sich durch den Lustreiz der beiden ge­nannten Arten der Liebe und in dem aus ihnen entspringenden Bösen bestärken, bleiben natürlich und werden schließlich fleischlich sinnlich (sensualis corporei). In ihren Gedanken, die ihrem eigenen Geist entspringen, sind sie unvernünftig, können jedoch, solange sie in der Welt sind, vernünftig und weise reden und handeln, sind sie doch Menschen mit Ver­nunft und Freiheit. Auch dies entspringt aber bei ihnen der Eigen  und Weltliebe. Werden solche Menschen nach dem Tode zu Geistern, können sie nur den Lustreiz empfinden, den sie in der Welt im Geist hegten und der der höllischen Liebe angehört, der sich nun in Unlust, Schmerz und Grausen ver­wandelt. Im Wort wird das unter der Qual und unter dem höl­lischen Feuer verstanden. Damit ist deutlich, daß der erste Zu­stand des Menschen die Verdammnis ist und sich alle darin be­finden, die sich nicht wiedergebären lassen.

Der zweite Zustand des Menschen ist der der Um­bildung. Er tritt ein, wenn der Mensch im Blick auf die himm­lische Freude an den Himmel und damit auch an Gott zu den­ken beginnt, von dem ja die himmlische Freude stammt. Diese Gedanken an die Freuden des Himmels entspringen bei ihm freilich zuerst der Lust der Selbstliebe. Solange deren Lustreiz zusammen mit dem des daraus entspringenden Bösen herrscht, kann er sich nur vorstellen, man komme in den Himmel, wenn man sich im Gebet ergieße, Predigten anhöre, am heiligen Abendmahl teilnehme, Almosen gebe, den Bedürftigen bei­stehe, Geld für die Kirche spende, Spitäler unterstütze und der­gleichen mehr. In diesem Zustand nimmt der Mensch nur an, daß schon allein das Denken an die religiösen Lehren selig mache, nenne man es nun Glaube oder Glaube und Liebe. Die Meinung, schon das Denken dieser Dinge mache selig, beruht darauf, daß ihm sein Böses nicht bewußt wird, dessen Lüste ihn erfüllen, und solange das der Fall ist, bleibt das Böse. Diese Lüste entstehen aus der Begierde danach, die beständig darauf ausgeht und es auch hervorbringt, sofern nicht Furcht den Menschen zurückhält.

Solange aber das Böse in den Begierden seiner Liebe und den daraus hervorgehenden Lustreizen fortbesteht, ist weder Glaube, Nächstenliebe noch Frömmigkeit und Gottes­dienst vorhanden, es sei denn im Äußeren, das vor der Welt so erscheint, obwohl es in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Man kann es mit dem Wasser einer unreinen Quelle verglei­chen, das ungenießbar ist. Solange jedoch der Mensch nur an den Himmel und an Gott denkt, wie es ihn seine Religion lehrt, sich aber gar nicht bewußt ist, daß das Böse Sünde ist, verharrt er noch im ersten Zustand. In den zweiten, den der Umbil­dung, gelangt er erst, wenn er darüber nachzudenken beginnt, daß etwas Sünde und — mehr noch — daß dies oder jenes Sünde sei und eine Zeitlang bei sich danach forscht und sie nicht be­gehen will.

Der dritte Zustand des Menschen, der der Wie­dergeburt, nimmt den vorigen Zustand auf und knüpft an ihn an. Er beginnt, wenn der Mensch vom Bösen absteht, weil es Sünde ist. Er schreitet in dem Maße fort, wie er es flieht und vollendet sich, soweit er dagegen ankämpft und es dann aus dem Herrn überwindet; dann ist er wiedergeboren. Bei dem, der wiedergeboren wird, kehrt sich seine Lebensordnung um, und er wird aus einem natürlichen zu einem geistigen Men­schen. Das vom Geistigen getrennte Natürliche ist nämlich der Ordnung entgegengesetzt, während das Geistige mit der Ord­nung übereinstimmt. Daher handelt der wiedergeborene Mensch aus tätiger Liebe und macht zu seinem Glauben, was zu seiner tätigen Liebe gehört. Dennoch wird er nur in dem Maße geistig, wie er in der Wahrheit steht. Jeder Mensch wird nämlich durch Wahrheiten und ein ihnen gemäßes Leben wie­dergeboren. Denn mit Hilfe der Wahrheiten versteht er das Leben, und im Leben verwirklicht er sie. Auf diese Weise ver­bindet er Gutes und Wahres, und das ist die geistige Ehe, in welcher der Himmel liegt.

*85. Allein durch jene beiden Fähigkeiten — Vernunft und Freiheit genannt — kann der Mensch umgebildet und wieder­geboren werden, weil er nur durch seine Vernunft versteht und weiß, was böse und gut, folglich auch was falsch und wahr ist, und weil er die Freiheit hat, zu wollen, was er versteht und weiß. Solange er aber von der Lust seiner Liebe zum Bösen be­herrscht wird, kann er das Gute und Wahre nicht aus freien Stücken wollen und zu einer Angelegenheit seiner Vernunft machen. Er ist daher unfähig, es sich anzueignen. Wie oben nachgewiesen wurde, wird ja dem Menschen nur das angeeig­net, was er in Freiheit und in Übereinstimmung mit seiner Ver­nunft tut. Wird es ihm nicht als das Seinige angeeignet, kann der Mensch nicht umgebildet und wiedergeboren werden. Der Mensch handelt aber erst dann aus der Lust der Liebe zum Guten und Wahren, wenn die Lüste der Liebe zum Bösen und Falschen entfernt sind; denn zwei einander entgegengesetzte Lustreize der Liebe können nicht gleichzeitig bestehen. Wer aus der Lust seiner Liebe handelt, handelt in Freiheit, und weil die Vernunft diese Liebe begünstigt, heißt das zugleich, daß er auch seiner Vernunft gemäß handelt.

*86. Gute wie böse Menschen verfügen über Vernunft und Freiheit darum können die einen wie die anderen verste­hen, was wahr ist und tun, was gut ist. Der böse Mensch ver­mag es aber nicht aus freiem Willen und in Übereinstimmung mit seiner Vernunft, wie der gute; denn der böse ist von der Lust seiner Liebe zum Bösen beseelt, der gute hingegen von der Lust seiner Liebe zum Guten. Aus diesem Grund wird dem bösen Menschen das Wahre, das er versteht und das Gute, das er tut, nicht als das Seine angeeignet, wie dem guten. Ohne sol­che Aneignung ist aber eine Umbildung und Wiedergeburt un­möglich. Beim bösen Menschen bildet nämlich das Böse mit dem zugehörigen Falschen gleichsam den Mittelpunkt, das Gute mit seinem Wahren hingegen die Peripherie. Anders beim guten Menschen: sein Mittelpunkt ist das Gute mit dem zu­gehörigen Wahren, während sich das Böse mit seinem Falschen in der Peripherie befindet. Bei beiden aber dringt, was im Mit­telpunkt ist, in die Umkreise ein, ähnlich wie von einem Feuer nach allen Seiten Wärme, vom Frost aber nach allen Seiten Kälte ausströmt. Auf diese Weise wird das Gute, das sich bei bösen Menschen an der Peripherie befindet, vom Bösen in ihrem Mittelpunkt befleckt, während das Böse, das sich bei guten Menschen an der Peripherie befindet, vom Guten in ihrem Zentrum gelindert wird. Darum verdammt das Böse den Wiedergeborenen nicht, macht andererseits aber das Gute den nicht selig, der nicht wiedergeboren ist.

Mithilfe dieser beiden Anlagen kann der Mensch umgebildet und wiedergeboren werden, soweit er durch sie zur Anerkennung gebracht werden kann, daß alles Gute und Wahre, das er denkt und tut, vom Herrn und nicht von ihm selbst stammt.

*87. Oben wurde ge­zeigt, was unter Umbildung und Wiedergeburt zu verstehen ist, ebenso, daß der Mensch mithilfe der beiden Anlagen — Ver­nunft und Freiheit — umgebildet und wiedergeboren wird. Und weil dem so ist, soll über diese beiden Anlagen noch ein wenig gesagt werden. Die Vernunft befähigt den Menschen zu verste­hen und die Freiheit, zu wollen — beides wie aus sich. Doch kann nur der Wiedergeborene das Gute aus freiem Willen wol­len und es seiner Vernunft gemäß ausführen. Der Böse ist aus freiem Willen nur zu Bösem fähig und führt es in Übereinstim­mung mit seinen Gedanken aus, die es mithilfe „guter Gründe“ gleichsam seiner Vernunft aneignen. Böses läßt sich ja ebenso begründen wie Gutes, freilich nur durch Trugschlüsse und scheinbare Gründe (apparentias), die zu Falschheiten werden, die — gut begründet — vernünftig erscheinen.

*88. Wer immer über einen tiefer eindringenden Verstand verfügt, vermag einzusehen, daß der Mensch nicht von sich aus wollen und verstehen kann, sondern nur von Dem her, der das Können selbst ist, d.h. zu dessen Wesen es gehört. Man denke nur darüber nach, woher das Können stammt und frage sich, ob nicht von Ihm, in dessen Macht es steht, d.h. der es in sich selbst, also von sich selbst besitzt. Daher ist das Können an sich etwas Göttliches. Zu jedem Können gehört zudem die Gele­genheit (copia), die gegeben sein muß, somit eine Bestimmung (determinatio) durch jemand, der innerlicher und höher ist, als man selbst. Auge, Ohr, Mund und Hand können nicht von sich aus sehen, hören, reden oder handeln; immer muß eine Gele­genheit und eine Bestimmung vom Gemüt her vorliegen. Aber auch das Gemüt kann von sich aus nicht dies oder das denken und wollen ohne etwas, das inwendiger oder höher ist als es selbst und es dazu bestimmt. Dasselbe gilt für die Fähigkeiten, etwas einsehen und wollen zu können. Auch sie können allein von Ihm her sein, der das Wollen und Verstehen selbst ist. Damit ist klar, daß beide Anlagen, die wir als Vernunft und Freiheit bezeichnet haben, vom Herrn und nicht vom Men­schen selbst stammen. Und weil dem so ist, kann der Mensch überhaupt nichts von sich aus wollen und erkennen, sondern nur wie von sich. Die Gründe dafür vermag jeder herauszufin­den, wenn er nur weiß und glaubt, daß der Wille zu allem Guten und das Verständnis jeder Wahrheit vom Herrn und nicht vom Menschen stammt. Das Wort bei Johannes lehrt, „der Mensch könne nichts von sich selbst nehmen und nichts von sich selbst tun“ (Joh. 3/27 und 15/5).

*89. Da nun alles Wollen einer Liebe und alles Verstehen einer Weisheit entspringt, ergibt sich, daß die Fähigkeit zu wol­len ihren Ursprung in der göttlichen Liebe und die Fähigkeit zu verstehen in der göttlichen Weisheit hat, letztlich also im Herrn, der die göttliche Liebe und Weisheit selbst ist. Mit anderen Worten: es gibt keinen anderen Ursprung für unser Handeln aus freiem Willen nach der Vernunft: und jeder handelt seiner Vernunft gemäß, weil der freie Wille ebenso wie die Liebe nicht vom Wollen getrennt werden kann. Der Mensch besitzt aber ein inneres und ein äußeres Wollen, und er kann — getrennt vom inneren — auch aus dem äußeren allein handeln; das ist die Art der Heuchler und Speichellecker. Dennoch beruht auch das äußere Wollen auf dem freien Willen, weil es der Neigung entspringt, anders zu scheinen als zu sein oder auch aus der Neigung zu etwas Bösem, das der Betreffende aufgrund der Liebe seines inneren Willens beabsichtigt. Aber, wie oben dar­gelegt wurde, ein böser Mensch kann aus freiem Willen und nach seiner Vernunft nur Böses, nicht aber Gutes tun. Das heißt, er kann es zwar tun, aber nicht aus innerem freien Wil­len, der sein eigentlicher freier Wille ist und von dem her auch sein äußerer freier Wille eben nicht gut ist.

*90. Es heißt, der Mensch könne nur soweit umgebildet und wiedergeboren werden, als er durch die genannten beiden Fähigkeiten zur Anerkennung zu bewegen ist, daß alles Gute und Wahre, das er denkt und tut, vom Herrn und nicht von ihm selbst stammt. Der Mensch kann das aber nur durch jene bei­den Fähigkeiten anerkennen, weil sie vom Herrn stammen und dem Herrn beim Menschen angehören, wie aus dem oben Aus­geführten deutlich wurde. Daraus folgt auch, daß der Mensch nicht von sich, sondern nur vom Herrn aus dazu gelangen kann, obgleich wie von sich, weil der Herr das einem jeden verleiht. Selbst wenn der Mensch meint, er vermöge es aus sich, sobald er weise geworden ist, muß er doch anerkennen, daß das nicht stimmt. Andernfalls ist das Wahre, das er denkt, nicht wirklich wahr und das Gute, das er tut, nicht wirklich gut, weil dahinter nur der Mensch selbst steht und nicht der Herr. Gutes, hinter dem nur der Mensch selbst steht und das um der ewigen Seligkeit willen getan wird, ist auf Verdienst aus; anders das Gute, hinter dem der Herr steht: es sucht kein Verdienst.

*91. Nur bei wenigen ist aber der Verstand zur Einsicht fähig, daß der Mensch umgebildet und wiedergeboren wird, wenn er zur Anerkennung des Herrn gelangt und daß alles Gute und Wahre von Ihm stammt. Man kann nämlich auf den Gedanken verfallen: Bedarf es überhaupt einer solchen Aner­kennung, da doch der Herr allmächtig ist und alle selig machen will? Er kann es ja auch tun, wenn er nur zur Barmherzigkeit bewogen wird. Hinter solchen Gedanken steht aber nicht der Herr; sie beruhen daher nicht auf der inneren Schau des Ver­standes, d.h. einer gewissen Erleuchtung. Darum soll hier mit wenigen Sätzen gesagt werden, was die Anerkennung bewirkt.

In der geistigen Welt, wo die Räume nur Scheinbar­keiten (apparentiae) sind, bewirkt Weisheit Gegenwart und Liebe Verbindung, bzw. umgekehrt. Die Anerkennung des Herrn kann aber aus Weisheit oder Liebe hervorgehen. Aner­kennung des Herrn aus Weisheit, die an sich nur Erkenntnis ist, beruht auf der Lehre; Anerkennung des Herrn aus Liebe aber auf dem Leben nach der Lehre. Aus dieser ergibt sich Verbin­dung, aus jener nur Gegenwart. Darum entfernen sich Men­schen, die die Lehre vom Herrn zurückweisen, von ihm, und weil sie damit zugleich auch das Leben nach der Lehre ver­werfen, trennen sie sich von ihm. Menschen hingegen, die zwar nicht die Lehre vom Herrn, wohl aber das Leben danach zurückweisen, sind dem Herrn gegenwärtig, aber getrennt von ihm. Sie gleichen Freunden, die miteinander reden, einander aber nicht lieben, oder sind wie zwei Menschen, von denen der eine wie ein Freund mit dem anderen spricht, ihn aber dabei doch haßt, als sei er sein Feind.

Das ist auch der allgemein anerkannten Vorstellung zu entnehmen, daß selig wird, wer richtig lehrt und gut lebt, nicht aber wer zwar richtig lehrt, aber selber ein schlechtes Leben führt. Man weiß auch, daß nur selig werden kann, wer Gott an­erkennt. Damit ist auch klar, was das für eine Art von Religion ist, aufgrund des Glaubens an den Herrn zu denken, wie man so sagt, aber nichts aus Nächstenliebe zu tun. Dazu sagt der Herr:

„Was nennt ihr mich aber Herr, Herr und tut nicht, was ich sage? Jeder, der zu mir kommt und meine Worte hört und sie tut, gleicht einem Menschen, der ein Haus baut und den Grund auf den Felsen gelegt hat; wer sie aber hört und nicht tut, gleicht einem Menschen, der ein Haus aufs Erdreich baute, das keinen Grund hat.“ (Luk. 6/46 49)

Die Verbindung des Herrn mit dem Men­schen und die wechselseitige Verbindung des Menschen mit dem Herrn geschieht durch diese beiden Anlagen.

*92. Verbindung mit dem Herrn und Wiedergeburt sind ein und das­selbe. In dem Maß nämlich, in dem jemand mit dem Herrn ver­bunden ist, ist er auch wiedergeboren. Alles, was oben über die Wiedergeburt zu lesen war, gilt daher auch für die Verbin­dung mit dem Herrn. Bei Johannes lehrt der Herr selbst, daß es eine Verbindung des Herrn mit dem Menschen und eine ge­genseitige des Menschen mit dem Herrn gibt, sagt er doch:

„Bleibt in mir und ich in euch, wer in mir bleibt und ich in ihm, der trägt viel Frucht,“ (Joh. 15/4 5) und

„An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß ... ihr in mir seid und ich in euch.“ (14/20)

Schon die bloße Vernunft zeigt, daß es keine Verbin­dung der Seelen gibt, die nicht auch gegenseitig wäre, da Ge­genseitigkeit verbindet. Liebt einer den anderen, wird aber nicht wiedergeliebt, weicht der eine im selben Maß zurück wie der andere sich ihm nähert. Wird die Liebe erwidert, dann nähern sich beide einander, und es entsteht eine Verbindung. Die Liebe will auch geliebt werden. Das liegt in ihrem Wesen, und in dem Maß, wie sie auf Gegenliebe stößt, ist sie bei sich und in ihrer Lust. Damit ist deutlich: Liebte nur der Herr sei­nerseits den Menschen, würde aber von diesem nicht wieder­geliebt, dann würde sich zwar der Herr dem Menschen nahen, dieser sich aber von ihm zurückziehen. Der Herr würde also beständig wünschen, mit dem Menschen zusammenzukommen und zu ihm einzugehen, der Mensch aber sich von ihm ab­wenden und entfernen. So ist es auch bei den Höllenbewoh­nern, aber mit den Himmlischen besteht eine wechselseitige Verbindung.

Weil der Herr um des Heils des Menschen willen mit ihm verbunden sein will, hat er vorgesehen, daß beim Men­schen etwas Gegenseitiges sei. Dieses besteht darin, daß das Gute, das der Mensch aus freiem Willen tut und das Wahre, das er aus seiner Vernunft will, denkt und spricht, den Anschein er­wecken, sie kämen aus dem Menschen selbst. Der Mensch hat wirklich den Eindruck, das Gute seines Willens und das Wahre seines Verstandes seien sein Eigentum und sie gingen aus ihm hervor. Ein Unterschied ist nicht zu bemerken. Man achte ein­mal darauf, ob jemand es, selbst wenn er alle seine Sinne an­spannt, anders empfinden kann. Zu diesem Anschein, es komme aus dem Menschen selbst, vergleiche man oben # 74-­77 und zur Aneignung des Guten und Wahren als das Seinige # 78 81. Der einzige Unterschied besteht in folgendem: der Mensch muß anerkennen, daß er nicht aus sich das Gute tut und das Wahre denkt, sondern aus dem Herrn, folglich Gutes und Wahres in Wirklichkeit nicht sein eigen sind. Wer aus einer Liebesregung so will und denkt, weil es wahr ist, bewirkt eine Verbindung mit dem Herrn; denn so blickt er auf den Herrn, wie dieser auf ihn.

*93. Es wurde mir vergönnt, in der geistigen Welt zu hören und zu sehen, welch ein Unterschied zwischen denen besteht, die annehmen, alles Gute stamme vom Herrn, und den anderen, die es sich selbst zuschreiben. Erstere wenden ihr Antlitz ihm zu und nehmen den Lustreiz und die Wonnegefühle des Guten auf, letztere hingegen haben nur sich selbst im Auge und meinen, sich Verdienste erworben zu haben. Und weil sie nur auf sich selbst blicken, können sie lediglich die Lust ihres „Guten“ empfinden, die in Wirklichkeit eine Lust des Bösen ist, da das Eigene des Menschen böse ist und ein solcher Lustreiz, wenn er auch als gut empfunden wird, in Wirklichkeit eine Hölle ist. Menschen, die auch nach ihrem Tode diese Wahrheit nicht aufnehmen und glauben, Gutes aus sich getan zu haben, mischen sich unter die höllischen Geister, mit denen sie schließlich eins werden. Menschen hingegen, die diese Wahr­heit dann aufnehmen, werden umgebildet, doch nehmen nur solche diese Wahrheit auf, die im Leben zum Herrn aufgeblickt hatten. Zum Herrn aufblicken, heißt aber nichts anderes als das Böse fliehen, weil es Sünde ist.

*94. Die Verbindung des Herrn mit dem Menschen und die des Menschen mit dem Herrn kommt zustande, wenn man seinen Nächsten liebt wie sich selbst, den Herrn aber über alles. Den Nächsten lieben wie sich selbst heißt aber lediglich, redlich und gerecht mit ihm zu verfahren, keinen Haß gegen ihn zu hegen, nicht in Rachegedanken gegen ihn zu entbren­nen, ihn nicht zu lästern und zu verleumden, mit seiner Frau keinen Ehebruch zu begehen und ihm auch sonst kein Unrecht zuzufügen. Wer sähe nicht, daß Menschen, die dergleichen be­gehen, den Nächsten keineswegs wie sich selbst lieben? Wer diese Dinge unterläßt, weil sie etwas Böses gegen den Näch­sten und zugleich eine Sünde gegen den Herrn sind, verfährt redlich, gerecht, freundschaftlich und getreu mit seinem Näch­sten. Und weil der Herr ebenso handelt, entsteht eine ge­genseitige Verbindung. Ist aber die Verbindung gegenseitig, dann schöpft der Mensch alles, was er seinem Nächsten tut, aus dem Herrn, und das ist wirklich gut. Nicht die Person gilt ihm dann als Nächster, sondern deren Gutes.

Den Herrn über alles zu lieben aber heißt auch: Seinem Wort nichts Böses zufügen, weil der Herr im Wort ist, auch nicht den heiligen Dingen der Kirche, weil darin ebenfalls der Herr ist. Das gleiche gilt auch für die Seele eines anderen Men­schen, weil die Seele jedes Menschen in der Hand des Herrn liegt. Wer diese Arten des Bösen als schwere Sünde flieht, der liebt den Herrn über alles. Das können jedoch nur Menschen, die den Nächsten wie sich selbst lieben, da beide Liebesgebote mit einander in Verbindung stehen.

*95. Weil es eine Verbindung des Herrn mit dem Men­schen und des Menschen mit dem Herrn gibt, waren dem Mose auch zwei Gesetzestafeln gegeben, eine, die den Herrn, und eine andere, die den Menschen betrifft. Soweit der Mensch die Gesetze seiner Tafel wie aus sich erfüllt, insoweit verleiht ihm der Herr, auch die Gesetze der auf ihn bezogenen Tafel zu er­füllen. Ein Mensch hingegen, der die Gesetze seiner Tafel nicht erfüllt, die sich samt und sonders auf die Nächstenliebe bezie­hen, kann die Gesetze auf der den Herrn betreffenden Tafel nicht halten, die sich sämtlich auf die Liebe zum Herrn bezie­hen. Wie könnte ein Mörder, ein Dieb, ein Ehebrecher oder falscher Zeuge den Herrn lieben? Sagt einem nicht schon die bloße Vernunft, daß das ein innerer Widerspruch wäre? Ist nicht das die Art des Teufels, und kann der etwas anderes als Haß gegen Gott hegen? Verabscheut hingegen ein Mensch Mord, Ehebruch, Diebstahl und falsches Zeugnis als etwas Höl­lisches, so kann er Gott lieben. Er wendet sein Antlitz dem Herrn zu und vom Teufel ab, und infolgedessen wird ihm Liebe und Weisheit gegeben. Diese aber gehen in den Menschen durch's Antlitz und nicht durch's Genick ein. Weil auf diese und keine andere Weise die Verbindung mit dem Herrn zu­stande kommt, wurden die beiden Gesetzestafeln auch als „Bund“ bezeichnet; denn ein Bund besteht zwischen Zweien.

Der Herr erhält diese beiden Anlagen un­geschmälert und als etwas Unverletzliches (ac ut sanc­tas), wie weit auch seine göttliche Vorsehung voran­schreitet, weil der Mensch ohne sie keinen Willen und Ver­stand hätte, also kein Mensch wäre.

*96. Hinzu kommt, daß der Mensch ohne diese beiden Anlagen nicht mit dem Herrn ver­bunden, also nicht umgebildet und wiedergeboren werden könnte. Zudem besäße er ohne dieselben weder Unsterblich­keit noch ewiges Leben. Das ist zwar schon klar aufgrund der Erkenntnis, die im Vorhergehenden hinsichtlich Freiheit und Vernunft mitgeteilt wurde, die eben jene beiden Anlagen sind. Aber es wird doch erst deutlich, wenn die Schlußfolgerungen anschaulich dargestellt werden. Darum sollen sie nochmals beleuchtet werden.

Ohne jene beiden Anlagen (oder Fähigkeiten) hätte der Mensch keinen Willen und Verstand, wäre also kein Mensch. Der Wille des Menschen beruht nämlich darauf, daß er wie aus sich frei wollen kann, und das wiederum beruht auf der ihm vom Herrn verliehenen Anlage, Freiheit genannt. Nicht anders verhält es sich mit dem Verstand des Menschen: er be­ruht darauf, daß er wie aus sich einsehen kann, ob etwas der Vernunft entspricht oder nicht, und das beruht wiederum auf der anderen ihm vom Herrn verliehenen Anlage, Vernunft ge­nannt. Diese beiden Anlagen (oder Fähigkeiten) verbinden sich beim Menschen wie Wille und Verstand, denn weil er wol­len kann, kann er auch verstehen. Es gibt kein Wollen ohne Verstehen. Das Verstehen ist dessen Teilhaber oder Gefährte, ohne den es nicht bestehen könnte. Mit der Anlage zur Freiheit ist daher auch die Anlage zur Vernunft gegeben. Entferne das Wollen vom Verstehen, und du wirst nichts verstehen:

In dem Grade aber, wie du willst, kannst du auch ver­stehen, vorausgesetzt die nötigen Mittel dazu — die Kenntnisse — seien vorhanden oder würden zugleich mit dem Wollen eröff­net. Kenntnisse sind wie die Werkzeuge des Arbeiters. Ich sagte, in dem Grade, wie du willst, kannst du auch verstehen, d.h. in dem Grad, wie du Verständnis liebst, weil Wille und Liebe einheitlich zusammenwirken. Das mag zwar als Wider­spruch erscheinen, doch nur denen, die das Verständnis nicht lieben, also auch nicht wollen. Sie behaupten dann, sie könn­ten es nicht. Wer wirklich nicht kann und es nur mit Mühe kann, soll im folgenden Abschnitt gezeigt werden.

Ohne weitere Begründung ist klar: Der Mensch wäre nicht Mensch, hätte er nicht aufgrund seiner Anlage zur Frei­heit einen Willen und aufgrund seiner Anlage zur Vernunft Ver­stand. Die Tiere haben diese Anlagen nicht. Zwar scheint es, als ob Tiere auch wollen und verstehen könnten, aber dem ist nicht so. Sie werden zu ihrem Tun ausschließlich angeleitet und angetrieben durch natürliche Neigung, die an sich nichts als Begierde ist, und die damit verbundene Kenntnis. Zu die­sen gehört zwar auch Ziviles und Moralisches, aber sie stehen nicht darüber, weil sie nichts Geistiges haben, um sich des Mo­ralischen bewußt zu werden und es auf analytische Weise durchzudenken. Man kann sie zwar zu einem bestimmten Tun abrichten, doch bleibt das etwas bloß Natürliches, das ihrer Kenntnis und gleichzeitig ihrem Trieb hinzugefügt wird und durch Gesicht oder Gehör wiedergegeben wird, jedoch nicht in ihr Denken, geschweige denn in die Vernunft eingeht. Etwas mehr darüber oben in # 74.

Ohne diese beiden Anlagen könnte der Mensch nicht mit dem Herrn verbunden also auch nicht umgebildet und wiedergeboren werden, wie oben gezeigt wurde. In diesen bei­den Anlagen wohnt nämlich der Herr beim Menschen; mit ihrer Hilfe verbindet er sich mit jedem, er sei böse oder gut. Darum kann der Böse ebenso zur Einsicht gelangen wie der Gute, beide haben also der Anlage nach den Willen zum Guten und die Erkenntnis des Wahren. Daß die Wirklichkeit oft anders aussieht, beruht auf dem Mißbrauch jener Anlagen. Der Herr wohnt in jedem Menschen in jenen Anlagen. Das beruht dar­auf, daß er mit seinem Willen in den Menschen einfließt, auf­genommen, Wohnung bei ihm nehmen und ihm die Seligkei­ten des ewigen Lebens schenken möchte. Aufgrund dieses Wil­lens erscheint dem Menschen das, was er denkt, redet, will und tut als sein Eigentum.

Diese Wirkung des göttlichen Einflusses kann durch vielerlei aus der geistigen Welt begründet werden, füllt doch zuweilen der Herr einen Engel derart mit seinem Göttlichen aus, daß dieser meint, er sei selbst der Herr. Das war der Fall bei den Engeln, die dem Abraham, der Magd Hagar und dem Gideon erschienen und sich daher als Jehovah bezeichneten, wie im Wort nachzulesen ist. Ähnlich kann auch ein Geist von einem anderen so ausgefüllt werden, daß er meint, er sei der andere. Das habe ich öfter beobachtet. Im Himmel weiß man, daß der Herr durch seinen Willen alles bewirkt und ge­schieht, was Er will. Damit liegt vor Augen, daß sich der Herr durch die genannten beiden Fähigkeiten mit dem Menschen verbindet, und daß er durch sie auch bewirkt, daß der Mensch seinerseits mit ihm verbunden wird. Wie das ge­schieht und wie er dadurch umgebildet und wiedergeboren wird, wurde oben dargelegt und soll weiter unten noch wei­ter ausgeführt werden.

Ohne die beiden genannten Fähigkeiten wäre der Mensch weder unsterblich noch hätte er ewiges Leben. Das folgt aus dem, was soeben ausgeführt wurde, insofern durch diese Fähigkeiten eine Verbindung mit dem Herrn und sodann die Umbildung und Wiedergeburt bewirkt wird. Durch die Verbin­dung ist er unsterblich und durch die Umbildung und Wieder­geburt hat er ewiges Leben. Die beiden genannten Fähigkeiten bewirken die Verbindung des Herrn mit jedem Menschen, er sei gut oder böse. Darum hat, wie gesagt, jeder Mensch Un­sterblichkeit, ewiges Leben aber, das heißt das himmlische Leben, nur der, bei dem das Innerste und das Äußerste gegen­seitig verbunden sind. Hieraus kann man ersehen, weshalb der Herr diese beiden Fähigkeiten beim Menschen unversehrt und als unverletzlich bewahrt, wie weit auch seine Vorsehung vor­anschreitet.

Deshalb ist es die Absicht der göttlichen Vorsehung, daß der Mensch aus freiem Willen nach der Vernunft handeln soll.

*97. Ob man sagt, aus freiem Willen ver­nünftig handeln oder aus Freiheit der Vernunft folgen oder auch aufgrund von Wille und Verstand, läuft aufs selbe hinaus. Ein Unterschied aber besteht zwischen dem vernünftigen Han­deln aus freiem Willen bzw. aus Freiheit der Vernunft zu folgen und dem wahrhaft vernünftigen Handeln aus wahrhaft freiem Willen bzw. aufgrund der wahren Freiheit der wahren Vernunft folgen. Denn ein Mensch, der aus Liebe zum Bösen böse han­delt und das bei sich begründet, handelt zwar vernünftig und aus freiem Willen, aber sein freier Wille ist an sich nicht frei, ist also gar kein freier Wille. Er ist vielmehr ein höllischer freier Wille, der gleichbedeutend ist mit Knechtschaft, und seine Ver­nunft ist keine Vernunft an sich. Sie ist entweder unecht oder falsch oder etwas, das nur infolge von Begründungen als Ver­nunft erscheint. Dennoch steht beides unter der göttlichen Vor­sehung; denn würde dem natürlichen Menschen die Freiheit entzogen, das Böse zu wollen und durch Begründungen seiner Vernunft gleichsam anzueignen, gingen Freiheit und Vernünf­tigkeit zugrunde, damit aber auch Wille und Verstand, und so könnte der Mensch nicht mehr vom Bösen weggeführt und umgebildet, also auch nicht mehr mit dem Herrn verbunden werden und ewig leben. Deshalb behütet der Herr die Wil­lensfreiheit des Menschen ebenso wie der Mensch seinen Aug­apfel hütet. Und dennoch zieht der Herr den Menschen mithilfe des freien Willens vom Bösen ab, und in dem Grad, wie ihm das gelingt, pflanzt er ihm mithilfe des freien Willens Gutes ein. Auf diese Weise ersetzt er nach und nach die höllische Wil­lensfreiheit durch die himmlische.

*98. Wie oben gesagt wurde, hat jeder Mensch die Fähig­keit zu wollen, Freiheit genannt, und die Fähigkeit zu erken­nen, Vernunft genannt. Diese Fähigkeiten sind dem Menschen wohlgemerkt wie eingepflanzt, weil auf ihnen das wahrhaft Menschliche beruht. Doch muß man, wie oben gerade gesagt wurde, unterscheiden zwischen einem Handeln aus Freiheit der eigenen Vernunft gemäß und einem Handeln aus wahrer Freiheit und gemäß der wahren Vernunft. Aus wahrer Vernunft und wahrer Freiheit handeln nur Menschen, die sich vom Herrn haben wiedergebären lassen, die anderen handeln zwar aus freiem Willen, aber aus einem Denken, das sie zu einer Schein Vernunft gemacht haben. Aber wer nicht von Geburt an verrückt oder in hohem Maße stumpfsinnig ist, kann gleich­wohl zur wahren Vernunft und durch sie zur wahren Willens­freiheit gelangen. Geschieht dies nicht, so beruht es auf ver­schiedenen Ursachen, die im Folgenden aufgezeigt werden sol­len. An dieser Stelle sei nur gesagt, wem der wahrhaft freie Wille bzw. die wahre Freiheit und damit zugleich die wahre Vernunft bzw. Vernünftigkeit überhaupt nicht und wem sie nicht so leicht gegeben werden kann.

Sie können denen nicht gegeben werden, die verrückt geboren wurden oder später verrückt geworden sind, jeden­falls nicht, solange dieser Zustand anhält. Wahre Freiheit und Vernünftigkeit können auch nicht von Stumpfsinnigen und blöd Geborenen bzw. Menschen, die es geworden sind, emp­fangen werden, weil Müßiggang sie erschlaffen ließ, weil Schwermut das Innere ihres Gemüts verstört bzw. ganz ver­schlossen hat oder weil sie ein tierisches Leben bevorzugen.

Wahre Freiheit und Vernünftigkeit kann man auch bei den Christen nicht finden, die die Gottheit des Herrn und die Heiligkeit des Wortes ganz und gar leugnen und diese Leug­nung bis an ihr Lebensende begründen und beibehalten. Denn das ist zu verstehen unter der „Sünde wider den Heiligen Geist, die nicht vergeben wird, weder in dieser noch in der zukünfti­gen Welt“ (Mat. 12/31 f).

Wahre Freiheit und Vernünftigkeit kann es auch bei den Menschen nicht geben, die alles der Natur und nichts dem Göttlichen zuschreiben, und das aufgrund falscher Vernunft­schlüsse und sichtbarer Phänomene zu ihrem Glauben ge­macht haben; denn diese sind Atheisten.

Bei Menschen, die sich sehr in ihren religiösen Irrtü­mern begründet haben, findet sich selten wahre Freiheit und Vernünftigkeit, sind sie doch als Begründer von Irrtümern Leugner der Wahrheit. Anders verhält es sich bei denen, die diese Irrtümer nicht bei sich begründet haben; sie können zu wahrer Vernunft und Freiheit gelangen, welcher Religion sie auch immer angehören mögen. Man vergleiche, was darüber in der „Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift“ in # 91 bis 97 ausgeführt wurde.

Kinder und Knaben können erst zur wahren Freiheit und Vernünftigkeit gelangen, wenn sie ins reifere Alter kom­men, schließt sich doch das menschliche Gemüt nur allmählich auf. Bis zur Reife ist es wie ein Samenkorn in einer unreifen Frucht, das in der Erde noch keine Keimkraft entwickelt

*99. Wie gezeigt wurde, kann es keine wahre Freiheit und Vernünftigkeit bei Christen geben, die die Gottheit des Herrn und die Heiligkeit seines Wortes leugnen; es kann sie auch bei denen nicht geben, die sich für die Natur gegen das Göttliche entschieden haben und nur mit Mühe bei Menschen, die sich in religiösen Irrtümern sehr bestärkt haben. Dennoch hat von ihnen allen niemand die beiden genannten Fähigkeiten grund­sätzlich verloren. Wie ich hörte, gibt es sogar Atheisten, die Teufel oder Satane geworden sind, aber die Geheimnisse der Weisheit genauso gut verstanden wie die Engel, freilich nur, wenn sie sie von anderen vernahmen. Aber kaum waren sie wieder zu ihren eigenen Gedanken zurückgekehrt, wußten sie nichts mehr davon, und zwar weil sie nichts wissen wollten. Man zeigte ihnen jedoch, daß sie wollen könnten, wenn ihre Liebe zum Bösen und die damit zusammenhängende Lust sie nicht daran hinderte. Auch das verstanden sie, als sie es hör­ten, und versicherten sogar, daß ihnen das klar sei, sie aber nicht können wollten, weil sie dann nicht mehr wollen könn­ten, was sie eigentlich wollten, und das sei nun einmal das Böse, das aus dem Lustreiz seiner Begierde hervorgehe.

Solche bemerkenswerten Dinge habe ich in der Geister­welt oft gehört und mich dadurch vollkommen überzeugen las­sen, daß jeder Mensch Freiheit und Vernunft hat und auch ein jeder die wahre Freiheit und Vernünftigkeit erlangen kann, wenn er nur das Böse als Sünde flieht. Ein erwachsener Mensch aber, der nicht schon in dieser Welt wahre Freiheit und Vernünftigkeit erlangt hat, kann das nach dem Tode nicht mehr nachholen, weil er dann in Ewigkeit so bleibt, wie sein Zustand während seines irdischen Lebens geworden war.

*

Teil 6 - Gesetz der göttlichen Vorsehung besteht darin, daß der Mensch wie aus eigenem Antrieb das Böse als Sünde in seinem äußeren Menschen entferne, denn nur dann kann der Herr auch das Böse in seinem inneren und damit auch vollends in seinem Äußeren beseitigen.


*100. Schon die Vernunft allein kann jedem zeigen, daß der Herr als das Gute und Wahre selbst nicht beim Menschen eingehen kann, ehe dessen Böses und Falsches entfernt ist. Das Böse ist ja der Gegensatz des Guten und das Falsche der des Wahren, und zwei derartige Gegensätze können sich nicht vermischen, vielmehr entsteht zwischen ihnen Kampf, sobald einer dem anderen naht. Und diese Kampf hält solange an, bis einer das Feld räumt und der Sieger dessen Stelle einnimmt. Derartige Gegensätze bilden Himmel und Hölle oder der Herr und der Teufel. Wer vermöchte sich wohl vernünftigerweise vorzustellen, der Herr könne da Einzug halten, wo noch der Teufel herrscht, oder der Himmel könne sein, wo noch die Hölle ist? Wem zeigt nicht die jedem gesunden Menschen ge­gebene Vernunft, daß dort, wo der Herr eingehen soll, zuvor der Teufel ausgetrieben und wo der Himmel eintreten soll, zu­erst die Hölle entfernt werden muß?

Von diesem Gegensatz spricht Abraham, wenn er zum reichen Mann in der Hölle sagt:

„Zwischen uns und euch besteht eine große Kluft, damit die, welche von hier zu euch hinübergehen wollen, es nicht vermögen, noch die, welche dort sind, zu uns her­übergelangen können.“ (Luk. 16/26)

Das Böse selbst ist die Hölle und das Gute selbst der Him­mel, anders ausgedrückt: das Böse selbst ist der Teufel und das Gute selbst der Herr. Der Mensch, in dem das Böse herrscht, ist eine Hölle in kleinster Form, herrscht in ihm hingegen das Gute, ist er ein Himmel in kleinster Form. Wie könnte unter diesen Umständen der Himmel in die Hölle eingehen, zwi­schen denen doch eine so ungeheure Kluft besteht, daß man nicht von einer Seite zur anderen gelangen kann? Folglich muß durchaus zuerst die Hölle entfernt werden, damit der Herr mit dem Himmel beim Menschen eingehen kann.

*101. Aber viele Menschen ahnen gar nicht, daß sie sich in der Hölle befinden, wenn sie im Bösen sind. Dazu gehören be­sonders jene, die sich auf den von der Liebe getrennten Glauben versteift haben; sie wissen nicht einmal, worin das Böse besteht, weil sie nicht darüber nachdenken, sagen sie doch: sie stünden nicht unter dem Joch des Gesetzes, folglich verdamme sie das Gesetz auch nicht. Ferner behaupten sie, da sie selber nichts zu ihrem Heil beizutragen vermöchten, könnten sie weder etwas Böses bei sich entfernen noch etwas Gutes aus sich tun. Es han­delt sich um Menschen, die es unterlassen, über das Böse nach­zudenken und die darum beständig darin sind. Sie sind jene, die der Herr bei Mat. 25/41 46 unter den Bösen versteht. Man ver­gleiche dazu die Schrift „Die Lehre des Neuen Jerusalems vom Glauben“ # 61 68. Bei Ma. 25 heißt es über sie in Vers 41:

„Geht hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das... dem Teufel und seinen Engeln bereitet worden ist.“

Menschen, die nicht über ihr Böses nachdenken, d.h. sich nicht prüfen und dann davon abstehen, wissen natürlich auch nicht, was das Böse ist, und weil es angenehm ist, lieben sie es. Denn wer das Böse nicht kennt, liebt es, und wer nicht darüber nachdenkt, ist fortwährend darin. Er ist dem Bösen gegenüber wie ein Blinder; denn ebenso wie das Auge zwischen dem Schönen und Unschönen unterscheidet, unterscheidet der Gedanke zwischen dem Guten und Bösen. Ein Mensch befin­det sich aber im Bösen, wenn er es denkt und befürwortet, wie auch einer, der sich dem Glauben hingibt, das Böse erscheine vor Gott nicht oder meint, wenn doch, Gott werde es schon vergeben. Auf diese Weise glaubt ein solcher Mensch, bei ihm gebe es kein Böses. Enthält er sich dann des Bösen, so nicht, weil es Sünde gegen Gott ist, sondern weil er die Gesetze und den schlechten Ruf fürchtet. Im Geist tut er es aber doch, weil es ja der Geist ist, der das Böse denkt und will. Was daher ein Mensch auf Erden im Geist denkt und will, das tut er, wenn er die Welt verläßt und zu einem Geistwesen wird.

In der geistigen Welt, in die jeder nach dem Tode kommt, fragt man nicht: Welchen Glauben hattest du und wel­cher Lehre hingst du an? Vielmehr: Wie war dein Leben, also: warst du so oder so? Man weiß dort, daß der Glaube, ja die Lehre ebenso ist wie das Leben, da aus dem Leben sich die Lehre, ebenso wie auch der Glaube bildet.

*102. Aus allem läßt sich erkennen: ein Gesetz der gött­lichen Vorsehung besteht darin, daß das Böse vom Menschen entfernt werden muß, weil sich sonst der Herr nicht mit dem Menschen verbinden und ihn in den Himmel führen kann. Doch weil es noch unbekannt ist, daß der Mensch das Böse in seinem äußeren Menschen wie aus eigener Kraft beiseite schaffen muß und der Herr nur dann auch das Böse in sei­nem inneren Menschen entfernen kann, darum soll es im Licht der Vernunft dargestellt werden, und zwar in dieser Rei­henfolge:

Jeder Mensch verfügt über ein äußeres und ein inneres Denken.

*103.  Unter dem äußeren und inneren Den­ken wird hier etwas ähnliches verstanden wie unter dem äußeren und inneren Menschen, und unter diesem das glei­che wie das Äußere und Innere von Wille und Verstand, weil diese den Menschen ausmachen. Und da diese beiden sich in den Gedanken manifestieren, heißen sie auch das Äußere und Innere des Denkens. Da es nun nicht der Körper, son­dern der Geist des Menschen ist, der will und versteht, also denkt, so ergibt sich, daß dieses Äußere und Innere das des menschlichen Geistes ist. Alles, was der Körper tut — ob er rede oder handle — ist lediglich eine Wirkung aus dem Inne­ren und Äußeren seines Geistes, ist doch der Körper nur ein Ausführender.

*104. Jeder Mensch reiferen Alters verfügt über ein äuße­res und inneres Denken, also auch über ein Äußeres und In­neres in seinem Willen und Verstand, bzw. ein Äußeres und In­neres in seinem Geist, identisch mit dem äußeren und inneren Menschen. Das ist jedem klar, der auf die Gedanken und Ab­sichten anderer Menschen achtet, die er ihren Worten und Taten entnehmen kann. Das gilt auch für seine eigenen, wenn er diese vergleicht, wie sie sind, wenn er in Gesellschaft oder für sich allein ist. Jemand kann ja doch mit einem andern äußerlich freundlich reden, während er ihn in seinen inneren Gedanken als Feind betrachtet. Oder jemand kann aus seinem äußeren Denken und der ihm zugeordneten Neigung über die Liebe zum Nächsten und zu Gott reden, dabei aber seinen Nächsten verachten und Gott nicht fürchten. Ebenso kann sich jemand aus äußerem Denken und äußerer Neigung über die Gerechtigkeit der bürgerlichen Gesetze, die Tugenden eines sittlichen Lebens und andere Dinge auslassen, die zur religiösen Lehre und zum geistigen Leben gehören, wenn er für sich allein ist aber aus seinem inneren Denken und der zugehörigen Neigung all das leugnen. So machen es Menschen, die von den Begierden des Bösen beherrscht sind und das vor der Welt verbergen möchten.

So fragen sich auch die meisten, wenn sie andere in dieser Weise sprechen hören, ob diese wohl innerlich ebenso denken, wie sie reden, ob man ihnen also glauben dürfe oder nicht, und was sie wohl im Sinn hätten. Bekannt ist, daß Schmeichler und Heuchler über ein doppeltes Denken verfü­gen. Sie können sich sehr zusammennehmen und sich davor bewahren, daß ihre inneren Gedanken aufgedeckt werden. Manche bringen es allmählich dazu, es immer tiefer in ihrem Innern zu verbergen und gleichsam die Türen zu verrammeln, damit es nicht zum Vorschein komme. Dem Menschen ist ein äußeres und ein inneres Denken gegeben, wie auch daraus hervorgeht, daß sein inneres Denken ihn das äußere erkennen läßt und er darüber nachdenken und so beurteilen kann, ob es böse ist oder nicht. Diese Beschaffenheit des menschlichen Gemüts ist die Folge jener beiden ihm vom Herrn verliehenen Fähigkeiten, die wir Freiheit und Vernunft nennen. Hätte er da­durch nicht ein äußeres und ein inneres Denken, könnte er gar nichts Böses bei sich wahrnehmen und erkennen, also auch nicht umgebildet werden. Ja, er vermöchte nicht einmal zu reden, sondern nur tierische Laute von sich geben.

*105. Das innere Denken entspringt aus der Lebensliebe samt ihren Neigungen und den daraus hervorgehenden Wahr­nehmungen. Das äußere Denken hingegen beruht auf dem Ge­dächtnisinhalt, welcher der Lebensliebe die Begründungen lie­fert und damit als Mittel zum Zweck dient. Von der Kindheit bis zum Jünglingsalter befindet sich der Mensch aufgrund seiner Wißbegier, die zu der Zeit sein Inneres bildet, im äußeren Den­ken; auch sickert etwas von der Begierde und deren Neigung durch, die aus der Lebensliebe stammen, die ihm von den El­tern her angeboren ist. Später aber gestaltet sich seine eigene Lebensliebe je nachdem wie er lebt, und deren Neigungen samt den daraus resultierenden Wahrnehmungen bilden das Innere seines Denkens. Der Lebensliebe entspringt auch die Liebe zu den Mitteln der Verwirklichung. Deren Lustreize zu­sammen mit den Kenntnissen, die sie aus dem Gedächtnis her­vorrufen, bilden das Äußere seiner Gedanken.

Das Äußere des menschlichen Denkens ist an und für sich ebenso beschaffen, wie dessen Inneres.

*106.  Schon früher wurde gezeigt, daß der Mensch von Kopf bis Fuß beschaffen ist wie seine Lebensliebe. Hier nun zuerst etwas über diese Lebensliebe, weil vorher nichts über die Neigungen gesagt werden kann, die zusammen mit den Wahrnehmungen das Innere des Menschen bilden. Ebenso wenig kann über die Lustreize der Neigungen ausgesagt werden, die zusammen mit den Gedanken sein Äußeres bilden. Es gibt zahlreiche Arten der Liebe, doch zwei davon sind wie ihre Herrscher und Kö­nige, nämlich die himmlische und die höllische Liebe, d.h. die Liebe zum Herrn und zum Nächsten bzw. die Liebe zu sich und zur Welt. Diese beiden Liebesarten sind einander entgegengesetzt wie Himmel und Hölle. Denn wer in der Liebe zu sich selbst und zur Welt gefangen ist, will keinem wohl als sich selbst, doch wer in der Liebe zum Herrn und zum Nächsten ist, will allen wohl. Diese beiden Formen der Liebe sind im Leben der Menschen dominierend (sint amores vitae hominis), doch auf sehr unterschiedliche Art. Die himmlische Liebe ist die Lebensliebe der vom Herrn geführten Menschen, die höllische Liebe die Lebensliebe derer, die vom Teufel geführt werden.

Die Lebensliebe jedes Menschen aber kann nicht be­stehen ohne ihre Ableitungen, die Neigungen. Freilich sind diese bei der höllischen Liebe Neigungen zum Bösen und Falschen, also eigentlich Begierden, hingegen die Ableitungen der himmlischen Liebe Neigungen zum Guten und Wahren, also recht eigentlich deren Freuden (dilectiones). Die Neigun­gen oder besser: Begierden der höllischen Liebe sind ebenso zahlreich wie das Böse selbst, und die Neigungen oder Freu­den der himmlischen Liebe sind ebenso vielfältig wie das Gute. Die Liebe wohnt in ihren Neigungen wie der Herr in seinem Besitz oder wie der König in seinem Reich. Der Besitz oder das Reich erstreckt sich über das ganze Gemüt, d.h. über alles, was Wille und Verstand im Menschen und von ihnen aus auch sei­nem Körper angehört. Durch ihre Neigungen und daraus her­vorgehenden Wahrnehmungen, sowie durch deren Lustreize und Gedanken regiert die Lebensliebe den Menschen, das In­nere seines Gemüts durch die Neigungen und zugehörigen Wahrnehmungen, das Äußere seines Gemüts durch die Lust­reize der Neigungen und daraus entspringenden Gedanken.

*107. Die Form dieser Regierung läßt sich einigermaßen durch Vergleiche erkennen. Die himmlische Liebe mit ihren Neigungen zum Guten und Wahren samt deren Wahrnehmun­gen, zugleich mit den Lustreizen jener Neigungen und den dar­aus resultierenden Gedanken läßt sich mit einem Baum und seinen Zweigen, Blättern und Früchten vergleichen: die Le­bensliebe (amor vitae) ist der Baum, die Zweige mit ihren Blät­tern sind die Neigungen zum Guten und Wahren mit ihren Wahrnehmungen, und die Früchte die Lustreize der Neigungen und die mit ihnen gegebenen Gedanken. Die höllische Liebe hingegen mit ihren Neigungen zum Bösen und Falschen, also mit ihren Begierden, zugleich mit den Lustreizen dieser Be­gierden und deren Gedanken läßt sich mit einer Spinne und ihrem ringsum gespannten Netz vergleichen. Die Liebe selbst ist die Spinne, die Begierden des Bösen und Falschen mit ihren verborgenen Ränken gleichen dem Inneren des rings um die Spinne ausgespannten Netzes, und die Lustreize der Begierden mit ihren arglistigen Tricks (machinationibus) sind die entfern­teren, die Fangfäden, die die Insekten umgarnen, um sie zu verzehren.

*108. Diese Vergleiche lassen zwar die Verbindung zwi­schen allem, was Wille und Verstand oder das Gemüt des Men­schen bildet, mit seiner Lebensliebe erkennen, jedoch nicht auf rationale Weise. Rational läßt sich die Verbindung folgen­dermaßen begreifen: Allenthalben gibt es drei Faktoren, die eine Einheit bilden, und zwar Endzweck, Ursache und Wir­kung. In diesem Zusammenhang ist die Lebensliebe der End­zweck, die Neigungen mit ihren Wahrnehmungen sind die Ur­sache, und die Lustreize der Neigungen mit ihren Gedanken die Wirkung. Denn auf dieselbe Weise wie der Endzweck durch die Ursache zur Wirkung kommt, gelangt auch die Liebe durch ihre Neigungen zu ihren Lustreizen und durch ihre Wahrnehmungen zu ihren Gedanken. Die Wirkungen selbst aber sind dann in den Lustreizen des Gemüts und dessen Ge­danken, wenn die Lustreize in den Willen eingegangen und die Gedanken daraus im Verstand angenommen worden sind, wenn also volle Übereinstimmung herrscht. Dann sind sie Wir­kungen des menschlichen Geistes, die selbst dann für die Tat genommen werden, wenn sie vom Körper nicht ausgeführt werden — vorausgesetzt, die Übereinstimmung ist vorhanden. Sie erfüllen dann auch den Körper, wohnen gemeinsam mit der Lebensliebe in ihm und streben danach, zur Tat zu werden — was auch geschieht, wenn keine Hindernisse im Wege ste­hen. So sieht die Beschaffenheit der Begierden des Bösen und das Böse selbst aus bei Menschen, die das Böse in ihrem Geist für erlaubt halten.

Wie sich der Endzweck mit der Ursache verbindet und durch die Ursache mit der Wirkung, verbindet sich auch die Le­bensliebe mit dem Inneren des Denkens und durch dieses mit dessen Äußerem. Damit ist klar, daß die äußeren Gedanken des Menschen an sich gleich beschaffen sind wie sein inneres Denken. Der Endzweck legt nämlich alles, was zu ihm gehört, in die Ursache und durch die Ursache in die Wirkung. In der Wirkung gibt es nämlich nichts Wesentliches außer der Ursache und was durch die Ursache im Endzweck liegt. Da nun auf diese Weise der Endzweck das wahrhaft Wesentliche ist, das in Ursache und Wirkung eindringt, sagt man auch, Ursache und Wirkung seien der mittlere und der letzte Zweck (finit medius et ultimus).

*109. Zuweilen scheint es, als ob das Äußere des mensch­lichen Denkens an sich anders beschaffen sei als das innere. Doch das beruht darauf, daß die böse Lebensliebe in dem In­neren, das sie umgibt, eine Art Stellvertreter unter sich hat, Liebe zu den Mitteln genannt, dem die Aufgabe zufällt, darüber zu wachen, daß nichts von ihren Begierden zum Vorschein komme. Aus der List seiner Gebieterin, der Lebensliebe, spricht und handelt dieser Stellvertreter formell in Übereinstimmung mit den bürgerlichen Gesetzen des Landes, den sittlichen der Vernunft und den geistigen der Kirche. Manche von ihnen sind so schlau, daß niemand merkt, daß sie nicht so sind wie sie reden und handeln, und schließlich kommt es durch diese Ver­hüllung ihres Inneren so weit, daß sie selbst kaum etwas an­deres wissen. Alle Heuchler sind solcher Art, aber auch Prie­ster, die im Herzen den Nächsten verachten und Gott nicht fürchten, aber Liebe zum Nächsten und zu Gott predigen. Das­selbe gilt für Richter, die ihr Urteil aufgrund von Bestechungen und Freundschaften fällen, dabei aber Eifer für Recht und Ge­rechtigkeit vortäuschen und ihr Urteil mit vernünftigen Grün­den untermauern. Auch Geschäftsleute gehören zu dieser Art, wenn sie unredlichen und betrügerischen Herzens sind und nur um des Gewinns willen aufrichtig handeln. Dasselbe gilt für Ehebrecher, wenn sie ihre Vernunft, die sie wie jeder Mensch besitzen, dazu gebrauchen, von der Heiligkeit der Ehe zu sprechen, usw.

Entkleiden diese Heuchler ihre schön verbrämte Liebe zu den Mitteln, die ihre Lebensliebe vertritt, von den Staats­kleidern und ziehen ihr das Hausgewand an, dann denken sie das genaue Gegenteil und sprechen auch so zuweilen mit ihren besten Freunden, die eine ähnliche Lebensliebe entwickelt haben. Man könnte meinen, das innere Denken dieser Heuch­ler aus Liebe zu den Mitteln sei fern vom äußeren gewesen während ihrer scheinbar redlichen und frommen Reden, allein das trifft nicht zu. Die Heuchelei steckte drin und ebenso die Selbst  und Weltliebe, die mit all ihrer List bis zum Äußersten bemüht ist, sich um der Ehre und des Gewinnes willen einen guten Namen zu erwerben. Die Beschaffenheit des Inneren ist also auch in ihren äußerlichen Gedanken, wenn sie so reden und handeln.

*110. Bei Menschen, welche die himmlische Liebe be­seelt, sind inneres und äußeres Denken, bzw. innerer und äußerer Mensch eins, wenn sie sprechen, und es ist ihnen auch kein Unterschied bewußt. Ihre Lebensliebe mit den Neigungen zum Guten und den daraus stammenden Wahrnehmungen des Wahren beseelt gleichsam alles, was sie denken und von daher reden und tun. Sind solche Menschen Priester, predigen sie aus echter Liebe zum Nächsten und zum Herrn, sind sie Richter, richten sie aus wahrer Gerechtigkeit, sind sie Geschäftsleute, handeln sie in echter Redlichkeit, sind sie verheiratet, lieben sie ihre Gattin in wahrer Keuschheit, usw. Ihre Lebensliebe wird ebenfalls von einer Liebe zu den Mitteln vertreten, die sie dazu anleitet, mit Klugheit zu handeln und auch im Gewand des Eifers für die Wahrheiten der Lehre und das Gute des Le­bens bekleidet.

Das Innere kann von bösen Begierden nur gereinigt werden, soweit das Böse im äußeren Menschen entfernt ist, weil es den Zugang versperrt.

*111. Das folgt aus dem, was oben dargelegt wurde, weil das äußere Denken an sich derselben Art ist wie das innere und sie so nicht nur zu­sammenhängen wie eines innerhalb des anderen, sondern auch wie eins aus dem anderen hervorgehen. Darum können sie nur zugleich mit einander entfernt werden. Mit jedem Äuße­ren, das aus einem Inneren hervorgeht, verhält es sich so; das­selbe gilt für alles Spätere, das aus einem Früheren und mit jeder Wirkung, die aus einer Ursache hervorgeht.

Da bei den Bösen die Begierden zusammen mit ihrer Hinterlist das Innere des Denkens bilden und die Lustreize der Begierden mit ihren Machenschaften das Äußere des Denkens — beide zu einem Ganzen fest verbunden —, so ergibt sich, daß das Innere nur von seinen Begierden gereinigt werden kann, soweit das Böse aus dem äußeren Menschen entfernt ist. Man muß wissen, es ist der innere Wille des Menschen, der seinen Begierden zugrundeliegt und sein innerer Verstand, der die Basis seiner Hinterlist bildet. Dem äußeren Willen aber liegen die Lustreize der Begierden zugrunde und dem äußeren Ver­stand die Machenschaften der Hinterlist. Jeder kann auch ver­stehen, daß die Begierden mit ihren Lüsten eine Einheit bilden, so wie die Hinterlist und ihre Machenschaften, alle vier also in einer Reihe stehen und zusammen gleichsam ein Bündel dar­stellen. Dies zeigt wiederum, das Innere, das aus den Begier­den besteht, kann nur ausgetrieben werden, wenn das aus Bösem bestehende Äußere entfernt wird. Die Begierden brin­gen durch ihre Lustreize das Böse hervor. Wird aber das Böse für erlaubt gehalten, was geschieht, wenn Wille und Verstand darin übereinstimmen, dann bilden Lustreize und Böses eine Einheit. Wie man weiß, kommt eine solche Übereinstimmung der Tat gleich. Darum sagt auch der Herr:

„Wenn jemand das Weib eines anderen ansieht und sie begehrt, so hat er schon die Ehe mit ihr gebrochen in sei­nem Herzen.“ (Mat. 5/28)

Dasselbe gilt für alle anderen Arten des Bösen.

*112. Damit dürfte klar sein, daß die Reinigung des Men­schen von bösen Begierden die Entfernung des Bösen aus sei­nem äußeren Menschen durchaus voraussetzt. Vorher ziehen die Begierden nicht aus, bleiben im Inneren, hauchen die Lust­reize gleichsam aus und bringen den Menschen auf diese Weise zur Zustimmung und somit zur Tat. Die Begierden betreten den Körper auf dem Weg über das äußere Denken; stimmt ihnen dieses daher zu, so sind sie auch schon im Körper. Der Lustreiz, den man empfindet, ist ja körperlich. Der Körper, ja der ganze Mensch ist wie das Gemüt; darüber kann man nachlesen im Werk „Die Göttliche Liebe und Weisheit“ # 362 370. Das läßt sich auch durch Vergleiche und Beispiele erläutern.

Durch Vergleiche: Die Begierden mit ihren Lustreizen gleichen einem Feuer, das umso mehr entflammt, je besser es genährt wird und sich umso weiter verbreitet, je mehr man ihm Spielraum gewährt, bis es schließlich ganze Städte oder Wälder niederbrennt. Tatsächlich werden auch im Wort böse Begier­den mit Feuer verglichen und das ihnen entspringende Böse mit einer Feuersbrunst. In der geistigen Welt erscheinen denn auch böse Begierden samt ihren Lüsten tatsächlich als Feuer, und das höllische Feuer ist nicht anderes. Man kann Begierden auch mit Fluten und Überschwemmungen vergleichen, wenn die Fluten Uferbefestigungen und Dämme durchbrochen haben, oder mit brandigen Stellen und Geschwüren, die den Tod des Körpers verursachen, wenn man sie sich ausbreiten läßt oder sie nicht heilen kann.

Auch Beispiele zeigen, daß die Begierden mit ihren Lustreizen zunehmen und sich ausbreiten, wenn das Böse nicht aus dem äußeren Menschen entfernt wird. Je mehr ein Dieb stiehlt desto mehr begehrt er zu stehlen, bis er es schließlich nicht mehr lassen kann. Dasselbe gilt für den Betrüger, je mehr er betrügt; mit Haß, Rache, Unmäßigkeit, Unbescheidenheit, Unkeuschheit, Lästerung verhält es sich nicht anders. Man weiß auch, daß Machtstreben, das aus Selbstsucht entspringt, im selben Maße wächst, wie man ihm die Zügel schießen läßt. Dasselbe trifft zu für das Besitzstreben, sofern es der Weltliebe ent­springt. Es scheint, als gäbe es für sie weder Ziel noch Grenze. All das zeigt, daß die Begierden des Bösen im selben Maß em­por wuchern, wie das Böse nicht aus dem äußeren Menschen entfernt wird und sie auch im gleichen Maß anwachsen, wie man dem Bösen die Zügel überläßt.

*113. Der Mensch kann von seinen bösen Begierden nur die Lustreize wahrnehmen. Doch über diese denkt er wenig nach, denn sie erfreuen seine Gedanken und verdrängen das Nachdenken. Erführe der Mensch nicht von anderer Seite, daß diese Begierden böse sind, würde er sie für gut halten und sie aus freiem Willen und entsprechend vernünftiger Überlegungen befriedigen. Tut er das, eignet er sie sich an. Soweit er sie bei sich als erlaubt begründet, erweitert er den Hof seiner herr­schenden oder Lebensliebe; diesen Hofstaat bilden die Begier­den, die gleichsam ihre Diener und Trabanten sind, durch die sie das Äußere beherrscht, das ihr Reich bildet. Aber wie der König, so auch seine Diener und Trabanten und damit das ganze Reich. Ist der König ein Teufel, dann hat er unsinnige Diener und Trabanten, und das Volk seines Reiches besteht aus Falschheiten aller Art. Die Diener, die das Volk für weise hält, obgleich sie in Wirklichkeit unsinnig sind, sorgen durch Ver­breitung von Trugschlüssen und Phantasien dafür, daß Falsch­heiten als Wahrheiten erscheinen und anerkannt werden. Könnte wohl ein solcher Zustand des Menschen auf andere Weise verändert werden, als durch die Entfernung des Bösen im äußeren Menschen? Denn damit werden ja auch die Begierden entfernt, die mit dem Bösen zusammenhängen. Den Begierden steht sonst kein anderer Ausgang offen, da sie eingeschlossen sind wie eine belagerte Stadt oder ein verhärtetes Geschwür.

Der Herr kann das Böse im äußeren Menschen nur mit Mithilfe des Menschen entfernen.

*114. Alle christlichen Kirchen lehren, daß sich der Mensch, bevor er zum Hl. Abend­mahl geht, selbst prüfen, seine Sünden erkennen und aner­kennen soll, und daß er dann Buße tun muß, indem er von ihnen Abstand nimmt und sie beseitigt, weil sie des Teufels sind. Anders könnten dem Menschen die Sünden nicht verge­ben werden und er sei verdammt. Die Engländer, obgleich An­hänger der Lehre vom alleinigen Glauben, fordern im Vorbe­reitungsgebet zum Hl. Abendmahl dennoch Selbstprüfung, An­erkennung und Bekenntnis der Sünden, Buße und Erneuerung des Lebens. Denen, die dieser Forderung nicht nachkommen, drohen sie mit den Worten: „Der Teufel werde sonst in sie fah­ren wie in Judas, sie mit aller Ungerechtigkeit erfüllen und ihnen Leib und Seele zerstören.“ Die Deutschen, Schweden und Dänen, ebenfalls Anhänger der Lehre vom bloßen Glau­ben, lehren ähnliches im Vorbereitungsgebet zum Hl. Abend­mahl. Auch sie drohen all denen mit der höllischen Strafe und ewigen Verdammnis, die das Heilige mit dem Unheiligen ver­mischen. Die Priester lesen das allen vor, die das Hl. Abend­mahl feiern wollen, und diese hören sich das auch mit voller Zustimmung an.

Es kann freilich sein, daß sie am selben Tag eine Pre­digt über den bloßen Glauben hören, in der es heißt, das Ge­setz verdamme sie nicht, weil der Herr dieses an ihrer Statt er­füllt habe, und sie aus eigener Kraft ohnehin nichts Gutes tun könnten, es sei denn um des Verdienstes willen. Deshalb verhülfen nicht die Werke, sondern allein der Glaube zur Seligkeit. Wenn sie dann nach einer solchen Predigt heimkommen, ver­gessen sie glatt ihr früheres Bekenntnis und verleugnen es, so­fern die Predigt vom allein selig machenden Glauben ihr Den­ken völlig beherrscht. Was ist nun wahr, das eine oder das an­dere? Zwei einander entgegengesetzte Behauptungen können nicht beide wahr sein   auf der einen Seite die Behauptung, ohne Selbstprüfung, Erkenntnis, Anerkennung, Bekenntnis und Entfernung der Sünden, ohne Buße also, gebe es keine Vergebung und somit keine ewige Seligkeit, sondern nur ewige Verdammnis. Auf der anderen Seite die Behauptung, all das trage nichts zur Seligkeit bei, weil der Herr durch sein Leiden am Kreuz eine vollständige Genugtuung für alle Menschen ge­leistet habe, die im Glauben stehen. Drum seien Menschen, die sich auf den Glauben allein verlassen und zuversichtlich auf die Zurechnung des Verdienstes Christi vertrauen, ohne Sünde; vor Gott erschienen sie wie Menschen, deren Gesichter rein ge­waschen sind und glänzen. Hieraus ergibt sich, daß es — trotz dieses Widerspruchs  gemeinsame Religion aller christlichen Kirchen ist, daß der Mensch sich selbst prüfen, seine Sünden erkennen und anerkennen und dann davon ablassen soll, weil er sonst nicht selig, sondern verdammt werde. Dies ist die echte Wahrheit, wie sich aus den Stellen im Wort ergibt, denen zufolge der Mensch Buße tun soll, wie aus folgenden:

Johannes sprach: ... „bringet darum Früchte, die der Buße gemäß sind ... Schon ist die Axt den Bäumen an die Wur­zel gelegt. Jeder Baum nun, der nicht gute Früchte bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Luk. 3 f)

Jesus sprach: „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle umkommen.“ (Luk. 13/3 5)

Jesus predigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: „Tut Buße und glaubet an das Evangelium.“ (Mark. 1/14)

„Jesus sandte seine Jünger aus... Da zögen sie aus und predigten, man solle Buße tun.“ (Mark. 6/12)

Jesus sprach zu den Aposteln, sie sollten in seinem Namen „Buße zur Vergebung der Sünden predigen unter allen Völkerschaften.“ (Luk. 24/47)

Johannes der Täufer predigte die Taufe „der Buße zur Vergebung der Sünden.“ (Mark. 1/4; Luk. 3/3)

Wer hierüber einigermaßen vernünftig nachdenkt und religiös ist, wird erkennen, daß die Buße der Sünden wegen der Weg zum Himmel ist und der Glaube ohne Buße kein wahrer Glaube ist, weshalb sich Menschen, die aufgrund ihrer Unbuß­fertigkeit keinen wahren Glauben haben, auf dem Weg zur Hölle befinden.

*115. Wer in einem von der tätigen Liebe getrennten Glauben lebt und sich darin durch das Wort der Paulus an die Römer bestätigt sieht —

„So halten wir denn dafür, daß der Mensch durch den Glauben gerecht gesprochen werde, ohne Werke des Gesetzes,“ (Rö. 3/28)

— der betet diese Worte geradezu an, vergleichbar Men­schen, die die Sonne anbeten. Es geht ihnen dabei wie jemand, der seine Augen zwingt, in die Sonne zu blicken und davon so geblendet wird, daß er trotz allen Lichts nichts mehr sieht. Man weiß nämlich nicht, daß Paulus dort unter den Werken des Ge­setzes keineswegs die Zehn Gebote versteht, sondern die jüdi­schen Ritualgesetze, die in den fünf Büchern Mose beschrieben und dabei stets als „Gesetz“ bezeichnet werden. Um diesem Mißverständnis vorzubeugen, fügt der Apostel in Vers 31 desselben Kapitels hinzu:

„Heben wir also das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne: Vielmehr halten wir das Gesetz aufrecht.“ (Rö. 3/31)

Wer sich durch den obigen Ausspruch auf den Glauben ohne Werke versteift hat, dem geht es beim Betrachten dieser Stelle wie beim Blick in die Sonne, und er sieht nicht, daß dort, wo Paulus die Gesetze des Glaubens aufzählt, damit die Werke der tätigen Liebe meint. Was wäre auch der Glaube ohne seine Ge­setze? Auch achtet ein solcher Leser nicht auf die Stellen, in denen Paulus die bösen Werke aufführt und erklärt, daß die Täter solcher Werke nicht in den Himmel kommen können. Das zeigt, welche Blindheit durch diese eine falsch verstan­dene Stelle entstanden ist.

*116. Das Böse kann im äußeren Menschen nur mithilfe des Menschen beseitigt werden, weil die göttliche Vorsehung es so eingerichtet hat, daß dem Menschen alles, was er hört, sieht, denkt, will, redet und tut, ganz und gar als sein Eigenes er­scheint. Schon oben in # 71 bis 95 und noch weiter ist der Nach­weis erbracht worden, daß es ohne diesen Anschein keine Auf­nahme des Göttlich Wahren durch den Menschen gäbe, ebenso keine eigene Entscheidung (determinatio) zum Tun des Guten, keine Aneignung von Liebe und Weisheit, tätiger Liebe und Glauben, folglich keine Verbindung mit dem Herrn, also auch keine Umbildung und Wiedergeburt und keine Erhebung in den Himmel (salvatio). Es ist offensichtlich, daß ohne diesen An­schein weder Reue noch ein Ablassen von der Sünde, ja kein Glaube möglich wäre. Ohne diesen Anschein wäre der Mensch nicht Mensch und hätte ebenso wie die Tiere kein vernünftiges Leben. Wer da will, befrage seine Vernunft, ob es nicht den Anschein hat, als denke der Mensch von sich aus über das Gute und Wahre auf der geistigen, sittlichen und bürgerlichen Ebene nach, und dann füge er die Lehre hinzu, wonach alles Gute und Wahre vom Herrn und nichts davon vom Menschen selber sei. Wird er dann nicht zur Anerkennung gelangen, daß der Mensch das Gute tun und das Wahre denken solle wie aus sich, dabei aber doch anerkennen müsse, daß es vom Herrn stamme? Und wird er dann nicht auch zugeben, daß der Mensch das Böse wie von sich aus entfernen, dabei aber doch anerkennen müsse, daß er es durch den Herrn tue?

*117. Es gibt viele Menschen, die gar nicht wissen, daß sie böse sind, weil sie aus Furcht vor den Gesetzen und vor dem Verlust des guten Rufs äußerlich nichts Böses tun und so durch Gewohnheit und Übung das Böse als Schaden für Ehre und Gewinn meiden. Wenn sie es aber nicht aus religiösen Grün­den meiden, nämlich weil es Sünde ist und gegen Gott gerich­tet, bleiben die bösen Begierden samt ihren Lustreizen in ihnen und sind wie unreines, eingeschlossenes oder stehendes Was­ser. Sie mögen nur ihre Gedanken und Neigungen prüfen, so werden sie es selbst feststellen — vorausgesetzt, sie wissen überhaupt, was Sünde ist.

Viele Menschen, die sich in dem von der Liebe ge­trennten Glauben bestärkt haben, sind von dieser Art. Weil sie glauben, das Gesetz verdamme sie nicht, achten sie nicht ein­mal auf die Sünden. Manche bezweifeln sogar, ob es überhaupt so etwas wie Sünden gebe und ob sie, wenn es sie denn geben sollte, vor Gott bestünden, da sie ja vergeben seien. Auch die natürlichen Moralisten ähneln ihnen, glauben sie doch, alles geschehe durch ein bürgerliches und moralisches Leben mit seiner Klugheit, und die göttliche Vorsehung habe nichts damit zu tun. Zu diesen Menschen zählen auch alle, die um der Ehre und des Gewinns willen mit großem Eifer nach dem Ruf der Tugendhaftigkeit und Redlichkeit streben. Menschen dieser Art, die zugleich auch die Religion verachten, werden nach ihrem Tode zu Geistern der Begierden, die zwar sich selbst als Menschen erscheinen, von weitem aber wie Priape; (Priapus hieß der römische Gott der Fruchtbarkeit; für Swedenborg stellt er die männliche Laszivität dar.) Wie die Nachteulen sehen sie nur bei Nacht, nicht bei Tag.

Daher muß der Mensch das Böse aus seinem äußeren Menschen wie aus eigener Kraft entfernen.

*118. Man vergleiche dazu auch die Erläuterung in den drei Artikeln der „Lebenslehre für das Neue Jerusalem“, von denen der erste lau­tet: Niemand kann das Böse als Sünde fliehen, bis er es schließlich verabscheut, wenn er nicht dagegen ankämpft (# 92 bis 100), der zweite: Der Mensch muß das Böse fliehen, weil es Sünde ist und dagegen wie aus eigener Kraft ankämpfen (# 101 bis 107), und der dritte: Flieht jemand das Böse aus einem an­deren Grund, als dem der Sünde, flieht er es in Wirklichkeit nicht, sondern bewirkt nur, daß es vor der Welt verborgen bleibt (# 108 bis 113).

Dann reinigt der Herr den Menschen von den bösen Begierden in seinem Inneren und vom Bösen selbst in seinem Äußeren.

*119. Der Herr reinigt den Menschen erst dann von den Begierden seines Bösen, wenn der Mensch das Böse wie aus eigener Kraft entfernt, weil es vorher nicht geschehen kann. Das Böse ist nämlich im äußeren Menschen, die Begierden des Bösen aber sind im inneren Menschen; beide hängen zusammen wie der Stamm mit seinen Wurzeln. Wird daher das Böse nicht entfernt, ist eine Öffnung unmög­lich, weil es die Tür versperrt und abschließt, die der Herr nur mithilfe des Menschen öffnen kann, wie gerade eben gezeigt wurde. Wenn daher der Mensch gleichsam aus eigener Kraft die Tür auftut, rottet der Herr gleichzeitig auch die Begierden aus. Ein Grund besteht auch darin, daß der Herr aufs Innerste des Menschen einwirkt und von dort her auf alles folgende bis zum Äußersten, und im Äußersten ist zugleich der Mensch. So lange daher der Mensch sein Äußerstes selbst verschließt, kann die Reinigung nicht stattfinden, sondern nur eine Einwirkung seitens des Herrn in die inneren Regionen des Betreffenden, wie sie auch in der Hölle besteht, deren Bild einen Menschen voller Begierden darstellt, der damit im Bösen ist. Diese Ein­wirkung des Herrn besteht nur in der Vorkehrung (dispositio), daß eine nicht das andere vernichte und das Gute und Wahre nicht verletzt werde. Die folgenden Worte des Herrn in der Of­fenbarung des Johannes zeigen, daß er unausgesetzt darauf dringt und besteht, daß der Mensch ihm die Tür öffne:

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, so gehe ich zu ihm ein und halte das Abendmahl mit ihm, und er mit mir.“ (Offb. 3/20)

*120. Der Mensch weiß nicht das geringste vom inneren Zustand seines Gemüts oder seinem inneren Menschen, und doch liegt darin Unendliches, von dem ihm nicht eins zur Kenntnis kommt. Das Innere seines Denkens, sein innerer Mensch, ist nämlich sein Geist, der ebenso Unendliches oder Unzähliges enthält, wie sein Körper, ja sogar noch mehr. Denn seiner Form nach ist sein Geist Mensch, und alle Teile seines Geistes entsprechen allen Teilen seines Körpers. Wie der Mensch nun keinerlei Empfindung davon hat, wie sein Gemüt oder seine Seele auf die Teile seines Körpers im ganzen wie im einzelnen einwirkt, so erkennt er auch nicht, wie der Herr in alle Teile seines Gemüts oder seiner Seele, d.h. in alle Teile sei­nes Geistes einwirkt. Diese Einwirkung erfolgt ununterbro­chen, und der Mensch hat nicht teil daran. Gleichwohl vermag der Herr den Geist oder das Innere des Menschen von keiner Begierde des Bösen zu reinigen, solange der Mensch sein Äußeres verschließt, denn durch das Böse verschließt er sein Äußeres. Jedes einzelne Böse erscheint ihm nur als ein solches, obgleich in jedem einzelnen Unendliches liegt. Meint der Mensch also eins zu entfernen, so entfernt der Herr damit das darin liegende unendlich Viele. Das ist damit gemeint, daß der Herr dann den inneren Menschen von den Begierden des Bösen reinige und zugleich vom Bösen selbst im äußeren.

*121. Viele meinen, schon allein der Glaube an das, was die Kirche lehrt, reinige den Menschen vom Bösen. Einige mei­nen auch, diese Reinigung geschehe dadurch, daß man sich im Tun des Guten übe. Andere erwarten das vom Wissen, Reden und Lehren der Dinge der Kirche, wieder andere vom Lesen des Wortes oder frommer Bücher, vom Besuch der Gottesdien­ste und Hören der Predigten, besonders von der Teilnahme am hl. Abendmahl, vom Entsagen der Welt und vom Streben nach Frömmigkeit oder von ihrem Bekenntnis, daß sie aller Sünden schuldig seien, usf. Doch all das reinigt den Menschen keines­wegs, sofern er sich nicht selbst erforscht, seine Sünden er­kennt, anerkennt, sich für schuldig bekennt und Buße tut, indem er von ihnen abläßt. Das alles soll er tun wie aus eige­ner Kraft, dabei aber doch im Herzen anerkennen, daß es der Herr getan hat.

Bevor er das nicht anerkennt, nützt ihm alles, was oben angeführt wurde, gar nichts, sondern geschieht im Blick auf ein Verdienst oder aus Heuchelei. Menschen dieser Art er­scheinen den Engeln im Himmel entweder wie schöne Huren, die infolge ihrer Schwindsucht stinken oder wie häßliche Wei­ber, die durch dick aufgetragene Schminke schön erscheinen wollen, auch wie maskierte Wahrsager und Schauspieler, ja wie Affen in menschlichen Kleidern. Ist aber das Böse ent­fernt, werden die oben in Unterabschnitt 1 erwähnten Dinge Gegenstand ihrer Liebe. Solche Menschen erscheinen dann den himmlischen Engeln als schöne Menschen, ihre Gefährten und Freunde.

*122. Es ist aber wichtig zu wissen, daß sich der Mensch, wenn er Buge tun will, an den Herrn allein wenden muß. Wen­det er sich allein an Gott den Vater, kann er nicht gereinigt wer­den, auch nicht, wenn er den Vater um seines Sohnes willen bittet, oder wenn er sich an den Sohn als bloßen Menschen wendet. Es gibt nämlich nur einen Gott, und dieser ist der Herr, da sein Göttliches und Menschliches eine Person ist, wie in „Der Lehre des Neuen Jerusalems über den Herrn“ gezeigt wurde. Damit jeder Christ, der Buße tun will, sich allein an den Herrn um Beistand wende, hat der Herr das hl. Abendmahl eingesetzt, das denen, die Buße tun, eine Bestätigung der Ver­gebung ist. Es wirkt darum so, weil beim hl. Abendmahl jeder angehalten wird, allein auf den Herrn zu blicken.

Die göttliche Vorsehung strebt beständig danach, den Menschen mit sich und sich mit ihm zu ver­binden, um ihn mit den Seligkeiten des ewigen Lebens beglücken zu können. Aber das kann nur so weit gesche­hen, wie das Böse mit seinen Begierden entfernt ist.

*123. Oben in # 27 bis 45 ist nachgewiesen worden, daß die göttliche Vor­sehung des Herrn ununterbrochen dahin wirkt, den Menschen mit sich und sich mit ihm zu verbinden und eben in dieser Ver­bindung die Umbildung und Wiedergeburt besteht, die dem Menschen die ewige Seligkeit beschert. Wer vermag nicht zu sehen, daß die Verbindung mit Gott gleichbedeutend ist mit ewigem Leben und Seligkeit? Jeder, der daran glaubt, erkennt, daß die Menschen als Bilder und Ähnlichkeiten Gottes ge­schaffen wurden (l. Mose, 26 f) und weiß, was Bild und Ähn­lichkeit bedeuten.

Welcher vernünftige Mensch könnte, wenn er seine Vernunft gebraucht, an drei Götter gleichen Wesens glauben und daß das göttliche Sein oder Wesen teilbar sei? Denken und verstehen kann er jedoch, daß in dem Einen Gott ein Dreifa­ches besteht, wie im Menschen und Engel auch, nämlich Seele, Leib und das ihnen entspringende Leben. Weil dieses Dreifa­che in Einem nur im Herrn möglich ist, ergibt sich, daß die Ver­bindung mit ihm geschehen muß. Gebraucht man seine Ver­nunft und die Freiheit des Denkens, wird man diese Wahrheit in ihrer Klarheit sehen, doch sollte man zuvor zugeben, daß es Gott, Himmel und ewiges Leben gibt.

Gott ist also einer und hat den Menschen zu seinem Bild und nach seiner Ähnlichkeit geschaffen. Der Mensch ist aber durch die höllische Liebe und deren Begierden und Lust­reize der Liebe zu allem Bösen verfallen und hat dadurch Got­tes Bild und Ähnlichkeit bei sich zerstört. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit fortgesetzter göttlicher Vorsehung des Herrn, um den Menschen mit sich und sich mit dem Menschen ver­binden zu können, damit dieser trotz allem zu seinem Ebenbild werde. Und dies geschieht, weil der Herr den Menschen mit den Seligkeiten des ewigen Lebens beschenken möchte, denn das liegt im Wesen seiner Liebe.

Er kann sie ihm aber nur schenken und ihn zu seinem Ebenbild machen, wenn der Mensch wie aus eigener Kraft die Sünden aus seinem äußeren Menschen entfernt, weil der Herr nicht nur die göttliche Liebe, sondern auch die göttliche Weis­heit ist. Die göttliche Liebe tut nichts außer aus und gemäß der göttlichen Weisheit. Der göttlichen Weisheit gemäß ist es aber, daß der Mensch nicht mit Gott verbunden, also umgebildet, wiedergeboren und selig werden könnte, wenn ihm nicht er­laubt wäre, aus freiem Willen nach der Vernunft handeln, denn nur dadurch ist er Mensch. Alles, was der göttlichen Weisheit des Herrn gemäß ist, betrifft auch seine göttliche Vorsehung.

*124. Dem möchte ich zwei Geheimnisse der Engelweis­heit beifügen, die deutlich machen, welcher Art die göttliche Vorsehung ist. Das erste: Der Herr wirkt niemals auf irgendet­was Besonderes beim Menschen ein, ohne zugleich auch auf alles andere einzuwirken. Das zweite: Der Herr wirkt gleich­zeitig vom Innersten und vom Äußersten her auf den Men­schen ein. Das erste beruht darauf, daß alles im Menschen im Zusammenhang und von daher in einer Form steht, daß es nicht als Vielheit, sondern als Einheit wirkt. Vom Körper kennt man diesen Zusammenhang aller Teile und die dadurch be­wirkte Form. Eine ähnliche Form durch den Zusammenhang all seiner Teile hat auch das menschliche Gemüt, ist es doch der geistige Mensch, und der ist der eigentliche Mensch. Darum ist der Geist des Menschen, also sein Gemüt im Körper, in jeder Hinsicht Mensch und ist auch der Mensch nach dem Tode ge­nauso Mensch wie zuvor in der Welt. Der Unterschied besteht nur darin, daß jetzt die Hülle, die in der Welt durch seinen Kör­per gebildet wurde, abgeworfen wird.

Da nun die menschliche Form so beschaffen ist, daß alle Teile im Zusammenhang stehen und als Einheit wirken, ergibt sich, daß kein Teil von seiner Stelle verrückt oder hin­sichtlich seines Zustands verändert werden kann, außer mit Zustimmung der anderen. Denn wenn das geschähe, würde die Form leiden, die als Einheit wirken muß. Daraus ergibt sich, daß der Herr nie auf etwas Besonderes beim Menschen einwirkt, ohne zugleich aufs Ganze zu wirken. Auf gleiche Weise wirkt der Herr auch auf den ganzen Engelhimmel ein, weil dieser vor seinen Augen wie ein einziger Mensch ist. Ebenso geht sein Einfluß in jeden einzelnen Engel vor sich, weil jeder Engel ein Himmel in kleinster Form ist, ebenso auch in jeden Menschen, zunächst auf alle Teile seines Gemüts und durch sie dann auf alle Teile seines Körpers. Das Gemüt des Menschen ist, wie gesagt, sein Geist, und verbunden mit dem Herrn ist der Mensch ein Engel und der Körper ein gehorsa­mes Werkzeug.

Sehr zu beachten ist aber, daß der Herr auf alles Be­sondere des Menschen auch im Einzelnen, ja im Einzelnsten einwirkt, doch immer zugleich durch das Ganze seiner Form. Dennoch verändert er nicht den Zustand irgendeines Teils oder eines Dinges im besonderen, außer in Übereinstimmung mit der Form des Ganzen. Hierüber soll jedoch in der Folge mehr gesagt und gezeigt werden, daß die Universalität der Vorse­hung darauf beruht, daß sie im einzelnen, und weil im einzel­nen, universell ist.

Das zweite Geheimnis der Engel betrifft die Einwir­kung des Herrn gleichzeitig vom Innersten und vom Äußersten her auf den Menschen. Es beruht darauf, daß nur so und nicht anders das Ganze und das Einzelne im Zusammenhang gehal­ten werden kann. Vom Innersten hängt nämlich alles bis zum Äußersten dazwischenliegende stufenweise ab, und im Äußer­sten ist alles vom Ersten an beisammen. Im Werk über „Die göttliche Liebe und Weisheit“ wurde diese Tatsache im dritten Teil nachgewiesen. Darum ist der Herr von Ewigkeit, Jehovah, in die Welt gekommen und hat dort ein Menschliches im Letz­ten (Humanum in ultimis) angenommen und auf sich ge­nommen. So kann er vom Ersten aus zugleich auch im Letzten sein, d.h. vom Ersten durch das Letzte die ganze Welt regieren und den Menschen selig machen. Darin liegt die Bedeutung der in der Christenheit bekannten Tatsache, daß kein Mensch hätte selig werden können, wenn der Herr nicht in die Welt ge­kommen wäre. Man lese darüber auch nach in # 35 des Wer­kes „Die Lehre des Neuen Jerusalems über den Glauben“. Aus diesem Grunde heißt der Herr auch der Erste und der Letzte.

*125. Diese Engelsgeheimnisse wurden vorausgeschickt, damit man verstehen kann, wie die göttliche Vorsehung des Herrn vorgeht, um den Menschen mit sich und sich mit dem Menschen zu verbinden. Es geschieht durch Einwirkung auf einen bestimmten Teil und zugleich auf den ganzen Men­schen, und zwar gleichzeitig vom Innersten bis zum Äußer­sten. Das Innerste des Menschen ist seine Lebensliebe, zu sei­nem Äußersten gehört sein ganzes äußeres Denken, das Mitt­lere wird durch sein inneres Denken gebildet. Wie dieses beim bösen Menschen beschaffen ist, wurde im Vorstehenden ge­zeigt. Hieraus ergibt sich wiederum, daß der Herr nur im Ver­ein mit dem Menschen gleichzeitig vom Innersten und vom Äußersten einwirken kann; denn im Äußersten ist der Mensch mit dem Herrn zusammen. Wie daher der Mensch im Äußer­sten handelt, das in seinem Ermessen steht, weil es seinem freien Willen unterliegt, so handelt der Herr von seinem In­nersten aus und nacheinander über die Abstufungen bis zum Äußersten. Was in seinem Innersten und in den Abstufungen bis zum Äußersten liegt, ist dem Menschen völlig unbekannt. Darum weiß er auch nicht, wie und was der Herr dort wirkt. Weil es aber mit dem Äußersten zusammen ein Ganzes bildet, ist dem Menschen nichts nötiger zu wissen, als daß er das Böse als Sünde fliehen und zum Herrn aufblicken soll. Nur so und nicht anders kann seine Lebensliebe, die von Geburt an höllisch ist, vom Herrn entfernt und durch eine himmlische Le­bensliebe ersetzt werden.

*126. Hat der Herr anstelle der höllischen die himmlische Lebensliebe eingepflanzt, treten damit zugleich Neigungen zum Guten und Wahren anstelle der Begierden zum Bösen und Falschen, Lustreize der Neigungen zum Guten und Wahren an­stelle der Lustreize der Begierden zum Bösen und Falschen ­und Gutes der himmlischen Liebe tritt an die Stelle des Bösen der höllischen Liebe. Wo vorher List herrschte, wird Klugheit eingepflanzt, wo Gedanken der Bosheit, Gedanken der Weis­heit. So wird der Mensch von neuem geboren und zu einem neuen Menschen. Welches Gute dann die Stelle des Bösen ein­nimmt, entnehme man der „Lebenslehre für das Neue Jerusa­lem“, den Nummern 67 91, und dem selben Werk den Num­mern # 32 41, daß der Mensch insoweit die Wahrheiten der Weisheit liebt, wie er das Böse als Sünde flieht und verabscheut; den Nummern 42 52, daß er insoweit Glauben hat und geistig ist.

*127. Oben wurde der Nachweis erbracht, daß in den in allen christlichen Kirchen vor dem hl. Abendmahl verlesenen Gebeten — als gemeinsames religiöses Gut der ganzen Chri­stenheit — die Forderung besteht, daß der Mensch sich erfor­schen, seine Sünden erkennen, sie anerkennen, vor Gott be­kennen und von ihnen abstehen müsse; denn darin besteht die Buße, die Voraussetzung für die Vergebung der Sünden und die ewige Seligkeit. Eben dies kann man auch aus dem nach Athanasius benannten Glaubensbekenntnis feststellen, das ebenfalls in der ganzen Christenheit angenommen ist, und wo es am Ende heißt:

„Der Herr wird kommen zu richten die Lebendigen und die Toten, und bei seiner Ankunft werden die, welche Gutes getan haben, eingehen ins ewige Leben und die, welche Böses getan haben, ins ewige Feuer.“

*128. Wer wüßte nicht aus dem Worte Gottes, daß nach dem Tode jeder ein seinen Handlungen entsprechendes Leben erlangen wird? Schlägt man das Wort auf und liest darin, wird man es deutlich erkennen — vorausgesetzt, man hält seine Ge­danken fern von der Vorstellung der Rechtfertigung durch den Glauben allein. Die folgenden wenigen Zitate bezeugen, daß das die Lehre des Herrn überall in seinem Wort ist:

„Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird umge­hauen und ins Feuer geworfen. Deshalb sollt ihr sie an ihren Früchten erkennen.“ (Mat. 7/19 f)

„Viele werden an jenem Tage zu mir sagen, Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt ... und in deinem Namen viele Wunder getan? Aber dann werde ich ihnen bekennen: Ich kenne euch nicht, weicht von mir, ihr Übeltäter.“ (Mat. 7/22f)

„Jeder, der meine Worte hört und sie tut, ist einem klugen Manne zu vergleichen, der sein Haus auf einen Felsen baute... Jeder aber, der meine Worte hört und sie nicht tut, gleicht einem törichten Manne, der sein Haus auf Sand baute...“ (Mat. 7/24 27)

„Denn der Sohn des Menschen wird kommen in der Herr­lichkeit seines Vaters und dann wird einem jeden nach deinen Tatenvergelten.“ (Mat. 16/27)

„Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das die Frucht desselben bringt.“ (Mat. 21/43)

Jesus sprach: „Meine Mutter und meine Brüder sind die, welche das Wort Gottes hören und danach tun.“ (Luk. 8/21)

„Dann werdet ihr anfangen, draußen zu stehen und an die Tür zu klopfen und zu sagen: Herr, tue uns auf! Da wird er antworten und zu euch sagen: Ich weiß nicht, woher ihr seid... Weichet von mir, ihr Übeltäter.“ (Luk. 13/25 27)

„... und hervorgehen werden, die das Gute getan haben zur Auferstehung des Lebens, die aber das Böse getan haben zur Auferstehung des Gerichts.“ (Joh. 5/29)

„Wir wissen, daß Gott nicht auf die Sünder hört, sondern wenn jemand gottesfürchtig ist und seinen Willen tut, den hört er.“ (Joh. 9/31)

„Wenn ihr dies wißt, selig seid ihr, wenn ihres tut.“ (Joh. 13/17)

„...Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt... und ich will ihn lieben... und zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ (Joh. 14/21 24)

„Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch ge­biete ...Ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, daß ihr Frucht bringt und eure Frucht bleibe.“ (Joh. 14/14, 16)

Zum Seher Johannes sprach der Herr: „Dem Engel der Gemeinde zu Ephesus schreibe:... Ich kenne deine Werke... Aber ich habe wider dich, daß du deine erste Liebe verlassen hast... so tue Buße und tue die vorigen Werke, sonst komme ich über dich und werde deinen Leuchter von seiner Stelle stoßen.“ (Offb. 2/1, 2, 4, 5)

„Dem Engel der Gemeinde zu Thyatira schreibe: Ich kenne deine Werke und deine Liebe und deinen Glauben und deine Ausdauer und deine letzten Werke, deren mehr sind als die ersten... Und wer überwindet und wer bei meinen Werken bis ans Ende verharrt, dem will ich Macht geben...“ (Offb. 2/18 f, 26)

„Und dem Engel der Gemeinde zu Sardes schreibe: ... Ich kenne deine Werke, daß du den Namen hast, du lebst, und doch bist du tot... denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen gefunden vor Gott... tue Buße !“ (Offb. 3/1 3)

„Dem Engel der Gemeinde zu Philadelphia schreibe: ...Ich kenne deine Werke.“ (Offb. 3/7 f.)

„Dem Engel der Gemeinde zu Laodicea schreibe: ...Ich kenne deine Werke... tue Buße.“ (Offb. 3/14 19)

„Und ich hörte eine Stimme aus dem Himmel sagen: Schreibe: Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an... denn ihre Werke folgen ihnen nach.“ (Offb. 14/13)

„... und ein anderes Buch wurde geöffnet, das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken.“ (Offb. 20/12 f)

„Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, um jedem zu vergelten nach seinem Werk.“ (Offb. 22/12)

All dies im Neuen Testament, mehr noch findet sich im Alten, aus dem nur diese eine Stelle angeführt werden soll:

„Tritt an die Pforte des Hauses Jehovahs und predige daselbst dies Wort: ...So spricht Jehovah Zebaoth, der Gott Israels: macht eure Wege gut und eure Werke ...Verlaßt euch nicht auf Lügenworte wie diese: Der Tempel Jeho­vahs, der Tempel Jehovahs, der Tempel Jehovahs ist hier! ... Wollt ihr stehlen, morden, ehebrechen und falsch schwören und danach kommen und vor mir stehen in diesem Hause, über dem mein Name genannt ist, und sprechen: Wir sind gerettet! während ihr doch solche Greuel tut? Ist denn dies Haus eine Räuberhöhle gewor­den? Auch ich, fürwahr, ich sehe es, spricht Jehovah.“ (Jer. 7/1, 3, 4, 9 11)

*



Teil 7 - Es ist ein Gesetz der göttlichen Vorsehung, daß der Mensch, durch äußere Mittel dazu nicht gezwungen werden soll, zu denken und zu wollen und damit auch zu glauben und zu leben, was zur Religion gehört, vielmehr soll der Mensch sich selbst dazu bringen und zuweilen zwingen.



*129. Dieses Gesetz der göttlichen Vorsehung ergibt sich aus den beiden zuletzt behandelten: Der Mensch soll aus freiem Willen nach der Vernunft handeln, # 71 bis 99 und: Er soll das von sich aus tun, dennoch aber aus dem Herrn, also wie von sich aus, # 100 bis 128. Wer gezwungen wird, handelt nicht aus freiem Willen nach der Vernunft und auch nicht aus sich, sondern aus Unfreiheit und aus einem anderen Willen. Darum folgt auf die beiden zuletzt genannten jetzt dies Gesetz der göttlichen Vorsehung. Auch weiß jeder Mensch, daß nie­mand dazu gezwungen werden kann, etwas zu denken, das er nicht denken will und etwas zu wollen, von dem er denkt, er wolle es nicht; folglich auch nicht gezwungen werden zu glau­ben, was er nicht glaubt — vor allem, wenn er es nicht glauben will — oder vor allem zu lieben, was er nicht lieben will. Der Geist des Menschen, sein Gemüt, hat volle Freiheit, zu denken, zu wollen, zu glauben und zu lieben. Diese Freiheit beruht auf einem Einfluß aus der geistigen Welt, der keinen Zwang kennt. Der Geist oder das Gemüt des Menschen befindet sich nämlich schon hier und jetzt in der geistigen Welt. Die Freiheit beruht jedoch keineswegs auf einem Einfluß aus der natürlichen Welt, der auch nur aufgenommen wird, wenn er mit dem anderen zusammenwirkt.

Man kann zwar den Menschen dazu zwingen, daß er sagt, er denke und wolle oder er glaube und liebe dies oder jenes, entspricht es aber nicht seiner Neigung und folglich auch seiner Vernunft, so denkt, will, glaubt oder liebt er es gleich­wohl nicht. Man kann den Menschen auch dazu zwingen, daß er sich für eine bestimmte Religion ausspricht und ihr gemäß handelt, aber man kann ihn nicht zwingen, auch entsprechend zu denken und zu lieben. Zwar wird in den Staaten, in denen Gerechtigkeit herrscht, jeder Bürger angehalten, nichts gegen die Religion zu reden oder zu tun, aber dennoch kann niemand dazu gezwungen werden, in Übereinstimmung mit ihr zu den­ken und zu wollen. Gehört es doch zur Freiheit jedes Men­schen, entweder in Übereinstimmung mit der Hölle zu denken und zu wollen oder in Übereinstimmung mit dem Himmel. Die Vernunft aber lehrt, wie der eine und wie der andere beschaf­fen ist und welches Los ihn erwartet; überhaupt hat der Wille durch die Vernunft die Wahl  und Entscheidungsfreiheit.

Damit ist klar, daß das Äußere das Innere nicht zwin­gen kann, obgleich es zuweilen geschieht. Daß es schädlich ist, soll im folgenden nachgewiesen werden:

Wunder und Zeichen verhelfen niemandem zur Umbildung, weil sie zwingend sind.

*130.     Oben wurde ge­zeigt, daß es im Denken des Menschen ein Inneres und ein Äußeres gibt, und daß der Einfluß des Herrn vom Inneren des Denkens ins Äußere erfolgt, wodurch er ihn lehrt und leitet. Ebenso wurde gezeigt, daß die göttliche Vorsehung darauf hin­wirkt, daß der Mensch aus freiem Willen nach der Vernunft han­deln möge. Um beides würde der Mensch gebracht, wenn er durch Wunder zum Glauben genötigt würde. Dieser Sachverhalt läßt sich auf vernünftige Weise folgendermaßen erkennen: Nie­mand kann leugnen, daß Wunder Glauben bewirken und kräf­tig dazu überreden, das für wahr zu halten, was der Wundertä­ter sagt und lehrt. Das nimmt das Äußere des Menschen an­fänglich so sehr ein, daß es dasselbe gleichsam bindet und fasziniert. Doch wird der Mensch dadurch der beiden Fähigkei­ten, Vernunft und Freiheit, beraubt, so daß er nicht mehr aus freiem Willen nach der Vernunft zu handeln vermag. In dem Fall kann der Herr seinen Einfluß nicht mehr durch das Innere auf die äußeren Gedanken beim Menschen ausüben, sondern muß es ihm überlassen, mit seiner Vernunft zu begründen, was ihm durch ein Wunder zur Glaubenssache geworden ist.

Der Denkvorgang beim Menschen ist so, daß er vom Inneren des Denkens aus den Gegenstand in seinen äußeren Gedanken wie in einem Spiegel sieht. Der Mensch kann näm­lich, wie oben bereits angedeutet wurde, seine Gedanken sehen, und das ist nur von einem inwendigeren Denken aus möglich. Sieht er nun den Gegenstand seines Denkens wie in einem Spie­gel, kann er ihn auch hin  und herwenden und ihn solange ge­stalten, bis er ihm als schön erscheint. Betrifft der Gegenstand eine Wahrheit, kann man ihn mit einer schönen und lebensvol­len Jungfrau oder einem entsprechenden Jüngling vergleichen. Kann aber der Mensch den Gegenstand seines Denkens nicht nach verschiedenen Seiten umwenden und Gestalt annehmen lassen, sondern ihn nur aufgrund der durch das Wunder be­wirkten Überredung glauben, ist der betreffende Gegenstand, sofern er aus einer Wahrheit besteht, nur mit der steinernen Sta­tue einer Jungfrau oder eines Jünglings zu vergleichen, die kein Leben hat. Er läßt sich auch einem beständig vor Augen schwe­benden Gegenstand vergleichen, den man aber nur von vorn sieht, so daß Seiten und Rückseite verborgen bleiben. Ferner kann man ihn mit einem ununterbrochen im Ohr erklingenden einzelnen Ton vergleichen, der keine Harmonie ergibt, die nur aus verschiedenen Tönen erklingt. Eine derartige Blindheit und Taubheit bringen Wunder dem menschlichen Gemüt bei. Ähn­lich verhält es sich mit jeder Behauptung, die nicht zuvor eini­germaßen rational betrachtet und begründet wurde.

*131. Das alles zeigt, ein durch Wunder bewirkter Glaube ist kein Glaube, sondern eine Überredung, weil in ihm nichts Vernünftiges, geschweige denn Geistiges liegt. Ein solcher Glaube ist nur etwas Äußeres ohne ein Inneres. Dasselbe gilt für alles, was der Mensch aufgrund eines solchen Überredungs­glaubens tut, ob er nun Gott anerkennt, zu Hause oder in der Kirche anbetet oder ob er Gutes tut. Bringt nur ein Wunder den Menschen zur Anerkennung Gottes und zur Anbetung und Frömmigkeit, handelt er aus dem natürlichen, nicht aus dem geistigen Menschen in sich. Denn das Wunder läßt den Glauben nur auf äußere, nicht auf innere Weise in ihn einfließen, also von der Welt, nicht vom Himmel her. Der Herr aber geht nur auf dem inneren Weg zum Menschen ein, durch das Wort und die darauf beruhende Lehre und Predigt. Weil die Wunder diesen Weg verschließen, geschehen heutzutage keine Wunder.

*132. Diese Eigenart der Wunder wird deutlich an denen, die vor dem jüdischen und israelitischen Volk geschahen. Ob­gleich dieser Wunder so viele waren, zuerst in Ägypten, später beim Schilfmeer, dann in der Wüste, besonders aber bei der Verkündigung der Gebote am Berg Sinai, machte sich doch das Volk, als Mose so lange auf dem Berg verweilte, nach einem Monat ein goldenes Kalb und sprach: „Das ist dein Gott, Israel, der dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat“ (Ex. 32/4­6). Dasselbe zeigte sich danach bei den Wundern, die im Land Kanaan geschahen, wo sie wiederum oft vom vorgeschriebe­nen Gottesdienst abwichen. Und ebenso erwies es sich an den Wundern, die der Herr vor ihren Augen tat, als er in der Welt war, und den sie dennoch kreuzigten.

Daß bei den Juden und Israeliten Wunder geschahen, hatte seinen Grund in ihrer vollkommenen Äußerlichkeit. Sie wurden nur darum ins Land Kanaan eingeführt, um die Kirche und ihr inneres Leben durch das Äußere des Gottesdienstes vorzubilden, was der böse ebenso wie der gute Mensch glei­chermaßen kann. Denn das Äußere sind Ritualien, die bei ihnen samt und sonders Geistiges und Himmlisches be­zeichneten. Sogar Aaron konnte, obwohl er das goldene Kalb gemacht und seine Anbetung befohlen hatte (Ex. 32/2 5, 35), gleichwohl den Herrn und das Werk der Erlösung repräsentie­ren. Weil die Israeliten durch das Innere des Gottesdienstes nicht dazu gebracht werden konnten, jene Dinge vorzubilden, wurden sie durch Wunder dazu gebracht, ja dazu angehalten und gezwungen.

Sie konnten aber deshalb nicht dazu gebracht werden, weil sie den Herrn nicht anerkannten, obgleich das ganze Wort, das bei ihnen war, allein vom Herrn handelt. Wer aber den Herrn nicht anerkennt, kann vom Inneren des Gottesdien­stes nichts in sich aufnehmen. Nachdem sich aber der Herr ge­offenbart hat und von den Kirchen aufgenommen und aner­kannt wurde, haben die Wunder aufgehört.

*133. Aber die Wirkung der Wunder auf gute Menschen ist anders als auf die bösen. Die guten verlangen keine Wun­der, glauben jedoch an die Wunder, von denen das Wort be­richtet. Hören sie etwas von einem Wunder, beachten sie es nur als etwas, das ihren Glauben noch ein wenig stärkt, den­ken sie doch vom Wort, also vom Herrn her und nicht aus dem Wunder. Anders die bösen Menschen: sie können zwar durch Wunder zum Glauben, ja sogar zum Gottesdienst und zur Frömmigkeit angetrieben und genötigt werden, doch nur für kurze Zeit. Denn immer ist ihr Böses darin eingeschlossen, und die Begierden und damit zusammenhängenden Lustreize wirken auf das Äußeres ihres Gottesdienstes und ihrer Fröm­migkeit ein. Um ihr Gefängnis zu sprengen, bewirken sie, daß diese Menschen irgendwann nicht mehr an das Wunder den­ken und es schließlich entweder als Trick bzw. Kunstgriff oder als Wirkung eines unbekannten Naturgesetzes bezeichnen und zu ihrem Bösen zurückkehren. Wer aber zu seinem Bösen zurückkehrt, nachdem er Gott verehrt hatte, entweiht das Wahre und Gute des Gottesdienstes. Das Los der Entweiher aber ist nach dem Tode von allen das schrecklichste. Diese Menschen meint der Herr mit seinen Worten Mat. 12/43 45, wenn er sagt, mit jenem Menschen werde es nachher schlim­mer als vorher. Und überdies: Sollten Wunder geschehen für Menschen, die nicht aufgrund der im Wort berichteten Wunder glauben, so müßten sie fortlaufend und vor ihrer aller Augen geschehen. Das zeigt, weshalb heutzutage keine Wunder mehr vorkommen.

Durch Visionen und Reden mit Verstorbe­nen wird niemand umgebildet, weil sie zwingend sind.

*134. Visionen sind doppelter Art, können sie doch göttlich oder teuflisch sein. Göttliche Gesichte geschehen durch Vorbildun­gen im Himmel, teuflische durch Magisches in der Hölle. Es gibt auch phantastische Visionen, Vorspiegelungen eines abstrakten Gemüts. Göttliche Visionen, die — wie gesagt — durch Vorbildungen im Himmel geschehen, sind von der Art, wie sie die Propheten erlebten, die sich dabei nicht im Körper, son­dern im Geist befanden. Denn kein Mensch kann bei körperli­chem Wachbewußtsein Visionen haben. Wenn die Propheten Gesichte hatten, heißt es darum, sie seien im Geist gewesen, wie folgende Stellen zeigen:

Ezechiel sagt: „Da hob mich der Geist empor... und brachte mich in einem göttlichen Gesicht zurück zu den Verbannten nach Chaldäa. Dann hob sich das Gesicht, das ich gesehen hatte, von mir hinweg.“ (Ez. 11/1, 24)

Ferner sagt Ezechiel, daß „ihn der Geist zwischen Himmel und Erde erhoben und in göttlichen Gesichten nach Jeru­salem gebracht“ habe. (Ez. 8/3 ff)

Ebenso war Ezechiel in einem göttlichen Gesicht oder im Geist, als er

„vier lebende Wesen sah ...die Cherubim,“ (Ez. Kap. 1 u. 10) und als er

„den neuen Tempel und die neue Erde, sowie den Engel sah, der sie maß.“ (Ez. Kapitel 40-48)

In Kapitel 40, v. 2 sagt Ezechiel, daß er damals in göttlichen Gesichten und in Kap 43, v. 5, daß er im Geist gewesen sei.

In einem ähnlichen Zustand befand sich auch Sacharja, als er folgendes sah:

„einen Mann, der zwischen Myrthen einherritt, (1/8 f)

vier Hörner und einen Mann, der in der Hand eine Meßschnur hielt (2/1 ff)

einen Leuchter und zwei Ölbäume, (4/1ff)

eine fliegende Buchrolle und einen Scheffel, (5/1, 6)

vier Wagen zwischen zwei Bergen hervorkommend samt den Pferden.(6/1 f)

In einem ähnlichen Zustand war auch Daniel, als er sah:

vier Tiere, die aus dem Meer aufstiegen, (7/2)

die Kämpfe zwischen einem Widder und einem Ziegen­bock. (8/2 ff)

All das sah er im „Gesicht seines Geistes“, wie in Kap. 7/8 und 10 mehrfach gesagt wird. Zudem heißt es in Kap. 9/21, ihm sei im Gesicht der Engel Gabriel erschienen.

Auch Johannes war im Gesicht des Geistes, als er sah, was er in der Offenbarung beschrieb, wie z.B:

die Sieben Leuchter und in ihrer Mitte den Sohn des Menschen, (1/12 16)

einen Thron im Himmel und den, der darauf saß, sowie vier Lebewesen, die Cherubim, (Kap. 4)

das Buch des Lebens, das von dem Lamm genommen wurde, (Kap. 5)

Pferde, die aus dem Buch hervorgingen, (Kap. 6)

sieben Engel mit den Posaunen, (Kap. 8)

von denen der fünfte den Schlund der Unterwelt öffnete, aus dem Heuschrecken hervorkamen, (Kap. 9)

den Drachen und dessen Kampf mit Michael, (Kap. 12)

zwei Tiere, von denen eines aus dem Wasser und das an­dere aus der Erde aufstiegen, (Kap. 13)

ein Weib, das auf dem scharlachroten Tier saß, (Kap. 17)

das zerstörte Babylon, (Kap. 18)

das weiße Pferd und den, der darauf saß, (Kap. 19)

den neuen Himmel und die neue Erde sowie das heilige Jerusalem, das aus dem Himmel herabstieg, (Kap. 21)

den Strom des Lebenswassers.     (Kap. 22)

All das sah Johannes „im Gesicht seines Geistes“, wie in Kap. 1/10 f; 4/2; 5/1; 6/1 und 21/1 gesagt wird. Die himmli­schen Erscheinungen wurden also von den Propheten mit ihren geistigen, nicht mit ihren körperlichen Augen gesehen. Heute gibt es diese Visionen nicht mehr. Gäbe es sie, würde man sie nicht verstehen, weil sie durch Vorbildungen zustandekommen, deren Einzelheiten das Innere der Kirche und die Geheimnisse des Himmels bezeichnen. Von Daniel wird vorausgesagt, daß sie aufhören würden, nachdem der Herr in die Welt gekommen sein werde (9, 24). Doch bisweilen gab es teuflische Gesichte, herbeigeführt durch Schwarmgeister und Visionäre, die sich in ihrem Wahn selbst als den Heiligen Geist bezeichneten. Diese Geister sind jedoch jetzt vom Herrn zusammengezogen und in eine besondere, von anderen getrennte Hölle hinabgestürzt worden. Daraus ergibt sich, daß niemand durch andere als die, im Wort berichteten Gesichte, umgebildet werden kann. Außer­dem gibt es auch noch phantastische Gesichte, die freilich nur Illusionen wirklichkeitsfremder Gemüter sind (sunt merae ludificationes mentis abstractae).

*. Die Worte des Herrn über den Reichen in der Hölle und Lazarus im Schoß Abrahams zeigen deutlich, daß niemand dadurch umgebildet wird, daß er mit Verstorbenen spricht. Der Reiche sagte nämlich:

„Ich bitte dich, Vater Abraham, daß du den Lazarus sen­dest in das Haus meines Vaters, denn ich habe fünf Brü­der, damit er ihnen Zeugnis gehe, auf daß sie nicht auch an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten; sie sollen auf sie hören! Der aber sagte: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen käme, so würden sie Buße tun. Jener aber antwortete: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, so werden sie auch nicht überzeugt werden, wenn einer von den toten aufersteht.“ (Lu. 16/27 31)

Das Reden mit Verstorbenen hätte dieselbe Wirkung wie die Wunder, von denen oben die Rede war. Der Mensch würde da­durch nämlich nur für kurze Zeit überredet und zur Gottesver­ehrung angehalten werden. Weil aber der Mensch auf diese Weise seine Vernünftigkeit verlöre und sein Böses, wie oben gezeigt wurde, nur abgekapselt würde. Wird diese Verzaube­rung bzw. diese innere Fessel gelöst, bricht das eingeschlos­sene Böse mit Gotteslästerung und Entweihung hervor. Aber das geschieht nur, wenn die Geister etwas Dogmatisches der Religion anführen, was niemals von Seiten eines guten Geistes, geschweige denn eines himmlischen Engels geschieht.

*135. Dennoch wird das Reden mit Geistern gestattet, sel­ten jedoch mit Engeln des Himmels. In den vergangenen Jahr­hunderten wurde es vielen Menschen gestattet. Wenn das ge­schieht, reden die Geister oder Engel mit dem Menschen in sei­ner Muttersprache, jedoch nur wenige Worte. Geistwesen, die aufgrund einer Erlaubnis des Herrn mit dem Menschen spre­chen, sagen niemals etwas, das die Freiheit der Vernunft auf­hebt, und sie belehren auch nicht, lehrt doch der Herr allein den Menschen; er indessen mittelbar durch das Wort in der Er­leuchtung. Darüber mehr im Folgenden. Diese Tatsache wurde mir durch eigene Erfahrung zu wissen gegeben. Während vie­ler Jahre schon hatte ich Unterredungen mit Geistern und En­geln, aber kein Geist wagte es, mir etwas über irgendeine Stelle im Wort zu sagen, geschweige denn, mich darüber zu beleh­ren, und die Engel wünschten das auch gar nicht. Gelehrt und erleuchtet hat mich allein der Herr, der sich mir offenbarte und später beständig als geistige Sonne, in der er selbst ist, vor mei­nen geistigen Augen erschien und noch erscheint, so wie er den Engeln erscheint.

Durch Drohungen und Strafen wird nie­mand umgebildet, weil sie zwingend sind.

*136. Bekanntlich kann das Äußere nicht das Innere zwingen, wohl aber das In­nere das Äußere. Ferner weiß man, daß das Innere so sehr jedem Zwang durch das Äußere abgeneigt ist, daß es sich ab­wendet und daß die äußeren Lustreize das Innere zur Beistim­mung, ja zur Liebe verlocken. Ferner ist bekannt, daß man zwi­schen einem unter Zwang stehenden und einem freien Inneren unterscheiden kann. Aber obgleich das alles bekannt ist, muß es noch näher beleuchtet werden, gibt es doch manche Dinge, bei denen man, sobald man sie nur vernimmt, innewird, daß sie sich wirklich so verhalten, weil sie wahr sind, und die man daher bejaht. Werden sie aber nicht zugleich durch Gründe un­terbaut, können sie durch täuschende Argumente geschwächt und schließlich sogar geleugnet werden. Deshalb will ich, was ich als bekannt vorausgesetzt habe, nochmals aufnehmen und vernünftig begründen.

Erstens: Das Äußere kann das Innere nicht zwingen, wohl aber das Innere das Äußere. Wer könnte zum Glauben und zum Lieben gezwungen werden? Zum Glauben kann man eben­sowenig gezwungen werden wie zum Denken, daß etwas so sei, wenn man anders darüber denkt. Ebensowenig kann man zum Lieben gezwungen werden wie dazu, etwas zu wollen, das man nicht will. Tatsächlich gehört ja auch der Glaube zum Denken und die Liebe zum Willen. Freilich kann das Innere durch das Äußere dazu gezwungen werden, nichts Negatives gegen die Staatsgesetze, die guten Sitten und die heiligen Dinge der Kirche zu reden; Drohungen und Strafen können dazu nötigen, tun es auch und sollen es auch. Doch dies ist nicht das eigentlich menschliche Innere, sondern ein Inneres, das der Mensch mit den Tieren gemein hat, die auch gezwungen werden können. Das menschliche Innere befindet sich über dem tierischen Inne­ren; es ist das, was sich nicht zwingen läßt.

Zweitens: Das Innere ist einem Zwang durch das Äußere so sehr abgeneigt, daß es sich abwendet, weil es in Freiheit sein will und die Freiheit liebt. Denn Freiheit gehört zur Liebe bzw. zum Leben der Menschen, wie oben gezeigt wurde. Wenn daher der freie Wille spürt, daß er gezwungen werden soll, zieht er sich gleichsam in sich selbst zurück und wendet sich ab, weil er Zwang als etwas Feindliches betrach­tet. Denn die Liebe, die das Leben des Menschen bildet, wird dadurch erbittert und bewirkt, daß der Mensch denkt, er sei gar nicht er selbst und lebe nicht für sich. Diese Beschaffenheit des Inneren beruht auf dem Gesetz der göttlichen Vorsehung, daß der Mensch aus freiem Willen nach der Vernunft handeln soll.

Damit ist offenbar, daß es schädlich ist, Menschen durch Drohungen und Strafen zur Gottesverehrung zu zwingen. Doch gibt es Menschen, die sich zur Religion zwingen lassen, andere, die sich nicht zwingen lassen. Erstere gehören meist zu den Päpstlichen, aber zwingen lassen sich doch nur Menschen, deren Gottesdienst nichts Inneres hat, sondern rein äußerlich ist. Letztere gehören meist zur englischen Nation, und dies darum, weil ihr Gottesdienst innerlich ist und das, was daran äußerlich ist, aus dem Inneren hervorgeht. Ihr Inwendiges, so­weit es mit Religion zusammenhängt, erscheint im geistigen Licht wie leuchtend weiße Wolken, das Inwendige der Ersteren hingegen, soweit es sich auf die Religion bezieht, erscheint im Licht des Himmels wie trübschwarze Wolken. Beides darf man in der geistigen Welt sehen, und wer will, wird es auch sehen, wenn er nach dem Tod in jene Welt kommt. Zudem kapselt der erzwungene Gottesdienst das Böse ein, das dann wie das Feuer im Holz unter der Asche schwelt, sich heimlich nährt und aus­breitet, bis es schließlich in Flammen ausbricht. Der nicht erzwungene, sondern freiwillige Gottesdienst birgt nichts Böses in sich. Dieses gleicht daher eher einem Feuer, das plötzlich aufflammt, aber dann gelöscht wird. Aus alledem geht klar her­vor, daß das Innere dem Zwang derart abgeneigt ist, daß es sich abwendet. Das Innere aber kann das Äußere zwingen, weil das Innere wie der Herr, das Äußere wie der Diener ist.

Drittens: Äußerliche Lustreize verlocken das Innere zur Beistimmung und auch zur Liebe. Diese Reize sind doppelter Art, die einen betreffen den Verstand, die anderen den Willen. Die den Verstand betreffen, sind zugleich auch Lustreize der Weisheit; die den Willen betreffen, auch Lustreize der Liebe, denn die Weisheit gehört zum Verstand, die Liebe zum Willen. Da nun die körperlichen und sinnlichen, also die äußeren Lust­reize in Übereinstimmung mit den inneren, Verstand und Willen betreffenden Reizen wirken, so folgt, daß ebenso wie sich das Innere gegen äußeren Zwang sträubt und ihn zurückweist, das Innere auch den äußeren Lustreiz mit Wohlgefallen betrachten kann und sich ihm schließlich zuwendet. Auf diese Weise stimmt der Verstand zu und entsteht im Willen Liebe zu diesen Lüsten.

In der geistigen Welt werden alle Kinder vom Herrn in die Weisheit der Engel und damit in die himmlische Liebe und in deren Freuden und Lieblichkeiten eingeführt. Das geschieht zuerst durch schöne Dinge in den Häusern und liebliche in den Gärten, dann durch bildliche Darstellungen geistiger Dinge, die das Innere des kindlichen Gemüts erfreuen, zuletzt durch Wahrheiten der Weisheit und damit auch durch Gutes der Liebe. Die Lustreize folgen also in ihrer Ordnung aufeinander: zuerst die der Liebe des Verstandes und der zu ihm gehören­den Weisheit, dann die Lustreize der Liebe des Willens, die zur Lebensliebe der Kinder wird, der sich alles, was sonst durch Lustreize in ihr Gemüt eingedrungen ist, unterordnet.

Diese Ordnung besteht, weil alles, was Verstand und Wille angehört, zuerst durch Äußeres gestaltet werden muß, ehe es auch durch das Innere geformt wird. Zuerst steht die Gestaltung durch die Sinne des Körpers, besonders durch die Augen. Sind aber der erste Verstand und der erste Wille einmal gebildet, dann betrachtet das innere Denken jene Dinge als sein Äußeres, mit dem es sich entweder verbindet oder von dem es sich trennt. Ist es ihm angenehm, verbindet es sich mit den äußeren Gedanken, wenn nicht, trennt es sich von ihnen.

Man beachte aber, daß sich das Innere des Verstandes nicht mit dem des Willens verbindet, sondern umgekehrt, diese Verbindung vom Inneren des Willens ausgeht und bewirkt, daß diese gegenseitig ist. Das geschieht allein vom Inneren des Willens her und in keiner Weise vom Inneren des Verstandes. Darum kann der Mensch nicht durch den Glauben allein um­gebildet werden, sondern nur durch die Liebe des Willens, die sich den Glauben formt.

Viertens: Man muß unterscheiden zwischen einem ge­zwungenen und einem freien Inneren. Ein gezwungenes Inne­res findet sich bei Menschen, deren Gottesdienst bloß äußer­lich und nicht innerlich ist. Ihr Inneres besteht darin, das zu denken und zu wollen, wozu ihr Äußeres gezwungen wird. Zu ihnen gehören alle, die lebende oder verstorbene Menschen anbeten, folglich Götzen verehren und im Wunderglauben be­fangen sind: sie haben lediglich ein Inneres, das zugleich äußerlich ist. Bei Menschen aber, deren Gottesdienst von in­nerlicher Art ist, gibt es zwar ebenfalls ein gezwungenes Inne­res, eines aus Furcht, ein anderes aus Liebe: Das Innere aus Furcht findet sich bei Menschen, die ihren Gottesdienst aus Furcht vor den Qualen und dem Feuer der Hölle ausüben. Die­ses Innere ist aber nicht das zuvor genannte Innere des Den­kens, sondern dessen Äußeres, das hier nur als ein Inneres be­zeichnet wird, weil es ein Denken ist. Das wirkliche Innere des Denkens, von dem oben die Rede war, läßt sich von keiner Furcht zwingen. Es kann aber von der Liebe und aus Furcht vor deren Verlust gezwungen werden. Der wahre Sinn der „Gottesfurcht“ ist nichts anderes. Von der Liebe und von der Furcht vor deren Verlust gezwungen werden heißt aber, sich selbst zwingen. Sich selbst zwingen ist nicht gegen Vernunft und Frei­heit, wie man noch sehen wird.

*137.   Hieraus läßt sich ersehen, worin sich der erzwun­gene und der nicht erzwungene Gottesdienst unterscheiden: der erzwungene ist fleischlicher, lebloser, finsterer und trauriger Art. Er ist fleischlich, weil Angelegenheit des Körpers, nicht des Gemüts, leblos, weil ohne Leben, finster, weil ohne Verstand, und traurig, weil keine himmlische Freude mit ihm verbunden ist. Der freiwillige Gottesdienst hingegen — die Echtheit voraus­gesetzt — ist geistiger, lebendiger, lichtvoller und heiterer Art. Er ist geistig, weil erfüllt vom Geist des Herrn, lebendig, weil erfüllt von seinem Leben, lichtvoll, weil die Weisheit des Herrn und heiter, weil der Himmel des Herrn in ihm ist.

In Zuständen der Unvernunft und Unfrei­heit wird niemand umgebildet.

*138.  Oben wurde bereits gezeigt, daß dem Menschen nur angeeignet wird, was er aus freiem Willen in Übereinstimmung mit seiner Vernunft tut, weil Frei­heit eine Angelegenheit des Willens und Vernunft eine des Ver­standes ist. Handelt der Mensch aus freiem Willen in Überein­stimmung mit seiner Vernunft, handelt er aus dem Willen durch den Verstand, und was aus der Verbindung beider hervorgeht, wird angeeignet. Nun soll nach dem Willen des Herrn der Mensch umgebildet und wiedergeboren werden, damit er ewi­ges oder himmlisches Leben empfangen kann. Doch kann nie­mand umgebildet und wiedergeboren werden, wenn nicht das Gute seinem Willen und das Wahre seinem Verstand angeeig­net und so quasi zu seinem Eigentum wird. Und weil, wie ge­sagt, keinem Menschen etwas angeeignet werden kann, das nicht aus der Freiheit des Willens und in Übereinstimmung mit der Vernunft seines Verstandes geschieht, so folgt, daß nie­mand in Zuständen der Unfreiheit und der Unvernunft umge­bildet werden kann. Es gibt verschiedene Zustände der Unfrei­heit und Unvernunft, doch lassen sie sich im allgemeinen zurückführen auf Furcht, Unglück, Krankheiten des Gemüts und des Körpers, Unwissenheit und Verblendung des Verstan­des. Über jeden einzelnen dieser Zustände soll im Folgenden einiges gesagt werden.

*139. Im Zustand der Furcht wird niemand umgebildet, weil er den freien Willen und die Vernunft bzw. Freiheit und ver­nünftiges Denken aufhebt. Liebe öffnet das Innere des Gemüts, Furcht verschließt es. Ist es aber verschlossen, denkt der Mensch wenig, und nur das, was sich Geist und Sinnen unmittelbar darbietet. Jede Furcht, die das Gemüt ankommt, ist dieser Art.

Im Denken des Menschen ist, wie oben gezeigt wurde, ein inneres und ein äußeres zu unterscheiden. Ins In­nere des Denkens kann die Furcht niemals eindringen; es ist immer in Freiheit, weil in seiner Lebensliebe; in äußere Ge­danken hingegen kann sie eindringen, und wenn ihr das ge­lingt, verschließt sie das Innere des Denkens, und dann kann der Mensch nicht mehr frei und in Übereinstimmung mit seiner Vernunft handeln, also auch nicht umgebildet werden.

Vor allem die Furcht vor dem Verlust von Ehre und Gewinn dringt ins äußere Denken ein und verschließt das In­nere. Die Furcht vor bürgerlichen oder äußeren kirchlichen Strafen verschließt das Innere des Denkens nicht, weil die entsprechenden Gesetze Strafe nur für die Menschen vorsehen, die gegen die bürgerlichen Gesetze des Staates und die geistli­chen der Kirche reden und handeln, nicht aber für die, die nur entsprechend denken.

Die Furcht vor den Höllenstrafen kann zwar die äuße­ren Gedanken beherrschen, doch nur für kurze Zeit, für Stun­den oder Tage; bald entläßt sie es wieder in seine Freiheit aus dem inneren Denken, das recht eigentlich Geist und Liebe des Menschenlebens ist und das Denken des Herzen genannt wird.

Die Furcht vor dem Verlust von Ehre und Gewinn hin­gegen dringt in die äußeren Gedanken des Menschen ein, ver­schließt sein inneres Denken dem Einfluß aus dem Himmel und bewirkt, daß der Mensch nicht umgebildet werden kann. Die Lebensliebe jedes Menschen ist nämlich von Geburt an die Selbst  und Weltliebe, die Selbstliebe aber ist eins mit der Liebe zur Ehre und die Weltliebe mit der Liebe zum Reichtum. Besitzt daher der Mensch viel Ehre und Reichtum, sichert er sich aus Furcht vor deren Verlust die Mittel, sie zu erhalten, und diese Mittel sind sowohl bürgerlicher als kirchlicher Art, also beide mit Gewalt verbunden (... media ... quae sunt tam civilia quam ecclesiastica, utraque imperii). Ebenso handelt, wer noch nicht viel Ehre und Reichtum hat, aber danach strebt. Er lebt jedoch dabei in der Furcht, damit seinen guten Ruf zu verlieren.

Es heißt, jene Furcht dringe ins Äußere des Denkens ein und verschließe das Innere von oben her gegen den himm­lischen Einfluß. Verschlossen nennt man es, wenn es mit dem Äußeren ganz und gar eins bildet, weil es dann nicht in sich, sondern im Äußeren ist. Da nun aber die Selbst  und Weltliebe höllische Liebesarten und Quellen alles Bösen sind, ist klar, wie das Innere des Denkens bei den Menschen beschaffen ist, deren Lebens  oder herrschende Liebe sie darstellen. Es ist of­fenbar erfüllt von Begierden des Bösen aller Art. Das ist denen nicht bewußt, die aus Furcht vor dem Verlust von Würde und Reichtum sich betont religiös geben (in forti persuasione sunt de religioso), vor allem wenn ihre Religion mit sich bringt, daß sie wie göttliche Wesen oder auch wie platonische Wesen in der Hölle verehrt werden. Sie können vor Eifer brennen für das Heil der Seelen, wenn auch aus höllischem Feuer. Diese Furcht hebt vor allem die eigentliche Vernünftigkeit und Freiheit auf, deren Ursprung himmlisch ist — und damit dürfte klar sein, daß sie die Möglichkeit verhindert, den Menschen umzubilden.

*140. Niemand kann im Zustand des Unglücks umgebildet werden, wenn er erst dann an Gott denkt und von ihm Hilfe er­fleht. Denn das ist ein erzwungener Zustand, aus dem der Mensch — sobald seine Freiheit wiederhergestellt ist — in seinen früheren Zustand zurückkehrt, in dem er wenig oder gar nicht an Gott gedacht hatte. Anders bei denen, die schon im Zustand der Freiheit gottesfürchtig waren. „Gott fürchten“ heißt, sich fürchten, ihn durch Sündigen zu beleidigen, was im Grunde nichts mit Furcht, sondern mit Liebe zu tun hat. „Wer fürchtet sich nicht davor, jemanden zu beleidigen, den er liebt, und je lieber er ihn hat, desto mehr? Ohne diese Art von Ehrfurcht ist Liebe ohne Salz und oberflächlich, nur eine gedankliche Angelegenheit, nicht eine des Willens. Unter Zuständen des Unglücks verstehen wir Verzweiflung in gefährlichen Situationen, wie im Krieg, beim Zweikampf, bei Schiffbruch, Unfällen, Feuersbrünsten, plötzlichem Verlust des Eigentums, der beruflichen Stellung samt dem damit verbundenen Ansehen und ähnliches. Nur unter solchen Umständen an Gott denken, heißt nicht aus Gott, sondern aus sich selber denken. Das Gemüt ist dann gleichsam im Körper eingekerkert, also nicht in Freiheit und darum auch nicht im Zustand der Vernünftigkeit. Ohne beide gibt es aber keine Umbildung.

*141. Auch im Zustand der Gemütskrankheit kann nie­mand umgebildet werden, weil dadurch die Vernünftigkeit ebenso wie die Freiheit, in Übereinstimmung mit der Vernunft zu handeln, aufgehoben wir. Nur ein gesundes, nicht ein kran­kes Gemüt ist vernünftig. Zu diesen Krankheiten gehören die Schwermut (melancholia), das unechte und heuchlerische Ge­wissen, Phantasien verschiedener Art, seelische Schmerzen in­folge von Unglück, Angst und Bedrückung des Gemüts wegen eines körperlichen Fehlers. Dergleichen hält man bisweilen fälschlich für Versuchungen. Echte Versuchungen haben Gei­stiges zum Gegenstand, und in ihnen ist das Gemüt verständig, jene aber haben Natürliches zum Gegenstand, und in diesen ist das Gemüt unverständig.

*142. Auch im Zustand körperlicher Krankheit wird nie­mand umgebildet, weil die Vernunft dann ebenfalls nicht frei ist, hängt doch der Gemütszustand von dem des Körpers ab. Ist der Körper krank, betrifft das auch das Gemüt, wenn auch nur infolge der durch die Krankheit erzwungenen Zurückgezogen­heit von der Welt. Ein von der Welt abgekapseltes Gemüt denkt zwar an Gott, aber nicht aus Gott, weil es nicht in der Freiheit der Vernunft ist. Freiheit der Vernunft besitzt der Mensch, wenn er sich zwischen dem Himmel und der Welt in der Mitte befin­det und daher vom Himmel oder von der Welt her oder auch aus dem Himmel über die Welt denken kann. Ist der Mensch aber krank und denkt an den Tod und wie dann der Zustand seiner Seele sein wird, ist sein Geist von der Welt abgekapselt. In solch einsamem Zustand kann niemand umgebildet werden. War er aber schon vor der Krankheit umgebildet, kann er da­durch befestigt werden.

Dasselbe gilt für Menschen, die der Welt und aller ir­dischen Tätigkeit entsagt haben und sich ausschließlich Ge­danken an Gott, Himmel und ewige Seligkeit hingeben. Dar­über jedoch an anderer Stelle mehr. Wer also nicht schon vor der Krankheit umgebildet war, wird bei seinem Tod so sein, wie er vor der Krankheit war. Daher ist es töricht zu denken, jemand könne im Zustand der Krankheit Buße tun und etwas vom Glauben in sich aufnehmen; denn eine solche Buße hat nichts mit selbstbestimmten Handeln zu tun, und in solchem Glauben liegt keine Liebe. In beiden Fällen bleibt alles ledig­lich Sache des Mundes, nicht des Herzens.

*143. Auch im Zustand der Unwissenheit wird niemand umgebildet, weil jede Umbildung durch Wahrheiten und ein entsprechendes Leben geschieht. Darum können Menschen, die die Wahrheiten nicht kennen, auch nicht umgebildet werden. Wenn sie jedoch aus Neigung nach den Wahrheiten verlangen, werden sie nach dem Tode in der Geistigen Welt umgebildet.

*144. Im Zustand der Verblendung des Verstandes kann ebenfalls kein Mensch umgebildet werden. Denn verblendete Menschen kennen keine Wahrheiten und folglich nicht das Leben, da der Verstand die Wahrheiten lehren und der Wille sie üben muß. Tut der Wille, was der Verstand lehrt, wird dem Be­treffenden ein Leben zuteil, das der Wahrheit entspricht; ist sein Verstand jedoch verblendet, ist auch sein Wille wie verstopft. Er tut dann aus freiem Willen und in Übereinstimmung mit seiner Vernunft nur das im Verstand begründete Böse, das aber falsch ist. Nicht nur Unwissenheit verblendet jedoch den Verstand, sondern auch eine Religion die blinden Glauben an falsche Dogmen fordert. Denn wie die Wahrheiten den Verstand Öffnen, so verschließen ihn Falschheiten. Sie verschließen ihn nach oben und öffnen ihn nach unten. Ein nach unten offener Ver­stand kann die Wahrheiten nicht erkennen, sondern nur be­gründen, was er will, vor allem das Falsche. Der Verstand wird auch durch Begierden des Bösen verblendet. Solange der Wille den Begierden verhaftet ist, treibt er den Verstand an, sie zu be­gründen, und soweit ihm das gelingt, kann der Wille keine Nei­gungen zum Guten entwickeln und von daher die Wahrheiten erkennen und umgebildet werden.

Wer z.B. der Begierde des Ehebruchs verfallen ist, den treibt sein Wille, weil er den Lustreiz dieser Neigung empfin­det, den Ehebruch zu begründen. Er sagt sich: Was ist schon ein Ehebruch? Liegt darin überhaupt etwas Böses? Findet nicht zwischen Ehemann und Ehefrau etwas ähnliches statt? Kann nicht aus dem Ehebruch ebensogut Nachkommenschaft her­vorgehen? Was hat das Geistige damit zu tun? Solche oder ähn­liche Gedanken bewegen seinen Verstand, der zur Hure des Willens geworden ist. Durch diese Hurerei wird er derart stumpf, daß er die eheliche Liebe nicht als die himmlisch gei­stige Liebe selbst erkennt   als Abbild der Liebe zwischen dem Herrn und der Kirche, von der sie auch abstammt, und deshalb heilig und die Keuschheit, Reinheit und Unschuld selbst. Die eheliche Liebe gestaltet die Menschen zu Formen der Liebe. Der Ehebruch aber zerstört diese Form und mit ihr das Eben­bild des Herrn. Es ist etwas Abscheuliches, wenn ein Ehebre­cher sein Leben mit dem des Gatten in dessen Frau vermischt; denn im Samen liegt das Leben des Menschen.

Und weil das eine Entweihung ist, darum wird die Hölle als Ehebruch, umgekehrt aber der Himmel als Ehe be­zeichnet. Die Neigung zum Ehebruch steht denn auch mit der untersten Hölle in Gemeinschaft, die wahre eheliche Liebe aber mit dem innersten Himmel. Die Zeugungsorgane beider Geschlechter entsprechen auch den Gesellschaften der Engel des innersten Himmels.

Anm. d.Ü.: Zu vielen hinduistischen Tempeln gehört der sogen. Lingam, eine symbolische Darstellung der Zeugungsorgane des Gottes Schiwa und sei­ner Gemahlin Parwati. In unseren Augen ein Überrest uralten Wissens um die Heiligkeit der Ehe und die göttliche Zeugungskraft.

Dies wurde angeführt, um zu zeigen, wie verblendet der Verstand ist, wenn der Wille von der Be­gierde zum Bösen durchdrungen ist, und daß in diesem Zu­stand niemand umgebildet werden kann.

Sich selbst zwingen ist nicht gegen Vernunft und Freiheit.

*145. Oben wurde nachgewiesen, daß im Denken des Menschen ein Inneres und ein Äußeres besteht und daß sie un­terschieden sind wie das Frühere und das Spätere oder das Obere und das Untere, und daß sie infolge dieses Unterschieds entweder getrennt oder in Verbindung handeln können. Ge­trennt handeln sie, wenn der Mensch seinen äußeren Gedanken nach anders spricht und handelt, als er innerlich denkt und will. In Verbindung handeln sie, wenn der Mensch so spricht und handelt, wie er auch innerlich denkt und will. Dies ist allgemein bei den Aufrichtigen der Fall, jenes bei den Unaufrichtigen.

Weil nun das Innere und Äußere des Gemüts so ge­schieden sind, kann das Innere mit dem Äußeren kämpfen und es dadurch zur Übereinstimmung drängen. Der Kampf entsteht, wenn der Mensch denkt, das Böse sei Sünde und deshalb wolle er davon abstehen. Sobald er das tut, öffnet sich eine Pforte, und dann werden vom Herrn die Begierden des Bösen ausge­trieben, die das Innere des Denkens belagern, und an ihrer Stelle werden gute Neigungen eingepflanzt. Das vollzieht sich im Inneren des Denkens. Doch weil die Lustreize der bösen Begierden die äußeren Gedanken belagern und nicht zugleich ausgestoßen werden können, entsteht ein Kampf zwischen dem Inneren und Äußeren des Denkens. Das Innere möchte jene Lustreize austreiben, weil sie böse sind und nicht mit den Neigungen zum Guten übereinstimmen, in denen jetzt das In­nere ist; es möchte an die Stelle der bösen Lustreize gute, über­einstimmende setzen. Unter diesen guten Lustreizen versteht man das Gute der tätigen Liebe, und aus diesem Widerspruch entsteht jener Kampf, der, wenn er sich steigert, Versuchung genannt wird.

Weil nun der Mensch ein Mensch ist durch das Innere sei­nes Denkens — denn eben dies ist der Geist des Menschen —, so steht fest, daß der Mensch sich selbst zwingt, wenn er seine äußeren Gedanken zur Übereinstimmung oder zur Aufnahme der mit seinen Neigungen verbundenen Freuden zwingt, die das Gute der tätigen Liebe sind. Es ist klar, daß das nicht gegen Freiheit und Vernunft verstößt, sondern ihnen gemäß ist, denn die Vernunft beschwört diesen Kampf herauf und die Freiheit führt ihn durch. Auch wohnt ja eben die Freiheit zusammen mit der Vernunft im inneren Menschen und von da aus im äußeren.

Wenn daher das Innere siegt, d.h. wenn es das Äußere zur Übereinstimmung und zum Gehorsam gebracht hat, verleiht der Herr dem Menschen die wahre Freiheit und die wahre Ver­nunft. Denn damit hat ja der Herr den Menschen der höllischen Freiheit entrissen, die an sich nur Knechtschaft ist, und ihn in die himmlische, die Freiheit an sich, und in die Gemeinschaft der Engel versetzt. Der Herr selbst lehrt bei Johannes 8, 31 bis 36, daß die Knechte sind, welche die Sünde tun, und er alle frei macht, die durch das Wort die Wahrheit von ihm aufnehmen.

*146. Ein Beispiel soll das beleuchten: Wenn ein Mensch an Betrügereien und heimlichem Diebstahl seine Lust hatte, dann aber erkennt und anerkennt, daß es Sünden sind, be­ginnt, sobald er davon abläßt, ein Kampf des inneren Men­schen mit dem äußeren. Der innere Mensch möchte redlich sein, der äußere aber wird noch von der Lust am Betrug ge­reizt, die   weil sie dem Lustreiz der Redlichkeit völlig entge­gengesetzt ist   nur abläßt, wenn sie dazu gezwungen wird; das kann nur durch Kampf geschehen. Siegt dann der innere Mensch, gelangt der äußere schließlich auch dazu, Lust an Red­lichkeit, d.h. an der tätigen Liebe zu empfinden. In der Folge wird ihm die Lust am Betrug allmählich zur Unlust. Dasselbe gilt für die übrigen Sünden, wie Ehebruch und Hurerei, Rache und Haß, Lästern und Lügen.

Der schwerste Kampf von allen ist der mit der Herrschbegierde, die aus Selbstsucht entspringt. Wer sie überwindet, unterjocht leicht alle übrigen bösen Nei­gungen, ist sie doch ihr Haupt.

*147. Kurz soll noch erörtert werden, wie der Herr die Be­gierden des Bösen, die den inneren Menschen von Geburt an belagern, austreibt und an ihrer Stelle Neigungen zum Guten einflößt, sobald sich der Mensch vom Bösen deshalb distan­ziert, weil es Sünde ist. Oben wurde gezeigt, daß der Mensch ein natürliches, ein geistiges und ein himmlisches Gemüt hat, aber auf das natürliche beschränkt ist, solange ihn böse Be­gierden und deren Lustreize beherrschen. Währenddessen ist sein geistiges Gemüt verschlossen. Doch sobald der Mensch aufgrund einer Selbstprüfung anerkennt, daß das Böse Sünde gegen Gott, weil gegen die göttlichen Gebote ist, und er davon abstehen will, schließt der Herr das geistige Gemüt bei ihm auf und dringt durch die Neigungen zum Guten und Wahren ins Natürliche wie auch ins Vernünftige ein und führt das in die Ordnung zurück, was unten im Natürlichen ordnungswidrig war. Das erscheint dem Menschen als Kampf, und wenn er dem Bösen sehr nachgegeben hatte, als Versuchung. Weil nun etwas im Menschen, das er als sein Eigenes empfindet, zum Gegenstand des Kampfes wird, und niemand gegen sich selbst zu kämpfen vermag, es sei denn aus einer Kraft, die inwendi­ger ist als er selbst und aus der darin herrschenden Freiheit, so zwingt dann der innere Mensch den äußeren durch Kampf zum Gehorsam: Das heißt, sich selbst zwingen. Es ist klar, daß dies nicht gegen, sondern in Übereinstimmung mit Vernunft und Freiheit geschieht.

*148. Jeder Mensch will frei sein und die Unfreiheit oder Knechtschaft überwinden. Jeder Knabe, der von einem Lehrer abhängig ist, möchte sein eigener Herr, möchte frei sein. Dasselbe gilt für jeden Diener unter einem Herrn und jede Magd unter einer Herrin. Auch jede Jungfrau wünscht, ihr Vaterhaus zu verlassen und zu heiraten, um frei in ihrem eigenen Haus­halt schalten und walten zu können. Und jeder Jüngling, der arbeiten, Handel treiben oder ein Amt verwalten möchte, wünscht sich, von der Knechtschaft anderer freizukommen, um sein eigener Herr zu sein. Menschen aber, die aus eigenem An­trieb um der Freiheit willen dienen, zwingen sich selbst, und indem sie das tun, handeln sie aus freiem Willen nach ihrer Vernunft. Sie tun dies jedoch aus einer inneren Freiheit, von der aus die äußere Freiheit als Knechtschaft betrachtet wird. All das wurde angeführt, um den Satz zu begründen, daß sich selbst zwingen nicht gegen Vernunft und Freiheit ist.

*149. Der Mensch will deshalb nicht auf ähnliche Weise aus der geistigen Knechtschaft in die geistige Freiheit gelangen, weil er von beiden nichts weiß. Er ist nicht im Besitz von Wahrheiten, die es ihn lehren, und ohne diese Wahrheiten hält man die geistige Knechtschaft für Freiheit und die eigentliche Frei­heit für Knechtschaft. Der zweite Grund liegt darin, daß die Re­ligion der christlichen Welt den Verstand der Menschen ver­schlossen und der alleinige Glaube (soda fide) ihn versiegelt hat. Beide haben sich mit dem Dogma, die theologischen Dinge seien transzendent, und daher dürfe man nicht mit ir­gendwelchen vernünftigen Überlegungen an sie herangehen, wie mit einer eisernen Mauer umgeben. Diese Dinge, sagt man, seien für Blinde bestimmt, nicht für Sehende. Auf diese Weise wurden Wahrheiten, die zeigen könnten, worin geistige Freiheit besteht, verborgen gehalten. Drittens prüfen sich nur wenige Menschen und nehmen ihre Sünden wahr. Wer sie aber nicht sieht und von ihnen absteht, befindet sich in der hölli­schen Freiheit der Sünde, die an sich Knechtschaft ist. Blickt man von dieser auf die himmlische, die wahre Freiheit, ist es, als wolle man in der Nacht den Tag schauen oder unter einer schwarzen Wolke das, was von der Sonne oberhalb beschienen wird. Darum also weiß man nicht, worin himmlische Freiheit besteht und, daß der Unterschied zwischen ihr und der hölli­schen Freiheit wie der zwischen Lebendigem und Totem ist.

Der äußere Mensch muß durch den inne­ren umgebildet werden, nicht umgekehrt.

*150. Unter dem in­neren und äußeren Menschen ist dasselbe zu verstehen, wie unter dem Inneren und Äußeren des Denkens, wovon oben schon mehrfach die Rede war. Das Äußere muß durch das In­nere umgebildet werden, weil das Innere ins Äußere einfließt, nicht umgekehrt. Man weiß in der gelehrten Welt, daß es einen geistigen Einfluß in den natürlichen gibt, nicht aber umgekehrt. In der Kirche ist bekannt, daß zuerst der innere Mensch gerei­nigt und erneuert werden muß, und von ihm her der äußere, und das darum, weil der Herr und die Vernunft es fordern. Der Herr lehrt es mit folgenden Worten:

„Wehe euch, ... ihr Heuchler, daß ihr die Außenseite des Bechers und der Schüssel reinigt; inwendig aber sind sie gefüllt mit Raub und Unmäßigkeit. Du blinder Pharisäer, mache zuerst den Inhalt des Bechers rein, damit auch seine Außenseite rein wird!“ (Mat. 23/25 f)

Im Werk „Die Göttliche Liebe und Weisheit“ ist aus­führlich gezeigt worden, daß dies auch die Vernunft fordert; denn was der Herr lehrt, läßt er den Menschen durch die Ver­nunft erkennen, und zwar auf zweierlei Weise: einmal daß die­ser, sobald er es hört, es in sich als wahr erkennt und auch, daß er die Gründe dafür einsieht. In sich erkennen heißt in seinem inneren Menschen sehen; die Gründe einsehen meint, im äuße­ren Menschen erkennen. Wer erkennte nicht in sich als wahr, wenn er hört, daß zuerst der innere Mensch gereinigt werden muß und dann — durch ihn — der äußere? Wer aber davon nicht die allgemeine Vorstellung durch einen Einfluß aus dem Him­mel aufgenommen hat, kann daran irre werden, wenn er das Äußere seiner Gedanken zu Rate zieht; denn von ihnen aus würde niemand etwas anderes erkennen als daß äußere Werke, d.h. die der tätigen Liebe und Frömmigkeit unabhängig vom Inneren selig machen. Ebenso ist es auch mit anderen Dingen, z.B. aufgrund der äußeren Gedanken meint man, das Sehen und Hören fließe ins Denken ein, Geruch und Geschmack in die Wahrnehmung, also das Äußere ins Innere, während doch das Gegenteil der Fall ist. Die Meinung, das Gesehene und Gehörte fließe ins Denken ein, beruht auf Täuschung, ist es doch der Verstand, der im Auge sieht und im Ohr hört, nicht umgekehrt. Dasselbe gilt für die übrigen Sinne.

*151. Auf welche Weise der innere Mensch umgebildet wird und durch diesen der äußere, soll im Folgenden noch etwas deutlicher ausgeführt werden. Der innere Mensch wird nicht umgebildet durch bloßes Wissen, Einsehen und Verstehen (sapere), also auch nicht durch Gedanken allein, sondern dadurch, daß er will, was ihn Wissen, Einsicht und Weisheit (sapientia) lehren. Wenn der Mensch weiß, einsieht und ver­steht, was es mit Himmel und Hölle auf sich hat, und daß alles Böse aus der Hölle, alles Gute aber aus dem Himmel stammt, und er dann das Böse zurückweist, weil es höllisch, aber das Gute will, weil es himmlisch ist, hat er die erste Stufe der Um­bildung erreicht und steht an der Scheidelinie zwischen Hölle und Himmel. Schreitet der Mensch weiter fort und will vom Bösen abstehen, erreicht er die zweite Stufe der Umbildung und steht außerhalb der Hölle, aber noch nicht im Himmel, doch sieht er ihn über sich. Dieses Innere ist eine Vorausset­zung der Umbildung des Menschen. Wird aber nicht beides, In­neres wie Äußeres umgebildet, ist der Mensch nicht umgebil­det. Das Äußere wird durch das Innere umgebildet, wenn das Äußere vom Bösen abläßt, gegen das sich das Innere wehrt, weil es höllischer Art ist, mehr noch, wenn das Äußere das Böse aus diesem Grunde flieht und dagegen ankämpft. Auf diese Weise ist das Innere das Wollen und das Äußere das Voll­bringen. Wenn nämlich jemand nicht zur Ausführung bringt, was er will, so liegt inwendig in ihm verborgen, daß er es eben doch nicht will, und schließlich kommt es zum Nichtwollen.

Diese wenigen Bemerkungen lassen erkennen, auf welche Weise der äußere Mensch durch den inneren umgebil­det wird. Das ist auch unter den Worten des Herrn zu verste­hen, die er an Petrus richtete:

„Wenn ich dich nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir. Simon Petrus sagt zu ihm: Herr, nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt! Jesus sagt zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nur noch, daß er an den Füßen gewaschen werde, so ist er ganz rein.“ (Joh. 13/8 10)

Unter der Waschung hat man eine geistige Waschung zu verstehen, d.h. die Reinigung vom Bösen, unter dem Waschen des Hauptes und der Hände die Reinigung des inneren, unter dem Waschen der Füße die Reinigung der äußeren Menschen. Wenn der innere Mensch gereinigt ist, muß aber noch der äußere gereinigt werden, wie die Worte zeigen: „Wer gewaschen ist, bedarf nur noch an den Füßen gewaschen zu werden.“ Die Worte: „wenn ich dich nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir“ zeigen, daß jede Reinigung vom Bösen durch den Herrn erfolgt. In den „Himmlischen Geheimnissen“ ist ausführlich ge­zeigt worden, daß Waschungen bei den Juden die Reinigung vom Bösen vorbildeten und die Fußwaschung die Reinigung des natürlichen oder äußeren Menschen bezeichnete.

*152. Der Mensch hat also ein Äußeres und ein Inneres. Erst wenn beides umgebildet wird, ist der Mensch wirklich umgebildet. Weil nun aber niemand umgebildet werden kann, der sich nicht prüft, sein Böses erkennt, es anerkennt und schließlich davon läßt, so folgt, daß nicht nur das Äußere, son­dern auch das Innere erforscht werden muß. Prüft nämlich der Mensch nur sein Äußeres, sieht lediglich, was er tatsächlich be­gangen hat, z.B. daß er nicht gemordet, nicht die Ehe gebro­chen, nicht gestohlen, kein falsches Zeugnis abgelegt hätte, usw. So erforscht er nur das Böse, das er möglicherweise mit dem Körper begangen hat, nicht das Böse seines Geistes. Und doch muß gerade dies erforscht werden, damit man umgebil­det werden kann. Denn der Mensch lebt nach dem Tod als Geist fort und alles Böse in ihm bleibt. Der Geist aber wird nur dadurch erforscht, daß der Mensch auf seine Gedanken achtet, vor allem auch auf seine Absichten. Denn in diesen finden sich die Gedanken seines Willens, in dem das Böse seinen Ur­sprung und seine Wurzeln hat, d.h. in dessen Begierden und Lustreizen. Werden diese nicht gesehen und erkannt, ist der Mensch dem Bösen verfallen, selbst wenn er es äußerlich nicht begangen hat. Denken aus Absicht ist, nach den folgenden Worten des Herrn, gleichbedeutend mit Wollen und Tun:

„Wenn jemand das Weib eines anderen ansieht um es zu begehren, hat er schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen.“ (Mat. 5/28)

Auf diese Weise erfolgt die Erforschung des inneren Menschen, und durch sie wird auch die des äußeren Menschen wesentlich gefördert.

*153. Ich habe mich oft gewundert, daß unter Tausenden kaum einer weiß, daß man das Böse als Sünde fliehen muß, weil es sonst nicht vergeben wird und man ohne Vergebung nicht selig wird, obgleich es doch in der ganzen christlichen Welt bekannt ist. In der geistigen Welt wurde das untersucht, u.z. mit folgendem Ergebnis: In der Christenheit ist es bekannt aus den Gebeten vor dem heiligen Abendmahl, in denen es offen ausgesprochen wird. Fragt man aber Menschen, die diese Gebete gehört haben, ob sie es wissen, so verneinen sie es einfach, weil sie nicht darüber nachgedacht haben und den meisten sogleich wieder die Lehre vom Seligwerden durch den Glauben allein in die Gedanken kam. Ich habe mich auch dar­über gewundert, wie denen, die sich darauf versteift haben, der bloße Glaube die Augen so verschließt, daß sie beim Lesen des Wortes nichts von alledem erkennen, was darin über Liebe, Nächstenliebe und gute Werke gesagt wird. Es ist, als ob sie den ganzen Inhalt des Wortes mit dem Begriff des Glaubens überschmiert hätten  ähnlich Leuten, die eine Schrift mit Men­nige übermalen —, so daß nichts mehr von dem sichtbar ist, was darunter steht, und was allenfalls noch erkennbar ist, vom Glauben absorbiert und dafür ausgegeben wird.

*



Teil 8 - Nach einem weiteren Gesetz der göttlichen Vorsehung soll der Mensch durch den Herrn vom Himmel aus geführt und gelehrt werden durch das Wort, die Lehre und die Predigt aus dem Wort, und zwar dem vollen Anschein nach wie von sich selbst.



*154. Es scheint zwar so, als ob der Mensch sich selbst führe und belehre, aber in Wahrheit wird er allein vom Herrn geführt und belehrt. Wer zwar den Anschein bei sich begrün­det, er lerne aus Sich allein, nicht aber zugleich die Wahrheit, kann nicht das Böse als Sünde von sich entfernen. Wer aber beides zugleich begründet, kann es. Das Böse als Sünde wird, wie gesagt, dem Anschein nach vom Menschen selbst entfernt, in Wahrheit aber vom Herrn. Letztere können umgebildet wer­den, erstere nicht.

Menschen, die nur diesen Anschein und nicht zu­gleich die Wahrheit bei sich begründen, sind samt und sonders im Inneren Götzendiener, da sie ihr eigenes Ich und die Welt anbeten. Sind sie ohne Religion, beten sie die Natur an, sind also Atheisten, haben sie Religion, beten sie Menschen und zu­gleich Bilder an. Unter ihnen hat man heutzutage Menschen zu verstehen, die entgegen dem ersten Gebot andere Götter an­beten. Die anderen, die bei sich zugleich diesen Anschein und die Wahrheit begründen, beten den Herrn an; denn Er erhebt sie über ihr Eigenes, das im Scheinbaren befangen ist, und führt sie ins Licht, in dem die Wahrheit und das die Wahrheit ist. Er gibt ihnen eine innere Wahrnehmung von der Wahrheit, daß sie nicht aus sich selbst geführt und gelehrt werden, son­dern vom Herrn.

Die Vernunftfähigkeit der einen wie der anderen er­scheint möglicherweise vielen als ähnlich, sie ist es aber nicht. Die Vernunftfähigkeit der Menschen, die beides, Schein und Wahrheit, anerkennen, ist von geistiger, die der anderen von natürlicher Art, die sich mit einem Garten im winterlichen Licht vergleichen läßt; die geistige Vernunftfähigkeit hingegen mit einem Garten im Licht des Frühlings. Darüber anschließend mehr, und zwar in dieser Reihenfolge:

Der Mensch wird allein vom Herrn geführt und belehrt.

*155.  Dies geht als Schlußfolgerung aus allem hervor, was im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ dargelegt wurde: Dort wurde im ersten Teil die Göttliche Liebe und Weis­heit behandelt, im zweiten die Sonne der geistigen Welt und die Sonne der natürlichen Welt, im dritten die Grade, im vier­ten die Schöpfung des Universums und im fünften die Schöp­fung der Menschen.

*156. Der Mensch wird aber deshalb allein vom Herrn geführt und Gelehrt, weil er ja durch Ihn allein lebt; denn der Wille seines Lebens wird geführt, der Verstand seines Lebens Gelehrt. Der Anschein spricht freilich dagegen, da es dem Menschen so scheint, als ob er aus sich Selbst lebe, während er in Wahrheit doch aus dem Herrn und nicht aus sich lebt. Aber solange der Mensch in der Welt lebt, kann ihm die Wahr­nehmung des Gefühls, allein aus dem Herrn zu leben, nicht gegeben werden, weil ihm der Anschein, aus sich selbst zu leben, nicht genommen wird, ohne den er nicht Mensch ist. Aber das muß durch Gründe unumstößlich bewiesen werden, die dann durch die Erfahrung und schließlich durch das Wort zu bestätigen sind.

*157. Die Tatsache, daß der Mensch aus dem Herrn allein lebt und nicht aus sich, soll durch folgende Gründe bewiesen werden: Es gibt nur eine einzige Wesenheit, eine einzige Sub­stanz und Form, der alle erschaffenen Wesenheiten, Substan­zen und Formen entstammen. Jene einzige Wesenheit, Sub­stanz und Form ist die Göttliche Liebe und Weisheit, aus der alles stammt, was sich beim Menschen auf Liebe und Weisheit bezieht. Sie ist ebenso auch das Gute und Wahre selbst, auf die sich alles bezieht. Diese sind das Leben, von dem das Leben aller Geschöpfe und alles, was zum Leben gehört, abstammt. Dieses Einzige und aus sich selbst Bestehende ist ferner auch das Allgegenwärtige, Allwissende und Allmächtige; es ist der Herr von Ewigkeit, Jehovah.

Im Werk „Die Göttliche Liebe und Weisheit“ ist in # 44 bis 46 nachgewiesen worden, daß es eine einzige Wesenheit, Substanz und Form gibt, aus der alle erschaffenen Wesenheiten, Substanzen und Formen stammen. Der zweite Teil dieses Werkes zeigt, daß die Sonne des Engelhimmels, die vom Herrn und in welcher der Herr ist, diese einzige Substanz und Form darstellt aus der alles Erschaffene stammt, und daß es ohne sie nichts gibt noch geben könnte. Im dritten Teil des Werkes wurde gezeigt, daß alles auf dem Wege stufenweiser Ableitungen aus ihr stammt.

Wer nähme nicht mit seiner Vernunft wahr und er­kennte an, daß eine einzige Wesenheit besteht, aus der jede Wesenheit, ein einziges Sein, aus dem alles Sein stammt? Was könnte dasein ohne zu sein, und welches Sein sollte allem Sei­enden zugrunde liegen, wenn nicht das einzige Sein, das Sein an sich? Weil dem nun so ist und jeder es durch die Vernunft wahrnimmt und erkennt oder doch wahrnehmen und erken­nen könnte, welche andere Folgerung ließe sich daraus ziehen, als daß dieses Sein — das Göttliche selbst, Jehovah — alles in allem ist, das da ist und existiert?

Dasselbe gilt, wenn man sagt, daß es eine einzige Sub­stanz gibt, aus der alles stammt, und da es eine Substanz ohne Form nicht gibt, folgt auch, daß es nur eine einzige Form gibt, die allem zugrunde liegt. Im genannten Werk wurde nachge­wiesen, daß die Sonne des Engelhimmels jene einzige Substanz und Form darstellt, ferner, wie sich diese Wesenheit, Substanz und Form in den Geschöpfen verändert (variatur).

Diese einzige Wesenheit, Substanz und Form ist die Göttliche Liebe und Weisheit; daraus ist alles, was sich beim Menschen auf Liebe und Weisheit bezieht. Auch das ist im Werk „Die Göttliche Liebe und Weisheit“ vollständig nachgewiesen worden. Was auch immer beim Menschen lebt, bezieht sich auf Wille und Verstand bei ihm, und jeder nimmt aufgrund seiner Vernunft wahr und erkennt an, daß diese bei­den sein Leben bilden. Was wäre sonst gemeint, wenn man sagt: Dies will ich oder: Dies verstehe ich; Dies liebe ich oder: Dies denke ich? Und weil der Mensch will, was er liebt und denkt, was er versteht, darum bezieht sich alles im Willen auf die Liebe und alles im Verstand auf die Weisheit. Kein Mensch kann jedoch Liebe und Weisheit aus sich selbst, sondern nur aus Ihm haben, der die Liebe und Weisheit selbst ist, also aus dem Herrn von Ewigkeit, Jehovah. Stammten sie nicht von Ihm, wäre der Mensch die Liebe und Weisheit selbst, also Gott von Ewigkeit — eine Folgerung, vor der die menschliche Ver­nunft selbst zurückschaudert. Kann es etwas geben, es sei denn aus einem, das vor ihm war, und ein solches wiederum, das nicht aus einem noch Früheren und so letztlich aus einem Er­sten hervorgegangen ist, das von Ewigkeit her in sich ist?

Auf gleiche Weise bezieht sich alles auf das Gute und Wahre selbst. Jeder vernünftige Mensch nimmt an und gibt zu, daß Gott das Gute und Wahre an sich ist und alles Gute und Wahre von ihm stammt, also auch daß nichts Gutes und Wahres aus einer anderen Quelle stammen könne, als aus dem Guten und Wahren selbst. Das wird von jedem vernünfti­gen Menschen anerkannt, sobald er es hört. Wird ihm dann ge­sagt, daß sich bei einem Menschen, der vom Herrn geführt wird, alles was seinem Willen und Verstand bzw. seiner Liebe und Weisheit oder seinen Neigungen und Gedanken angehört, auf das Gute und Wahre bezieht, so folgert er daraus, daß alles, was ein solcher Mensch will und versteht, was er liebt und er­kennt oder was ihn anregt und was er denkt, letztlich vom Herrn kommt. Daher weiß auch in der Kirche jeder, daß alles Gute und Wahre, das vom Menschen selbst stammt, nicht gut und wahr ist, sondern nur das, was seinen  Ursprung im Herrn hat. Aus dieser Wahrheit folgt, daß eben alles, was ein solcher Mensch will und denkt, vom Herrn stammt. Im Folgenden wird man sehen, daß auch böse Menschen aus keinem anderen Ur­sprung denken und wollen können.

Im Werk „Die Göttliche Liebe und Weisheit“ wurde ferner ausführlich dargelegt, daß Liebe und Weisheit das Leben sind, aus dem das Leben aller Geschöpfe und alles, was zum Leben gehört, stammt. Auch das wird von der menschlichen Vernunft angenommen und anerkannt, sobald sie es hört: alles Leben des Menschen liegt in seinem Willen und Verstand, da er nicht lebt, sobald man ihm Wille und Verstand nimmt. Aufs selbe läuft es hinaus, wenn man sagt: alles Leben der Men­schen liegt in seiner Liebe und in seinem Denken da er nicht Wirklich lebt, sobald ihm Liebe und Gedanken genommen wer­den. Weil nun, wie Oben gesagt, alles vom Herrn stammt was beim Menschen Wille und Verstand bzw. Liebe und Weisheit angehört, ist folglich auch alles was bei ihm lebt, vom Herrn.

Dieses Einzige und Selbständige ist allgegen­wärtig allwissend und allmächtig. Auch das erkennt jeder Christ aufgrund seiner Lehre und jeder Heide aufgrund seiner Religion an. Daher denkt auch jeder, wenn er betet, Gott sei da gegenwärtig, wo er sich gerade befindet. Und da alle so denken und beten, können sie folglich nur denken, daß Gott überall, also all­gegenwärtig, und daß er allwissend und allmächtig sei. Deshalb bittet auch jeder, der zu Gott betet, in seinem Herzen demütig, Gott möge ihn führen, weil er das kann. So erkennt denn jeder die göttliche Allgegenwart, Allwissenheit und Allmacht an. Er er­kennt sie an, weil er im Gebet sein inneres Antlitz dem Herrn zu­wendet und dann jene Wahrheit von Gott her in ihn einfließt.

Dieses Einzige und Selbständige ist der Herr von Ewigkeit, Jehovah. Im Werk „Die Lehre des Neuen Je­rusalems vom Herrn“ wurde folgendes gezeigt: Gott ist dem Wesen und der Person nach Einer, und dieser Gott ist der Herr; das Göttliche Selbst, Jehovah und Vater genannt, ist der Herr von Ewigkeit; das Göttlich Menschliche ist der Sohn, empfan­gen aus seinem Göttlichen von Ewigkeit und in der Welt ge­boren; das ausgehende Göttliche ist der Heilige Geist. Gott wird das Selbständige (Ipsum) und Einzige genannt, weil der Herr von Ewigkeit, Jehovah, das Leben selbst ist, wie schon früher gezeigt wurde, und weil er die Liebe und Weisheit oder das Gute und Wahre selbst ist, aus denen alles hervorgeht. Im Werk „Die Göttliche Liebe und Weisheit“ 282 bis 284 und 349 bis 357 sieht man, daß der Herr alles aus sich und nicht aus dem Nichts geschaffen hat. Damit dürfte die Wahrheit, daß der Mensch vom Herrn allein geführt und belehrt wird, durch Gründe bestätigt sein.

*158. Eben diese Wahrheit wird bei den Engeln nicht nur durch Gründe sondern auch durch lebendige Wahrnehmungen bestätigt, vor allem bei den Engeln der dritten Himmels. Diese nehmen den Einfluß der göttlichen Liebe und Weisheit vom Herrn wahr, und weil sie ihn wahrnehmen und aus ihrer Weis­heit wissen, daß die göttliche Liebe und Weisheit das Leben sind, darum versichern sie, daß sie aus dem Herrn und nicht aus sich selbst leben. Sie sagen das nicht nur, sondern es entspricht ihrer Liebe und daher wollen sie auch, daß es so sei. Und dennoch leben sie in dem vollen Anschein, als ob sie aus sich lebten, ja in noch stärkerem Maß als andere Engel. Oben # 42 bis 45 wurde ja gezeigt: Je inniger jemand mit dem Herrn Verbunden ist, desto bestimmter hat er den Eindruck, als ob er sich selbst angehöre desto klarer erkennt er aber auch, daß er in Wirklichkeit dem Herrn angehört. Auch mir wurde nun schon seit einer Reihe von Jahren gegeben, in einer ähnlichen Wahrnehmung und zugleich in einem ähnlichen Anschein zu leben, was mich völlig über­zeugte, daß ich nichts aus mir will und denke, obgleich es mir so erscheint. Auch wurde mir gegeben, diesen Zustand zu wol­len und zu lieben. Diese Wahrheit könnte noch durch viele an­dere Erlebnisse aus der geistigen Welt bestätigt werden, doch mögen diese beiden Belege vorerst genügen.

*159. Aus folgenden Stellen im Wort ergibt sich, daß der Herr allein das Leben ist:

„Ich hin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ (Joh. 11/25)

"Ich hin der Weg, die Wahrheit und das Leben." (Joh. 14/6)

„... und Gott war das Wort ... in ihm war das Lehen, und das Leben war das Licht der Menschen.(Joh. 1/1, 4)

Das Wort ist hier der Herr:

„Wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben in sich selbst zu habend.“ (Joh. 5/26)

Folgendes zeigt, daß der Mensch allein vom Herrn geführt und belehrt wird:

„Der Mensch kann nicht nehmen, wenn es ihm nicht aus dem Himmel gegeben wird. (Roh 3/27)

„Der Mensch kann nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz machen.“ (Mat. 5/36)

Unter „Haar“ wird im Wort das Kleinste von allem verstanden.

*160. Auch das Leben der Bösen entspringt aus der glei­chen Quelle, wie weiter unten nachgewiesen werden wird. An dieser Stelle soll es nur durch einen Vergleich beleuchtet wer­den: Von der irdischen Sonne wirken Wärme und Licht ebenso in Bäume ein, die giftige, wie in solche, die gute Früchte brin­gen, und beide Arten von Bäumen leben und wachsen in glei­cher Weise. Die Formen, in welche die Wärme einfließt, be­wirken den Unterschied, nicht die Wärme an sich. Dasselbe gilt für das Licht: Je nach den Formen, auf die es fällt, variiert es in verschiedenen Farben. So ergeben sich schöne und fröhliche oder unschöne und trübe Farben, hervorgerufen durch das­selbe Licht. Ähnlich ist es auch mit dem Einfluß von geistiger Wärme und geistigem Licht — Liebe und Weisheit — aus der gei­stigen Sonne. Die Formen, in die sie einfließen, bewirken die Unterschiede, nicht die Wärme der Liebe und das Licht der Weisheit an sich. Diese Formen aber sind die menschlichen Gemüter. Damit ist nun klar, daß der Mensch allein vom Herrn geführt und belehrt wird.

*161. Worin aber das Lehen der Tiere besteht, wurde oben angedeutet: Es ist ein Leben des rein natürlichen Triebes, verbunden mit der entsprechenden Kenntnis, und es ist ein mittelbares Leben, das in Entsprechung steht mit denen, die in der geistigen Welt sind.

Der Mensch wird allein vom Herrn geführt und belehrt durch den Engelhimmel und aus demselben.

*162.  Das heißt durch den Engelhimmel geschieht es nur dem Schein nach, weil der Herr als Sonne über demselben er­scheint. Wahr ist hingegen, daß diese Führung und Belehrung aus dem Himmel geschieht, da der Herr in ihm ebenso wohnt wie die Seele im Menschen. Wie oben bereits gezeigt wurde, ist ja der Herr allgegenwärtig, ohne doch im Raum zu sein. Deshalb ist die Entfernung nur ein Schein je nach der Verbin­dung mit ihm und diese Verbindung ist abhängig von der Auf­nahme der Liebe und Weisheit des Herrn. Weil aber niemand mit dem Herrn, wie er in sich selbst ist, verbunden werden kann, darum erscheint er den Engeln von ferne als Sonne. Den­noch ist er im ganzen Engelhimmel ebenso gegenwärtig, wie die Seele im Menschen, also auch in jeder himmlischen Ge­sellschaft und in jedem einzelnen Engel. Auch die menschliche Seele ist ja nicht nur die Seele des ganzen Menschen, sondern beseelt ebenso jedes einzelne Teil von ihm.

Weil aber der Herr dem Anschein nach aus der Sonne, die von ihm hervorgeht und die er selbst ist, den gesamten Him­mel und durch diesen auch die Welt regiert — man vergleiche dazu Teil II des Werkes „Die göttliche Liebe und Weisheit“ —, und weil es jedem erlaubt ist nach dem bestehenden Anschein zu reden, und es den meisten auch nicht anders möglich ist, darum darf auch jeder — da er ja die Weisheit selbst nicht in sich hat — denken, der Herr regiere alles und jedes aus seiner Sonne und die Welt durch den Engelhimmel. Tatsächlich denken auch die Engel der unteren Himmel aufgrund dieses Anscheins wäh­rend die Engel der höheren Himmel zwar nach dem Anschein reden, aber aus der Wahrheit denken. Und diese Wahrheit ist, daß der Herr das Universum aus dem Engelhimmel regiert was nichts anderes heißt, als daß es aus ihm selbst geschieht.

Einfältige und Weise äußern sich zwar in gleicher Weise, denken aber nicht so, das läßt sich dadurch veran­schaulichen, wie sie über die irdische Sonne sprechen. Die einen wie die anderen sagen doch ganz nach dem Anschein, sie gehe auf oder unter, aber die Wissenden denken dabei den­noch, daß sie sich in Wirklichkeit im Verhältnis zur Erde nicht bewegt. Dies ist die Wahrheit, jenes der Schein. Dasselbe läßt sich auch an den Erscheinungen der geistigen Welt veran­schaulichen, erscheinen doch dort Räume und Entfernungen wie in der natürlichen Welt, in Wirklichkeit sind es nur Er­scheinungen die sich gemäß den unterschiedlichen Neigungen und daraus resultierenden Gedanken verhalten. Dasselbe gilt für die Erscheinung des Herrn in seiner Sonne.

*163. Mit wenigen Sätzen soll noch gezeigt werden, wie der Herr jeden Menschen aus dem Engelhimmel führt und lehrt. Im Werk über „Die göttliche Liebe und Weisheit“, oben im ge­genwärtigen Werk über „Die göttliche Vorsehung“ und über „Himmel und Hölle“ (London 1758) ist aufgrund von Gehörtem und Gesehenem bekannt gemacht worden, daß der ganze Him­mel der Engel vor dem Herrn wie ein einziger Mensch erscheint, wie auch jede einzelne Gesellschaft von Engeln, und daß daher jeder Engel und Geist in vollkommener Gestalt Mensch ist. Fer­ner ist in den oben genannten Abhandlungen der Nachweis er­bracht worden, daß der Himmel nicht aufgrund des Eigenen der Engel als Himmel besteht, sondern durch die Aufnahme der göttlichen Liebe und Weisheit seitens der Engel. Hieraus erklärt sich, daß der Herr den gesamten Engelhimmel wie einen einzi­gen Menschen regiert und dieser Himmel, weil er in sich Mensch ist, im eigentlichen Sinne das Bild und die Ähnlichkeit der Herrn darstellt; auch daß der Herr selbst diesen Himmel so regiert, wie die Seele ihren Körper. Weil nun die ganze Menschheit vom Herrn regiert wird folgt, daß es nicht durch den Himmel ge­schieht, sondern aus dem Himmel vom Herrn, mithin aus dem Herrn, weil er, wie gesagt, selbst der Himmel ist.

*164. Dies ist jedoch ein Geheimnis der Weisheit der Engel und kann daher nur von einem Menschen begriffen wer­den, dessen geistiges Gemüt offen Steht und der infolge seiner Verbindung mit dem Herrn eigentlich schon ein Engel ist. Er kann daher aufgrund des Vorausgeschickten folgende Punkte begreifen:

Alle Menschen wie Engel, sind im Herrn und der Herr ist in ihnen, je nach ihrer Verbindung mit ihm oder — was das­selbe ist — je nach ihrer Aufnahme seiner Liebe und Weisheit.

Von ihnen erhält jeder seinen Platz im Herrn, somit im Himmel, je nach der Art seiner Verbindung mit dem Herrn bzw. je nach der Art, wie er den Herrn aufnimmt.

Jeder ist an seiner Stelle in einem Zustand der sich von dem der anderen unterscheidet. Von der Gesamtheit erhält er seine Aufgabe zugewiesen, und diese entspricht der Stelle die er einnimmt, seinem Beruf und seinen Bedürfnissen, wie es ja auch bei den Gliedern und Organen des menschlichen Kör­pers der Fall ist.

Jeder Mensch wird vom Herrn entsprechend seinem Leben in seine Stelle eingeführt.

Jeder Mensch wird von Kindheit an in diesen Göttli­chen Menschen eingelassen, dessen Seele und Leben der Herr ist, und wird geführt und belehrt aus seiner göttlichen Liebe nach seiner göttlichen Weisheit, in Ihm und nicht außer Ihm. Da jedoch dem Menschen sein freier Wille nicht genommen wird, kann er nur geführt und belehrt werden nach Maßgabe seiner Aufnahme, doch wie von sich selbst.

Menschen, die den Herrn aufnehmen, werden auf zahllosen Umwegen — wie durch schlangenförmige Windun­gen (sicut per maeandros) — an ihre Stelle gebracht, fast so wie der Speisesaft (chylus) durch das Gekröse und die Milchgefäße in den Milchsaftbehälter und von hier aus durch den Brustka­nal ins Blut, an seine eigentliche Bestimmung gelangt.

Menschen die den Herrn nicht aufnehmen, werden von denen die im Göttlichen Menschen leben ausge­schieden, ähnlich  wie vom Menschen Kot und Urin ausgeschieden werden. Dies gehört zu den Geheimnissen der Engelweisheit die der Mensch einigermaßen verstehen kann; aber es gibt weit mehr die nicht erfaßt werden können.

Geführt wird der Mensch vom Herrn durch einen Einfluß, belehrt wird er durch Erleuchtung.

*165. „Ge­führt“ wird er vom Herrn, weil „führen“ und „einfließen“ von der Liebe und vom Willen ausgesagt werden; und er wird „be­lehrt durch Erleuchtung“ weil diese Ausdrücke sich auf Weis­heit und Verstand beziehen. Wie man weiß, wird jeder Mensch durch seine Liebe von sich selbst und seiner Liebe entspre­chend von anderen geführt. Vom Verstand und diesem gemäß wird er nur geführt, wenn dieser im Willen oder in der Liebe wurzelt. Ist das der Fall, so läßt sich auch vom Verstand sagen, daß er geführt wird, wenngleich eigentlich der Wille führt, von dem er ja abhängt. Vom „Einfluß“ wird gesprochen, weil es üb­lich geworden ist, vom Einfluß der Seele auf den Körper zu sprechen und es wohl einen geistigen, nicht aber einen physi­schen Einfluß gibt. Die Seele oder das Leben des Menschen aber, wie weiter oben gezeigt wurde, identisch ist mit seiner Liebe bzw. seinem Willen. Ferner wird vom „Einfluß" gespro­chen, weil es sich damit vergleichsweise ebenso verhält wie mit dem Einfließen des Blutes ins Herz und aus dem Herzen in die Lunge. Im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ ist in # 371 bis 432 dargelegt worden, daß ein Entsprechungsverhält­nis sowohl zwischen Herz und Wille als auch zwischen Lunge und Verstand besteht und die Verbindung von Wille und Ver­stand ähnlich vor sich geht, wie das Einfließen der Blutes aus dem Herzen in die Lunge.

*166. Durch Erleuchtung aber wird der Mensch Gelehrt, weil Erleuchtung und Belehrung sich auf den Verstand bezie­hen. Der Verstand, die innere Sehkraft des Menschen, wird vom geistigen Licht ebenso erleuchtet wie sein Auge, die äußere Sehkraft. Beide werden auch auf ähnliche Weise belehrt, aber die innere Sehkraft, der Verstand, durch geistige, die äußere, das Auge, durch natürliche Gegenstände. Es gibt geistiges und natürliches Licht, beide ähneln einander in der äußeren Er­scheinung, innerlich aber sind sie verschieden. Entstammt doch das natürliche Licht der Sonne der natürlichen Welt und ist daher in sich tot. Das geistige Licht aber der Sonne der geistigen Welt und ist von daher in sich lebendig. Dieses Licht (lux), nicht das natürliche, erleuchtet den Verstand. Das Natur  oder Vernunftlicht (lumen naturale et rationale) ist nicht aus diesem, sondern aus jenem Licht (lux) abgeleitet. Es wird als Natur  und Vernunftlicht bezeichnet, weil es natürlich geistig ist.

Es gibt nämlich in der geistigen Welt drei Grade des Lichts, ein himmlisches, ein geistiges und ein geistig natürli­ches. Das himmlische Licht ist flammend rötlich und leuchtet allen, die im dritten Himmel sind; das geistige ist glänzend weiß und scheint den Bewohnern des mittleren Himmels; das natürlich geistige Licht ähnelt dem Tageslicht in unserer Welt und findet sich bei den Bewohnern des untersten Himmels und der Geisterwelt, welche die Mitte zwischen Himmel und Hölle bildet. Dieses Licht erscheint den Guten in jener Welt wie uns das Licht im Sommer, den Bösen aber wie uns im Winter.

Man muß aber wissen, daß sich alles Licht der geisti­gen Welt grundsätzlich vom Licht in der natürlichen Welt un­terscheidet, ein Unterschied wie zwischen Lebendigem und Totem. Damit ist klar, daß nicht das natürliche Licht, wie es un­seren Augen erscheint, den Verstand erleuchtet, sondern das geistige Licht. Das weiß der Mensch nicht, weil er bisher nichts von der Existenz eines geistigen Lichts wußte. Im Werk „Him­mel und Hölle“ wurde von # 126 bis 140 gezeigt, daß der Ur­sprung des geistigen Lichts in der Göttlichen Weisheit oder im Göttlichen Wahren liegt.

*167. Nachdem vom Licht des Himmels die Rede war, soll auch etwas über das Licht der Hölle gesagt werden. In ihm gibt es ebenfalls drei Grade. In der untersten Hölle scheint dieses Licht wie von glühender Kohle, in der mittleren wie von einer Herdflamme und in der obersten wie von Kerzen, an einigen Stellen auch wie nächtliches Mondlicht. Auch diese Arten des Lichts sind nicht natürlich sondern geistig; denn alles natürli­che Licht ist tot und löscht den Verstand aus, die Höllenbe­wohner aber sind, wie weiter oben gezeigt wurde, im Besitz des Erkenntnisvermögens, das wir als Vernunft bezeichnen, und diese entstammt dem geistigen, nicht im mindesten dem natürlichen Licht. Das geistige Licht, das die Höllischen auf­grund ihrer Vernunft empfangen, verkehren sie jedoch in hölli­sches Licht, ähnlich wie wenn sich Tageslicht in nächtliche Dunkelheit verwandelt.

Und dennoch sehen alle Bewohner der geistigen Welt, die himmlischen wie die höllischen, in ihrem jeweiligen Licht so klar, wie der Mensch am hellen Tage in seiner Welt. Denn die Sehkraft des Auges ist bei allen zur Aufnahme des Lichtes gebildet, in dem sie sich befinden. So ist bei den Engeln die Seh­kraft des Auges für die Aufnahme des bei ihnen herrschenden Lichtes gebildet und bei den Höllengeistern für die Aufnahme ihres Lichtes, vergleichsweise wie bei Nachteulen und Fledermäusen, die des Nachts oder am Abend die Gegenstände so deutlich wahrnehmen, wie andere Vögel bei Tag, weil ihre Augen zur Aufnahme des nächtlichen Lichts geschaffen sind.

Der Unterschied zwischen den verschiedenen Arten des Lichts wird den Geistern klar, die von ihrem Licht her ins an­dere blicken. Schaut z.B. ein Engel des Himmels in die Hölle, sieht er dort nichts als Finsternis; schaut ein Höllengeist in den Himmel, erblickt er dort ebenfalls nur Finsternis, weil die himm­lische Weisheit den Höllengeistern wie Finsternis erscheint, ebenso wie umgekehrt den Himmlischen die höllische Tollheit. Damit steht fest, daß das Licht beim Menschen so ist, wie sein Verstand und jeder nach dem Tode in sein Licht kommt, weil er in einem anderen nichts erkennt. In der geistigen Welt, wo alle auch in Bezug auf ihre Leiblichkeit geistig sind, ist die Bildung der Augen so Geschaffen, daß sie zum Sehen in ihrem eigenen Licht taugen. Die Lebensliebe eines jeden schafft sich den Ver­stand, also auch das Licht. Die Liebe ist nämlich gleichsam das Lebensfeuer, das das Licht hervorbringt.

*168. Nur wenige Menschen wissen etwas von der Er­leuchtung, in der sich der Verstand eines Menschen befindet, der vom Herrn belehrt wird. Darum soll darüber noch etwas gesagt werden. Es gibt eine innere und eine äußere Erleuch­tung von Seiten des Herrn, ebenso wie eine innere und äußere Erleuchtung von Seiten des Menschen. Die innere Erleuchtung von Seiten des Herrn bewirkt, daß der Mensch schon beim er­sten Hören innewird, ob eine Behauptung wahr ist oder nicht. Die äußere Erleuchtung besteht von daher im Denken. Die in­nere Erleuchtung von Seiten der Menschen hingegen ergibt sich aus der bloßen Begründung, die äußere aus dem bloßen Wissen. Mehr im einzelnen:

Der vernünftige Mensch wird aufgrund einer inneren Erleuchtung durch den Herrn bei vielen Dingen, die er hört sogleich inne, ob sie wahr sind oder nicht; z.B. daß die Liebe das Leben des Glaubens ist, bzw. daß der Glaube aus der Liebe lebt, daß der Mensch das, was er liebt, auch will und tut, Lieben also im Tun besteht; ferner daß der Mensch, was er aus Liebe glaubt, auch will und tut, der Gottlose aber, weil er Gott nicht liebt, auch nicht an ihn glauben kann. Sobald er es nur hört, erkennt der vernünftige Mensch aufgrund innerer Erleuchtung, daß Gott einer und daß er allgegenwärtig ist und alles Gute von ihm stammt, daß sich alles in der Schöpfung auf Gutes und Wahres bezieht und alles Gute vom absoluten Guten und alles Wahre vom absoluten Wahren stammt. Diese und ähnliche Dinge wird der Mensch inne, sobald er nur davon hört, und dieses Innewerden beruht darauf, daß er Vernunft hat, die aus dem Licht des Himmels erleuchtet wird.

Die äußere Erleuchtung besteht in einer Erleuchtung des Denkens aus der inneren Erleuchtung. Das Denken ist nur erleuchtet, solange es in dem Innewerden verharrt, das ihm aus der inneren Erleuchtung zukommt und solange es über Kennt­nisse des Guten und Wahren verfügt. Diesen nämlich entnimmt es die Gründe, durch die er sich bestärkt. Das Denken auf­grund dieser äußeren Erleuchtung sieht die Dinge von beiden Seiten; auf der einen erkennt es die bekräftigenden Gründe, auf der anderen die Scheinbarkeiten, die sie schwächen. Er­stere beseitigt, letztere sammelt es.

Die innere Erleuchtung von Seiten des Menschen ist ganz anderer Art. Sie läßt ihn die Dinge nur einseitig, nicht beidseitig sehen; und hat er sie einmal begründet, sieht er sie in einem Licht, das jenem scheinbaren Licht ähnelt, von dem oben die Rede war, und das nur ein winterliches, also kaltes Licht ist. So sieht beispielsweise ein Richter, der von einer Par­tei Geschenke entgegengenommen hat, oder mit Rücksicht auf den zu erwartenden Gewinn ein ungerechtes Urteil fällt, das er durch Gesetze und Begründungen bekräftigt, Gerechtigkeit in seinem Urteil. Manche erkennen zwar die Ungerechtigkeit, wollen sie aber nicht sehen und verfinstern oder verblenden sich, um sie nicht sehen zu müssen. Dasselbe gilt für Richter, die ihre Urteile mit Rücksicht auf freundschaftliche oder ver­wandtschaftliche Beziehungen fällen oder sich Ansehen erwer­ben wollen.

Ähnliches widerfährt solchen Menschen bei jeder Sache, die sie aus dem Munde einer Autorität oder Berühmtheit vernehmen oder mit dem eigenen Verstand ausbrüten. Sie sind blinde Vernünftler, beruht doch ihr Sehen auf dem Falschen, das sie bei sich begründen. Das Falsche aber verschließt, das Wahre öffnet die Erkenntnis. Diese Menschen sehen nichts Wahres aus dem Licht der Wahren und nichts Gerechtes aus Liebe zur Gerechtigkeit, sondern nur im Licht ihrer Begrün­dung, das ein Irrlicht ist. In der geistigen Welt erscheinen sie wie Gesichter ohne Kopf oder wie Gesichter an Holzköpfen. Man nennt sie vernünftiges Vieh, weil sie nur die Fähigkeit zur Vernunft haben.

Die äußere Erleuchtung vom Menschen her findet sich bei allen, die bloß aus ihrem Gedächtniswissen denken und reden. Aus sich können sie einen Gegenstand nur wenig begründen.

*169. Das sind also die verschiedenen Arten der Erleuch­tung und des daraus hervorgehenden Innewerdens und Den­kens. Es gibt eine echte Erleuchtung aus dem geistigen Licht, aber diese Erleuchtung selbst wird keinem Menschen in der natürlichen Welt bewußt, weil natürliches und geistiges Licht nichts miteinander gemein haben. Mir aber erschien diese Er­leuchtung mehrmals in der geistigen Welt: Ich sah bei den En­geln, die im Zustand der Erleuchtung durch den Herrn waren, rund ums Haupt gleichsam etwas Leuchtendes, rötlich schim­mernd ähnlich der Farbe der menschlichen Angesichts. Bei an­deren hingegen, die aus sich selbst erleuchtet waren, erschien dieser leuchtende Schimmer nicht ums Haupt, sondern rund um den Mund und über dem Kinn.

*170. Neben diesen Arten der Erleuchtung gibt es noch eine weitere. Sie offenbart dem Menschen, wie es um seine Weisheit und Einsicht bestellt ist, und daß er es in sich selbst innewird. Man schickt ihn nämlich in eine Gesellschaft, in der ein echter Glaube, verbunden mit wahrer Einsicht und Weisheit herrscht. Dort wird ihm seine innere Vernunft aufgeschlossen, aus der heraus er die Beschaffenheit seines eigenen Glaubens, seiner Einsicht und Weisheit erkennt und auch anerkennt. Ich sah, wie einige vom Aufenthalt in einer solchen Gesellschaft zurückkehrten und hörte sie bekennen, sie hätten keinen Glau­ben gehabt, obgleich sie in der Welt der Meinung gewesen wären, zu den besonders Gläubigen zu gehören, und als sol­che auch anerkannt waren. Dasselbe gelte für ihre Einsicht und Weisheit. Sie waren Anhänger des von der Liebe getrennten Glaubens gewesen und bauten auf ihre eigene Einsicht.

Der Mensch wird vom Herrn belehrt durch das Wort, die Lehre und die Predigt aus dem Wort, somit unmittelbar und allein von Ihm selbst.

*171. Oben wurde darge­legt, daß der Mensch vom Herrn allein geführt und belehrt werde, nicht durch den Himmel oder irgendeinen der dortigen Engel. Mit anderen Worten: Führung und Belehrung durch den Herrn geschehen unmittelbar, und nicht mittelbar. Auf welche Weise, soll nun auch gesagt werden.

*172. Im Werk „Die Lehre des Jerusalems von der Heili­gen Schrift“ wurde gezeigt, daß der Herr das Wort ist und die gesamte Lehre der Kirche aus dem Wort geschöpft werden muß. Daraus folgt, daß der Mensch, der Belehrung aus dem Wort empfängt, vom Herrn allein belehrt wird. Aber weil das nur schwer verstanden wird, soll es im einzelnen folgender­maßen beleuchtet werden:

  1. Der Herr ist das Wort, weil es von ihm stammt und von ihm handelt,

  2. weil es das Göttlich Wahre aus dem Göttlich Guten ist.

  3. Aus dem Wort belehrt werden, heißt darum von Gott selbst belehrt werden.

  4. Die Unmittel­barkeit wird nicht dadurch aufgehoben, wenn die Belehrung auch mittelbar durch Predigten geschieht.

Zu 1.): Der Herr ist das Wort, weil es von ihm stammt und von ihm handelt. Niemand in der Kirche leugnet, daß das Wort vom Herrn stammt. Nicht geleugnet, aber auch nicht er­kannt wird hingegen, daß das Wort allein vom Herrn handelt.

Anm. d. Ü.`s.: Das kann man in dieser Eindeutigkeit heute, über zwei Jahr­hunderte später, gewiß nicht mehr sagen. Vielen ist die Bibel nur noch ein Glaubenszeugnis längst vergangener Zeiten. Daß Gott mit ihrer Abfassung un­mittelbar zu tun, also die Verfasser der Texte inspiriert gehabt haben könnte, ist vielen heutigen Theologen ein fremder Gedanke und namentlich im Hinblick auf die in fundamentalistischen Kreise festgehaltene, zweifellos irrtümli­che Lehre von der „Verbalinspiration“ äußerst verdächtig. Die jüdische Über­lieferung zeigt freilich, daß den Texten eine Zahlenstruktur zugrundeliegt, die letztlich nur durch eine höhere Einwirkung erklärt werden kann. Ähnliches gilt für die von Swedenborg aufgezeigte Struktur der Entsprechungen und Vorbildungen.

Martin Luther ist, wie so oft, auch hier der Wahrheit sehr nahe gekommen, wenn er sagt, um Wort Gottes in der Schrift handle es sich über­all, wo sie „Christum treibe“.

Im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems vom Herrn“ ist es aber von # 1 bis 7 und # 37 bis 44 aufgezeigt worden; ebenso im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems von der Hl. Schrift“ in, # 62 bis 69, 80 bis 90 und # 98 bis 100. Weil nun das Wort aus dem Herrn allein hervorgegangen ist und von ihm allein handelt, darum wird der Mensch, wenn er aus dem Wort be­lehrt wird, vom Herrn belehrt; denn Er ist das Göttliche Wort. Wer anders könnte das Göttliche mitteilen und den Herzen ein­flößen, als das Göttliche Selbst, aus dem es stammt und von dem es handelt? Deshalb sagt der Herr, wo er zu den Jüngern von seiner Verbindung mit ihnen spricht:

daß sie in Ihm bleiben sollen und seine Worte in ihnen ..., (Joh. 15/7)

seine Worte seien „Geist und Leben,“ (Joh. 6/63)

und daß er bei denen Wohnung mache, die seine Worte halten. (Joh. 14/20 24)

„Aus dem Herrn denken“ heißt daher aus dem Wort und durch das Wort denken. Im Werk „Die Lehre des Neuen Jeru­salems von der Hl. Schrift“ wurde von Anfang bis Ende immer wieder gezeigt, daß alle Teile des Wortes in Verbindung mit dem Himmel stehen. Weil aber der Herr der Himmel ist, be­deutet das zugleich, daß alle Teile des Wortes mit dem Herrn selbst in Verbindung stehen. Die Engel des Himmels stehen zwar in Verbindung mit dem Wort  aber ebenfalls nur durch den Herrn.

Zu 2.): Der Herr ist das Wort, weil es das Göttlich Wahre aus dem Göttlich Guten ist. Bei Johannes wird an der folgen­den Stelle gelehrt, daß der Herr das Wort ist:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort ... und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns ...“ (1/1, 14)

Bisher hat man das nur so verstanden, daß zwar Gott den Men­schen durch das Wort lehre, daß man es aber nicht wörtlich zu nehmen habe, wenn es heißt, er selbst sei das Wort. Das geschah, weil man nicht wußte, daß mit dem Wort das Göttlich Wahre des Göttlich Guten gemeint ist bzw. — was aufs selbe hinaus­läuft — die göttliche Weisheit der göttlichen Liebe. Im ersten Teil des Werkes „Die göttliche Liebe und Weisheit“ wurde ge­zeigt, daß diese wie auch das Wort der Herr selbst sind.

Auf welche Weise der Herr das Göttlich Wahre des Göttlich Guten ist, soll noch kurz angedeutet werden. Keiner ist Mensch, weil er ein menschliches Antlitz und einen mensch­lichen Körper hat, sondern aufgrund des Guten seiner Liebe und des Wahren seiner Weisheit. Und weil darin der Grund sei­nes Menschseins liegt, darum ist auch ein jeder sein Wahres und Gutes, bzw. seine Liebe und Weisheit, ohne die er, wie ge­sagt, nicht Mensch ist. Der Herr aber ist das Gute und Wahre bzw. die Liebe und Weisheit selbst. Und diese sind das Wort, das im Anfang bei Gott und das Gott war und Fleisch wurde.

Zu 3.): Aus dem Wort belehrt werden, heißt darum, vom Herrn selbst belehrt werden, weil aus dem Guten und Wahren — bzw. aus der Liebe und Weisheit selbst —, die das Wort sind. Doch wird jeder Mensch entsprechend dem Verstand seiner Liebe belehrt. Was darüber hinausgeht, bleibt ihm nicht. In der Welt werden alle, die vom Herrn durch das Wort (in Verbo, wörtlich: im Wort) unterwiesen werden, nur in verhältnis­mäßig wenigen Wahrheiten unterwiesen, in vielen aber, wenn sie zu Engeln werden. Das Innere des Wortes, in dem das Gei­stig Göttliche und Himmlisch Göttliche enthalten ist, wird nämlich zugleich mit eingepflanzt, wird aber beim Menschen erst nach seinem Hinschied aus der Welt im Himmel erschlos­sen, wo er in die Weisheit der Engel kommt, die verglichen mit seiner früheren, bloß menschlichen, unaussprechlich ist. Im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems von der Hl. Schrift“ wurde in # 5 bis 26 gezeigt, daß das Geistig  und Himmlisch-­Göttliche, welche die Engelweisheit bilden, im Ganzen wie im Einzelnen des Wortes enthalten sind.

Zu 4.): Die Unmittelbarkeit wird nicht aufgehoben, wenn die Belehrung auch mittelbar durch Predigten erfolgt. Das Wort kann nur mittelbar durch Eltern, Lehrer, Prediger und Bücher, ganz besonders aber durch das Studium derselben ge­lehrt werden. Dennoch wird es nicht von diesen gelehrt, son­dern durch sie vom Herrn. Das entspricht auch dem Bewußt­sein der Prediger, wenn sie erklären, sie sprächen nicht aus sich, sondern aus dem Geist Gottes, und überhaupt stamme alles Wahre und Gute von Gott. Sie können es zwar sagen und auch dem Verstand vieler Menschen einprägen, es aber ins Herz der Menschen einzupflanzen, steht nicht in ihrer Macht, und was nicht im Herzen des Menschen ist, geht im Verstand unter. Das Herz bezeichnet nämlich die Liebe des Menschen. Hieraus kann man erkennen, daß der Mensch allein vom Herrn geführt und belehrt wird, und zwar, wenn es aus dem Wort ge­schieht, unmittelbar von ihm. Das ist das Geheimnis der Ge­heimnisse der Engelweisheit.

*173. Im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems von der Hl. Schrift“ ist von # 104 bis 113 gezeigt worden, daß durch das Wort auch den Menschen außerhalb der christlichen Kirche, denen das Wort nicht zugänglich ist, Licht zukommt. Und weil durch dieses Licht den Bösen wie den Guten Verstand gegeben wird, ergibt sich, daß aus dem ursprünglichen Licht abgeleite­tes Licht hervorscheint, das in den Wahrnehmungen und Ge­danken über alle nur möglichen Gegenstände besteht. Der Herr sagt denn auch:

„ohne mich könnt ihr nichts tun,“ (Joh. 15/5)

„ein Mensch kann nichts nehmen, es sei ihm denn vom Himmel gegeben,“ (Joh. 5/27)

„der Vater in den Himmel ...läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mat. 5/45)

Die Sonne bezeichnet im geistigen Sinn des Wortes hier wie an anderen Stellen das Göttlich Gute der göttlichen Liebe, der Regen das Göttlich Wahre der göttlichen Weisheit, die Bösen wie Guten, Gerechten wie Ungerechten zuteil werden. Geschähe das nicht, niemand hätte Wahrnehmung und Den­ken, also Bewußtsein. Oben wurde dargelegt, daß es nur ein einziges Leben gibt, aus dem alle Wesen ihr Leben haben. Wahrnehmen und Denken ist aber eine Äußerung des Lebens, weshalb es derselben Quelle entstammt wie das Leben selbst. Auch wurde oben ausführlich beschrieben, daß alles Licht, das den Verstand bildet, der Sonne der geistigen Welt, d.h. dem Herrn entstammt.

Der Mensch wird vom Herrn im Äußeren geführt und belehrt, wobei der Anschein es geschehe vom Menschen selbst gewahrt bleibt.

*174. Das gilt für das Äußere, nicht aber für das Innere des Menschen, weiß doch niemand, wie der Herr den Menschen in seinem Inneren führt und belehrt. Ebenso weiß ja auch niemand, wie die Seele be­wirkt, daß das Auge sieht, das Ohr hört, Zunge und Mund spre­chen, das Herz das Blut antreibt, die Lunge atmet, der Magen verdaut, Leber und Bauchspeicheldrüse arbeiten (disponant), die Nieren absondern und unzähliges andere mehr. All das wird vom Menschen nicht wahrgenommen und empfunden, ebenso wenig wie das, was der Herr in den inneren Substan­zen und Formen des Gemüts bewirkt und noch unendlich viel mehr ist. Diese Tätigkeiten des Herrn in seinem Inneren kom­men dem Menschen nicht zu Bewußtsein, wohl aber ihre viel­fältigen Wirkungen, wie auch einige Ursachen der Wirkungen. Sie stellen das Äußere dar, in dem der Mensch eins mit dem Herrn ist (in quibus homo una cum Domino est). Weil nun das Äußere mit dem Inneren eins bildet, da beide in einer Reihe zu­sammenhängen, kann der Herr im Inneren nur anordnen, was in Übereinstimmung mit dem steht, was von Seiten des Men­schen im Äußeren angeordnet wird.

Jeder weiß, daß der Mensch dem vollen Anschein nach denkt, will, redet und handelt, als geschehe es aus ihm selbst. Jeder kann auch erkennen, daß der Mensch ohne die­sen Anschein keinen eigenen Willen und Verstand, also auch keine Neigung und keinen Gedanken sowie keine Empfäng­lichkeit für irgendetwas Gutes und Wahres vom Herrn hätte. Aus dieser Tatsache ergibt sich: Ohne diesen Anschein gäbe es keine Gotteserkenntnis, keine tätige Liebe und keinen Glau­ben, folglich auch keine Umbildung und Wiedergeburt, und damit auch keine Seligkeit. Damit ist klar, daß dem Menschen dieser Anschein des genannten Nutzens wegen belassen ist, vor allem aber, damit auf seiner Seite Empfänglichkeit und Wechselseitigkeit möglich ist, durch die der Herr mit dem Men­schen und der Mensch mit dem Herrn verbunden werden und aufgrund dieser Verbindung ewiges Leben haben kann. Das ist es, was hier unter dem Anschein verstanden wird.

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Teil 9 - Es ist ein Gesetz der göttlichen Vorsehung, daß der Mensch nichts von ihrem Walten wahrnehmen, empfinden, aber doch Kenntnis von ihr haben und sie anerkennen soll.


*175. Der natürliche Mensch glaubt nicht an die göttliche Vorsehung und denkt sich: „Wie sollte es eine Vorsehung geben, da die Bösen zu Ehren gelangen und mehr Reichtümer anhäufen als die Guten, und ihnen, obwohl sie an keine gött­liche Vorsehung glauben, vieles besser gelingt als denen, die an sie glauben? Und müssen nicht die Gläubigen und Frommen durch List und Bosheit der Ungläubigen und Gottlosen vielfach Kränkungen, Schäden und Unglück, ja zuweilen sogar den Tod erleiden?“ Und er denkt sich ferner: „Habe ich nicht selbst deutlich erfahren, daß hinterlistige Kunstgriffe, gelingt es dem Menschen nur, sie mit erfinderischer Schlauheit als redlich und gerecht erscheinen zu lassen, mehr ausrichten als Redlichkeit und Gerechtigkeit? Und besteht im übrigen das Leben nicht aus Notwendigkeiten, Konsequenzen und Zufällen, die nichts mit göttlicher Vorsehung zu tun haben? Notwendigkeiten gehören nun einmal zur Natur. Beruhen Konsequenzen nicht auf Ursa­chen, die aus der natürlichen oder bürgerlichen Ordnung her­vorgehen? Und entstehen Zufälle nicht ohne oder aus unbe­kannten Ursachen?“ So etwa denkt innerlich der natürliche Mensch, der Gott nichts, aber der Natur alles zuschreibt. Und da Gott und die göttliche Vorsehung dasselbe sind, schreibt er selbstverständlich auch nichts der Vorsehung zu.

Ganz anders spricht oder denkt der geistige Mensch in seinem Inneren. Obgleich auch er die göttliche Vorsehung in ihrem Walten weder mit seinem Denken begreifen noch mit seinem Sehvermögen wahrnehmen kann, weiß er doch um sie und erkennt sie an. Die erwähnten Scheinbarkeiten samt den aus ihnen entspringenden Täuschungen haben den Verstand bei den anderen verblendet. Dieser bleibt ohne Sehvermögen, sofern die Täuschungen und Irrtümer, durch die Blindheit und Finsternis entstehen, nicht ausgetrieben sind. Das kann jedoch nur durch Wahrheiten geschehen, die die Kraft haben, das Falsche auszutreiben. Darum sind sie aufzuschließen, und zwar der Deutlichkeit halber in dieser Reihenfolge:

Anm. d. Ü. Wörtlich: Dem Menschen ist gegeben, die göttliche Vorsehung im Rücken und nicht von Angesicht zu sehen. Swedenborg denkt hier offen­sichtlich an die Stelle 2 Mose 33/18 23, wo geschildert wird, wie Gott an Mose vorübergeht, aber so, daß Mose ihn nicht von Angesicht, sondern nur von hin­ten sehen kann; denn „kein Mensch bleibt am Leben, der mich schaut.“

Könnte der Mensch die göttliche Vorsehung wahrnehmen und empfinden, würde er nicht aus freiem Willen und aus Vernunft handeln, und nichts würde ihm erscheinen, als ob er es selbst hervorgebracht hätte. Ähn­lich wäre es, wüßte er das Resultat im Voraus.

*176. Oben wurde in den entsprechenden Abschnitten folgendes klar zur An­schauung des Verstandes gebracht: Es ist ein Gesetz der göttli­chen Vorsehung, daß der Mensch aus freiem Willen gemäß sei­ner Vernunft handeln soll. Alles, was der Mensch will, denkt, redet und tut, erscheint ihm, als ob er selbst der Urheber sei. Ohne diesen Anschein besäße der Mensch nichts als etwas ihm Eigenes, gehörte sich auch nicht selber an, hätte mithin überhaupt nichts Eigenes. Ihm könnte folglich auch nichts zugerechnet werden, und es wäre gleichgültig, ob er Böses oder Gutes tut, an Gott glaubt oder der Überredung der Hölle folgt. Mit einem Wort: er wäre kein Mensch.

Hier wird nun zu zeigen sein, daß der Mensch nicht die Freiheit hätte, seiner Vernunft gemäß zu handeln und es ihm auch nicht erschiene, als handele er aus sich selbst, wenn er das Wirken der göttlichen Vorsehung wahrnähme und emp­fände. Gleichwohl würde er auch dann von ihr geführt werden, weil ja der Herr durch seine göttliche Vorsehung alle führt und der Mensch sich, wie oben dargelegt wurde, nur scheinbar sel­ber führt. Geschähe das bei lebendiger Wahrnehmung und Empfindung, wäre er sich Seines Lebens nicht bewußt und würde wenig anders als ein Automat (sculptile = eigtl. Schnitz­bild) zum Tönen und Bewegen angeregt werden. Wäre er sich seines Lebens dennoch bewußt, würde er nur wie ein in Hand­schellen und Fußeisen Gebundener geführt oder wie das Zug­vieh vor einem Wagen. Wer vermag nicht zu sehen, daß unter dieser Bedingung der Mensch weder freien Willen noch Ver­nunft hätte, da doch jeder nur aus und in Freiheit eigene Ge­danken denkt und ihm alles andere als nicht von ihm, sondern von einem anderen stammend erscheint. Lotet man das noch tiefer aus, nimmt man wahr, daß der Mensch unter diesen Um­ständen weder Gedanken noch Vernunft hätte, also überhaupt kein Mensch wäre.

*177. Die göttliche Vorsehung wirkt beständig darauf hin, den Menschen von seinem Bösen abzuziehen. Wenn nun je­mand dieses ununterbrochene Wirken wahrnähme und emp­fände, dabei aber nicht wie gefesselt wäre, würde er dann nicht ständig widerstreben und entweder mit Gott hadern oder ver­suchen sich in die göttliche Vorsehung einzumischen? Im letz­ten Falle würde er sich auch zu Gott erheben wollen und im anderen Fall versuchen, sich der Bande zu entledigen und Gott zu leugnen? Offensichtlich würden dann ja zwei Kräfte fortge­setzt einander entgegenwirken: die Kraft des Bösen Seitens des Menschen und die Kraft des Guten von Seiten Gottes. Pral­len zwei Gegensätze aufeinander, siegt entweder der eine oder alle beide gehen zugrunde. In diesem Fall aber gehen beim Sieg des einen tatsächlich beide zugrunde. Das Böse nämlich, das der Anteil des Menschen ist, nimmt das Gute vom Herrn nicht augenblicklich auf, noch treibt dieses das Böse des Men­schen augenblicklich aus. Würde das eine oder das andere au­genblicklich geschehen, dem Menschen bliebe kein Leben mehr. Diese und verschiedene andere Folgen entstünden, könnte der Mensch das Wirken der göttlichen Vorsehung deut­lich wahrnehmen und empfinden. Doch das soll im weiteren Verlauf an Beispielen deutlich gemacht werden.

*178. Dem Menschen wird nicht gewährt, Ereignisse vor­herzuwissen, vor allem, damit er aus freiem Willen und in Über­einstimmung mit seiner Vernunft handeln kann. Bekanntlich will der Mensch von allem was er liebt auch das Ergebnis. Darauf zielt seine Vernunft. Ferner ist bekannt, daß der Mensch in seiner Vernunft nur überlegt, was seinem Verlangen ent­springt, um es mithilfe seiner Gedanken zu verwirklichen. Wüßte er aber die Wirkung oder das Ergebnis aufgrund göttli­cher Vorhersage schon im Voraus, würde seine Vernunft zum Stillstand kommen, und damit auch das Verlangen. Das Verlan­gen zugleich mit der Vernunft nimmt nämlich in der Wirkung ein Ende, und beginnt dann von neuem. Der eigentliche Lust­reiz der Vernunft besteht darin, aufgrund des Verlangens be­reits den zukünftigen Erfolg zu sehen, und zwar möglichst nicht erst, wenn er sich einstellt, sondern schon, wenn er noch fern ist. Daraus entsteht für den Menschen, was man Hoffnung nennt, und diese wächst oder schwindet je nachdem, wie si­cher die Vernunft den Erfolg sieht oder erwartet. Der Lustreiz erfüllt sich im Erfolg, dann aber gerät er — zugleich mit den dar­auf verwendeten Gedanken — in Vergessenheit.

Dasselbe träte auch ein, wenn der Mensch den Erfolg im Voraus wüßte. Das Gemüt durchläuft stets drei Zustände, Endzweck, Ursache und Wirkung genannt. Stellt sich einer der­selben nicht ein, ist das Gemüt wie ohne Leben. Die Neigung des Willens ist die wirkende Absicht, das Denken des Verstan­des die vermittelnde Ursache und die Handlungen des Kör­pers, mündliche Äußerungen oder äußere Empfindungen sind die durch das Denken verwirklichte Absicht. Jeder weiß, daß das Gemüt wie tot ist, solange es nur eine Willensregung ver­spürt, ohne etwas darüber hinaus, ebenso wenn nur die Wir­kung vorhanden ist. Daher hat das Gemüt aus einem dieser drei Zustände allein kein Leben, sondern nur wenn alle drei bei­sammen sind. Dieses Leben des Gemüts würde durch das Vor­herwissen des Erfolges geschwächt.

*179. Das Vorherwissen der Zukunft hebt das eigentlich Menschliche auf, das ins Handeln aus freiem Willen in Über­einstimmung mit der Vernunft liegt. Darum wird niemand ge­währt, die Zukunft zu kennen — hingegen ist es jedem erlaubt, aus seiner Vernunft heraus auf die Zukunft zu schließen. Da­durch ist die Vernunft mit allem, was zu ihr gehört, in ihrem Leben. Aus diesem Grund kennt der Mensch sein Schicksal nach dem Tode nicht und kein Ereignis, ehe es eintritt. Wüßte er es vorher, würde er nicht mehr im Innern darüber nachden­ken, wie er sein Handeln und Leben ausrichten muß, um dahin zu gelangen, sondern nur aus seinem äußeren Ich denken, daß er ja dahin gelangen werde. Ein solcher Zustand aber ver­schließt das Innere seines Gemüts, in dem die beiden Fähig­keiten seines Lebens, Freiheit und Vernunft, vorzugsweise ihren Sitz haben. Das Verlangen, die Zukunft vorherzuwissen, ist den meisten Menschen angeboren, doch liegt sein Ursprung in der Liebe zum Bösen. Deshalb wird es denen, die an die göttliche Vorsehung glauben, genommen. Stattdessen wird ihnen das Vertrauen eingepflanzt, daß der Herr ihr Geschick ordne. Sie wollen darum ihre Zukunft gar nicht vorauswissen, schon um sich nicht irgendwie in die göttliche Vorsehung ein­zumischen. Das lehrt auch der Herr durch mehrere Gleichnisse bei Lukas 12/14 48.

Daß es sich hier um ein Gesetz der göttlichen Vorse­hung handelt, bestätigen viele Beobachtungen in der geistigen Welt: Die meisten Menschen wollen, wenn sie nach ihrem Hinscheiden in sie eintreten, ihr Los wissen. Es wird ihnen je­doch nur geantwortet, ihr Los sei im Himmel, wenn sie gut, und in der Hölle, wenn sie übel gelebt hätten. Weil aber alle, auch die Bösen, vor der Hölle Angst haben, erkundigen sie sich, was sie tun oder glauben müßten, um in den Himmel zu kommen. Es wird ihnen geantwortet, sie könnten tun und glauben, was sie wollten, müßten aber wissen, daß in der Hölle niemand Gutes tue und das Wahre glaube, sondern nur im Himmel. „Finde heraus, was gut und wahr ist, denke dies und tue das, wenn du kannst.“ Damit wird es jedem überlas­sen, aus freiem Willen und in Übereinstimmung mit seiner Ver­nunft zu handeln — in der geistigen Welt ebenso wie in der natürlichen. Aber in der anderen Welt handeln sie wie in die­ser; denn jeden erwartet sein Leben und damit sein Los, ist doch das Los die Folge des Lebens.

Könnte der Mensch die Vorsehung deutlich erkennen, würde er sich in Ordnung und Verlauf ihrer Entfaltung einmischen und sie dadurch verkehren und zerstören.

*180.   Um das dem vernünftigen, ja selbst dem natürli­chen Menschen deutlich vor Augen zu führen, soll es durch Beispiele in dieser Reihenfolge beleuchtet werden:

  1. Das Äußere steht in einem solchen Zusammenhang mit dem Inneren, daß sie in allem einheitlich wirken.

  2. Der Mensch ist nur in gewissen Bereichen seines Äußeren mit dem Herrn zusammen; wäre er es zugleich auch im Inneren, würde er die Ordnung und den Zusammenhang bei der Entfaltung der göttlichen Vorsehung verkehren und zerstören.

Doch Beispiele sollen das, wie gesagt, beleuchten:

Zu 1.): Das Äußere steht in einem solchen Zusammen­hang mit dem Inneren, daß sie in allem einheitlich wirken. Zur Beleuchtung mögen hier einige Beispiele aus der menschli­chen Anatomie angeführt werden: im ganzen Körper wie in jedem einzelnen Teil unterscheidet man Äußeres und Inneres. Das Äußere sind die Häute, Membranen und Hüllen, das In­nere die Formen, die aus Nervenfasern und Blutgefäßen ver­schiedenartig zusammengesetzt und Zusammengewoben sind. Die sie umschließende Hülle dringt durch von ihr ausgehende Verzweigungen in alles Innere bis zum Innersten ein. Auf diese Weise verbindet sich das Äußere, die Hülle, mit allem Inneren, den aus Fibern und Gefäßen bestehenden organischen For­men. Die Folge ist, daß das Innere sich zusammen mit dem Äußeren bewegt oder bewegt wird.

Bei allem findet sich eine Zusammenbündelung (confasciculatio). Man betrachte nur einmal genauer irgendeine ge­meinsame Hülle im Körper, etwa das Rippenfell. Es hüllt Brust mit Herz und Lunge gemeinsam ein. Betrachtet man es mit dem Auge des Anatomen oder fragt — falls man selber nicht Anato­mie studiert hat — einen Fachmann, wird man erfahren, daß diese gemeinsame Hülle zuerst durch verschiedene Umhüllun­gen, dann durch immer dünner und dünner werdende Ablei­tungen bis ins Innerste der Lunge eindringt, d.h. bis in die kleinsten Luftröhrenästchen, ja selbst in die Lungenbläschen, die die Anfänge der Lunge sind — ganz zu schweigen von ihrem weiteren Vordringen durch die Luftröhre über die Kehle bis zur Zunge. Das zeigt ganz klar den fortlaufenden Zusammenhang des Äußersten mit dem Innersten und warum sich das Äußer­ste, wenn es sich bewegt oder bewegt wird, auch das Innere vom Innersten aus sich bewegt oder bewegt wird. Füllt sich jene äußerste Hülle, das Rippenfell, mit Wasser, sobald sie sich entzündet oder voller Geschwüre ist, dann leidet auch die Lunge vom Innersten aus und stellt bei Zunahme der Krankheit ihre Tätigkeit ein, und der Mensch stirbt.

Ähnlich verhält es sich überall sonst im Körper. Wei­tere Beispiele sind das Bauchfell, gemeinsame Hülle aller Ein­geweide des Unterleibs und die Umhüllungen der einzelnen Teile, wie Magen, Leber, Pankreas, Milz, Gedärme, Nieren und Zeugungsorgane beider Geschlechter. Man betrachte eines die­ser Organe entweder selbst oder befrage einen Fachmann, so wird man es sehen. Bei der Leber wird man beispielsweise fin­den, daß das Bauchfell mit der Umhüllung dieses Organs in Ver­bindung steht und durch die Umhüllung mit dem Innersten des­selben, da von der Umhüllung fortlaufende Ausläufer und Ein­buchtungen gegen das Innere zu und weiter bis zum Innersten führen und so eine Verflechtung aller Teile zustandekommt. Wenn sich die Hülle bewegt oder bewegt wird, wird sich also ebenso die ganze Form des Organs bewegen oder bewegt wer­den. Dasselbe gilt für alle übrigen Organe, weil in jedem das Gemeinsame und das Besondere, das Universelle und das Ein­zelne, durch eine wunderbare Verbindung in Einheit handeln.

Die geistigen Formen, die Veränderungen und Wech­sel ihrer Zustände beziehen sich auf die Handlungen des Wil­lens und Verstandes. In ihnen geht, wie man weiter unten sehen wird, ähnliches vor wie in den natürlichen Formen und deren Funktionen, die sich auf ihre Bewegungen und Verrich­tungen beziehen. Da nun der Mensch in manchen Bereichen seiner äußeren Handlungen mit dem Herrn zusammen wirkt und niemandem die Freiheit genommen wird, seiner Vernunft gemäß zu handeln, so folgt, daß der Herr im Inneren des Men­schen nicht anders verfahren kann als er zugleich mit ihm im Äußeren verfährt. Flieht und verabscheut daher der Mensch das Böse nicht als Sünde, wird das Äußere seines Denkens und Wollens geschändet und zugrundegerichtet, damit aber zu­gleich auch sein Inneres. Es verhält sich damit ähnlich wie mit dem Rippenfell, dessen Erkrankung, die Rippenfellentzün­dung, zum Tode des Körpers führen kann.

Zu 2.): Wäre sich der Mensch zugleich seines Inneren bewußt, würde er die ganze Ordnung und den Zusammenhang bei der Entfaltung der göttlichen Vorsehung verkehren und zerstören. Das soll ebenfalls durch Beispiele aus dem körperli­chen Bereich erläutert werden: Wären dem Menschen alle Ein­wirkungen der beiden Gehirne auf die Muskelfasern bewußt, dieser auf die Muskeln und der Muskeln auf die Funktionen, ordnete (disponeret) er dann alles aufgrund dieses Wissens, wie er ja auch seine Tätigkeiten plant, würde er dann nicht alles verkehren und zerstören?

Wäre dem Menschen bewußt, wie sein Magen ver­daut, wie die ringsum verteilten Eingeweide ihre Aufgaben wahrnehmen, das Blut aufbereiten und es zu allen lebenswich­tigen Verrichtungen verteilen, und verführe er bei der Anord­nung dieser Funktionen ebenso wie in seinem Äußeren, z.B. beim Essen und Trinken, würde er nicht alles verkehren und zerstören? Da er nicht einmal das Äußere, das doch nur als etwas Einfaches erscheint, richtig ordnen kann, ohne es durch Völlerei und Unmäßigkeit zu verderben, was würde gesche­hen, wenn er auch über das Innere zu bestimmen hätte, das doch unendlich vielfältiger ist? Damit das nicht geschieht und der Mensch nicht bewußt ins Innere eindringe und es sich un­terwerfe, wurde es seinem Willen gänzlich entzogen. Eine Aus­nahme sind die Muskeln die gewissermaßen das Kleid des Körpers sind; doch selbst von ihnen weiß der Mensch nicht wie, sondern nur daß sie wirken.

Dasselbe gilt für alles andere: Würde der Mensch z.B. das Innere seines Auges zum Sehen einrichten, das Innere sei­nes Ohrs zum Hören, das Innere seiner Zunge zum Schmecken, das Innere der Haut zum Fühlen, das Innere des Herzens zum Schlagen, das Innere der Lunge zum Atmen, das Innere der Bauchspeicheldrüse zur Aufbereitung des Speisesaftes, das Innere der Nieren zur Absonderung, das Innere der Zeugungs­organe zum Zeugen, das Innere des Uterus zur Bildung des Embryos usw. würde er nicht in allem die Ordnung bei der Entfaltung der göttlichen Vorsehung auf vielfache Weise ver­kehren und zerstören? Wie man weiß, ist dem Menschen das Äußere bewußt, z.B. sieht er mit dem Auge, hört mit dem Ohr, schmeckt mit der Zunge, fühlt mit der Haut, atmet mit der Lunge, schwängert seine Frau usw. Ist es nicht genug, daß ihm das Äußere bewußt ist und damit zur Gesundheit von Körper und Seele beiträgt? Wenn er aber nicht einmal das kann, was würde geschehen, wenn er das Innere anordnete? Aus allem läßt sich ersehen, daß sich der Mensch, nähme er die göttliche Vorsehung deutlich wahr, bei der Entfaltung ihres Wirkens in deren Ordnung und Zusammenhang einmischen und alles ver­kehren und zerstören würde.

*181. Mit dem Geistigen des Gemüts verhält es sich ebenso wie mit dem Natürlichen des Körpers, weil zwischen allen Teilen des Gemüts und des Körpers ein Entsprechungs­verhältnis besteht. Daher bewegt auch das Gemüt den Körper in den äußeren Funktionen, und zwar im allgemeinen nach jedem Wink. Das Gemüt bewirkt, daß die Augen sehen, die Ohren hören, Mund und Zunge essen und trinken oder reden, die Hände tun, die Füße gehen, die Zeugungsorgane zeugen usw. Und das Gemüt treibt dazu nicht nur das Äußere an, son­dern auch das Innere in seiner ganzen Reihenfolge, vom In­nersten aus das Äußerste und vom Äußersten aus wiederum das Innerste. Bringt es den Mund zum Reden, so bewegt es nacheinander Lunge, Kehlen Stimmbänder, Zunge und Lippen, jedes wiederum für seinen besonderen Dienst, auch das Ge­sicht in Übereinstimmung damit.

Das zeigt, von den geistigen Formen des Gemüts ist ähnliches zu sagen, wie von den natürlichen des Körpers, bzw. von den geistigen Funktionen des Gemüts wie von den natür­lichen des Körpers. Wie daher der Mensch das Äußere be­stimmt, so lenkt der Herr das Innere — anders wenn der Mensch das Äußere aus Eigenwillen bestimmt als wenn er es zusam­men mit dem Herrn und dabei doch wie aus sich bestimmt. Das menschliche Gemüt ist seiner ganzen Form nach Mensch, ist es doch sein Geist, der nach dem Tode ganz wie in dieser Welt als Mensch erscheint. Beide sind also ähnlich, und so gilt, was über die Verbindung des Äußeren mit dem Inneren des Kör­pers dargelegt wurde, auch für die Verbindung des Äußeren mit dem Inneren des Gemüts, mit dem Unterschied freilich, daß das eine natürlich, das andere geistig ist.

Könnte der Mensch die göttliche Vorse­hung deutlich wahrnehmen, würde er Gott entweder leugnen oder sich selbst zu Gott erheben.

*182.   Der rein natürli­che Mensch sagt sich: „Was ist schon die göttliche Vorsehung? Ist sie etwas anderes oder mehr als eine von den Priestern in­augurierte Redensart des großen Haufens? Wer hat je etwas von ihr wahrgenommen? Geht nicht alles in der Welt auf Klug­heit und Weisheit oder List und Bosheit zurück? Das andere, beruht es nicht auf bloßen Notwendigkeiten und natürlichen Folgen, vielfach auch auf reinem Zufall? Sollte sich die göttli­che Vorsehung darin verbergen, wie dann in den Betrügereien und Finten? Und doch heißt es, die göttliche Vorsehung wirke alles? Soll sie sich mir doch zeigen, dann will ich an sie glau­ben! Könnte wohl jemand vorher an sie glauben?“

So spricht der bloß natürliche Mensch, anders der gei­stige. Weil er Gott anerkennt, so auch die göttliche Vorsehung; und er nimmt sie auch wahr, kann sie aber niemandem bewei­sen, der nur in und aus der Natur denkt. Denn solche Men­schen können ihr Gemüt nicht über die Natur erheben und in ihren Erscheinungen etwas von einer göttlichen Vorsehung entdecken. Auch können sie aus den Gesetzen der Natur nicht die Folgerung ziehen, daß diese ebenfalls Gesetze göttlicher Weisheit sind. Könnte er die Vorsehung deutlich wahrnehmen, würde er sie mit der Natur vermischen und auf diese Weise nicht nur durch Trugschlüsse verdunkeln, sondern auch ent­weihen. Anstatt sie anzuerkennen würde er sie leugnen. Wer aber in seinem Herzen die göttliche Vorsehung leugnet, der leugnet auch Gott.

Es gibt keine andere Möglichkeit als zu denken, daß alles von Gott oder von der Natur regiert wird. Mit dem Gedan­ken, daß Gott alles regiert, verbindet sich auch der Gedanke, daß es durch seine Liebe und Weisheit geschieht, daß also das Leben selbst regiert. Wer aber denkt, die Natur lenke alles, denkt auch, das geschehe durch natürliche Wärme und natürliches Licht, obgleich diese doch an sich tot sind, da sie aus einer toten Sonne stammen. Regiert denn nicht das Lebendige das Tote? Wie könnte das Tote etwas regieren? Wer meint, Totes könne sich Leben geben, ist unsinnig; Leben kann nur aus Leben entstehen.

*183. Die Behauptung, der Mensch würde, nähme er nur die göttliche Vorsehung und ihr Walten handgreiflich wahr, Gott leugnen, erscheint als fragwürdig. Man möchte vielmehr mei­nen, wer den handgreiflichen Beweis dafür hätte, könnte gar nicht anders als sie anerkennen. Und dennoch ist das Gegenteil der Fall. Die göttliche Vorsehung wirkt niemals in Über­einstimmung mit der Willensneigung des Menschen, sondern fortwährend im Gegensatz zu ihr, da der Mensch aufgrund sei­nes ererbten Bösen stets zur untersten Hölle hinstrebt während ihn der Herr durch seine Vorsehung beständig von ihr ablenkt und nach Möglichkeit aus ihr herauszieht — zuerst in eine mil­dere Hölle, dann ganz aus der Hölle heraus und schließlich zu sich in den Himmel. Das ist das unausgesetzte Bestreben der göttlichen Vorsehung. Könnte der Mensch dieses Ablenken und Hinwegziehen handgreiflich wahrnehmen und empfinden, würde er Gott zürnen und für seinen Feind halten und ihn auf­grund seines ihm eigenen Bösen leugnen. Aus diesem Grund wird der Mensch, damit er keine Kenntnis davon habe, in der Freiheit erhalten, aus der heraus er sich selbst zu führen meint.

Beispiele mögen das beleuchten: Aufgrund seiner Erb­anlage will der Mensch groß wie auch reich werden. Soweit er diese Triebe nicht zügelt, will er immer größer und reicher und schließlich der Größte und Reichste sein. Und auch wenn er das erreicht hätte, käme er nicht zur Ruhe, sondern möchte sogar noch größer sein als Gott selbst und den ganzen Himmel besit­zen. Diese Begierde liegt im Innersten des Erbbösen, somit im Leben des Menschen und in seiner Natur. Die göttliche Vorse­hung nimmt dieses Böse nicht in einem Augenblick hinweg; denn dann würde der Mensch aufhören zu leben. Daher entfernt sie es lautlos nach und nach, ohne daß es der Mensch merkt. Das geschieht dadurch, daß dem Menschen erlaubt wird, so zu handeln, wie es den Gedanken entspricht, die er seiner Vernunft angeeignet hat. Die göttliche Vorsehung führt ihn dann mit ver­schiedenen Mitteln davon weg, zu denen Vernunftgründe ebenso gehören wie bürgerliche und sittliche Überlegungen. Auf diese Weise wird er vom Bösen abgebracht, soweit es unter Wahrung seines freien Willens möglich ist. Auch kann es nie­mandem genommen werden, wenn es nicht zum Vorschein kommt, gesehen und erkannt wird. Solange das nicht geschieht, ist es wie eine Wunde, die erst heilt, wenn man sie öffnet.

Wüßte und sähe daher der Mensch, daß des Herrn göttliche Vorsehung derart gegen seine Lebensliebe wirkt, in der für ihn doch der größte Lustreiz liegt, würde er gar nicht anders können, als sich dagegen zu sträuben, zornig aufzube­gehren, sich zu verschwören, unverschämte Reden zu führen und schließlich aus seiner bösen Neigung heraus ihr Walten zurückzuweisen, indem er es leugnet, somit auch Gott. Das wäre besonders der Fall, wenn der Mensch erkennen müßte, daß dadurch seinen Plänen entgegengewirkt und er seiner Würde oder seines Reichtums beraubt wird.

Folgendes ist aber zu beachten: Der Herr hält den Menschen niemals davon ab, sich um Würden oder Reichtum zu bemühen, sondern nur von der Begierde, sich Würden um der Würden und Reichtum um des Reichtums willen zu ver­schaffen. Dadurch führt er ihn in die Liebe zu den Nutzwir­kungen ein, so daß er mit seinem Bemühen nicht um seiner selbst willen nach Würde strebt, sondern um Nutzen zu stiften; mit anderen Worten, daß er zuerst dem Nutzen und dann erst sich selbst diene, statt umgekehrt, zuerst sich und dann dem Nutzen. Dasselbe gilt für das Streben nach Reichtum. An vielen Stellen des Wortes lehrt der Herr selbst, daß er die Stolzen demütigt und die Demütigen erhöht, und was er dort lehrt, ist auch das Ziel seiner göttlichen Vorsehung.

*184. Ähnlich geschieht es auch mit anderem Bösen, das dem Menschen aus ererbter Neigung anhängt, z.B. mit Ehe­bruch, Betrug, Rache, Gotteslästerungen usw. Dies alles kann nur auf eine Weise entfernt werden, die dem Menschen die Freiheit läßt, es zu denken und zu wollen. Dadurch wird er­reicht, daß der Mensch es wie aus eigener Kraft entfernen muß, was er freilich nur kann, wenn er die göttliche Vorsehung an­erkennt und darum bittet, daß es sich durch sie verwirkliche. Ohne dieses Zusammenwirken zwischen der Freiheit des Men­schen und der göttlichen Vorsehung gliche jenes Böse einem eingekapselten, nicht entfernten Gift, das sich rasch verbreiten und zum Tode führen würde. Es gliche einer Herzkrankheit, an der der ganze Körper schnell zugrundegeht.

*185. Diese Tatsache ist am besten zu erkennen an den Menschen nach ihrem Tode in der geistigen Welt. Die Mehrzahl derer, die in der natürlichen Welt mächtig und reich geworden waren, aber bei allem allein sich selbst im Auge hatten, reden dort anfänglich so über Gott und die göttliche Vorsehung, als ob sie diese von Herzen anerkannt hätten. Weil sie nun aber die göttliche Vorsehung handgreiflich wahrnehmen und damit auch ihr Endschicksal, die Hölle, verbinden sie sich mit den dortigen Teufeln und leugnen dann Gott nicht nur, sondern schmähen ihn auch. Sie verfallen dem Wahn, die mächtigeren unter den Teufeln als ihre Götter anzuerkennen und begehren nichts brennender als selbst auch Götter zu werden.

*186. Der Mensch würde aber mit Gott in Widerspruch geraten und ihn sogar leugnen, sobald er das Wirken seiner Vorsehung deutlich wahrnähme, weil er dem Lustreiz seiner Liebe verfallen ist, der sein eigentliches Leben ausmacht. Daher fühlt sich der Mensch nur frei, solange er im Lustreiz seines Le­bens erhalten wird, denn die Freiheit und dieser Lustreiz sind dasselbe. Würde er daher wahrnehmen, daß er fortgesetzt von seinem Lustreiz abgelenkt wird, würde er sich darüber erbit­tern wie über einen Feind, der ihm nach dem Leben trachtet. Um das zu verhindern, erscheint der Herr in seiner Vorsehung nicht offensichtlich, sondern führt den Menschen so unmerk­lich, wie ein Schiff von einer verborgenen Strömung oder gün­stigen Wasserader. Infolgedessen hat der Mensch ständig das Gefühl der Eigenständigkeit, ist doch die Freiheit mit dem Ei­genen eins. Damit ist klar, daß der freie Wille dem Menschen aneignet, was die göttliche Vorsehung herbeigeführt hat. Das könnte nicht geschehen, wenn diese sich offen zeigte. Ange­eignet werden heißt, dem Leben einverleibt werden.

Der Mensch darf die göttliche Vorsehung nur im Nachhinein, nicht im Augenblick erkennen, auch nur im geistigen, nicht im natürlichen Zustand,

*187. d.h. er darf auf sie zurück , nicht aber vorausblicken; vom geistigen und nicht vom natürlichen Zustand aus heißt, sie vom Himmel, nicht von der Welt her erkennen. Alle Menschen, die den himmlischen Einfluß aufnehmen und die göttliche Vorsehung anerkennen, vor allem jene, die durch Umbildung geistig ge­worden sind, sehen und bekennen sie, wie aus innerer Er­kenntnis, sobald sie an das wunderbare Zusammentreffen von Ereignissen in ihrem Leben denken. Sie begehren auch nicht, die Vorsehung im Augenblick, d.h. ehe sie zum Vorschein kommt, zu erkennen, weil sie befürchten dadurch könne sich ihr Wille irgendwie in die Ordnung und den Verlauf ihrer Ent­wicklung einmischen.

Anders Menschen, die keinen Einfluß aus dem Him­mel zulassen, sondern nur aus der Welt, vor allem diejenigen, die dadurch, daß sie Scheinbarkeiten bei sich begründet haben, zu bloß natürlichen Menschen geworden sind. Sie er­kennen auch nachträglich nichts von der göttlichen Vorsehung, d.h. wenn sie geschehen ist, sondern wollen sie im Augenblick sehen oder sogar noch bevor sie zum Vorschein kommt. Und weil die göttliche Vorsehung durch Mittel wirkt, die durch den Menschen oder die Welt geschehen, schreiben diese Menschen alles entweder dem Menschen oder der Natur zu und verstei­fen sich auf diese Weise auf ihre Leugnung. Ihr Verstand ist nämlich nach oben, zum Himmel hin verschlossen und nur nach unten, zur Welt hin geöffnet. Von der Welt aus läßt sich die göttliche Vorsehung nicht erkennen, sondern nur vom Him­mel aus Bisweilen habe ich mich gefragt, ob diese Menschen wohl die göttliche Vorsehung anerkennen würden, wenn ihr Verstand nach oben hin aufgeschlossen würde, und sie dann wie am hellen Tage erkennen könnten, daß die Natur an sich tot und der menschliche Verstand an sich nichtig ist und beide nur durch den Einfluß als etwas Seiendes erscheinen. Doch mußte ich erkennen, daß Menschen, die sich für die Natur und die menschliche Klugheit entschieden haben, die göttliche Vor­sehung auch dann nicht anerkennen würden, weil das von unten her einfließende natürliche Licht das von oben einströ­mende geistige Licht sogleich auslöschen würde.

*189. Der Mensch, der durch die Anerkennung Gottes gei­stig und durch die Verwerfung seines Eigenen weise geworden ist, erkennt überall in der Welt im Großen wie im Kleinen die göttliche Vorsehung am Werk. Er sieht sie bei der Betrachtung der natürlichen, der bürgerlichen wie der geistigen Dinge, und zwar sowohl in denen, die gleichzeitig als auch in jenen, die aufeinander folgen, den Absichten, Ursachen, Wirkungen, Nutz­wirkungen, in den Formen, im Großen wie im Kleinen. Vor allem aber sieht er sie in der Errettung (imprimis in Salvatione hominum) der Menschen, wie Jehovah ihnen das Wort gegeben und sie so über Gott, über Himmel und Hölle sowie das ewige Leben belehrt und ihnen gezeigt hat, daß er selbst in die Welt kam, um die Menschen zu erlösen und selig zu machen. In al­ledem und noch in vielen anderen Dingen erkennt der Mensch aus dem geistigen Licht im natürlichen die göttliche Vorsehung. Der bloß natürliche Mensch sieht in alledem nichts.

Er gleicht einem Menschen, der in einer herrlichen Kirche einen erleuchteten Prediger hört, zu Hause aber erzählt, er habe nichts gesehen als ein steinernes Gebäude und nichts als artikulierte Wörter gehört. Man kann ihn auch mit einem Kurzsichtigen vergleichen, der in einen von Früchten aller Art prangenden Garten kommt und daheim erzählt, er habe nur Wald und Bäume gesehen. Wenn diese Menschen nach dem Tode zu Geistern geworden sind und in den Himmel erhoben werden, wo alle Formen etwas von der Liebe und Weisheit dar­stellen, erkennen sie auch davon nichts, merken nicht einmal daß sie überhaupt vorhanden sind. Ich habe dies öfter bei Men­schen beobachtet, die die göttliche Vorsehung des Herrn auf Erden geleugnet hatten.

*190. Es gibt eine Reihe unveränderlicher Größen (sunt plura constantia), dazu geschaffen, damit die veränderlichen Größen bestehen können. Zu den unveränderlichen zählen die regelmäßigen Wechsel des Aufgangs und Untergangs von Sonne und Mond, ebenso der Sterne; Sonnen  und Mondfin­sternisse infolge bestimmter Konstellationen, die sogenannten Eklipsen, Wärme und Licht der Himmelskörper, die Jahres  und Tageszeiten, ebenso die Atmosphären, Gewässer und Erdkör­per. Hierher gehört auch die Vegetationskraft im Pflanzenreich und — in Verbindung mit der Fortpflanzungskraft — im Tierreich und was daraus regelmäßig hervorgeht, wenn die Ordnungs­gesetze in Aktion treten. Dies und viele andere Dinge bestehen von der Schöpfung her und sind vorgesehen, damit daraus un­endliche Variationen entstehen können. Denn die Variationen können nur unter der Voraussetzung von unveränderlichen, re­gelmäßigen und zuverlässigen Größen hervortreten.

Dies soll durch Beispiele veranschaulicht werden: Wechsel in der Vegetation wären unmöglich, wenn nicht Son­nenaufgang und  untergang und damit das nötige Quantum Wärme und Licht feststünden. Die unendliche Mannigfaltigkeit der Harmonien wäre nicht möglich, wenn nicht die atmo­sphärischen Gesetze und die Bildung des Ohrs festgelegt wären. Die ebenfalls unendlichen Mannigfaltigkeiten des Sicht­baren wären unmöglich, stünden nicht der Äther mit seinen Ge­setzmäßigkeiten und die Bildung des Auges fest. Dasselbe gilt für die Farben, wäre das Licht unbeständig. Und ebenso verhält es sich auch mit den Gedanken, der Sprache und den Hand­lungen des Menschen, die ebenfalls unendlich vielfältig sind. Auch sie wären unmöglich, wenn die organischen Formen des Körpers unbeständig wären. Muß nicht auch ein Haus Bestän­digkeit haben, damit der Mensch darin die verschiedensten Dinge verrichten kann, oder die Kirche, damit darin verschie­dene gottesdienstliche Veranstaltungen, Ansprachen, Unterwei­sungen und fromme Meditationen stattfinden können? Dasselbe gilt auch für alles andere.

Was die Varianten angeht, die im Rahmen des Unver­änderlichen, Regelmäßigen und Zuverlässigen geschehen, so gehen sie ins Unendliche und kennen keine Grenze. Und doch gibt es im ganzen Universum nicht die kleinste Einzelheit, die mit einer anderen ganz und gar identisch wäre, und das wäre selbst bei der Entfaltung aller Dinge in Ewigkeit nicht möglich. Wer ordnete alle diese ins Unendliche und Ewige fortschreite­nden Variationen so ein, daß sie in der Ordnung bleiben, wenn nicht Der, der das Unveränderliche geschaffen hat, damit diese Variationen im Unveränderlichen hervortreten? Und wer sonst könnte die unendlichen Wechsel der Lebenszustände beim Menschen ordnen als Der, der das Leben Selbst, d.h. Liebe und Weisheit ist? Wie könnten ohne seine göttliche Vor­sehung, die gleichsam eine fortgesetzte Schöpfung ist die unendlichen Neigungen und Gedanken und damit die Men­schen selbst dazu gebracht werden, eine Einheit zu bilden ­die bösen Neigungen und daraus resultierenden Gedanken einen Teufel, also die Hölle, und die guten Neigungen samt den aus ihr hervorgehenden Gedanken einen Herrn im Him­mel (unum Dominum in caelo)? Daß der ganze Engelhimmel in den Augen des Herrn wie ein einziger Mensch erscheint, der sein Bild und Ebenbild darstellt, und im Gegensatz dazu die ganze Hölle wie ein einziger monströser Mensch, wurde oben schon mehrfach gesagt und erklärt. Diese Dinge wurden dar­gelegt, weil manche bloß natürlichen Menschen aus dem Un­veränderlichen und Regelmäßigen, dessen Notwendigkeit darin besteht, das Veränderliche darin zum Erscheinen zu bringen, Gründe ableiten, um sich in ihrem Wahn für die Natur und die eigene Klugheit zu bestärken.

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Teil 10 - Der Mensch besitzt keine eigene Klugheit; sie ist nur ein unerläßlicher Schein. Die göttliche Vorsehung aber ist allumfassend, weil sie auch im allerkleinsten ist.



*191. Die Behauptung, der Mensch besitze keine eigene Klugheit, ist durchaus gegen den Anschein und widerspricht daher auch dem Glauben der Mehrheit. Daher kann nie­mand, der aufgrund des Anscheins glaubt, alles gehe auf menschliche Klugheit zurück, vom Gegenteil überzeugt wer­den, es sei denn durch tiefgründigere Forschung, die auf die eigentlichen Ursachen zurückgreift. Der erwähnte Anschein ist nur eine Wirkung; die Ursachen decken auf, wie er ent­steht. In diesen Vorbemerkungen soll zunächst einiges dar­über ausgeführt werden, was man allgemein in dieser Frage glaubt. Es widerspricht dem Schein, wenn die Kirche lehrt, Liebe und Glaube eigneten nicht dem Menschen, sondern Gott, ebenso Weisheit und Einsicht, folglich auch die Klug­heit und im allgemeinen alles Gute und Wahre. Wer das an­nimmt, muß auch annehmen, daß es keine Eigenklugheit des Menschen gibt, sondern nur den Anschein davon. Klugheit hat ja denselben Ursprung wie Einsicht und Weisheit, und beide entspringen dem Verstand mit seinem Denken über das Wahre und Gute. Das wird auch von denen angenom­men und geglaubt, die die göttliche Vorsehung anerkennen, nicht hingegen von jenen, die allein an die menschliche Klugheit glauben.

Mag nun die kirchliche Lehre wahr sein, wonach alle Weisheit und Klugheit von Gott kommt, oder die weltli­che Lehre, alle Weisheit und Klugheit stamme vom Menschen — könnte es wohl einen anderen Ausgleich zwischen beiden Behauptungen geben als den, daß die kirchliche Lehre der Wahrheit, die weltliche aber dem äußeren Anschein ent­spricht? Denn die Kirche beruft sich auf das Wort Gottes, die Welt aber auf das Eigene. Nun ist aber das Wort von Gott und das Eigene vom Menschen. Und weil die Klugheit von Gott und nicht vom Menschen selbst stammt, betet der Christ bei seiner Andacht, Gott möge seine Gedanken, Entschlüsse und Handlungen lenken, wobei er noch hinzufügt, er könne das nicht aus eigener Kraft. Könnte wohl jemand so reden, wenn er es nicht in diesem Augenblick auch zugleich glaubte? Die­ser innerliche Glaube kommt vom Himmel. Denkt aber der Mensch bei sich selbst darüber nach und besinnt sich auf die Gründe, die für die menschliche Klugheit sprechen, so kann er wiederum auch das Gegenteil annehmen. Ein solcher Glaube kommt aus der Welt. Der innerliche Glaube siegt schließlich bei den Menschen, die Gott von Herzen anerken­nen, der äußere bei allen, die Gott nicht von Herzen beken­nen, so sehr sie das auch mit dem Munde tun mögen.

*192. Oben hieß es, niemand, der aufgrund des An­scheins glaube, die menschliche Klugheit bewirke alles, könne vom Gegenteil überzeugt werden, es sei denn durch tiefgründigere Forschung, die auf die Ursachen zurückgreift. Damit sich nun diese auf die Ursachen zurückgreifenden Gründe vor dem Verstand offen zeigen, muß ihre Ordnung dargestellt werden, und zwar folgendermaßen:

Alle Gedanken des Menschen entspringen den Neigungen seiner Lebensliebe, ohne die es sie nicht gäbe und auch nicht geben könnte.

*193. Oben in diesem, wie auch in dem Werk „Die Weisheit der Engel betreffend die Gött­liche Liebe und Weisheit" (hier besonders im ersten und fünf­ten Teil) wurde gezeigt, worin das Wesen der Neigungen be­steht samt den daraus hervorgehenden Gedanken und den wiederum diesen entspringenden Empfindungen und Tätigkei­ten des Körpers. Da hierin die Ursachen liegen, aus denen die menschliche Klugheit als Wirkung entspringt, muß einiges aus den genannten Werken zitiert werden. Denn was anderwärts ausgeführt wurde, kann mit später Geschriebenem nur fest ver­knüpft werden, wenn es durch Wiederholung erneut vor Augen gestellt wird.

Weiter oben in diesem Werk und in dem über die Göttliche Liebe und Weisheit wurde der Nachweis erbracht, daß die göttliche Liebe und Weisheit, die zusammen das Leben bilden, im Herrn ihren Ursprung haben, und daß Wille und Verstand dem Menschen aus diesen beiden zukommen — aus der göttlichen Liebe der Wille und aus der göttlichen Weisheit der Verstand. Ihnen entsprechen im Körper Herz und Lunge. Man kann hieraus erkennen, daß wie der Herzschlag in Ver­bindung mit der Lungentätigkeit den Menschen körperlich re­giert, der Wille in Verbindung mit dem Verstand den ganzen Gemütszustand des Menschen bestimmt, mithin bei jedem Menschen zwei Lebensprinzipien wirken, ein natürliches — der Herzschlag — und ein geistiges — der Wille des Gemüts. Beide verbinden sich wie mit einer Gefährtin, um mit ihr zusammen­zuwohnen und gemeinschaftlich die Lebensfunktionen zu ver­richten: das Herz mit der Lunge und der Wille mit dem Ver­stand. Die Seele des Willens ist die Liebe, die Seele des Ver­standes ist die Weisheit; beide stammen vom Herrn. Daraus folgt, daß die Liebe das Leben eines jeden Menschen ist, und zwar in der Weise, wie sie mit der Weisheit verbunden ist. Anders aus­gedrückt: der Wille ist das Leben eines jeden, doch je wie er mit dem Verstand verbunden ist. Weitere Einzelheiten oben in diesem Werk, besonders aber in "Die Weisheit der Engel be­treffend die Göttliche Liebe und Weisheiten“ Teil 1 und 5.

*194. In den genannten Abhandlungen wurde auch nach­gewiesen, daß die Lebensliebe untergeordnete Arten der Liebe hervorbringt, Neigungen genannt, bei denen äußerliche und innerliche zu unterscheiden sind, die zusammen gleichsam ein Gebiet oder Reich bilden, in dem die Lebensliebe der Gebieter oder König ist. Ferner wurde gezeigt, daß die untergeordneten Arten der Liebe, die Neigungen, sich mit den entsprechenden Teilhabern (consortes) verbinden, nämlich die inneren Nei­gungen mit den Wahrnehmungen, die äußeren mit den Ge­danken. Mit ihnen wohnen sie zusammen und verrichten ge­meinsam die Obliegenheiten, die ihnen das Leben stellt. Die Verbindung zwischen ihnen ist wie die zwischen dem Sein und Dasein des Lebens: Keins von beiden besteht ohne die Verbin­dung mit dem anderen. Was wäre auch das Sein des Lebens ohne Dasein, und was wäre das Dasein des Lebens, wenn es nicht aus dem Sein hervorginge? Ferner ist diese Verbindung des Lebens wie zwischen Ton und Harmonie oder Ton und Rede, oder ganz allgemein wie zwischen Herzschlag und At­mung. Jedenfalls ist sie so, daß eins ohne das andere nicht exi­stiert und jedes von beiden nur durch die Verbindung mit dem anderen zu etwas wird. Die Verbindungen müssen entweder in ihnen sein oder durch sie erfolgen, wie beispielsweise beim Ton: Wer da meint, der Ton sei etwas an sich, selbst wenn ihn nichts von ihn begleitenden Tönen unterscheidet, ist im Irrtum. Der Ton entspricht auch der Neigung des Menschen, von dem er stammt. Und weil in ihm immer etwas liegt, was ihn von an­deren Tönen unterscheidet, kann man auch am Tonfall des re­denden Menschen die Neigung seiner Liebe erkennen und an seinen Variationen, der Rede, sein Denken. Darum erkennen die weiteren Engel bereits am Tonfall eines Redners, welche Arten der Liebe sein Leben beherrschen und welche Neigun­gen sich bei ihm davon ableiten.

Diese Dinge wurden angeführt, um klar zu machen, daß es keine Neigung ohne die zu ihr gehörenden Gedanken und kein Denken ohne die zu ihr gehörende Neigung gibt. Mehr darüber findet man oben in diesem Werk und in „Die Weisheit der Engel betreffend die Göttliche Liebe und Weisheit“.

*195.   Die Lebensliebe hat ihren Lustreiz, die mit ihr zu­sammenhängende Weisheit den ihr eigenen Reiz (amoenum). Dasselbe gilt auch für jede einzelne Neigung, die ihrem Wesen nach eine untergeordnete Liebe ist, von der Lebensliebe ebenso abgeleitet wie ein Bach aus seiner Quelle, wie der Ast von seinem Baum oder die Arterie aus ihrem Herzen. Jede Nei­gung hat also ihren eigenen Lustreiz und jedes mit ihr zu­sammenhängende Wahrnehmen und Denken wiederum seinen Reiz. Daraus folgt, daß diese Lustreize und Reize das Leben des Menschen bilden. Was wäre auch das Leben ohne Lust und Reiz? Es wäre nicht beseelt, sondern seelenlos. Vermindere die Lust, und der Mensch erkaltet oder erstarrt, entziehe sie ihm gänzlich, haucht er seinen Geist aus und stirbt.

Aus den Lustreizen der Neigungen und aus den Rei­zen der Wahrnehmungen und Gedanken entsteht, was man als Lebenswärme bezeichnet. Da nun jede Neigung ihren Lustreiz und jeder Gedanke seinen Reiz hat, läßt sich der Ursprung des Guten und Wahren erkennen ferner auch, was seinem Wesen nach gut und wahr ist. Für jeden Menschen ist gut, was den Lustreiz seiner Neigung bildet und wahr, was von daher den Reiz seines Denkens ausmacht. Jeder nennt ja gut, was er auf­grund der Liebe seines Willens als Lustreiz empfindet und wahr, was er aufgrund der Weisheit seines Verstandes von daher als Reiz wahrnimmt. Beides entspringt der Lebensliebe wie das Wasser der Quelle oder das Blut dem Herzen. Beides zusammen ist wie das Gewässer (unda) oder die Atmosphäre, die das ganze menschliche Gemüt umgibt.

Beide, Lustreiz und Reiz, sind im Gemüt geistig, im Körper natürlich, und gemeinsam bilden sie das Leben des Menschen. Damit ist deutlich, was beim Menschen gut und was bei ihm wahr heißt, ebenso was bei ihm böse, was falsch heißt. Böse ist für ihn, was den Lustreiz seiner Neigung zerstört, falsch, was ihm den Reiz seiner daraus resultierenden Gedan­ken nimmt. Ferner ist deutlich, daß das Böse wegen seines Lustreizes und das Falsche wegen seines Reizes mit dem Guten und Wahren verwechselt werden können. Gutes und Wahres sind zwar Mutationen und Variationen in den Zuständen der Gemütsformen, sie werden aber einzig und allein wahrgenom­men und lebendig durch die mit ihnen verbundenen Lustreize und Reize. All dies wurde angeführt, um zu zeigen, was Nei­gung und Denken in der lebendigen Wirklichkeit sind.

*196. Das Gemüt des Menschen also denkt — und zwar denkt es aufgrund der Reize seiner Neigung — und nicht der Körper. Das Gemüt des Menschen aber ist sein Geist, der nach dem Tode fortlebt. Daraus folgt, daß der Geist des Menschen nichts anderes ist als seine Neigung samt dem daraus hervor­gehenden Denken. An den Geistern und Engeln in der geisti­gen Welt zeigt sich deutlich, daß es ohne Neigung kein Den­ken gibt, weil dort alle von den Neigungen ihrer Lebensliebe aus denken, deren Lustreiz einen jeden wie eine Atmosphäre umgibt. Entsprechend diesen Sphären, die aus den Neigungen über ihre Gedanken ausgehaucht werden, sind dort alle mit­einander verbunden. An seiner Lebenssphäre wird denn auch die Wesensart eines jeden erkannt. Damit steht fest, daß alles Denken der Neigung entspringt und deren Form darstellt. Dasselbe gilt für Wille und Verstand, für das Gute und Wahre und für tätige Liebe und Glaube

*197. Der Herr allein kennt die Neigungen der Le­bensliebe des Menschen. Der Mensch kennt seine Gedanken und daher auch seine Absichten, da er sie in sich sieht, und weil alle Einsicht darauf beruht, so ist ihm diese auch bewußt. Besteht dann seine Lebensliebe nur in Eigenliebe, wird er hochmütig ob der eigenen Einsicht und schreibt diese sich selbst zu. Er sammelt Beweise dafür und entfernt sich auf diese Weise von der Anerkennung der göttlichen Vorsehung. Ähnlich, wenn seine Lebensliebe in der Weltliebe besteht, obgleich er sich in diesem Fall nicht soweit von Gott entfernt. Daraus wird deutlich, daß diese beiden Arten der Liebe alles dem Menschen und seiner Klugheit zuschreiben und wenn sie innerlich er­forscht werden, nichts Gott und seiner Vorsehung. Hören sol­che Menschen zufällig, menschliche Klugheit gäbe es nicht, vielmehr werde alles von der göttlichen Vorsehung gelenkt, la­chen sie nur darüber, sofern sie völlige Atheisten sind. Haben sie aber noch Reste von Religion im Gedächtnis behalten, so bestätigen sie zwar zunächst, alle Weisheit sei von Gott, wenn man mit ihnen spricht, dennoch leugnen sie es im Geist. Das gilt besonders für Geistliche, die sich mehr als Gott und die Welt mehr als den Himmel lieben oder — was auf dasselbe hin­ausläuft — die wegen der mit ihrem Amt verbundenen Ehren und Einkünfte Gott angeblich verehren und in einem fort pre­digen, alles — tätige Liebe und Glaube, Gutes und Wahres, ebenso wie Weisheit und Einsicht — sei von Gott, und nichts davon stamme vom Menschen.

Ich hörte einst in der geistigen Welt, wie zwei Priester mit einem gewissen Reichs Gesandten darüber stritten, ob menschliche Klugheit von Gott oder vom Menschen stamme. Der Streit war heftig, obgleich alle drei im Herzen dasselbe glaubten, nämlich daß alles durch menschliche Klugheit be­wirkt werde und nichts durch göttliche Vorsehung. Die Geistli­chen aber, die sich gerade in theologischen Eifer hinein rede­ten, behaupteten, vom Menschen komme keinerlei Weisheit oder Einsicht, und als der Gesandte daraufhin einwandte, dann stamme also auch das Denken nicht vom Menschen, was doch nicht sein könne, bestätigten sie auch dies. Die Engel aber nah­men wahr, daß alle drei im Grunde dasselbe glaubten. Darum wurde nun dem Reichs Gesandten bedeutet: „Lege dir ein prie­sterliches Gewand an, stell dir vor, du seiest Priester und dann sprich!“ Er zog ein solches Gewand an und stellte sich vor, er sei ein Priester und rief nun laut, Weisheit und Einsicht wären niemals im Menschen, außer von Gott her, und mit der ge­wohnten Beredsamkeit, reich gespickt mit Vernunftgründen, verteidigte er diese Behauptung. Nun sagte man den Geistli­chen: „Vertauscht eure Gewänder mit denen der Staatsminister und haltet euch auch dafür!“ Das taten sie denn auch und dachten nun zugleich aus ihrem wahren inneren Ich heraus. Nun sprachen sie sich mit Argumenten, die sie schon vorher bei sich gehegt hatten, für menschliche Klugheit gegen göttli­che Vorsehung aus. Anschließend wurden alle drei, da sie das­selbe glaubten zu guten Freunden und begaben sich auf den Weg der eigenen Einsicht   der zur Hölle führt.

*198. Oben wurde gezeigt, daß der Mensch keinen Ge­danken fassen kann, der nicht aus irgendeiner Neigung seiner Lebensliebe entspringt weil der Gedanke nichts anders ist als die Form einer Neigung. Da nun der Mensch nur seine Gedan­ken erkennt, nicht aber seine Neigungen, die er ja nur fühlt, so folgert er daraus die Behauptung, die eigene Klugheit des Men­schen bewirke alles. Doch was ihm bewußt wird, ist nur eine Scheinbarkeit, und beruht nicht auf der Neigung, die nicht ge­kannt, sondern nur gefühlt wird. Die Neigung manifestiert sich nämlich allein durch einen gewissen Lustreiz des Denkens und ein angenehmes Gefühl beim Nachdenken darüber. Bei Men­schen, die aus Eigen  oder Weltliebe an die eigene Klugheit glauben, verschmilzt dann dies angenehme Gefühl und dieser Lustreiz mit ihren Gedanken. Und das Denken fließt in seinem Lustreiz dahin wie ein Schiff auf der Strömung eines Flusses, auf die der Kapitän nicht achtet, weil er nur auf die Segel schaut, die er aufgezogen hat.

*199. Der Mensch kann zwar über das Lustgefühl seiner äußeren Neigung nachdenken, sofern diese gleichsam mit ir­gendeinem seiner körperlichen Lustreize zusammenwirkt, aber er denkt dabei doch nicht darüber nach, daß dieser dem Lust­reiz der in seinem Denken verborgenen Neigung entspringt. Wenn z.B. ein „Freier“ eine Hure erblickt, entflammen seine Augen vom Feuer der Geilheit, und das macht sich im Körper als Lustreiz bemerkbar. Und doch erfaßt der Lustreiz oder die Begierde der Neigung nicht seine Gedanken, es sei denn als ein den Körper erregendes starkes Verlangen. Dasselbe gilt für den Räuber, wenn er im Wald Reisende erblickt, für den See­räuber, wenn er auf dem Meer ein Schiff entdeckt, usw. Es ist offensichtlich, daß diese Lustreize seine Gedanken beherr­schen und die Gedanken ohne die Lustreize gar nicht entstün­den; und doch meint er, es seien ja nur Gedanken, obgleich diese doch nichts anderes als Neigungen sind, von der ihnen zugrunde liegenden Lebensliebe in eine Form gebracht, um ans Licht zu kommen; denn Neigungen sind in der Wärme, Ge­danken im Licht.

Soviel über die Neigungen der äußeren Gedanken, die sich zwar in den körperlichen Empfindungen manifestieren, selten aber im Denken des Gemüts. Die Neigungen des inne­ren Denkens, aus denen die äußeren Gedanken hervorgehen, zeigen sich dem Menschen überhaupt nicht. Von ihnen weiß er nicht mehr als ein Reisender vom Weg, wenn er im Wagen schläft oder was man selbst von der Erdumdrehung empfindet. Der Mensch weiß also nichts von alledem, was im Inneren sei­nes Gemüts vorgeht und so unendlich vielfältig ist, daß es sich gar nicht in Zahlen ausdrücken läßt. Und doch wird jenes we­nige Äußere, das zur Anschauung im Denken gelangt, aus die­sem Inneren hervorgebracht. Das Innere aber wird allein vom Herrn durch seine göttliche Vorsehung gelenkt und nur das vergleichsweise wenige Äußere im Zusammenwirken mit dem Menschen. Wie kann da jemand behaupten, die eigene Klug­heit bewirke alles? Würde dir auch nur eine einzige Idee eines Gedankens aufgeschlossen, du würdest erstaunlich viel mehr erkennen, als sich mit der Zunge überhaupt ausdrücken läßt.

Offensichtlich geht im Inneren des menschlichen Gemüts unendlich viel vor, was gar nicht durch Zahlen auszu­drücken ist. Man denke nur an die unendlich vielen Vorgänge im Körper, von denen nur ihre Tätigkeit zur Anschauung und Empfindung gelangt, und auch das nur in größter Einfachheit, obgleich doch Tausende von Bewegungs  oder Muskelfasern, von Nervenfasern, kleinen Blutgefäßen dazu ihren Beitrag lei­sten und Tausenderlei in der Lunge bei jeder Tätigkeit mitwir­ken muß, ebenso wie Tausenderlei in den Gehirnen und im Rückgrat. Wieviel mehr muß im geistigen Menschen vorgehen, d.h. im menschlichen Gemüt, das ganz und gar aus Formen von Neigungen und von da ausgehenden Wahrnehmungen und Gedanken besteht! Richtet nicht die Seele, die das Innere bestimmt, auch die daraus hervorgehenden Tätigkeiten planmäßig ein? Die Seele des Menschen ist aber nichts anderes als die Liebe seines Willens und von da aus auch die Liebe seines Verstandes. Wie diese Liebe, so ist der ganze Mensch beschaf­fen, und er wird zum Menschen, je nach der Ordnung seines Äußeren, in dem er gleichzeitig mit dem Herrn ist. Schreibt er daher alles sich und der Natur zu, wird seine Seele von Eigen­liebe gänzlich ausgefüllt, schreibt er aber alles dem Herrn zu, wird seine Seele von Liebe zum Herrn erfüllt, und diese ist himmlischer, jene aber höllischer Art.

*200. Die Lustreize seiner Neigungen tragen also den Menschen vom Innersten aus durch das Innere bis zum Äuße­ren und zuletzt bis zum Äußersten, dem Körperlichen, wie die Welle und Luft das Segelschiff. Da nun dem Menschen hiervon nur das erscheint, was im Äußersten des Gemüts und des Kör­pers vor sich geht — wie kann er da Göttliches beanspruchen, nur weil es ihm so vorkommt, als ob dieses geringfügige Äußerste sein eigen sei!? Er darf es umso weniger beanspru­chen, als er ja aus dem Wort weiß, daß der Mensch nichts neh­men kann, es sei denn, es werde ihm aus dem Himmel gege­ben (Joh. 3/27). Und aufgrund seiner Vernunft weiß er, daß ihm dieser Anschein gegeben wird, damit er als Mensch lebe und das Gute und Böse erkenne und sich zwischen dem einen oder anderen entscheide, um es sich anzueignen, in Wechselseitig­keit mit dem Herrn verbunden, umgebildet, wiedergeboren, selig werden und in Ewigkeit leben zu können. Oben wurde gezeigt, daß dem Menschen dieser Anschein verliehen wurde, damit er aus freiem Willen nach der Vernunft, also wie aus ei­gener Kraft, handeln möge und nicht die Hände in den Schoß legt und auf Gottes Einwirkung wartet. Hieraus ergibt sich die Begründung dessen, was unter 3.) zu beweisen war, nämlich daß die Neigungen der Lebensliebe des Menschen vom Herrn durch seine göttliche Vorsehung gelenkt werden und damit zu­gleich auch die Gedanken, aus denen die menschliche Klug­heit besteht.

Durch seine göttliche Vorsehung bringt der Herr alle Neigungen des ganzen menschlichen Ge­schlechts in eine menschliche Form.

*201. Hierin liegt das Uni­verselle der göttlichen Vorsehung, wie man im folgenden Ab­schnitt sehen wird. Menschen, die alles der Natur zuschreiben, rechnen auch alles der menschlichen Klugheit zu. Wer nämlich alles der Natur zuschreibt, leugnet im Herzen Gott, und wer al­les menschlicher Klugheit zurechnet, leugnet die göttliche Vor­sehung; eins läßt sich nicht vom andern trennen. Gleichwohl bekennen diese Leugner  auf ihren guten Namen bedacht und aus Furcht vor Einbußen — mit dem Mund, die göttliche Vorse­hung sei allumfassend und erstrecke sich auf alle Einzelheiten beim Menschen. Dieses Einzelne im Inbegriff aber werde unter menschlicher Klugheit verstanden.

Man bedenke aber, was von einer allumfassenden Vorsehung übrigbliebe, wenn die Einzelheiten abgetrennt wür­den. Wäre sie dann nicht nur ein bloßes Wort? Allumfassend nennt man ja, was zugleich mit den Einzelheiten entsteht, wie das Allgemeine aus dem Besonderen. Trennt man daher das Einzelne ab, wird dann nicht das Allumfassende inwendig ent­leert, etwa wie eine Oberfläche die nichts bedeckt oder eine Umfassung, die nichts umfaßt? Sagt man, die göttliche Vorse­hung sei die allumfassende Regierung, aber sie regiere nichts, sondern erhalte nur alles im Zusammenhang, während die ei­gentlichen Anordnungen von anderen kommen — kann man dann noch von einer allumfassenden Regierung sprechen? Kein König kann so regieren; denn wollte er es seinen Unterta­nen überlassen, alles in seinem Reich zu bestimmen, wäre er kein König mehr; er würde nur noch so genannt, und seine Würde beruhte nur noch auf dem Titel, nicht aber auf Tatsachen. Von einem solchen König könnte man nicht behaupten, er re­giere, geschweige denn, seine Regierung sei allumfassend.

Was bei Gott Vorsehung ist, heißt beim Menschen Klug­heit. Und wie man bei einem König, der sich lediglich den Titel vorbehalten hat, damit das Reich weiterhin als Königreich be­zeichnet und dadurch zusammengehalten wird, nicht von allumfassender Klugheit (prudentia) sprechen kann, so könnte man es auch nicht als allumfassende Vorsehung ausgeben, wenn die Menschen alles aus eigener Klugheit vorsehen würden. Ein ähnliches Verhältnis besteht zwischen einer dem Namen nach allumfassenden Vorsehung und einer allumfassenden Regierung, wenn man damit die Natur meint und darunter versteht, Gott habe zwar das Weltall erschaffen, aber in die Natur die Kraft ge­legt, alles aus sich selbst hervorzubringen. Wäre doch in dem Fall die allumfassende Vorsehung nur ein metaphysischer Aus­druck, hinter dem nichts steckt! Unter Menschen, die der Natur alles zuschreiben, was hervorgebracht wird, und der menschli­chen Klugheit alles, was geschieht, die dabei aber gleichwohl mit dem Mund bekennen, Gott habe die Natur geschaffen, gibt es tatsächlich viele, für die die göttliche Vorsehung ein leeres Wort ist. In Wirklichkeit ist es aber so, daß die göttliche Vorse­hung sowohl im Einzelnsten der Natur wie der menschlichen Klugheit waltet und eben dadurch allumfassend ist.

*202. Der Herr hat durch seine bis ins Einzelnste rei­chende göttliche Vorsehung das Weltall erschaffen, damit darin eine unendliche und ewige Schöpfung von Ihm her ins Dasein trete. Und diese Schöpfung tritt ins Dasein dadurch, daß der Herr aus den Menschen einen Himmel bildet, der vor ihm wie ein einziger Mensch und sein Bild und seine Ähnlichkeit sein soll. Oben in # 27 45 wurde gezeigt, daß der aus Menschen ge­bildete Himmel vor den Augen des Herrn diese Beschaffenheit hat und in ihm der Endzweck der Schöpfung besteht. In # 56­-69 wurde ferner gezeigt, daß das Göttliche bei all seinem Tun das Unendliche und Ewige im Auge hat. Dieses besteht darin, daß der Himmel ins Unendliche und in Ewigkeit erweitert wird, und so der Herr beständig im Endzweck seiner Schöpfung wohnen möge. Diese Schöpfung ist unendlich und ewig. Der Herr hat sie bei der Erschaffung des Universums vorgesehen, und in dieser Schöpfung ist er mittels seiner göttlichen Vorse­hung unausgesetzt gegenwärtig.

Wer könnte so unvernünftig sein, einerseits aufgrund der Lehre der Kirche zu wissen und zu glauben, daß Gott der Unendliche und Ewige ist — in der Lehre aller christlichen Kirchen heißt es ja, Gott, der Vater, Sohn und Heilige Geist sei un­endlich, ewig, unerschaffen und allmächtig, wie man im athanasischen Glaubensbekenntnis nachlesen kann — und andererseits doch nicht zuzustimmen, wenn er hört, daß der Herr bei seinem großen Schöpfungswerk nichts anderes im Auge haben konnte als das Unendliche und Ewige? Was anderes konnte er denn von sich aus im Auge haben beim menschli­chen Geschlecht, aus dem er seinen Himmel bildet? Könnte die göttliche Vorsehung andere Ziele haben als die Umbildung des menschlichen Geschlechts und dessen Heil? Und niemand kann aus sich und aufgrund seiner eigenen Klugheit umgebil­det werden, sondern allein vom Herrn durch seine göttliche Vorsehurig. Hieraus folgt: wenn der Herr den Menschen nicht in jedem, selbst im kleinsten Augenblick leitete, würde er vom Weg der Umbildung abweichen und zugrundegehen.

Jede einzelne Veränderung oder Variation im mensch­lichen Gemütszustand bringt eine Veränderung und Variation in der Reihenfolge der gegenwärtigen und der daraus folgen­den Verhältnisse mit sich. Wieviel mehr noch beim Fortschrei­ten in Ewigkeit? Man kann es vergleichen mit einem abgefeu­erten Geschoß: der geringste Fehler beim Zielen würde bei einer Entfernung von einer oder mehreren Meilen dazu führen, daß es weit daneben ginge. Dasselbe geschähe, würde der Herr die Zustände des menschlichen Gemüts nicht in jedem kleinsten Augenblick leiten. Der Herr tut das mithilfe der Gesetze seiner göttlichen Vorsehung, zu denen es auch gehört, daß der Mensch selbst den Eindruck hat, er leite sich selbst. Der Herr sieht jedoch die Führung des Menschen vor­aus und paßt sich beständig an. Im Folgenden wird man se­hen, daß die Gesetze der Zulassung ebenfalls Gesetze der göttlichen Vorsehung sind und jeder Mensch umgebildet und wiedergeboren werden kann, es also keine Vorherbestimmung zur Hölle gibt.

*203. Jeder Mensch lebt nach dem Tod in Ewigkeit weiter und erhält entsprechend seinem irdischen Leben entweder eine Stelle im Himmel oder in der Hölle. Himmel und Hölle müssen daher, wie oben ausgeführt wurde, in einer Form sein, die als Einheit wirkt. Niemand kann in dieser Form eine andere Stelle einnehmen als die ihm gemäße. Aus alledem folgt, daß die Menschheit der ganzen Welt unter der Leitung des Herr steht und jeder Mensch von Kindheit an bis ans Lebensende im Einzelnsten vom Herrn geleitet wird, der die ihm gemäße Stelle vorhersieht und zugleich vorsieht.

Damit ist klar, daß die göttliche Vorsehung allumfas­send ist, weil sie sich auf's Einzelnste erstreckt und daß eben dies die unendliche und ewige Schöpfung ist, die sich der Herr bei der Erschaffung des Universum vorgenommen hat. Der Mensch sieht von dieser allumfassenden Vorsehung nichts, und wenn, dann nicht mehr als jemand, der einen Spaziergang macht und an einem zerstreuten Haufen aufgestapelter Mate­rialien vorbeikommt, aus denen ein Haus erbaut werden soll, während dasselbe vor dem Herrn als ein herrlich erbauter und sich ständig erweiternder Palast erscheint.

*204. Himmel und Hölle haben menschliche Form, wie im Werk über „Himmel und Hölle“ von # 59 bis 102 bekannt gemacht wurde, das 1758 zu London erschienen ist ebenso im Werk „Die Göttliche Liebe und Weisheit“ und mehrfach im vorliegenden Werk. Ich verzichte daher auf eine weitere Be­gründung. Wie gesagt, hat auch die Hölle eine menschliche Form, doch die eines Monsters, hinter dem sich der Teufel verbirgt, d.h. die Hölle in ihrem Gesamtumfang. Sie hat menschliche Form, weil auch ihre Insassen als Menschen ge­boren wurden und damit jene beiden Fähigkeiten besaßen, die Freiheit und Vernunft heißen. Sie mißbrauchen ihre Frei­heit zum Wollen und Tun des Bösen und ihre Vernunft, um es zu begründen.

Menschen, die allein die Natur und die mensch­liche Klugheit anerkannt haben, bilden die Hölle, die an­deren, die Gott und seine göttliche Vorsehung anerkann­ten, den Himmel.

*205. Alle Menschen, die innerlich nur die Natur und die menschliche Klugheit anerkennen, führen ein böses Leben. Diese Anerkennung liegt in allem Bösen verborgen so sehr es auch in Gutes und Wahres gehüllt sein mag, das er­borgten Kleidern gleicht oder vergänglichen Blumenkränzen; sie werden nur angelegt, damit das Böse nicht in seiner ganzen Nacktheit sichtbar werde. Aber diese allgemein geübte Verhül­lung entzieht es dem Anblick und darum weiß man nicht, daß alle Menschen, die ein böses Leben führen, in ihrem Inneren nur die Natur und die menschliche Klugheit anerkennen. Man kann es jedoch dem Ursprung und der Ursache dieser Aner­kennung entnehmen. Um diese zu enthüllen, soll zuerst ge­zeigt werden, woher die eigene Klugheit kommt und worin sie besteht, hernach, woher die göttliche Vorsehung stammt und was sie ist; ferner, welcher Art die einen und die anderen sind; und schließlich daß diejenigen, die die göttliche Vorsehung anerkennen, im Himmel sind, die nur die eigene Klugheit anerkennen, in der Hölle.

*206.   Woher kommt und was ist eigene Klugheit? Sie ent­springt dem Eigenen (est ex proprio) des Menschen, das seine Natur ist, genannt die Seele vom Vater. Dieses Eigene besteht aus Eigenliebe und der daraus hervorgehenden Weltliebe bzw. der Liebe zur Welt und der Eigenliebe. Das Wesen der Eigen­liebe ist es, nur sich allein im Auge zu haben, die anderen aber für gering oder nichts zu achten. Achtet sie einige Menschen doch ein wenig, so nur, solange diese ihr Ehre erweisen und sie anbeten. Ähnlich wie im Samenkorn das Streben liegt, Frucht zu bringen und sich zu vermehren, liegt im Innersten der Eigen­liebe der Wille verborgen, ein Großer oder gar ein König und, wenn's nur möglich wäre, Gott zu werden. Das ist die Art des Teufels, weil er die Eigenliebe selbst ist. Es gehört zu seinem Wesen, sich selbst anzubeten und keinem anderen gewogen zu sein, der ihn nicht ebenfalls anbetet. Er haßt andere, ihm ähnli­che Teufel, will er doch allein angebetet werden. Nun gibt es aber keine Art von Liebe ohne einen ihr entsprechenden Ge­nossen, und der Genosse der Liebe oder des Willens im Men­schen wird als Verstandestätigkeit bezeichnet. Und weil die Ei­genliebe ihrem Genossen, also der Verstandestätigkeit, ihre Liebe einflößt, wird sie zum Hochmut oder Dünkel der eigenen Einsicht. Daher kommt die eigene Klugheit.

Da nun die Eigenliebe danach strebt, allein Herr der Welt und zugleich damit auch Gott zu sein, leben die von ihr abgeleiteten Begierden zum Bösen aus ihr, ebenso auch die Er­kenntnisse der Begierden, die nichts als Schlauheit sind (simili­ter perceptiones concupiscentiarum, quae sunt astutiae). Das­selbe gilt für die Lustreize der bösen Begierden und die daraus entstehenden Gedanken, die falsch sind. Sie alle sind gleichsam Sklaven und Diener ihres Herrn, die ihm bei jedem Wink folgen und sich gar nicht bewußt sind, daß sie nicht selbständig han­deln, sondern nur getrieben werden, nämlich von der Eigenliebe aus dem Dünkel eigener Einsicht. In allem Bösen verbirgt sich also von seinem Ursprung her die eigene Klugheit.

Auch wenn der Mensch allein die Wirksamkeit der Natur anerkennt, liegt das in dieser Klugheit verborgen, weil sie gleichsam ihr Dachfenster verdunkelt hat, damit der Him­mel nicht hineinscheinen kann und auch die seitlichen Fenster, um nicht sehen und hören zu müssen, daß der Herr allein alles regiert, die Natur an sich tot und das Eigene des Menschen die Hölle, die Eigenliebe also der Teufel ist. So sitzt die Ei­genklugheit bei verdunkelten Fenstern in der Finsternis und macht sich dort ihr Herdfeuer, bei dem sie mit ihrer Genossin sitzt, um zusammen mit ihr für die Natur gegen Gott und für sich selbst gegen die göttliche Vorsehung zu vernünfteln.

*207. Woher stammt und was ist die göttliche Vorsehung? Sie ist das Wirken bei einem Menschen, der die Eigenliebe ent­fernt. Denn die Eigenliebe ist, wie gesagt, der Teufel, und die Begierden und ihre Lustreize sind das Böse seines höllischen Reiches. Ist diese Eigenliebe entfernt, geht der Herr mit den Neigungen der Nächstenliebe ein und öffnet gleichsam das Dachfenster und die seitlichen Fenster und läßt den Menschen erkennen, daß es einen Himmel und ein Leben nach dem Tode sowie eine ewige Seligkeit gibt. Und mithilfe des geistigen Lichts und der geistigen Liebe, die dann in den Menschen ein­fließen, gibt er ihm zu erkennen, daß Gott alles durch seine göttliche Vorsehung regiert.

*208. Wie beschaffen und welcher Art sind die einen Men­schen und die anderen? Menschen, die Gott und seine Vorse­hung anerkennen, sind wie Engel des Himmels, die es verab­scheuen, sich selbst zu führen und es lieben, vom Herrn ge­führt zu werden. Das Zeichen, daß sie vom Herrn geführt werden, besteht darin, daß sie den Nächsten lieben. Menschen hingegen, die nur die Natur und ihre eigene Klugheit anerken­nen, sind wie die höllischen Geister, die es verabscheuen, vom Herrn geführt zu werden und es lieben, sich selbst zu führen. Gehörten sie auf Erden zu den Großen, wollen sie über alles herrschen, desgleichen wenn sie einen hohen Rang in der Kir­che hatten. Waren sie auf Erden Richter, verdrehen sie die Ur­teile und Gesetze in ihrem Sinn, waren sie Gelehrte, benutzen sie die Wissenschaften, um die Eigenständigkeit von Mensch und Natur zu begründen, waren sie Kaufleute, so handeln sie nun als Räuber, und waren sie Bauern, so werden sie nun zu Dieben. Sie sind samt und sonders Feinde Gottes und verspot­ten die göttliche Vorsehung.

*209. Bemerkenswert ist, daß diese Geister, wenn ihnen der Himmel aufgetan und gesagt wird, daß sie sich in einem Wahn befänden und ihnen das auch durch einen Einfluß und eine Art von Erleuchtung wahrnehmbar wird, sie sich dennoch aus Unwillen dem Himmel verschließen und hinab zur Erde der jenseitigen Welt blicken, unter der sich die Hölle befindet. Das geschieht mit allen, die so beschaffen, aber noch außer­halb der Hölle sind. Hieran kann man erkennen, wie sehr sich Menschen irren, wenn sie denken: könnte ich nur den Himmel sehen und die Engel mit mir reden hören, so würde ich sie schon anerkennen. Aber nur ihr Verstand würde sie anerken­nen; wenn es nicht zugleich auch von Seiten des Willens ge­schieht, so bedeutet diese Anerkennung gar nichts. Denn die Liebe des Willens inspiriert dem Verstand was sie will, nicht aber umgekehrt, ja sie zerstört alles, was im Verstand nicht von ihr stammt.

Das alles wäre nicht möglich, wenn es dem Menschen nicht so schiene, als ob er aus eigener Kraft dächte und sich selbst bestimmte.

*210. Schiene es dem Menschen nicht so, als lebe er aus sich selbst und denke, wolle, rede und handle folglich auch wie aus sich, er wäre, wie oben ausführ­lich gezeigt wurde, nicht Mensch. Daraus ergibt sich, daß die göttliche Vorsehung nicht lenken und bestimmen könnte, wenn der Mensch nicht alles, was zu seinen Verrichtungen und sei­nem Leben gehört, wie aus eigener Klugheit ordnete. Er wäre ja dann wie jemand, der mit hängenden Händen, offenem Mund, geschlossenen Augen und angehaltenem Atem in Erwartung eines Einflusses dastünde. Auf diese Weise wurde er alles Menschliche, das er aufgrund seiner Wahrnehmung und Empfindung hat, nämlich wie aus sich zu denken, wollen, reden und handeln, ablegen und sich zugleich seiner beiden Fähigkeiten entäußern, die ihn von den Tieren unterscheiden, nämlich sei­ner Freiheit und Vernunft. Weiter oben in diesem Werk, wie auch im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“, ist der Nach­weis erbracht worden, daß ohne diesen Anschein, kein Mensch über Empfänglichkeit und die Fähigkeit zur wechselseitigen Verbindung mit dem Herrn verfügte.

Willst du von der göttlichen Vorsehung geleitet wer­den, so mache Gebrauch von deiner Klugheit wie von einem Knecht oder Diener, der die Güter seines Herrn redlich verwal­tet. Diese Klugheit ist das Pfund, das den Knechten zum Wu­chern gegeben wurde und von dem sie Rechenschaft ablegen müssen (Luk. 19/13 25; Mat. 25/14 31). Die Klugheit als solche erscheint dem Menschen als sei sie sein Eigentum und dieser Anschein wird ihm auch gelassen, solange er den erbittertsten Feind Gottes und seiner Vorsehung unterdrückt, die Eigen­liebe. Diese wohnt von Geburt an im Inneren eines jeden Men­schen. Erkennst du die Eigenliebe nicht — und sie will nicht er­kannt werden —, wohnt sie in Sicherheit und paßt auf, daß die Pforte nicht vom Menschen geöffnet und sie dann vom Herrn ausgetrieben werden kann. Der Mensch kann aber die Pforte öffnen, indem er das Böse wie aus eigener Kraft flieht, zugleich aber anerkennt, daß es aus der Kraft des Herrn geschieht. Das ist die Klugheit, mit der der Herr einheitlich zusammenwirkt.

*211. Die göttliche Vorsehung wirkt aber deshalb so im Geheimen, daß kaum jemand weiß, daß sie besteht, damit der Mensch nicht zugrunde gehen möge. Denn das Eigene des Menschen, sein Wille, wirkt niemals in Einheit mit der göttli­chen Vorsehung, weil ihm die Feindschaft gegen sie angeboren ist; es ist die Schlange, die unsere Ureltern verführte und von der es heißt:

"Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen ... und dieser wird dir den Kopf zertreten." (Gen. 3/15)

Die Schlange ist das Böse aller Art, ihr Haupt aber die Selbstliebe; der Same des Weibes ist der Herr, und die von Gott gesetzte Feindschaft besteht zwischen der Eigenliebe des Men­schen und dem Herrn, mithin zwischen der Klugheit, die der Mensch sein eigen nennt, und der göttlichen Vorsehung des Herrn. Denn die eigene Klugheit erhebt beständig ihr Haupt, und die göttliche Vorsehung drückt es beständig nieder.

Empfände das der Mensch, würde er Gott zürnen und in Erbitterung gegen ihn verfallen und so verlorengehen. Da er es jedoch nicht empfindet, richtet sich sein Zorn und seine Er­bitterung gegen die Menschen und sich selbst bzw. sein Schick­sal, wodurch er aber noch nicht verlorengeht. Aus diesem Grund wahrt Gott bei der Führung des Menschen mittels seiner Vorsehung beständig dessen Freiheit, und diese erscheint dem Menschen nicht anders als sein Eigentum. In Freiheit zu führen, was Ihm entgegengesetzt ist, heißt aber soviel, wie der Erde eine schwere und widerstrebende Last durch ein Schneckenge­winde entziehen, dessen Stärke Last und Widerstand aber nicht empfinden läßt. Man kann es auch mit der Situation eines Men­schen vergleichen, der sich bei einem Feind befindet ohne zu ahnen, daß der ihn ermorden möchte. Er wird aber gerettet weil ein Freund ihn auf unbekannten Wegen hinwegführt und ihn dann über die Absicht des Feindes aufklärt.

*212. Wer spräche nicht vom Glück? Und wer würde es nicht auch anerkennen, wenn er sich darauf beruft und be­richtet, was er davon erfahren hat? Aber wer weiß wirklich, was es damit auf sich hat? Nun kann nicht geleugnet werden, daß man Glück haben kann oder haben könnte, und ohne Ur­sache wäre das nicht möglich. Um es nun nicht etwa deshalb zu leugnen, weil man die Ursache nicht kennt, nehme man selbst Würfel oder Spielkarten zur Hand, um zu spielen oder frage Spieler, ob einer von ihnen das Glück leugne. Sie spielen nämlich wunderbar mit ihm und das Glück mit ihnen. Und wer könnte das Glück zwingen, wenn es gegen ihn ist? Verlacht es nicht die Klugheit und Weisheit des Menschen? Ist es nicht so, als kennte und leitete es beim Würfeln oder Mischen der Kar­ten die Würfe und Wendungen in den Gelenken der Hand, um aus unbekannter Ursache den einen mehr zu begünstigen als den anderen? Kann die Ursache überhaupt wo anders liegen als in der göttlichen Vorsehung, die ja bis ins Äußerste wirkt, wo sie durch ihre Beständigkeit oder Unbeständigkeit auf wun­derbare Weise mit der menschlichen Klugheit verfährt und sich zugleich verbirgt?

Bekanntlich haben die Heiden in alten Zeiten das Glück als Gott anerkannt und ihm Tempel errichtet, wie etwa die Römer. Über dieses Glück, das — wie gesagt — die Vorse­hung im Äußersten darstellt, wurde mir vieles zu wissen gege­ben, was ich jedoch nicht offenbaren darf. Mir wurde daraus klar, daß es sich beim Glück weder um eine Illusion noch um ein Spiel der Natur noch um etwas ohne Ursache handelt; der­gleichen wäre nicht real. Vielmehr ist es ein augenscheinlicher Beweis dafür, daß die göttliche Vorsehung im Einzelnsten der Gedanken und Handlungen des Menschen wirkt. Wenn es nun sogar in solch unbedeutenden und geringfügigen Dingen eine göttliche Vorsehung bis ins Einzelnste gibt, wieviel mehr muß es sie dann geben im Einzelnsten der keineswegs unbedeuten­den oder geringfügigen Dinge, die mit Krieg und Frieden in der Welt und mit der Seligkeit und dem himmlischen Leben zu­sammenhängen?

*213.   Ich bin mir jedoch darüber klar, daß es der mensch­lichen Klugheit (prudentia) leichter gelingt die subjektive Ver­nunft (rationale) auf ihre Seite zu ziehen als auf die der göttli­chen Vorsehung; und zwar deshalb weil erstere in Erscheinung tritt, letztere nicht. Eher läßt man gelten, daß es nur ein einzi­ges Leben gibt, nämlich Gott, und daß alle Menschen Empfän­ger dieses Lebens von Gott sind, wie oben ausführlich gezeigt wurde, und doch läuft es aufs selbe hinaus, weil die Klugheit zum Leben gehört. Wer spräche nicht aufgrund seiner natürli­chen oder äußeren Gedanken zugunsten der eigenen Klugheit und der Natur, entscheidet sich aber für die göttliche Vorsehung und für Gott, wenn er seinen geistigen oder inneren Men­schen zu Worte kommen läßt? Aber bitte (ich wende mich jetzt an den natürlichen Menschen): schreibe doch Bücher voll an­nehmbarer, einleuchtender und wahrscheinlicher, deiner Mei­nung nach Beifall verdienender Gründe, davon eins, das für die eigene Klugheit des Menschen spricht, und ein anderes, in dem du alles der Natur zuschreibst. Ich bin sicher, wenn du sie irgendeinem Engel in die Hand gäbest, würde er nur diese we­nigen Worte darunter schreiben: Das alles ist Schein und Trug!

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Teil 11 - Die göttliche Vorsehung hat in erster Linie das Ewige im Auge, das Zeitliche hingegen nur insofern, als es mit dem Ewigen übereinstimmt.



*214.   In folgender Ordnung wird der Nachweis erbracht, daß die göttliche Vorsehung in erster Linie das Ewige im Auge hat, das Zeitliche hingegen nur insofern, als es mit dem Ewi­gen übereinstimmt:

- Die zeitlichen Dinge beziehen sich auf äußere Ehren und Reichtümer also auf Ansehen und Wohlstand in der Welt.

- Die ewigen Dinge beziehen sich auf geistige Ehren und Reichtümer, die zur Liebe und Weisheit im Himmel gehören.

- Der Mensch trennt Zeitliches und Ewiges, der Herr ver­bindet sie.

- Die Verbindung des Zeitlichen und Ewigen ist die Vorse­hung des Herrn.

Die zeitlichen Dinge beziehen sich auf äußere Ehren und Reichtümer also auf Ansehen und Wohlstand in der Welt.

*215. Es gibt zwar viele zeitliche Dinge, doch alle bezie­hen sich auf Ansehen und Wohlstand. Zeitlich bedeutet, mit der Zeit zu vergehen oder mit dem Leben des Menschen in der Welt aufzuhören — ewig, was nicht mit der Zeit oder dem Leben des Menschen in der Welt vergeht und aufhört. Da nun alles Zeitliche, wie gesagt, sich auf Ansehen und Wohlstand bezieht, ist auch das Folgende wichtig zu wissen: Was und woher stam­men Ansehen und Wohlstand, anders gesagt, wie ist die Liebe zu ihnen beschaffen, wenn sie um ihrer selbst willen oder wenn sie wegen der durch sie ermöglichten Nutzwirkungen geliebt werden? Beide Arten der Liebe unterscheiden sich näm­lich wie Himmel und Hölle, und das erkennen die Menschen nur mit Mühe. Doch muß von jedem einzelnen Punkt für sich gesprochen werden.

Erstens: Was und woher Stammen Ansehen bzw. Wür­den und Wohlstand? In den ältesten Zeiten waren sie etwas ganz anderes als was sie später allmählich wurden. Damals gab es nur Würden, wie sie zwischen Eltern und Kindern bestehen, Würden, die von Liebe, Ehrerbietung und Verehrung gekenn­zeichnet waren. Ausschlaggebend dabei war nicht, daß einen die Eltern geboren, sondern Erziehung und Weisheit vermittelt hatten, was eine andere, nämlich eine geistige Geburt bedeu­tete, weil sie den Geist betraf. In den ältesten Zeiten war das die einzige Würde, weil damals die Stämme, Sippen und Haus­gemeinschaften abgesondert voneinander für sich lebten und nicht, wie heutzutage unter Regierungen. Dem jeweiligen Hausvater kam Würde und Ansehen zu. Die Alten nannten diese Zeiten die goldenen.

Danach aber drängte sich die Liebe zu herrschen mehr und mehr in den Vordergrund, und zwar allein aus dem Lust­reiz dieser Liebe. Da es gleichzeitig zur Anfeindung und Bekämpfung aller kam, die sich nicht unterwerfen wollten, ver­einigten sich notgedrungen Stämme, Sippen und Hausgemein­schaften zu Staaten und setzten einen Menschen über sich, den sie anfänglich ihren Richter, dann ihren Fürsten und schließlich König oder Kaiser nannten. Man begann schließlich, sich durch Türme, Wälle und Mauern zu schützen. Die Herrschsucht drang dann, einer ansteckenden Krankheit gleich, vom Richter, Fürsten, König und Kaiser wie vom Haupt in den Volkskörper ein. So entstanden die verschiedenen Rangordnungen der Wür­den und entsprechenden Ehrenstellen und damit Eigenliebe und Dünkel eigener Einsicht.

Ähnlich ging es mit der Liebe zum Reichtum. In den ältesten Zeiten, als Stämme und Hausgemeinschaften getrennt von einander lebten, beschränkte sich diese Liebe auf das Be­streben, das für den Lebensunterhalt Notwendige zu besitzen, das man sich durch Herden von Klein  und Großvieh, Äcker, Felder und Gärten beschaffte. Zu den Lebensnotwendigkeiten gehörten auch schöne Wohnungen, ausgestattet mit allen möglichen Geräten sowie Kleider. Um all das bewarben und mühten sich Eltern, Kinder, Knechte und Mägde, die zum Haushalt gehörten.

Nachdem sich aber die Herrschsucht eingenistet und diese Art von Gemeinwesen zerstört hatte, drang auch die Be­gierde ein, mehr als das Notwendige zu besitzen, und schließ­lich erreichte sie ihren Höhepunkt darin, daß man die Güter aller besitzen wollte. Diese beiden Liebesarten sind wie Bluts­verwandte: wer über alles herrschen will, möchte auch alles besitzen, weil damit alle anderen zu Sklaven und sie zu Allein­herrschern werden. Man sieht das deutlich an jenen Vertretern des Papsttums, die ihre Herrschaft bis in den Himmel zum Thron des Herrn ausdehnten, um sich selbst darauf zu setzen; auch sie trachteten danach, die Güter der ganzen Welt zusammenzuscharren und ihre Schätze endlos zu vermehren.

Zweitens: Wie sieht Liebe zu Würden und Reichtü­mern aus, wenn diese um ihrer selbst willen bzw. wenn sie um der dadurch ermöglichten Nutzwirkungen willen begehrt wer­den? Liebe zu Ansehen und Ehren um ihrer selbst willen ist Ei­genliebe, besser: Herrschsucht aus Eigenliebe, und Liebe zu Reichtümern und Gütern um ihrer selbst willen ist Weltlieben, besser: das Streben, möglichst die Güter aller Menschen an sich zu reißen durch wie auch immer beschaffene Kunstgriffe. Wer dagegen Ansehen und Reichtümer liebt um der dadurch er­möglichten Nutzwirkungen willens hat im Kern Liebe zu Nutz­wirkungen, die ein und dasselbe ist wie die Nächstenliebe. Denn was den Menschen zum Handeln treibt, ist der End­zweck, der ihn leitet und so das Erste oder Oberste; alles an­dere ist nur Mittel zum Zweck und daher zweitrangig.

Was die Liebe zu Würden und Ehren betrifft, die um ihrer selbst willen begehrt werden, und die dasselbe ist wie Ei­genliebe, besser: wie die Herrschsucht aus Egoismus, so ist sie nichts anderes als Eigenliebe, und das Eigene des Menschen ist ganz und gar böse. Darum heißt es auch, der Mensch werde in alles Böse hineingeboren, und sein Erbgut (hereditarium) be­stehe nur aus Bösem. Dieses Erbgut ist sein Eigenes (pro­prium), in das er durch die Eigenliebe kommt, vor allem durch Herrschsucht aus Eigenliebe. Denn der Mensch, der in dieser Liebe befangen ist, hat allein sich selbst im Auge und folglich kreisen seine Gedanken und Neigungen um sich selbst. Darum verbirgt sich in der Eigenliebe auch Liebe zum Tun des Bösen, weil sie nur sich und nicht den Nächsten liebt. Wer aber allein sich selbst liebt, betrachtet andere Menschen nur als etwas, das ihn nichts angeht und entweder gänzlich unbedeutend oder wertlos ist. Vergleicht er sie mit sich selbst, verachtet er sie; ihnen Böses anzutun, erachtet er für nichts.

Auch für den Menschen, der aufgrund seiner Eigen­liebe von Herrschsucht erfüllt ist, bedeutet es nichts, den Nächsten zu betrügen, mit dessen Frau die Ehe zu brechen, ihn zu lästern, bis zum Tode mit seiner Rache zu verfolgen, gegen ihn zu wüten, und was dergleichen mehr ist. Das kommt beim Menschen davon, daß der Teufel, mit dem er ver­bunden ist und der ihn leitet, selbst nichts ist als Herrschsucht aufgrund von Eigenliebe. Wer sich aber vom Teufel, d.h. von der Hölle leiten läßt, wird fortlaufend in all dies Böse geführt, und zwar durch die damit verbundenen Lustreize. Daher kommt es auch, daß Bewohner der Hölle allen anderen Böses zu tun trachten, während Bewohner des Himmels allen ande­ren Gutes tun wollen. Dieser Gegensatz bewirkt, daß der Mensch, der sich in der Mitte befindet, wie im Gleichgewicht ist. Darum kann sich der Mensch entweder der Hölle oder dem Himmel zuwenden. Soweit er das Böse der Eigenliebe begün­stigt, wendet er sich der Hölle, soweit er es von sich entfernt, dem Himmel zu.

Mir wurde Beschaffenheit und Maß der auf Eigenliebe beruhenden Herrschsucht zu empfinden gegeben. Ich wurde zunächst in sie versetzt, um sie kennenzulernen. Es war ein Lust­reiz, der alle Freuden der Welt übertraf und das ganze Gemüt vom Innersten bis zum Äußersten erfaßte, wobei er im Körper wie Wollust und eine solche Freude empfunden wurde, daß sich die Brust dehnte Ferner durfte ich dabei empfinden, daß dieser Lustreiz auch die Quelle für alles Böse war, wie die Lust, Ehe­bruch zu begehen, sich zu rächen und zu lästern. Ein ähnlicher Reiz mit seinen Begierden ist auch mit der Liebe verbunden, sich - durch welche Tricks auch immer - in den Besitz der Güter an­derer Menschen zu setzen, wenngleich dieser Lustreiz, ist er nicht mit der Eigenliebe verbunden, einen weniger hohen Grad er­reicht. Was aber die Liebe zu Würden und Reichtümern betrifft, die nicht um ihrer selbst, sondern um der dadurch ermöglichten Nutzwirkungen willen begehrt werden, so ist sie eben keine Liebe zu Würden und Reichtümern, sondern zu den dadurch er­möglichten Nutzwirkungen. Diese Liebe ist himmlischer Art.

Drittens: Diese beiden Arten der Liebe unterscheiden sich wie Himmel und Hölle. Das ergibt sich aus dem soeben Ge­sagten. Ich will dem aber noch folgendes beifügen: Alle aus Ei­genliebe herrschsüchtigen Menschen — gleichgültig ob sie zu den Hochgestellten oder zu den Niedrigen gehören — sind ihrem Geist nach bereits in der Hölle. Und sie lieben auch alles Böse, das sie, selbst wenn sie es nicht tun, innerlich für erlaubt halten und daher auch äußerlich zur Ausführung bringen, wenn sie da­durch ihr Ansehen und ihre Würde nicht gefährdet sehen und die Furcht vor dem Gesetz sie nicht daran hindert. Schlimmer noch: in der auf der Eigenliebe beruhenden Herrschsucht verbirgt sich zuinnerst Haß gegen Gott und folglich auch gegen die zur Kirche gehörenden göttlichen Dinge, besonders gegen den Herrn Jesus Christus. Wenn solche Menschen dennoch den Herrn bekennen, tun sie es nur mit dem Munde, und wenn sie die göttlichen Dinge der Kirche anerkennen, dann nur aus Furcht, ihr Ansehen zu ver­lieren. Haß gegen Gott verbirgt sich darum in dieser Liebe, weil in ihr zuinnerst das Streben liegt, selber Gott zu sein — verehrt und betet sie doch nur sich selbst an. Wer die Eigenliebe daher so weit verehrt, daß er ihr göttliche Weisheit zuschreibt und zu Gott erhebt, den liebt sie ihrerseits von Herzen.

Anders verhält es sich mit der Liebe zu Würden und Reichtümern, die um der Nutzwirkungen willen angestrebt werden. Diese Liebe ist himmlisch, weil sie, wie gesagt, iden­tisch ist mit der Liebe zum Nächsten. Unter den Nutzwirkungen ist das Gute zu verstehen. Nutzen schaffen, heißt daher Gutes tun, und wer Nutzen oder Gutes wirkt, dient und steht ande­ren bei. Für Menschen, die das tun, sind ihre Würden und Reichtümer nur Mittel, um Nutzen zu schaffen, also zu dienen und zu helfen. Sie meint der Herr, wenn er sagt:

„Wer unter euch groß sein will, sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, sei euer Diener ...“ (Mat. 20/26 f)

Diesen Menschen wird auch vom Herrn im Himmel die Herrschaft anvertraut, weil sie nur herrschen wollen, um Nut­zen oder Gutes zu schaffen, also zu dienen. Wenn aber Nutz­wirkungen oder Gutes das Ziel oder die Grundneigungen (amores) sind, herrschen nicht sie, sondern der Herr, da alles Gutes von Ihm stammt.

Viertens: Der Mensch kann den Unterschied der bei­den Liebesarten nur mit Mühe erkennen, weil ja Menschen die in Ansehen und Wohlstand leben, zugleich auch Nutzen schaf­fen, sich aber nicht klar darüber sind, ob sie das um ihretwil­len oder um der Nutzwirkungen willen tun. Und das umso we­niger, als die Liebe zu sich und zur Welt mehr Feuer und bren­nenden Eifer enthält, Nutzen zu schaffen als die Liebe derer, die nicht von Selbstsucht und Weltliebe beherrscht sind. Erstere schaffen freilich auch Nutzen, allein für ihren Ruhm oder Ge­winn, also um ihrer selbst willen. Wer aber Nutzwirkungen um der Nutzwirkungen schafft oder Gutes um des Guten willen tut, handelt nicht aus sich, sondern aus dem Herrn.

Der Unterschied zwischen den einen und anderen wird vom Menschen selbst nur mit Mühe erkannt, weiß er doch gewöhnlich nicht, ob er vom Teufel oder vom Herrn geführt wird. Wer vom Teufel geführt wird, schafft Nutzen um seinet-­ und der Welt willen, wer vom Herrn geführt wird, schafft Nut­zen um des Herrn und des Himmels willen. Aus dem Herrn aber schafft Nutzen, wer das Böse als Sünde flieht, aus dem Teufel hingegen, wer das Böse nicht als Sünde flieht. Denn das Böse ist der Teufel, die Nutzwirkung und das Gute aber der Herr. Nur von hier aus läßt sich besagter Unterschied erken­nen. Der äußeren Form nach besteht kein Unterschied, der in­neren nach aber ist beides völlig verschieden: Das eine gleicht dem Gold, das innen aus Schlacke besteht, das andere dem rei­nen Gold; das eine der künstlichen Frucht, die eine echte Frucht vortäuscht, während sie in Wirklichkeit aus bemaltem Wachs besteht und einen Kern aus Staub oder Asphalt umgibt, das echte gleicht einer nach Geschmack und Geruch edlen Frucht, die in ihrem Inneren Samen birgt.

Die ewigen Dinge beziehen sich auf geistige Ehren und Reichtümer, die der Liebe und Weisheit im Himmel angehören.

*216. Die Lustreize der Eigenliebe, die zu­gleich auch Lustreize der bösen Begierden sind, nennt der natürliche Mensch gut, und er begründet das auch. Darum be­zeichnet er Ehren und Reichtümer als göttliche Segnungen. Be­obachtet er aber, daß Böse ebenso wie Gute zu Ehren und Reichtum gelangen, ja erkennt er zudem, daß häufig die Guten in Verachtung und Armut, die Bösen hingegen in Ruhm und Reichtum leben, fragt er sich: „Was ist das? Das kann doch nicht das Werk der göttlichen Vorsehung sein? Würde sie alles regieren, würden doch die Guten mit Ehren und Reichtümern überhäuft, die Bösen aber mit Verachtung und Armut heim­gesucht und so zur Anerkennung gedrängt, daß Gott und eine göttliche Vorsehung bestehen!“

Wird aber der natürliche nicht vom geistigen Men­schen in sich erleuchtet, d.h. ist er nicht zugleich geistig, kann er nicht erkennen, daß Ehren und Reichtum zwar Segnungen, aber auch Fluch sein können — Segnungen, wenn sie von Gott, Fluch, wenn sie vom Teufel kommen. Man weiß ja, daß es auch Ehren und Schätze gibt, die des Teufels sind — eben darum heißt er ja auch der „Fürst dieser Welt“. Weil man aber nicht weiß, wann Ehre und Schätze als Segnungen und wann sie als Fluch zu betrachten sind, soll es in folgender Ordnung darge­legt werden:

  1. Ehren und Reichtümer sind Segnungen, bis­weilen aber auch Fluch.

  2. Ehren und Reichtümer sind Seg­nungen, wenn sie geistig und ewig sind; sie sind jedoch ein Fluch, wenn zeitlich und vergänglich.

  3. Gereichen sie zum Fluch, so verhalten sie sich zu den segensvollen Ehren und Reichtümern wie ein Nichts zum Gesamten, bzw. wie etwas, das an sich gar nicht vorhanden ist, zu etwas Beständigem.

*217. Diese drei Punkte seien noch im einzelnen be­leuchtet.

Erstens: Ehren und Reichtümer sind Segnungen, bis­weilen aber auch Fluch. Wie die allgemeine Erfahrung be­stätigt, leben Fromme und Gottlose, Gerechte und Ungerechte in Ansehen und Reichtum. Und doch kann niemand bestreiten, daß die Gottlosen und Ungerechten, d.h. die Bösen, in die Hölle, die Frommen und Gerechten aber, d.h. die Guten, in den Himmel kommen. Da das die Wahrheit ist, muß man den Schluß ziehen, daß Würden und Reichtümer, Ehren und Schätze, sowohl Segen wie Fluch sein können — Segnungen bei den Guten und Fluch bei den Bösen. Im Werk „Himmel und Hölle“, erschienen 1758 zu London, ist von # 357 bis 365 nach­gewiesen worden, daß man sowohl im Himmel wie auch in der Hölle Reiche und Arme, Hohe und Geringe findet. Daraus er­gibt sich, daß bei allen, die im Himmel sind Würden und Reichtümer auf Erden Segnungen, bei denen, die in der Hölle sind, jedoch ein Fluch waren.

Den Grund dafür kann jeder verstehen, wenn er ein wenig darüber nachdenkt: Segnungen sind Würden und Reichtümer für Menschen, die ihr Herz nicht daran hängen, Fluch für die, die das tun. Sein Herz daran hängen, heißt: sich selbst darin lieben; sein Herz nicht daran hängen, die dadurch ermöglichte Nutzwirkungen und nicht sich in ihnen lieben. Der Unterschied zwischen diesen beiden Arten des Liebens wurde oben # 215 aufgezeigt. Dem wäre noch beizufügen, daß man­che Menschen durch Würden und Reichtümer verführt werden, und andere nicht. Wenn sie beim Menschen die Liebe des Ei­genen (amor proprii), d.h. die Selbstsucht (amor sui) erregen, sind sie verführerisch. Und daß diese Liebe zur Hölle gehört, wie sie unter dem Teufel zu verstehen ist, wurde oben eben­falls gesagt. Ansehen und Reichtum verführen jedoch nicht, wenn diese Liebe nicht erregt wird.

Gute wie Böse gelangen aber zu Würden und Reich­tum, weil die einen wie die anderen Nutzen schaffen, die Bösen, weil dadurch ihrer Person Ehre und Gewinn zuwächst, die Guten hingegen um der Sache selbst willen. Sie betrachten Ehre und Gewinn der Sache wegen als Hauptzwecke (causas principales), und die ihrer Person dadurch zufallende Ehre und Gewinn als Mittelzwecke (causas instrumentales). Bei den Bösen ist es gerade umgekehrt: Ihnen sind die ihrer Person zu­fallenden Ehren und Gewinne das Hauptziel, die der Sache zu­ gute kommenden Ehren und Gewinne Mittel zum Zweck. Wer sähe aber nicht, daß die Person, ihr Beruf und ihre Ehre, der Sache dienen muß, der er obliegt, und nicht umgekehrt? Wer sähe nicht, daß ein Richter für Gerechtigkeit, der Beamte für das Gemeinwohl und der König für das Reich eingesetzt ist, und nicht umgekehrt? Deshalb sorgen auch die Staatsgesetze dafür, daß jedem Ansehen und Ehre zukommen, die der Sache entsprechen, für die er verantwortlich ist und, daß ein Unter­schied besteht wie zwischen dem Hauptzweck und dem, was dazu bloß als Werkzeug dient. Wer die mit dem Amt verbun­dene Ehre sich bzw. seiner Person zuschreibt, erscheint, wenn sich das in der geistigen Welt darstellt, wie ein Mensch, der auf dem Kopf steht.

Zweitens: Ehren und Reichtum sind Segnungen, wenn sie geistig und ewig sind; sie werden jedoch zum Fluch, wenn nur zeitlich und vergänglich. Im Himmel gibt es wie in der Welt Würden und Reichtum, bestehen doch dort ebenso Regierungen, also Verwaltungen, berufliche Tätigkeiten und Handel (negotiationes), also auch Reichtum, weil Gesellschaf­ten und Vereine. Der ganze Himmel teilt sich in zwei Reiche (regna), von denen eines das himmlische, das andere das gei­stige heißt. Jedes dieser beiden Reiche ist in unzählige größere und kleinere Gesellschaften eingeteilt. Diese, wie auch ihre einzelnen Mitglieder, sind samt und sonders nach den Unter­schieden der bei ihnen herrschenden Liebe und der von die­ser abgeleiteten Weisheit geordnet: die Gesellschaften des himmlischen Reiches nach den Unterschieden der himmli­schen Liebe, d.h. der Liebe zum Herrn, und die Gesellschaften des geistigen Reiches nach den Unterschieden der geistigen Liebe, d.h. der Liebe zum Nächsten. Alle Mitglieder dieser Ge­sellschaften waren einst irdische Menschen. Ihre in der Welt entwickelten Grundneigungen haben sie beibehalten, mit dem Unterschied freilich, daß diese jetzt geistig sind. Daraus und aus der Tatsache, daß Ansehen und Reichtum im geistigen Reich geistig und im himmlischen himmlisch sind, ergibt sich, daß denjenigen mehr Ansehen und Reichtum zufallen als an­deren, die über größere Liebe und Weisheit verfügen — das sind aber jene, denen ihr Ansehen und Reichtum auf Erden zum Segen dienten.

Daraus ist ersichtlich, welcher Art geistige Würden und Reichtum sind, nämlich daß sie zur Sache und nicht zur Person gehören. Zwar lebt die Person, die dort eine Würde be­kleidet, in Pracht und Herrlichkeit, vergleichbar einem irdi­schen König. Gleichwohl erachtet sie die Würde für nichts, weil sie nur an die Nutzwirkungen denkt, die ihres Amtes sind. Sie nimmt zwar  je nach der ihr zukommenden Würde — die ihr erwiesene Ehre an, schreibt sie aber nicht sich selbst, son­dern ihrer Nutzwirkung zu. Und weil alle Nutzwirkungen vom Herrn kommen, schreibt sie die Ehre dem Herrn als dem Ur­heber zu. So sieht also die Beschaffenheit der geistigen Wür­den und Reichtum aus, die ewig bestehen.

Anders ergeht es in der Tat Menschen, denen Ansehen und Reichtum in der Welt zum Fluch gereichten. Weil sie diese sich selbst und nicht den Nutzwirkungen zuschrieben und nicht wollten, daß die Nutzwirkungen sie beherrschten, son­dern sie die Nutzwirkungen, und weil sie diese nur insoweit als Nutzwirkungen betrachteten, als sie ihnen Ehre und Ruhm ein­trugen, leben sie nun als niedrige Sklaven in der Hölle in Ver­achtung und Elend. Weil Würden und Reichtum dieser Art ver­gehen, heißen sie auch zeitlich und vergänglich. Von diesen und jenen lehrt der Herr:

„Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo sie Motte und Rost sie vernichten und wo Diebe nachgraben und steh­len. Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder Motten und Rost sie vernichten und Diebe nicht nachgraben und stehlen! Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ (Mat. 6/19 21)

Drittens: Ehren und Reichtümer die ein Fluch sind, ver­halten sich zu Ehre und Reichtum die ein Segen sind, wie ein Nichts zum Gesamten, bzw. wie etwas das an sich gar nicht vorhanden ist, zu etwas das Bestand hat. Alles was ver­geht und nicht etwas wird, ist in sich nichts, auch wenn es äußerlich als etwas, ja sogar als viel und dem Menschen gar als sein alles erscheinen mag, solange es besteht — und doch ist es inwendig nichts. Es gleicht einer Oberfläche, unter der sich nichts verbirgt, einem Schauspieler im königlichen Gewand, wenn das Spiel zuende ist. Was aber in Ewigkeit besteht, ist in sich selbst stets etwas, folglich ein Ganzes; im wahren Sinne des Wortes: es ist, weil es nie aufhört zu sein.

Der Mensch trennt Zeitliches und Ewiges, der Herr verbindet sie.

*218.   Dem ist so, weil alles mit dem Men­schen Zusammenhängende zeitlich ist, alles aber was mit dem Herrn zusammenhängt ewig. Deshalb kann auch der Mensch selbst als ein zeitliches Wesen bezeichnet werden, während der Herr der Ewige heißt. Zeitlich heißt, was vergänglich, ewig, was unvergänglich ist. Jeder kann einsehen, daß beides nicht miteinander verbunden werden kann, es sei denn durch die unendliche Weisheit des Herrn. Damit man aber verstehe, daß der Mensch das Zeitliche und Ewige trennt, der Herr sie jedoch verbindet, soll es in folgender Ordnung nachgewiesen werden:

  1. Was ist zeitlich, was ewig?

  2. Der Mensch ist an und für sich zeitlich, der Herr ewig. Darum kann der Mensch nur Zeitliches, der Herr nur Ewiges hervorbringen.

  3. Das Zeitliche scheidet von sich das Ewige, das Ewige verbindet das Zeitliche mit sich.

  4. Der Herr verbindet den Menschen mit sich durch Erscheinungen (apparentias)

  5. Der Herr verbindet den Menschen mit sich durch Entsprechungen.

Diese Punkte sind jedoch im einzelnen zu beleuch­ten und zu begründen.

*219. Erstens: Was ist zeitlich, was ewig? Zeit­lich ist alles, was zur Natur, folglich auch zum Menschen gehört. Zu den Eigentümlichkeiten der Natur gehören vor allem Raum und Zeit; beide sind endlich und begrenzt. Zu den Eigentümlichkeiten des Menschen gehört es daher bekanntlich, daß alles, was seinem eigenen Willen und Verstand angehört und damit eine Angelegenheit seiner Neigung und seines Den­kens, besonders aber seiner Klugheit wird, endlich und be­grenzt ist. Alles jedoch, was zum Eigenen des Herrn zählt und von ihm her wie das Eigentum des Menschen erscheint, ist ewig. Das Eigene des Herrn ist samt und sonders unendlich und ewig, also schrankenlos und ohne Ende. Was von daher wie das Eigentum des Menschen erscheint ist ebenfalls un­endlich und ewig. Doch gehört nichts davon dem Menschen an, sondern allein dem Herrn, der bei ihm ist.

Zweitens: Der Mensch ist an und für sich zeitlich, der Herr ewig. Darum kann der Mensch nur Zeitliches, der Herr nur Ewiges hervorbringen. Wie gesagt, ist der Mensch an sich zeitlich, der Herr ewig. Und da von niemand etwas anderes ausgehen kann, als was in ihm ist, kann folglich vom Men­schen nur Zeitliches, vom Herrn nur Ewiges ausgehen. Die Be­hauptung, aus Endlichem könne Unendliches hervorgehen, wäre ein innerer Widerspruch. Wenn dennoch vom Endlichen scheinbar Unendliches ausgeht, so in Wirklichkeit nicht vom Endlichen, sondern vom Unendlichen durch das Endliche. An­dererseits kann auch aus dem Unendlichen nichts Endliches ausgehen, weil das ebenfalls ein innerer Widerspruch wäre. Wohl aber kann vom Unendlichen Endliches hervorgebracht werden. Dabei handelt es sich aber nicht um ein Hervorgehen, sondern um ein Schaffen (man vgl. dazu „Die Weisheit der Engel betreffend die Göttliche Liebe und Weisheit“ vom An­fang bis zum Ende.) Wenn daher vom Herrn Endliches her­vorgeht, wie es in so vielem beim Menschen geschieht, so geht es nicht vom Herrn, sondern vom Menschen aus, oder — wie man auch sagen kann — vom Herrn durch den Menschen, weil es so erscheint.

Durch die folgenden Worte des Herrn läßt sich das veranschaulichen:

„Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.“ (Mat. 5/27)

Eine solche Redeweise herrscht bei allen im dritten Him­mel, da sie niemals über die göttlichen Dinge vernünfteln, näm­lich ob es sich so oder nicht so verhalte. Sie sehen in sich vom Herrn her, ob etwas sich so oder nicht so verhält. Vernünfte­leien über göttliche Dinge, ob sie sich so oder nicht so verhal­ten, beruhen darauf, daß der Vernünftler sie nicht vom Herrn her, sondern von sich aus sehen will; und was der Mensch von sich aus sieht, ist Böses. Und dennoch will der Herr nicht nur, daß der Mensch über die göttlichen Dinge nachdenkt und spricht, sondern sie auch untersucht, um zu erkennen wie sie sich verhalten. Von solchem Denken, Reden und Untersuchen, sofern es den Zweck verfolgt, die Wahrheit zu erkennen, kann man sagen, daß es vom Herrn her beim Menschen geschieht. Doch dieses Denken, Reden und Untersuchen ist so lange vom Menschen, bis er die Wahrheit wirklich sieht und anerkennt. Vom Herrn kommt nur, daß er denken, reden und untersuchen kann; Und das beruht auf den beiden Fähigkeiten, die der Mensch allein vom Herrn hat, der Freiheit und Vernunft.

Drittens: Das Zeitliche scheidet von sich das Ewige, das Ewige verbindet das Zeitliche mit sich. Wenn gesagt wird, das Zeitliche scheide sich vom Ewigen, so ist damit gemeint, der Mensch, der ja zeitlich ist, tue das aus dem Zeitlichen in ihm; Wenn es heißt, das Ewige verbinde das Zeitliche mit sich, soll das besagen: der Herr, der ewig ist, vollbringe es aus dem Ewigen in Sich, wie oben bereits gesagt wurde. Weiter oben wurde gezeigt, daß es eine Verbindung des Herrn mit dem Menschen und eine wechselseitige des Menschen mit dem Herrn gibt, letztere aber nicht vom Menschen, sondern vom Herrn ist. Ferner: der Wille des Menschen steht im Gegensatz zu dem des Herrn oder — was aufs selbe hinausläuft — die ei­gene Einsicht des Menschen im Gegensatz zur göttlichen Vor­sehung des Herrn. Daraus folgt nun, daß der Mensch aufgrund seiner Zeitlichkeit das Ewige des Herrn von sich trennt, während der Herr sein Ewiges mit der Zeitlichkeit des Men­schen, d.h. sich mit dem Menschen und den Menschen mit sich verbindet. Das bedarf keiner weiteren Begründung, weil es schon im Vorhergehenden ausführlich behandelt wurde.

Viertens: Der Herr verbindet den Menschen mit sich durch Scheinbarkeiten (apparentias). Denn es ist eine Schein­barkeit, daß der Mensch aus sich heraus den Nächsten liebt, Gutes tut und Wahres redet. Aber erschiene es dem Menschen nicht, als ob es aus ihm geschehe, würde er nicht den Näch­sten lieben, Gutes tun und die Wahrheit sprechen, also nicht mit dem Herrn verbunden werden. Weil aber, wie gesagt, die Liebe, das Gute und Wahre vom Herrn stammen, ist offenkun­dig, daß der Herr den Menschen durch Scheinbarkeiten mit sich verbindet. Über die Scheinbarkeit, die Verbindung des Herrn mit dem Menschen und die wechselseitige des Men­schen mit dem Herrn mittels der Scheinbarkeit, wurde oben ausführlich gehandelt.

Fünftens: Der Herr verbindet den Menschen mit sich durch Entsprechungen. Das geschieht mittels des Wortes, des­sen buchstäblicher Sinn aus lauter Entsprechungen besteht. Dieser Sinn bewirkt eine Verbindung des Herrn mit dem Men­schen und umgekehrt des Menschen mit dem Herrn, wie in der „Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift“ von An­fang bis Ende nachgewiesen wurde.

Die Verbindung des Zeitlichen und Ewigen beim Menschen ist die Vorsehung des Herrn.

*220. Das kann der Verstand nicht sogleich erkennen, wenn es nicht zuvor in eine Ordnung gebracht und entsprechend entfaltet und bewiesen wird. Diese Ordnung ist folgende:

  1. Aufgrund der göttlichen Vorsehung zieht der Mensch nach dem Tod das Natürliche und Zeitliche aus und das Gei­stige und Ewige an.

  2. Mittels seiner göttlichen Vorsehung verbindet sich der Herr durch das Geistige mit dem Natürlichen und durch das Ewige mit dem Zeitlichen, gemäß den Nutzwirkungen.

  3. Mit den Nutzwirkungen verbindet sich der Herr durch Entsprechungen, und auf diese Weise durch Scheinbarkeiten, je wie sie von Seiten des Menschen begründet werden.

  4. Die göttliche Vorsehung ist eine solche Verbindung des Zeitlichen und Ewigen.

Aber das ist durch Erläuterungen zu erhellen.

Erstens: Aufgrund der göttlichen Vorsehung zieht der Mensch nach dem Tod das Natürliche und Zeitliche aus und das Geistige und Ewige an. Das Natürliche und Zeitliche ist das Äußerste und Letzte, in das der Mensch zuerst durch die Ge­burt eintritt, damit er dann ins Innere und Höhere eingeführt werden kann. Äußerstes und Letztes hängen nämlich in der natürlichen Welt zusammen. Darum wurde kein Engel und Geist unmittelbar erschaffen, sondern sie alle wurden zuerst als Menschen geboren und damit in diesen Zusammenhang ein­geführt. Daher haben auch sie ein Äußerstes und Letztes, das in sich fest und bestimmt ist, in und von dem das Innere in sei­nem Zusammenhang gehalten werden kann.

Der Mensch zieht aber zunächst das Gröbere der Natur an, aus dem auch sein Körper besteht. Durch den Tod legt er jedoch das Gröbere wieder ab und behält nur das fei­nere Natürliche bei, das dem Geistigen am nächsten kommt und dann zu dem wird, was ihn in seiner Form bewahrt (et haec sunt tunc ejus continentia).1

1) Anm. d. Ü.: Im Werk „Die wahre christliche Religion“ # 103 nennt Sweden­borg dieses aus den feinsten Substanzen der Natur gewobene und von der Erde Mitgebrachte der Bewohner der geistigen Welt den „limbus“, was soviel wie „Saum“ bedeutet. Heute würde man vom feinstofflichen oder Ätherleib sprechen.

Wie früher an der entspre­chenden Stelle gezeigt wurde, ist zudem im Äußersten oder Letzten alles Innere oder Höhere zugleich enthalten. Darum erfolgt alles Wirken des Herrn gleichzeitig vom Ersten und Letzten aus und ist daher umfassend. Aber das Äußerste und Letzte der Natur kann Geistiges und Ewiges, zu dem das menschliche Gemüt gebildet ist, nicht so aufnehmen, wie diese in sich sind. Da aber doch der Mensch geboren ist, um geistig zu werden und ewig zu leben, legt der Mensch im Tode dieses Letzte ab und behält nur das innere Natürliche bei, das mit dem Geistigen und Himmlischen zusammentrifft und übereinstimmt und diesen als Behälter dient (ac illis inserviunt pro continen­tibus). Das geschieht durch das Ablegen des letzten Zeitlichen und Natürlichen bzw. durch den Tod des Körpers.

Zweitens: Mittels seiner göttlichen Vorsehung verbin­det sich der Herr durch das Geistige mit dem Natürlichen und durch das Ewige mit dem Zeitlichen, gemäß den Nutzwirkun­gen. Zu den Eigentümlichkeiten der Natur gehören nicht nur die natürlichen und zeitlichen Dinge, sondern auch das Ei­gentümliche, das den Menschen in dieser Welt ausmacht. Mit dem Tod legt der Mensch das eine wie das andere ab und zieht das ihnen entsprechende Geistige und Ewige an. Im Vorausge­henden wurde ausführlich gezeigt, wie das den Nutzwirkungen gemäß geschieht. Das der Natur eigentümliche Natürliche be­sieht sich im allgemeinen auf Zeit und Raum, im besonderen auf alles, was man auf Erden sehen kann. All das verläßt der Mensch im Tode und empfängt statt dessen etwas Geistiges, das zwar der äußeren Gestalt und Erscheinung nach ähnlich ist, nicht aber in seiner inneren Gestalt und seinem Wesen. Auch das wurde oben bereits behandelt.

Das Zeitliche, das zu den Eigentümlichkeiten der irdi­schen Menschen gehört, bezieht sich im allgemeinen auf An­sehen und Vermögen, besonders auf das zum Leben Notwen­dige, wie Nahrung, Kleidung und Wohnung. Auch das wird mit dem Tode abgelegt und zurückgelassen und statt dessen etwas angelegt und empfangen, was zwar in seiner äußerer Gestalt und Erscheinung ähnlich ist, nicht aber in seiner inneren Ge­stalt und seinem Wesen. Innere Gestalt und Wesen gehen auf die im Zeitlichen vollbrachten Nutzwirkungen zurück, d.h. auf das, was man das Gute der tätigen Liebe nennt. Damit steht fest, daß der Herr durch seine göttliche Vorsehung Natürliches und Zeitliches entsprechend den in der Welt vollbrachten Nutz­wirkungen mit dem Geistigen und Ewigen verbindet.

Drittens: Mit den Nutzwirkungen verbindet sich der Herr durch Entsprechungen, und auf diese Weise durch Schein­barkeiten, je wie sie von Seiten des Menschen begründet wer­den. Weil dieser Satz zwangsläufig rätselhaft erscheinen muß, wenn noch keine klare Vorstellung davon herrscht was unter Entsprechung und unter Scheinbarkeit zu verstehen ist, soll es durch ein Beispiel veranschaulicht und erklärt werden. Das ganze Wort Gottes besteht aus Entsprechungen geistiger und himmlischer Dinge, die — weil Entsprechungen — zugleich auch Scheinbarkeiten sind. Das heißt: Das ganze Wort besteht aus Göttlich Gutem der göttlichen Liebe und aus Göttlich Wahrem der göttlichen Weisheit, die an sich unverhüllt, im Buchstaben­sinn des Wortes jedoch eingekleidet sind. Darum erscheinen sie auch wie ein Mensch mit einem Gewand, das dem Zustand seiner Liebe und Weisheit entspricht. Damit ist klar: Wollte der Mensch die Scheinbarkeiten begründen, wäre das, als ob er sich darauf versteifte, Kleider seien Menschen. Auf solche Weise werden die Scheinbarkeiten zu Täuschungen. Ganz an­ders liegt der Fall, wenn der Mensch die Wahrheit erforscht und in den Scheinbarkeiten erblickt.

Alle Nutzwirkungen bzw. alles Wahre und Gute der tätigen Liebe das der Mensch seinem Nächsten erweist, beruht entweder auf Scheinbarkeiten oder auf den eigentlichen Wahr­heiten des Wortes. Beruhen seine Nutzwirkungen auf Schein­barkeiten die er bei sich begründet, so täuscht er sich; beruhen sie hingegen auf den eigentlichen Wahrheiten, handelt er wie man soll. Damit ist deutlich, wie man es zu verstehen hat, daß sich der Herr mit den Nutzwirkungen des Menschen verbindet mittels Entsprechungen und auf diese Weise durch Scheinbar­keiten, je wie sie von Seiten des Menschen begründet werden.

Viertens: Die göttliche Vorsehung ist eine Verbindung des Zeitlichen und Ewigen. Damit das dem Verstand einiger­maßen einleuchtet, soll es durch zwei Beispiele veranschau­licht werden. Das eine betrifft Ansehen und Ehren, das andere Reichtum und Güter. Der äußeren Form nach sind die einen wie die anderen natürlich und zeitlich, der inneren Form nach aber geistig und ewig. Ansehen und die damit verbundenen Ehren sind natürlich und zeitlich, sofern der Mensch dabei nur seine eigene Person im Auge hat, nicht aber den durch diesel­ben ermöglichten Nutzen für die Allgemeinheit. Ein solcher Mensch kann innerlich nur denken, daß die Allgemeinheit für ihn, nicht aber er für die Allgemeinheit da ist. Er gleicht einem König, der meint, das Reich samt seinen Bewohnern sei nur für ihn da, nicht aber er für das Reich und seine Bürger.

Die gleichen Würden und damit verbundenen Ehren sind jedoch geistig und ewig, sofern der Mensch sich mit sei­ner Person und Nutzwirkung der Allgemeinheit verpflichtet fühlt und nicht umgekehrt. Im ersten Fall lebt der Mensch in der Wahrheit und im Wesen seiner Würde und Ehre, im ande­ren Fall nur in der Entsprechung oder Scheinbarkeit; Wenn er die Scheinbarkeit bei sich auch noch begründet, ist er in Täu­schung befangen. Seine Verbindung mit dem Herrn unter­scheidet sich dann nicht von der Verbindung der Menschen, die im Falschen und von hier aus im Bösen sind; Denn Täu­schung ist Falsches mit dem sich Böses verbindet. Diese Men­schen haben zwar Nützliches und Gutes geleistet, aber aus ihrem Eigenen und nicht aus dem Herrn, und dadurch haben sie sich selbst an dessen Stelle gesetzt.

Dasselbe gilt für Reichtum und Güter. Auch sie sind natürlich und zeitlich oder geistig und ewig. Natürlich und zeit­lich sind sie bei Menschen die nur allein sich selbst dabei im Auge haben und denen sie ihre ganze Freude und Lust bedeu­ten.

Reichtum und Güter sind jedoch geistig und ewig bei denen, die auf die dadurch ermöglichten Nutzwirkungen sehen, die ihnen innere Freude und Lust bereiten. Bei ihnen wird auch die äußere Lust und Freude geistig, und das Zeitli­che wird zum Ewigen. Darum kommen sie nach dem Tode in den Himmel und wohnen dort in Palästen, wo alle Gebrauchs­gegenstände von Gold und kostbaren Steinen glänzen. Doch all das betrachten sie auch dort nur als etwas Äußeres das vom Inneren, von den Nutzwirkungen her erglänzt und transparent wird und an sich die himmlischen Wonnen und Seligkeiten dar­stellt, an denen sie ihre Freude und Lust haben. Das gegentei­lige Los ereilt alle, die bei ihren Reichtümern und Gütern nur diese und sich selbst im Auge hatten, also nur das Äußere ohne das Innere, d.h. die Scheinbarkeiten und nicht das Wesen. Auch diese Menschen ziehen beim Tod, wenn sie das Äußerste ablegen, dessen Inneres an, aber was nicht geistig war kann nur höllischer Art sein; Nur das eine oder andere kann darin enthalten seins nicht beides zugleich. Daher tritt nun für sie an die Stelle des Reichtums Armut und an die Stelle ihrer Güter tritt das Elend.

Alles, was sich auf die lebensnotwendigen Bedürf­nisse, wie Nahrung, Kleidung und Wohnung für sich und die Seinigen bezieht wird Nutzwirkung genannt, aber ebenso auch alles, was sich auf das Wohl des Vaterlands der Gesellschaft und des Mitmenschen bezieht. Gutes dieser Art ist jedes Ge­schäft (negotiatio), bei dem Liebe der Endzweck ist und das Geld nur als das zur Ausführung dienende Mittel geliebt wird; bei dem der Geschäftsmann Betrug und üble Tricks als Sünde flieht und verabscheut. Ganz anders, wenn die Liebe letztlich nur dem Gelde gilt und das Geschäft lediglich als Mittel zu die­sem Zweck dient. Das ist nichts als Geiz, die Wurzel alles Übels. Man vergleiche Luk. 12/15 und das Gleichnis vom rei­chen Mann, ebenda v. 16 21.

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Teil 12 - Der Mensch wird nur so weit in die Wahrheiten des Glaubens und ins Gute der tätigen Liebe eingelassen, wie er darin bis ans Ende seines Lebens bewahrt werden kann.



*221. In der Christenheit ist bekannt, daß der Herr das Heil aller will, ebenso auch, daß er der Allmächtige ist. Daraus ziehen viele den Schluß, daß er jeden Menschen selig machen könnte und diejenigen selig würden, die seine Barmherzigkeit erflehen, besonders wenn sie sich dabei der Formel des allge­mein angenommenen Glaubens bedienen, wonach Gott Vater sich um des Sohnes willen erbarme; Vor allem wenn sie gleich­zeitig darum flehen, diesen Glauben tatsächlich auch zu emp­fangen. Im letzten Abschnitt dieses Werkes wird man sehen, daß sich die Sache ganz anders verhält; Dort wird nämlich dar­gelegt werden, daß der Herr nicht gegen die Gesetze seiner Vorsehung handeln kann, hieße das doch soviel, als gegen sich selbst handeln. Dabei wird man dann auch sehen, daß eine derartige unmittelbare Barmherzigkeit gar nicht möglich ist. Das Heil des Menschen wird nämlich durch Mittel bewirkt, denen zufolge nur der den Menschen führen kann, der das Heil aller will und zugleich allmächtig ist, also allein der Herr. Diese Mittel durch die der Mensch vom Herrn geführt wird, sind die Gesetze der göttlichen Vorsehung. Dazu gehört auch, daß der Mensch in die Glaubenswahrheiten und ins Gute der Liebe in­nerlich nur soweit eingelassen wird, wie er bis ans Ende seines Lebens darin bewahrt werden kann. Doch damit es auch der Vernunft einleuchtet, will ich es der Reihe nach erklären:

Der Mensch kann in die Weisheit der geisti­gen Dinge und auch in die Liebe zu ihnen eingelassen werden, ohne dadurch umgebildet zu werden, weil er Ver­nunft und Freiheit hat.

*222. Durch die Vernunft kann er beinahe bis zur Weisheit der Engel erhoben werden, und durch die Freiheit zu einer Liebe, welche der Liebe der Engel nicht unähnlich ist. Gleichwohl hängt die Beschaffenheit der Weisheit von der der Liebe ab; Ist diese himmlisch und geistiges wird es auch die Weisheit sein, ist sie aber teuflisch und höllisch, so ist es auch die Weisheit. In ihrer äußeren Form, also vor anderen Men­schen, kann sie freilich als himmlisch und geistig erscheinen, in der inneren Form aber, d.h. in ihrem eigentlichen Wesen, ist sie dennoch teuflisch und höllisch. Den Menschen als natürli­chen Wesen erscheint es zwar nicht so, weil sie in natürlicher Weise sehen und hören und, wie gesagt, auch die äußere Form natürlich ist. Den Engeln aber erscheint es, wie es ist, weil sie geistig sind und in geistiger Weise sehen und hören, und die innere Form geistig ist.

Damit ist klar, daß der Mensch in die Weisheit der gei­stigen Dinge wie auch in die Liebe zu ihnen eilgelassen wer­den kann, ohne dadurch umgebildet zu werden. Aber wenn das geschieht, so betrifft das nur die natürliche, nicht die gei­stige Liebe zu diesen Dingen; Denn der Mensch vermag le­diglich die natürliche Liebe selber zu erwerben, in die geistige Liebe aber kann er nur vom Herrn eingeführt werden. Das ist aber die Voraussetzung dafür, daß der Mensch umgebildet wird. Wer nur in die natürliche Liebe eingelassen wurde, wird nicht umgebildet. Solche Menschen sind meistens Heuchler. Viele von ihnen stammen aus dem Jesuitenorden, sie glauben innerlich an nichts Göttliches, äußerlich aber treiben sie wie Schauspieler mit den göttlichen Dingen ihr Spiel.

*223. Aufgrund häufiger Erfahrungen in der geistigen Welt wurde mir bewußt gemacht, daß der Mensch in sich die Fähigkeit besitzt, ebenso wie die Engel die Geheimnisse der Weisheit zu begreifen. Ich habe nämlich feurige Teufel beob­achtet, die diese Geheimnisse, als sie sie vernahmen, nicht nur begriffen, sondern auch vernünftig darüber sprachen. Doch so­bald sie wieder in ihre teuflische Liebe zurückfielen, verstan­den sie nichts mehr davon, sondern behaupteten statt dessen das Gegenteil, was reiner Unsinn war, den sie dann als Weis­heit bezeichneten. Ja, ich durfte sogar mit anhören, wie sie im Zustand der Weisheit über ihren Unsinn lachten, dann wieder im Zustand der Tollheit die Weisheit verlachten. Ein Mensch, der in der Welt so beschaffen war, wird nach seinem Tode als Geist sehr oft abwechselnd in den Zustand der Weisheit und der Tollheit versetzt, damit er vom Zustand der Weisheit aus den der Tollheit sehen kann. Doch obgleich Geister dann aus der Weisheit ihre Tollheit einsehen, versetzen sie sich, wenn sie — wie das bei allen geschieht — vor die Wahl gestellt werden, in den Zustand der Tollheit, den sie lieben, dagegen hassen sie den der Weisheit. Der Grund liegt in ihrem Inneren, das teuf­lisch war, nur ihr Äußeres glich dem Göttlichen. Sie sind es, die man unter den Teufeln versteht, die sich in Engel des Lichts verstellen können; auch gleichen sie dem Menschen, der bei einer Hochzeitsfeier nicht mit einem hochzeitlichen Gewand bekleidet war und in die äußerste Finsternis hinausgeworfen wurde (Mat. 22/11 13).

*224. Wer könnte nicht sehen, daß es ein Inneres gibt, aus dem heraus das Äußere sein Dasein bezieht, mit anderen Worten, daß das Äußere sein Wesen vom Inneren her hat? Und wer wüßte nicht aus Erfahrung, daß das Äußere anders er­scheinen kann, als es seinem Wesen nach vom Inneren her ist? Das zeigt sich ja deutlich an den Heuchlern, Kriechern und Verstellungskünstlern (Simulatoren die sich in die Rollen an­derer Menschen hineinlügen können, aber auch an Komödi­anten und Mimen, die Könige und Kaiser, ja sogar Engel nach Ton, Redeweise, Mienen und Gebärden so darstellen können, als ob sie all das selbst wären, obgleich sie doch nur Schau­spieler sind. Darauf wurde hingewiesen, weil der Mensch in geistigen wie bürgerlichen Dingen auf ähnliche Weise den Schwindler machen kann. Und wie man weiß trifft das auf viele Menschen zu.

Wenn daher das Innere seinem Wesen nach höllisch ist, während das Äußere seiner Form nach geistig zu sein scheint, aber doch, wie gesagt, das Äußere sein Wesen vom In­neren bezieht, so stellt sich die Frage, wo dieses sich im Äuße­ren verbirgt. Es zeigt sich nicht in den Gebärden, am Ton, an der Rede und nicht an den Mienen, und dennoch ist es in die­sen vier Ausdrucksmitteln verborgen. Das stellt sich bei diesen Menschen in der geistigen Welt deutlich heraus. Wenn nämlich der Mensch nach dem Tode in die geistige Welt kommt, läßt er sein Äußeres mit dem Körper zurück, behält aber sein Inneres, das er in seinem Geist verborgen hatte. War sein Inneres von höllischer Beschaffenheit, erscheint er dann wie ein Teufel, was er seinem Geist nach auch schon in der Welt gewesen war. Wer erkennte nicht an, daß jeder Mensch, sobald er ein Geist wird, das Äußere ablegt und ins Innere eintritt?

Dem möchte ich nur noch hinzufügen, daß in der gei­stigen Welt eine Kommunikation der Neigungen und der daraus hervorgehenden Gedanken stattfindet. Infolgedessen kann dort niemand anders reden als er denkt. Ferner verändern dort alle den Gesichtsausdruck; er wird stets mehr seiner Neigung ähn­lich, so daß auch daran sichtbar wird, wie sie beschaffen sind. Den Heuchlern wird zwar zuweilen gestattet, anders zu reden als sie denken, doch hört man schon am Ton ihrer Rede, daß er nicht mit ihren inneren Gedanken übereinstimmt, und daran er­kennt man sie denn auch. Das Innere liegt also in Ton, Rede, Miene und Gebärde des Äußeren inwendig verborgen, was zwar vom Menschen in der natürlichen Welt nicht deutlich wahrge­nommen wird, wohl aber von den Engeln in der geistigen Welt.

*225. Damit ist klar, daß der Mensch, solange er in der natürlichen Welt lebt, in die Weisheit wie auch in die Liebe zu den geistigen Dingen eingeführt werden kann, und daß das so­wohl für alle gilt, die bloß natürlich als auch für alle, die gei­stig sind; Freilich mit dem Unterschied, daß nur diese dadurch umgebildet werden, jene nicht. Zwar kann es so scheinen, als ob die natürlichen Menschen ebenfalls die Weisheit liebten, aber sie lieben sie nur wie ein Ehebrecher eine Frau aus guter Familie als seine Geliebte (meretricem) liebt. Er spricht freund­lich mit ihr, schenkt ihr prächtige Kleider, bei sich denkt er aber: sie ist nur eine gemeine Hure, die ich glauben lasse, ich liebte sie, weil sie sich meiner Begierde hingibt; Täte sie das nicht, würde ich sie verstoßen. Sein innerer Mensch ist wie der Ehebrecher, sein äußerer wie die Frau.

Tritt der Mensch nachher von Weisheit und Liebe zurück und geht zum Gegenteil über, profaniert er das Heilige.

*226. Es gibt mehrere Arten der Entweihung des Heili­gen. Davon wird im folgenden Abschnitt die Rede sein. Aber diese ist von allen die schlimmste. Entweiher dieser Art ge­langen nach dem Tode dahin, daß sie nicht mehr Menschen sind. Sie leben zwar, sind aber fortwährend in phantastischen Delirien. Es kommt ihnen vor, als flögen sie in die Höhe, und wenn sie dort bleiben, spielen sie mit ihren Phantasien, die sie für reale Dinge halten. Da sie aber keine Menschen mehr sind, nennt man sie nicht mehr „der“ oder „die“, sondern „das“. Wenn sie sich im Licht des Himmels den Blicken darstellen, erschei­nen sie wie Gerippe, die bei einigen knochenfarbig, bei ande­ren feuerfarbig oder gebräunt sind. In der Welt weiß man nichts vom Los dieser Entweiher, weil man ja auch die Ursache davon nicht kennt. Die eigentliche Ursache ist folgende: Wenn der Mensch die göttlichen Dinge zuerst anerkennt und glaubt, sich dann aber davon abkehrt und zum Leugner wird, vermischt er das Heilige mit dem Profanen, und wenn das geschieht, lassen sie sich nicht mehr anders trennen als durch ihre vollständige Zerstörung. Um es deutlicher zu machen, will ich es in folgen­der Ordnung erklären:

  1. Was immer der Mensch aus dem Wil­len heraus denkt, redet und tut, wird zu seinem Eigenen und bleibt ihm, es sei gut oder böse.

  2. Der Herr sorgt jedoch mit­tels seiner göttlichen Vorsehung unausgesetzt dafür und richtet es so ein, daß beides, Böse wie Gutes, gesondert seien, sodaß sie getrennt werden können.

  3. Das kann aber nicht gesche­hen, wenn der Mensch zuerst die Glaubenswahrheiten annimmt und danach lebt, sie dann aber zurückstößt und leugnet.

  4. Damit vermischt er Gutes und Böses so weit, daß sie sich nicht mehr trennen lassen.

  5. Weil nun aber das Gute und das Böse bei einem jeden getrennt werden sollen, bei einem sol­chen Menschen aber nicht getrennt werden können, wird er hinsichtlich alles wahrhaft Menschlichen zerstört.

*227. Das sind die Ursachen dieser abnormen Erschei­nung. Sie müssen jedoch, weil sie aufgrund der Unkenntnis im dunkeln liegen, erklärt werden, damit sie auch dem Verstand zu­gänglich werden:

1.) Was immer der Mensch aus dem Willen heraus denkt, redet und tut, wird zu seinem Eigenen und bleibt ihm, es sei gut oder böse. Das wurde bereits oben # 78 bis 81 nachgewiesen. Der Mensch verfügt nämlich einerseits über ein äußeres bzw. natürliches Gedächtnis, andererseits aber auch über ein inneres bzw. geistiges, und diesem ist bis in die klein­sten Kleinigkeiten alles eingeprägt, was er in der Welt gedacht, geredet und getan hat, und zwar so vollständig, daß nicht das geringste fehlt. Dieses Gedächtnis ist das „Buch des Lebens“, das nach dem Tod des Menschen geöffnet und nach dem er gerich­tet wird. Im Werk „Himmel und Hölle“ ist aufgrund wirklicher Erfahrung von # 461 bis 465 einiges darüber ausgeführt worden.

2.) Der Herr sorgt jedoch mittels seiner göttlichen Vorse­hung unausgesetzt dafür und richtet es so ein, daß beides, Böses wie Gutes, gesondert für sich seien, damit sie getrennt werden können. Jeder Mensch ist sowohl im Bösen wie im Guten — von sich aus im Bösen und vom Herrn aus im Guten. Der Mensch könnte gar nicht leben, wäre er nicht im einen wie im anderen. Wäre er bloß in sich und damit allein im Bösen, hätte er kein Leben; Wäre er bloß im Herrn und damit allein im Guten, hätte er ebenfalls kein Leben; Er gliche vielmehr einem Erstickenden, dem ständig der Atem auszugehen droht, also einem Sterbenden in den letzten Zügen. Im erstgenannten Zu­stand wäre er sogar gänzlich tot, da das Böse ohne alles Gute an sich tot ist. Darum ist jeder Mensch in beiden Zuständen. Der Unterschied aber liegt darin, daß der eine innerlich im Herrn und äußerlich gleichsam in sich ist, während der andere innerlich in sich und äußerlich gleichsam im Herrn ist. Dieser ist im Bösen, jener im Guten, beide aber sind dennoch in bei­den Zuständen. Das gilt deshalb auch für den Bösen, weil er sich noch im Guten des bürgerlichen und sittlichen Lebens be­wegt und auch äußerlich in einigem Guten des geistigen Le­bens — abgesehen davon, daß ihm der Herr Vernunftfähigkeit und Freiheit erhält, so daß er im Guten sein kann. Durch die­ses Gute wird jeder, auch der böse Mensch vom Herrn geführt. Daraus kann man ersehen, daß der Herr das Gute und Böse ge­trennt hält, damit das eine im Inneren, das andere im Äußeren sei und dafür gesorgt ist, daß es sich nicht vermischt.

3.) Das kann aber nicht geschehen, wenn der Mensch zu­erst die Glaubenswahrheiten annimmt und danach lebt, sie dann aber zurückstößt und leugnet. Das geht aus dem eben Dargelegten hervor. Aus Punkt eins, wonach alles, was der Mensch aus dem Willen heraus denkt, redet und tut, zu seinem Eigenen wird und ihm erhalten bleibt; aus Punkt zwei, wonach der Herr mittels seiner göttlichen Vorsehung dafür sorgt, daß beides, das Böse wie das Gute, gesondert für sich seien, damit sie getrennt werden können. Nach dem Tode werden sie vom Herrn auch tatsächlich getrennt: Denen, die innerlich böse und äußerlich gut sind, wird das Gute genommen, und sie werden damit ihrem Bösen Überlassen. Das Umgekehrte geschieht denen, die innerlich gut sind, sich aber wie die anderen Menschen Wohlstand erwarben, nach Würden strebten, an ver­schiedenen weltlichen Dingen Freude hatten und sich auch ei­nigen Begierden hingaben. Bei ihnen ist Gutes und Böses den­noch nicht vermischt, sondern wie Inneres und Äußeres getrennt. Das heißt, sie ähnelten in ihrer äußeren Form in vie­ler Hinsicht den Bösen, nicht aber in ihrer inneren Gestalt. Um­gekehrt ist auch bei den Bösen, die äußerlich durch vor­getäuschte Frömmigkeit, Gottesdienst Teilnahme, Worte und Taten als gute Menschen erschienen, das Böse in gleicher Weise vom Guten getrennt. Bei Menschen aber, die die Glau­bens Wahrheiten zuerst anerkannt und entsprechend gelebt haben, dann aber zum Gegenteil übergingen und die Wahrhei­ten zurückwiesen oder gar leugneten, sind Gutes und Böses nicht mehr getrennt, sondern vermischt, haben sie sich doch sowohl Gutes wie Böses angeeignet, folglich beides miteinan­der verbunden und vermischt

4.) Auf diese Weise vermischt ein solcher Mensch Gutes und Böses derart, daß sie sich nicht mehr trennen lassen. Das folgt aus dem eben Gesagten. Läßt sich aber das Böse nicht vom Guten und das Gute nicht vom Bösen trennen, kann der Betreffende weder im Himmel noch in der Hölle sein. Und doch muß er hier oder dort sein, weil niemand in beiden Zu­ständen zugleich sein kann, mal im Himmel und mal in der Hölle. Wäre ein solcher Mensch im Himmel, würde sein Han­deln von der Hölle, wäre er in der Hölle, würde es vom Him­mel bestimmt. Auf diese Weise würde er das Leben all derer zu­grunde richten, die zu seiner Umgebung gehören, das himmli­sche Leben bei den Engeln, das höllische bei den Teufeln. So ginge das Leben aller zugrunde, denn jeder muß sein eigenes Leben haben. Keiner lebt in einem fremden Leben, geschweige denn in einem entgegengesetzten. Darum trennt der Herr bei einem jeden nach dem Tode   wenn der Mensch ein Geist bzw. geistiger Mensch wird  , das Gute vom Bösen und das Böse vom Guten. Bei denen, die innerlich böse sind, das Gute vom Bösen, und bei denen, die innerlich gut sind, das Böse vom Guten. Das ist mit den Worten des Herrn gemeint:

„Jedem, der da hat, wird gegeben werden, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch, was er hat, genommen werden.“ (Mat. 13/12; 25, 29; Mar. 4/25; Luk. 8/18 und 19/26)

5.) Weil sich das Gute und das Böse, die bei jedem ge­trennt werden müssen, bei einem solchen Menschen nicht tren­nen lassen, wird er hinsichtlich alles wahrhaft Menschlichen zerstört. Dieses wahrhaft Menschliche hat jeder aufgrund sei­ner Vernunft (rationalitas), nämlich daß er, sofern er nur will, sehen und wissen kann, was wahr und gut ist, und es aufgrund seiner Freiheit auch wollen, denken, aussprechen und tun kann. Das wurde oben bereits gezeigt. Diese Freiheit mitsamt ihrer Vernunft ist jedoch bei denen zerstört, die das Gute und das Böse bei sich vermischt haben, weil sie weder vom Guten aus das Böse sehen noch vom Bösen aus das Gute erkennen können. Bei ihnen ist beides ein und dasselbe. Darum ist bei ihnen die Fähigkeit und das Vermögen zur Vernunft folglich auch die Freiheit nicht mehr vorhanden. Darum bestehen sie nur noch aus phantastischen Rasereien, wie oben gezeigt wurde. Sie erscheinen nicht mehr als Menschen, sondern wie Knochengerippe, die mit etwas Haut überzogen sind. Man spricht von ihnen nicht als „der“ oder „die“, sondern von „das“. So sieht das Los derer aus, die das Heilige und das Profane mit­einander vermischen. Man unterscheidet aber mehrere Arten von Entweihungen die nicht in allen Stücken gleich sind und von denen im nächsten Abschnitt die Rede sein wird.

*228. Niemand entweiht also das Heilige, wenn er es nicht kennt. Wer es nicht kennt, kann es ja auch nicht aner­kennen und später wieder leugnen. Daher entweihen Men­schen außerhalb der Christenheit dieses Heilige nicht, da sie nichts vom Herrn und von der durch ihn bewirkten Erlösung und Seligmachung wissen und nicht aufnehmen, ja selbst dann nicht wenn sie sich dagegen aussprechen. Selbst die Juden entweihen es nicht, weil sie es von Kindheit an nicht akzeptie­ren und anerkennen wollen. Anders wäre es, wenn sie es annahmen und anerkennten, später aber wieder leugneten, was jedoch selten geschieht. Viele von ihnen nehmen es zwar äußerlich an, leugnen es aber in ihrem Inneren. Sie gleichen daher eher den Heuchlern. Menschen jedoch, die das Heilige zuerst aufnehmen und anerkennen, nachher aber davon wie­der abrücken und es leugnen, entweihen es durch Vermi­schung mit dem Profanen.

Dabei spielt es keine Rolle, ob sie das Heilige in der Kindheit oder im Knabenalter annehmen und anerkennen, denn das tut jeder Christ. In diesem Alter werden die mit Liebe und Glauben zusammenhängenden Dinge noch nicht aufgrund eines gewissen Maßes von Vernunft und Freiheit, d.h. im Ver­stand aus dem Willen aufgenommen und anerkannt, sondern nur aus dem Gedächtnis und weil der Lehrer es sagt. Leben sie auch entsprechend, geschieht es aus blindem Gehorsam. Hat aber der Mensch den vollen Gebrauch seiner Vernunft und Freiheit erlangt, was nach und nach geschieht, wenn er zum Jüngling oder zur Jungfrau heranwächst, und erkennt dann das Wahre an und lebt danach, leugnet es aber später wieder, ver­mischt er das Heilige mit dem Profanen und wird aus einem Menschen zu einem Monstrum, wie es oben beschrieben wurde. Ist der Mensch hingegen von der Zeit an, da er Vernunft und Freiheit gebrauchen lernt, also selbständig wurde und ins Jugendalter eintrat, dem Bösen verfallen, gelangt aber später zur Anerkennung der Glaubenswahrheiten und lebt auch da­nach, vermischt er sie nicht mit dem Profanen — vorausgesetzt, er bleibt bis zum Ende seines Lebens dabei. Denn dann trennt der Herr das Böse seines früheren Lebens vom Guten seines späteren. Das geschieht bei allen Menschen, die ihr Böses be­reuen. Mehr darüber im folgenden Abschnitt.

Es gibt mehrere Arten der Entweihung des Heiligen, aber diese ist die schlimmste von allen.

*229. Entwei­hung im allgemeinsten Sinne ist jede Art von Gottlosigkeit. Folglich sind unter den Entweihern alle zu verstehen, die in ihrem Herzen Gott, die Heiligkeit des Wortes und damit auch die spirituellen Dinge der Kirche, die ja das Heilige bilden, leugnen und respektlos darüber reden. Von ihnen ist aber hier nicht die Rede, sondern von denen, die Gott bekennen, die Heiligkeit des Wortes und die spirituellen Dinge der Kirche an­erkennen, meist aber nur mit dem Munde. Sie gehören zu den Entweihern, weil das Heilige aus dem Wort in und bei ihnen ist und sie entweihen, was einen Bestandteil ihres Verstandes und Willens darstellt. In den Menschen hingegen, die die Gott­heit und die göttlichen Dinge leugnen, findet sich nichts Heili­ges, das sie entheiligen könnten. Sie sind zwar Entweiher, aber keine Entweihten (prophani).

*230. Das zweite der Zehn Gebote behandelt die Entwei­hung des Heiligen: „Du sollst den Namen deines Gottes nicht entweihen“ (wörtlich: ins Eitle, ins Nichtige ziehen, d.Ü.). Daß man Gottes Namen nicht entweihen soll, geht auch aus dem Gebet des Herrn hervor, wo es heißt: „geheiligt werde dein Name!“ Aber kaum jemand von den Christen weiß, was unter dem Namen Gottes zu verstehen ist, weil unbekannt ist, daß Namen in der geistigen Welt anders sind als in der natürlichen, und daß dort jeder nach der Beschaffenheit seiner Liebe und Weisheit benannt wird. Sobald nämlich jemand in eine Gesell­schaft oder eine Gemeinschaft anderer kommt, erhält er einen zu ihr passenden Namen. Die Benennung erfolgt nach den Re­geln der geistigen Sprache, denen zufolge jedem Ding ein pas­sender Name gegeben werden kann, weil jeder Buchstabe ihres Alphabets eine Sache bezeichnet; mehrere Buchstaben, im Namen zu einem Wort verbunden, schließen den ganzen Zustand der betreffenden Person in sich. Das gehört zu den wunderbaren Dingen in der geistigen Welt.

Daraus wird deutlich, daß im Wort durch den Gottes­namen Gott mit allem Göttlichen bezeichnet wird, das in ihm ist und aus ihm hervorgeht. Und weil das Wort das aus Gott hervorgehende Göttliche ist, so ist es der Name Gottes. So ist auch alles Göttliche, das man als die spirituellen Dinge der Kir­che bezeichnet, aus dem Wort und damit ebenfalls der Name Gottes. Das zeigt, was man unter dem zweiten der Zehn Ge­bote zu verstehen hat:

„Du sollst den Namen deines Gottes nicht entweihen“ (wörtlich: ins Eitle, ins Nichtige ziehen), sowie im Gebet des Herrn unter den Worten: „geheiligt werde dein Name“.

Ähnliches ist unter dem Namen Gottes bzw. des Herrn an vielen Stellen im Wort beider Testamente zu verstehen, wie etwa in Mat. 7/22; 10/22; 18/5, 20; 19/29; 21/9; 42/9 f; Joh. 1/12; 2, 23; 3/17 f; 12/13, 28; 14/14 16; 16/23 27; 17/6; 20/31 ­außer anderen Stellen und auch sehr vielen im Alten Testament.

Wer sich über diese Bedeutung des Namens klar ist, kann auch wissen, was die folgenden Worte des Herrn be­sagen:

„Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, wird eines Propheten Lohn empfangen; Wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen, wird den Lohn eines Gerechten empfangen; und wer einen dieser Geringen nur mit einem Becher kalten Wassers tränkt in eines Jüngers Namen, wird seinen Lohn nicht verlieren.“ (Mat. 10/41 f)

Wer hier unter dem Namen eines Propheten, eines Gerechten und eines Jüngers nur den Buchstabensinn versteht, weiß nicht, worin der Lohn eines Propheten, eines Gerechten und der Lohn für den einem Jünger dargebotenen Becher kalten Wassers be­steht. Unter dem Namen und Lohn eines Propheten ist der Zu­stand der Glückseligkeit derer zu verstehen, die in den Göttli­chen Wahrheiten, und unter dem Namen und Lohn eines Ge­rechten der glückselige Zustand derer, die im Göttlich Guten leben. Der Jünger stellt den Zustand der Menschen dar, die bis zu einem gewissen Grad das Geistige der Kirche aufgenommen haben. Der Becher kalten Wassers bedeutet etwas Wahres.

Auch die folgenden Worte des Herrn zeigen, daß die Art des Zustands von Liebe und Weisheit durch den Namen be­zeichnet wird:

„Wer durch die Türe in den Schafstall eingeht, der ist ein Hirt der Schafe. Diesem tut der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine Schafe bei ihrem Namen und führt sie hinaus.“ Joh. 10/2 f)

Die Schafe bei ihrem Namen nennen bedeutet, jeden Men­schen der im Guten der tätigen Liebe lebt, lehren und führen je nach dem Zustand seiner Liebe und Weisheit. Die Türe bezeichnet den Herrn, wie aus Vers 9 im selben Kapitel her­vorgeht:

„Ich bin die Tür. Wenn jemand durch mich eingeht, der wird gerettet werden.“

Das zeigt: der Herr selbst muß angerufen werden, damit man gerettet werden kann, und ferner: wer Ihn selbst anruft, ist ein Hirt der Schafe. Aber wer Ihn nicht anruft, gleicht dem Dieb und dem Räuber, von denen der erste Vers dieses Textes spricht.

*231. Weil das Heilige nur von Menschen entweiht wird, die aus dem Wort Kenntnis von den Glaubens Wahrheiten und vom Guten der tätigen Liebe haben und diese auch einiger­maßen anerkennen, nicht aber von denen, die sie entweder gar nicht kennen oder aufgrund ihrer Gottlosigkeit völlig verwer­fen, so bezieht sich das Folgende nicht auf diese, sondern auf jene. Bei ihnen gibt es verschiedene Arten von Entweihung, leichtere und schwerere, die sich jedoch auf die folgenden sie­ben beziehen lassen:

Die erste Art von Entweihung betreiben Menschen die mit dem Wort oder mit dem Göttlichen der Kirche Scherz treiben oder darüber spotten. Bei manchen ist das eine üble Gewohnheit. Sie entnehmen dem Wort Namen oder Aussprüche und vermischen sie mit unanständigen zuweilen schändlichen Reden, was unver­meidlich mit einer gewissen Verachtung des Wortes einhergeht, das doch bis in die Einzelheiten hinein göttlich und heilig ist, da im Schoße eines jeden Ausdrucks etwas Göttliches verborgen ist und dadurch Gemeinschaft mit dem Himmel hat. Diese Art von Entweihung ist jedoch leichter oder schwerer, je nach dem wie­weit die Scherzenden dennoch die Heiligkeit des Wortes aner­kennen und je nachdem wie unanständig der Zusammenhang ist, in dem sie die biblischen Ausdrücke gebrauchen.

Die zweite Art von Entweihung geschieht von Seiten derer, die die göttlichen Wahrheiten verstehen und anerken­nen, doch im Gegensatz dazu leben. Von ihnen entweiht in leichterem Grade, wer sie nur versteht, im schwereren Grad, wer sie zugleich auch anerkennt; da das Verstehen nur belehrt   ähnlich einem Prediger - verbindet es sich nicht, wie die An­erkennung, automatisch mit dem Willen. Ohne Zustimmung des Willens ist Anerkennung nicht möglich. Dennoch ist die Verbindung vielfältiger Art, und entsprechend ist auch die Ent­weihung, wenn man gegen die Wahrheiten, die man aner­kennt, lebt. Erkennt beispielsweise jemand an, daß Rache und Haß, Ehebruch und Hurerei, Betrug und Täuschung, Lästerung und Lügen Sünden gegen Gott sind, begeht sie aber dennoch, entweiht er in schwerem Maße, sagt doch der Herr:

„Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn wußte ... und nicht nach seinem Willen tat, wird viele Streiche leiden.“ (Luk. 12/47 f)

Und an anderer Stelle:

„Wenn ihr blind wäret, hättet ihr keine Sünde, nun sagt ihr aber: Wir sind sehend, so bleibt denn eure Sünde.“ (Joh. 9/41)

Es macht jedoch einen Unterschied, ob die Scheinbarkeiten des Wahren oder die echten Wahrheiten anerkannt werden. Wer die echten Wahrheiten anerkennt und dennoch nicht danach lebt, erscheint in der geistigen Welt wie ohne Licht und Le­benswärme; Ton und Rede sind bei ihm wie träge Lasten.

Die dritte Art der Entweihung findet sich bei denen, die den Buchstabensinn des Wortes dazu benützen, um ihre bösen Leidenschaften und falschen Grundsätze zu begründen. Denn die Begründung des Falschen, die Leugnung des Wahren und Begründung des Bösen ist zugleich eine Verwerfung des Guten. Das Wort ist aber in seinem Innersten (in suo sinu) nichts als das Göttlich Wahre und  Gute, das im Äußersten — ­d.h. im Buchstaben Sinn — nur dort als echte Wahrheit er­scheint, wo es unmittelbar über den Herrn und den eigentli­chen Heilsweg belehrt; sonst hingegen spricht es in verhüllten Wahrheiten, die als Scheinbarkeiten des Wahren bezeichnet werden. Diese lassen sich daher zur Begründung von Irrlehren vielfältiger Art hin und her zerren. Wer mit diesen Scheinbar­keiten des Wahren böse Leidenschaften begründet, tut dem Göttlich Guten Gewalt an, wer sich damit in falschen Grundsätzen bestärkt, schändet das Göttlich Wahre. Letzteres ist eine Verfälschung des Wahren, Ersteres eine Verfälschung (adulterio) des Guten. Beides wird im Wort als „Blutschuld“ be­zeichnet. Das heilig Geistige, auch „der Geist der Wahrheit“ ge­nannt, der vom Herrn ausgeht (Joh. 14/17; 15/26; 16/13), ist nämlich zu innerst im Einzelnen des Buchstabensinnes des Wortes. Dieses Heilige wird verletzt, wenn das Wort verfälscht und verkehrt wird, was offensichtlich eine Entweihung ist.

Die vierte Art der Entweihung vollbringen Menschen, die mit dem Munde fromme und heilige Dinge äußern und dazu in Ton und Gebärden liebevolle Neigungen vortäuschen, obgleich sie im Herzen weder glauben noch lieben. Die meisten von ihnen sind Heuchler und Pharisäer, denen nach dem Tode alles Wahre und Gute genommen wird, worauf sie in die äußerste Finsternis versetzt werden. Wer von ihnen sich auf Gedanken gegen das Göttliche und das Wort, also gegen das, was im Wort geistig ist, versteift hatte, sitzt dort stumm und sprachlos. Zwar möchten diese Geister wie in der Welt, fromme und heilige Dinge schwatzen, können es aber nicht. In der gei­stigen Welt ist jeder gezwungen, so zu reden, wie er denkt. Der Heuchler aber will anders reden, als er denkt, und so entsteht in seinem Mund eine Gegenwirkung, wodurch er höchstens noch mucksen kann. Heucheleien wiegen aber leichter oder schwerer, je nach der Art ihrer Begründung gegen Gott und wie im Äußeren über ihn geredet wurde.

Die fünfte Art der Entweihung geschieht seitens derer, die das Göttliche sich selbst zuschreiben. Die Betreffenden wer­den unter Luzifer bei Jes. 14 verstanden, mit dem Babel gemeint ist, wie aus Jes. 4/22 hervorgeht, wo auch das Schicksal der Betreffenden beschrieben wird. Auch unter der großen Hure, die nach Offb. 17 auf einem scharlachroten Tier sitzt, werden sie verstanden und beschrieben. Im Wort werden an vielen Stellen Babel und Chaldäa genannt und unter Babel die Entweihung des Guten, unter Chaldäa die des Wahren verstanden, beides bezieht sich auf Menschen, die das Göttliche sich selbst zu­schreiben.

Die sechste Art von Entweihung geschieht durch Men­schen, die zwar das Wort anerkennen, trotzdem aber das Gött­liche des Herrn leugnen. In der Welt kennt man sie als Socini­aner, einige auch als Arianer. Der Los der einen wie der ande­ren besteht darin, daß sie den göttlichen Vater, nicht aber den Herrn anrufen. Beständig bitten Sie den Vater — einige von ihnen bitten auch um des Sohnes willen —, sie möchten in den Himmel aufgenommen werden, doch vergebens. Zuletzt geben sie die Hoffnung auf und werden dann in die Hölle unter die Gottesleugner versetzt. Unter ihnen werden jene verstanden, die den heiligen Geist leugnen und denen Mat. 12/32 zufolge weder in dieser noch in jener Welt vergeben wird. Der Grund ist, daß Gott der Person und dem Wesen nach einer ist und die Dreieinigkeit in Ihm besteht. Dieser Gott ist der Herr. Da nun der Herr zugleich auch der Himmel ist, die Bewohner des Him­mels also im Herrn sind, darum kann, wer das Göttliche des Herrn leugnet, nicht in den Himmel eingelassen werden und im Herrn sein. Oben wurde gezeigt, daß der Herr der Himmel ist und daher die Bewohner des Himmels im Herrn sind.1

1) Anm. des Ü.: Das tönt nicht nach einem liebenden Gott; jedoch spricht Swe­denborg hier von denen die sich durch "Begründungen" so fest in ihrer Leug­nung der Göttlichkeit des Herrn bestärkt hallten, daß sie auch nach dem Tode unbelehrbar bleiben.

Die siebte Art der Entweihung begehen jene, die zu­erst die göttlichen Wahrheiten anerkennen und auch entspre­chend leben, später aber abfallen und leugnen. Dies ist die schlimmste Art von Entweihung, weil die betreffenden Men­schen die heiligen Dinge derart mit den profanen vermischen, daß sie sich nicht mehr trennen lassen. Sie müssen aber ge­trennt werden, damit die Betreffenden entweder im Himmel oder in der Hölle sein können. Weil aber bei ihnen die Tren­nung nicht geschehen kann, wird ihnen alle menschliche Er­kenntnis  und Willens Fähigkeit genommen. So sind sie, wie oben gesagt wurde, keine eigentlichen Menschen mehr. Ganz ähnlich ergeht es denen die zwar im Herzen das Göttliche der Kirche und des Wortes anerkennen, es jedoch völlig in ihr Ei­genes versenken, d.h. in die Begierde, über alles zu herrschen. Darüber wurde oben ausführlich gesprochen. Diese Menschen wollen sich nach dem Tode, wenn sie Geister geworden sind, durchaus nicht vom Herrn, sondern nur von sich selbst führen lassen. Läßt man ihrer Begierde die Zügel schießen, wollen sie nicht allein über den Himmel, sondern auch über den Herrn herrschen. Weil sie das nicht können, leugnen sie den Herrn und werden zu Teufeln. Man muß wissen, daß die Lebens­liebe, die zugleich die herrschende Liebe ist, bei jedem Men­schen nach dem Tode erhalten bleibt und nicht weggenom­men werden kann.

 Die zu dieser Gattung gehörenden Menschen werden unter den Lauen verstanden, von denen es in der Offenba­rung heißt:

„Ich kenne deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist; o daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, will ich dich ausspeien aus meinem Mund.“(3/14 16)

Diese Art von Entweihung beschreibt der Herr bei Matthäus folgendermaßen:

„Wenn aber der unsaubere Geist vom Menschen ausfährt, geht er durch dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. Dann sagt er: Ich will umkehren in mein Haus, dar­aus ich gegangen bin. Und wenn er kommt, findet er es leerstehend, gekehrt und geschmückt. Da geht er hin und nimmt zu sich sieben andere Geister, noch arger als er selbst, und sie gehen hinein und wohnen daselbst, und es wird zuletzt mit dem Menschen noch ärger als zuvor.“ (Mat. 12/43 45)

Die Bekehrung des Menschen wird hier durch das Aus­fahren des unreinen Geistes aus ihm beschrieben, sein Zurück­fallen in noch ärgeres Böses nach der Verwerfung des Guten und Wahren durch den unreinen Geist, der zusammen mit sie­ben noch schlimmeren als er selbst in das für ihn geschmückte Haus zurückkehrt, und die Entweihung des Heiligen durch das Profane dadurch, daß es mit dem Menschen zuletzt schlimmer wird als zuvor. Ähnliches ist auch an folgender Stelle bei Jo­hannes 5/14 zu Verstehen:

Jesus sprach zu dem am Teich Bethesda: „Sündige hinfort nicht mehr, damit dir nichts Schlimmeres geschehe“.

Der Herr sieht vor, daß der Mensch die Wahrheiten nicht zuerst innerlich anerkennt, dann aber wieder davon abfällt und zu einem Unheiligen wird. Das ist mit den Worten gemeint:

„Er hat ihre Augen geblendet und ihr Herz verhärtet, daß sie nicht mit den Augen sehen und mit dem Herzen ver­stehen und umkehren, und ich sie heile.“ (Joh. 12/40)

„Daß sie nicht umkehren und ich sie heile“ bedeutet, daß sie die Wahrheiten nicht anerkennen und dann abfallen, also Entheiligte werden. Aus demselben Grund sprach der Herr in Gleichnissen, wie er selbst bei Mat. 13/13 sagt. Den Juden war es darum verboten, Fett und Blut zu essen (3 Mose 3/17; 7/23, 25 f), weil sie das Heilige nicht entweihen sollten, bezeichnete doch das Fett das Göttlich Gute und das Blut das Göttlich-­Wahre. Der einmal Bekehrte soll bis ans Ende seines Lebens im Guten und Wahren bleiben, wie der Herr bei Matthäus lehrt:

„Wer beharrt bis ans Ende, der wird errettet werden.“ (10/22; Mark. 13/13)

Darum läßt der Herr den Menschen Innerlich nur so weit in die Wahrheiten der Weisheit und zugleich ins Gute der Liebe eindringen, wie er darin bis ans Ende seines Lebens bewahrt werden kann.

*232. Um den Nachweis dafür zu er­bringen, müssen wir der Reihe nach vorgehen, und zwar aus zwei Gründen: einmal, weil es für das Heil wichtig ist, zum an­deren, weil von der Erkenntnis dieses Gesetzes der Vorsehung auch die Erkenntnis der Gesetze der Zulassung abhängt, die im folgenden Kapitel behandelt werden. Für das Heil des Menschen ist es wichtig, weil er das Heilige aufs schlimmste entweiht, wenn er das Göttliche des Wortes und von daher auch das Göttliche der Kirche zuerst anerkennt, sich dann aber wieder davon abwendet. Dies Geheimnis der göttlichen Vorsehung so aufzuzeigen, daß es der vernünftige Mensch in dem ihm eigenen Licht erkennen kann, wird es in der folgenden Ordnung dargelegt:

  1. Im Inneren des Menschen kann Böses und Gutes nicht beisammen sein, daher auch nicht das Falsche des Bösen und das Wahre des Guten.

  2. Der Herr kann das Gute und dessen Wahres nur so weit in das Innere des Menschen einfließen lassen, wie das Böse und dessen Falsches daraus entfernt ist.

  3. Würde das Gute mit seinem Wahren einfließen, ehe das geschehen ist, oder würde es in größerer Fülle einfließen als das Böse mit seinem Falschen entfernt ist, der Mensch würde sich vom Guten zurückziehen und wieder seinem Bösen zuwenden.

  4. Befindet sich der Mensch im Bösen, können seinem Verstand viele Wahrheiten beigebracht und im Gedächtnis be­wahrt werden, ohne dadurch entweiht zu werden.

  5. Der Herr trägt jedoch durch seine göttliche Vorsehung die größte Sorge, daß sie nicht früher und nicht in größerem Maß in den Willen des Menschen aufgenommen werden, als dieser das Böse in seinem äußeren Menschen wie von sich aus entfernt hat.

  6. Geschähe das vorher und in größerem Maß, der Wille würde das Gute verkehren und der Verstand das Wahre verfäl­schen, da dann das Gute mit dem Bösen und das Wahre mit dem Falschen vermischt würden.

  7. Aus diesen Gründen läßt der Herr den Menschen nicht tiefer ins Wahre der Weisheit und ins Gute der Liebe eindringen, als er bis ans Ende seines Lebens darin erhalten werden kann.

*233. Diese eben angeführten Punkte sollen nun im ein­zelnen erklärt werden, um dieses Geheimnis der göttlichen Vorsehung so aufzuzeigen, daß es der vernünftige Mensch in dem ihm eigenen Licht Schauen kann.

1.) Böses und Gutes können in den inneren Regio­nen des Menschen nicht beisammen sein, folglich auch nicht das Falsche des Bösen und das Wahre des Guten.

Unter den in­neren Regionen des Menschen ist das Innere seines Denkens zu verstehen. Von diesem weiß der Mensch überhaupt nichts, bis er nach dem Tode in die geistige Welt und deren Licht ge­langt. In der natürlichen Welt läßt es sich nämlich nur aus dem Lustreiz seiner Liebe, der in seinem äußeren Denken erscheint, sowie aus dem Bösen selbst erkennen, sofern er es bei sich un­tersucht. Denn inneres und äußeres Denken hängen beim Menschen, wie oben gezeigt wurde, so eng zusammen, daß sie sich nicht trennen lassen. Aber darüber wurde oben mehr ge­sagt. Hier wird gesprochen vom Guten und vom Wahren des Guten sowie vom Bösen und vom Falschen des Bösen, weil weder das Gute denkbar ist ohne sein Wahres noch das Böse ohne sein Falsches, sind sie doch Genossen oder Gatten. Das Gute hat nämlich sein Leben von seinem Wahren und das Wahre hat es von seinem Guten. Dasselbe gilt für das Böse und sein Falsches.

Der vernünftige Mensch kann auch ohne Erklärung ver­stehen, daß das Böse mit seinem Falschen und das Gute mit sei­nem Wahren in den inneren Bereichen des Menschen nicht zusammen bleiben können, da das Böse dem Guten und das Gute dem Bösen entgegengesetzt ist. Gegensätze schließen ein­ander aus. Dazu kommt, daß in allem Bösen Haß gegen das Gute wurzelt, in allem Guten aber die Neigung, sich vor dem Bösen zu schützen und es von sich fernzuhalten. Daraus folgt, daß eins mit dem anderen nicht zusammen sein kann und, wäre das doch der Fall, es zuerst zum Zusammenstoß und Kampf und schließlich zur Zerstörung käme. Das lehrt auch der Herr mit den Worten:

„Jedes Reich, das mit sich selbst entzweit ist, wird verwü­stet, und keine Stadt und kein Haus, das mit sich selbst entzweit ist, wird bestehen bleiben... Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ Mat. l2/25, 30)

Und an anderer Stelle:

„Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten.“ (Mat. 6/24)

Zwei Gegensätze können nicht gleichzeitig in einer Substanz oder Form sein, ohne daß diese zerstört und untergehen würde. Ginge der eine auf den anderen zu und sie kämen sich zu nahe, wurden sie sich wie zwei Feinde gänzlich trennen: der eine bliebe innerhalb seines Lagers oder seiner Festungswerke der andere würde sich nach außerhalb zurückziehen. Das ereignet sich beim Heuchler mit dem Bösen und Guten. Der Heuchler selber ist in beiden, aber das Böse ist innen in ihm und das Gute außen. Auf diese Weise sind beide doch getrennt und nicht ver­mischt. Damit ist klar, daß das Böse mit seinem Falschen und das Gute mit seinem Wahren nicht zusammen sein können.

2.) Das Gute und sein Wahres kann den inne­ren Bereichen des Menschen nur insoweit eingeflößt werden wie das Böse mit seinem Falschen daraus entfernt ist.

Genau das folgt aus dem Vorhergehenden; denn da Böses und Gutes nicht zusammen sein können, kann auch das Gute nicht ein­geflößt werden, ehe das Böse entfernt ist. Es heißt „in den in­neren Bereichen des Menschen“, damit ist das Innere des Den­kens gemeint, und davon ist hier die Rede. In ihm muß ent­weder der Herr oder der Teufel sein. Der Herr ist darin nach der Umbildung, der Teufel vor derselben. Wieweit sich also der Mensch umbilden läßt, soweit wird auch der Teufel ausge­stoßen. Wieweit er sich aber nicht umbilden läßt, insoweit bleibt auch der Teufel. Wer verstünde nicht, daß der Herr nicht eintreten kann, solange sich der Teufel darin aufhält? Dieser aber bleibt so lange, wie der Mensch die Tür zu dem Bereich in sich verschlossen hält, in dem er mit dem Herrn zusammen sein kann. Der Herr tritt ein, sobald der Mensch diese Tür öff­net, wie der Herr in der Offenbarung des Johannes lehrt:

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich zu ihm hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten, und er mit mir.“ (3/20)

Die Tür wird dadurch geöffnet, daß der Mensch das Böse entfernt indem er es flieht und als etwas Höllisches und Teuf­lisches verabscheut; denn ob man sagt „das Böse“ oder „der Teufel“ läuft immer auf dasselbe hinaus, und umgekehrt gilt das auch dafür, ob man vom „Guten“ oder vom „Herrn“ spricht, ist doch in allem Guten inwendig der Herr und in allem Bösen der Teufel. Damit dürfte die Wahrheit dieser Sache klar sein.

3.) Würde das Gute mit seinem Wahren dem Menschen früher oder in größerem Ausmaß eingeflößt als das Böse mit seinem Falschen entfernt ist, der Mensch würde sich vom Guten wiederzurückziehen und zu seinem Bösen zurück­kehren.

Dann hätte nämlich das Böse das Übergewicht und trüge früher oder später den Sieg davon. Solange das Böse noch das Übergewicht hat, kann das Gute nicht in die inner­sten Gemächer eindringen, sondern gelangt nur bis in die Vor­hallen, weil — wie gesagt — Gutes und Böses nicht zusammen sein können. Was sich aber nur in den Vorhallen aufhält, wird von seinem Gegner, der das Innere des Hauses besitzt, hinaus­gedrängt. So kommt es, daß das Gute zurückweicht und der Mensch wieder zu seinem Bösen zurückkehrt. Darin besteht aber die schlimmste Art von Entweihung.

Ferner besteht auch die eigentliche Lust des Lebens darin, sich selbst und die Welt über alles zu lieben, und diese Lust kann nicht von einem Augenblick zum anderen, sondern nur nach und nach entfernt werden. Doch soviel von dieser Lust beim Menschen zurückbleibt, so groß ist auch das Über­gewicht des Bösen. Dieses Böse läßt sich nur dadurch entfer­nen, daß aus der Selbstliebe eine Liebe zu Nutzwirkungen wird — bzw. daß die Liebe, über andere zu herrschen, kein Selbst­zweck mehr ist, sondern die Nutzwirkung zum Ziel hat. Dann bilden nämlich die Nutzwirkungen das Haupt und die Selbst­liebe oder Liebe zur Ausübung von Herrschaft zuerst den Leib unter dem Haupt und schließlich die Füße, mit denen sie sich fortbewegt. Wer sähe nicht ein, daß das Gute das Haupt bilden muß und, wenn das der Fall ist, der Herr darin wohnt? Denn das Gute und die Nutzwirkungen sind ein und dasselbe. Und wer sähe nicht ein, daß im Bösen, wenn es das Haupt darstellt, der Teufel wohnt? Und weil gleichwohl das bürgerlich und sitt­lich Gute und — der äußeren Form nach — auch das geistig Gute aufgenommen werden muß, so bildet es doch nur Füße und Fußsohlen und wird untergetreten.

Der Lebenszustand des Menschen muß daher umge­kehrt und was oben ist zum Unteren werden. Doch diese Um­kehrung kann, wie gesagt, nicht von einem Augenblick zum an­deren geschehen. Die innerste Lust des Leben, die der Selbstsucht und der daraus abgeleiteten Herrschsucht entspringt, kann nur nach und nach vermindert und in die Liebe zu Nutz­wirkungen umgewandelt werden. Darum ist es dem Herrn nicht möglich, das Gute früher und in größerem Ausmaß einfließen zu lassen, als das genannte Böse entfernt wird. Würde es früher und in größerem Maße geschehen, der Mensch würde sich vom Guten zurückziehen und zu seinem Bösen zurückkehren.

4.) Wenn der Mensch im Bösen ist, können sei­nem Verstand doch viele Wahrheiten eingegeben und von ihm im Gedächtnis bewahrt werden, ohne daß sie deshalb entweiht werden müßten.

Denn der Verstand fließt nicht in den Willen, sondern umgekehrt der Wille in den Verstand ein; darum kann der Verstand viele Wahrheiten aufnehmen und im Gedächtnis bewahren, ohne daß sie deshalb mit dem Bösen seines Willens vermischt und so das Heilige entweiht würde. Zudem sollte es sich jeder angelegen sein lassen, die Wahrheiten aus dem Wort oder aus der Predigt zu lernen, im Gedächtnis zu behalten und darüber nachzudenken. Der Verstand hat ja doch die Aufgabe, aus den Wahrheiten, die über das Gedächtnis ins Denken ge­langen, den Willen, d.h. den eigentlichen Menschen zu lehren, was er tun soll. Dies ist daher das Hauptmittel der Umbildung. Solange die Wahrheiten nur im Verstand und von da im Ge­dächtnis bleiben, sind sie nicht mit dem Menschen verbunden, sondern außerhalb von ihm.

Das Gedächtnis des Menschen läßt sich mit den Mägen von Wiederkäuern vergleichen. Solange ihr Futter darin verweilt, ist es noch nicht wirklich innerhalb, sondern immer noch außerhalb ihres Körpers; erst wenn sie das Futter aus den Wiederkaumägen herausholen, um es endgültig zu verdauen, wird es ihrem Leben angeeignet und ernährt ihren Körper. Das Gedächtnis des Menschen bewahrt freilich nicht materielle, sondern geistige Speisen, die unter den Wahrheiten, d.h. ei­gentlich Erkenntnissen, zu verstehen sind. Wenn sie der Mensch aus dem Gedächtnis hervorholt und durch Nachden­ken gleichsam wiederkäut, wird sein geistiges Gemüt ernährt. Es ist aber die Liebe seines Willens, die nach ihnen verlangt und gleichsam hungert. Sie bewirkt, daß sie erinnert werden und Nahrung spenden. Ist diese Liebe böse, verlangt und hun­gert sie gleichsam nach Unreinem, ist sie gut, verlangt und hungert sie nach Reinem, sondert, was mit ihr nicht überein­stimmt, aus und entfernt es auf mannigfache Weise.

5.) Aber der Herr trifft aufgrund seiner göttli­chen Vorsehung die größte Vorsorge, daß Wahrheiten nicht früher und in größerem Umfang in den Willen aufgenommen werden, als der Mensch das Böse wie von sich aus in seinem Äußeren entfernt.

Denn was vom Willen aufgenommen wird, gelangt in den Menschen, wird ihm angeeignet und zum Be­standteil seines Lebens. Im inneren Leben selbst aber, das der Mensch aufgrund seines Willens hat, kann Böses und Gutes nicht gleichzeitig sein, sonst würde es untergehen. Im Verstand hingegen kann beides nebeneinander bestehen, was hier als Falsches des Bösen bzw. Wahres des Guten bezeichnet wird. Sie sind jedoch nicht beisammen, könnte doch sonst der Mensch weder das Böse vom Guten aus sehen noch das Gute vom Bösen aus erkennen. Vielmehr werden sie im Verstand ge­trennt und gesondert, wie in einem Haus, in Inneres und Äuße­res. Wenn ein böser Mensch Gutes denkt und spricht, kommt es aus seinem Äußeren, ist es böse, aus seinem Inneren. Spricht er etwas Gutes aus, tönt seine Rede so, als käme sie aus einer Wand. Man kann sie auch mit einer Frucht Vergleichen, die auf der Oberfläche schön, innen aber wurmstichig und faul ist, oder auch mit der Schale eines Drachen Eies.

6.) Würden jene Wahrheiten zu früh und in größerem Umfang in den Willen aufgenommen, würde der Wille das Gute verunreinigen und der Verstand das Wahre ver­fälschen, und zwar durch Vermischung mit dem Bösen und dessen Falschen.

Ist der Wille im Bösen, so verkehrt er im Ver­stand das Gute, und dieses ist im Willen Böses. Denn der Ver­stand liefert die Begründung dafür, daß das Böse gut sei und umgekehrt. So verfährt das Böse mit allem Guten, das ihm entgegensteht. Das Böse verfälscht auch das Wahre, denn das Wahre des Guten bildet den Gegensatz zum Falschen des Bösen. Auch dies bewirkt der Wille im Verstand und nicht der Verstand aus sich. Im Wort werden die Verkehrungen des Guten als Ehebrüche beschrieben und die Verfälschungen des Wahren als die damit zusammenhängenden Hurereien. Diese „Ehebrüche“ und Verfälschungen kommen zustande entweder durch die Vernünfteleien des dem Bösen verhafteten natürli­chen Menschen, oder durch Begründungen die aus den Schein­barkeiten des buchstäblichen Schriftsinnes abgeleitet werden.

Die Eigenliebe, das Haupt alles Bösen, übertrifft die anderen Grundneigungen an Geschicklichkeit, das Gute zu verkehren und das Wahre zu verfälschen. Es gelingt ihr durch den Mißbrauch der Vernunft, die allen Menschen, guten wie bösen, vom Herrn gegeben ist. Ja, sie kann es mithilfe von Be­gründungen sogar dahin bringen, daß das Böse ganz und gar wie Gutes und Falsches wie Wahres erscheint. Was wäre ihr schon unmöglich, wo sie doch durch tausend Beweise be­gründen kann, daß die Natur sich selbst erschaffen habe und danach Pflanzen, Tiere und Menschen aller Art; ferner, daß die Natur durch ihren verborgenen Einfluß bewirke, daß die Men­schen leben, analytisch denken und einsichtsvoll sein können?! Das Kennzeichen der Eigenliebe, nämlich alles zu begründen, was sie will, beruht darauf, daß ihre äußere Oberfläche eine Art Lichtglanz hervorbringt, der in verschiedenen Farben brilliert. Dieser Glanz gehört zur Glorie jener Liebe, weise zu sein und dadurch andere zu überragen und zu beherrschen.

Hat nun diese Liebe das erst einmal bei sich begrün­det, wird sie derart blind, daß es ihr nicht mehr möglich ist, einen Unterschied zwischen Mensch und Tier zu sehen, das ja auf ähnliche Weise denke und wenn es nur reden könnte, unter anderer Form ebenfalls Mensch wäre. Könnten diese Menschen auf irgendeine Weise überredet werden zu glauben, daß etwas vom Menschen nach dem Tode weiterlebe, würden sie in ihrer Blindheit glauben, daß das auch für die Tiere gelte. Fer­ner würden sie meinen, dieses Etwas, das den Tod überlebe, sei nur ein feiner Lebenshauch, einem Dunst gleich, der dann wieder zu seinem Leichnam zurückkehre. Oder es handle sich bei diesem Etwas um etwas Lebendes ohne Gesicht, Gehör und Sprache, also um etwas Blindes, Taubes und Stummes, das um­herflattert und denkt  zu schweigen von anderen Torheiten, die ihrer Phantasie von der an sich leblosen Natur eingegeben wird. Das alles bewirkt die Selbstliebe, die an sich betrachtet eine Liebe des Eigenen ist. Das Eigene des Menschen ist aber hinsichtlich seiner Neigungen, die samt und sonders natürlich sind, dem Leben der Tiere nicht unähnlich, und weil seine Nei­gungen seine Wahrnehmungen bestimmen, ähnelt dieses Ei­gene dem einer Nachteule. Ein Mensch, dessen Gedanken daher unablässig um sein Eigenes kreisen, kann sich nicht aus dem natürlichen Licht ins geistige erheben und etwas von Gott, vom Himmel und ewigen Leben erkennen. Die Beschaffenheit der Eigenliebe und ihre große Geschicklichkeit alles Beliebige zu begründen, kann daher ebenso geschickt auch das Gute des Wortes ins Gegenteil verkehren und dessen Wahres verfäl­schen, wenn es ihr aus irgendeinem Grund als nötig erscheint, sie zu bekennen.

7.) Deshalb läßt der Herr den Menschen nicht tiefer in die Wahrheiten der Weisheit und ins Gute der Liebe eindringen, als er bis ans Ende seines Bebens darin bewahrt werden kann.

Dies kehrt der Herr vor, damit der Mensch nicht jener schrecklichsten Art von Entweihung verfalle, von der in diesem Kapitel gehandelt wurde. Der gleichen Gefahr wegen läßt der Herr auch das Böse im Leben sowie viele Irrlehren im Gottesdienst zu. Darüber mehr im nächsten Abschnitt.

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Teil 13 - Auch die Gesetze der Zulassung sind Gesetze der göttlichen Vorsehung.



*234. Es gibt keine Gesetze der Zulassung, die für sich und getrennt von den Gesetzen der göttlichen Vorsehung bestünden, vielmehr sind es dieselben. Darum spricht man auch von Gottes Zulassung, meint jedoch nicht, Gott wolle es, sondern nur, daß er es im Interesse seines Zieles, der Seligmachung, nicht verhin­dern könne. Alles, was im Interesse dieses Ziels geschieht, ent­spricht den Gesetzen der göttlichen Vorsehung. Denn, wie be­reits gesagt, die göttliche Vorsehung wirkt beständig in eine vom Willen des Menschen abweichende, ja entgegengesetzte Richtung, stets das Ziel bedenkend. In jedem Augenblick ihres Wirkens oder Fortschreitens, in dem sie den Menschen vom Ziel abirren sieht, leitet, lenkt und disponiert sie ihn ihren Ge­setzen gemäß, indem sie ihn vom Bösen weg und zum Guten hinführt. Wie man im Folgenden sehen wird, kann das nicht ohne Zulassung des Bösen geschehen. Außerdem kann ohne Ursache nichts zugelassen werden, die wiederum nur in irgendeinem Gesetz der göttlichen Vorsehung liegen kann, das darüber Aufschluß gibt, warum etwas zugelassen wird.

*235. Wer keine göttliche Vorsehung anerkennen will, er­kennt in seinem Herzen auch Gott nicht an. An die Stelle Got­tes tritt für ihn die Natur und anstelle der göttlichen Vorsehung menschliche Klugheit. Das kommt nicht ohne weiteres zum Vorschein, weil der Mensch so und auch wieder anders den­ken, sich so oder anders äußern kann. Aus seinem inneren Ich vermag er nämlich anders zu denken und zu reden als aus sei­nem äußeren. Er gleicht einer Türangel, um die sich eine Schwingtür nach beiden Seiten wenden kann, anders beim Ein­tritt als beim Austritt; oder auch einem Segel, das ein Schiff nach beiden Seiten drehen kann, je nachdem wie es der Schiffsherr ausspannt. Menschen, die sich so sehr auf ihre Klugheit versteift haben, daß sie die göttliche Vorsehung leug­nen, bemerken — solange sie diese Gedanken hegen — bei allem, was sie sehen, hören oder lesen, nichts anderes. Sie können auch gar nichts anderes bemerken, weil sie nichts aus dem Himmel aufnehmen, sondern nur aus sich. und weil sie ihre Schlüsse aufgrund von bloßen Scheinbarkeiten und Täu­schungen ziehen und gar nichts anderes erkennen, können sie schwören, daß es sich so verhalte. Wenn sie dabei allein die Natur anerkennen, können sie gegen die Verfechter der göttli­chen Vorsehung in Zorn geraten. Nicht jedoch wenn es sich bei diesen um Priester handelt bei denen sie voraussetzen dergleichen zu behaupten, gehöre einfach zu ihrer Lehre oder ihrem Amt.

*236. Hier soll nun einiges von dem aufgezählt werden, was durch Zulassung geschieht und doch den Gesetzen der göttlichen Vorsehung gemäß ist. Diese veranlassen den bloß natürlichen Menschen, sich für die Natur und gegen Gott, sowie für die menschliche Klugheit und gegen die göttliche Vorsehung zu entscheiden. So liest er z.B. im Wort, Adam und Eva, die weisesten aller Menschen, hätten sich von einer Schlange verführen lassen, und Gott habe das durch seine Vor­sehung nicht abgewendet. Ihr erster Sohn Kain habe seinen Bruder Abel getötet; Gott habe ihn aber nicht davon abgehal­ten, sondern erst nach der Tat mit ihm gesprochen und ihn ver­flucht. Das israelitische Volk habe in der Wüste ein goldenes Kalb angebetet und als den Gott anerkannt, der sie aus Ägyp­ten herausgeführt habe. Dabei habe Gott es aus der Nähe vom Berge Sinai mit angesehen aber nicht verhindert. Ferner liest er, David habe das Volk gezählt und darum sei die Pest über sie gekommen durch die viele Tausende von Menschen star­ben. Gott aber habe nicht vor, sondern erst nach der Tat Da­vids den Propheten Gad zu ihm gesandt und die Strafe an­gekündigt. Salomo und vielen Königen nach ihm sei die Ein­führung götzendienerischer Kulte, die Entweihung des Tempels und seiner Heiligtümer zugelassen worden. Schließ­lich sei diesem Volk erlaubt worden, den Herrn zu kreuzigen. Bei diesen und vielen anderen Bibeltexten erblickt, wer nur die Natur und menschliche Klugheit gelten läßt, das Gegenteil von göttlicher Vorsehung. Darum kann er sich bei seiner Leugnung der göttlichen Vorsehung darauf berufen. Er leugnet sie zwar nicht in seinem äußeren Denken, aus dem heraus er sich äußert, wohl aber im inneren, über das er nicht spricht.

*237. Wer sich selbst und die Natur anbetet, bestärkt sich gegen die göttliche Vorsehung beim Blick auf die vielen Gott­losen (impietates) in der Welt und die Verbrechen die sie be­gehen, deren sich einige noch rühmen, ohne daß Gott sie bestraft. Noch mehr bestärkt er sich gegen die göttliche Vorse­hung, wenn er sieht, wie Ränke, List und Betrug selbst ge­genüber Frommen, Gerechten und Redlichen gelingen, und wie die Ungerechtigkeit über Gerechtigkeit bei Gerichten und Geschäften triumphiert. Vor allem aber bestärkt er sich gegen die Vorsehung, wenn er sieht, wie Gottlose zu Ansehen gelangen, in Staat und Kirche zu Ämtern aufsteigen, große Vermö­gen aufhäufen und herrlich und in Freuden leben, während umgekehrt Menschen die Gott verehren in Verachtung und Armut leben. Eine weitere Bestärkung in seiner Leugnung fin­det er darin, daß Kriege zugelassen werden und damit der Tod ungezählter Menschen, die Plünderung und Zerstörung zahl­reicher Städte, Völker und Familien, wobei der Sieg sich meist auf die Seite der Klugheit wendet und nicht auf die der Ge­rechtigkeit und es nicht darauf ankommt, ob ein Befehlshaber gewissenlos oder gewissenhaft ist, usw. — lauter Zulassungen gemäß den Gesetzen der göttlichen Vorsehung.

*238. Dieser bloß natürliche Mensch bestärkt sich in sei­ner Leugnung der göttlichen Vorsehung, wenn er an die Reli­gionen der verschiedenen Völker denkt, worunter einige sind, die gar nichts von Gott wissen, andere, die Sonne und Mond, Gespenster und Götzenbilder selbst monströser Art, oder auch verstorbene Menschen anbeten. Ferner, wenn er bedenkt, daß der Islam von so vielen Kaiser  und Königreichen aufgenom­men wurde, während das Christentum nur in Europa, dem kleinsten Kontinent der bewohnbaren Erde, herrscht und durch Spaltungen geteilt ist. Wobei es noch dazu im Christen­tum Menschen gibt, die sich göttliche Gewalt anmaßen und wie Götter verehrt werden wollen, verstorbene Menschen (Heilige) anrufen oder ihr heil in gewisse Glaubens Formeln setzen, die sie denken und aussprechen, nicht aber in das Gute das sie tun sollten. Dazu kommt, daß nur wenige nach ihrer Religion auch wirklich leben, ganz zu schweigen von den verschiedenen Ketzereien, die es gab und gibt, wie die Quäker, die Herrnhuter, Wiedertäufer usw. Auch die Tatsache, daß das Judentum noch immer besteht, bestärkt den Leugner der göttlichen Vorsehung. Aus alledem schließt er, daß die Religion an sich nichts wert sei, wohl aber als Fessel diene.

*239. Diese Argumente lassen sich heutzutage noch durch andere ergänzen, die den Menschen zur Bestärkung dienen können, die sich in ihrem inneren Denken für die Natur und die alleinige Geltung der menschlichen Klugheit entschieden haben: z.B. daß die gesamte Christenheit drei Götter anerkannt hat und nicht weiß, daß Gott der Person und Wesenheit nach nur Einer ist: der Herr; die Unkenntnis davon, daß im Einzelnen des Wortes ein geistiger Sinn liegt, auf dem seine Heiligkeit be­ruht; die Unkenntnis, daß die wahre christliche Religion darin besteht, das Böse als Sünde zu fliehen, und daß der Mensch nach dem Tod als Mensch weiterlebt. Bei sich und unter sich können die Betreffenden sagen: Wenn es eine göttliche Vorse­hung gibt, warum offenbart sie diese Dinge erst jetzt?

*240. Was in # 237 239 aufgezählt wurde, ist samt und sonders angeführt worden, um zu zeigen, daß alles, was im Großen und im Kleinen in der Welt — bei Bösen wie bei Guten   geschieht, ein Werk der göttlichen Vorsehung ist. Diese wal­tet mithin in den kleinsten Einzelheiten der Gedanken und Handlungen des Menschen und ist auf diese Weise universell. Doch weil das aus dem oben Gesagten nur dann zu erkennen ist, wenn die einzelnen Punkte einer nach dem anderen erläu­tert werden, soll das in der angeführten Ordnung in aller Kürze geschehen. Beginnen wir mit # 236:

Adam und Eva, die weisesten aller Men­schen, ließen sich von einer Schlange verführen, und Gott hat es durch seine Vorsehung nicht abgewendet.

*241. Das beruht darauf, daß mit Adam und seinem Weib nicht die ersten, in dieser Welt erschaffenen Menschen gemeint sind, sondern die Menschen der ältesten Kirche. Deren Neuschaffung oder Wiedergeburt werden auf diese Weise im ersten Kapitel der Genesis durch die Schöpfung von Himmel und Erde beschrie­ben, ihre Weisheit und Einsicht unter dem Garten Edens und das Ende ihrer Kirche durch das Essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Das Wort ist in seinem Innern geistig und enthält Geheimnisse der göttlichen Weisheit und ist, um diese enthalten zu können, in lauter Entsprechungen und Vorbildungen (repraesentationes) geschrieben. Daraus er­gibt sich, daß die Menschen der ältesten Kirche, die anfänglich die weisesten waren und am Ende infolge ihres Stolzes auf ei­gene Einsicht die schlimmsten wurden, sich keineswegs durch die Schlange verführen ließen sondern durch ihre Eigenliebe, die hier durch das Haupt der Schlange bezeichnet wird, das der Herr Jesus Christus, der „Same des Weibes“, zertreten sollte.

Sollte man nicht aufgrund seiner Vernunft erkennen, daß hier etwas anderes gemeint ist, als was der buchstäbliche Sinn der Geschichte erzählt? Denn wer könnte begreifen, daß sich die Schöpfung der Welt wörtlich so abgespielt hätte, wie es hier dargestellt wird? Das ist auch der Grund, weshalb sich die Gelehrten so sehr mit der Erklärung des Inhalts vom 1. Ka­pitel der Genesis abmühen und sie zuletzt selber zugeben müs­sen, daß sie es nicht verstehen. Das gilt auch für den Bericht über den Garten bzw. das Paradies, daß dort zwei Bäume ge­pflanzt worden sein sollen: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis, letzterer als Anstoß. Es gilt ebenso für Adam und sein Weib, die sich durch das bloße Essen von die­sem Baum so sehr Versündigten, daß nicht nur sie selbst, son­dern auch ihre Nachkommenschaft, das ganze menschliche Geschlechts der ewigen Verdammnis unterworfen wurden. Fer­ner, daß eine Schlange sie verführen konnte und anderes, wie z.B. die Erschaffung des Weibes aus einer Rippe des Mannes, und daß sie nach dem Fall ihre Nacktheit erkannt und mit Fei­genblättern verhüllt hätten, worauf Gott ihnen Rocke aus Fell machte, um ihren Körper zu bedecken und Cherube mit flam­menden Schwertern aufstellte, um den Weg zum Baum des Le­bens zu bewachen.

Dies alles sind bildliche Darstellungen welche die Gründung der ältesten Kirche, ihren Zustand und die eintre­tenden Veränderungen und schließlich ihre Zerstörung be­schreiben. Die Erklärung der Geheimnisse des geistigen Sinns, die im einzelnen all dieser Geschichten enthalten sind, kann man in den „Himmlischen Geheimnissen über das erste und zweite Buch Mose“ — herausgegeben zu London — finden. Dar­aus ist auch zu ersehen, daß unter dem Baum des Lebens der Herr hinsichtlich seiner göttlichen Vorsehung zu verstehen ist, unter dem Baum der Erkenntnis aber der Mensch, seine eigene Klugheit betreffend.

Ihr erster Sohn Kain habe seinen Bruder Abel getötet, Gott habe ihn aber nicht davon abgehalten, sondern erst nach der Tat mit ihm gesprochen und ihn verflucht.

*242. Wie eben gesagt, ist unter Adam und seinem Weib die älteste Kirche zu verstehen, darum hat man unter Kain und Abel, ihren ersten Söhnen, die beiden Wesenselemente (essen­tialia) der Kirche zu verstehen, nämlich die Liebe und Weisheit, bzw. die tätige Liebe und den Glauben, wobei Abel die Liebe und tätige Liebe, Kain die Weisheit oder den Glauben, insbe­sondere aber die von der Liebe getrennte Weisheit bzw. den von der tätigen Liebe getrennten Glauben darstellt. Getrennte Weisheit und getrennter Glaube aber verwerfen aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht nur die Liebe und tätige Liebe, sondern löschen sie auch aus, weshalb Kain seinen eigenen Bruder tötet. In der Christenheit weiß man zur Genüge, daß der Glaube ohne tätige Liebe so handelt. Man vergleiche hierzu „Die Lehre des Neuen Jerusalems über den Glauben“. Mit der Verfluchung Kains ist versteckt der geistige Zustand gemeint, in den Menschen nach dem Tode kommen die den Glauben von der tätigen Liebe bzw. die Weisheit von der Liebe trennen. Aber damit Weisheit oder Glaube dennoch nicht untergingen, wurde Kain mit einem Zeichen versehen, daß er nicht getötet würde, denn ohne Weisheit gibt es auch keine Liebe und ohne Glauben keine tätige Liebe. Es wird damit fast dasselbe darge­stellt, wie durch das Essen vom Baum der Erkenntnis, daher folgt es ordnungsgemäß nach der Beschreibung Adams und seines Weibes. Menschen, die einem von tätiger Liebe getrenn­ten Glauben anhängen, vertrauen auch auf ihre eigene Ein­sicht. Die Einsicht derer jedoch, die tätige Liebe üben und deren Glaube sich darauf gründet, stammt vom Herr, und sie sind daher im Einklang mit der göttlichen Vorsehung.

Das israelitische Volk habe in der Wüste ein goldenes Kalb angebetet und als den Gott anerkannt, der sie aus Ägypten herausgeführt habe. Dabei habe Gott es aus der Nähe vom Berge Sinai mit angesehen, aber nicht verhindert.

*243. Dieser Vorfall ereignete sich in der Wüste Sinai nahe beim Berg Horeb. Daß Jehovah sie nicht vom Frevel dieses Götzendienstes abhielt, geschah in Übereinstimmung mit allen bisher angeführten und allen noch folgenden Geset­zen der göttlichen Vorsehung. Dieses Böse wurde ihnen zuge­lassen, damit sie nicht samt und sonders verloren gingen. Die Kinder Israels wurden nämlich aus Ägypten herausgeführt, um die Kirche des Herrn sinnbildlich darzustellen (ut repraesenta­rent ecclesiam). Aber das war erst möglich, nachdem der ägyp­tische Götzendienst mit der Wurzel aus ihren Herzen ausgeris­sen war. Das wiederum hätte nicht geschehen können, wäre ihnen nicht erlaubt worden zu handeln, wie es ihrem Herzen gemäß war. Erst dann konnte es durch schwere Bestrafung aus­geräumt werden. In den „Himmlischen Geheimnissen“ kann man bei der Behandlung von Kap. 33 des 2. Buches Mose nachlesen, was noch weiter durch jenen Götzendienst wie durch die Drohung bezeichnet wird, daß sie gänzlich verwor­fen und durch Moses ein neues Volk erweckt werden würde.

David habe das Volk gezählt und darum sei die Pest über sie gekommen, durch die viele Tausende von Menschen starben. Gott aber habe nicht vor, sondern erst nach der Tat Davids den Propheten Gad zu ihm ge­sandt und die Strafe angekündigt.

*244. Wer sich bestärkt hat, daß es keine göttliche Vorsehung gibt, kann auch über diesen Text mancherlei denken und in Erwägung Ziehen, vor allem, wes­halb David nicht zuvor ermahnt und warum das Volk wegen der Übertretung seines Königs so hart bestraft wurde. Das Volk wurde aber nicht des Königs wegen bestraft, als 70'000 Men­schen an der Pest sterben mußten, sondern um seiner eigenen Schuld willen, heißt es doch:

„Der Zorn Jehovahs entbrannte abermals gegen Israel, daß er David gegen das Volk reizte durch die Aufforde­rung: „Gehe hin und zähle Israel und Juda.“ (2 Kö. 24/1)

*245. Salomo sei die Einführung götzendieneri­scher Kulte zugelassen worden.

Das geschah, weil er das Reich des Herrn oder die Kirche in allen Religionen auf der ganzen Erde sinnbildlich darstellen sollte. Denn die beim isra­elitischen und jüdischen Volk gegründete Kirche war darstel­lender Natur. Alle ihre Gesetze und Vorschriften stellten die geistigen Dinge, die das Innere der Kirche ausmachen, sinn­bildlich dar: Das Volk selbst die Kirche, der König den Herrn, David den Herrn, der in die Welt kommen sollte, und Salomo den Herrn nach seiner Ankunft. Weil der Herr nach der Ver­herrlichung seines Menschlichen, wie er selbst bei Mat. 28/18 sagt, alle Gewalt über Himmel und Erde hat, erschien Salomo, der ihn repräsentierte, in Pracht und Herrlichkeit, war weiser als alle anderen irdischen Könige und errichtete den Tempel. Zudem erlaubte er den Kult mehrerer Völker, die die verschie­denen Religionen auf Erden sinnbildlich darstellten, bzw. führte sie persönlich ein. Etwas ähnliches bedeuten auch seine 700 Weiber und 300 Konkubinen (1 Kö. 11/3); denn „Weib“ be­zeichnet im Wort die Kirche und Konkubinen eine Art von abergläubischer Religion (religiosum kann auch heißen: aber­gläubisch oder scheinheilig). Daraus kann man erkennen, weshalb es Salomo gegeben wurde, den Tempel zu errichten, der nach Joh. 2/19, 21 das Göttlich Menschliche des Herrn wie auch die Kirche bedeutete. Ferner, weshalb ihm zugelassen wurde, Götzendienste einzuführen und so viele Weiber zu neh­men. Unter David aber wird, wie man im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems vom Herrn“ in # 43 f. nachlesen kann, der Herr verstanden, der in die Welt kommen sollte.

Vielen Königen nach Salomo sei die Ent­weihung des Tempels und seiner Heiligtümer zugelassen worden.

*246. Das geschah, weil das Volk sinnbildlich die Kirche und der König ihr Haupt repräsentierte, das israelitische und jüdische Volk aber so geartet war, daß sie die Kirche nicht über längere Zeit sinnbildlich darstellen konnten, da sie im Herzen Götzendiener waren. Nach und nach fielen sie daher vom sinn­bildlichen Gottesdienst ab und verkehrten alles, was zur Kirche gehörte, bis sie es zuletzt gänzlich verwüsteten. Das wurde durch die Entweihungen des Tempels seitens der Könige und durch ihre Götzendienste sinnbildlich dargestellt — die Verwü­stung der Kirche selbst durch die Zerstörung des Tempels und die Wegführung der Israeliten, sowie durch die Gefangenschaft der Juden in Babylonien. Dies also war die Ursache, und alles, was aus einer Ursache geschieht, beruht auf irgendeinem Gesetz der göttlichen Vorsehung.

Diesem Volk sei zugelassen worden, den Herrn zu kreuzigen.

*247. Das geschah, weil die Kirche bei diesem Volk gänzlich verwüstet war, in einem Maß, daß sie den Herrn nicht nur nicht erkannten und anerkannten, sondern ihn sogar haßten. Gleichwohl war alles, was sie ihm antaten, in Überein­stimmung mit den Gesetzen seiner göttlichen Vorsehung. Das Leiden am Kreuz war die letzte Versuchung oder der letzte Kampf, durch den der Herr seinen Sieg über die Höllen und die Verherrlichung seines Menschlichen vervollständigte. Man vergl. „Die Lehre des Neuen Jerusalems vom Herrn“ # 12 14 und „Die Lehre des Neuen Jerusalems vom Glauben4“, # 34 f.

*248. Bis hierher die Erläuterungen zu einigen Stellen des Wortes, die oben in # 236 angeführt wurden und durch die sich der vernünftelnde natürliche Mensch in seiner Abneigung gegen die göttliche Vorsehung bestärken kann, wie oben be­reits gesagt, kann ein solcher Mensch alles, was er sieht, hört und liest als Beweis gegen die göttliche Vorsehung benutzen. Doch sind es nur wenige, die sich aufgrund der Stellen im Wort gegenüber der göttlichen Vorsehung verhärten, weit mehr tun es aus Gründen die vor Augen liegen und in # 237 angeführt wurde. Dies soll nun in gleicher Weise erklärt werden.

Wer sich selbst und die Natur anbetet, be­stärkt sich gegen die göttliche Vorsehung im Blick auf die vielen Gottlosen (Ruchlosen) in der Welt und ihre Ver­brechen, derer sich einige sogar noch rühmen, ohne daß Gott sie bestraft.

*249. Alle Gottlosigkeiten (bzw. Ruchlosigkeiten) und alles Sich rühmen ob derselben sind Zulassungen, die ihre Ursache ebenfalls in den Gesetzen der göttlichen Vorsehung haben. Jeder Mensch hat ja völlige Freiheit zu denken was er will, ob gegen oder für Gott. Wer gegen Gott denkt wird in der natürlichen Welt nur selten bestraft, ist er doch hier noch stets im Zustand der Umbildung. Anders nach dem Tode in der gei­stigen Welt. Dort wird ein solcher Mensch bestraft, weil er dann auch nicht mehr umgebildet werden kann.1

1) Anm. d.Ü.: Der Autor spricht hier nach dem Artschein. Es ist nicht Gott, der ihn bestraft. Seine Gottlosigkeit straft sich selbst, weil sie ihn in Gesellschaft mit seinesgleichen bringt, die wie er selbst nur hassen und einander Leid zu­fügen können.

Der Grund all jener Zulassungen liegt in den Gesetzen der göttlichen Vorsehung, wie aus deren oben angeführten Ge­setzen klar hervorgeht, wenn sie ins Gedächtnis zurückgerufen und erläutert werden: Der Mensch soll mit freiem Willen und in Übereinstimmung mit seiner Vernunft handeln. Diese Ge­setze wurden oben # 71 97 behandelt. Der Mensch soll nicht durch äußere Mittel zum Denken und Wollen gezwungen wer­den, also auch nicht zu Glauben und Liebe, d.h. zur Religion. Vielmehr soll er sich selbst dazu bringen und zuweilen zwin­gen. Das wurde oben # 129 153 dargelegt. Es gibt keine eigene Klugheit, es scheint nur so, als ob es sie gäbe und muß auch so scheinen. In Wirklichkeit ist aber die göttliche Vorsehung allumfassend, weil sie bis ins Einzelnste geht. Vgl. # 191 213. Die göttliche Vorsehung hat das Ewige im Auge, das Zeitliche nur soweit es übereinstimmt mit dem Ewigen. Vgl. # 214 220. Der Mensch wird nicht tiefer in die Glaubenswahrheiten und ins Gute der tätigen Liebe eingelassen, als er darin bis ans Ende seines Lebens erhalten werden kann. Zu diesem Gesetz sehe man # 221 233.

Auch aus dem Folgenden wird deutlich werden, daß die Zulassungen auf den Gesetzen der göttlichen Vorsehung be­ruhen: z.B. daraus, daß das Böse um des Endzwecks, d.h. um des ewigen Heils wegen zugelassen wird; ferner, daß sich die göttliche Vorsehung unausgesetzt sowohl um die Bösen wie um die Guten kümmert, und schließlich daraus, daß der Herr nicht gegen die Gesetze seiner eigenen göttlichen Vorsehung han­deln kann. Denn das hieße soviel wie gegen sich selbst — seine göttliche Liebe und Weisheit — handeln. Vergleicht man diese Gesetze, werden die Gründe deutlich, weshalb der Herr Gott­losigkeit (oder Ruchlosigkeit) zuläßt und nicht bestraft, so­lange sie sich nur im Denken, selten auch in der Absicht und damit im Willen befinden, aber nicht in der Tat. Dennoch ist es so, daß jedem Bösen seine Strafe nachfolgt, ist es doch, als ob dem Bösen seine Strafe eingeschrieben wäre, die der Gottlose (oder Ruchlose) nach dem Tode erleidet.

Aufgrund all dessen, was hier vorgebracht wurde, er­klärt sich auch, was in # 237 angeführt wurde:

Wer sich selbst und die Natur anbetet, bestärkt sich noch mehr gegen die göttliche Vorsehung, wenn er sieht, wie Ränke, List und Betrug selbst gegenüber From­men, Gerechten und Redlichen gelingen, und wie die Un­gerechtigkeit über die Gerechtigkeit bei Gerichten und Geschäften triumphiert.

Alle Gesetze der göttlichen Vorse­hung sind Notwendigkeiten, in denen man die Gründe für alle derartigen Zulassungen zu suchen hat, darum ist klar: um dem Menschen zu ermöglichen, als Mensch zu leben, umgebildet zu werden und das Heil zu erlangen, kann der Herr diese Dinge nur mittelbar durch sein Wort beseitigen. Bei Menschen, die alle Arten von Mord, Ehebruch, Diebstahl und falschem Zeugnis als Sünde anerkennen, bewirkt der Herr das insbe­sondere durch die Vorschriften der Zehn Gebote. Bei den anderen, die diese Vergehen nicht als Sünde betrachten, mittelbar durch die bürgerlichen Gesetze und die Furcht vor den darin angedrohten Strafen; Ebenso durch moralische Gesetze und der damit verbundenen Furcht vor Verlust des guten Na­mens, der Ehre und des Gewinns. Durch diese Mittel lenkt der Herr die Bösen freilich nur vom Tun, nicht aber von den Ge­danken an solche Dinge und dem Streben danach ab. Die Guten hingegen lenkt der Herr durch die zuerst genannten Mittel nicht nur vom Tun ab, sondern auch von ihren Gedanken daran und dem Wunsch, sie zu tun.

Wer sich selbst und die Natur anbetet, be­stärkt sich gegen die Vorsehung, wenn er sieht, wie Gott­lose zu Ansehen gelangen, in Staat und Kirche zu Ämtern aufsteigen, große Vermögen aufhäufen und herrlich und in Freuden leben, während umgekehrt Menschen, die Gott ehren, in Verachtung und Armut leben.

*250.     Der Mensch, der sich selbst und die Natur anbetet, hält weltliche Würden und Güter für die größten und einzig möglichen Seligkeiten. Wenn er an Gott denkt, als Folge der ihm von Kindheit an zu­teil gewordenen religiösen Erziehung, bezeichnet er diese Güter als einen Segen Gottes. Solange sein Ehrgeiz nicht noch höher strebt, erkennt er Gott an und verehrt ihn auch. Aber sei­ner Gottes Verehrung liegt — ihm selbst unbewußt —, die Vor­stellung zugrunde, daß Gott ihm zu noch höheren Würden und noch größerem Reichtum verhelfen möge. Gelangt er dazu, sinkt seine Frömmigkeit mehr und mehr ins Äußerliche ab, bis sie ihm endlich ganz entgleitet und er Gott für nichts achtet und leugnet. Ähnlich verhielte er sich, wurden ihm Würden und Güter entzogen, an die er sein Herz gehängt hat. Sind also für die bösen Menschen Würden und Güter etwas anderes als Fallstricke?

Sie sind es freilich nicht für die Guten, da diese ihr Herz nicht an sie hängen, sondern an die Nutzwirkungen oder das Gute, das sie mit ihrer Hilfe vollbringen können. So kann die Tatsache, daß Gottlose (Ruchlose) zu Würden und Reich­tum gelangen, nur den in seiner Ablehnung der göttlichen Vor­sehung bestärken, der sich selbst und die Natur verehrt. Und übrigens: Was ist schon höhere oder geringere Würde, größe­rer oder geringerer Reichtum? Sind sie nicht an sich bloße Illu­sionen? Ist der eine glücklicher oder seliger als der andere? Und wird nicht die Würde bei den Großen, ja beim König und Kaiser schon nach einem Jahr als etwas ganz Gewöhnliches be­trachtet, über das man sich nicht mehr von Herzen freut, das man vielleicht sogar gering schätzt? Stehen sie ihrer Würden wegen auf einer höheren Stufe der Glückseligkeit als Men­schen, denen nur eine geringe Würde, vielleicht sogar die al­lergeringste zugefallen ist, wie Pächter (coloni) oder gar ihre Knechte? Können diese nicht sogar auf einer höheren Stufe der Glückseligkeit stehen, wenn sie gesund und mit ihrem Ge­schick zufrieden sind? Wer ist in seinem Inneren unruhiger, grollt öfter und zürnt heftiger als die Eigenliebe? Das geschieht, so oft sie nicht entsprechend dem Hochmut ihres Herzens ge­ehrt wird oder etwas nicht nach ihrem Wunsch und Willen geht. Ist also die Würde, sofern sie nicht einer Sache oder Nutz­wirkung dient, etwas anderes als eine bloße Illusion? Kann je­mand, der solche Vorstellungen hegt, überhaupt an etwas an­deres denken, als an sich und die Welt, ja wird er nicht mei­nen, die Welt sei alles und die Ewigkeit nichts?

Hier sei noch einiges zu der Frage angefügt, warum es die göttliche Vorsehung zuläßt, daß im Herzen Gottlose (Ruch­lose) Würden und Reichtum erwerben können: Sie können nämlich ebensoviel, ja feuriger Nutzen stiften als Fromme oder Gute, haben sie doch dabei sich selbst und die Auszeichnun­gen als das ihnen Nützliche im Sinn. Im Grad wie die Eigen­liebe steigt, entbrennt sie vor Begierde, um des eigenen Ruh­mes willen Nutzen zu schaffen. Bei den Frommen oder Guten findet sich kein derartiges Feuer, es sei denn, es werde heim­lich vom Streben nach Ehre genährt. Darum leitet der Herr im Herzen Gottlose, die in Würden stehen, mittels ihres Strebens nach Ruhm und regt sie an, sich für das Allgemeinwohl oder das Vaterland, die Gemeinde oder Stadt, in der sie wohnen, wie auch für den einzelnen Mitbürger oder Nächsten nützlich zu er­weisen. So regiert der Herr  bzw. die göttliche Vorsehung — in bezug auf solche Menschen, ist doch das Reich des Herrn ein Reich der Nutzwirkungen; und wenn es nur wenige gibt, die Nutzwirkungen um der Nutzwirkungen willen leisten, sorgt er dafür, daß diese Verehrer ihrer selbst zu höheren Ämtern erho­ben werden, in denen sie durch ihre Eigenliebe zum Tun von Gutem angetrieben werden.

Stell dir — obwohl es das nicht gibt — ein höllisches Reich auf Erden vor, in dem nur selbstsüchtige Neigungen herrschen (denn die Selbstsucht ist der Teufel). Wird nicht ein jeder aus dem Feuer seiner Selbstliebe und um seines Ruhmes willen mehr Nutzen schaffen als in eitlem anderen Reich? Sie alle werden dabei das öffentliche Wohl im Munde führen, im Herzen freilich nur an den eigenen Vorteil denken. Und da jeder von ihnen seinen Fürsten (oder Vorgesetzten) nur ehrt, um dadurch selber höher zu steigen   strebt er doch danach, selber der Größte zu werden —, wie könnte er begreifen, daß es einen Gott gibt? Ihn umhüllt Rauch wie von einer Feuers­brunst, den keine geistige Wahrheit mit ihrem Licht zu durch­dringen vermag. Ich habe selbst diesen Rauch in den Höllen dieser Selbstsüchtigen gesehen. Zünde dir eine Laterne an und siehe zu, wieviele Menschen es heutzutage in den verschiede­nen Staaten gibt, die nach Würden Streben ohne dazu von ihrer Selbstliebe und Weltliebe angetrieben zu werden. Wirst du wohl unter Tausend fünfzig finden, die von der Liebe zu Gott erfüllt sind? Und unter ihnen werden nur einige wenige sein, die nach Würden streben. Da es nun so wenige gibt, die von der Liebe zu Gott und so viele, die von Selbst  und Welt­liebe beherrscht werden, diese Liebesarten aber aufgrund ihres Feuereifers mehr Nutzen leisten als die Liebe zu Gott aufgrund des ihrigen, wie kann sich da jemand gegenüber der göttlichen Vorsehung verhärten, weil die Bösen mehr als die Guten zu Ansehen und Reichtum gelangen?

Das wird auch durch die folgenden Worte des Herrn bestätigt:

„Der Herr lobte den unehrlichen Verwalter, daß er klug ge­handelt habe; denn — sagte er — die Kinder dieser Weltzeit sind klüger im Verkehr mit ihresgleichen als die Kinder des Lichts. Auch ich sage euch: Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er euch ausgeht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“ (Luk. 16/8 f)

Was man im natürlichen Sinn unter diesen Worten zu ver­stehen hat, ist klar. Im geistigen Sinn aber sind unter dem un­gerechten Mammon Erkenntnisse des Guten und Wahren zu verstehen, die die Bösen besitzen und nur anwenden, um sich dadurch Würden und Reichtum zu verschaffen. Eben diese Er­kenntnisse sind es auch, mit denen die Guten, die Kinder des Lichts, sich Freunde machen sollen und die dafür sorgen, daß sie einst in die ewigen Hütten aufgenommen werden. Daß viele Menschen Welt  und Selbstliebe haben und nur wenige Liebe zu Gott, lehrt ebenfalls der Herr, wenn er sagt:

„Weit ist die Pforte und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind ihrer viele, die auf ihm eingehen. Eng dagegen ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und nur wenige sind es, die ihn finden.“ (Mat. 7/13 f)

Oben in # 217 wurde gezeigt, daß Würden und Reichtum ent­weder Segen oder Fluch sind, und für wen sie das eine oder andere sind.

Wer sich selbst und die Natur anbetet, be­stärkt sich gegen die göttliche Vorsehung, wenn er daran denkt, daß Kriege zugelassen und dann so viele Men­schen getötet und ihrer Güter beraubt werden. 

*251. An der göttlichen Vorsehung liegt es nicht, daß es Kriege gibt, gehen sie doch einher mit Mord, Raub, Gewalttaten, Grausamkeiten und schrecklichen Übeln aller Art, die im schroffsten Gegen­satz zur christlichen Liebe stehen. Dennoch müssen sie zuge­lassen werden, da sich die Lebensliebe der Menschen seit den Menschen der ältesten Kirche, die unter Adam und seinem Weib zu verstehen ist (vgl. # 241), dahin entwickelt hat, daß sie über andere und schließlich über alle Menschen herrschen und die Schätze der Welt und schließlich sogar alle Schätze der Welt besitzen will. Diese beiden Arten der Liebe, die Selbst  und Weltliebe, können nicht unterdrückt werden, da der göttlichen Vorsehung zufolge jeder aus freiem Willen nach der Vernunft handeln darf (vgl. oben # 71 97), und weil der Herr den Men­schen nicht ohne Zulassungen vom Bösen abbringen, folglich nicht umbilden und selig machen könnte. Wenn nämlich nicht zugelassen würde, daß das Böse zum Ausbruch kommt, würde der Mensch es gar nicht sehen, also auch nicht anerkennen, und er könnte nicht dazu gebracht werden, ihm zu widerste­hen. Aus diesem Grund läßt sich das Böse auf keine Weise durch die Vorsehung verhindern. Andernfalls bliebe es wie ab­gekapselt und ähnlich wie die Krebskrankheit oder der Brand, es würde um sich greifen und alle Lebenskraft des Menschen verzehren.

Der Mensch ist nämlich von Geburt an etwas wie eine kleine Hölle, die beständig mit dem Himmel im Streit liegt. Nie­mand kann aber vom Herrn aus der Hölle befreit werden, ehe er nicht selber erkennt, daß er darin ist  oder wenn er gar nicht herausgezogen werden will. Ohne Zulassungen, deren Ursa­chen Gesetze der göttlichen Vorsehung sind, kann das nicht geschehen. Darum gibt es kleinere und größere Kriege   klei­nere zwischen den Landbesitzern und ihren Nachbarn, größere zwischen den Monarchen von Staaten und ihren Nachbarn. Der Unterschied zwischen kleineren und größeren Kriegen besteht lediglich darin, daß die kleineren durch das Zivilrecht, die größeren aber durch das Völkerrecht in gewissen Schranken gehalten werden. Gleichwohl haben die kleineren wie die größeren Kriege die Tendenz Gesetze zu brechen, was den kleineren nicht gelingt, wohl aber den größeren, wenn auch in den Grenzen des Möglichen.

Es gibt eine Reihe von Ursachen, weshalb der Herr größeren Krieg, obgleich verbunden mit Mord, Raub, Gewalt­taten und Grausamkeiten, bei Herrschern und Feldherrn nicht unterbindet, weder zu Beginn noch wenn sie im Gang sind, sondern erst am Ende, wenn die Macht der einen oder ande­ren Seite derart geschwächt ist, daß ihr der Untergang droht. Diese Ursachen liegen in der Schatzkammer der göttlichen Weisheit verborgen, einige sind mir geoffenbart worden. Unter anderen erfuhr ich, daß alle Kriege, sosehr sie auch staatlicher Natur sind, doch Zustände der Kirche im Himmel darstellen und Entsprechungen sind. Dieser Art waren auch alle im Wort beschriebenen Kriege, und gleicher Art sind auch alle heutigen Kriege. Im Wort werden die Kriege der Kinder Israel mit ver­schiedenen Völkern behandelt z.B. Amoritern, Ammonitern, Moabitern, Philistern, Syrern, Ägyptern, Chaldäern und Assy­rern. Wenn die Kinder Israels die die Kirche vorbildeten, von den Vorschriften und Geboten abwichen und dem Bösen an­heimfielen, das durch die von ihnen bekämpften Völker be­zeichnet wurde   denn jedes Volk, gegen das die Israeliten Krieg führten, bezeichnete irgendeine Art des Bösen , wurden sie von einem dieser Völker bestraft, so beispielsweise durch die Assyrer und Chaldäer, als sie die Heiligtümer der Kirche durch schändliche Götzendienste entweihten. Assyrien und Chaldäa bezeichneten nämlich die Entweihung des Heiligen. Was insbesondere durch die Kriege mit den Philistern bezeich­net wurde, lese man nach im Werk „Die Lehre des Neuen Je­rusalems vom Glaubens (# 50 54).

Ähnliches wird durch die heutigen Kriege bezeichnet, wo auch immer sie stattfinden mögen. Denn alles, was in der natürlichen Welt geschieht, steht in Entsprechung mit Geisti­gem in der geistigen Welt, und alles Geistige betrifft die Kirche. Bei uns weiß man nicht, welche Staaten in der christlichen Welt die Moabiter und Ammoniter widerspiegeln, welche die Syrer und Philister, welche die Chaldäer und Assyrer und all die anderen, gegen die die Kinder Israels Krieg führten. Und doch gibt es solche Beziehungen. Weil aber in der natürlichen Welt nur das Äußere offen zutageliegt, das nicht die Kirche bildet, kann man hier nicht erkennen, wie der Zustand der irdischen Kirche beschaffen ist und welches Böse sie durch Kriege als Strafe trifft. In der geistigen Welt aber, wo das Innere der Kir­che zum Vorschein kommt, sieht man es sehr wohl. Auch wer­den dort alle in Übereinstimmung mit ihren verschiedenen Zu­ständen in Verbindung gebracht. Ihre Streitigkeiten in der gei­stigen Welt entsprechen den Kriegen, die in beiden Welten vom Herrn in Übereinstimmung mit seiner göttlichen Vorse­hung in entsprechender Weise geleitet werden.

Der geistige Mensch erkennt an, daß Kriege in der Welt von der göttlichen Vorsehung beherrscht werden, nicht aber der natürliche Mensch, oder doch nur, wenn der Sieg ge­feiert wird, wo er dann dem Herrn auf Knien dankt, daß er den Sieg verliehen hat, aber auch weil er vielleicht vor Beginn des Kampfes einige Worte an ihn gerichtet hat. Doch wenn er wie­der zu sich selbst kommt, schreibt er den Sieg entweder dem Können des Feldherrn, irgendeinem Kriegsrat oder einem un­vorhergesehenen, während des Kampfes eingetretenen Ereig­nis zu, das zum Sieg geführt habe.

Wie man oben (# 212) nachlesen kann, waltet jedoch die göttliche Vorsehung, auch Glück genannt, selbst im Einzeln­sten ganz unbedeutender Dinge. Erkennst du schon in diesen Dingen die göttliche Vorsehung an, wieviel mehr mußt du sie dann in den Kriegsereignissen anerkennen! Tatsächlich spricht man gewöhnlich auch bei Erfolgen und gelungenen kriegeri­schen Unternehmungen vom „Kriegsglück“ (Fortuna belli), und dabei handelte es sich eben um die göttliche Vorsehung, insbe­sondere im Hinblick auf die Planungen und Überlegungen des Feldherrn, auch wenn dieser im Moment und nachher alles sei­ner eigenen Klugheit zuschrieb. Das darf er freilich tun, wenn er will, ist er doch völlig frei, positiv oder negativ über die gött­liche Vorsehung zu denken, ja auch für oder gegen Gott. Aber er soll wissen, daß seine Überlegungen und Planungen nicht im geringsten von ihm selbst stammen, weil alles entweder aus dem Himmel oder aus der Hölle einfließt  aus der Hölle auf­grund von Zulassung, aus dem Himmel durch die Vorsehung.

Wer sich selbst und die Natur anbetet, be­stärkt sich in seiner Abneigung gegenüber der göttlichen Vorsehung, wenn er seiner Wahrnehmung gemäß denkt, daß der Sieg zuweilen der Klugheit und nicht der Ge­rechtigkeit zufällt, unabhängig davon, ob ein Befehlsha­ber gewissenhaft oder gewissenlos ist.

*252. Daß es so aussieht, als falle der Sieg zuweilen der Klugheit und nicht der Gerech­tigkeit zu, beruht darauf, daß der Mensch nach dem Schein ur­teilt und sich für eine der beiden Parteien entscheidet und weil er Vernunftgründe anführen kann, weshalb er die eine bevor­zugt. Er weiß aber nicht, daß die Gerechtigkeit einer Streitsa­che im Himmel geistig, in der Welt hingegen natürlich beur­teilt wird, wie soeben dargelegt, und daß alles in einem Zu­sammenhang der vergangenen und der zukünftigen Ereignisse steht, die dem Herrn allein bekannt sind.

Oben in # 250 wurde die Ursache begründet, weshalb es nichts ausmacht, ob ein Befehlshaber gewissenhaft oder ge­wissenlos ist: die Bösen können nämlich wie die Guten Nütz­liches leisten, ja infolge ihrer Leidenschaft (ignis) mit größerem Eifer als die Guten. Das zeigt sich besonders im Krieg, weil der Böse Täuschungen listiger und schlauer ersinnt, und zudem in seiner Ruhmsucht gieriger als der Gute darauf brennt, seine er­klärten Feinde zu töten und auszuplündern. Klugheit und Eifer des Guten sind mehr darauf gerichtet, sich zu verteidigen als anzugreifen. Derselbe Unterschied gilt für die Geister der Hölle und die Engel des Himmels: erstere greifen an, letztere schüt­zen sich. Hieraus ergibt sich der logische Schluß, daß jeder sein Vaterland und die mit ihm verbundenen Menschen gegen an­greifende Feinde verteidigen darf  auch durch böse Feldherrn  , es ist aber nicht erlaubt, selber ohne Ursache zum Feind zu werden. Geschieht es um des Ruhmes willen, ist es an sich teuflisch, da Ruhm mit Selbstsucht zusammenhängt.

*253. Bisher wurde in dem oben # 237 Angeführten erör­tert, wie sich der bloß natürliche Mensch in seiner Abneigung gegen die göttliche Vorsehung bestärkt. In der Folge soll erör­tert werden, was oben in # 238 darüber gesagt wurde, daß dem bloß natürlichen Menschen auch die Religionen anderer Völker als Gründe dienen können, sich in seiner Abneigung gegen die göttliche Vorsehung zu bestärken. In seinem Herzen spricht er nämlich: Wie kann es so viele voneinander abweichende Reli­gionen geben, warum nicht lieber eine einzige wahre Religion für die gesamte Menschheit, wo doch, wie oben in # 27 bis 45 gezeigt wurde, der Endzweck der göttlichen Vorsehung ein Himmel aus dem menschlichen Geschlecht ist? Aber höre lie­ber Leser: Alle Menschen, in welche Religion sie auch immer hineingeboren wurden, können gerettet werden — vorausge­setzt, sie erkennen Gott an und leben nach den Vorschriften, die in den Zehn Geboten ausgedrückt sind: du sollst nicht mor­den, nicht ehebrechen, nicht stehlen, kein falsches Zeugnis ablegen; denn gegen diese Gesetze handeln, heißt gegen die Religion, also gegen Gott verstoßen. Menschen, die sie achten, sind gottesfürchtig und lieben den Nächsten — gottesfürchtig, weil sie bedenken, daß sie durch Mißachtung dieser Gebote nicht gegen Gott verstoßen wollen, und weil morden, ehebre­chen, stehlen, falsches Zeugnis ablegen und des anderen Haus und Weib begehren, sich gegen den Nächsten richtet, den sie lieben. Solche Menschen werden, da sie in ihrem Leben zu Gott aufschauen und dem Nächsten nichts Böses tun, vom Herrn geführt. Wer auf diese Weise geführt wird, der wird auch in Übereinstimmung mit seiner Religion über Gott und den Nächsten belehrt. Menschen, die so leben, lassen sich gern be­lehren, ungern jedoch, wer anders lebt. Und weil jene sich gern belehren lassen, werden sie nach ihrem Tod, als Geist­wesen, von Engeln unterrichtet und nehmen gern die Wahr­heiten an, die im Wort sind. Mehr darüber findet man in dem Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift“ # 91 97 und 104 113.

Der bloß natürliche Mensch bestärkt sich in seiner Abneigung gegenüber der göttlichen Vorsehung, wenn er im Hinblick auf die Religionen verschiedener Völker sieht, das es einige gibt die Gott gänzlich leug­nen, andere, die Sonne und Mond oder Götzen und Göt­zenbilder anbeten.

*254. Wer sich durch diese Dinge gegen die göttliche Vorsehung bestärkt, ahnt nichts von den unzähligen Geheimnissen des Himmels, von denen der Mensch kaum eines kennt. Dazu gehört auch, daß der Mensch nicht unmittel­bar, sondern mittelbar aus dem Himmel belehrt wird (dazu vgl. man oben # 154 174). Weil das mittelbar geschieht und das Evangelium nicht auf der ganzen Erde durch Missionare ver­breitet werden konnte, dennoch diese Religion auf verschiede­nen Wegen auch bei Völkern in den unzugänglichen Winkeln der Welt bekannt werden sollte, so ist dies durch die göttliche Vorsehung erfolgt. Kein Mensch ist aus sich selbst religiös, son­dern empfängt Religion durch andere, die entweder selbst durch unmittelbare Offenbarung oder durch Überlieferung von anderen aus dem Wort wissen, daß es einen Gott, Himmel und Hölle und ein Leben nach dem Tode gibt, sowie daß man Gott verehren muß, um selig zu werden.

Im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift“ findet man in # 101 103 den Nachweis, daß die Religion durch das Alte Wort und später durch das Alte Testa­ment über die ganze Welt verbreitet wurde. Ferner steht in # 114 118, daß ohne das Wort niemand etwas gewußt hätte von Gott, von Himmel und Hölle, vom Leben nach dem Tode und noch weniger von Gott. Ist einmal die Religion bei einem Volk eingepflanzt, dann wird es vom Herrn in Übereinstimmung mit den Vorschriften und Lehren seiner Religion geführt. Der Herr hat aber dafür gesorgt, daß sich in jeder Religion ähnliche Vor­schriften finden wie in den Zehn Geboten, wonach man Gott anbeten, seinen Namen nicht entweihen, den Feiertag halten, die Eltern ehren, nicht morden, nicht ehebrechen, nicht steh­len und kein falsches Zeugnis ablegen Soll. Oben in # 253 hieß es, ein Volk, das diese Gebote zu göttlichen macht und aus Re­ligion danach lebt, wird gerettet. Auch die meisten Völker, die entfernt von der Christenheit leben, betrachten diese Gesetze nicht nur als bürgerliche, sondern als göttliche und halten sie dementsprechend heilig. Daß der Mensch durch das Leben nach diesen Geboten gerettet wird, zeigt die Lehre des Neuen Jerusalems aus den Zehn Geboten von Anfang bis Ende.

Zu den himmlischen Geheimnissen gehört auch, daß der ganze Engelhimmel vor dem Herrn wie ein einziger Mensch erscheint, dessen Seele und Leben der Herr selbst ist. Dieser Göttliche Mensch ist seiner ganzen Form nach Mensch, nicht bloß hinsichtlich seiner äußeren, sondern auch seiner inneren Glieder und Organe, die noch zahlreicher sind als die äußeren: Er ist Mensch hinsichtlich der Häute, Membranen, Knorpel und Knochen. All das ist aber nicht materiell, sondern geistig. Der Herr hat Vorsorge getroffen, daß auch die Menschen, zu denen nicht das Evangelium, sondern nur eine Religion gelangen konnte, einen Platz in jenem Göttlichen Menschen, also im Himmel, erhalten können, indem sie in ihm das bilden, was man als Häute, Membranen, Knorpel und Knochen bezeichnet. So können sie ebenso gut wie andere an der himmlischen Freude teilnehmen, denn es kommt nicht darauf an, ob man in einer Freude lebt, wie sie bei den Engeln des höchsten oder des niedrigsten Himmels herrscht, weil ein jeder im Himmel in die höchste Freude seines Herzens kommt. Eine höhere würde er gar nicht aushalten, sondern würde in ihr ersticken.

Es verhält sich damit vergleichsweise wie mit einem Bauern und einem König: Dem Bauern kann es höchste Freude bedeuten, sich in einem neuen Gewand aus grobem Tuch zu zeigen und an einen Tisch zu setzen, auf dem Schweinefleisch, Rindfleisch, Käse, Bier und Branntwein stehen. Er würde sich aber sehr beengt fühlen, wenn er wie ein König mit Purpur, Seide, Gold und Silber einhergehen und an einem Tisch Platz nehmen müßte, an dem für ihn Delikatessen, köstliche Speisen aller Art und edler Wein gedeckt wäre. Das Beispiel zeigt, daß die Letzten wie die Ersten  — jeder auf seiner Stufe — ihre himm­lische Glückseligkeit finden werden, also auch die Menschen außerhalb der christlichen Kirche, wenn sie nur das Böse als Sünde gegen Gott und ihre Religion fliehen.

Es gibt nur wenige, die Gott gänzlich leugnen. Vorausgesetzt, sie haben ein sittliches Leben geführt, werden sie nach ihrem Tode von Engeln unterrichtet und nehmen das Geistige in ihr sittliches Leben auf, wie man der „Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift“ in # 116 nachlesen kann. Dasselbe gilt für Menschen, die Sonne und Mond angebetet haben und glaubten, Gott wohne in ihnen. Da sie es nicht an­ders wissen, wird es ihnen nicht als Sünde angerechnet, sagt doch der Herr:

„Wäret ihr blind (d h. wüßtet ihr es nicht), so hättet ihr keine Sünde.“ (Joh. 9/41)

Größer ist jedoch die Zahl derer, die Götzen oder Göt­zenbilder anbeten   auch in der christlichen Welt. Das ist zwar Abgötterei, jedoch nicht bei denen, die sich der Bilder nur zu dem Zweck bedienen, ihre Gedanken auf Gott zu richten. Es beruht nämlich auf einem Einfluß des Himmels, daß man Gott sehen möchte, wenn man an ihn glaubt. Da die Menschen, von denen hier die Rede ist, ihren Geist nicht über das Sinnliche zu erheben vermögen, wie innerlichere geistige Menschen, ver­suchen sie, sich durch ein gehauenes oder gemaltes Bild dazu zu bringen. Wenn sie das tun, das Bild selbst aber nicht als Gott anbeten und dabei aus Religion nach den Vorschriften der Zehn Gebote leben, werden selig.

Damit ist klar, daß der Herr, da er das Heil aller Men­schen will, Sorge dafür getragen hat, daß jeder seinen Platz im Himmel erlangen kann, wenn er nur gewissenhaft lebt. In # 59­-102 des 1758 zu London erschienenen Werkes „Himmel und Hölle“ sowie in # 5552 5564 der „Himmlischen Geheimnisse“ kann man nachlesen, daß der Himmel vor dem Herrn wie ein einziger Mensch erscheint und bis in die Einzelheiten hinein mit allem in Entsprechung steht, was zum Menschen gehört, und daß es daher auch Menschen gibt, die die Häute, Mem­branen, Knorpel und Knochen widerspiegeln.

Der rein natürliche Mensch bestärkt sich in seiner Abneigung gegenüber der göttlichen Vorsehung, wenn er sieht, daß die mohammedanische Religion von so vieles Regierungen und Staaten angenommen ist.

*255. Die Tatsache, daß diese Religion in mehr Staaten angenommen ist als die christliche, kann den Menschen zum Ärgernis werden, die bei ihrem Nachdenken über die göttliche Vorsehung vor­aussetzen, daß niemand gerettet werden könne, der nicht als Christ geboren und durch das Wort den Herrn kenne. Die Re­ligion der Mohammedaner ist jedoch für niemanden ein An­stoß, der glaubt, daß alles der göttlichen Vorsehung unterliegt. Er forscht nach, worin in diesem Fall ihr Walten besteht und findet auch die Antwort: Es besteht darin, daß die Religion der Mohammedaner den Herrn als Sohn Gottes, den Weisesten aller Menschen und den größten Propheten anerkennt, der in die Welt kam, um die Menschen zu unterrichten. Ein sehr großer Teil von ihnen hält ihn sogar für größer als Mohammed.

Um aber ganz klar zu machen, daß diese Religionsart (religiosum) durch die göttliche Vorsehung ins Leben gerufen wurde, um den Götzendienst mehrerer Völker zu zerstören, muß das in einer gewissen Ordnung erklärt werden. Darum zu­erst etwas über den Ursprung des Götzendienstes: Vor jener Religionsart war der Götzendienst auf der Erde deshalb allge­mein verbreitet, weil die Kirchen vor der Ankunft des Herrn samt und sonders vorbildenden Natur waren. Das gilt auch für die israelitische Kirche, in der die Stiftshütte, die Gewänder Aharons, die Opfer, alle Einzelheiten des Tempels in Jerusalem ebenso wie die Satzungen Geistiges und Himmlisches vorbilde­ten. Bei den Alten war die Wissenschaft von den Entsprechun­gen wie auch der Vorbildungen die Wissenschaft der Weisen, und sie war besonders ausgebildet in Ägypten; daher auch ihre Hieroglyphen. Aufgrund dieser Wissenschaft kannten sie die Bedeutung aller Arten von Tieren und Bäumen, der Berge, Hügel, Flüsse, Quellen, ebenso von Sonne, Mond und Sternen. Und weil ihr ganzer Gottesdienst sinnlich darstellender Natur war und aus lauter Entsprechungen bestand, hielten sie Got­tesdienste auf Bergen und Hügeln, wie auch in Hainen und Gärten, heiligten die Quellen und wendeten beim Gebet ihr Antlitz der aufgehenden Sonne zu. Zudem machten sie sich Skulpturen von Pferden, Stieren, Kälbern, Lämmern, ja von Vö­geln, Fischen und Schlangen, die sie bei sich zu Hause oder an­derwärts aufstellten   je nach der Ordnung der geistigen Dinge der Kirche, denen sie entsprachen oder die sie versinnbildlich­ten. Ähnliche Figuren stellten sie auch in ihren Tempeln auf, um sich das durch sie bezeichnete Heilige stets von neuem ins Bewußtsein zu rufen.

In der Folgezeit ging aber die Kenntnis der Entspre­chungen verloren und man fing an, die Skulpturen selbst als etwas Heiliges zu verehren; Man wußte nicht mehr, daß die Vorfahren nichts Heiliges in ihnen gesehen hatten, sondern nur Sinnbilder, die in Übereinstimmung mit den Entsprechungen heilige Dinge darstellten und bezeichneten. Auf diese Weise entstand der Götzendienst, der sich auf der ganzen Erde ver­breitete, sowohl auf dem asiatischen Kontinent samt zugehöri­gen Inseln als auch auf dem afrikanischen und europäischen. Um alle diese Götzendienste auszurotten, bewirkte die göttli­che Vorsehung des Herrn die Entstehung einer neuen, dem Geist der Orientalen angemessenen Religion, die einiges aus den beiden Testamenten des Wortes aufnahm und lehrte, daß der Herr in die Welt gekommen und der größte Prophet, der weiseste von allen und der Sohn Gottes sei. Das geschah durch Mohammed, nach dem diese Religion die mohammedanische genannt wird.

Diese Religion entstand also durch die göttliche Vor­sehung und war, wie gesagt, dem Geist der Orientalen ange­paßt, um den Götzendienst so vieler Völker zu beseitigen und ihnen schon vor dem Eintritt in die geistige Welt einige Kennt­nis über den Herrn zu vermitteln. Wäre diese Religion nicht den Denk  und Lebensgewohnheiten jener Menschen anbe­quemt und angepaßt worden, hätten nicht so viele Staaten sie aufgenommen und wäre der Götzendienst nicht ausgerottet worden. Der Grund, weshalb diese Kirche den Herrn nicht als den Gott Himmels und der Erde anerkannte, lag darin, daß die Orientalen zwar Gott als den Schöpfer des Universums aner­kannten, aber nicht begreifen konnten, daß er in die Welt ge­kommen sei und ein Menschliches angenommen habe. Aber auch die Christen begreifen das ja nicht, trennen deshalb in ihrem Denken das Göttliche vom Menschlichen im Herrn, und stellen das Göttliche als „zweite Person“ neben den himmli­schen Vater, wissen aber nicht, wohin mit dem Menschlichen.

Daraus kann man ersehen, auch die mohammedanische Religion wurde durch die göttliche Vorsehung ins Leben gerufen, und alle Mohammedaner, die den Herrn als Sohn Got­tes anerkennen und zugleich nach den Vorschriften der Zehn Gebote leben — die ja auch sie haben —, indem sie das Böse als Sünde fliehen, in einen Himmel kommen, der als der moham­medanische bezeichnet wird. Auch dieser Himmel ist dreige­teilt in einen obersten, mittleren und untersten. Im obersten Himmel befinden sich alle, welche den Herrn als eins mit dem Vater, mithin als einzigen Gott anerkennen; Im zweiten Himmel die, welche der Vielweiberei entsagt haben und nun mit einer Frau leben, und im dritten jene, welche eingeführt werden. Mehr über diese Religion in der „Fortsetzung vom Jüngsten Ge­richt und der geistigen Welt“ (# 68 72), wo die Mohammedaner und Mohammed behandelt werden.

Der rein natürliche Mensch bestärkt sich in seiner Abneigung gegenüber der göttlichen Vorse­hung, wenn er wahrnimmt, daß die christliche Religion (im Jahre 1764) nur im kleineren Teil der bewohnbaren Erde, nämlich in Europa Geltung hat und zudem durch Spaltungen geteilt ist.

*256. Der Grund besteht darin, daß die christliche Religion dem Geist der Orientalen nicht so angepaßt ist, wie die mohammedanische, die aus einer Mischung be­steht, wie oben gezeigt wurde. Eine unangepaßte Religion aber wird nicht angenommen, so z.B. eine Religion, die nicht er­laubt, mehrere Frauen zu haben, wenn seit Jahrhunderten Viel­weiberei üblich war. Ähnlich verhält es sich auch mit einigen anderen Bestimmungen der christlichen Religion.

Es kommt auch nicht darauf an, ob der kleinere oder größere Teil der Welt das Christentum angenommen hat, wenn es nur Völker gibt, bei denen das Wort lebendig ist; Denn von hier aus empfangen auch die Menschen Licht, die außerhalb der Kirche leben und das Wort nicht haben. Das wurde im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift“ in # 104 113 erklärt. Und was wunderbar ist: Wo das Wort mit Ehrfurcht gelesen und entsprechend der Herr verehrt wird, da ist der Herr mit dem Himmel gegenwärtig, weil er eben das Wort ist, das Göttlich Wahre, das den Himmel bildet. Darum sagt der Herr:

„Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mat. 18/20)

Dies kann in vielen Teilen der bewohnten Erde durch Europäer verwirklicht werden, da sie mit der ganzen Welt im Verkehr stehen und von ihnen überall das Wort gelesen oder aus demsel­ben gelehrt wird. Man mag das für eine Erfindung halten, es ist aber dennoch wahr.

Die Spaltungen innerhalb der christlichen Religion haben ihre Ursache darin, daß sie aus dem Wort hervorgeht, das Wort aber in lauter Entsprechungen geschrieben ist, die zu einem großen Teil Scheinbarkeiten des Wahren sind, jedoch im Verborgenen echte Wahrheiten in sich schließen. Weil nun die kirchliche Lehre aus dem so beschaffenen Buchstabensinn zu schöpfen ist, konnte nicht ausbleiben, daß in der Kirche Strei­tigkeiten, Kontroversen und abweichende Ansichten entstan­den, vor allem im Hinblick auf das Verständnis des Wortes, ­nicht jedoch im Hinblick auf das Wort und auf die Gottheit des Herrn selbst, da überall die Heiligkeit des Wortes und die Gött­lichkeit des Herrn anerkannt wird. Diese beiden Punkte aber sind das Wesentliche der Kirchen weshalb alle, welche die Gott­heit des Herrn leugnen — wie die sogenannten Socinianer — von der Kirche ausgeschlossen sind und diejenigen, welche die Heiligkeit des Wortes leugnen, nicht als Christen gelten. Die­sen Sätzen möchte ich noch eine Denkwürdigkeit über das Wort hinzufügen, aus der man ersehen kann, daß das Wort in seinem Inneren das Göttlich Wahre selbst, in seinem Innersten aber der Herr ist:

Öffnet ein Geist das Wort und reibt Gesicht oder Ge­wand daran, leuchten sie so hell wie der Mond oder ein Stern, und alle, denen er begegnet, können das sehen. Das beweist, daß es in der Welt nichts Heiligeres gibt als das Wort. Es ist in lauter Entsprechungen geschrieben, wie man im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift“ in # 5 26 nachlesen kann. Ebendort wird von # 60 61 gezeigt, weshalb die Lehre der Kirche aus dem Buchstabensinn des Wortes zu schöpfen und durch ihn zu begründen ist. Und dort wird von # 91 97 darauf hingewiesen, daß aus dem Buchstabensinn des Wortes Irrlehren geschöpft werden können, es aber schädlich ist, sie zu begründen, weiter wird in # 76 79 dargelegt, daß die Kirche aus dem Wort hervorgeht und ihre Beschaffenheit vom Verständnis des Wortes abhängt.

Der bloß natürliche Mensch bestärkt sich gegenüber der göttlichen Vorsehung auch aufgrund der Tatsache, das es in mehreren christlichen Staaten Men­schen gibt, die sich selbst göttliche Gewalt anmaßen, wie Götter verehrt werden wollen und verstorbene Men­schen (Heilige) anrufen.

*257. Die Betreffenden sagen zwar, sie maßen sich keine göttliche Gewalt an und wollten auch nicht wie Götter verehrt werden, behaupten aber doch, sie allein könnten den Himmel öffnen und verschließen, Sünden ver­geben oder behalten, folglich Menschen selig machen oder verdammen — hierin besteht jedoch das eigentlich Göttliche. Denn die göttliche Vorsehung hat kein anderes Ziel als die Umbildung und so die Seligmachung. Dahin wirkt sie unaus­gesetzt bei jedem Menschen. Voraussetzung dazu ist die Aner­kennung der Gottheit des Herrn und die Zuversicht, daß er die Seligkeit auch tatsächlich bewirkt, wenn der Mensch nach sei­nen Geboten lebt.

Wer vermöchte nicht zu sehen, daß diese Religion das in der Offenbarung beschriebene Babylon, sowie das hin und wieder auch von den Propheten erwähnte Babel ist? Aus Jes. 14/4 und 22 geht hervor, daß es auch der Morgenstern (Lucifer) ist:

„So sprich dies Gleichnis von dem König Babel ... Ausrot­ten will ich Babels Namen und Überrest.“

Dies zeigt, daß Babel hier der Morgenstern ist, von dem es in Vers 12 14 heißt:

„O wie bist du vom Himmel gefallen, Morgenstern, du Sohn der Morgenröte! ... sprachst du doch in deinem Her­zen: Ich will zum Himmel aufsteigen, hoch über den Ster­nen Gottes meinen Thron aufrichten, will sitzen auf dem Berg der Zusammenkunft auf der Seite gegen Mitternacht. Ich will auffahren über die Wolkenhöhen und will mich dem Höchsten gleich machen ...“

Es ist bekannt, daß die Katholiken Verstorbene um Hilfe anrufen. Auf dem Konzil zu Trient wurde die Anrufung von Heiligen beschlossen und durch eine päpstliche Bulle bestätigt, in der offen gesagt wird, daß man sie anrufen solle. Wer aber wüßte nicht, daß allein Gott und kein verstorbener Mensch an­gerufen werden darf?

Warum Gott dies zugelassen hat, soll nun gesagt wer­den: Er hat es, wie man nicht leugnen kann, zugelassen um des Endzwecks, d.h. um des Heils willen. Wie man weiß, gibt es ohne den Herrn kein Heil. Darum war notwendig, daß der Herr aufgrund des Wortes gepredigt und so die christliche Kirche gegründet werde. Das war aber nur möglich durch Protagoni­sten, die es mit dem nötigen Eifer taten; Doch fanden sich nur solche, die — getrieben vom Feuer ihrer Selbstsucht — diesen Eifer aufbrachten. Das trieb sie zuerst an, den Herrn zu predi­gen und das Wort zu verkündigen. Im Blick auf diesen ihren anfänglichen Zustand heißt Luzifer „ein Sohn der Morgenröte“.

Aber sobald sie erkannten, daß sie durch die geheiligten Dinge des Wortes und der Kirche herrschen konnten, brach die Selbstsucht, die sie anfänglich angetrieben hatte, den Herrn zu verkündigen, offen aus ihrem Inneren hervor und erreichte schließlich solche Macht, daß sie die göttliche Gewalt des Herrn restlos auf sich übertrugen.

Das konnte durch die göttliche Vorsehung des Herrn nicht verhindert werden, hätten sie doch sonst den Herrn nicht als Gott und das Wort nicht als heilig proklamiert, sondern sich als Sozinianer oder Arianer bekannt und damit die ganze Kirche zerstört. Wie beschaffen aber auch immer die Leitenden sein mögen, die Kirche bleibt dennoch beim einfachen Kirchenvolk erhalten; Denn wer immer den Herrn anruft und das Böse als Sünde flieht, wird selig. Deshalb bilden sie in der geistigen Welt verschiedene himmlische Gesellschaften. Zudem ist dafür ge­sorgt, daß es bei den Christen eine Nation gibt, die sich dieser Herrschaft nicht gebeugt hat und das Wort heilig hält — diese edle Nation ist die französische.1

1) Anm. d.Ü.: Swedenborg denkt hier offenbar an die relative Unabhängigkeit der katholischen Kirche Frankreichs von Rom.

Doch was geschah? Als die Selbstsucht ihre Herrschaft bis zum Thron Got­tes ausgedehnt, Gott vom Thron gestoßen und sich selbst dar­auf gesetzt hatte, mußte diese luziferische Liebe alles entwei­hen, was zum Wort und zur Kirche gehörte. Um das zu verhin­dern, hat der Herr durch seine göttliche Vorsehung dafür gesorgt, daß sie es aufgaben, ihn zu verehren und statt dessen verstorbene Menschen, sogenannte Heilige, anriefen, zu deren Bildern beteten, ihre Gebeine küßten, an ihren Gräbern nie­derknieten und das Lesen des Wortes dem gemeinen Volk un­tersagten. An die Stelle des heiligen Gottesdienstes setzten sie die Messe in lateinischer Sprache, die vom Volk nicht verstan­den wurde und verkauften die Seligkeit für Geld. Hätten sie das nicht getan, würden sie das Heilige der Kirche und des Wortes entweiht haben; Denn — wie im vorigen Abschnitt ge­zeigt wurde — nur wer das Heilige kennt, kann es entweihen.

Um nun nicht auch das allerheiligste Abendmahl zu entweihen, leitete es die göttliche Vorsehung so, daß es geteilt wurde, indem sie dem Volk nur das Brot gaben, aber den Wein selber tranken. Der Wein bezeichnet nämlich im Abendmahl das heilige Wahre, das Brot aber das heilige Gute. Sind sie getrennt, bezeichnet der Wein das entweihte Wahre und das Brot das verkehrte Gute. Dazu kommt, daß man es zu etwas Körperlichem und Materiellen machte und das als Hauptlehre der Kirche lehrte. Wer auf diese Einzelheiten achtet und mit einigermaßen erleuchtetem Gemüt darüber nachdenkt, kann die Wunder erkennen, durch welche die göttliche Vorsehung das eigentliche Heilige der Kirche geschützt und dafür gesorgt hat, daß alle er­löst werden, die nur erlöst werden können und alle, die es wirk­lich wollen, gewissermaßen den Flammen entrissen werden.

Der bloß natürliche Mensch bestärkt sich in seiner Abneigung gegenüber der göttlichen Vorsehung, weil manche Bekenner der christlichen Religion das Heil von gewissen Formeln (vocibus) abhängig machen, die sie denken oder aussprechen, aber ganz und gar nicht von dem Guten das sie tun sollen.

*258. Wie im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems vom Glauben“ gezeigt wurde, handelt es sich hier um Menschen, die den bloßen Glauben als heilbrin­gend betrachten, nicht aber das Leben der tätigen Liebe, mit anderen Worten um alle, die Glaube und tätige Liebe von einander trennen. Im Wort wurden sie auch durch die Philister, den Drachen und die Böcke verstanden.

Auch die Zulassung dieser Lehre geschah aufgrund göttlicher Vorsehung des Herrn, damit das Göttliche des Herrn und das Heilige des Wortes nicht entweiht würden. Das Göttli­che des Herrn wird nicht entweiht, wenn man das Heil von der Formel abhängig macht, "Gott Vater möge sich erbarmen um seines lieben Sohnes willens der am Kreuz gelitten und für uns genug getan hat“. Denn auf diese Weise wendet man sich nicht an das Göttliche, sondern das Menschliche des Herrn, das man nicht als göttlich anerkennt. Und wer nicht auf Stellen im Wort achtet, in denen Liebe, tätige Liebe, Tun und Werke verlangt werden, entweiht sie auch nicht, behaupten jene doch, alles Heil liege schon im Glauben jener Worte. Und wer dies be­gründet, sagt sich: „Das Gesetz verdammt mich nicht, also auch nicht das Böse, und das Gute rettet mich nicht, weil das Gute von mir doch nicht gut ist.“ So gleichen sie jenen, die keine Wahrheit aus dem Wort kennen und es deshalb auch nicht ent­weihen können. Auf den Glauben an jene Formeln aber ver­steifen sich nur Menschen, die aufgrund ihrer Selbstsucht dem Dünkel eigener Einsicht verfallen sind. Im Herzen sind sie auch keine Christen, sondern wollen nur als solche erscheinen. Den­noch wirkt die göttliche Vorsehung unausgesetzt darauf hin, daß die Menschen selig werden, bei denen der von der Liebe getrennte Glaube ohne ihre Schuld zu einer Lehre der Religion geworden ist, wie nun gezeigt werden soll:

Auf dem Wirken der göttlichen Vorsehung beruht es nämlich, daß jeder Mensch trotz der Erklärung des bloßen Glau­bens als Kern der Religion weiß, daß nicht jener Glaube allein selig macht, sondern nur ein Leben der tätigen Liebe, mit dem der Glaube einheitlich zusammenwirkt. In allen Kirchen, in denen jener Glaube als Lehrsatz gilt, wird ja doch gelehrt, daß der Mensch nicht selig werden kann, wenn er sich nicht prüft, seine Sünden erkennt, sie bekennt, Buße tut, von ihnen läßt und ein neues Leben anfängt. Das wird allen, die zum Abendmahl gehen, mit großem Ernst vorgelesen, und man fügt hinzu, wer das nicht tue, würde das Heilige mit dem Profanen vermischen und sich in die ewige Verdammnis stürzen. In England heißt es sogar, der Teufel wurde in sie fahren, wie in Judas, und sie an Leib und Seele verderben. Daraus geht klar hervor, daß auch in den Kirchen, in denen der Glaube allein herrscht, jedermann darüber belehrt wird, daß das Böse als Sünde zu fliehen ist.

Überdies weiß auch jeder als Christ Geborene, daß er das Böse als Sünde zu fliehen hat, weil ihm bereits als Knabe oder Mädchen die Zehn Gebote in die Hand gegeben und von Eltern und Lehrern eingeprägt wurden. Auch werden alle Staatsbürger — und besonders das einfache Volk — von den Geistlichen anhand der Zehn Gebote geprüft, die sie auswen­dig hersagen müssen, und befragt, was sie von der christlichen Religion wissen und ermahnt, danach zu handeln. Der Pfarrer sagt bei dieser Gelegenheit niemals, sie stünden nicht mehr unter dem Joch des Gesetzes oder sie könnten die Gebote nicht halten, weil sie aus sich nichts Gutes zu tun vermöchten. In der ganzen Christenheit ist das sogenannte Athanasische Glaubensbekenntnis angenommen und wird anerkannt, was darin am Schluß gesagt wird: Der Herr werde kommen, zu rich­ten die Lebendigen und die Toten, und dann würden diejeni­gen ins ewige Leben eingehen, die Gutes getan haben; ins ewige Feuer hingegen geworfen, die böse handelten.

In Schweden, wo ebenfalls die Religion des bloßen Glaubens gilt, wird deutlich gelehrt, daß es keinen Glauben ohne tätige Liebe oder gute Werke gäbe; So steht es auch in einem Anhang zum Auswendiglernen, der allen Psalmbüchern beigefügt ist und den Titel trägt: „Hindernisse oder Fallstricke der Unbußfertigen“ (Obodferdigas Foerhinder). Darin finden sich folgende Worte: Jene, die reich an guten Werken sind, zeigen damit, daß sie reich an Glauben sind, da ja der Glaube, wenn er der seligmachende ist jene durch die Liebe hervor­bringt; Denn den rechtfertigenden Glauben gibt es niemals al­lein und getrennt von guten Werken, wie es auch keinen guten Baum gibt ohne Frucht, keine Sonne ohne Wärme und Licht und kein Wasser ohne Flüssigkeit.“

Diese wenigen Sätze wurden angeführt, um zu zeigen, auch dort, wo man die Religion des bloßen Glaubens ange­nommen hat, wird überall das Gute der tätigen Liebe und damit die Notwendigkeit guter Werke gelehrt, und das geschieht auf­grund der göttlichen Vorsehung des Herrn, damit das Volk nicht durch die Lehre vom bloßen Glauben verführt werde. Ich habe gehört, wie Luther, mit dem ich einige Male in der gei­stigen Welt sprach, den von ihm aufgestellten alleinigen Glau­ben verwünschte, wobei er sagte, ein Engel habe ihn ermahnt, es nicht zu tun. Er habe aber bei sich gedacht, wenn er die Werkgerechtigkeit nicht verwerfe, käme die Trennung von der katholischen Kirche nicht zustande. Deshalb habe er entgegen der Mahnung jenen Glauben begründet.

Die Tatsache, daß es in der Christenheit so viele Irrlehren gab und noch gibt, wie die der Quäker, Her­renhuter, Wiedertäufer und andere mehrt, bestärkt den bloß natürlichen Menschen in seiner Abneigung gegenü­ber der göttlichen Vorsehung.

*259. Wäre die göttliche Vorsehung bis in alle Einzelheiten hinein umfassend   so denkt er sich etwa — und hätte sie das Heil aller im Auge, würde sie dann nicht dafür gesorgt haben, daß auf der ganzen Erde nur eine wahre Religion herrschte, ohne daß diese geteilt, geschweige denn durch Irrlehren zerrissen wäre? Aber brauche doch deine Vernunft und denke nur, wenn du kannst, ein wenig tiefer dar­über nach: Kann der Mensch das Heil erlangen, wenn er nicht zuvor umgebildet wird? Er wird ja doch in die Liebe zu sich und der Welt hineingeboren, und weil diese Liebesarten an sich keine selbstlose Liebe zu Gott und zum Nächsten mit sich bringen, ist er auch in Böses aller Art hineingeboren. Oder fin­det sich etwa irgendetwas von Liebe und Barmherzigkeit in jenen Liebesarten? Macht sich ein solcher Mensch etwas dar­aus, seinen Mitmenschen zu betrügen, zu lästern, bis in den Tod zu hassen, mit dessen Frau die Ehe zu brechen und gegen ihn zu wüten, falls er zu den Rachgierigen gehört — solange ihm im Sinn liegt, von allen Menschen der größte sein und ihre Güter besitzen zu wollen, andere Menschen also im Vergleich zu sich für unbedeutend und wertlos zu halten? Müßte er nicht, um das Heil zu erlangen, zunächst einmal von seinem Bösen abgebracht, also umgebildet werden? Das könnte aber nur in Übereinstimmung mit mehreren Gesetzen geschehen, die zu den Gesetzen der göttlichen Vorsehung gehören, wie oben ausführlich gezeigt wurde. Die meisten dieser Gesetze sind un­bekannt, obgleich sie zur göttlichen Weisheit und zugleich zur göttlichen Liebe gehören, gegen die der Herr nicht handeln kann, weil das hieße, den Menschen zu verderben und nicht, ihn selig zu machen.

Man überfliege die angeführten Gesetze nochmals und vergleiche sie, dann wird man es sehen. Da nun zu ihnen auch gehört, daß es keinen unmittelbaren, sondern nur einen mittel­baren Einfluß aus dem Himmel gibt, nämlich durch das Wort, die Lehren und Predigten, und da das Wort, um göttlich zu sein, nur in Entsprechungen geschrieben werden konnte, so sind ab­weichende Ansichten und Irrlehren unvermeidlich und steht deren Zulassung in Übereinstimmung mit den Gesetzen der göttlichen Vorsehung. Zudem: Die Kirche selbst hat als für sie Wesentliches etwas angenommen, das lediglich den Verstand, mithin der Lehre betrifft, nicht aber den Willen bzw. das Leben, während sie das, was Sache des Willens bzw. des Lebens ist, nicht als etwas Wesentliches betrachtet. Daraus folgt, daß der Mensch mit seinem Verstand in Finsternis umhertappt wie ein Blinder, der überall anstößt und in die Grube fällt. Der Wille muß sich nämlich im Verstand erkennen und nicht der Verstand im Willen oder — was auf dasselbe hinausläuft — das Leben mit seiner Liebe muß den Verstand zum Denken, Reden und Han­deln anleiten, und nicht umgekehrt. Wäre es umgekehrt, der Verstand könnte aus einem bösen, ja teuflischen Trieb alles auf­greifen, was ihm in den Sinn kommt und dem Willen auferle­gen, es zu verwirklichen. Hieraus läßt sich ersehen, woher die abweichenden Ansichten und Irrlehren kommen.

Gleichwohl ist dafür gesorgt, daß jeder Mensch, wel­cher Irrlehre er auch immer mit seinem Verstand angehört, um­gebildet werden und das Heil erlangen kann, wenn er nur das Böse als Sünde flieht und er sich im ketzerischen Falschen nicht bestärkt. Denn durch das Meiden der Sünde wird der Wille umgebildet und durch diesen dann wiederum der Ver­stand, der erst dann aus Finsternis zum Licht gelangt. Drei we­sentliche Dinge machen das Wesen der Kirche aus: die Aner­kennung der Göttlichkeit des Herrn, der Heiligkeit des Wortes und das Leben der tätigen Liebe. Der Glaube jedes Menschen entspricht seinem Leben der tätigen Liebe; aus dem Wort er­kennt er, wie er leben soll, und vom Herrn wird er umgebildet und selig gemacht. Wären diese drei Grundsätze für die Kirche das Wesentliche gewesen, die dogmatischen Abweichungen hätten sie nicht getrennt, sondern nur vielfältiger gemacht, ähnlich wie das Licht bei schönen Gegenständen die Farben variiert und unterschiedliche Diademe die Schönheit einer Kö­nigskrone bilden.

Die Tatsache, daß das Judentum noch be­steht, bestärkt den bloß natürlichen Menschen in seiner Abneigung gegenüber der göttlichen Vorsehung.

*260. Dazu kommt, daß sich die Juden nach so vielen Jahrhunderten immer noch nicht bekehrt haben, obgleich sie unter Christen leben. Trotz der Weissagungen im Wort bekennen sie sich nicht zum Herrn und erkennen ihn nicht als ihren Messias an, von dem sie allerdings glauben, er werde sie ins Land Kanaan zurückführen. Sie verharren weiter in ihrer Verneinung, und doch geht es ihnen gut. Aber wer so denkt und deshalb die göttliche Vorsehung bezweifelt, weiß nicht, daß im Wort unter den Juden alle Menschen verstanden werden, die zur Kirche gehören und den Herrn anerkennen, während unter dem Land Kanaan, in das die Juden, wie es heißt, zurückgeführt werden sollen, die Kirche des Herrn zu verstehen ist.

Weil jedoch die Juden so beschaffen sind, verharren sie bei der Leugnung des Herrn; denn wenn sie das Göttliche des Herrn und das Heilige seiner Kirche annähmen, würden sie es entweihen. Deshalb sagt der Herr über sie:

„Er hat ihnen die Augen geblendet und ihr Herz verhärtet, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Her­zen nicht verstehen und sich bekehren, und ich sie heile.“ (Joh. 12/40; Mat. 13/14; Mark. 4/12; Luk. 8/10; Jes. 6/9 f)

Es heißt hier: „damit sie sich nicht bekehren, und ich sie heile“, weil sie - hätten sie sich bekehrt und wären geheilt wor­den - entweiht hätten. Nach dem Gesetz der göttlichen Vorse­hung, das oben (# 221-233) beschrieben wurde, wird aber nie­mand weiter in die Glaubenswahrheiten und ins Gute der Liebe eingeführt, als er darin bis ans Ende seines Leben erhal­ten werden kann, da er sonst entweihen würde.

Das jüdische Volk wurde erhalten und über einen Groß­teil der Erde zerstreut, weil es mehr als die Christen das Wort in sei­ner hebräischen Ursprache heilig hält. Zudem liegt im Einzelnen des Wortes das Göttliche des Herrn, ist es doch das Göttlich-Wahre in seiner Vereinigung mit dem Göttlich-Guten, das vom Herrn aus­geht. Dadurch aber wird das Wort zu einer Verbindung des Herrn mit der Kirche und zu einer Gegenwart des Himmels, wie im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift“ in # 62­69 gezeigt wurde. Die Gegenwart des Herrn und des Himmels ist überall, wo das Wort in Ehrfurcht gelesen wird. Das ist der End­zweck der göttlichen Vorsehung, weswegen die Juden erhalten blieben und über einen Großteil der Erde verstreut wurden. Über ihr Schicksal nach dem Tode lese man nach in der „Fortsetzung vom Jüngsten Gericht und von der geistigen Welt“, # 79-82.

*261. Damit ist nun im einzelnen ausgeführt, was oben # 238 summarisch gesagt wurde, wodurch sich der bloß natür­liche Mensch in seiner Abneigung gegenüber der göttlichen Vorsehung bestärkt oder bestärken kann. Es folgt noch etwas zu dem, was in # 239 erwähnt wurde und dem natürlichen Menschen ebenfalls als Beweise gegen die göttliche Vorsehung dient und sich auch ins Gemüt anderer einschleichen und Zweifel erregen kann, und zwar:

Zweifel an der göttlichen Vorsehung können daraus entstehen, daß die ganze Christenheit den einen Gott unter drei Personen, d.h. drei Götter verehrt und bisher nicht wußte, daß Gott der Person und dem Wesen nach Einer ist, in dem die Dreieinigkeit wohnt, und daß der Herr dieser Gott ist.

*262. Wer über die göttliche Vorsehung nachdenkt, kann sagen: Wenn jede Person des dreieinigen Got­tes für sich Gott ist, sind dann nicht drei göttliche Personen drei Götter? Wer kann sich anderes vorstellen, ja wer denkt anders? Selbst Athanasius konnte es nicht, weshalb er in dem nach ihm benannten Glaubensbekenntnis sagt:

„Obgleich wir der christlichen Wahrheit gemäß anerken­nen müssen, daß eine jede Person Gott und Herr ist, ist es doch aufgrund des christlichen Glaubens nicht erlaubt, drei Götter und drei Herren zu sagen oder zu nennen.“

Darunter ist doch nichts anderes zu verstehen, als daß zwar drei Götter und Herren anzuerkennen sind, es aber nicht erlaubt ist, drei Götter und Herren auszusprechen oder zu nennen.

Wer kann aber den einen Gott irgendwie innewerden, wenn dieser nicht auch der Person nach einer ist? Man sagt, das könne geschehen, wenn man nur bedenke, daß alle drei ein und desselben Wesens seien. Aber wer stellt sich das an­ders vor, ja könnte es sich überhaupt anders vorstellen, als ein­trächtige, miteinander übereinstimmende — aber eben dennoch drei Götter? Denkt er dann tiefer nach, fragt er sich: Wie kann das göttliche Wesen, das doch unendlich ist, geteilt werden, wie kann es von Ewigkeit her einen anderen den Sohn zeu­gen und dann noch einen anderen den Heiligen Geist her­vorbringen, der von beiden Vater und Sohn ausgeht? Man sagt, das müsse man einfach glauben und dürfe nicht darüber nachdenken — aber wer denkt denn nicht über das nach, was er glauben soll, und wie sollte es ohne Nachdenken zur Aner­kennung kommen, die doch zum Wesen des Glaubens gehört? Sind nicht Sozianismus und Arianismus, die noch vielen Men­schen das Herz bewegen, eine Folge davon, daß man sich Gott in drei Personen gedacht hat? Der Glauben an einen Gott, und daß Er der Herr ist, bildet die Grundlage der Kirche; Denn in Ihm ist die Dreieinigkeit. Man vergleiche dazu von Anfang bis Ende „Die Lehre des Neuen Jerusalems vom Herrn“.

Doch was stellt man sich heutzutage unter dem Herrn vor? Denkt man wirklich, er sei Gott und Mensch — Gott aus Je­hovah, dem Vater, von dem er empfangen wurde, und Mensch aus der Jungfrau Maria, die ihn geboren hat? Wer denkt deren, daß Gott und Mensch bzw. sein Göttliches und sein Menschli­ches in Ihm eine einzige Person ausmachen — eins wie Seele und Leib eins sind? Wer weiß das wohl heutzutage? Frage die gelehrten Theologen der Kirche, sie werden sagen, sie hätten es nicht gewußt. Dabei ist es doch die in der ganzen Christen­heit angenommene kirchliche Lehre, in der es heißt:

„Unser Herr Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist Gott und Mensch, und wiewohl er Gott und Mensch ist, so sind doch nicht zwei, sondern ist Ein Christus. Er ist Einer, weil das Gött­liche das Menschliche angenommen hat, ja Er ist völlig Einer; Denn Er ist Eine Person, weil ebenso wie Seele und Leib Einen Menschen ausmachen, Gott und Mensch Ein Christus ist.“

Dies Zitat ist dem athanasischen Glaubensbekenntnis oder Symbol entnommen. Die Doktoren wissen es dennoch nicht, weil sie sich beim Lesen dieser Worte den Herrn nicht als Gott, sondern nur als Menschen vorstellen.

Fragt man eben diese Doktoren, ob sie wüßten, von wem her der Herr empfangen wurde, ob von Gott Vater oder etwa von seinem eigenen Göttlichen, so werden sie der Schrift gemäß antworten: „Von Gott Vater.“1

1) Anm. d.Ü.: Offensichtlich denkt Swedenborg hier an den Lehrsatz, wonach die drei göttlichen Personen „von Ewigkeit her“ seien und Jesus folglich die Inkarnation des „Sohnes von Ewigkeit“.

Sind dann aber nicht der Vater und er Eins, ebenso wie Seele und Leib eins sind? Wer kann sich vorstellen, daß Jesus Christus von zwei Göttlichen Personen her empfangen wurde, und wenn nur von seinem eigenen Göttlichen (si suo), daß dies der Vater selbst wäre? Fragt man sie ferner: Welche Vorstellung habt ihr vom Göttlichen des Herrn, und welche von seinem Menschlichen, so werden sie antworten, sein Göttliches sei vom Wesen des Vaters, sein Menschliches vom Wesen der Mutter, und sein Göttliches sei nun beim Vater. Fragt man sie weiter: Wo ist dann aber sein Menschliches, so werden sie nicht antworten, trennen sie doch in ihrer Vorstellung sein Göttliches und sein Menschliches, wobei sie sein Göttliches dem des Vaters gleich­setzen und sein Menschliches dem eines anderen Menschen. Sie merken nicht, daß sie auf diese Weise auch Seele und Leib trennen. Auch sehen sie den Widerspruch nicht, der darin liegt, daß er auf diese Weise allein von der Mutter her als ein ver­nünftiger Mensch geboren worden wäre.

Auf dieser ihnen eingeprägten Vorstellung vom Menschlichen des Herrn, wonach es dem Menschlichen irgend eines anderen Menschen ähnlich gewesen sei, beruht es, daß der Christ nur mit Mühe dahin gebracht werden kann, sich das Göttlich Menschliche vorzustellen, obgleich man ihm sagt, seine Seele und sein Leben sei von der Empfängnis her Jeho­vah selbst gewesen und sei es noch. Faßt man alle diese Grunde zusammen und überlegt, ob es einen anderen Gott des Universums gibt als allein den Herrn, in dem das Urgöttliche selbst ist — der Vater —, das Göttlich Menschliche — der Sohn — ­und das aus dem Göttlichen Hervorgehende — der Heilige Geist, so stellt man fest: Gott ist der Person und dem Wesen nach Einer, und dieser Eine Gott ist der Herr.

Wenn du dann dagegen anführst, der Herr habe doch selbst drei genannt:

„Gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker, und tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ (Mat. 28/19)

so ist darauf zu antworten: Er hat das gesagt, damit man wisse, in ihm, dem nun Verherrlichten, sei eine Göttliche Dreieinheit, wie das aus den beiden Versen vorher und nachher klar wird, wo es heißt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (v. 18) und "Und wisset wohl: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende des Weltlaufs.“ (v. 20) Das heißt doch, er sprach von sich allein, nicht von Dreien.

Nun zu der Frage, warum die göttliche Vorsehung zu­gelassen hat, daß die Christen den Einen Gott unter drei Per­sonen, d.h. wie drei Götter, anbeteten und bisher nicht wuß­ten, daß Gott dem Wesen und der Person nach Einer ist, in dem eine Dreieinheit besteht, und daß der Herr dieser Gott ist. Daran war nicht der Herr, sondern der Mensch selbst schuld, hat doch der Herr das in seinem Wort in aller Deutlichkeit ge­lehrt, wie man aus den zahlreichen Stellen ersehen kann, die im Werk über „Die Lehre des Neuen Jerusalems vom Herrn“ an­geführt wurden. Er hat es aber auch in der Lehre aller Kirchen gelehrt, in der gesagt wird, daß sein Göttliches und Menschli­ches reicht zwei, sondern Eine Person seien, vereint wie Seele und Leib.

Der erste Grund, weshalb man das Göttliche dem Göttlichen Jehovahs, des Vaters, und das Menschliche dem Menschlichen eines anderen Menschen gleich gesetzt hat, be­stand darin, daß die Kirche nach ihrem Ursprung in der Weise Babylons verfiel, indem sie die göttliche Gewalt des Herrn auf sich selbst übertrug. Damit man aber nicht sagen könnte, die göttliche Gewalt, sondern nur die menschliche, stellten sie das Menschliche des Herrn dem Menschlichen anderer Menschen gleich. Als dann die Kirche reformiert und der bloße Glaube zum alleinigen Heilsmittel erklärt wurde, sagte man, der Vater erbarme sich um des Sohnes willen. Man konnte das Mensch­liche des Herrn nicht anders betrachten, einfach weil niemand den Herrn anzurufen und ihn im Herzen als Gott des Himmels und der Erde anzuerkennen vermag, wenn er nicht nach sei­nen Geboten lebt. In der geistigen Welt, wo jeder angehalten wird, so zu reden, wie er denkt, kann jemand, der auf Erden nicht als Christ gelebt hat, nicht einmal mehr den Namen Jesus aussprechen. Das bewirkt die göttliche Vorsehung, damit der Name des Herrn nicht entweiht werde.

*263. Um das eben Gesagte noch deutlicher werden zu lassen, will ich die Abschnitte # 60 f. vom Schluß des Werkes „Die Lehre des Neuen Jerusalems vom Herrn“ zitieren:

„Nach der Lehre sind Gott und Mensch im Herrn nicht zwei, sondern eine einzige Person, und zwar ebenso wie Seele und Leib eins sind. Das geht aus vielen Worten hervor, die der Herr selbst gesprochen hat, wenn er z.B. sagt, der Vater und er seien eins; Alles, was der Vater habe, sei sein, und alles, was er habe, des Vaters; Er sei im Vater und der Vater in ihm; Alles sei in seine Hand gelegt worden; Er habe alle Gewalt, sei der Gott des Himmels. Wer an ihn glaube, habe das ewige Leben, über dem aber, der nicht an ihn glaube, bleibe der Zorn Gottes. Es geht weiter daraus hervor, daß das Göttliche wie das Mensch­liche in den Himmel erhoben worden sei und der Herr zur Rechten Gottes sitze, d.h. allmächtig sei, sowie aus anderen Stellen, die oben in großer Zahl über sein Göttlich Menschli­ches aus dem Wort angeführt wurden und bezeugen: Gott ist sowohl der Person als dem Wesen nach Einer, in ihm besteht jedoch eine Dreieinheit, und der Herr ist dieser Gott.

Diese den Herrn betreffenden Lehren wurden erst jetzt bekannt gemacht, weil in der Apokalypse (Kap. 21 und 22) vorausgesagt wurde, daß am Ende der früheren eine neue Kirche zu gründen sei, in der das die Hauptlehre sein werde. Diese Kirche wurde an den genannten Stellen unter dem Neuen Jerusalem verstanden, in das niemand eingehen könne, der nicht den Herrn allein als Gott des Himmels und der Erde anerkennt, weshalb diese Kirche dort auch als das „Lamm Got­tes“ bezeichnet wird. Ich darf auch verkünden, daß der ganze Himmel allein den Herrn anerkennt und daß niemand in den Himmel eingelassen wird, der ihn nicht anerkennt. Denn der Himmel ist der Himmel aus dem Herrn. Die aus Liebe und Glaube resultierende Anerkennung bewirkt, daß die Engel im Herrn, und der Herr in den Engeln ist, wie der Herr selbst sagt:

„An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir, und ich in euch.“ (Joh. 14/20)

„Bleibt in mir, so bleibe ich in euch... Ich bin der Wein­stock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht; Denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen ...“ (Joh. 15/4 6; vgl. auch 17/22 f)

Wären diese Worte früher beachtet worden, hätte man sie nicht angenommen, da das letzte Gericht noch nicht vollbracht und die Macht der Hölle größer war als die des Himmels. Der Mensch aber steht in der Mitte zwischen Himmel und Hölle. Daher hätte ihm der Teufel, d.h. die Hölle, diese Worte aus dem Herzen gerissen und überdies entweiht. Die Vormachtstellung der Hölle wurde jedoch durch das letzte Gericht, das nun voll­bracht ist, gänzlich gebrochen. Darum kann jetzt jeder Mensch, der den Willen dazu hat, erleuchtet und weise werden.“

Zweifel an der göttlichen Vorsehung können dadurch aufkommen, daß man bisher nichts vom geistigen Sinn wußte, der im Einzelnen des Wortes liegt und auf dem dessen Heiligkeit beruht.

*264.   Zweifel an der gött­lichen Vorsehung können nämlich vorgebracht werden, indem man fragt, warum das erst jetzt geoffenbart wurde oder warum durch diesen oder jenen Außenseiter und nicht durch einen führenden Kirchenmann? Allein, ob durch einen führenden Kirchenmann oder einen Diener desselben, liegt allein im Wohlgefallen des Herrn: nur Er weiß, wie der eine oder der an­dere beschaffen ist. Dieser innere Sinn des Wortes aber wurde aus folgenden Gründen nicht früher offenbart:

  1. weil die Kir­che ihn, wäre es früher geschehen, entweiht hätte und damit auch die Heiligkeit des Wortes selbst;

  2. weil auch die echten Wahrheiten, in denen der geistige Sinn des Wortes liegt, vom Herrn nicht vor der Vollendung des letzten Gerichts geoffenbart wurden und nun die neue Kirche, die man unter dem hei­ligen Jerusalem zu verstehen hatte vom Herrn gegründet werden sollte.

Aber das wird nun im einzelnen beleuchtet werden.

1.) Der geistige Sinn des Wortes wurde nicht früher geoffenbart, weil ihn sonst die Kirche entweiht hätte, damit zugleich aber auch die Heiligkeit des Wortes selbst. Die Kirche hat sich bald nach ihrer Gründung in ein Babylon und später in ein Philistäa verwandelt. Das römisch katholische Babylon erkennt zwar das Wort an, schätzt es aber gleichwohl gering, weil es behauptet, der Heilige Geist inspiriere die Mit­glieder ihrer höchsten Gremien in gleicher Weise wie die Pro­pheten. Sie erkennen das Wort an, weil ihre Statthalterschaft auf die Worte des Herrn zu Petrus gegründet ist (Mat. 16/18), sie schätzen es dennoch gering, weil es mit ihnen und ihrer Lehre nicht übereinstimmt. Darum haben sie es auch dem Volk entrissen, und es wird nur von wenigen in den Klöstern gele­sen. Wäre ihnen daher der geistige Sinn des Wortes, in dem der Herr zugleich mit der ganzen Weisheit der Engel wohnt, enthüllt worden — das Wort wäre nicht nur, wie es bereits ge­schieht, in seinem Letzten, d.h. im Buchstabensinn entweiht worden, sondern auch in seinem Innersten.

Auch jenes re­formierte Philistäa, unter dem der von der tätigen Liebe ge­trennte Glaube zu verstehen ist, hätte den geistigen Sinn des Wortes entweiht. Es setzt nämlich — wie oben gezeigt wurde das Heil in einige Begriffe, die man denken und reden kann, aber nicht in das Gute, das man tun soll. Es macht also zum Heilbringenden, was nicht heilbringend ist und richtet zudem eine Kluft auf zwischen dem Verstand und dem, was man glau­ben soll. Was haben jene Menschen mit dem Licht gemein, in dem der geistige Sinn des Wortes liegt? Würde er von ihnen nicht in Finsternis verkehrt werden? Wenn sie schon so mit dem natürlichen Sinn umgehen, wie erst mit dem geistigen. Wer von denen, die sich auf den von der tätigen Liebe getrennten Glau­ben und die Rechtfertigung allein durch diesen Glauben ver­steift haben, hat überhaupt das Verlangen zu wissen, worin das Gute des Lebens, die Liebe zum Herrn und zum Nächsten, die tätige Liebe und ihr Gutes, die guten Werke, das Tun, ja das Wesen des Glaubens und der echten Wahrheit besteht, die den Glauben erst bilden? Sie schreiben ganze Bände, nur um zu be­gründen, was sie den Glauben nennen und behaupten, alles, was eben aufgeführt wurde, liege bereits in diesem Glauben. Damit ist klar, daß bei einer früheren Enthüllung des geistigen Sinnes des Wortes geschehen wäre, was der Herr sagt:

"Wenn dein Auge böse ist, wird dein ganzer Leib verfinstert sein. Wenn aber das Licht, das in dir ist, zur Finsternis wird, wie groß wird dann die Finsternis sein?" (Mat. 6/23)

Unter dem Auge ist im geistigen Sinn der Verstand zu verstehen.

2.) Auch die echten Wahrheiten, in denen der geistige Sinn des Wortes liegt, wurden vom Herrn nicht geoffenbart, bevor das letzte Gericht vollbracht und die Gründung der neuen Kirche, die man unter dem heiligen Je­rusalem zu verstehen hat, durch den Herrn vorgenommen wurde. In der Apokalypse hat der Herr vorausgesagt, daß nach Abhaltung des letzten Gerichts die echten Wahrheiten aufge­deckt, eine neue Kirche und der geistige Sinn enthüllt werden würde. In dem kleinen Werk „Vom Jüngsten Gericht“ und der „Fortsetzung“ dazu wurde gezeigt, daß das letzte Gericht be­reits gehalten wurde, und man unter Himmel und Erde, die nach Offb. 21/1 vergehen würden, eben dies zu verstehen habe. Die Enthüllung der echten Wahrheiten, die dann erfolgen sollte, wird ebenfalls in den Worten der Apokalypse vorausge­sagt, wenn es heißt:

„Der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu“ (21/5; ferner 19/17 f; 21/18 21; 22/1 f)

In Kap. 19/11 16, wo die Rede ist von dem weißen Pferd und dem, der darauf saß und das Wort Gottes genannt wurde und der Herr der Herren und König der Könige war, wurde darge­legt, daß dann auch der geistige Sinn des Wortes zu offenbaren sei. Man lese darüber in dem kleinen Werk „Das weiße Pferd in der Offenbarung“ nach. Unter dem heiligen Jerusalem ist die neue Kirche zu verstehen, die dann vom Herrn gegründet wer­den solle. Den Nachweis findet man im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems vom Herrn“ in # 62 65.

Daraus geht nun klar hervor, daß der geistige Sinn des Wortes für die Neue Kirche offenbart werden sollte, die den Herrn allein anerkennen und anbeten, sein Wort heilig halten und die göttlichen Wahrheiten lieben und daß sie den von der tätigen Liebe getrennten Glauben verwerfen wird. Mehr über diesen Sinn des Wortes findet man in „Die Lehre des Neuen Je­rusalems von der Heiligen Schrift“ # 5 26, und zwar im einzel­nen von # 5 26. Das Wesen des geistigen Sinnes; von # 9 17: Im ganzen wie in allen Einzelheiten des Wortes liegt ein geistiger Sinn; #18 19: Auf dem geistigen Sinn beruht, daß das Wort von Gott eingegeben und in jedem Ausdruck (in omne voce) heilig ist; # 20 25: Warum der geistige Sinn bisher unbekannt war und nicht früher geoffenbart wurde; # 26: Der geistige Sinn wird auch künftig keinem gegeben, der nicht vom Herrn her sich in den echten Wahrheiten befindet.

Damit steht fest, daß der geistige Sinn aufgrund einer Fügung der göttlichen Vorsehung des Herrn bis zu diesem Jahr­hundert (um 1750) vor der Welt verborgen geblieben ist und in der Zwi­schenzeit bei den Engeln im Himmel aufbewahrt wurde, die ihre Weisheit aus ihm Schöpfen. Bei den Alten vor Mose war dieser Sinn bekannt und wurde auch gepflegt. Ihre Nachkom­men aber verkehrten die Entsprechungen, aus denen ihr Wort und somit ihre Religion ausschließlich bestand, in verschie­dene Götzendienste, und die Ägypter in Magie. Deshalb wurde der geistige Sinn durch eine Fügung der göttlichen Vorsehung des Herrn aus den oben genannten Gründen verschlossen, zu­erst bei den Kindern Israels und später auch bei den Christen und wurde erst jetzt für die neue Kirche des Herrn wieder auf­geschlossen.

Zweifel an der göttlichen Vorsehung kön­nen daraus entstehen, daß bis heute Unwissenheit dar­über herrscht, daß die wahre christliche Religion im Flie­hen des Bösen als Sünde besteht.

*265. In dem Werk „Die Le­benslehre für das Neue Jerusalem“ wurde das von Anfang bis Ende nachgewiesen. Und da es allein der von der tätigen Liebe getrennte Glaube verhindert, daß diese Lehre angenommen wird, wurde auch dieser behandelt. Die Behauptung, sie hät­ten nicht gewußt, daß die wahre christliche Religion im Fliehen des Bösen als Sünde besteht, beruht darauf, daß das beinahe allen unbekannt ist und es doch wieder jeder weiß (vgl. oben # 258). Es ist beinahe allen Christen unbekannt, weil die Lehre vom getrennten Glauben dafür sorgte, daß es in Vergessenheit geriet. Diese Lehre behauptet ja, der Glaube allein mache selig, nicht aber irgendein gutes Werk oder Gutes aus tätiger Liebe, ferner, die Christen seien nicht mehr unter dem Joch des Ge­setzes, sondern in der Freiheit der Kinder Gottes. Menschen, die das mehrmals gehört haben, machen sich keine Gedanken mehr über Böses oder Gutes im Leben. Zudem ist der Mensch von Natur aus geneigt, eine solche Lehre gutzuheißen, und wenn er das einmal getan hat, denkt er nicht mehr über den wahren Zustand seines Lebens nach. Darin liegt die Ursache der genannten Unwissenheit.

Diese Unwissenheit besteht tatsächlich, das wurde mir in der geistigen Welt offenbar: Ich habe mehr als tausend ge­rade aus der Welt Eingetroffene gefragt, ob sie wüßten, daß das Fliehen des Bösen als Sünde die eigentliche Religion sei. Sie sagten, sie wüßten es nicht, und das sei ihnen etwas ganz Neues, bisher nie Gehörtes; Sie hätten vielmehr gehört, daß man das Gute nicht aus sich tun könne und sie ja nicht mehr unter dem Joch des Gesetzes stünden. Weiter fragte ich, ob sie nicht wüßten, daß sich der Mensch prüfen, seine Sünden er­kennen, Buße tun und dann ein neues Leben anfangen müsse, weil ihm sonst seine Sünden nicht vergeben würden, man aber ohne Sündenvergebung nicht gerettet würde. Dies sei ihnen ja auch, so oft sie zum Abendmahl gingen, mit lauter Stimme vor­gelesen worden. Sie antworteten, darauf hätten sie nicht ge­achtet, sondern nur darauf, daß ihnen durch das Sakrament des Abendmahls die Sündenvergebung zuteil werde und der Glau­be, ihnen unbewußt, das übrige bewirke.

Wiederum fragte ich: Warum habt ihr eure Kinder die Zehn Gebote gelehrt? Geschah es nicht, damit sie wissen soll­ten, welches Böse als Sünde zu meiden ist — oder etwa nur, damit sie es wissen und glauben, aber nicht tun sollten? Warum sagt ihr also, das sei neu für euch? Hierauf konnten sie nur ant­worten, sie wüßten es und wüßten es auch wieder nicht. Wenn sie die Ehe gebrochen hätten, wäre ihnen nie der Gedanke an das sechste (bzw. siebte) Gebot gekommen, auch nicht an das siebte (bzw. achte), wenn sie heimlich gestohlen oder betrogen hätten usw., und noch weniger der Gedanke daran, daß diese Dinge gegen das göttliche Gesetz, also gegen Gott verstießen.

Als ich an einiges erinnerte, was die kirchliche Lehre und das Wort als Begründung dafür anführen, daß das Fliehen und Verabscheuen des Bösen als Sünde die eigentliche christ­liche Religion bildet und jeder nur soviel Glauben habe, wie­weit er es flieht und verabscheut, antworteten sie mit Schwei­gen. Aber als sie dann sahen, daß alle auf ihr Leben hin geprüft und ihren Taten gemäß gerichtet werden, niemand hingegen nach seinem vom Leben unabhängigen Glauben, weil der ei­gentliche Glaube bei jedem Menschen mit seinem Leben über­einstimmt, überzeugte sie das.

Der Christenheit war das bisher zum größten Teil un­bekannt, weil es nach einem Gesetz der göttlichen Vorsehung jedem überlassen bleibt, aus freiem Willen nach seiner Ver­nunft zu handeln (vgl. oben # 71 99 und 100 128 ). Nach einem weiteren dieser Gesetze wird niemand unmittelbar aus dem Himmel belehrt, sondern mittelbar durch das Wort, die Lehre und Predigt aus dem Wort (vgl. oben # 154 174), sowie durch alle Arten von Zulassungen, da die Gesetze der Zulassung ebenfalls Gesetze der göttlichen Vorsehung sind, worüber man oben in # 258 mehr erfährt.1

1) Anm. d.Ü.: Die # 266 274 wurden vom Verfasser übersprungen; aber am In­halt fehlt nichts.

Die Tatsache, daß man bisher nicht wußte, daß der Mensch unmittelbar nach dem Tode weiterlebt und dies nicht früher aufgedeckt wurde, kann ebenfalls Zweifel an der göttlichen Vorsehung erwecken.

*274. Der Grund für diese Unwissenheit ist folgender: Menschen, die das Böse nicht als Sünde fliehen, glauben in ihrem Inneren nicht, daß der Mensch nach dem Tode weiterlebt. Daher halten sie es für bedeutungslos, ob man sagt, er werde unmittelbar nach dem Tode als Mensch weiterleben, oder er werde erst am Tage des jüngsten Gerichts auferweckt. Denkt einer von ihnen doch ein­mal an die Auferstehung, so sagt er sich: Es wird mir schon nicht schlimmer ergehen als anderen; geht's zur Hölle, bin ich jedenfalls in der Gesellschaft von vielen, und geht's zum Him­mel, so ists auch nicht anders. Und doch ist allen einiger­maßen religiösen Menschen die Erkenntnis eingeboren, daß sie nach dem Tode als Menschen weiterleben werden. Der Glaube, nur die Seele, nicht der ganze Mensch werde fortle­ben, findet sich nur bei dem, der von der eigenen Klugheit betört wurde, nicht bei anderen. Die Tatsache, daß jedem eini­germaßen religiösen Menschen die Erkenntnis eingeboren ist, daß er nach dem Tode als Mensch fortleben werde, kann aus folgenden Gründen als feststehend betrachtet werden:

Wer denkt anders, wenn er stirbt?

Welcher Redner an einer Trauerfeier versetzt den Verstorbenen nicht in den Himmel unter die Engel und läßt ihn nicht Umgang mit ihnen haben und ihre Freuden teilen? Ganz zu schweigen davon, daß manche Verstorbene geradezu ver­göttert werden.

Wer vom einfachen Volk glaubte nicht, nach dem Tode — vorausgesetzt, er hat gut gelebt — ins himmlische Para­dies zu kommen und, mit weißen Kleidern angetan, das ewige Leben zu genießen?

Wo ist der Prediger, der nicht so oder ähnlich einem Sterbenden zuspricht und das in diesem Augenblick auch selbst glaubt, wenn er nur nicht zugleich an das jüngste Gericht denkt?

Wer glaubte nicht, daß seine früh verstorbenen Kinder im Himmel sind und er seine geliebte Gattin nach dem Tode wiedersehen werde? Wer stellt sie sich als Gespenster oder leiblose Seelen oder Gemüter vor, die im Universum umherfliegen?

Wer widerspräche, wenn man etwas über das Los oder den Zustand von Menschen sagt, die aus dem zeitlichen ins ewige Leben eingegangen sind? Ich habe vielen berichtet, in welchem Zustand sich dieser oder jener Verstorbene befinde bzw. welches Schicksal er habe. Noch nie habe jemanden sagen hören, das könne gar nicht sein, weil sich das Schicksal der Verstorbenen erst am Tag des Gerichts zeigen werde.

Wer wüßte nicht beim Anblick gemalter oder geschnitzter Engeln, daß es sich um Engel handle? Wer dächte in diesem Augenblick daran, daß sie Geistwesen ohne Leib, Luft- ­oder Wolkengebilde seien, wie sich das manche Gelehrte vor­stellen?

Die Päpstlichen glauben, ihre Heiligen seien Men­schen im Himmel, und die anderen Verstorbenen seien an einem anderen Ort. Dasselbe glauben die Mohammedaner von ihren Verstorbenen, mehr noch die Afrikaner und ebenso an­dere Völker   warum also nicht die protestantischen Christen, die es doch aus dem Wort wissen könnten.

Auf dieser Erkenntnis, die jedem Menschen einge­boren ist, beruht es, daß manche danach streben, ihren Namen unsterblich zu machen; Denn dazu verwandelt sich bei einigen jene Erkenntnis und macht sie zu Kriegshelden.

In der geistigen Welt wurde eine Untersuchung darüber angestellt, ob jene Erkenntnis allen eingeboren sei. Das Ergebnis: Bei allen war sie der geistigen Vorstellung, also dem inneren Denken eingeboren, nicht aber ihrer natürlichen Vorstellung, da diese den natürlichen Gedanken angehört. Damit darf man feststellen, daß man die göttliche Vorsehung des Herrn nicht deshalb bezweifeln darf, weil man meint, erst jetzt sei enthüllt worden, daß der Mensch unmittelbar nach dem Tode als Mensch weiterlebt. Nur das Sinnliche will sehen und begreifen, was es glauben soll. Wer nicht über das Sinnli­che hinausdenkt, befindet sich in bezug auf seinen Lebenszu­stand in nächtlicher Finsternis.

*



Teil 14 - Das Böse wird zugelassen um des Endzwecks willens, der in der Erlösung liegt.



*275. Würde der Mensch mit der Liebe geboren, zu der er geschaffen wurde, er wäre nicht im Bösen, ja wüßte nicht ein­mal, was das Böse ist. Denn wer nicht im Bösen war, folglich auch nicht ist, kann vom Bösen nichts wissen. Sagte man ihm, dieses oder jenes sei böse, er würde es gar nicht für möglich halten. Ein solcher Mensch wäre wie Adam und sein Weib Chava (Eva) im Stand der Unschuld, in dem sie über ihre Nacktheit, die diesen Zustand bezeichnete, nicht erröteten. Die Bekanntschaft (cognitio) mit dem Bösen nach dem Fall ist unter dem Essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu verstehen. Der Mensch wurde zur Nächstenliebe er­schaffen, d.h. zu einer Liebe, die es mit dem Nächsten ebenso gut, ja noch besser meint als mit sich selbst. Das Lustgefühl die­ser Liebe spürt der Mensch, wenn er seinem Nächsten ähnlich wie ein Vater seinen Kindern wohl tut. Diese Liebe ist wahrhaft menschlich, da in ihr das Geistige liegt, das sie von der natür­lichen Liebe unterscheidet, die sich bei unvernünftigen Tieren findet. Würde der Mensch in diese Liebe hineingeboren, er käme nicht, wie jetzt jeder Mensch, im Dunkel völliger Unwis­senheit, sondern im Licht einigen instinktiven Wissens zur Welt. Aufgrund dieses Wissens würde er bald auch zu der dar­aus resultierenden Einsicht gelangen. Zwar würde er auch zu­erst kriechen wie ein vierfüßiges Tier, aber mit dem angebore­nen Drang, sich sogleich auf die Füße zu stellen. Denn wenn er auch noch einem solchen Tier gliche, würde er doch sein Ant­litz nicht abwärts zur Erde senken, sondern aufwärts gen Him­mel erheben und sich auch bald aufrecht stellen können.

*276. Als sich die Nächstenliebe jedoch zur Eigenliebe wandelte und diese immer mehr zunahm, schlug die menschli­che in eine tierische Liebe um, und der Mensch wurde aus einem Menschen zu einem Tier. Der Unterschied ist nur, daß er das, was er mit dem Körper empfindet, auch denken und zwischen den Dingen auf vernünftige Weise unterscheiden kann. Zudem ist er der Belehrung fähig und kann so ein bürgerlich und sitt­lich guter, und schließlich ein geistiger Mensch werden. Denn dem Menschen eignet, wie gesagt, ein Geistiges, das ihn von den unvernünftigen Tieren unterscheidet. Dieses sagt ihm näm­lich, worin das bürgerlich Gute und Böse, das sittlich Gute und Böse und — wenn er nur will — das geistig Gute und Böse be­steht. Aber sobald sich die Nächstenliebe in Eigenliebe verwan­delt hatte, konnte der Mensch nicht mehr ins Licht des Wissens und der Einsicht geboren werden, sondern nur ins Dunkel der Unwissenheit, weil ins Allerunterste des Lebens, d.h. ins Körperlich Sinnliche. Von dort aus wird er durch Belehrung ins In­nere des natürlichen Gemüts eingeführt, stets begleitet vom Gei­stigen. Der Grund, weshalb der Mensch ins Unterste des Lebens, d.h. ins Körperlich Sinnliche, somit ins Dunkel der Unwissenheit hineingeboren wird, ist aus dem Folgenden zu ersehen.

Jeder kann erkennen, daß Nächstenliebe und Selbst­sucht (amor sui) einander entgegengesetzte Liebesarten sind, will doch erstere aus sich das Wohl aller, während letztere sich allein auf Kosten aller wohl will. Die Nächstenliebe will allen dienen, die Selbstsucht will, daß alle ihr dienen. Die Nächsten­liebe betrachtet alle Menschen als Brüder und Freunde, die Selbstsucht dagegen als ihre Diener oder — dienen sie ihr nicht — als Feinde. Sie hat also, mit einem Wort gesagt, nur sich selbst im Auge, andere gelten ihr kaum als Menschen; Im Herzen ach­tet sie ihre Rosse oder Hunde höher. Und weil das so ist, macht es ihr auch nichts aus, ihnen Böses zuzufügen. Daher Haß und Rache, Ehebruch und Hurerei, Diebstahl und Betrug, Lüge und Lästerung, Härte und Grausamkeit und mehr. Darin besteht das Böse, in dem der Mensch von Geburt an steckt. Um des End­zweckes willen, der das Heil ist, wird all das zugelassen, wie in dieser Reihenfolge nachgewiesen werden soll:

Jeder Mensch befindet sich im Bösen und muß zum Zweck seiner Umbildung davon abgebracht werden.

*277a In der Kirche ist bekannt, daß sich bei jedem Men­schen etwas Böses findet, das er geerbt hat und das ihn zu wei­terem Bösen antreibt. Darin liegt auch der Grund, weshalb der Mensch aus sich heraus nichts Gutes tun kann. Denn das Böse tut nichts Gutes, es sei denn eines, das inwendig böse ist. Das inwendige Böse sorgt dafür, daß ein solcher Mensch das Gute nur zu seinem eigenen Nutzen und nur um des Scheines willen tut. Bekannt ist auch, daß das ererbte Böse von den Eltern stammt. Gewöhnlich sagt man zwar, es stamme von Adam und seinem Weib, aber das ist ein Irrtum; Denn jeder erbt das Böse von seinem Vater, und dieser wiederum hat es von seinem Vater geerbt, und so wird es stufenweise von einer Generation zur an­deren weitergegeben, vermehrt und akkumuliert sich also und pflanzt sich den Nachkommen ein. Darum ist beim Menschen nichts unversehrt und ist er ganz und gar böse. Wer merkt noch, daß es böse ist, sich selbst mehr zu lieben als andere? Wer weiß daher, daß es böse, weil die Wurzel alles Bösen ist?

Daß das Böse von den Eltern, Großeltern, Urgroßeltern usw. ererbt wird, ist aufgrund vieler Tatsachen Offenbar, die in der Welt bekannt sind, man denke nur an die unterschiedlichen Gesichtszüge von Hausgenossen, Familien, ja Völkerschaften. Die Gesichtszüge aber sind Abbilder der Seelen, und diese wer­den je nach den Neigungen ihrer Liebe gebildet. Hin und wie­der kehrt auch die Physiognomie des Stammvaters im Enkel oder Urenkel wieder. So erkenne ich schon allein aus den Ge­sichtszügen, ob einer ein Jude ist oder nicht und bei einigen sogar, welchem Geschlecht sie entstammen. Zweifellos erken­nen dies auch andere in ähnlicher Weise. Wenn nun die Nei­gungen, die zur Liebe gehören, in dieser Weise von den Eltern abgeleitet und befördert werden, folgt daraus, daß das auch für das Böse gilt, weil es zu den Neigungen gehört. Aber wie kommt es zu jener Ähnlichkeit? Das soll im folgenden gesagt werden:

Die Seele eines jeden Menschen stammt von seinem Vater und wird von der Mutter nur mit einem Körper beklei­det. Die Tatsache, daß die Seele vom Vater stammt, ergibt sich nicht allein aus dem oben Angeführten, sondern auch aus einer Reihe anderer Indizien, z.B. daraus, daß ein von einem Schwarzen mit einer weißen Frau gezeugtes Kind als Schwarzer geboren wird, und umgekehrt. Für die genannte Tatsache spricht aber vor allem, daß im Samen die Seele liegt. Er bewirkt die Schwängerung und er wird von der Mutter mit einem Körper umkleidet. Der Same ist die erste Form der Liebe, in der der Vater ist und die Form seiner herrschenden Liebe mit ihren nächsten Ableitungen, die die innersten Nei­gungen seiner Liebe sind.

Diese werden bei jedem Menschen mit Rechtschaf­fenheit (honestis) umhüllt, das zum sittlichen Leben des Men­schen gehört, sowie mit Gutem, das teils zum bürgerlich, teils zum geistigen Leben des Menschen gehört. Beides bildet auch bei den Bösen — das Äußere des Lebens. Jedes Kind wird in dieses Äußeres des Lebens hineingeboren. Daher stammt seine Liebenswürdigkeit. Wenn es aber zum Knaben oder Jüng­ling heranwächst, gelangt es vom Äußeren zum Inneren und schließlich zur herrschenden Liebe seines Vaters. War nun diese böse und ungezügelt und wird sie nicht durch gewisse Erziehungsmaßnahmen verändert, so wird die Liebe des Kindes schließlich wie die Seines Vaters. Doch wird das Böse nicht ausgerottet, sondern nur entfernt. Darüber im Folgenden. Aus alledem kann man ersehen, daß jeder Mensch im Bösen ist.

*277b Es ist ohne weiteres klar, daß der Mensch von sei­nem Bösen abgebracht werden muß, wenn er umgebildet wer­den soll. Ist er nämlich in der Welt im Bösen, so ist er es auch nach Verlassen der Welt. Wird daher das Böse nicht in der Welt entfernt, so kann das auch nachher nicht mehr geschehen. „Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen“. Das gilt auch für das Leben des Menschen, d.h. wie es war, als er starb, so bleibt es. Tatsächlich wird auch jeder nach seinen Taten gerichtet — nicht daß sie aufgezählt würden, sondern weil er zu ihnen zurück­kehrt und auf dieselbe Weise handelt. Der Tod ist nämlich eine Fortsetzung des Lebens, nur mit dem Unterschied, daß dann der Mensch nicht mehr umgebildet werden kann. Jede Umbil­dung geschieht dort, wo der Vollbestand des Lebens, d.h. wo das Erste und auch das Letzte vorhanden ist. Das Letzte aber wird in der Welt in Übereinstimmung mit dem Ersten umgebil­det. Später kann es darum nicht mehr geschehen, weil das Letzte des Lebens, das der Mensch beim Tode mitnimmt, von da an ruht und sich seinem Inneren anpaßt, d.h. einheitlich mit ihm zusammenwirkt.

Das Böse kann nur entfernt werden, wenn es zum Vorschein kommt.

*278. Das heißt nicht, daß der Mensch das Böse tun soll, damit es zur Erscheinung kommt, sondern daß er sich prüfen soll — nicht allein seine Taten, sondern auch seine Gedanken, d.h. was er wohl tun würde, wenn er Gesetz und Schande nicht fürchtete, und vor allem auch, welches Böse er im Geist für keine Sünde, sondern für erlaubt hält; Denn das würde er tun, sobald sich Gelegenheit ergibt. Damit er sich prü­fen kann ist dem Menschen der Verstand gegeben und vom Willen getrennt, so daß er wissen, verstehen und anerkennen kann, was gut und böse ist und wie sein Wille beschaffen ist, bzw. was er heimlich liebt und sich wünscht. Zu diesem Zweck besitzt sein Verstand die Fähigkeit zu einem oberen und unte­ren, bzw. inneren und äußeren Denken. Aus dem oberen oder inneren Denken kann ihm bewußt werden, was der Wille in seinen niederen oder äußeren Gedanken treibt. Dies kann der Mensch auf ähnliche Weise sehen wie sein Antlitz im Spiegel, und wenn er es sieht und erkennt, daß es Sünde ist, kann er es, wenn er den Herrn um Hilfe bittet, nicht wollen und mei­den. Später vermag er sogar dagegen zu handeln, wennschon nicht frei, so doch indem er es bekämpft und sich dazu zwingt, bis er es schließlich verabscheut und davor zurückschaudert. Erst jetzt und nicht eher nimmt er wahr und fühlt auch, daß das Böse wirklich böse und das Gute wirklich gut ist. Das heißt sich prüfen, sein Böses sehen, es anerkennen und bekennen und davon abstehen.

Aber nur wenige Menschen wissen, daß hierin die ei­gentliche christliche Religion besteht, weil sie tätige Liebe und Glauben haben. Nur sie werden vom Herrn geführt und tun das Gute aus Ihm. Darum ist noch etwas über die zu sagen, für die das nicht gilt und die sich doch für religiös halten. Zu ihnen zählen:

  1. Menschen die zwar bekennen, aller Sünden schuldig zu sein, aber keine einzige bei sich erforschen,

  2. Menschen, die das aus Religion bewußt unterlassen,

  3. Menschen, die so von weltlichen Dingen erfüllt sind, daß sie gar nicht an ihre Sünden denken und sie darum auch nicht erkennen,

  4. Men­schen, die der Sünde zuneigen und sie daher nicht als solche erkennen können.

  5. Bei ihnen allen kommen die Sünden nicht zur Erscheinung und können daher auch nicht entfernt wer­den.

Schließlich soll noch auf eine bisher unbekannte Ursa­che aufmerksam gemacht werden, warum sich das Böse nur entfernen läßt, wenn es erforscht wird, zum Vorschein ge­bracht, anerkannt, bekannt und bekämpft wird.

*278. Alle diese Punkte müssen im einzelnen betrachtet werden, weil sie für den Menschen zu den wichtigsten Dingen der christlichen Religion gehören:

1.) Menschen, die zwar bekennen, aller Sünden schuldig zu sein, aber keine einzige bei sich erforschen, pflegen zu sagen: „Ich bin ganz und gar ein Sünder, bin in Sünden ge­boren, und an mir ist von Kopf zu Fuß nichts unverdorben. Ich bin nichts als böse. Guter Gott, sei mir gnädig, reinige mich und erlöse mich, damit ich wandeln möge in Reinheit und auf dem Weg der Gerechten“, und was dergleichen Sprüche mehr sind. Dabei prüft er sich nicht und erkennt daher auch kein einzel­nes Böses bei sich. Aber niemand kann etwas meiden, ge­schweige denn dagegen ankämpfen, was er nicht kennt. Diese Menschen halten sich, wenn sie dies Bekenntnis abgelegt haben, für rein und gewaschen. In Wirklichkeit sind sie von oben bis unten unrein und ungewaschen. Sich aller Sünden schuldig zu bekennen ist gleichbedeutend mit dem Einschläfern der Sünde und vor ihr die Augen schließen, wie ein Allgemei­nes, dem das Einzelne fehlt und daher gar nichts bedeutet.

2.) Zu den Menschen, die die Selbstprüfung aus Religion bewußt unterlassen, zählen besonders jene, die die tätige Liebe vom Glauben trennen. Sie sagen sich: „Warum soll ich untersuchen, ob etwas gut oder böse ist, das Böse ver­dammt mich doch nicht und das Gute macht mich ja nicht selig? Allein der Glaube, mit Vertrauen und Zuversicht bedacht und ausgesprochen, rechtfertigt uns und reinigt uns von aller Sünde. Bin ich aber einmal gerechtfertigt, so bin ich vor Gott auch rein. Zwar bin ich im Bösen, aber Gott wischt es, wenn ich es ausübe, auf der Stelle wieder ab, und dann erscheint es nicht mehr“ — und was dergleichen mehr ist. Wer aber sähe nicht, wenn er nur die Augen aufmachte, daß es sich dabei um leere Worte handelt, denen keine Realität, weil kein Gutes ent­spricht? Wer könnte nicht so denken und reden, und das sogar mit Vertrauen und Zuversicht, wenn er zugleich an Hölle und ewige Verdammnis denkt? Will denn ein solcher Mensch dar­über hinaus noch wissen, ob etwas wahr oder gut ist? Was das Wahre betrifft, denkt er: „Was ist wahr, wenn nicht das, was diesen Glauben begründet?“ Und was das Gute anlangt: „Ist nicht nur das gut, was aufgrund jenes Glaubens in mir ist? Aber damit es in mir sein kann, darf ich es nicht wie aus mir tun, denn dann würde ich mir damit ein Verdienst erwerben wol­len, und dann ist es nicht mehr gut.“ So unterläßt er schließlich alles Gute und weiß zuletzt nicht mehr, was Böse ist. Was soll er dann noch bei sich erforschen und erkennen? Wird er sich nicht in eitlem Zustand befinden, in dem das unterdrückte Feuer der Begierde des Bösen ausbricht und das Innere seines Gemüts verzehrt und bis zum Ausgang verwüstet? Den Aus­gang freilich bewacht er, damit die Feuersbrunst nicht zum Vorschein kommt. Nach dem Tode aber wir die Pforte geöffnet, und dann wird die Verwüstung offenbar.

3.) Menschen, die so von weltlichen Dingen er­füllt sind, daß sie gar nicht an ihre Sünden denken und sie darum auch nicht erkennen, lieben die Welt dermaßen, daß sie keine Wahrheit zulassen, die sie von irgendwelchen Falschhei­ten ihrer Religion abbringen könnte. Sie sagen sich: Was soll ich damit anfangen? Das ist meinem Denken fremd. Und so wehren sie es ab oder verdrängen es, sobald sie nur davon hö­ren. Ganz ähnlich machen sie es beim Anhören von Predigten. Sie behalten davon nicht mehr als einige Ausdrücke, aber nichts vom Inhalt. Weil sie so mit den Wahrheiten umgehen, wissen sie auch nicht, was das Gute ist, wirken doch beide ein­heitlich zusammen: Ohne das Gute, das aus dem Wahren stammt, läßt sich das Böse nicht erkennen, es sei denn auf die Art und Weise, daß man es nur gut nennt, und das geschieht durch Vernünfteleien aufgrund von Falschheiten. Diese Men­schen werden durch den Samen bezeichnet, der unter die Dor­nen fiel, und von denen der Herr sagt:

„Einige Samen fielen unter die Dornen, und die Dornen wuchsen auf und erstickten sie ... Der aber (bei dem der Same) unter die Dornen gesät ist, das ist der, der das Wort hört, und die Sorge der Welt und der Trug des Reichtums ersticken das Wort, und es bringt keine Frucht.“ (Mat. 13/7, 22; Mark. 4/7, 18 f; Luk. 8/7, 14.)

4.) Es gibt Menschen, die der Sünde zuneigen und sie daher nicht als solche erkennen können. Sie erkennen Gott an und verehren ihn rituell, bestärken sich aber in dem Ge­danken, daß etwas Böses, das sündhaft ist, in Wirklichkeit doch keine Sünde sei. Sie übertünchen es nämlich durch alle mögli­chen Trugschlüsse oder Scheingründe und verbergen auf diese Weise seine Abscheulichkeit. Ist ihnen das gelungen, geben sie sich ihm hin und machen es sich zum Freund und Vertrauten. Wie gesagt, es handelt sich bei ihnen um Menschen, die Gott an­erkennen. Andere halten Böses überhaupt nicht für Sünde; Denn alle Sünde richtet sich gegen Gott. Beispiele mögen das belegen: Wer gierig nach Gewinn strebt und daher verschiedene Arten von Betrug für erlaubt hält, dem gilt dieses Böse nicht als Sünde, und er denkt sich Begründungen für seine Handlungsweise aus. Dasselbe gilt für jemand, der sich für Rache an seinen Feinden oder für die Plünderung Unbeteiligter im Krieg stark macht.

5.) Bei all diesen Menschen kommen die Sün­den nicht zur Erscheinung und können daher auch nicht ent­fernt werden. Alles Böse, das nicht zum Vorschein kommt, glimmt weiter wie Feuer im Holz unter der Asche, oder wie Eiter in einer Wunde die nicht geöffnet wird; Eingekapselt wächst alles Böse, bis es schließlich das Ganze verzehrt hat. Damit das nicht geschieht, wird es jedem Menschen ermög­licht, sich für oder gegen Gott oder die heiligen Dinge der Kir­che Gedanken zu machen, ohne daß er deshalb in dieser Welt bestraft wird. Bei Jesaja sagt der Herr darüber:

„Von der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Heiles, Wunde und Narbe und frische Striemen, nicht ausge­drückt sind sie, nicht verbunden, und nicht mit Öl gelin­dert ... Waschet, reinigt euch! Entfernt die Bosheit eurer Werke von meinen Augen! Hört auf, Böses zu tun, lernet Gutes tun! ... Dann sollen eure Sünden, wenn sie auch wie Scharlach wären, weiß wie Schnee werden. Und wenn sie rot wie Purpur wären, sollen sie wie Wolle sein ... Weigert ihr euch aber und seid widerspenstig, sollt ihr vom Schwert verzehrt werden.“ (1/6, 16, 18, 20)

„Vom Schwert verzehrt werden" bedeutet, durch das Falsche des Bösen zugrunde gerichtet zu werden.

6.) Was die bisher unbekannte Ursache be­trifft, weshalb sich das Böse nur entfernen läßt, wenn es er­forscht, zur Erscheinung gebracht, anerkannt, bekannt und bekämpft wird, so ist oben bereits bemerkt worden, daß der ganze Himmel gemäß den Neigungen zum Guten in Gemein­schaften eingeteilt ist, die ganze Hölle aber gemäß den Begier­den des Bösen in Gemeinschaften, die den Neigungen zum Guten entgegengesetzt sind. Jeder Mensch gehört seinem Geist nach zu irgendeiner Gemeinschaft, zu einer himmlischen, wenn seine Neigung aufs Gute, zu einer höllischen, wenn sie aufs Böse gerichtet ist. Das weiß der Mensch nicht, solange er in der Welt lebt, und doch gehört er zu irgendeiner ihm gemäßen Gemeinschaft. Ohne sie könnte er gar nicht leben, und auf diese Weise wird er vom Herrn geleitet. Ist er in einer höllischen Gemeinschaft, kann er vom Herrn allein nach den Gesetzen der göttlichen Vorsehung davon befreit werden. Zu diesen gehört auch, daß der Mensch seine Lage erkennt, sie än­dern möchte und das selber auch versucht. Er kann das, so­lange er noch in der Welt lebt, aber nicht mehr nach dem Tode; Denn dann bleibt er in Ewigkeit in der Gemeinschaft, mit der er sich auf Erden vereinigt hat. Aus diesem Grunde soll der Mensch sich prüfen, seine Sünden erkennen und anerkennen, seinen Sinn ändern und dann bis ans Ende des Lebens daran festhalten. Ich könnte dies durch zahlreiche Erfahrungen bis zur vollständigen Bestätigung belegen, doch ist hier nicht der Ort dafür.

Soweit das Böse entfernt ist, wird es auch vergeben.

*279. Es ist ein Irrtum des Jahrhunderts, daß man meint, das Böse sei, wenn es vergeben ist, vom Menschen abgetrennt, ja ausgestoßen, und so könne der Lebenszustand des Men­schen von einem Augenblick zum anderen verändert, ja sogar ins Gegenteil verkehrt werden. Auf diese Weise könne aus einem bösen ein guter Mensch werden, der aufgrund unmittel­barer Barmherzigkeit augenblicklich von der Hölle in den Him­mel gelangt. Aber wer das glaubt und meint, weiß überhaupt nicht, was gut und böse ist und kennt den Lebenszustand des Menschen nicht. Er hat keine Ahnung, daß die Willensneigun­gen nichts weiter sind als Veränderungen und Variationen im Zustand der rein organischen Substanzen des Gemüts und die Gedanken des Verstandes nur Veränderungen und Variationen der Form jener Substanzen. Hat man das eine wie das andere erkannt, kann man in aller Deutlichkeit sehen, daß sich Böses lediglich allmählich entfernen läßt und die Vergebung des Bösen nicht gleichbedeutend ist mit seiner Entfernung. Was hier in Kurzform angedeutet wurde, kann zwar auch ohne Be­weis anerkannt, aber nicht erfaßt werden und ist nur wie ein Rad, das von Hand gedreht wird ohne etwas zu bewirken. Des­halb soll es in der Ordnung, wie eben angeführt, nachgewie­sen werden.

Erstens: Es ist ein Jahrhundertirrtum, daß man meint, das Böse sei, wenn es vergeben ist, vom Menschen abgetrennt, ja ausgestoßen. Aus dem Himmel ließ man mich wissen, daß alles Böse, in das der Mensch hineingeboren wird, vom Men­schen nicht abgetrennt, sondern nur aus der Mitte entfernt werde, bis es nicht mehr zur Erscheinung kommt. Vorher teilte auch ich die Meinung der Mehrheit, daß das Böse zugleich mit der Vergebung getilgt und ähnlich abgewaschen und beseitigt wird wie durch Wasser der Schmutz vom Gesicht. Aber das trifft für das Böse oder die Sünden nicht zu; Sie bleiben alle, nur wer­den sie, wenn sie nach der Sinnesänderung des Menschen ver­geben werden, von der Mitte an den Rand geschafft. Dann er­scheint, was die Mitte einnimmt und unmittelbar geschaut wird, wie im Tageslicht, das andere, zur Seite geschaffte aber, wie im Schatten und zuweilen sogar wie in nächtlicher Finsternis. Aber weil das Böse nicht getilgt, sondern nur aus der Mitte entfernt, d.h. auf die Seite geschafft wurde und sich der Mensch vom Mit­telpunkt nach allen Seiten wenden kann, ist es ihm auch mög­lich, zu dem Bösen das er für ausgestoßen gehalten hatte, zurückzukehren. Der Mensch ist nämlich so geartet, daß er von einer Neigung zur anderen, zuweilen sogar in die entgegenge­setzte gelangen kann, also seinen Mittelpunkt verlegen kann. Denn solange er sich in einer Neigung befindet, bildet sie seine Mitte, weil er dann in ihrem Lustreiz und Licht ist.

Es gibt Menschen, die der Herr, weil sie gut gelebt haben, in den Himmel erhebt, obwohl sie den Glauben mit­brachten, sie seien rein von Sünden und unbefleckt und daher in keinerlei Schuld. Sie werden ihrem Glauben entsprechend zuerst mit weißen Kleidern angetan, bezeichnen diese doch den Zustand der Reinheit vom Bösen. Dann beginnen sie, wie in der Welt zu denken, daß ihre Sünden gleichsam abgewa­schen wären und sich zu rühmen, sie seien keine Sünder mehr, wie andere. Das kann aber kaum ohne Hochmut und eine ge­wisse Verachtung der Nebenmenschen geschehen. Um sie von diesem eingebildeten Glauben abzubringen, werden sie nun aus dem Himmel verwiesen und in ihr Böses zurückversetzt, das sie in der Welt erworben hatten. Zugleich wird ihnen gezeigt, daß es auch bei ihnen ererbtes Böses gibt, von dem sie früher nur nichts gewußt hatten. Auf diese Weise werden sie zur Anerkennung gebracht, daß ihr Böses Licht von ihnen ab­getrennt, sondern nur entfernt ist, sie also von sich aus unrein und nichts als etwas Böses sind und nur der Herr sie vom Bösen abhält und im Guten erhält, wenn auch dem Anschein nach dieses Gute aus ihnen selbst hervorgehe. Wenn sie das eingesehen haben, werden sie vom Herrn erneut in den Him­mel erhoben.

Zweitens: Es ist ein Irrtum des Jahrhunderts, daß man meint, der Lebenszustand des Menschen könne von einem Au­genblick zum anderen verändert ja sogar ins Gegenteil ver­kehrt werden, und so könne aus einem bösen ein guter Mensch werden, der durch unmittelbare Barmherzigkeit au­genblicklich von der Hölle in den Himmel gelangt. Dieser Irr­tum findet sich bei allen, welche die tätige Liebe vom Glauben trennen und die Erlösung im bloßen Glauben sehen. Sie mei­nen nämlich, schon das bloße Denken und Äußern der For­meln dieses Glaubens mache gerecht und selig, wenn es nur mit Vertrauen und Zuversicht geschieht. Viele rechnen auch damit, daß dies in einem einzigen Augenblick geschehen werde, und wenn nicht vorher, so doch spätestens in der letz­ten Lebensstunde des Menschen. Wer das glaubt, muß natür­lich auch annehmen, daß der Lebenszustand des Menschen in einem Augenblick verändert werden kann und er durch un­mittelbare Barmherzigkeit erlöst werde. Der letzte Abschnitt dieses Werkes wird jedoch den Nachweis erbringen, daß die Barmherzigkeit des Herrn nicht unmittelbar ist und ein böser Mensch nicht in einem Augenblick in einen guten verwandelt, aus der Hölle befreit und in den Himmel versetzt werden kann. Dies kann vielmehr nur nach und nach durch die fortwährende Einwirkung der Vorsehung von Kindheit an bis ans Ende des Lebens geschehen. Man erkennt aber bereits hieran, daß alle Ge­setze der göttlichen Vorsehung die Umbildung und so das Heil des Menschen zum Ziel haben, mit anderen Worten: Die Um­kehrung seines von Geburt an höllischen Zustands in den ihm entgegengesetzten himmlischer. Das kann jedoch nur nach und nach geschehen, je wie der Mensch vom Bösen mit seinen Lustreizen zurücktritt und sich dem Guten mit seinen Lustrei­zen zuwendet.

Drittens: Menschen die das glauben wissen gar nicht, was böse und was gut ist. Es ist ihnen nicht klar, daß das Böse der Lustreiz der Begierde ist, gegen die göttliche Ordnung zu handeln und zu denken; Wogegen das Gute der Lustreiz der Neigung ist, im Sinne der göttlichen Ordnung zu handeln und zu denken. Ferner wissen sie nicht, daß es Myriaden von Be­gierden gibt, die alles Böse, ebenso aber auch Myriaden von Neigungen, die alles Gute durchdringen und bilden und die im Inneren des Menschen in einem derart geordneten Zusammen­hang stehen, daß keine von ihnen verändert werden kann, ohne zugleich alle andere mit zu betreffen. Wer das nicht weiß, kann glauben oder meinen, das Böse, das ihm jeweils nur als ein einzelnes erscheint, könne leicht entfernt und das Gute, das er ebenfalls nur als ein einzelnes sieht, an seine Stelle tre­ten. Weil diese Menschen mithin nicht wissen, worin eigentlich das Böse und das Gute besteht können sie nur der Meinung sein, die Erlösung geschehe augenblicklich und die Barmher­zigkeit sei unmittelbar. Im letzten Abschnitt dieses Werkes wird man sehen, daß dem nicht so sein kann.

Viertens: Menschen, die an eine augenblickliche Erlö­sung und an eine unmittelbare Barmherzigkeit glauben, haben keine Ahnung, daß die Willensneigungen nichts anderes sind als Veränderungen und Variationen im Zustand der rein orga­nischen Substanzen des Gemüts und die Gedanken des Ver­standes nur Veränderungen und Variationen der Form jener Substanzen, während im Gedächtnis ein fortdauernder Zustand all dieser Veränderungen und Wechsel besteht. Wer erkennt nicht an, wenn ihm gezeigt wird, daß Neigungen und Gedan­ken nur in Substanzen und deren Formen anzutreffen sind, die ihnen als Träger dienen, und daß diese, weil sie im Gehirn sind das voller Substanzen und Formen ist, als rein organische Substanzen bezeichnet werden? Kein vernünftig Denkender kann sich des Lachens enthalten, wenn er von den Phantasien einiger Menschen hört, die Neigungen und Gedanken nicht in Subjekten von bestimmter Beschaffenheit sehen, sondern sich etwas Hauchartiges darunter vorstellen, modifiziert durch Wärme und Licht, wie Bilder, die in der Luft oder im Äther er­scheinen. Dabei könnte doch das Denken ebenso wenig statt­finden, wenn es von seiner substantiellen Form getrennt würde. Und dasselbe gilt für den Vorgang des Sehens, würde man ihn von seiner Form, also vom Auge trennen — oder für das Hören ohne seine Form, das Ohr; ebenso gilt das für den Geschmack ohne seine Form, die Zunge. Man betrachte das Gehirn und man wird unzählige Substanzen darin erkennen, ebenso unzählige Fibern, und daß es darin nichts gibt, was nicht organisiert wäre. Bedarf es noch weiterer Begründung durch den Augenschein?

Die Frage ist freilich, worin denn Neigung und Ge­danke bestehen. Das läßt sich aus allem erschließen, was sich im Körper zeigt: In ihm finden sich zahlreiche Eingeweide, von denen alle ihren Platz haben und ihre Funktionen mithilfe von Veränderungen und Variationen des Zustands und der Form verrichten. Sie alle haben bekanntlich ihnen eigentümliche Tätigkeiten, so der Magen, die Eingeweide, die Nieren, die Leber, der Pankreas, die Milz, das Herz und die Lunge. Alle diese Arbeiter aber werden nur von innen heraus in Bewegung gesetzt, und zwar durch Veränderungen und Variationen ihres Zustands und ihrer Form. Es kann daher als Tatsache betrach­tet werden, daß die Verrichtungen der rein organischen Sub­stanzen des Gemüts nichts anderes sind — nur mit dem Unter­schied, daß die Tätigkeiten der organischen Substanzen des Körpers von natürlicher, die des Gemüts geistiger Art sind, beide aber mittels der Entsprechungen eine Einheit bilden.

Die Beschaffenheit der Veränderungen und Variationen im Zustand und in der Form der organischen Substanzen des Gemüts, welche Neigungen und Gedanken sind, läßt sich nicht augenfällig beweisen. Man kann sie aber gleichsam im Spiegel sehen, wenn man die Veränderungen und Variationen des Zustands der Lunge beim Sprechen und Singen beobach­tet, da auch hier eine Entsprechung besteht. Denn sowohl der Ton von Sprache und Gesang wie auch die Artikulation des Tones durch die gesprochenen Wörter und die Modulationen des Gesangs werden mithilfe der Lunge hervorgebracht, und zwar entspricht der Ton der Neigung und das Reden dem Ge­danken. Ton und Sprache werden auch von Neigung und Gedanken erzeugt, und zwar durch Veränderungen und Variatio­nen im Zustand und in der Form der organischen Substanzen in der Lunge; von ihr aus durch die Luftröhre (aspera arteria) in der Kehle und Stimmritze, dann in der Zunge und schließ­lich in den Lippen des Mundes. Die ersten Veränderungen und Variationen in Zustand und Form des Tons erfolgen in der Lunge, die zweiten in der Luftröhre und Kehle, die dritten in der Stimmritze durch die verschiedenen Öffnungen ihrer Mün­dung, die vierten in der Zunge durch ihre verschiedene Berührungen des Gaumens und der Zähne, die fünften in den Lippen des Mundes durch ihre unterschiedlichen Stellungen. Das zeigt, daß es lauter Veränderungen und Variationen des Zustands der organischen Formen sind, die durch Aufeinan­derfolge die Laute und ihre Gliederung in den gesprochenen Wörtern und gesungenen Tönen hervorbringen. Da nun beides — Sprache und Gesangs allein erzeugt werden durch die Nei­gungen und Gedanken des Gemüts, ohne die sie nicht entstünden, ist offenbar, daß die Willens Neigungen Veränderun­gen und Variationen des Zustands der rein organischen Sub­stanzen des Gemüts sind. Ebenso bestehen die Gedanken des Verstandes in Veränderungen und Variationen der Form jener Substanzen — ähnlich wie bei den Verrichtungen der Lunge.

Da nun Neigungen und Gedanken lauter Zustands­veränderungen der Formen des Gemüts sind, so folgt, daß das Gedächtnis nichts anderes als ihren permanenten Zustand dar­stellt. Es ist nämlich eine Eigenart aller Zustands  Veränderun­gen und  Variationen, daß sie — einmal eingeprägt — bleiben. So wird etwa der Lunge eingeprägt, in der Luftröhre verschiedene Töne zu erzeugen, sie in der Stimmritze zu vermannigfachen in der Zunge zu artikulieren und im Munde zu modifizieren. Sind diese organischen Funktionen einmal eingeprägt, so blei­ben sie und können immer wieder reproduziert werden. Im Werk „Die göttliche Liebe und Weisheit“ ist von # 199 bis 204 gezeigt worden, daß diese Veränderungen und Variationen in den organischen Formen des Gemüts unendlich vollkommener sind, weil alle Vollkommenheiten mit und gemäß den Graden wachsen und aufsteigen. Mehr darüber unten in # 319.

*280. Ein weiterer Jahrhundertirrtum besteht darin, da man meint, die Sünden seien, wenn sie vergeben sind, auch sogleich getilgt. Das glauben besonders alle, die der Ansicht sind die Sünden würden ihnen durch Teilnahme am Sakrament des Abendmahls vergeben, obwohl sie dieselben nicht durch die Buße (d.h. Sinnesänderung d.Ü.) aus sich entfernt haben. Ferner sind in diesem Irrtum alle, die durch den bloßen Glauben oder auch aufgrund päpstlichen Ablasses selig zu werden meinen. Die einen wie die anderen glauben an eine unmittelbare Barmherzigkeit und augenblickliche Erlösung. Wahrheit aber ist gerade das Umgekehrte: Erst wenn die Sünden entfernt sind, werden sie auch vergeben; Denn die Buße muß der Vergebung vorhergehen, ohne Buße gibt es keine Vergebung. Darum gebot der Herr seinen Jüngern, Buße zur Vergebung der Sünden zu predigen, Luk. 24/47, und auch Johannes der Taufe predigte bei Luk. 3/3 die Taufe zur Vergebung der Sünden.

Der Herr vergibt zwar allen Menschen ihre Sünden, hält sie ihnen nicht vor und rechnet sie ihnen auch nicht an, tilgen kann er sie aber nur in Übereinstimmung mit den Gesetzen seiner göttlichen Vorsehung. Auf die Frage des Petrus, wie oft er seinem Bruder, der gegen ihn sündige, vergeben solle und ob siebenmal genug sei, antwortete der Herr:

„Ich sage dir, nicht siebenmal, sondern siebzig mal siebenmal.“ (Mat. 18/22)

Wenn der Herr das von Petrus fordert, was wird nicht er selbst tun, der doch die Barmherzigkeit ist?

So geschieht also die Zulassung des Bösen um des Endzweckes willen, der das Heil ist.

*281. Bekanntlich ist der Mensch vollkommen frei zu wollen und zu denken, nicht aber zu denken und auch auszuführen, was er denkt und will. Er kann denken wie ein Atheist und Gott leugnen, das Heilige des Wortes und der Kirche lästern, ja er kann sogar wünschen sie in Wort und Tat zu vernichten, doch wird er durch die bürger­lichen, moralischen und kirchlichen Gesetze zurückgehalten. Deshalb hegt er diese gottlosen und frevelhaften Gedanken nur in seinem Inneren, ohne sie auszuführen. Auch dem Men­schen, der kein Gottesleugner ist, steht es vollkommen frei, in Gedanken auf Böses zu sinnen, auf Betrug, Wollust, Rache und dergleichen Torheiten, und zuweilen handelt er auch entspre­chend. Wer kann glauben, daß der Mensch ohne die ihm ver­liehene volle Freiheit nicht nur nicht selig werden könnte, sondern auch gänzlich zugrunde ginge?

Hier die Ursache: Jeder Mensch ist von Geburt an in Bösem von vielerlei Art, das in seinem Willen liegt und das er liebt; Denn was der Mensch aus seinem Inneren heraus will, das liebt er, und was er liebt, das will er auch. Die Liebe des Willens fließt in den Verstand ein und bewirkt, daß ihr Lustreiz dort empfunden wird. Von da aus gelangt sie in die Gedanken und in die Absichten. Würde es daher dem Menschen nicht er­laubt, in Übereinstimmung mit der durch Vererbung in ihn ge­legten Liebe seines Willens zu denken, bliebe jene Liebe abge­kapselt und träte dem Menschen nie vor Augen. Die Liebe zum Bösen aber, die nie zum Vorschein kommt, wäre wie ein Feind im Hinterhalt, wie Eiter in einem Geschwür, Gift im Blut oder Fäulnis in der Brust — tödlich, wenn sie eingeschlossen bleiben. Wenn aber dem Menschen erlaubt wird, Böses, das zu seiner Lebensliebe gehört, zu denken und anzustreben, so wird es durch geistige Mittel geheilt, vergleichsweise wie Krankheiten durch natürliche Heilmittel.

Wie der Mensch beschaffen wäre, wenn ihm nicht er­laubt würde, in Übereinstimmung mit den Lustreizen seiner Le­bensliebe zu denken, sei nun gezeigt: Er wäre nicht mehr Mensch, sondern würde einbüßen, was ihn erst zum Menschen macht, nämlich die beiden Anlagen, Freiheit und Vernunft ge­nannt. Die Lustreize dieses Bösen würden die inneren Bereiche seines Gemüts bis zu einem Ausmaß in Besitz nehmen, daß sie die Pforte aufbrächen, und dann könnte der Mensch nur noch aus diesem Bösen reden und handeln. Dadurch würde er nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor der Welt als Wahnsinni­ger dastehen und schließlich nicht mehr wissen, wie er diese seine Blöße bedecken soll. Um das zu verhindern, wird dem Menschen zwar erlaubt, das Böse, das er ererbt hat, zu denken und zu wollen, nicht aber auszusprechen und zu tun. Unter­dessen lernt er das Bürgerliche, Sittliche und Geistige kennen, das auch in seine Gedanken eindringt und die genannten Un­sinnigkeiten entfernt. Auf diese Weise wird er vom Herrn ge­heilt, freilich nicht weiter als bis zu dem Punkt, da er die Pforte zu bewachen weiß — es sei denn — er erkenne Gott auch an und bitte ihn um Hilfe, damit er jenen Unsinnigkeiten widerstehen könne. Soweit er ihnen dann tatsächlich widersteht, läßt er sie dann auch nicht mehr in seine Absichten und schließlich auch nicht mehr in seine Gedanken eindringen.

Dem Menschen steht es also frei, nach seinem Belieben zu denken, damit seine Lebensliebe aus ihren Schlupfwin­keln ins Licht seines Verstandes hervortreten kann. Sonst wüßte er gar nichts von seinem Bösen, könnte es also auch nicht aus­treiben. Folglich würde das Böse beim Menschen so sehr an­wachsen, daß in ihm kein Raum mehr für seine Wiederherstel­lung bliebe, geschweige denn bei seinen Kindern, wird doch das Böse des Vaters auf das Kind übertragen. Der Herr sorgt aber dafür, daß das nicht geschieht.

*282. Der Herr könnte den Verstand bei jedem Menschen heilen und dadurch bewirken, daß er nichts Böses, sondern nur Gutes dächte und zwar durch alle möglichen Arten von Ängsten (per varios timores), Wunder, Reden mit Verstorbenen, Visionen und Träume. Nur den Verstand heilen bedeutet aber, den Menschen bloß äußerlich heilen. Der Verstand des Men­schen mit seinen Gedanken ist nämlich nur das Äußere, der Wille mit seiner Neigung dagegen das Innere seines Lebens. Daher wäre die Heilung des Verstandes allein eine Kur, die nur die Symptome behandelt, nicht aber die innere Bosheit. Diese wäre dann eingekapselt, könnte nicht hervortreten und würde erst das Naheliegende und schließlich auch das Entferntere zer­stören, bis das Ganze abstürbe. Der Wille muß geheilt werden — nicht dadurch, daß der Verstand in ihn einfließt; denn das gibt es nicht, vielmehr durch Belehrung und Ermahnung sei­tens des Verstandes. Würde allein der Verstand geheilt, der Mensch wäre wie ein einbalsamierten Leichnam, in duftende Kräuter und Rosen gehüllt, die jedoch bald den Gestank der Leiche annehmen würden und man ihn schließlich keiner Nase mehr zumuten könnte. Dasselbe würde mit den himmlischen Wahrheiten geschehen, wenn sie dazu dienten, eine böse Grundneigung des Willens zu umhüllen.

*283. Der Grund, weshalb es dem Menschen erlaubt ist, das Böse bis zu dem Punkt zu erwägen wo er es auch beab­sichtigt, besteht — wie gesagt — darin, daß es dann durch das Bürgerliche, Sittliche und Geistige gebändigt werden kann. Das geschieht durch die Gedanken, es verstoße gegen Recht und Billigkeit, gegen Tugend und Anstand, gegen das Gute und Wahre, somit gegen die Ruhe, Freudigkeit und Seligkeit des Le­bens. Durch diese drei Mittel bewirkt der Herr die Heilung des Willens beim Menschen, und zwar zuerst durch Befürchtungen, später durch Liebe. Gleichwohl wird das Böse nicht vom Men­schen abgetrennt und getilgt, sondern nur verdrängt und auf die Seite geschafft. Sobald es dort ist, das Gute aber den Mit­telpunkt bildet, erscheint das Böse nicht mehr. Denn alles, was den Mittelpunkt bildet kommt unmittelbar zur Anschauung, sodaß es gesehen und wahrgenommen wird. Man muß aber wissen, daß der Mensch auch dann noch keineswegs im Guten ist, wenn bei ihm das Gute den Mittelpunkt bildet, es sei denn, das auf die Seite gedrängte Böse neige sich abwärts oder aus­wärts. Ist es statt dessen aufwärts oder einwärts geneigt, ist es nicht verdrängt, sondern strebt immerzu, in den Mittelpunkt zurückzukehren. Abwärts und auswärts neigt es sich, wenn der Mensch sein Böses als Sünde flieht, noch mehr, wenn er es ver­abscheut, weil er es dann verdammt und zur Hölle wünscht und damit bewirkt, daß es dorthin blickt.

*284. Der Verstand des Menschen ist ein Aufnahmegefäß des Guten sowohl wie des Bösen und des Wahren ebenso wie des Falschen. Das trifft nicht für seinen Willen zu, muß dieser doch entweder im Guten oder Bösen sein. In beiden zugleich kann er nicht sein, weil der Wille der Mensch selbst ist. In ihm liegt seine Lebensliebe. Gutes und Böses sind jedoch im Ver­stand getrennt wie Inneres und Äußeres. Daher kann der Mensch innerlich im Bösen und äußerlich im Guten sein. Wird er aber umgebildet, so werden Gutes und Böses aufeinander gehetzt (committuntur), und es kommt zu Streit und Kampf, der, wenn er heftig wird, Versuchung genannt wird; Trifft das nicht zu, kommt es — ähnlich wie bei Wein oder Bier (sicera) — ­zur Gärung. Siegt das Gute, wird das Böse mit seinem Falschen auf die Seite geschafft, vergleichsweise wie sich die Hefe auf dem Faßboden niederschlägt. Das Gute gleicht dann edlem Wein oder klarem Bier nach dem Gärungsprozeß. Siegt hinge­gen das Böse, wird das Gute samt seinem Wahren zur Seite ge­schafft, wird trübe und häßlich wie ungegorener Wein oder un­gegorenes Bier. Der Vergleich mit den Gärungsmitteln beruht darauf, daß diese im Wort das Falsche des Bösen bezeichnen, wie etwa bei Hosea 7/4, Luk. 12/1 und an anderen Stellen.

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Teil 15 - Die göttliche Vorsehung befaßt sich mit den Bösen ebenso wie mit den Guten.



*285.   Jeder Mensch, er sei gut oder böse, hat zwei grund­legende Fähigkeiten, eine ist der Verstand, die andere der Wille. Der Verstand ist die Fähigkeit, zu verstehen und zu denken und wird daher auch als Rationalität (Vernunft) be­zeichnet, der Wille aber ist die Fähigkeit, in Freiheit denken und folglich auch reden und handeln zu können — voraus­gesetzt, es ist nicht gegen die Vernunft oder Rationalität. Bei seinen Handlungen frei zu sein, heißt nämlich, so oft man will und wie man will zu handeln. Diese beiden grundlegenden Fähigkeiten sind beständig und wirken vom Ersten bis zum Letzten unausgesetzt bei allem, was der Mensch denkt und will. Sie sind in ihm vom Herrn angelegt und nicht von ihm selbst. Daraus folgt: Weil der Herr in diesen beiden Fähigkei­ten gegenwärtig ist, so ist er es auch im einzelnen, ja im al­lereinzelnsten, was Verstand und Denken, Wollen und Nei­gung des Menschen betrifft, mithin auch im einzelnen und einzelnsten seiner Rede und Handlung. Entferne diese beiden Fähigkeiten auch nur aus der kleinsten Einzelheit, und du wirst sehen, daß du das Betreffende als Mensch weder denken noch aussprechen kannst.

Schon früher wurde ausführlich nachgewiesen, daß der Mensch nur durch diese beiden grundlegenden Fähigkeiten überhaupt Mensch ist, denken und reden, das Gute fühlen und das Wahre verstehen kann, und zwar nicht nur was da bürgerliche und sittliche, sondern auch das geistige betrifft und daß er umgebildet und wiedergeboren werden, kurz: mit dem Herrn verbunden und so in Ewigkeit leben kann. Ferne wurde gezeigt, daß nicht nur die guten, sondern auch die bösen Menschen über diese beiden Fähigkeiten verfügen. Aber diese Fähigkeiten sind vom Herrn her beim Menschen und wurden ihm keineswegs als etwas angeeignet, das ihm selbst gehörte. Das Göttliche kann nämlich dem Menschen nicht wie etwas ihm Gehörendes angeeignet, sondern ihm nur beigefügt werden, was freilich so erscheint, als ob es ihm gehörte. Und weil dieses Göttliche auch im Einzelnsten des Menschen ist, so folgt, daß der Herr sowohl bei den bösen wie bei den guter Menschen dieses Einzelnste regiert. In dieser Regierung des Herrn besteht, was als göttliche Vorsehung bezeichnet wird.

*286. Nun ist es, wie gezeigt, ein Gesetz der göttlicher Vorsehung, daß der Mensch aus freiem Willen in Übereinstimmung mit seiner Vernunft, d.h. aufgrund jener beiden grundlegenden Fähigkeiten, der Freiheit und Rationalität, handelt kann. Und es ist ebenfalls ein Gesetz der göttlichen Vorsehung, daß der Mensch bei dem, was er tut, den Eindruck hat, es gehe als etwas Eigenes aus ihm selbst hervor. Ein weiteres Gesetz besteht darin, daß das Böse zugelassen werden muß, damit der Mensch von ihm abgebracht werden kann. Aus alledem folgt, daß der Mensch jene beiden Fähigkeiten mißbrauchen und aufgrund seines freien Willens und mithilfe seiner Vernunft begründen kann, was ihm beliebt. Er kann nämlich als vernünftig erscheinen lassen, was er nur will, unabhängig davon, ob es an sich vernünftig ist oder nicht. Deshalb fragen manche Menschen: „Was ist Wahrheit? Kann ich nicht zur Wahrheit er­klären was ich will?“ Macht es nicht die Welt auch so? Nimm etwas ganz und gar Falsches und bitte einen scharfsinnigen Menschen um die Begründung, so wird er es tun. Sag ihm z.B., er möge beweisen, daß der Mensch ein Tier sei oder die Seele regiere den Körper auf ähnliche Art, wie eine kleine Spinne durch ihre Fäden ihr Netz, oder Religion habe keine Realität, sondern sei nur eine Fessel, und er wird jede dieser Behaup­tungen so lange begründen, bis sie als Wahrheit erscheint. Was wäre auch leichter, da er ja weder weiß, worin Scheinbarkeit noch Falsches besteht, das aufgrund blinden Glaubens als Wahrheit angesehen wird?

Aus diesem Grund kann kein Mensch die Wahrheit er­kennen, wonach die göttliche Vorsehung im Einzelnsten von Verstand und Willen bzw. — was auf dasselbe hinausläuft — im Einzelnsten der Gedanken und Neigungen bei jedem Men­schen besteht, er sei böse oder gut. Aus der Fassung bringt ihn besonders der Gedanke, daß auf diese Weise ja auch das Böse vom Herrn stamme. Doch wird man im Folgenden sehen, da gleichwohl nicht das geringste Böse vom Herrn, sondern allein vom Menschen kommt, weil dieser es dadurch bei sich be­gründet hat, daß er dem Anschein nach aus sich selbst denkt, will, redet und handelt. Um das klar zu machen, soll es in nach­stehender Reihenfolge nachgewiesen werden:

Die göttliche Vorsehung ist bis ins Einzelnste allumfassend, nicht nur bei den Guten, sondern auch bei den Bösen, obwohl sie nicht in ihrem Bösen ist.

*287. Oben wurde gezeigt, daß die göttliche Vorsehung bis ins Einzelnste der Gedanken und Neigungen des Menschen hineinreicht, d.h. daß der Mensch aus sich selbst nichts denken und wollen kann, sondern daß alles, was er denkt und will und von daher redet und tut, auf einer Einwirkung beruht — ist es gut, aus dem Himmel, ist es böse, aus der Hölle —, mit anderen Worten, auf einem Einfluß des Herrn, wenn es gut, und aus dem Eigenen des Menschen, wenn es böse ist. Ich weiß freilich, daß das nur mit Mühe zu verstehen ist, weil einerseits unterschieden wird zwischen dem, was aus dem Himmel oder vom Herrn und dem, was aus der Hölle oder dem Eigenen des Menschen ein­fließt; Andererseits aber gesagt wird, die göttliche Vorsehung wirke bis ins Einzelnste in Gedanken und Neigungen des Men­schen ein — so sehr, daß der Mensch aus sich selbst überhaupt nichts denken und wollen könne. Wenn nun behauptet wird, er vermöge es aus der Hölle und seinem Eigenen, so erscheint das als ein Widerspruch. Es ist aber keiner, wie man im Fol­genden sehen wird. Dem ist freilich einiges vorauszuschicken, das Licht auf die Sache wirft.

*288.   Alle Engel des Himmels bekennen, niemand könne aus sich, sondern nur aus dem Herrn denken, alle Geister der Hölle hingegen behaupten, jeder könne nur aus sich selbst und nicht aus einem anderen denken. Es wurde ihnen zwar in mei­ner Gegenwart schon mehrmals gezeigt, daß keiner von ihnen aus sich denkt oder denken könnte, sondern nur durch einen Einfluß, doch vergebens, sie wollten es nicht hören. Die Erfah­rung wird jedoch lehren, daß erstens alles, was zu Denken und Neigung gehört, auch bei den höllischen Geistern aus dem Himmel einfließt, und zweitens, daß in der Hölle alles Gute in Böses und alles Wahre in Falsches, also in sein Gegenteil ver­kehrt wird. Dies wurde auf folgende Weise demonstriert: Aus dem Himmel wurde eine Wahrheit aus dem Wort her­abgelassen und von denen aufgenommen, die zuoberst in der Hölle waren. Diese wiederum ließen es weiter nach unten hinab bis zum Untersten. Auf dem Wege aber wurde es all­mählich in Falsches und schließlich in eine der Wahrheit völlig entgegengesetzte Falschheit verkehrt. Die höllischen Geister aber, bei denen die Wahrheit in Falschheit verdreht wurde, hat­ten dabei den Eindruck, ganz aus sich zu denken. Sie wußten es nicht anders, obgleich doch aus dem Himmel eine Wahrheit herabgeflossen und auf dem Weg zur untersten Hölle mehr und mehr verfälscht und ins Gegenteil verkehrt worden war. Ich habe diesen Vorgang drei oder viermal selbst mit angehört. Dasselbe geschieht mit dem Guten: fließt es aus dem Himmel in die Hölle herab, wird es nach und nach in das ihm entge­gengesetzte Böse verkehrt. Damit war offenbar, daß das vom Herrn ausgehende Gute und Wahre umgewandelt wird und eine andere Form annimmt, wenn es von Geistern aufgenommen wird, die dem Falschen und Bösen verfallen sind. Die ursprüngliche Form kommt dann nicht mehr zur Erscheinung. Ähnliches geschieht bei jedem bösen Menschen, der ja seinem Geist nach schon in der Hölle ist.

*289. Des öfteren wurde mir gezeigt, daß auch in der Hölle niemand aus sich selber denkt, sondern aus der Atmo­sphäre anderer, die um ihn sind; Diese aber denken ebenfalls nicht aus sich, sondern wiederum aus anderen, und so gelan­gen die Gedanken und Neigungen in bestimmter Ordnung von einer Gesellschaft zur nächsten, ohne daß irgend jemand auf den Gedanken käme, er dächte und wolle nicht aus sich selbst. Man schickte einige Geister, die das nicht wahr haben wollten, in eine andere Gesellschaft, hielt sie dort fest und schnitt daraufhin alle Verbindungen mit den Nachbarn ab, zu denen sich ihre Gedanken und Neigungen ebenfalls zu verbreiten pfleg­ten. Nun wurde ihnen gesagt, sie sollten etwas andere Gedan­ken hegen als die Geister der betreffenden Gesellschaft, ja sich zwingen, etwas Gegenteiliges zu denken. Sie mußten geste­hen, daß ihnen das unmöglich sei.

Das Experiment wurde mit vielen angestellt, auch mit Leibniz. Er wurde ebenfalls überführt, daß niemand aus sich selbst, sondern nur aus anderen denken kann, aber diese kön­nen es wiederum auch nicht aus sich, sondern aufgrund eines Einflusses aus dem Himmel, der seinerseits auf einem Einfluß vom Herrn beruht. Einige von ihnen, die darüber nachdachten, erklärten es für unbegreiflich und meinten, es sei kaum zu glauben, weil es dem Anschein völlig widerspreche. Aber sie könnten es trotzdem nicht leugnen, weil es ihnen vollständig bewiesen wurde. Doch während sie noch darüber staunten, meinten sie, unter diesen Umständen seien sie ja nicht schuld an ihrem bösen Gedanken, und ferner hätte es auf diese Weise den Anschein, als stamme das Böse vom Herrn. Auch meinten sie, es sei ihnen unbegreiflich, wie der Herr allein so verschie­denartige Gedankengänge verursachen könne. Aber diese drei Punkte sollen im Folgenden deutlich gemacht werden.

*290. Den geschilderten Erfahrungen ist noch folgendes beizufügen: Als mir der Herr die Fähigkeit verlieh, mit Geistern und Engeln zu reden, wurde mir dieses Geheimnis sogleich enthüllt. Mir wurde nämlich aus dem Himmel gesagt, wie an­dere glaubte auch ich, daß ich aus mir dächte und wolle, ob­gleich doch das Gute aus dem Herrn und das Böse aus der Hölle stamme. Diese Wahrheit wurde mir durch verschiedene auf mich übertragene Gedanken und Neigungen in lebendiger Weise bewiesen und mir nach und nach wahrzunehmen und zu empfinden gegeben. Wenn dann in der Folge etwas Böses in meinen Willen oder etwas Falsches in meine Gedanken ein­drang, untersuchte ich sogleich, woher es kam, und es wurde mir entdeckt und auch erlaubt, mit den betreffenden Geistern zu reden. Ich konnte sie dann widerlegen und veranlassen, sich zu entfernen und ihr Böses und Falsches zurückzunehmen und bei sich zu behalten. So konnten sie meinem Denken nichts dergleichen mehr eingießen. Das ist wohl tausendmal so geschehen, und in diesem Zustand bin ich nun schon seit vie­len Jahren und immer noch. Dennoch kommt es mir so vor, als dächte und wollte ich aus mir, gerade wie es auch anderen vor­kommt, und zwar ohne jeden Unterschied. Es beruht ja, wie oben im entsprechenden Abschnitt dargelegt wurde, auf der göttlichen Vorsehung des Herrn, daß es jedem Menschen so er­scheint. Neu angekommene Geister wundern sich über diesen meinen Zustand, da sie nur wahrnehmen, daß ich aus mir selbst nichts denke und will und deshalb wie ein leeres Gefäß bin. Ich habe ihnen jedoch das Geheimnis eröffnet und hin­zugefügt, daß ich noch tiefer in meinem Inneren dächte und wahrnähme, ob etwas, das in mein äußeres Denken einfließt, aus dem Himmel oder aus der Hölle stammt und daß ich letz­teres verwerfe und das andere aufnehme. Dennoch komme es mir ebenso wie ihnen vor, als ob ich aus mir dächte und wolle.

*291. Die Tatsache, daß alles Gute aus dem Himmel, alles Böse aber aus der Hölle stammt, ist in der Welt nicht unbekannt; In der Kirche weiß es jeder. Welcher geweihte Priester lehrte nicht, daß alles Gute von Gott sei und der Mensch nichts neh­men könne, es werde ihm denn vom Himmel gegeben; Ferner, daß böse Gedanken vom Teufel eingegeben würden, der den Menschen dazu verführe und anreize, sie zu verwirklichen?

Ein Priester, der aus heiligem Eifer zu predigen glaubt, betet deshalb auch darum, daß ihn der Heilige Geist lehren und seine Gedanken und Worte leiten möge. Einige behaupten, sie hätten deutlich wahrgenommen, daß er auf sie eingewirkt habe, und wenn man ihre Predigt lobt, so antworten sie fromm, nicht aus sich, sondern von Gott her hätten sie geredet. Wenn sie be­obachten, daß jemand gut redet und handelt, so sagen sie, Gott habe ihn dabei geleitet; Wenn sie bemerken, daß jemand schlecht redet und handelt, der Teufel habe ihn dazu verführt. Diese Redensarten sind in der Kirche geläufig, aber wer glaubt schon, daß es sich wirklich so verhält?

*292. Folgende Phänomene in der natürlichen Welt kön­nen anschaulich machen, daß alles aus einer einzigen Quelle des Lebens einfließt, was der Mensch denkt und will, folglich wie er redet und handelt, daß dennoch diese einzige Lebens­quelle, die der Herr ist, keine Schuld daran hat, wenn der Mensch Böses und Falsches denkt: Wärme und Licht gehen aus der Sonne hervor. Beide fließen in alle sichtbaren Subjekte und Objekte ein, nicht nur in die guten und schönen, sondern auch in die bösen und häßlichen. Sie bringen darin die verschie­densten Wirkungen hervor, fließen sie doch nicht nur in die gute Bäume ein, sondern auch in solche, die giftige Früchte tragen, ja sogar die Früchte selbst bringen sie zur Reife. Die Sonnenstrahlen dringen in gute Samen ebenso ein wie in Unkraut, in Pflanzen mit guter oder heilsamer Wirkung ebenso wie in Gewächse mit schlechter oder giftiger Wirkung. Dabei bleiben sich doch Wärme und Licht immer gleich. Die Ursache zum Bösen liegt also nicht in ihnen, sondern in den aufneh­menden Subjekten und Objekten.

Auch die Wärme ist die gleiche, ob sie Eier von Eulen, Uhus oder Nattern ausbrütet oder von Tauben, schönen Vögeln oder Schwänen. Lege einer Henne beiderlei Arten von Eiern unter, und ihre völlig unschädliche Wärme wird sie ausbrüten. Kann man also die Wärme für Böses und Schädliches verant­wortlich machen? Die Wärme wirkt immer auf gleiche Weise, ob sie nun auf Morast, Kot, Fäulnis, Kadaver usw. oder auf et­was Saftiges, Duftendes, Frisches und Lebendiges trifft. Wer sähe nicht, daß die Ursache der verschiedenen Wirkungen nicht in der Wärme, sondern im aufnehmenden Subjekt liegt? Ebenso stellt sich dasselbe Licht auf einem Gegenstand in lieb­lichen, auf einem anderen in abstoßenden Farben dar, ja in weißen hellt es sich auf und glänzt, während es sich in mehr nach schwarz tendierenden Farben verdunkelt.

Ähnlich geht es in der geistigen Welt zu: Auch in ihr stammen Wärme und Licht aus der dortigen, der geistigen Sonne, die der Herr ist, und aus dieser Sonne dringen sie in ihre Subjekte und Objekte ein. Hier sind Engel und Geister die Subjekte und Objekte, vor allem deren Willens  und Erkennt­nisvermögen. Die von dieser Sonne ausstrahlende göttliche Liebe ist hier die Wärme, und die ausstrahlende göttliche Weis­heit das Licht. Sie sind nicht schuld daran, daß sie von jedem anders aufgenommen werden, sagt doch der Herr:

„Er (Gott) läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mat. 5/45)

Unter der „Sonne“ hat man im höchsten geistigen Sinn die gött­liche Liebe und unter dem „Regen“ die göttliche Weisheit zu verstehen.

*293. Dem will ich noch die Ansicht der Engel über Willen und Verstand beim Menschen beifügen, nämlich daß kein Mensch auch nur über ein Körnchen eigenen Willens und eige­ner Klugheit verfüge. Sie sagen, wenn es nur ein solches Körn­chen bei jedem Menschen gäbe, könnte weder der Himmel noch die Hölle bestehen und müßte die ganze Menschheit vergehen. Als Grund geben sie an, daß Myriaden und Abermyriaden von Menschen — soviel ihrer von Beginn der Schöpfung geboren wurden — Himmel und Hölle bilden. Letztere ist ersterem in einer Weise untergeordnetes, daß beide eine Einheit darstellen, der Himmel einen schönen, die Hölle einen monströsen Menschen. Besäße nun jeder Mensch nur ein Körnchen eigenen Willens und eigener Klugheit, könnte jene Einheit nicht bestehen, son­dern würde zerfallen. Damit wurde auch die göttliche Form zu­grunde gehen, da sie nur bestehen und fortdauern kann, wenn der Herr alles in allem ist und die Menschen daneben nichts.

Als weiteren Grund führen die Engel an, das eigentlich Göttliche bestehe darin, aus sich selbst zu denken und zu wol­len; Aus Gott zu denken und zu wollen sei das eigentlich Menschliche. Das eigentlich Göttliche aber könne keinem Men­schen angeeignet werden, sonst wäre er Gott. Behalte das im Gedächtnis, dann wirst du, wenn du willst, nach deinem Tod in der geistigen Welt von Engeln darin bestärkt werden.

*294. Oben in # 289 wurde gesagt, einige Menschen hät­ten, als man ihnen bewiesen habe, daß niemand aus sich, son­dern aus anderen denkt, diese aber wiederum auch nicht aus sich, sondern aufgrund eines Einflusses aus dem Himmel vom Herrn in ihrer Verwunderung geäußert, auf diese Weise wären sie ja ohne Schuld, wenn sie Böses täten. Ferner stamme unter diesen Umständen das Böse anscheinend vom Herrn, und zudem wäre ihnen unverständlich, wie der Herr allein bewir­ken könne, daß alle Menschen so verschiedenartig denken. Da diese drei Einwände notwendigerweise denen kommen müs­sen, die sich nur Wirkungen aus vorhergegangenen Wirkungen vorstellen können, nicht aber Wirkungen aus Ursachen, muß darauf eingegangen und der Grund erklärt werden.

Der erste Einwand: Sie seien ja dann nicht selbst schuld, wenn sie etwas Böses täten, wenn alles, was der Mensch denkt, von anderen einfließt, denn so läge doch die Schuld bei diesen. Und doch trägt allein der Aufnehmende die eigentliche Schuld, nimmt er diesen Einfluß doch als sein Ei­genes an, weiß es nicht anders und will es auch nicht anders wissen. Jeder möchte ja sich selbst angehören, sich selbst führen und vor allem, aus sich selbst denken und wollen. Hierin besteht eben der freie Wille, der als das Eigene er­scheint, das zu jedem Menschen gehört. Wüßte er daher, daß alles, was er denkt und will, aus anderen Quellen einfließt, er käme sich wie gefesselt oder gefangen vor, nicht mehr als sein eigener Herr. Auf diese Weise verlöre er jede Lust zu leben, und schließlich ginge sein Menschliches zugrunde.

Ich habe das oft bestätigt gesehen. Einigen Geistern wurde die Wahrnehmung und Empfindung gegeben, wie sie von anderen beeinflußt wurden. Das machte sie so zornig, daß sie ihrer selbst nicht mehr mächtig waren und erklärten, lieber wollten sie als Gefesselte in der Hölle leben als nicht denken zu dürfen, wie es ihnen beliebe, und nicht wollen zu dürfen, wie sie dächten. Dieser Zustand, sagten sie, sei eine Fesselung des Lebens selbst, härter und unerträglicher als körperliche Fesseln. Hingegen bezeichneten sie es nicht als „Fesselung“, wenn sie nicht reden und tun dürften, wie sie wirklich däch­ten und wollten, weil dabei ja die Annehmlichkeit des bürger­lichen und Sittlichen Lebens, die im Reden und Handeln be­stehe, im allgemeinen bestehen bleibe und ein solches Verbot zügele und mildere.

Da der Mensch nichts davon wissen will, daß er beim Denken von anderen gelenkt wird, sondern selbst denken will und das auch glaubt, trägt er folglich selbst die Schuld, und er kann sie auch, solange er seine Gedanken gerne denkt, nicht von sich abwälzen. Lehnt er aber seine Gedanken ab, befreit er sich aus dem Zusammenhang mit denen, die sie ihm eingaben. Das geschieht, sobald er erkennt, daß es sich dabei um etwas Böses handelt, das er fliehen und überwinden möchte. Dann wird er auch vom Herrn aus der Gesellschaft, in der dieses Böse herrscht, herausgenommen und in eine Gesellschaft ver­setzt, in dem es nicht herrscht. Erkennt er aber, daß es sich um etwas Böses handelt und flieht es dennoch nicht, wird ihm die Schuld angerechnet, ist er also für das Böse verantwortlich. Daher heißt, was der Mensch aus sich selbst zu tun glaubt, es sei von ihm getan, und nicht vom Herrn.

Der zweite Einwand: Auf diese Weise scheint das Böse vom Herrn zu stammen — das ließe sich als Schlußfolgerung aus dem ziehen, was oben in # 288 ausgeführt wurde: das vom Herrn einfließende Gute wird in der Hölle in Böses und das Wahre in Falsches verkehrt. Aber wer könnte leugnen, daß Böses und Falsches nicht vom Guten und Wahren, folglich nicht vom Herrn herrühren kann, sondern nur vom aufneh­menden Subjekt oder Objekt, das vom Bösen und Falschen durchdrungen ist und es verdirbt und verdreht? Das wurde oben in # 292 ebenfalls vollständig gezeigt. Der Ursprung des Bösen und Falschen beim Menschen wurde aber im Vorherge­henden mehrfach dargelegt.

Diese Erfahrung machte man in der geistigen Welt auch an Geistern, die des Glaubens waren, der Herr hätte bei den Bösen das Böse entfernen und statt dessen Gutes einpflanzen können, um auf diese Weise die ganze Hölle in den Himmel zu versetzen und alle selig zu machen. Doch wird man am Ende dieses Werkes, wo die augenblickliche Erlösung und die un­mittelbare Barmherzigkeit behandelt wird deutlich sehen, daß das unmöglich ist.

Der dritte Einwand: Viele verstehen nicht, wie der Herr allein bewirken könne, daß alle Menschen so verschie­denartig denken. Die göttliche Liebe ebenso wie die göttliche Weisheit des Herrn ist unendlich, und diese Unendlichkeit der Liebe und Weisheit geht vom Herrn aus und fließt bei allen himmlischen Wesen ein, von ihnen aus dann auch bei allen Be­wohnern der Hölle, und aus beiden Bereichen bei allen Men­schen in dieser Welt. Denken und Wollen kann daher nieman­dem mangeln, denn was unendlich ist, ist grenzenlos. Dieses vom Herrn ausgehende Unendliche fließt aber nicht nur in universeller, sondern auch in der allerbesondersten (singularis­sime) Weise ein, weil das Göttliche universell ist aufgrund des Allerkleinsten. Auch ist das Göttliche in den allerkleinsten Din­gen das, was man das Universelle nennt, wie oben dargelegt wurde; Und das Göttliche ist in den allerkleinsten Dingen ebenso unendlich. Das Zeigt, daß allein der Herr einen jeden dazu bringt, zu denken und zu wollen — je nach seiner Be­schaffenheit und in Übereinstimmung mit den Gesetzen der göttlichen Vorsehung. Alles im Herrn und was von ihm aus­geht ist unendlich, wie oben in # 46 und im Werk „Die göttli­che Liebe und Weisheit“ # 17 bis 22 nachgewiesen wurde.

Die Bösen steuern beständig sich selbst ins Böse hinein, der Herr aber lenkt sie ununterbrochen davon ab.

*295.   Die Wirkungsweise der göttlichen Vorsehung bei den Guten läßt sich leichter verstehen als die bei den Bösen. Weil aber hier von der letzteren die Rede ist, soll es in dieser Reihenfolge gezeigt werden:

  1. In jedem Bösen verbirgt sich Unzähliges.

  2. Der Böse steuert sich selbst fortwährend immer tiefer in sein Böses hinein.

  3. Die göttliche Vorsehung bei den Bösen besteht in der fortwährenden Zulassung des Bösen, jedoch mit dem Ziel, sie dadurch laufend davon abzulenken.

  4. Diese Ablenkung vom Bösen geschieht auf tausender­lei und höchst geheime Weise.

*296. Um sich von der göttlichen Vorsehung bei den Bösen einen deutlichen Begriff machen zu können und sie zu verstehen, muß das oben Gesagte in der angeführten Ordnung erklärt werden.

1.) In jedem Bösen verbirgt sich Unzähliges. Dem Menschen erscheint jedes Böses als eine einzelne Angelegen­heit, z.B. Haß, Rache, Diebstahl und Betrug, Ehebruch und Hu­rerei, Stolz, Hochmut und alles übrige. Man weiß nicht, daß sich in jedem Bösen unzählige Dinge verbergen, jedenfalls mehr als der menschliche Körper Fasern und Gefäße hat. Der böse Mensch ist nämlich eine Hölle in kleinster Gestalt, und die Hölle besteht aus Myriaden und Abermyriaden Geistern, jeder der Form nach Mensch, obgleich von monströser Art, in dem alle Fasern und Gefäße pervertiert sind. Ihr Geist ist ein Böses, das den Betreffenden zwar als ein einziges erscheint, in Wirk­lichkeit aber ebenso viel Unzählbares enthält, wie die mit ihm verbundenen Begierden. Jeder Mensch ist nämlich von Kopf bis Fuß identisch mit seinem Bösen oder Guten. Das bedeutet, der Böse ist ein einziges Böses, aus einer unzähligen Vielfalt zusammengesetzt, von denen jeder einzelne Teil wiederum etwas Böses ist; Alle zusammen werden sie als die Begierden des Bösen bezeichnet. Folglich müssen sie alle, eine nach der anderen, vom Herrn wiederhergestellt und umgekehrt werden, um den Menschen umzubilden, was durch die göttliche Vorse­hung des Herrn nur nach und nach geschehen kann, vom er­sten Lebensalter an bis zu seinem letzten.

In der Hölle stellt sich jede Begierde des Bösen als ein schädliches Tier dar, beispielsweise als Drache oder Basilisk, als Natter oder Uhu, Nachteule usw. Auch wenn ein böser Mensch von den Engeln betrachtet wird, erscheinen ihnen seine Begierden in dieser Weise. Und all diese Formen müssen einzeln umgewandelt werden. Ein Mensch der hinsichtlich sei­nes Geistes wie ein Monster oder Teufel erscheint, muß umge­wandelt werden, ehe er zu einem schönen Engel werden kann, und zwar in jeder einzelnen seiner bösen Begierden, damit sie als Lamm oder Schaf, als Taube oder Turteltaube erscheinen, wie die guten Neigungen der himmlischen Engel, wenn diese dargestellt werden. Doch die Umwandlung eines Drachens in ein Lamm, eines Basilisken in ein Schaf oder eines Uhus in eine Taube kann nur nach und nach geschehen, und zwar dadurch, daß das Böse mit seiner Wurzel ausgerottet wird und statt des­sen ein guter Same gelegt wird. Das läßt sich aber vergleichs­weise nur so bewirken, wie man Bäume pfropft, indem man die Wurzeln samt einem Teil des Stammes läßt wie sie sind, der aufgepfropfte Zweig aber den durch die bestehenden Wurzeln aufgezogenen Saft so verwandelt, daß er gute Früchte bringt. Der einzupfropfende Zweig kann jedoch allein vom Herrn an­genommen werden, welcher der Baum des Lebens ist. Das ent­spricht auch den Worten des Herrn bei Joh. 15/1 7.

2.) Der Böse steuert beständig sich selbst ins Böse hinein, der Herr aber lenkt ihn ununterbrochen davon ab. Es heißt „sich selbst“, weil alles Böse vom Menschen stammt, da er — wie oben ausgeführt — das vom Herrn her einfließende Gute ins Böse pervertiert. Der Böse stürzt sich aber immer mehr ins Böse, weil er sich — je mehr er Böses will und tut ­immer tiefer in die Gemeinschaft höllischer Gesellschaften be­gibt. Daher wächst auch die Lust zum Bösen und nimmt seine Gedanken so ein, daß er zuletzt nichts anderes mehr als ange­nehmer empfindet. Aber wer sich immer innerlicher in hölli­sche Gesellschaften einläßt, wird wie mit Fesseln umstrickt, die er, solange er in der Welt lebt, nicht fühlt. Die Fesseln sind wie aus weicher Wolle oder zarten Seidenfäden; Er liebt sie, weil sie ihn angenehm kitzeln. Nach dem Tode aber werden diese Fes­seln drückend und stechend.

Wie man weiß, nimmt die Lust am Bösen zu: Diebstahl, Raub, Plünderung, Rachehandlungen, Herrschsucht, Wucher usw. beweisen es. Wer empfände nicht bei solchen Handlungen je nach Gelingen und unbehinderter Ausübung eine Erhöhung des Lustgefühls? Bekanntlich empfindet der Dieb bei seinen Diebstählen solche Lust, daß er nicht davon lassen kann und ihm erstaunlicherweise ein gestohlenes Geldstück mehr wert ist als zehn geschenkte. Ähnlich würde es beim Ehebruch sein, wäre nicht dafür gesorgt, daß die Kraft zu diesem Übel durch den Mißbrauch allmählich abnimmt. Gleichwohl bleibt bei vie­len die Lust erhalten, daran zu denken und davon zu sprechen, auch wenn letztlich nur noch die Lust der Berührung bleibt.

Aber man kennt die Ursache nicht, daß sich nämlich ein solcher Mensch, je mehr er das Böse aus seinem Willen und Denken heraus begeht, desto tiefer mit den höllischen Gesell­schaften einläßt. Solange er das Böse nur denkt und nicht will, ist er noch nicht mit seinem Bösen einer höllischen Gesell­schaft verbunden. Erst wenn er es wirklich will, tritt er in sie ein. Ist er sich dann auch bewußt, daß dieses Böse gegen die Vorschriften der Zehn Gebote verstößt, die er für göttlich hält, begeht er es vorsätzlich. Dadurch sinkt er so tief, daß nur tätige Reue ihn wieder aus diesem Zustand herausführen kann.

Man muß wissen, daß sich jeder Mensch hinsichtlich seines Geistes in einer Gesellschaft der geistigen Welt befinde — der böse in einer höllischen, der gute in einer himmlischen. Tatsächlich wird er dort zuweilen auch gesehen, wenn er in tiefes Nachdenken versunken ist. Ferner muß man wissen: Wie sich der Ton beim Sprechen rundum in der natürlichen Welt verbreitet, so verbreitet sich auch die Neigung samt ihren Gedanken in den Gesellschaften der geistigen Welt. Darin be­steht auch eine Entsprechung, entspricht doch die Neigung dem Ton und das Denken der Rede.

3.) Die göttliche Vorsehung bei den Bösen be­steht zwar in der fortwährenden Zulassung des Bösen, jedoch mit dem Ziel, sie dadurch laufend davon abzulenken. Der Grund ist: Aus dem Leben dieser Menschen kann nur Böses hervorgehen. Der Mensch ist ja entweder im Guten oder im Bösen. Er kann nicht in beidem zugleich sein, auch nicht ab­wechselnd, außer er gehöre zu den Lauen. Das Böse des Le­bens aber wird nicht vom Herrn in den Willen und durch die­sen ins Denken des Menschen eingelassen, sondern vom Men­schen selbst. Das nennt man Zulassung.

Weil nun alles, was der böse Mensch will und denkt zugelassen wird, fragt sich, worin dabei die göttliche Vorsehung besteht, von der gesagt wurde, sie walte im Einzelnsten bei jedem Menschen, er sei böse oder gut. Die Vorsehung besteht aber darin, daß sie bei der Zulassung stets einen Zweck ver­folgt, d.h. daß sie nur etwas zuläßt, das diesem Zweck dient und das Böse, das aus der Zulassung hervorgeht, fortlaufend mustert, abtrennt, reinigt und was unangemessen ist, auf unbe­kannten Wegen beseitigt. Das vollzieht sich vor allem im inne­ren Willen und von da aus auch im inneren Denken des Men­schen. Die Göttliche Vorsehung zeigt sich auch darin, daß sie ständig dafür sorgt, daß etwas, das weggewiesen und beseitigt werden muß, durch den Willen nicht von neuem aufgenommen und so dem Menschen angeeignet wird. Was nur vom Denken aufgenommen wird, aber nicht vom Willen, wird abgesondert und beseitigt. Hierin also liegt die fortlaufende Vorsehung des Herrn bei den Bösen — wie gesagt, eine ununterbrochene Folge von Zulassung zum Zweck der Ablenkung.

Der böse Mensch merkt davon kaum etwas, weil er es nicht wahrnimmt. Das beruht vor allem darauf, daß das Böse zu den Begierden seiner Lebensliebe gehört und nicht als etwas Böses, sondern Angenehmes empfunden wird, auf das er nicht weiter achtet. Wer schenkt schon den angenehmen Rei­zen seiner Liebe besondere Aufmerksamkeit? Das Denken schwimmt darin wie ein Kahn, der auf der Strömung eines Flusses dahintreibt, und der Betreffende empfindet diese Reize ähnlich wie eine lieblich duftende Atmosphäre, die er in vollen Zügen einatmet. Nur im äußeren Denken läßt sich etwas von dieser Art der Reize wahrnehmen, dennoch aber achtet man auch hier nicht weiter darauf, wenn man nicht genau weiß, daß sie böse sind. Darüber mehr im Folgenden.

4.) Die Ablenkung vom Bösen geschieht auf tausenderlei und höchst geheime Weise. Mir wurde nur einiges, aber nur das allgemeinste davon entdeckt. Die dem Menschen unbewußten Reize der Begierden nämlich werden haufen  und bündelweise in die inneren Gedanken seines Geistes eingelas­sen und von da aus treten sie in seine äußeren Gedanken. Dort werden sie dann als eine gewisse Wollust, Lust oder Verlangen empfunden und vermischen sich auch mit den natürlichen oder sinnlichen Reizen. Hier finden sich die Mittel der Aus­scheidung und Reinigung sowie Wege der Ablenkung und Be­seitigung. Diese Mittel bestehen vor allem in den Freuden der Meditation, des Denkens und der Reflexion; Sie betreffen ge­wisse Absichten, Nutzen zu schaffen. Derartige Absichten, Nut­zen zu schaffen, sind ebenso zahlreich wie die speziellen und einzelnen Aufgaben, die in irgendeinem Geschäft oder Beruf vorkommen; Ebenso zahlreich auch wie die vielen lustvollen Reize der Reflexion, die man anstellt, um als rechtschaffener, sittlicher oder auch als geistiger Mensch zu erscheinen — abge­sehen von dazwischen tretenden Unannehmlichkeiten. Weil diese angenehmen Reize im äußeren Menschen Teil seiner Liebe sind, dienen sie als Mittel der Ausscheidung, Reinigung, Absonderung und Beseitigung der Lustreize der bösen Begier­den im inneren Menschen.

Z.B. geht ein ungerechter Richter, der Gewinn oder Freundschaft als den eigentlichen Zweck oder Nutzen seines Amtes betrachtet, innerlich ständig darauf aus; Äußerlich aber will er als gesetzeskundig und gerecht gelten. Seine Lust be­steht im unentwegten Nachsinnen, Denken, Überlegen und Streben, wie er das Recht so drehen, wenden, anbequemen und anpassen könnte, daß es mit den Gesetzen übereinzustim­men und der Gerechtigkeit gemäß zu sein scheint. Ihm ist dabei nicht bewußt, daß seine innere Lust in Schlauheiten, Be­trügereien, heimlichem Diebstahl, im Ränkeschmieden usw. besteht, und daß diese aus so vielen einzelnen Lüsten seiner bösen Begierden zusammengesetzte Lust seine äußeren Ge­danken im Ganzen wie in allen Einzelheiten beherrscht — ob­gleich er doch gern als gerecht und redlich erscheinen möchte. Die inneren Lustreize sinken in die äußeren Lustreize herab und vermischen sich mit ihnen, vergleichsweise wie die Spei­sen im Magen, wo sie geschieden, gereinigt und abgeführt wer­den. Freilich werden nur die verderblicheren Lustreize der bösen Begierden entfernt.

Denn beim bösen Menschen gibt es nur eine Tren­nung, Reinigung und Abführung des besonderes verderbli­chen, nicht des weniger verderblichen Bösen. Beim guten Menschen hingegen findet eine Trennung, Reinigung und Aus­scheidung nicht nur des besonders verderblichen, sondern auch des weniger verderblichen Bösen statt. Es geschieht mit­hilfe der angenehmen Reize der Neigungen des Guten und Wahren sowie des Gerechten und Redlichen. Diese erlangt der Mensch, soweit er das Böse als Sünde betrachtet und mehr noch, wenn er dagegen ankämpft. Durch solche Mittel reinigt der Herr alle, die gerettet werden. Eben diese reinigt er aber auch wieder durch äußere Mittel, wie Ruhm, Ehre und zuwei­len auch Gewinn. In sie legt er jedoch die Lustreize der Nei­gungen zum Guten und Wahren hinein, durch welche die Be­treffenden zur Freude an der Nächstenliebe geleitet und zube­reitet werden.

Erblickte jemand die Reize böser Begierden in ir­gendeiner Form gleichzeitig, er würde wahrnehmen, daß ihre Zahl zu groß ist, um sie zu bestimmen. Denn die ganze Hölle ist nichts anderes als die Form aller bösen Begierden. Keine dieser bösen Begierden gleicht dort einer anderen völlig oder ist ihr ganz ähnlich, und das kann auch in Ewigkeit nicht sein. Der Mensch ahnt kaum etwas von ihrer Unzählbarkeit, noch weniger, was diese Begierden miteinander verbindet, und doch läßt der Herr durch seine göttliche Vorsehung fortlau­fend zu, daß sie hervortreten. Es geschieht, um sie zu entfer­nen, was in vollkommener Ordnung und Reihenfolge geschieht. Der böse Mensch ist eine Hölle, der gute Mensch ein Himmel in kleinster Form.

Die Ablenkung des Menschen vom Bösen geschieht von Seiten des Herrn auf tausenderlei und äußerst geheimnis­volle Art und Weise. Das läßt sich nicht besser erkennen und erschließen als aus den verborgenen Tätigkeiten der Seele im Körper. Folgende sind dem Menschen bekannt: Die Speise, die er essen möchte, sieht er, durch ihren Geruch empfindet er Verlangen nach ihr, sie schmeckt ihm, mit den Zähnen kaut er sie, mit der Zunge befördert er sie in die Speiseröhre und so in den Magen. Zu den geheimen, dem Menschen unbewußten, weil nicht fühlbaren Tätigkeiten der Seele gehört: Daß der Magen die aufgenommenen Speisen knetet, durch Lösungs­mittel auflöst und zerteilt, d.h. verdaut und das Zuträgliche den vorhandenen Öffnungen und Gefäßen zuführt, die es einsau­gen, einiges dem Blut, anderes den Lymphgefäßen oder den Milchgefäßen des Gekröses zuweisen, während wieder ande­res in die Gedärme geht; Daß ferner der Speisesaft aus seinem Behälter im Gekröse durch den Brustgang (per ductum thora­cicum) unten hindurch in die Hohlader und so ins Herz ge­bracht wird. Vom Herzen wiederum gelangt es in die Lunge, von dieser weiter durch die linke Herzkammer in die Aorta, und von da durch Verzweigungen in die Eingeweide des ganzen Körpers, wie auch in die Nieren, wo eine Scheidung und Reinigung des Blutes und eine Entfernung der Fremdstoffe stattfindet. Wer wüßte auch etwas davon, wie das Herz das in der Lunge gereinigte Blut durch die Schlagadern, Carotiden ge­nannt, ins Gehirn strömen läßt, von wo es im Gehirn belebt, wieder in die Hohlader — unmittelbar über der Stelle, an wel­cher der Brustgang den Speisesaft einbringt — und so wieder ins Herz zurückströmt?

Diese und unzählige andere Vorgänge sind die ge­heimen Tätigkeiten der Seele im Körper. Der Mensch empfindet davon nichts, und wenn er keine Ahnung von Anatomie hat, weiß er auch nichts davon. Und doch geht im Inneren des menschlichen Gemüts etwas ganz ähnliches vor, kann doch im Körper nur von daher etwas geschehen; Denn das Gemüt des Menschen ist sein Geist, und dieser ist in gleicher Weise (aeque) Mensch, nur mit dem Unterschied, daß im Geist alles in geisti­ger Weise geschieht, im Körper hingegen in natürlicher Weise. Aber es besteht eine durchgehende Ähnlichkeit. Damit ist klar: Die göttliche Vorsehung wirkt bei jedem Menschen auf tausen­derlei höchst geheimnisvolle Weisen, und weil stets auf seine Erlösung bedacht, ist es ihr Ziel, ihn zu reinigen. Sie erlegt dem Menschen nur auf, das Böse in seinem Äußeren zu entfernen. Für alles andere sorgt der Herr, wenn er darum gebeten wird.

Solange die Bösen glauben, alles geschehe aus eigener Einsicht und nicht aus göttlicher Vorsehung, können sie vom Herrn nicht vollständig vom Bösen abge­lenkt und zum Guten hingeleitet werden.

*297.   Es sieht so aus, als könne sich der Mensch vom Bösen abwenden, wenn er nur denkt, dies oder jenes sei gegen das Allgemeinwohl, das Nütz­liche und das Recht des Volkes oder der Völker. Aber das kann der Böse wie der Gute, vorausgesetzt er sei von Geburt an oder durch entsprechende Ausbildung in der Lage, daß er analytisch und mit klarer Vernunft denken kann. Dennoch kann er sich nicht selbst vom Bösen abwenden. Der Grund liegt darin, daß der Herr — wie oben des öfteren gezeigt — allen Menschen, sie seien böse oder gut, die Fähigkeit verleiht, die Dinge auch ab­strakt zu erkennen und zu begreifen. Dadurch kann sich der Mensch jedoch nicht vom Bösen befreien; Denn das Böse gehört dem Willen an, auf den der Verstand — abgesehen davon, daß er mit seinem Licht erleuchtet und belehrt — keinen Einfluß hat. Erglüht aber die Wärme des Willens, d.h. seine Le­bensliebe durch die Begierde des Bösen, lassen ihn Neigungen zum Guten kalt, und er nimmt sie gar nicht auf, verwirft sie, löscht sie aus oder verkehrt sie durch irgend eine Falschheit, die er sich ausdenkt, in etwas Böses. Es geht dabei wie mit dem Licht des Winters, das ebenso hell scheinen kann wie im Som­mer, auch wenn es in gefrorene Bäume einfließt. In folgender Ordnung dargelegt, läßt es sich besser erkennen:

  1. Ist der Wille vom Bösen eingenommen, sieht der ei­gene Verstand nur Falschheiten, will und kann auch nichts anderes erkennen.

  2. Sieht der eigene Verstand die Wahrheit, wendet er sich ab oder verfälscht sie.

  3. Die göttliche Vorsehung wirkt unablässig auf den Men­schen ein, die Wahrheit zu sehen und gibt ihm auch die Nei­gung, sie zu begreifen und aufzunehmen.

  4. Der Mensch wird auf diese Weise vom Bösen abge­lenkt, nicht durch sich selbst, sondern durch den Herrn.

*298. Um das dem vernünftigen Menschen klar vor Augen zu führen, gleichgültig ob er böse oder gut, d.h. ob er im Licht des Winters oder des Sommers ist — in beiden erscheinen ja die Farben in gleicher Weise —, muß es in der folgenden Ordnung erklärt werden:

1.) Ist der Wille vom Bösen eingenommen, sieht der eigene Verstand nur Falschheiten, will und kann auch nichts anderes erkennen. Das ist in der geistigen Welt des öf­teren nachgewiesen worden. Jeder Mensch wird nach dem Tode, wenn er den Körper ablegt und ein Geist wird, abwech­selnd in die beiden Zustände seines Lebens, den äußeren und den inneren, versetzt. Im ersten Zustand redet und handelt er vernünftig, ganz wie ein vernünftiger und weiser Mensch in der irdischen Welt; In diesem Zustand kann er auch andere über vieles belehren, was zum bürgerlichen und sittlichen Leben gehört. War er ein Prediger, kann er auch lehren, was zum geistigen Leben gehört. Doch wenn er aus diesem äuße­ren Zustand in den inneren versetzt wird, d.h. wenn der äußere eingeschläfert und der innere erweckt wird, verändert sich, falls er böse ist, die Szene völlig: Er wird aus einem rationalen Menschen zu einem sinnlichen, aus einem Weisen ein Irrer. Denn nun denkt er vom Bösen seines Willens und dessen Lust­reiz her, also aus dem eigenen Verstand, der ihm nichts zeigt als Falsches, und er handelt nur böse, hält Bosheit für Weisheit, List für Klugheit, und aus seinem eigenen Verstand betrachtet er sich als einen Gott und verlegt sich mit seinem ganzen Gemüt auf schändliche Künste.

Fälle solchen Wahnsinns habe ich mehr als einmal ge­sehen. Ebenso habe ich beobachtet, wie sie innerhalb einer Stunde zwei oder dreimal abwechselnd in diese beiden Zu­stände versetzt wurden, so daß ihnen Gelegenheit gegeben wurde, ihren Wahnsinn zu erkennen und anzuerkennen. Den­noch wollten sie nicht im vernünftigen und sittlichen Zustand bleiben, vielmehr wandten sie sich aus freiem Willen dem sinn­lichen und törichten Zustand, der in ihrem Inneren herrschte, wieder zu; Den liebten sie mehr als den anderen, weil darin der Lustreiz ihrer Lebensliebe lag. Wer könnte glauben, daß ein böser Mensch hinter seiner äußeren Erscheinung so beschaffen ist und eine derartige Verwandlung erfährt, wenn er zu sich selbst kommt?

Schon aufgrund dieser Erfahrung ist zu erkennen, was es mit dem eigenen Verstand auf sich hat, wenn er aus dem Bösen des eigenen Willens heraus denkt und handelt. Anders freilich ergeht es den Guten: Werden sie aus ihrem äußeren Zustand in den inneren versetzt, werden sie noch weiser und gesitteter.

2.) Sieht der eigene Verstand die Wahrheit, wendet er sich ab oder verfälscht sie. Der Mensch hat ein wil­lens  und ein verstandesmäßiges Eigenes. Das willensmäßige Eigene ist böse, von ihm her ist das verstandesmäßige Eigene falsch. Ersteres ist zu verstehen unter dem „Willen des Man­nes“, letzteres unter dem „Willen des Fleisches“ bei Joh. 1/13. Das willensmäßige Eigene ist seinem Wesen nach Selbstliebe, und das verstandesmäßige Eigene ist aus jener Liebe resultie­render Hochmut. Die beiden sind wie zwei Ehegatten, ihre Ver­bindung aber wird als Ehe des Bösen und Falschen bezeichnet. Jeder böse Geist wird, ehe er in die Hölle kommt, in den Zu­stand dieser Ehe versetzt. Ist er einmal darin, weiß er nicht mehr, worin das Gute besteht. Er hält dann sein Böses für gut, da er es als angenehm empfindet. Dann kehrt er dem Wahren den Rücken und will es nicht sehen, weil das mit seinem Bösen übereinstimmende Falsche in seinen Augen als schön erscheint und seinen Ohren harmonisch dünkt.

3.) Die göttliche Vorsehung wirkt unablässig auf den Menschen ein, die Wahrheit zu sehen und gibt ihm auch die Neigung, sie zu begreifen und aufzunehmen. Das ge­schieht, weil die göttliche Vorsehung vom Inneren aus wirkt und von dort ins Äußere, bzw. vom Geistigen ins Natürliche beim Menschen einfließt, wo sie den Verstand erleuchtet durch das Licht des Himmels und den Willen durch die Wärme des Himmels belebt. Das Licht des Himmels ist aber seinem Wesen nach die göttliche Weisheit und die Wärme des Himmels die göttliche Liebe. Aus der göttlichen Weisheit kann nur Wahres und aus der göttlichen Liebe nur Gutes einfließen; Und aus die­sem Guten verleiht der Herr dem Verstand die Neigung, das Wahre zu sehen, zu begreifen und aufzunehmen. Auf diese Weise wird der Mensch gebildet, nicht nur in seiner äußeren, sondern auch in seiner inneren Gestalt. Wer möchte nicht als ein vernünftiger und geistiger Mensch angesehen werden? Und wer wüßte nicht, daß er das will, um den anderen als wahrer Mensch zu gelten? Ist er aber ein wahrer Mensch, wenn er nur der äußeren und nicht zugleich auch der inneren Form nach vernünftig und geistig ist? Gleicht er dann nicht nur einem Schauspieler auf der Bühne oder womöglich einem Affen, des­sen Gesicht beinahe menschlich aussieht? Läßt sich daraus nicht erkennen, daß nur ein wahrer Mensch ist, wer auch in­nerlich so ist, wie er anderen erscheint? Wer das eine aner­kennt, muß auch das andere einsehen. Die eigene Intelligenz kann nur dem Äußeren ein menschliches Aussehen verleihen, die göttliche Vorsehung aber verschafft dem Inneren und von ihm aus dem Äußeren jene Form, die ihn nicht nur als Mensch erscheinen, sondern tatsächlich Mensch sein läßt.

4.) Der Mensch wird auf diese Weise vom Bösen abgelenkt, nicht durch sich selbst, sondern durch den Herrn. Läßt die göttliche Vorsehung den Menschen das Wahre erkennen und gibt ihm zugleich die Neigung dazu, kann er vom Bösen abgebracht werden, weil ihm das Wahre Hinweise und Anordnungen gibt. Werden sie vom Willen befolgt, ver­bindet er sich mit dem Wahren. Auf diese Weise verwandelt der Mensch in sich das Wahre in Gutes, weil er es dann liebt, und was der Liebe angehört, ist für ihn Gutes. Alle Umbildung ge­schieht mithilfe der Wahrheit und nicht ohne sie. Denn ohne Wahrheit bleibt der Wille seinem Bösen verhaftet. Zieht er je­doch den eigenen Verstand zu Rate, empfängt er von ihm keine Belehrung, sondern nur Bestärkung seines Bösen durch Falschheiten.

Was den Verstand anlangt, erscheint er zwar beim guten wie beim bösen Menschen als dessen Eigentum, ist doch einer so gut wie der andere dazu verpflichtet, aufgrund seines Verstandes wie aus sich zu handeln. Vom Bösen abgebracht wird aber nur, wer an die göttliche Vorsehung glaubt, d.h. wer anerkennt, daß das Böse Sünde ist und davon abgebracht wer­den will. Wer das nicht anerkennt und will, glaubt nicht an die Vorsehung. Diese beiden Arten von Verstand unterscheiden sich wie etwas, von dem man annimmt, es bestehe in sich selbst und dem anderen, von dem man glaubt, es bestehe nicht in sich selbst, sondern nur wie in sich. Der Unterschied ist fer­ner wie zwischen einer äußeren Form ohne ein ihr ähnliches Inneres und einem Äußeren mit einem ihm ähnlichen Inneren; Mithin wie zwischen der Darstellung von Königen, Fürsten und Feldherrn mittels Worten und Gesten durch Mimen und Schau­spieler und wirklichen Königen, Fürsten und Feldherrn. Diese sind es innerlich und äußerlich, jene nur äußerlich. Wenn sie ihre Rolle ausgespielt haben, kennt man sie nur noch als Komödianten, Schauspieler oder Opernsänger.

Der Herr regiert die Höllen durch Ge­gensätze; die Bösen, die noch in der Welt leben, regiert er in der Hölle hinsichtlich ihres Inneren, nicht ihres Äuße­ren.

*299.   Wer nicht weiß, wie Himmel und die Hölle beschaffen sind, kann ganz und gar nicht wissen, wie das menschliche Gemüt beschaffen ist. Das menschliche Gemüt ist sein Geist, der nach dem Tode weiterlebt. Denn das Gemüt bzw. der Geist des Menschen ist in seiner Form ganz so gestaltet wie auch Himmel oder Hölle. Es gibt zwischen ihnen keinen Unter­schied, nur daß das eine das Größte und das andere das Klein­ste ist oder das Eine das Abbild und das Andere das Urbild. Deshalb ist der Mensch als Gemüt oder Geist entweder ein Himmel oder eine Hölle in kleinster Form. Einen Himmel stellt dar, wer vom Herrn, eine Hölle, wer von seinem Eigenen ge­leitet wird. Da mir zu wissen gegeben wurde, was Himmel und Hölle ihrem Wesen nach sind, und es wichtig ist, wie der Mensch als Gemüt oder Geist beschaffen ist, will ich beides kurz beschreiben.

*300. Alle Bewohner des Himmels sind nichts als Nei­gungen zum Guten und dem daraus hervorgehenden Wahren, alle Bewohner der Hölle dagegen nichts als Begierden zum Bösen und seinen auf Falschheiten beruhenden Phantasien. Beide sind so geordnet, daß die höllischen Begierden mit ihren Phantasien des Falschen den himmlischen Neigungen des Guten und den wahren Gedanken völlig entgegengesetzt sind. Die Hölle befindet sich deshalb unter dem Himmel, ihm dia­metral entgegengesetzt, wie zwei Menschen, die in entgegen­gesetzter Stellung liegen oder wie Antipoden, deren Fußsohlen gegeneinander gerichtet sind und einander treten. Die Hölle erscheint tatsächlich zuweilen in solcher Lage oder Richtung in bezug auf den Himmel. Die Höllischen machen ihre bösen Be­gierden zum Haupt und die guten Neigungen zu den Füßen, bei den Himmlischen hingegen bilden die guten Neigungen das Haupt und die bösen Begierden die Fußsohlen, woraus sich der wechselseitige Gegensatz ergibt. Wenn gesagt wird, im Himmel herrschten die Neigungen zum Guten und die daraus hervorgehenden Gedanken des Wahren, in der Hölle aber die Begierden zum Bösen und die daraus resultierenden Phanta­sien des Falschen, so sind darunter die so gearteten Geister und Engel zu verstehen. Denn jeder von ihnen ist identisch mit seiner Neigung oder Begierde: Der Engel mit seiner Neigung, der Höllengeist mit seiner Begierde.

*301. Die Engel sind aber deshalb Neigungen zum Guten und von daher Gedanken des Wahren, weil sie Empfänger der göttlichen Liebe und Weisheit des Herrn sind, und zwar ent­stammen alle Neigungen zum Guten der göttlichen Liebe und alle Gedanken des Wahren der göttlichen Weisheit. Dagegen bestehen die höllischen Geister aus Begierden zum Bösen und daraus hervorgehende Phantasien des Falschen, weil sie in der Eigenliebe und in ihrem eigenen Verstand befangen sind; Und zwar entspringen alle Begierden zum Bösen der Eigenliebe und die Phantasien des Falschen dem eigenen Verstand.

*302. Die Anordnung der Neigungen im Himmel und der Begierden in der Hölle ist erstaunlich und nur dem Herrn be­kannt. Beide sind nach Gattungen und Arten unterschieden und doch so verbunden, daß sie einheitlich zusammenwirken. Und weil sie nach Gattungen und Arten verschieden sind, so sind sie in größere und kleinere Gesellschaften unterteilt, und weil zu einer Einheit verbunden, stehen sie miteinander in Ver­bindung, ähnlich wie alles, was im einzelnen Menschen ist. Daher gleicht der Himmel seiner Form nach einem schönen Menschen, dessen Seele die göttliche Liebe und Weisheit, also der Herr ist. Dagegen gleicht die Hölle ihrer Form nach einem Ungeheuer von einem Menschen, dessen Seele die Eigenliebe und Eigenverstand, also der Teufel ist. Es gibt nämlich keinen Teufel, der dort allein Herr wäre, sondern die Eigenliebe wird so genannt.

*303. Will man die Beschaffenheit von Himmel und Hölle besser erkennen, so denke man sich statt der Neigungen zum Guten dessen Freude und statt der Begierden zum Bösen die Lüste des Bösen. Denn Lustreize machen das Leben jedes Men­schen aus und sind so unterschieden und doch verbunden, wie es oben in bezug auf die Neigungen zum Guten und Begierden zum Bösen hieß. Jeder Engel des Himmels ist erfüllt und um­geben von den Freuden seiner Neigung, und ebenso erfüllt und umgibt die gemeinsame Freude jede himmlische Gesell­schaft und die allumfassende und allen gemeinsame Freude den gesamten Himmel. In ähnlicher Weise erfüllt und umgibt jeden höllischen Geist die Lust seiner Begierde, jede höllische Gesellschaft ihre gemeinsame Lust und die gesamte Hölle ihre allumfassende und allen gemeinsame Lust. Da — wie oben aus­geführt — die Neigungen des Himmels und die Begierden der Hölle einander diametral entgegengesetzt sind, ist es einleuch­tend, daß die himmlische Freude in der Hölle ebenso als etwa Widerwärtiges und Unerträgliches empfunden wird, wie umgekehrt die höllischen Lüste im Himmel. Darauf beruht auch die gegenseitige Antipathie, der Widerwille und die Trennung.

*304. Weil also die Lustreize das Leben jedes einzelnen im besonderen und aller im allgemeinen bilden, werden sie von denen, die sich in ihnen befinden, nicht so sehr empfunden wie die entgegengesetzten, sobald diese sich nähern, vor allem wenn sie in Gerüche umgewandelt werden. Jeder Lustreiz entspricht nämlich einem bestimmten Geruch und kann sich in der geistigen Welt dazu verwandeln. Die gemeinsame Freud wird dann im Himmel wie der Duft eines Gartens empfunden mit all seiner Mannigfaltigkeit, die aus den verschiedenen Dünsten seiner Blüten und Früchte entsteht. Die gemeinsamen Lüste in der Hölle hingegen werden empfunden wie ein stehendes Gewässer, in das man verschiedensten Unrat geworfen hat — ­ein Gestank, der sich zusammensetzt aus all den übles Gerüchen fauliger Substanzen und Ausdünstungen. Mir wurde auch zu wissen gegeben, wie der Lustreiz jeder Neigung zum Guten im Himmel und jeder Begierde zum Bösen in der Hölle empfunden wird, doch wäre die Schilderung zu weitläufig.

*305. Ich habe mit angehört, wie sich mehrere Neuankömmlinge von der Erde darüber beklagten, sie hätten nicht gewußt, daß sich das Los ihres Lebens über den Tod hinaus nach den Neigungen ihrer Liebe richten werde. Sie sagten, in der Welt hätten sie nicht über ihre Neigungen nachgedacht, geschweige denn über deren Lustreize, vielmehr hätten einfach geliebt, was ihnen angenehm war. Sie hätten nur geglaubt, bei jedem werde sich sein zukünftiges Los nach den Gedanken seines Verstandes richten und insbesondere wie er aufgrund seiner Frömmigkeit und seines Glaubens gedacht habe. Ihnen wurde jedoch geant­wortet, bei gutem Willen hätten sie wissen können, daß ein böses Leben dem Himmel und Gott unangenehm und unan­nehmbar, der Hölle dagegen angenehm und dem Teufel wohl­gefällig ist, umgekehrt aber, ein gutes Leben dem Himmel ange­nehm und Gott wohlgefälligst der Hölle aber unannehmbar und dem Teufel unangenehm. Ebenso hätten sie wissen können, daß das Böse stinkt und das Gute lieblich duftet. Und weil sie das bei gutem Willen hätten wissen können, warum sie denn das Böse nicht als etwas Höllisches und Teuflisches geflohen, sondern es einzig und allein darum begünstigt hätten, weil es angenehm war? Da sie nun wüßten, daß die Lustreize des Bösen derart stin­ken, müßten sie auch begreifen, daß Stinkende nicht in den Himmel kommen können. Nach dieser Antwort begaben sie sich zu Geistern, deren Lustreize ähnlich waren, weil sie nur bei ihnen, nicht bei anderen atmen konnten.

*306. Aus der eben umrissenen Idee von Himmel und Hölle kann man die Beschaffenheit des menschlichen Gemüts erkennen. Gemüt und Geist des Menschen sind ja, wie gesagt, entweder ein Himmel oder eine Hölle in kleinster Gestalt; Die inneren Regionen des Geistes bestehen nämlich aus lauter Nei­gungen und den ihnen entspringenden Gedanken, die in Gat­tungen und Arten eingeteilt sind, wie in größere und kleinere Gesellschaften, die aber untereinander so verbunden sind, daß sie als ein Ganzes zusammenwirken. Sie werden vom Herrn auf ähnliche Weise regiert wie Himmel und Hölle im großen. Im Werk „Himmel und Hölle“ ist von # 51 bis 87 ausführlich dargelegt worden, daß der Mensch entweder ein Himmel oder eine Hölle in kleinster Form ist.

Doch zurück zu dem oben formulierten Satz, der Herr regiere die Höllen durch Gegensätze, die Bösen, die noch in der Welt leben aber regiere er in der Hölle hinsichtlich ihres Inneren, nicht ihres Äußeren.

*307. Was den ersten Teil dieser Behauptung betrifft, nämlich daß der Herr die Höllen durch Gegensätze regiere, so wurde oben in # 288 f, nachgewiesen, daß die Engel des Himmels nicht aus sich, sondern vom Herrn her in Liebe und Weisheit bzw. in der Neigung zum Guten und dem aus ihr stammenden Denken des Wahren leben. Ferner wurde gezeigt, daß vom Himmel her Gutes und Wahres in die Hölle einfließt, in ihr aber das Gute in Böses und das Wahre in Falsches verkehrt wird, weil die inneren Gemütsbereiche der Höllischen auf das Ge­gensätzliche ausgerichtet sind. Da nun alles in der Hölle allem im Himmel entgegengesetzt ist, ergibt sich folgerichtig, daß der Herr die Hölle durch Gegensätze regiert.

Der zweite Teil des besprochenen Satzes: Der Herr re­giere die Bösen, die noch in der Welt leben, in der Hölle, und zwar deshalb, weil der Mensch seinem Geist nach zur geistigen Welt gehört und dort zu irgendeiner Gesellschaft, der böse zu einer höllischen, der gute zu einer himmlischen. Das Gemüt des Menschen, das selbst geistiger Natur ist, kann nur mit Wesen geistiger Natur zusammen sein, unter die es auch nach dem Tode kommt. Das ist oben bereits des öfteren nachgewie­sen worden. Der Mensch befindet sich unter den Geistwesen jedoch nicht wie ein Mitglied ihrer Gesellschaft, da er noch fortwährend im Stand der Umbildung ist. Daher wird er, wenn er böse ist, je wie sein Leben ist und sich verändert, durch den Herrn von einer höllischen Gesellschaft in die andere versetzt. Läßt er sich aber umbilden, wird er aus der Hölle heraus  und in den Himmel eingeführt. Auch hier muß er wiederum von einer Gesellschaft zur anderen wechseln. Das bleibt so bis zu seinem Tod. Von da an wandert er nicht mehr von einer Ge­sellschaft zur anderen, weil er sich nicht mehr im Stand der Umbildung befindet, sondern so bleibt, wie sein Lebenszu­stand geworden ist. Deshalb wird der Mensch, wenn er stirbt, an der ihm gemäßen Stelle eingereiht.

Der dritte Teil des Satzes: Der Herr leitet die Bösen, die in der Welt leben, auf diese Weise ihrem Inneren nach, je­doch anders ihrem Äußeren nach. Der Herr leitet die inneren Bereiche des menschlichen Gemüts so, wie eben gezeigt wurde, die äußeren jedoch in der Geisterwelt, welche die Mitte zwischen Himmel und Hölle einnimmt weil der Mensch ge­wöhnlich seinem Äußeren nach ein anderer ist als in seinem Inneren. Im Äußeren kann er sich bekanntlich zu einem Engel des Lichts verstellen, auch wenn er im Inneren ein Geist der Finsternis ist. Darum wird sein Äußeres, solange er in der Welt lebt, in anderer Weise geleitet als sein Inneres: sein Äußeres in der Geisterwelt, sein Inneres entweder im Himmel oder in der Hölle. Darum kommt er auch nach dem Tode zuerst in die Gei­sterwelt und hier in sein äußeres Leben, das er nun ablegt. Ist das geschehen, gelangt er an die Stelle, die ihm zugeschrieben ist. Was die Geisterwelt und was ihr Wesen ist, lese man nach im Werk „Himmel und Hölle“, London 1758, # 421 535.

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Teil 16 - Die göttliche Vorsehung eignet niemand Böses oder Gutes zu, vielmehr eignet sich die eigene Klugheit beides zu.



*308. Fast jeder glaubt, der Mensch denke und wolle aus sich selbst, rede und handle somit auch aus sich. Wer könnte sich auch etwas anderes vorstellen, da doch der Anschein, daß es sich so verhalte, derart stark ist und sich in nichts davon unterscheidet, als dachte, wolle, rede und handle er wirklich aus sich, obgleich das gänzlich unmöglich ist. In dem Werk „Die Weisheit der Engel betreffend die göttliche Liebe und Weisheit“ wurde nachgewiesen, daß es nur ein einziges Leben gibt und die Menschen lediglich Empfänger des Lebens sind; Ferner, daß der Wille ein Organ zur Aufnahme der Liebe und der Verstand ein Organ zur Aufnahme der Weisheit ist; Sie beide bilden zu­sammen jenes eine Leben. Im genannten Werk wurde auch ge­zeigt: Dem Menschen erscheint jenes Leben von der Schöpfung und immer waltenden Vorsehung her als ihm gehörig, d.h. als sein eigenes. Die Absicht hinter diesem Anschein ist aber, daß der Mensch ein Aufnahmegefäß sein kann. Ferner wurde oben in # 288 bis 294 nachgewiesen, daß niemand aus sich selbst denkt, sondern stets von anderen her, diese aber auch nicht aus sich, sondern allesamt aus dem Herrn, Böse wie Gute. Wei­ter wurde gezeigt, daß diese Tatsache in der Christenheit be­kannt ist, vor allem bei Menschen, die nicht nur mit den Lippen bekennen, sondern auch wirklich glauben, daß alles Gute und Wahre, alle Weisheit sowie Glaube und Liebe auf den Herrn zurückgeht, während alles Böse und Falsche vom Teufel bzw. aus der Hölle stammt.

Aus allem kann man nur einen Schluß ziehen: Alles, was der Mensch denkt und will, fließt in ihn ein und — weil ja, wie die Wirkung aus ihrer Ursache, alles Reden aus dem Den­ken hervorgeht und jede Handlung aus dem Willen — ebenso alles, was der Mensch redet und tut, wenn auch auf abgeleitete oder mittelbare Weise. Nicht leugnen läßt sich, daß alles ein­fließt, was der Mensch sieht, hört, riecht, schmeckt und fühlt, ­warum also nicht auch alles, was der Mensch denkt und will? Könnte der Unterschied wohl nur darin liegen, daß in die kör­perlichen Sinnesorgane einfließt, was zur natürlichen Welt gehört, in die organischen Substanzen der inneren Sinne bzw. des Gemüts was zur geistigen Welt gehört? Mit anderen Wor­ten, erstere Aufnahmegefäße für natürliche, letztere für geistige Objekte sind? Wenn aber das die Beschaffenheit des Menschen ist, worin besteht dann sein Eigenes? Es kann jedenfalls nicht darin bestehen, daß er ein so oder anders beschaffenes Auf­nahmegefäß ist, denn das sagt ja nur etwas aus über seine Ei­genart hinsichtlich der Aufnahme, aber nichts über das Eigene seines Lebens. Unter dem Eigenen versteht nämlich jeder Mensch das Gefühl, aus sich selbst zu leben, folglich zu denken und zu wollen. Aus dem oben Ausgeführten folgt aber, daß die­ses Eigene nicht beim Menschen ist, ja gar nicht sein könnte.

*309. Ich will aber berichten, was ich mit einigen Abge­schiedenen in der geistigen Welt besprach. Es handelte sich um Geister, die die eigene Klugheit über alles geschätzt, die göttli­che Vorsehung für nichts gehalten hatten. Ihnen sagte ich, der Mensch besitze kein Eigenes, vorausgesetzt man wolle nicht als

sein Eigenes bezeichnen, daß er eine so oder so beschaffene Art von Subjekt, Organ oder Form sei. Aber das könne man nicht als etwas Eigenes bezeichnen, sondern nur als eine Be­schaffenheit. Kein Mensch habe ein Eigenes in dem Sinn, den man gemeinhin mit dem Begriff des Eigenen verbindet. Sie aber, die alles der eigenen Klugheit zugeschrieben hatten und die man auch ihrer Erscheinung nach als „Eigentümer“ be­zeichnen kann, gerieten darüber derart in Zorn, daß ihre Nasen Feuer zu sprühen schienen. Sie schrien: „Du redest nur Wider­sprüchliches und Unsinn! Der Mensch wäre ja auf diese Weise ein Nichts und eitler Dunst! Wäre er dann nicht nur eine bloße Idee und Fantasie oder auch eine Skulptur oder ein Standbild?“ Darauf konnte ich nur erwidern: Paradox und unsinnig wäre es im Gegenteil zu meinen, der Mensch sei ein Leben aus sich, Weisheit und Klugheit flössen nicht von Gott her ein, sondern seien im Menschen, und damit auch das Gute, das zur tätigen Liebe und das Wahre, das zum Glauben gehört. Jeder Weise sagt, daß es Unsinn wäre, sich dies selbst zuzuschreiben. Folg­lich ist es auch paradox. Wer es dennoch glaubt, gleicht je­mandem, der das Haus und Grundstück eines anderen be­wohnt und sich dabei einredet, er selbst sei der Eigentümer. Man kann solche Menschen auch mit Haushältern oder Ver­waltern vergleichen, die alles, was ihrem Herrn gehört, als ihnen gehörig betrachten. Wären sie Knechte, denen der Herr eine Anzahl Talente oder Minen übergab (Mat. 257/14 ff), um Handel damit zu treiben, sie würden sich weigern, Rechen­schaft abzulegen, sondern sie als ihr Eigentum betrachten, folg­lich wie Diebe handeln.

Von den einen wie den anderen kann man sagen, sie seien unsinnig, ja nichtige und leere Idealisten, da sie nicht das Gute, d.h. das eigentliche Sein des Lebens, vom Herrn her in sich haben, damit auch nicht das Wahre. Solche Menschen wer­den daher im Wort tatsächlich als Tote bezeichnet, ebenso als nichtig und leer, Jes. 40,17.23, an anderen Stellen als, Verferti­ger von Bildern', ,Schnitzbildern' und Standbildern'. Hierüber nachstehend mehr, und zwar in dieser Reihenfolge:

Was ist eigene und was nicht eigene Klugheit?

*310. In der eigenen Klugheit befangen sind Menschen, die Scheinbarkeiten bei sich begründen und zu Wahrheiten ma­chen; Vor allem die Scheinbarkeit, der zufolge alles von der ei­genen Klugheit abhängt, und die göttliche Vorsehung nur etwas ganz allgemeines sei. Oben wurde jedoch nachgewie­sen, daß das Allgemeine nicht ohne seine Einzelheiten gedacht werden kann. Diese Menschen verfallen so auch Täuschungen, da jede Scheinbarkeit zur Täuschung wird, sobald man sie als Wahrheit begründet. In dem Maß, wie sie das tun, werden sie zu Naturalisten und glauben nur, was sie zugleich auch mit einem der körperlichen Sinne begreifen können, wobei das Sehen besonders wichtig ist, weil es einheitlich mit dem Den­ken zusammenwirkt. Schließlich werden diese Menschen ganz und gar sinnlich. Wenn sie sich für die Natur und gegen Gott als wirkende Macht bestärken, verschließen sie die inneren Re­gionen ihres Gemüts und ziehen gleichsam eine Decke zwischen Gott und sich und denken dann nur noch an das, was darunter, nicht an das, was darüber ist. Diese sinnlichen Men­schen hießen bei den Alten Schlangen vom Baum der Erkenntnis'. In der geistigen Welt sagt man von ihnen, je mehr sie sich in ihren Ideen bestärkten, desto mehr verschlössen sie auch das Innere ihres Gemüts, und zwar zuletzt bis zur Nase. Die Nase bezeichnet nämlich das Innewerden der Wahrheit, das Verschließen der Nase deren Nichtvorhandensein. Das Wesen dieser Menschen ist folgendermaßen zu beschreiben:

Sie übertreffen andere an List und Schläue, sind scharfsinnige Vernünftler. List und Schläue nennen sie Einsicht und Weisheit, sie wissen es auch nicht anders. Wer nicht so ist wie sie, wird von ihnen für einfältig und dumm gehalten, und dazu zählen sie vor allem die Verehrer Gottes und Bekenner der göttlichen Vorsehung. Was die tieferen Prinzipien ihres Gemüts angeht, gleichen sie den Machiavellisten, in deren Augen Mord, Ehebruch, Diebstahl und falsches Zeugnis unbe­deutend sind. Wenn sie dennoch Gründe anführen, die dage­gen sprechen, so geschieht es nur aus Klugheit, damit man sie für unfähig halte, solche Taten zu begehen.

Was das Leben des Menschen in der Welt betrifft, mei­nen sie, es ähnele dem der Tiere, und das Leben des Menschen nach dem Tode halten sie für eine Art Lebenshauch, der vom Leichnam oder aus dem Grab aufsteige und dann wieder zurückfalle und vergehe. Auf diesen Wahnsinn geht auch die Vorstellung zurück, Engel und Geister seien hauchartige Wesen. Ähnlich stellen sich Menschen, denen der Glaube an ein ewiges Leben eingeprägt ist, die Seelen der Verstorbenen vor. Daher meinen sie, diese könnten weder sehen noch hören oder reden, seien also blind, taub und stumm und könnten sich nur innerhalb ihrer Atmosphäre verständigen. Sie pflegen zu sagen: ,“Wie anders könnte die Seele sein? Sind nicht die äuße­ren Sinne so tot wie der Körper? Vor der Wiedervereinigung der Seele mit dem Körper können sie nicht wieder wirksam sein.“ Und weil diese Menschen den Zustand der Seele nach dem Tode nur auf sinnliche und nicht auf geistige Weise erfas­sen können, setzten sie das in ihrer Lehre so fest, weil ihnen sonst der Glaube ans ewige Leben verloren gegangen wäre. Vor allem bekräftigen sie sich in der Eigenliebe. Diese bezeichnen sie als die Lebensenergie und den Anreiz zu vielen nützlichen Tätigkeiten im Staat. Dieser ihrer Natur nach sind sie ihre eigenen Götzen. Ihre Gedanken aber, nichts als Täuschungen und aus Täuschungen hervorgegangen — sind Bilder des Falschen. Und weil sie sich in ihren Phantasien den Lüsten ihrer Begierden hingeben, sind sie Satane und Teufel. Wer die bösen Begierden bei sich begründet, wird nämlich als Satan bezeichnet, wer sie auslebt, als Teufel.

Mir wurde auch zu wissen gegeben, worin die Wesensart der Schlauesten unter den Sinnenmenschen besteh. Ihre Hölle befindet sich tief unten am Rücken, da sie unbemerkt bleiben wollen. Darum erscheinen sie dort wie schwebende Gespenster — so stellen sich nämlich ihre Phantasien da — und werden Genien genannt. Dereinst wurden einige aus dieser Hölle entsandt, um mir ihre Wesensart vorzuführen. Sie machten sich sogleich an meinen Nacken unter dem Hinterkopf und drangen von dort aus in meine Neigungen ein; Meine Gedanken vermieden sie geschickt — von ihnen wollten sie nichts wissen —, aber meine Neigungen veränderten sie eine nach der anderen. Ihre Absicht dabei war, sie unvermerkt in Gegenteil zu verkehren, d.h. in böse Begierden. Und wenn es der Herr nicht verhindert hätte, wäre es ihnen auch, da sie meine Gedanken nicht berührten, ohne mein Wissen gelungen.

Menschen, die in der Welt nicht daran geglaubt hatten, daß es etwas wie eine göttliche Vorsehung gibt, entwickeln sich so nach dem Tod. Sie suchen bei anderen nur deren Begierden und geheimen Wünsche herauszufinden, um sie auf diese Weise zu lenken und schließlich zu beherrschen. Sie tun das auf so heimliche und listige Weise, daß der andere nichts davon merkt. Und da sie nach dem Tode so bleiben, werden sie gleich nach ihrem Eintritt in die geistige Welt in jene Hölle hinabgeworfen. Sieht man sie im Licht des Himmels, scheinen sie keine Nase zu haben. Merkwürdig ist, daß sie trotz ihrer Schlauheit sinnlicher sind als andere. Die Alten bezeich­neten einen solchen sinnlichen Menschen als „Schlange­` und weil er listiger und schlauer ist als andere und scharfsinniger vernünfteln kann als andere, heißt es:

„Die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes,“ (Gen 3/1)

und sagte der Herr:

„Seid klug wie die Schlangen, doch ohne Falsch wie die Tauben,“ (Mat. 10/16)

und in der Offenbarung des Johannes heißt es von dem Drachen, der auch als ,alte Schlange`, Teufel und Satan bezeichnet wird, er habe

„sieben Köpfe und zehn Hörner und sieben Diademe auf den Köpfen.“ (12/3, 9)

­Die Schlauheit wird hier durch die ‚Sieben Köpfe’ be­zeichnet; Die Fähigkeit, mithilfe von Täuschungen zu überre­den, durch die ,zehn Hörner’; die entweihten Heiligtümer des Wortes und der Kirche durch die Sieben Diademe’.

*311. Aufgrund dieser Beschreibung der eigenen Klugheit und derer, die sich auf sie verlassen, läßt sich die Beschaffen­heit der nicht eigenen Klugheit und der Menschen ersehen, in denen sie zu finden ist. Diese Klugheit herrscht nämlich bei denen, die sich nicht darauf versteifen, daß Einsicht und Weis­heit vom Menschen stammen, vielmehr sagen: Wie könnte je­mand weise sein und aus sich selbst Gutes tun? Und sie reden das nicht nur so daher, sondern während sie es sagen, sehen sie es in sich, da ihr Denken innerlich ist. Sie glauben auch, daß andere Menschen, vor allem die Gelehrten, ebenso den­ken, wissen sie doch nicht, daß man auch nur rein äußerliche Gedanken haben kann.

Diese Menschen leben nicht durch Begründung von Scheinbarkeiten in Trugwelten (fallaciis) und wissen, daß Mord, Ehebruch, Diebstahl und falsches Zeugnis Sünde sind und fliehen dergleichen. Auch wissen sie, daß Bosheit nichts mit Weisheit und Verschlagenheit, nichts mit Einsicht zu tun hat. Werden sie Zeugen scharfsinniger Vernünfteleien und Täuschungen, wundern sie sich und lächeln bei sich darüber, weil in ihrem Gemüt kein Vorhang das Innere und Äußere bzw. das Geistige und Natürliche trennt, wie bei allen, die ihren Sinne verfallen sind. Daher nehmen sie den Einfluß aus dem Himmel auf, aus dem sie diese Dinge innerlich sehen.

Sie sprechen schlichter und aufrichtiger als andere, setzen die Weisheit ins Leben um und beschränken sich nicht aufs Reden; Sie gleichen in dieser Hinsicht Lämmern oder Schafen, während die anderen, die ihrer eigenen Klugheit vertrauen, Wölfen oder Füchsen ähneln. Man kann sie auch Menschen vergleichen, die durch die Fenster ihres Hauses den Himmel erblicken, die anderen hingegen, die der eigenen Klugheit vertrauen, Menschen, die in einer Kellerwohnung leben und durch ihre Fenster nur sehen können, was sich am Boden abspielt. Die ersten gleichen Menschen auf einem Berg letztere aber, die ihrer eigenen Klugheit vertrauen, Menschen die in Tälern und Wäldern umherirren.

Damit dürfte klar sein, daß die Klugheit, die der Mensch sich nicht selbst zuschreibt, Klugheit aus dem Herrn ist. Äußerlich erscheint sie gleich wie die eigene Klugheit, innerlich ist sie jedoch völlig anders als diese. Die Klugheit, die sich der Mensch nicht selbst zuschreibt, erscheint ihrem Inneren nach in der geistigen Welt wie ein Mensch. Hingegen erscheint die eigene Klugheit wie ein Phantom (sicut simulacrum), nur deshalb einigermaßen belebt, weil die betreffenden Menschen immerhin über Vernunft und Freiheit verfügen also fähig sind zu erkennen und zu wollen, somit zu reden und zu handeln und den Eindruck zu erwecken, als ob sie wirkliche Menschen seien. Sie sind aber nur solche Phantome, weil das Böse und Falsche kein Leben hat, sondern nur das Gute und Wahre. Aufgrund ihrer Vernunftfähigkeit wissen sie das; Wüßten sie es nicht, würden sie Gutes und Wahres ja nicht simulieren, und so haben ihre Gestalten doch etwas wie Leben.

Wer wüßte nicht, daß der Mensch so ist, wie er inner­lich beschaffen ist? Folglich, daß nur der wahrhaft Mensch ist, der auch innerlich so ist, wie er äußerlich erscheinen möchte, während der ein Phantom ist, der nur äußerlich, aber nicht innerlich Wahrhaft Mensch ist? Wenn du so über Gott, Religion, Gerechtigkeit und Redlichkeit sprichst, wie du bei dir darüber denkst, wirst du ein Mensch sein, und deine Klugheit wird in der göttlichen Vorsehung bestehen; An anderen aber wirst du erkennen, daß die eigene Klugheit Unsinn ist.

In seiner eigenen Klugheit überzeugt und bestärkt sich der Mensch, daß alles Gute und Wahre wie auch alles Böse und Falsche von ihm selbst und in ihm sei.

*312. Seine Beweisführung beruht auf der Analogie zwischen dem natürlichen und dem geistigen Guten und Wahren. Man stelle sich einmal die Frage, was das Auge als wahr und gut er­kennt. Wird die Antwort nicht lauten müssen, wahr ist für das Auge, was man schön und gut, was man angenehm nennt? Denn beim Anblick schöner Gegenstände empfindet man das Angenehme. Und was ist wahr für das Gehör? Ist nicht in die­sem Fall wahr, was man harmonisch und gut, was man lieblich nennt? Denn wenn man etwas Harmonisches hört, empfindet man es als lieblich. Ähnliches gilt für die anderen Sinne. Damit ist klar, worin das natürliche Wahre und Gute besteht. Nun überlege: Was ist das geistige Wahre und Gute? Ist das geistig Wahre etwas anderes als die Schönheit und Harmonie geistiger Dinge und Objekte — und das geistige Gute, ist es etwas ande­res als das Angenehme und Liebliche, das wir bei der Wahr­nehmung von Schönheit und Harmonie dieser geistigen Dinge und Objekte empfinden?

Ließe sich also von dem einen, nämlich dem Geisti­gen, etwas anderes aussagen als von dem anderen, dem Natür­lichen? Sagt man nicht vom Natürlichen, Schönheit und An­nehmlichkeit für das Auge flössen aus den Gegenständen, Har­monie und Lieblichkeit für das Ohr aus den Instrumenten ein? Ist es denn bei den organischen Substanzen des Gemüts an­ders? Bei letzteren meint man zwar, das Angenehme und Lieb­liche liege in ihnen, und nur bei ersteren, es fließe ein. Fragt man sich aber, warum man in dem einen Fall von Einfließen spricht, so kann die Antwort nur lauten, weil dabei eine Ent­fernung erscheint, während im anderen von Entfernung nicht die Rede sein kann, so daß man sagt, das Angenehme und Liebliche liege in ihnen. Folglich ist es nur die Scheinbarkeit der Entfernung, daß der Mensch von dem, was er denkt und wahrnimmt, eine andere Ansicht hat als von dem, was er sieht und hört. Das fällt jedoch dahin, wenn man weiß, daß es im Geistigen keine Entfernung gibt wie im Natürlichen. Man denke nur an Sonne und Mond oder an Rom und Konstantino­pel. Sind sie nicht in deinen Gedanken ohne Entfernung ge­genwärtig, wenn sie sich nur dabei nicht mit irgendeiner durch Sehen oder Hören gemachten Erfahrung verbinden? Warum re­dest du dir also ein, das Gute und Wahre bzw. das Böse und Falsche lagen in deinem Denken, weil sich mit ihnen keine Entfernung verbindet?

Ich möchte hier eine in der geistigen Welt allgemein gemachte Erfahrung beifügen: Ein Geist kann nämlich seine Gedanken und Neigungen in einen anderen einfließen lassen, wobei dieser den Eindruck hat, sie gehörten seinem eigenen Denken und seiner Neigung an. Man spricht dort von einem Denken aus oder in einem anderen. Ich selbst habe das tau­sendmal beobachtet und hundertmal auch getan. Und doch war dabei etwas wie der Anschein einer Entfernung spürbar. Sobald aber die Betreffenden erkannten, daß ein anderer ihnen seine Gedanken und Neigungen eingeflößt hatte, wurden sie unwillig und wandten sich ab. Sie gaben jedoch zu, daß beim inneren Sehen oder Denken keine Entfernung erscheint, es sei denn, es werde so offensichtlich wie beim äußeren Sehen des Auges, daß es sich um einen Einfluß handele.

Zu dieser Erfahrung möchte ich noch eine andere, ganz alltägliche hinzufügen: Böse Geister ließen des öfteren Böses und Falsches in meine Gedanken einfließen, wobei es mir erschien, als sei es in und aus mir oder ich dächte es selbst. Da mir jedoch bewußt war, daß es sich dabei um Böses und Falsches handelte, untersuchte ich, wer es mir eingeflößt habe, und so wurden die betreffenden Geister entdeckt und fortge­trieben. Sie waren weit von mir entfernt. Damit steht fest: Alles Böse zusammen mit seinem Falschen fließt aus der Hölle, alles Gute aber zusammen mit seinem Wahren vom Herrn her ein, beides aber erscheint, als ob es im Menschen selbst entspringe.

*313. Das Wesen der Menschen, die auf eigene Klugheit bauen und der anderen, die nicht darauf bauen, wird im Worte Gottes durch die Geschichte von Adam und seinem Weib Cha­vah im Garten Eden beschrieben: Dort standen die beiden Bäume, der Baum des Lebens, und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, von dem sie aßen. Oben in # 241 wurde gezeigt, daß durch Adam und sein Weib Chavah im inneren oder geistigen Sinn die älteste Kirche des Herrn auf Erden be­zeichnet und beschrieben wurde, die edler und himmlische war als die folgenden Kirchen.

Die übrigen Einzelheiten der Geschichte bezeichnen folgendes: Der Garten Eden die Weisheit der Menschen jener Kirche, der Baum des Lebens den Herrn hinsichtlich seiner göttlichen Vorsehung, der Baum der Erkenntnis den Menschen hinsichtlich seiner eigenen Klugheit, die Schlange das Sinnli­che und Eigene des Menschen, das an sich nichts ist als Eigen­liebe und Stolz auf eigene Einsicht, somit der Teufel und Satan. Das Essen vom Baum der Erkenntnis stellt die Aneignung des Guten und Wahren von Seiten des Menschen dar, der meint, es stamme von ihm selbst und nicht vom Herrn, sei daher seine eigene Sache. Weil aber das Gute und Wahre das Göttliche selbst beim Menschen ist — unter dem Guten wird nämlich alles verstanden, was zur Liebe und unter dem Wahren alles, was zur Weisheit gehört —, muß der Mensch, wenn er es sich selbst zueignet, notwendigerweise glauben, er sei wie Gott. Daher sagte auch die Schlange:

„An dem Tage, an dem ihr davon esset, werden euch die Augen aufgetan und ihr werdet sein wie Gott, wissend Gutes und Böses.“ (Gen 3/55)

Das glauben tatsächlich auch alle, die von Eigenliebe durchdrungen und darum wegen ihres Stolzes auf die eigene Einsicht in der Hölle sind.

Die Verdammung der ,Schlange’ bezeichnet die Verur­teilung der Eigenliebe und der eigenen Einsicht, die Verdam­mung ,Chavahs’ ist die Verurteilung des Eigenen im Willen und die Verdammung ,Adams’ die Verurteilung des Eigenen im Ver­stand. Die ,Dornen’ und ,Disteln’ stehen für all das Böse und Falsche, das nun entsteht; Die Vertreibung aus dem ,Garten’ be­zeichnet den Verlust der Weisheit; Die Bewachung des Weges zum Baum des Lebens’ die Vorsorge, die der Herr trifft, daß die Heiligtümer des Wortes und der Kirche nicht verletzt werden; Die ‚Feigenblätter’ zur Bedeckung ihrer Blöße bezeichnen die sittlichen Wahrheiten, die ihre Eigenliebe und ihren Stolz ver­decken sollten; die ,Röcke von Fell’, mit denen sie nachher be­kleidet wurden, die Scheinbarkeiten des Wahren, in denen sie sich jetzt ausschließlich befinden. Soweit die geistige Bedeu­tung dieser Dinge. Wer will, möge beim buchstäblichen Sinn dieser Geschichten Stehen bleiben, doch soll er wissen, daß sie im Himmel so verstanden werden.

Das Wesen der Narren aus eigener Einsicht wird aus ihren Phantasien deutlich, Dinge betreffend, die tiefere Einsicht verlangen, wie z.B. den Einfluß, das Denken und das Leben.

*314. Über den Einfluß haben sie ganz verkehrte Ansichten; Sie meinen nämlich, die Sicht des Auges beeinflusse das innere Sehen des Gemüts, den Verstand und das Gehör des Ohres das innere Hören, das ebenfalls dem Verstand eignet. Sie erkennen nicht, daß der Verstand vom Willen her in Auge und Ohr ein­fließt und diese Sinne nicht nur bildet, sondern sie auch als seine Werkzeuge in der natürlichen Welt benutzt. Aber weil das nicht mit dem Anschein übereinstimmt, erfassen sie es nicht, es sei denn, man mache ihnen begreiflich, daß das Natürliche nicht ins Geistige, sondern umgekehrt das Geistige ins Natürli­che einwirkt. Dabei denken sie aber dann doch: ,Was ist das Geistige anderes als ein reineres Natürliches?’ Und ferner: ,Ist es nicht klar, daß sich das Gemüt, d.h. Verstand und Wille, daran erfreut, wenn die Augen etwas Schönes sehen und die Ohren etwas Harmonisches hören?’ Sie wissen nicht, daß das Auge nicht aus sich sieht, die Zunge nicht aus sich schmeckt, die Nase nicht aus sich riecht und die Haut nicht aus sich fühlt, sondern daß es das Gemüt oder der Geist des Menschen ist, der all das mithilfe der Sinne wahrnimmt und dann je nach sei­ner Beschaffenheit davon angeregt wird, daß aber Gemüt oder Geist des Menschen es nicht aus sich, sondern aus dem Herrn empfindet. Denkt man anders, so beruht das auf Scheinbarkei­ten, die begründet, zu Trugschlüssen werden.

Über das Denken sagen sie, es sei je nach den betref­fenden Gegenständen etwas wie wechselnde Modifikation der Atmosphäre, die sich je nach Bildung erweitere. Die Vorstel­lungen der Gedanken seien gewissermaßen Bilder, Meteoren vergleichbar, die in der Luft erscheinen, und das Gedächtnis die Schreibtafel, der sie eingeprägt sind. Dabei ahnen sie nicht, daß die Gedanken sich ebenso in rein organischen Substanzen vollziehen, wie das Sehen und Hören. Sie mögen sich nur ein­mal das Gehirn genauer betrachten, so werden sie erkennende, daß es voll derartiger Substanzen ist. Verletze diese, und du wirst wahnsinnig, zerstöre sie, und du wirst sterben! Was das Denken und das Gedächtnis wirklich ist, dazu vergleiche man, was oben in # 279 ausgeführt wurde.

Über das Leben wissen diese Menschen nur, daß es sich dabei um eine gewisse Wirksamkeit der Natur handle, die auf verschiedene Weise empfunden wird — je nachdem wie sich der lebende Körper organisch bewegt. Wendet man ein, dann sei ja die Natur selbst lebendig, verneinen sie das und sagen die Natur verleihe nur das Leben. Fragt man sie: „Wird dann nicht das Leben vernichtet, sobald der Körper stirbt?“ so antworten sie, das Leben bleibe in den luftartigen Teilchen erhalten, die man als Seele bezeichne. Auf die Frage: „Was ist denn dann Gott, ist er nicht das Leben selbst?“ antworten sie mit Schweigen und wollen nicht Sagen was sie denken. Insistiert man und fragt sie: „Wollt ihr nicht wahr haben, daß die göttliche Liebe und Weisheit das Leben selbst sind?“ antworten sie mit der Gegenfrage: „Was ist Liebe und was ist Weisheit?“ In ihren Trugschlüssen befangen, erkennen sie weder, was diese sind noch wer Gott ist.

Dies wurde angeführt, um zu zeigen, wie der Mensch durch seine eigene Klugheit betört wird, alles aufgrund vor Scheinbarkeiten, d.h. von Täuschungen zu beurteilen.

*316. Durch seine eigene Klugheit beredet und überzeugt sich der Mensch, daß alles Gute und Wahre von ihm und in ihm selbst sei, weil die eigene Klugheit der eigene Verstand des Menschen ist, der aus der Eigenliebe einfließt, die identisch ist mit dem Eigenwillen. Des Menschen Eigenes aber kann nicht an­ders, es muß sich alles aneignen, es ist unfähig, sich darüber zu erheben. Menschen hingegen, die sich von der göttlichen Vor­sehung des Herrn führen lassen, werden über ihr Eigenes hin ausgehoben und erkennen dann, daß alles Gute und Wahre vom Herrn stammt, ja sogar, daß alles, was vom Herrn her im Menschen liegt, immer dem Herrn und in keiner Weise dem Menschen angehört. Wer etwas anderes glaubt, gleicht jemandem der die ihm anvertrauten Güter seines Herrn an sich reißt und als sein Eigentum betrachtet, also nicht ein Verwalter, sondern ein Dieb ist. Und weil das Eigene des Menschen nichts als böse ist, versenkt er die Güter seines Herrn in sein Böses, wo es zer­stört wird, wie Perlen, die man in Dünger oder Essigsäure wirft.

Alles, wovon sich der Mensch überzeugt und worin er sich bestärkt hat, bleibt ihm als sein Eige­nes.

*317. Viele sind der Meinung, die Wahrheit zeige sich dem Men­schen nur, wenn er sie begründe. Aber das ist falsch. Freilich kann man in der Politik und Verwaltung eines Reiches oder Staates nicht erkennen, was daran nützlich und gut ist, solange man nicht ihre Verfassung und Gesetze kennt. Dasselbe gilt für Rechtsfälle, wo ein Urteil die Kenntnis der Gesetze voraussetzt, und ebenso für die natürlichen Dinge, die mit Physik, Chemie, Anatomie, Mechanik zusammenhängen und für deren Beurtei­lung Kenntnisse erforderlich sind. Aber in rein vernünftigen, moralischen und geistigen Dingen zeigt sich die Wahrheit auf­grund ihres eigenen Lichts, vorausgesetzt der betreffende Mensch hat sich aufgrund einer gebührenden Erziehung eini­germaßen vernünftig, moralisch und geistig entwickelt. Jeder Mensch ist nämlich mit seinem Geist, d.h. seinem denkenden Teil bereits in der geistigen Welt und einer unter den dortigen Wesen. So hat er geistiges Licht, welches das Innere seines Ver­standes erleuchtet und ihm gleichsam diktiert. Das geistige Licht ist ja seinem Wesen nach das göttliche Wahre der göttli­chen Weisheit des Herrn. Sie lassen den Menschen analytisch denken, bei Gericht über Recht und Gerechtigkeit urteilen, das Ehrenhafte im sittlichen und das Gute im geistigen Leben er­kennen, wie auch viele Wahrheiten, die nur durch die Begrün­dung von Falschheiten verdunkelt werden. Solch ein Mensch sieht diese Dinge vergleichsweise beinahe so klar, wie er die Gesinnung eines anderen aus dessen Gesicht abliest und des­sen Neigungen schon am Ton seiner Worte wahrnimmt, ohne daß er dafür eine andere Kenntnis benötigt als die, die einem jeden angeboren ist. Warum auch sollte der Mensch die in­wendigeren Bereiche seines Lebens, also das Geistige und Sittliche, nicht aufgrund eines Einflusses einigermaßen erkennen können, da es doch kein einziges Tier gibt, das nicht durch einen Einfluß seine Bedürfnisse kennt? Diese sind freilich rein natürlicher Art. So weiß der Vogel sein Nest zu bauen, Eier zu legen, Junge auszubrüten und seine Nahrung zu finden — abgesehen von vielen anderen wunderbaren Dingen, die man als Instinkt bezeichnet.

*318. Nun soll aber auch gezeigt werden, wie sich der Zustand des Menschen durch Begründungen und darauf gebauter Einredung verändern kann, und zwar in folgender Ordnung:

  1. Es läßt sich alles begründen, und zwar das Falsche noch leichter als da Wahre.

  2. Ist das Falsche begründet, erscheint das Wahre nicht mehr, wohl aber kommt bei der Begründung des Wahren das Falsche zum Vorschein.

  3. Die Fähigkeit, nach Belieben alles zu begründen, ist nicht Einsicht (intelligentia), sondern lediglich Scharfsinn (ingeniositas), die sich auch bei den Schlechtesten finden kann.

  4. Es gibt eine Art von Begründung, die nur im Verstand und nicht zugleich im Willen stattfindet, dagegen ist jede Begründung im Willen zugleich auch im Verstand.

  5. Die Begründung des Bösen im Willen und zugleich im Verstand bewirkt, daß der Mensch meint, seine eigene Klugheit sei alles, die göttliche Vorsehung nichts. Die bloß verstandesmäßige Begründung hat nicht diese Wirkung.

  6. Alles, was zugleich im Willen und im Verstand begründet wird, bleibt in Ewigkeit, nicht hingegen, was nur im Verstand begründet wurde.

Nun zu Punkt.

1. Es läßt sich alles begründen, und zwar das Falsche noch leichter als das Wahre.

In der Tat, was ließe sich nicht begründen, wenn die Atheisten sogar begründen, nicht Gott sei der Schöpfer des Universums, sondern die Natur habe sich selbst erschaffen; Religion diene nur als Fessel für die Einfälti­gen und das gemeine Volk; Der Mensch gleiche dem Tier und sterbe daher auch wie dieses? Ferner: Ehebruch ebenso wie heimlicher Diebstahl, Betrug und gemeine Machenschaften seien erlaubt und List sei Einsicht, Bosheit Weisheit? Und wer begründete seine Irrlehre nicht? Sind nicht ganze Bände mit Begründungen für die beiden herrschenden Irrlehren in der Christenheit angefüllt worden? Beauftrage einen scharfsinni­gen Menschen damit, zehn noch so abstruse Irrlehren zu begründen — wird er es nicht tun? Und wenn du selbst sie dann allein von diesen Voraussetzungen aus betrachtest, wirst du dann nicht womöglich auch das Falsche für wahr halten? Da nun im natürlichen Menschen alle Falschheiten aufgrund ihrer Scheinbarkeiten und der daraus gezogenen Trugschlüsse gleichsam leuchten, die echten Wahrheiten dagegen nur im gei­stigen Menschen, so ist klar, daß sich Falschheiten noch leich­ter begründen lassen als Wahrheiten.

Damit man erkenne, daß sich alles Falsche und Böse bis zu einem Punkt begründen läßt, daß es als Wahres und Gutes erscheint, denke man sich folgendes Beispiel: Man be­gründe, daß Licht Finsternis und Finsternis Licht ist. Kann man nicht folgendermaßen argumentieren: Was ist Licht an sich? Er­scheint es nicht im Auge je nach dessen Zustand? Wo bleibt das Licht, wenn das Auge geschlossen wird? Verfügen nicht Fle­dermäuse und Nachteulen über Augen, die sie Licht als Fin­sternis und Finsternis als Licht sehen lassen? Ich habe sagen hören, daß gewisse Leute auf ähnliche Weise sehen und weiß von den Höllenbewohnern, daß sie sich trotz der Finsternisse in der sie leben, gegenseitig sehen. Und erfährt nicht der Mensch in seinen Träumen auch mitten in der Nacht Licht? Ist also nicht Finsternis Licht und Licht Finsternis? Freilich läßt sich darauf folgendes erwidern: Was soll das? Licht ist ebenso Licht wie das Wahre Wahres, und Finsternis ist ebenso Finsternis wie das Falsche Falsches.

Ein weiteres Beispiel: Man begründe, daß der Rabe weiß ist. Kann man nicht folgendermaßen argumentieren: „Die Schwärze des Rabens ist nur ein leerer Schein (umbra), aber nicht die Wirklichkeit, sind doch seine Federn innen ebenso weiß wie sein Körper. Aus diesen Substanzen aber besteht der Rabe, und weil seine Schwärze nur bloßer Schein ist, darum wird er im Alter, wie man beobachtet hat, weiß. Ist also nicht das Schwarze an sich weiß? Zermahle schwarzes Glas, und du wirst sehen, es wird zu weißem Staub. Nennst du den Raben schwarz, sprichst du also nach dem bloßen Schein, nicht nach der Wirklichkeit.“ Freilich läßt sich darauf erwidern: „Was soll das? Auf diese Weise könnte man alle Vögel weiß nennen!“ Ob­gleich derartige Behauptungen gegen die gesunde Vernunft verstoßen, sind sie hier doch angeführt worden, um zu zeigen, wie ein der Wahrheit völlig entgegengesetztes Falsches mit Gründen belegt werden kann.

Nun zu Punkt

2. Ist das Falsche begründet, erscheint das Wahre nicht mehr, wohl aber kommt bei der Begründung des Wahren das Falsche zum Vorschein.

Alles Falsche ist in der Finsternis, alles Wahre im Licht. In der Finsternis erkennt man nur etwas, wenn man es anfaßt. Anders im Licht. Deshalb wird auch im Wort das Falsche als Finsternis bezeichnet und von Menschen, die falsch sind, heißt es, sie wandelten in der Fin­sternis und im Schatten des Todes. Umgekehrt werden im Wort die Wahrheiten Licht genannt, und von den Wahrhaftigen wird im Wort gesagt, sie wandelten im Licht und seien Kinder des Lichts.

Aus vielen Beobachtungen ergibt sich, wenn das Falsche begründet wurde, erscheint das Wahre nicht mehr, wohl aber kommt im Zuge der Begründung des Wahren das Falsche zum Vorschein. Wer würde beispielsweise irgendeine geistige Wahrheit erkennen, wenn das Wort sie ihn nicht lehrte? Herrschte dann nicht tiefe Finsternis? Diese konnte nur durch das Licht des Wortes vertrieben werden und nur dem leuchten, der erleuchtet werden will. Welcher Häretiker kann seine Irr­tümer erkennen, wenn er die echte Wahrheit der Kirche nicht annimmt? Vorher sieht er sie einfach nicht. Ich habe mit Men­schen gesprochen, die sich auf den von der Nächstenliebe ge­trennten Glauben versteift hatten. Auf die Frage, ob sie denn nicht gesehen hätten, was alles im Wort über die Liebe und Nächstenliebe gesagt wird, über Werke und Taten, das Halten der Gebote, die Seligkeit und Weisheit derer, die danach leb­ten und die Torheit derer, die das nicht täten, antworteten sie: Sie hätten zwar dergleichen gelesen, dabei jedoch nur vor Augen gehabt, daß dies der Glaube bewirke, und so seien sie gleichsam mit verschlossenen Augen daran vorbeigegangen.

Wer sich auf Falschheiten versteift hat, gleicht einem Menschen, der im Abendlicht die erscheinenden schattenarti­gen Vertiefungen einer Wand betrachtet und sich dabei in sei­ner Phantasie Reiter oder Menschen vorstellt. Wenn Tageslicht darauffällt, verschwinden solche Phantasiebilder. Kann nicht nur ein Mensch, der selber die geistige Reinheit der Keuschheit kennt, die geistige Unreinheit des Ehebruchs empfinden? Wer die Grausamkeit der Rache, wenn er selbst nicht im Guten der Nächstenliebe lebt? Welcher Ehebrecher und Rachgierige gießt nicht seinen Hohn aus über Menschen, die ihre Lüste als höl­lisch bezeichnen, die Freuden der ehelichen und der Näch­stenliebe dagegen als himmlisch, und so weiter? Zu Punkt

3. Die Fähigkeit, nach Belieben alles zu begründen, ist nicht Einsicht (intelligentia), sondern lediglich Scharfsinn (ingeniositas), die sich auch bei den Schlech­testen finden kann.

Es gibt Menschen, die beim Begründen große Gewandtheit beweisen, aber keine Wahrheit kennen und gleichwohl beides — Wahres wie Falsches — zu belegen vermö­gen. Einige von ihnen fragen: „Was ist Wahrheit, gibt es sie überhaupt? Ist nicht vielmehr wahr, was ich zur Wahrheit mache?“ Solche Menschen hält man in der Welt für klug, ob­gleich sie in Wirklichkeit nichts tun als Wände übertünchen. Einsichtsvoll ist nur, wer als wahr erkennt, was wahr ist und das durch Wahrheiten zu begründen vermag, die er in stetem Zusammenhang wahrnimmt. Beide lassen sich nicht leicht von­einander unterscheiden, kann man doch nicht unterscheiden zwischen dem Licht der Begründung und dem Licht der Wahr­nehmung des Wahren. Es scheint nämlich so, als ob Menschen, die im Licht der Begründung stehen, zugleich auch im Licht der Wahrnehmung des Wahren stünden. In Wirklichkeit besteht zwischen ihnen ein Unterschied wie zwischen einem Irrlicht und echtem Licht. Das Irrlicht aber verwandelt sich in der gei­stigen Welt sogleich in Finsternis, wenn wirkliches Licht ein­fließt. In der Hölle leben viele in solchem Irrlicht, werden sie ins wirkliche Licht gebracht, sehen sie überhaupt nichts. Damit dürfte klar sein, daß die Fähigkeit, nach Belieben alles zu be­gründen, lediglich Scharfsinn ist, der sich auch bei den Schlechtesten finden kann. Zu Punkt

4. Es gibt eine Art von Begründung, die nur im Ver­stand und nicht zugleich im Willen stattfindet, dagegen ist jede Begründung im Willen zugleich auch im Verstand.

Beispiele mögen das beleuchten: Wer den von der tätigen Liebe getrennten Glauben begründet, dabei aber doch ein Leben der Liebe führt, oder allgemeiner gesprochen, wer eine falsche Lehre begründet, aber nicht danach lebt, begründet sich nur mit dem Verstand, nicht zugleich mit dem Willen. Wer aber eine falsche Lehre begründet und danach lebt, ist ein Begründer mit Wille und Verstand. Die Erklärung liegt darin, daß nicht der Ver­stand in den Willen, sondern umgekehrt der Wille in den Ver­stand einfließt. Daraus ergibt sich auch, worin das Falsche des Bösen und das Falsche des Nicht Bösen besteht und daß letz­teres mit dem Guten verbunden werden kann, nicht aber das Falsche des Bösen: Denn das Falsche des Nicht Bösen ist ledig­lich eine Verstandessache, das Falsche des Bösen aber eine An­gelegenheit des Willens, dem der Verstand dient. Zu Punkt

5. Die Begründung des Bösen im Willen und zu­gleich im Verstand bewirkt, daß der Mensch meint, seine eigene Klugheit sei alles, die göttliche Vorsehung nichts. Die bloß verstandesmäßige Begründung hat nicht diese Wirkung.

Es gibt viele Menschen, die aufgrund der in der Welt herrschenden Scheinbarkeiten ihre eigene Klugheit mit Grün­den belegen, ohne aber deshalb die göttliche Vorsehung zu leugnen. Ihre Begründung ist nur eine verstandesmäßige. Bei den anderen aber, welche deshalb die göttliche Vorsehung leugnen, ist die Begründung willensmäßiger Natur. Diese Art der Begründung findet man zugleich mit Überredung vor allem bei Menschen, die die Natur und sich selbst anbeten. Zu Punkt

6. Alles, was zugleich im Willen und im Verstand begründet wird, bleibt in Ewigkeit, nicht hingegen, was nur im Verstand begründet wurde.

Was nur im Verstand wurzelt, ist nicht im Menschen, sondern außerhalb von ihm. Es liegt nur in seinen Gedanken; In den Menschen geht jedoch nur ein und wird ihm angeeignet, was zugleich vom Willen aufgenommen und damit zu einer Angelegenheit seiner Le­bensliebe wird. Und daß dem Menschen das in Ewigkeit bleibt, wird im folgenden Abschnitt gezeigt.

*319. Alles, was sowohl im Willen wie im Verstand be­gründet wird, bleibt dem Menschen in Ewigkeit, wie auch jeder seine Liebe ist und diese seinem Willen angehört, ebenso auch weil jeder sein Gutes oder Böses ist; Denn alles wird gut oder böse genannt, was Angehör der Liebe ist. Weil aber der Mensch seine Liebe ist, so ist er auch deren Form und kann als Organ seiner Lebensliebe bezeichnet werden. Oben in # 279 wurde ausgeführt, daß die Neigungen der Liebe des Menschen und die ihnen entspringenden Gedanken Veränderungen und Wechsel im Zustand und in der Form der organischen Sub­stanzen seines Gemüts sind. Hier nun soll erörtert werden, was und von welcher Beschaffenheit diese Veränderungen und Wechsel sind. Eine Vorstellung davon kann man sich machen, wenn man die Tätigkeit von Herz und Lunge ins Auge faßt. Beide dehnen sich wechselweise aus und ziehen sich wieder zusammen, was man beim Herzen als Systole und Diastole, bei der Lunge als Ein  und Ausatmen bezeichnet. Es handelt sich dabei um rhythmische Dehnungen und Verengungen der Läpp­chen, aus denen sie bestehen. Ähnliche Veränderungen und Wechsel, wie im Zustand von Herz und Lunge, finden auch in den übrigen Eingeweiden des Körpers statt, sowie in den Or­ganen, die das Blut und die lebendigen Säfte aufnehmen und weiterbefördern.

Vergleichbares spielt sich nun auch in den organi­schen Formen des Gemüts ab   wie oben gezeigt, den Trägern der Neigungen und Gedanken des Menschen. Der Unterschied besteht in der größeren Vollkommenheit der wechselseitigen Aktivität des Dehnens und wieder Zusammenziehens, so daß sie sich mit Ausdrücken einer natürlichen Sprache gar nicht be­schreiben läßt, sondern nur mit Worten der geistigen Sprache. Diese besagen jedoch nichts anderes, als daß sie wirbelartige Drehungen sind, die nach innen und nach außen verlaufen (quod sint ingyrationes et egyrationes vorticillares), ähnlich einer sich ständig drehenden Spirale, wunderbar zu Aufnah­meformen des Lebens gebündelt.

Nun soll auch gesagt werden, wie diese rein organi­schen Substanzen und Formen bei den Bösen und wie bei den Guten beschaffen sind: Bei den Guten sind sie nach vorn, bei den Bösen nach hinten spiralförmig gewunden. Erstere sind dem Herrn zugewandt und nehmen den Einfluß von ihm auf, letztere wenden sich der Hölle zu und dem, was von ihr einfließt. Man muß wissen, daß in dem Maß, wie sie rückwärts gewandt, auch an der Rückseite offen und an der Vorderseite verschlossen sind, umgekehrt aber, daß sie in dem Maß vorne offen und hinten ver­schlossen sind, wie sie sich nach vorne wenden.

Daraus läßt sich ersehen, was für ein Gebilde oder Organ der böse bzw. der gute Mensch ist, nämlich daß sie die entgegengesetzte Richtung einnehmen. Und weil die einmal eingeschlagene Richtung nicht umgekehrt werden kann ist klar, daß jeder in Ewigkeit so bleibt, wie er bei seinem Tode beschaffen ist. Es ist die Liebe des Willens, die die Richtung be­stimmt bzw. sich hinwendet oder abwendet. Oben wurde ja gesagt daß der Mensch identisch ist mit seiner Liebe. Darum schlägt jeder Mensch nach dem Tode den Weg ein, den seine Liebe ihm weist, also zum Himmel, wenn er seine Grund Nei­gung gut, zur Holle, wenn sie böse ist. Der Mensch kommt nicht eher zur Ruhe, als er die Gesellschaft gefunden hat, die mit seiner herrschenden Liebe übereinstimmt. Und was er­staunlich ist: Jeder kennt seinen Weg, beinahe so, als ob er ihn mit der Nase witterte.

Glaubte der Mensch der Wahrheit entspre­chend, das alles Gute und Wahre vom Herrn, alles Böse und Falsche hingegen aus der Hölle stammt, er würde sich weder das Gute zuschreiben und als Verdienst an­rechnen noch sich das Böse zuschreiben und als Schuld anrechnen.

*320. Diese Behauptung widerspricht dem Glauben aller, die sich in der Scheinbarkeit bestärkt haben, wonach der Mensch selber der Urheber seiner Weisheit und Klugheit sei und diese nicht je nach dem Zustand seines Gemüts einflössen, wie oben in # 319 gesagt. Darum muß es bewiesen werden, und zwar der Deutlichkeit halber in dieser Reihenfolge:

  1. Wer sich in der Scheinbarkeit bestärkt, er selber sei der Urheber seiner Weisheit und Klugheit, diese seien also sein Eigentum, stellt sich vor, daß er andernfalls kein Mensch, sondern entweder ein Tier oder ein lebloses Standbild wäre, obwohl doch das genaue Gegenteil der Fall ist.

  2. Wahrheitsgemäß zu denken und zu glauben, daß alles Gute und Wahre vom Herrn, alles Böse und Falsche hingegen aus der Hölle stamme, erscheint vielen unmöglich, obgleich es doch wahrhaft menschlich und daher auch engelhaft ist.

  3. So zu denken und zu glauben, ist Menschen unmög­lich, welche die Gottheit des Herrn nicht anerkennen, auch nicht, daß das Böse Sünde ist; es ist aber denen möglich, die beides anerkennen.

  4. Nur Menschen, die beides anerkennen, denken über das Böse bei sich nach und weisen es in dem Grad in die Hölle zurück, aus der es stammt, wie sie es als Sünde fliehen und ver­abscheuen.

  5. Folglich eignet die göttliche Vorsehung dem Menschen weder das Böse noch das Gute zu, sondern es ist die eigene Klugheit, die sich beides zueignet.

*321. Diese Punkte sollen der Reihe nach erklärt werden:

1. Wer sich in der Scheinbarkeit bestärkt, er selber sei der Urheber seiner Weisheit und Klugheit, diese seien also sein Eigentum, stellt sich vor, daß er andernfalls kein Mensch, sondern entweder ein Tier oder ein leblo­ses Standbild wäre, obwohl doch das genaue Gegenteil der Fall ist.

Nach einem Gesetz der göttlichen Vorsehung soll der Mensch wie aus sich denken und mit Klugheit handeln, dabei aber doch anerkennen, daß es vom Herrn her geschieht. Mit anderen Worten: Mensch ist, wer wie aus sich selbst denkt und mit Klugheit handelt, dabei aber anerkennt, daß es vom Herrn her geschieht. Nicht Mensch ist hingegen, wer sich darin bestärkt, alles, was er denkt und tut, sei aus ihm selber. Aber auch der ist kein Mensch, der zwar weiß, daß alle Weisheit und Klugheit von Gott stammt, dabei aber tatenlos auf deren Ein­wirkung wartet. Er wird wie eine leblose Statue, der erste wie ein Tier. Jemand, der bloß auf die Einwirkung wartet, gleicht offensichtlich einer leblosen Statue, muß er doch unbeweglich stehen oder sitzen, die Hände schlaff herabhängend, die Augen geschlossen oder starr geöffnet, ohne zu denken und zu atmen. Was für ein Leben wäre das?

Ebenso ist klar, daß der Mensch einem Tier nicht unähnlich ist wenn er glaubt, alles, was er denkt und tut, stamme aus ihm selbst. Denn so denkt er nur aus seinem natür­lichen Gemüt, das er mit den Tieren gemein hat, nicht aber aus seinem wahrhaft menschlichen geistig vernünftigen Gemüt, aus dem heraus er anerkennen würde, daß allein Gott aus sich selbst, der Mensch aber aus Gott denkt. Ein solcher Mensch sieht daher auch nur darin den Unterschied zwischen Mensch und Tier, daß der Mensch reden, das Tier aber nur Töne von sich geben kann, während beide in gleicher Weise sterben.

Hier noch einige Bemerkungen über alle, die untätig auf eine Einwirkung warten: Sie empfangen nämlich keine, ausgenommen einige wenige, die sich von ganzem Herzen da­nach Sehnen. Sie erhalten bisweilen eine Antwort, die sie in ihrem Denken lebendig wahrnehmen oder als leise Stimme vernehmen — selten deutlich. Diese sagt ihnen dann, sie sollten denken und handeln wie sie wollen und können, und weise sei, wer weise, töricht, wer töricht handelt. Niemals aber emp­fangen sie eine Belehrung darüber, was sie glauben und tun sollen, damit ihre menschliche Vernunft und Freiheit nicht ver­lorengeht, die darin besteht, daß jeder aus freiem Willen der Vernunft gemäß handeln kann, dem vollen Anschein nach wie aus sich selbst. Andere, die durch einen Einfluß darüber be­lehrt werden, was sie glauben oder tun sollen, empfangen diese Belehrung weder vom Herrn noch von einem Engel des Himmels, sondern von irgendeinem schwärmerischen Geist quäkerischer oder herrenhutischer Prägung, und werden so verführt. Jeder Einfluß, der vom Herrn ausgeht, geschieht durch eine Erleuchtung des Verstandes, sowie durch die Neigung zum Wahren und durch diese in jene.

2. Wahrheitsgemäß zu denken und zu glauben, daß alles Gute und Wahre vom Herrn, alles Böse und Falsche hingegen aus der Hölle stamme, erscheint vielen unmög­lich, obgleich es doch wahrhaft menschlich und daher auch engelhaft ist.

Zu glauben und zu denken, alles Gute und Wahre stamme von Gott, erscheint nur unter der Voraussetzung möglich, daß man sich auf diese Aussage beschränkt, weil sie mit dem theologischen Glauben übereinstimmt, gegen den zu denken nicht erlaubt ist. Hingegen er­scheint es als unmöglich zu glauben und zu denken, alles Böse und Falsche stamme aus der Hölle, weil man ja dann annähme der Mensch hätte aus sich überhaupt keine Gedanken. Und doch denkt der Mensch, auch wenn es aus höllischem Einfluß heraus geschieht, wie aus sich. Der Herr verleiht jedem Men­schen, daß ihm sein Denken, woher es auch stammen möge, als sein eigenes erscheint. Wäre es anders, der Mensch würde kein eigenes Leben führen und könnte weder der Hölle entris­sen noch in den Himmel eingeführt, d.h. umgebildet werden, wie oben ausführlich dargelegt wurde.

Deshalb gibt der Herr einem jeden zu verstehen und damit auch zu denken, daß er sich, wenn er dem Bösen ver­fällt, in der Hölle befindet und seine Gedanken, wenn sie böse sind, aus der Hölle stammen. Er gibt ihm aber auch zu beden­ken, welche Mittel ihm dazu verhelfen können, dem höllischen Einfluß zu entrinnen und nicht aus ihm heraus zu denken, son­dern in den Himmel zu kommen und dort aus dem Herrn her­aus zu denken. Ferner verleiht er dem Menschen die Freiheit der Wahl. Daraus kann man ersehen, daß der Mensch die Mög­lichkeit hat, Böses und Falsches wie aus sich zu denken, mit­hin auch zu denken, daß etwas böse und falsch ist — es also nur den Anschein hat, als ob es aus ihm geschehe, ohne welchen er nicht Mensch wäre. Das eigentlich Menschliche und daher auch Engelhafte besteht darin, aus der Wahrheit zu denken; Wahrheit aber ist, daß die Gedanken des Menschen nicht aus ihm selbst stammen, ihm aber vom Herrn der volle Anschein gewährt wird, wie aus sich zu denken.

3. So zu denken und zu glauben, ist den Men­schen unmöglich, welche die Gottheit des Herrn nicht anerkennen, auch nicht, daß das Böse Sünde ist; Es ist aber denen möglich, die beides anerkennen.

Der Grund, weshalb es für die unmöglich ist, welche die Gottheit des Herrn nicht anerkennen, ist folgender: Der Herr allein verleiht dem Menschen Denken und Wollen. Wer aber die Göttlichkeit des Herrn nicht anerkennt glaubt — getrennt von Ihm — er denke aus sich. Es ist auch denen unmöglich, die das Böse nicht als Sünde anerkennen, weil sie aus der Hölle heraus den­ken und dort jeder aus sich heraus zu denken meint. Weshalb es ihnen aber möglich ist so zu denken, läßt sich aus dem er­sehen was oben in # 288 bis 294 weitläufig ausgeführt wurde.

4. Nur Menschen, die beides anerkennen, den­ken über das Böse bei sich nach und weisen es in dem Grad zurück in die Hölle, aus der es stammt, wie sie es als Sünde fliehen und verabscheuen.

Wer wüßte nicht bzw. könnte nicht wissen, daß das Böse aus der Hölle, das Gute aber aus dem Himmel stammt? Und wer könnte daher nicht wissen, daß der Mensch die Hölle im selben Maße flieht und verab­scheut, wie er das Böse flieht und verabscheut? Und wer könnte daher nicht auch wissen, daß er im selben Maß wie er das Böse flieht und verabscheut das Gute liebt und will und er vom Herrn aus der Hölle befreit und zum Himmel geführt wird? Jeder vernünftige Mensch kann das einsehen, wenn er nur weiß, daß es Himmel und Hölle gibt und sowohl das Böse wie das Gute dort ihren eigenen Ursprung haben. Denkt nun der Mensch über sein Böses nach, d.h. erforscht er sich und flieht dieses Böse, entwindet er sich der Hölle, läßt sie hinter sich und versetzt sich damit in den Himmel, wo er den Herrn von Angesicht schaut. Ich sagte zwar, der Mensch tue es, er tut es jedoch nur wie von sich, in Wahrheit aus dem Herrn. Erkennt er diese Wahrheit aufrichtigen Herzens und frommen Glaubens an, erfüllt sie von innen heraus alles, was er wie aus sich denkt und tut, verborgen ähnlich der Zeugungskraft im Samen, die darin bleibt bis zum neuen Samen, oder wie das angenehme Verlangen nach einer bestimmten Speise, die der Mensch als bekömmlich erkannt hat. Mit einem Wort, sie ist wie Herz und Seele in allem, was er denkt und tut.

5. Folglich eignet die göttliche Vorsehung dem Menschen weder das Böse noch das Gute zu, sondern es ist seine eigene Klugheit, die sich beides aneignet.

Das er­gibt sich als Folge aus allem, was soeben gesagt wurde. Der Endzweck der göttlichen Vorsehung liegt im Guten, darauf zielt all ihr Wirken. Daher eignet sie auch keinem Menschen das Gute zu, weil er sonst selbstgerecht würde (nam sic illud fieret meritorium). Sie eignet aber auch keinem das Böse zu, weil sie ihn sonst für das Böse verantwortlich machte. Nur der Mensch schreibt sich aufgrund seines Eigenen beides zu, weil das Ei­gene nichts als böse ist. Das Eigene seines Willens ist die Ei­genliebe und das Eigene des Verstandes der Stolz auf eigene Einsicht, dem die eigene Klugheit entspringt.

*



Teil 17 - Jeder Mensch kann umgebildet werden, und es gibt keine Vorherbestimmung zur Hölle.



*322. Die gesunde Vernunft fordert, daß alle Menschen zum Himmel vorherbestimmt sind, und keiner zur Hölle. Alle sind ja als Menschen geboren, und folglich liegt in jedem das Bild Gottes. Das Bild Gottes im Menschen aber besteht darin, daß er das Wahre einsehen und das Gute tun kann. Ersteres kann er aufgrund der göttlichen Weisheit, letzteres aufgrund der göttlichen Liebe. Dieses Bild Gottes wird beim gesunden Men­schen stets erhalten und nicht ausgerottet. Darauf beruht, daß jeder zu einem bürgerlich und sittlich guten Menschen werden kann und als solcher schließlich auch geistig gut zu werden ver­mag, weil das Bürgerliche und Sittliche als ein Aufnahmegefäß des Geistigen dient. Bürgerlich gut ist, wer die Gesetze des Staa­tes, zu dem er gehört, kennt und danach auch lebt. Sittlich gut ist, wer diese Gesetze zu seinen eigenen Sitten und Tugenden macht und aufgrund vernünftiger Überlegungen danach handelt.

Ich will nun zeigen, auf welche Weise das bürgerlich und sittlich gute Leben ein Aufnahmegefäß für das geistige Leben bildet: Lebe nach diesen Gesetzen nicht nur, weil sie bürgerlich und sittlich, sondern zugleich auch göttlich sind und du wirst ein im geistigen Sinne guter Mensch sein. Es gilt: Kaum ein derart barbarisches Volk, das nicht gesetzlich fest gelegt hatte, daß man nicht morden, nicht mit der Frau eines anderen Unzucht treiben, kein falsches Zeugnis ablegen und sich nicht am Gut eines anderen vergreifen darf. Und der bürgerlich und sittlich gute Mensch hält auch diese Gesetze, um ein guter Bürger zu sein oder doch als ein solcher zu erscheinen. Achte er sie aber nicht zugleich als göttliche Gebote, ist er nur ein bürgerlicher und sittlicher Mensch im natürlichen Sinne; Erst wenn er sie auch als göttliche Gebote achtet wird er im geistigen Sinne zu einem bürgerlichen und sittlichen Menschen. In Unterschied zu dem anderen ist ein solcher Menschen nicht nur ein guter irdischer Staatsbürger, sondern darüber hinaus auch ein guter Bürger des himmlischen Reiches. Ihre gute Taten unterscheiden sie: Gutes, das ein nur im natürlicher Sinne bürgerlicher und sittlicher Mensch tut, ist nicht gut in sich, weil sich dahinter nur er selbst mit seinen weltlichen Interessen verbirgt; Dagegen steht hinter den guten Handlungen eines im geistigen Sinne bürgerlichen und sittlichen Menschen der Herr und der Himmel, und so sind sie gut in sich.

Damit steht folgendes fest: Weil jeder Mensch so geboren ist, daß er im natürlichen Sinne bürgerlich und sittlich werden kann, so ist er auch geboren, es auch im geistigen Sinne zu werden. Dazu gehört nur, daß er Gott anerkennt und das Böse meidet, weil es widergöttlich, das Gute aber tut, weil es im Zusammenhang mit Gott steht. Auf diese Weise werden seine bürgerlichen und sittlichen Tugenden vergeistigt und le­bendig, die sonst ohne Geist und damit unlebendig blieben. Darum heißt im Wort der natürliche Mensch, mag er auch im bürgerlichen und moralischen Sinn noch so gut handeln, tot, der geistige Mensch hingegen lebendig.

Die göttliche Vorsehung hat dafür gesorgt, daß alle Völker eine Religion haben. Das Wichtigste in jeder Religion aber ist die Anerkennung daß ein Gott ist, sonst könnte man nicht von Religion sprechen. Jedes Volks das nach seiner Reli­gion lebt, d.h. das Böse darum unterläßt, weil es gegen seinen Gott ist, empfängt in seinem Natürlichen etwas Geistiges. Wer sagte nicht bei sich, wenn er einen Heiden sprechen hörte, die­ses oder jenes Böse wolle er unterlassen, weil es gegen seinen Gott sei: „Sollte dieser Mensch nicht selig werden? Es scheint kaum anders möglich.“ Das sagt ihm die gesunde Vernunft. Umgekehrt, wenn jemand einen Christen sagen hört: „Aus dem und dem Bösen mach ich mir nichts. Was heißt das schon, es richte sich gegen Gott?“ Wird er sich dann nicht fragen: „Kann der wohl selig werden? Das scheint mir doch unmöglich.“ Auch das diktiert die gesunde Vernunft.

Wenn der betreffende Christ antworten würde: „Ich bin als Christ geboren, bin getauft, kenne den Herrn, habe das Wort gelesen und bin zum hl. Abendmahl gegangen“, was hätte das für einen Wert, wenn er rachsüchtig ist und sich aus Mord, Ehebruch und heimlichem Diebstahl, falschem Zeugnis oder Lügen und tückischen Handlungen aller Art kein Gewissen macht? Denkt ein solcher Mensch an Gott oder das ewige Leben, ja glaubt er überhaupt an beides? Sagt einem nicht schon die gesunde Vernunft, daß Menschen dieser Art nicht selig werden können?. Ich spreche von Christen, da Heiden mehr als Christen in ihrem Leben an Gott denken. Hierüber soll jedoch im Folgenden mehr gesagt werden, und zwar in dieser Reihenfolge:

Der Endzweck der Schöpfung ist ein Himmel aus dem menschlichen Geschlecht.

*323. Werk „Himmel und Hölle“ (London 1758), wie auch oben, wurde gezeigt, daß der Himmel nur aus Wesen besteht, die als Menschen geboren wurden Aus dieser Tatsache folgt, daß der Endzweck der Schöpfung ein Himmel aus dem menschlichen Geschlecht ist. Dies wurde schon oben # 27 bis 45 nachgewiesen. Es ist aber noch deutlicher aus den folgenden Erklärungen zu ersehen:

  1. Jeder Mensch ist geschaffen um ewig zu leben.

  2. Jeder Mensch ist geschaffen, um auf ewig in einem se­ligen Zustand zu leben.

  3. Folglich ist jeder Mensch geschaffen, um in den Him­mel zu kommen.

  4. Die göttliche Liebe kann nichts anderes wollen und die göttliche Weisheit nichts anderes vorsehen.

*324. Weil daraus auch zu ersehen ist, daß die göttliche Vorsehung nur eine Vorbestimmung zum Himmel ist und auch nicht in etwas anderes verwandelt werden kann, wird hier in der angegebenen Reihenfolge dargelegt, daß in einem Himmel aus dem menschlichen Geschlecht der Endzweck der Schöpfung liegt:

1.) Jeder Mensch wird geschaffen, um ewig zu leben. In der Abhandlung über „Die göttliche Liebe und Weisheit“ ist im dritten und fünften Teil der Nachweis geführt worden, daß es beim Menschen drei Grade des Lebens gibt, den natürlichen, den geistigen und den himmlischen, und daß diese wirklich keinem Menschen fehlen. Ferner wurde dort nachgewiesen, daß die Tiere nur einen einzigen Lebensgrad haben, der dem letzten, dem natürlichen Grad des Menschen ähnelt. Daraus folgt, daß der Mensch durch die Erhebung seines Lebens zu Gott hin, anders als die Tiere, in seinem Zustand erkennen kann, was zur göttlichen Weisheit gehört, und zu wollen ver­mag, was der göttlichen Liebe angehört, somit Göttliches auf­nehmen kann. Wer aber Göttliches in sich aufzunehmen ver­mag, es in sich sieht und wahrnimmt, kann nicht anders als mit dem Herrn verbunden sein und aufgrund dieser Verbindung in Ewigkeit leben.

Was wäre dem Herrn mit der ganzen Schöpfung ge­dient gewesen, hätte er nicht auch Bilder und Ähnlichkeiten sei­ner selbst erschaffen, denen er sein Göttliches mitteilen konnte? Was bliebe ihm sonst als zu entscheiden, ob etwas ist oder nicht ist, existiert oder nicht existiert, nur zu dem Zweck, um le­diglich wie im Theater von ferne zu beobachten, wie ständige Wechsel und Veränderungen vorsichgehen. Was wäre daran Göttliches, wenn diese Dinge nicht den Zweck hätten Subjek­ten zu dienen, die das Göttliche tiefer aufnehmen und es sehen und empfinden können? Und da die göttliche Herrlichkeit unerschöpflich ist, sollte oder könnte sie diese wohl für sich be­halten? Alle Liebe möchte sich doch einem anderen mitteilen, ja soviel als möglich verschenken. Was wird da nicht erst die gött­liche Liebe tun, die unendlich ist? Kann sie geben und wieder zurücknehmen? Hieße das nicht, etwas zu geben was vergäng­lich und an sich ohne Wert ist, weil es zu nichts vergeht, weil ihm das, was Ist, nicht innewohnt? Aber die göttliche Liebe gibt was Ist und nicht aufhört zu sein, und das ist das Ewige.

Um dem Menschen ewiges Leben zu ermöglichen, wird ihm durch den Tod das genommen, was an ihm sterblich ist, nämlich der materielle Körper. Auf diese Weise wird sein Unsterbliches, d.h. sein Gemüt, freigelegt. Dann wird der Mensch zu einem Geist in menschlicher Gestalt. Sein Gemüt ist dieser Geist. Die alten Philosophen und Weisen haben erkannt, daß das menschliche Gemüt unsterblich ist, sagten sie doch: Wie könnte etwas, zur Weisheit Fähiges wie Seele oder Gemüt, sterben? Wenige Menschen kennen heutzutage die tiefere Vor­stellung, die diese Alten dabei hatten. Sie beruhte aber auf der allgemeinen Wahrnehmung die aus dem Himmel in sie einfiel, nämlich daß Gott die Weisheit selbst sei und der Mensch daran teilhabe, Gott aber unsterblich oder ewig ist.

Da mir gewährt wurde, mit den Engeln zu sprechen, will ich hier einiges aus meiner Erfahrung berichten. Ich sprach mit Geistwesen, die vor vielen Jahrhunderten auf Erden gelebt hatten, einige von ihnen vor, andere nach der Sintflut, andere zur Zeit des Herrn; Dann redete ich mit einem von seinen Apo­steln und mit vielen aus den späteren Jahrhunderten. Sie alle erschienen als Menschen im mittleren Lebensalter und sagten, sie wüßten nicht, was der Tod anderes sein könnte, als die Ver­dammnis. Tatsächlich kommen auch alle Menschen, die ein rechtschaffenes Leben geführt haben, sobald sie in den Him­mel eintreten, wieder in ihr jugendliches Alter wie auf Erden und bleiben ewig darin, auch wenn sie dort zuletzt alte und ab­gelebte Greise gewesen waren. Die Frauen kehren, wie alt und verwelkt sie auch ausgesehen haben, in die Blüte und Schön­heit ihrer Jugend zurück.

Die Tatsache, daß der Mensch nach dem Tode ewig lebt, geht aus dem Wort hervor, wo das Leben im Himmel als ewiges Leben bezeichnet wird, (Mat. 19/29; 25/46; Mark. 10/17; Luk. 10/25; 18/30; Joh. 3/15 f, 36; 5/24 f, 39; 6/27, 40, 68; 12/50), oder auch einfach als das Leben (Mat. 18/8 f; Joh. 5/40; 20/31.

Auch sagte der Herr zu seinen Jüngern:

„... denn ich lebe, und auch ihr sollt leben“ (Joh. 14/19),

und was die Auferstehung betrifft sagte er:

„Gott ist nicht ein Gott von Toten, son­dern von Lebendigen“

und (im gleichen Zusammenhang):

„sie können hinfort auch nicht mehr Sterben“ (Luk. 20/36, 38).

2.) Jeder Mensch ist geschaffen, um auf ewig in einem seligen Zustand zu leben. Das folgt aus dem, was oben ausge­führt wurde; Denn wer will, daß der Mensch ewig lebt, der will auch, daß er in einem Zustand der Seligkeit lebt. Welchen Wert hätte sonst dieses ewige Leben? Jeder Liebende will das Wohl (bonum) des Geliebten. Liebende Eltern wollen das Wohl ihrer Kinder, ein liebender Bräutigam oder Gatte will das Wohl der Braut oder Gattin, ein liebender Freund das Wohl seiner Freunde. Kann die göttliche Liebe etwas anderes beabsichti­gen? Und was wäre das Gute anderes als das Angenehme und das göttliche Gute anderes als ewige Seligkeit? Alles Gute heißt gut aufgrund der in ihm liegenden Freude oder Seligkeit. Man bezeichnet zwar auch als gut, was einem gegeben wird oder was man besitz, doch wenn man keine Freude daran hat, ist es ein steriles Gutes, das an sich nicht gut ist. Damit dürfte klar sein, daß ewiges Leben auch in ewiger Seligkeit besteht. In die­sem Zustand des Menschen liegt der Endzweck der Schöpfung. Schuld daran, daß nur die Menschen in diesem Zustand sind die in den Himmel kom­men, trägt nicht der Herr, sondern der Mensch, wie man im Folgenden sehen wird.

3.) Folglich ist jeder Mensch geschaffen, um in den Himmel zu kommen. Das ist, wie gesagt, der Endzweck der Schöpfung. Wenn dennoch nicht alle in den Himmel kommen, so liegt es daran, daß manche Menschen die der himmlischen Seligkeit entge­gengesetzten Lüste der Hölle in sich aufnehmen; Und wer nicht die himmlische Seligkeit in sich hat, kann nicht in den Himmel eingehen, weil er ihn gar nicht erträgt. Keinem, der in die gei­stige Welt kommt, wird der Aufstieg in den Himmel verwehrt; Aber er bekommt dort Herzklopfen und Atemnot, wenn er den höllischen Lüsten verfallen ist, sieht sein Leben schwinden, empfindet Angst und Qual und windet sich wie eine Schlange, die man ans Feuer hält. Das geschieht, weil hier Gegensätze aufeinander stoßen.

Da aber auch diese als Menschen geboren wurden, d.h. mit den Fähigkeiten des Denkens und Wollens, folglich auch des Redens und Handelns, können sie nicht sterben, doch können sie nur mit denen zusammenleben, deren Leben von ähnlichen Lüsten bestimmt wird und werden daher zu ihnen zurückgeschickt. Mit anderen Worten: Ein jeder kommt zu Sei­nesgleichen, wer den Lüsten des Bösen verfallen ist ebenso wie die, die ihre Lust am Guten haben. Es wird sogar jedem er­laubt, die Lust seines Bösen zu empfinden, solange er sich nicht an anderen vergreift, die ihre Freude im Guten finden. Aber weil das Böse — da ihm der Haß gegen das Gute einge­prägt ist, gar nicht anders kann als das Gute anfeinden, wer­den die Betreffenden entfernt und an ihre Plätze in den Höllen gebracht, damit sie kein Unheil stiften können. Dort verkehrt sich dann ihre Lust in Unlust.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß der Mensch von der Schöpfung her so beschaffen und geboren ist, daß er in den Himmel gelangen kann. Das zeigt sich schon daran, daß jeder Mensch der als Kind stirbt, in den Himmel kommt, wo er — ähnlich wie der Mensch in der Welt — erzogen, unterrichtet und durch Neigungen zum Guten und Wahren mit Weisheit ausgestattet und so zum Engel wird. In gleicher Weise könnte es auch dem Menschen ergehen, der in der Welt erzo­gen und unterrichtet wurde, besitzt er doch dieselben Anlagen wie jedes Kind. Über die Kinder in der geistigen Welt lese man nach in dem 1758 zu London herausgegebenen Werk „Himmel und Holle“ (# 329 345).

Wenn der Erziehungsprozeß trotzdem bei vielen Menschen in der Welt nicht so verläuft, liegt es daran, daß sie den ersten, den natürlichen Lebensgrad lieben und sich von ihm nicht trennen und geistig werden wollen. An sich betrach­tet, ist dieser natürliche Lebensgrad so beschaffen, daß er nur sich und die Welt liebt, hängt er doch mit den körperlichen Sin­nen zusammen, die sich auch in die Welt hinein erstrecken. Der geistige Lebensgrad hingegen liebt, an sich betrachtet, den Herrn und den Himmel — zwar auch sich selbst und die Welt, Gott und den Himmel aber als das Höhere, Ursprüngliche und Herrschende, demgegenüber das eigene Ich und die Welt nur etwas Untergeordnetes, Werkzeugliches und Dienendes ist.

4.) Die göttliche Liebe kann nichts anderes wollen und die göttliche Weisheit nichts anderes vorsehen. Im Werk über "Die göttliche Liebe und Weisheit" wurde der vollständige Nachweis geführt, daß Gottes Wesen aus der göttlichen Liebe und Weisheit besteht. In # 358-370 wurde dort auch gezeigt, daß der Herr in jedem menschlichen Embryo zwei Aufnahme­organe bildet, je eins für die göttliche Liebe und die göttliche Weisheit, wobei das Aufnahmeorgan der göttlichen Liebe für den künftigen Willen des Menschen, das Aufnahmeorgan der göttlichen Weisheit für seinen künftigen Verstand vorgesehen ist. Auf diese Weise hat der Herr in jeden Menschen die Fähig­keit gelegt, das Gute zu wollen und das Wahre zu erkennen.

Weil nun der Herr diese beiden Fähigkeiten von Ge­burt an im Menschen angelegt hat und Er selbst darin ist, um in dem Seinigen beim Menschen zu sein, liegt am Tag, daß seine göttliche Liebe kein anderes Ziel haben kann, als den Menschen in den Himmel kommen zu lassen, um dort die ewige Seligkeit zu genießen —, und daß die göttliche Weisheit nicht anders kann, als diese Entwicklung vorzusehen. Gottes Liebe bewirkt jedoch, daß der Mensch die himmlische Wonne als etwas Eigenes in sich fühlen soll und dies nicht möglich wäre, würde er nicht in dem vollen Anschein erhalten, als ob er aus sich selbst denke, wolle, rede und handle. Darum kann Gott den Menschen nicht anders führen als in Übereinstim­mung mit den Gesetzen seiner göttlichen Vorsehung.

Die göttliche Vorsehung hat deshalb dafür gesorgt, daß jeder Mensch selig werden kann und alle selig werden, die Gott anerkennen und gewissenhaft leben.

*325. Aus dem, was oben dargelegt wurde, geht klar hervor, daß jeder Mensch selig werden kann. Gewisse Leute meinen, die Kirche des Herrn bestehe lediglich in der Christenheit, weil nur hier der Herr und das Wort bekannt seien. Gleichwohl gibt es viele, die glauben, die Kirche Gottes sei etwas Universelles und über die ganze Erde verbreitet, also auch unter den Menschen, denen der Herr unbekannt ist und die sein Wort nicht haben. Ihr Argument ist, daß diese ja nicht schuld an ihrer Unwissenheit seien und sie nicht überwinden könnten; Auch verstoße die Vorstellung gegen die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, daß manche für die Hölle geboren würden, da sie doch ebenso Menschen seien wie alle anderen.

Da nun die Christen — wenn auch nicht alle, so doch viele   des Glaubens sind, es gäbe eine allgemeine Kirche, die man auch als eine Gemeinschaft bezeichnet, so muß es einige allgemeinste Grundsätze der Kirche geben, die in allen Religionen Eingang gefunden haben und jene Gemeinschaft be­wirken. Diese allgemeinsten Grundsätze sind: Die Anerken­nung Gottes und ein Leben des Guten, wie die folgende Aufzählung zeigen wird:

  1. Die Anerkennung Gottes bewirkt die Verbindung Gottes mit dem Menschen und des Menschen mit Gott, die Leugnung Gottes aber bewirkt Trennung.

  2. Jeder Mensch erkennt Gott an und wird mit ihm ver­bunden in Übereinstimmung mit dem Guten seines Lebens.

  3. Das Gute des Lebens — bzw. richtig zu leben — besteht darin, daß man das Böse aus dem Grunde flieht, weil es gegen die Religion, somit gegen Gott verstößt.

  4. Dies ist allen Religionen gemeinsam, und auf Grund dessen kann jeder Mensch selig werden.

*326. Das soll nun im einzelnen betrachtet und nachge­wiesen werden.

1.) Manche mögen denken, Menschen, die Gott nicht an­erkennen, könnten ebenso gut selig werden, wie Menschen, die Gott anerkennen. Voraussetzung sei nur, daß sie ein sittlich einwandfreies Leben führen. Sie argumentieren: „Was bewirkt schon die Anerkennung? Ist sie nicht nur ein Gedanke? Könnte ich Gott nicht leicht anerkennen, wenn ich nur sicher wäre, daß er ist? Zwar habe ich von ihm gehört, ihn aber nicht gese­hen. Mach’, daß ich ihn sehe, so will ich glauben!“ So argu­mentieren viele Gottesleugner, wenn sie sich einem gläubigen Menschen gegenüber frei äußern dürfen. Die Anerkennung Gottes aber verbindet, die Leugnung Gottes trennt. Das soll durch einige Erfahrungen veranschaulicht werden, die ich in der geistigen Welt machen durfte. Wenn dort jemand an einen anderen denkt und mit ihm sprechen möchte, stellt sich ihm dieser umgehend als gegenwärtig dar. Das ist in der geistigen Welt eine allgemeine Erscheinung und bleibt nie aus, weil es dort keine Entfernung gibt wie in der natürlichen Welt, sondern nur den Anschein von Entfernung.

Eine weitere Erfahrung: Bewirkt das Denken an einen Menschen aufgrund einiger Kenntnis desselben seine Gegen­wart, so die Liebe durch eine Neigung zum anderen eine Ver­bindung mit ihm. Darauf beruht es auch, daß sie übereinstim­men und als Freunde miteinander reden, im selben Hause wohnen und zur selben Gesellschaft gehören, häufig zusam­menkommen und sich gegenseitig beistehen. Es gibt aber auch das Gegenteil, nämlich daß jemand, der einen anderen nicht liebt, ja womöglich haßt, den Betreffenden weder sieht noch je mit ihm zusammentrifft, weil er im selben Grad von ihm ent­fernt ist, wie er ihn nicht liebt oder haßt. Selbst wenn dieser ge­genwärtig wäre und er sich dann des Hasses erinnert, wird er für ihn unsichtbar.

Diese wenigen Beispiele zeigen, wie in der geistigen Welt Gegenwart und Verbindung entstehen — Gegenwart aus der Erinnerung an den anderen, verbunden mit dem Wunsch, ihn zu sehen, und Verbindung durch eine Neigung der Liebe. Dasselbe gilt für alles im menschlichen Gemüt: Unzähliges liegt darin verborgen, und die Einzelheiten sind zusammengesellt und verbunden wie sie mit den Neigungen oder der Liebe übe­reinstimmen, die sie zueinander fühlen.

Die Verbindung ist geistiger Art und bleibt sich gleich im Großen wie im kleinen. Sie beruht im allgemeinen wie im einzelnen auf der Verbindung des Herrn mit der geistigen und der natürlichen Welt. Damit ist klar: Soweit jemand den Herrn kennt und aufgrund der Erkenntnis an ihn denkt, ist ihm der Herr gegenwärtig, soweit er ihn aber aufgrund einer Neigung seiner Liebe anerkennt, ist der Herr mit ihm Verbunden. Um­gekehrt, wie weit jemand den Herrn nicht erkennt, insoweit ist dieser abwesend, und inwieweit jemand den Herrn leugnet, in­soweit ist er von ihm getrennt.

Das Ergebnis der Verbindung besteht darin, daß der Herr das Antlitz des betreffenden Menschen sich zuwendet und ihn dann führt; Die Trennung hingegen bewirkt, daß die Hölle sich sein Antlitz zuwendet und ihn führt. Darum wenden alle Engel ihr Antlitz dem Herrn als der Sonne des Himmels zu, alle Geister der Hölle aber wenden es vom Herrn ab. Damit ist die Wirkung von Anerkennung oder Leugnung des Herrn klar. Jene, die Gott in ihrem irdischen Leben geleugnet hatten, leugnen ihn auch nach dem Tode. Ihre Einordnung geschieht, wie oben in # 319 beschrieben. Diese Einordnung bleibt in Ewigkeit.

2.) Jeder Mensch erkennt Gott an und wird mit ihm verbunden in Übereinstimmung mit dem Guten seines Lebens. Alle Menschen, die nur etwas von Religion verstehen, können Gott erkennen und auch aufgrund ihres Wissens oder Ge­dächtnisses von Gott reden. Einige können sogar aus Einsicht über Gott denken. Doch das bewirkt nur Gegenwart, sofern man nicht auch ein gutes Leben führt. Man kann sich nämlich nichtsdestoweniger von ihm ab  und zur Hölle wenden, was auch tatsächlich geschieht, wenn man ein böses Leben führt. Nur Menschen, die ein gutes Leben führen, können Gott von ganzem Herzen anerkennen. Diese wendet der Herr von der Hölle ab und sich zu, entsprechend dem Guten ihres Lebens, weil nur sie Gott lieben; Denn indem sie tun, was von Ihm aus­geht, lieben sie das Göttliche. Die Vorschriften Seines Gesetzes sind das, was von Ihm kommt ja sind Gott, weil er eins ist mit dem, was von Ihm ausgeht. Das also heißt, Gott lieben, darum sagt der Herr:

„Wer meine Gebote hält, der ist es, der mich liebt ... Wer mich nicht liebt, befolgt meine Gebote nicht.“ (Joh. 14/21, 24)

Darin liegt auch der Grund, weshalb es zwei Tafeln des Dekalogs gibt. Die eine bezieht sich auf Gott, die andere auf den Menschen. Gott wirkt unaufhörlich darauf hin, daß der Mensch die auf seiner Tafel stehenden Gebote annehme; Denn nimmt er sie nicht an, so stimmt er auch den Geboten auf Got­tes Tafel nicht von Herzen zu und wird infolgedessen nicht mit Gott verbunden. Darum hängen die beiden Gesetzestafeln der­art zusammen, daß sie eine Einheit darstellen und Tafeln des Bundes heißen; Bund aber bedeutet soviel wie Verbindung. Jeder Mensch erkennt Gott an und wird mit Ihm verbunden je nach dem Guten seines Lebens, weil dieses Gute dem Guten im und vom Herrn ähnelt. Wenn daher der Mensch im Guten des Lebens ist, entsteht eine Verbindung mit dem Herrn. Das Gegenteil tritt ein, wenn der Mensch im Bösen des Lebens ist, da dies den Herrn abstößt.

3.) Das Gute des Lebens, bzw. gut leben, besteht darin, daß man das Böse aus dem Grunde flieht, weil es gegen die Re­ligion, somit gegen Gott verstößt. Dies ist in der Abhandlung „Die Lebenslehre für das Neue Jerusalem“ von Anfang bis Ende vollständig gezeigt worden. Hier möchte ich nur noch folgen­des hinzufügen: Wenn du Gutes im Überfluß tust, sei es indem du Kirchen baust, sie ausschmückst und mit Gaben bedenkst; sei es, daß du Spitäler und Krankenhäuser finanzierst oder täg­lich den Armen gibst, Witwen und Waisen beistehst; sei es, daß du fleißig die heiligen Dinge des Gottesdienstes ausübst, und du das alles wie von Herzen denkst, aussprichst und nähmst, dabei aber das Böse nicht fliehst, das die Sünde gegen Gott ist, so sind alle diese guten Taten nichts Gutes. Sie werden entweder aus Heuchelei getan oder um sich ein Verdienst bei Gott zu erwerben, jedenfalls liegt in ihnen Böses verborgen. Das Leben jedes Menschen liegt bis in die Einzelheiten hinein, in allem was er tut; Und das Gute wird nur dadurch gut, daß das Böse von ihm entfernt wird. Damit ist klar: Gut leben heißt, das Böse fliehen, weil es gegen die Religion, d.h. gegen Gott ist.

4.) Darin liegt das allen Religionen Gemeinsame, auf Grund dessen jeder Mensch selig werden kann. Gott anerken­nen und das Böse unterlassen, weil es sich gegen Gott richtet   das sind die beiden Dinge, die Religion zur Religion machen. Fehlt eines davon, kann man nicht mehr von Religion spre­chen. Gott anerkennen und doch das Böse tun, ist ebenso ein innerer Widerspruch wie Gutes tun und Gott nicht anerkennen; Das eine ohne das andere gibt es nicht. Der Herr hat vorgese­hen, daß es fast überall auf Erden irgendeine Religion gibt und in jeder diese beiden Erfordernisse bekannt sind. Ferner hat der Herr vorgesehen, daß jeder Mensch, der Gott anerkennt und das Böse deshalb unterläßt, weil es gegen Gott ist, einen Platz im Himmel findet. Denn der Himmel in seinem gesamten Umfang ist das Ebenbild eines einzigen Menschen, dessen Seele oder Leben der Herr ist. In diesem himmlischen Men­schen ist alles, was sich auch im natürlichen Menschen findet, freilich mit dem Unterschied, der zwischen dem Himmlischen und Natürlichen besteht.

Bekanntlich gibt es im Körper des Menschen nicht nur organische Gebilde aus Blutgefäßen und Nervenfasern, Fleisch (viscera) genannt, sondern auch Häute, Membranen, Sehnen, Knorpel, Knochen, Nägel und Zähne. Diese sind we­niger belebt als die eigentlichen organischen Formen und die­nen als Bänder, Decken und Stützen. Wenn der besagte himm­lische Groß Mensch, der den Himmel ausmacht, all das auch haben soll, so kann er nicht aus Menschen einer einzigen Reli­gion zusammengesetzt sein, sondern muß Menschen verschie­dener Religionen umfassen. Daher haben alle einen Platz in ihm, d.h. im Himmel, wo sie die ihrer Stufe entsprechende Se­ligkeit genießen, welche die genannten beiden Erfordernisse der Kirche zur Angelegenheit ihres Lebens gemacht haben. Mehr darüber oben in # 254.

Diese beiden Erfordernisse sind die Hauptsache in jeder Religion, wie man schon daran ersehen kann, daß der Dekalog sie lehrt. Und der Dekalog war das Erste des Wortes, auf dem Berg Sinai von Jehovah mit lauter Stimme verkündigt und von Gottes Finger auf zwei steinerne Tafeln geschrieben. In der Bundeslade niedergelegt, wurde der Dekalog Jehovah genannt. In der Stiftshütte war er das Allerheiligste, im Tempel zu Jerusalem das innerste geheime Heiligtum. Durch ihn allein galt alles anderen was sich dort befand, als heilig. Mehr über die zehn Gebote in der Bundeslade ist aus dem Wort angeführt worden in dem Werk „Die Lebenslehre für das Neue Jerusalem“ # 53 61. Dem soll noch folgendes hinzugefügt werden: Im Wort (1. Sam. 5 und 6) wird beschrieben, wie die Bundeslade mit den beiden Gesetzestafeln von den Philistern geraubt und ins Hei­ligtum des Dagon zu Aschdod gebracht wurde; Wie Dagon vor ihr zur Erde fiel und dann sein Kopf samt beiden Händen ab­getrennt auf der Schwelle des Tempels lag, die Bewohner von Aschdod und Ekron aber wegen der Bundeslade zu vielen Tau­senden mit Hämorrhoiden geschlagen wurden und Mäuse ihr Land verwüsteten. Ferner wird geschildert, wie die Philister nach dem Rat ihrer Vornehmsten je fünf Nachbildungen von Hämorrhoiden und Mäusen anfertigten und die Bundeslade auf ein neues Fuhrwerk hoben, die Hämorrhoiden und Mäuse­-Nachbildungen dazu legten und das Ganze von zwei Kühen, die auf dem Wege brüllten, zu den Kindern Israel zurückbrin­gen ließen.

Nun soll gesagt werden, was das alles bedeutet: Die Philister bezeichneten Menschen, die ihren Glauben von der Liebe trennen; Dagon bildete diese religiöse Richtung vor. Die Hämorrhoiden, mit denen sie geplagt wurden, bezeichneten die natürlichen Liebesneigungen, die — getrennt von der geisti­gen Liebe — unrein sind, die Mäuse die Verwüstung der Kirche (plaustrum), auf dem sie die Lade zurückschickten, bildete die neue, aber nur natürliche Lehre vor, bezeichnet doch im Wort der Wagen (currus) eine aus geistigen Wahrheiten bestehende Lehre. Die Kühe stellen natürliche gute Neigungen dar, die Hä­morrhoiden Nachbildungen aus Gold die gereinigten und gut gewordenen natürlichen Triebe, die goldenen Mäuse die durch Gutes aufgehobene Verwüstung der Kirche, steht doch Gold im Wort für das Gute. Das Brüllen der Kühe auf dem Weg zeigte an, wie schwierig die Umwandlung der bösen Begierden des natürlichen Menschen in gute Neigungen ist. Die Darbringung der Kühe samt dem Fuhrwerk als Brandopfer bezeichnete, daß Gott auf diese Weise versöhnt wurde.

Dies also wird unter jener Geschichte im geistigen Sinn Verstanden. Man verbinde es zu einem Sinnzusammen­hang und wende es an. Im Werk „Die Lehre des Neuen Jeru­salems vom Glauben“ sieht man in # 49 54, daß durch die Phi­lister Menschen vorgebildet wurden die ihren Glauben von der tätigen Liebe trennen, und im Werk „Die Lebenslehre für das Neue Jerusalem“ findet man in # 53 61, daß die Bundes­lade wegen der darin verwahrten zehn Gebote das Heiligste der Kirche war.

Der Mensch trägt selbst Schuld, wenn er nicht selig wird.

*327. Sobald die Rede davon ist, erkennt jeder ver­nünftige Mensch die Wahrheit an, daß aus dem Guten kein Böses und aus dem Bösen nichts Gutes hervorgehen kann, weil Gutes und Böses Gegensätze sind. Aus dem Guten geht folglich nichts als Gutes und aus dem Bösen nur Böses hervor. Wird diese Wahrheit anerkannt, so auch die, daß Gutes in Böses verkehrt werden kann, nicht durch das Gute selbst, son­dern allein durch das Böse des Empfängers, da jede Form das in sie Einfließende in ihre eigene Beschaffenheit verwandelt (man vgl. oben # 292). Da nun der Herr das Gute in seinem Wesen, also das Gute selbst ist, kann offenbar von Ihm nichts Böses ausgehen oder hervorgebracht werden. Wohl aber kann das von Gott ausgehende Gute durch ein aufnehmendes Sub­jekt, dessen Form böse ist, in Böses verkehrt werden. Der Mensch hinsichtlich seines Eigenen ist ein solches Subjekt. Das Eigene nimmt zwar fortwährend das Gute vom Herrn auf, ver­kehrt es aber in die Beschaffenheit seiner Form, und die ist böse. Daraus folgt, daß der Mensch selbst Schuld trägt, wenn er nicht selig wird.

Das Böse stammt zwar aus der Hölle, weil der Mensch es aber von da als etwas aufnimmt, das sein eigen ist, es sich also aneignet, macht es keinen Unterschied, ob man sagt, das Böse stamme vom Menschen oder aus der Hölle. Wie es aber zur An­eignung des Bösen kommt und zwar zuletzt so weit, daß die Religion beim Menschen zugrunde geht, soll der Reihe nach er­klärt werden:

  1. Jede Religion nimmt im Verlauf der Zeit ab und gelangt zu ihrem Ende.

  2. Jede Religion nimmt darum ab und gelangt zu ihre Ende, weil das Bild Gottes beim Menschen verkehrt wird.

  3. Das ergibt sich aus der kontinuierlichen Steigerung des Erbbösen in den Zeugungen.

  4. Dennoch sorgt der Herr dafür, daß jeder Mensch selig werden kann.

  5. Auch wird dafür gesorgt, daß jeweils eine neue Kirche an die Stelle der verwüsteten alten tritt.

*328.   Das soll nun der Reihe nach gezeigt werden:

1. Jede Religion nimmt im Verlauf der Zeit ab und gelangt an ihr Ende.

Auf unserer Erde gab es bereits mehrere aufeinander folgende Kirchen, denn wo immer Menschen sind, da gibt es auch eine Kirche, stammt doch, wie oben gezeigt wurde, der Himmel als Endzweck der Schöpfung aus dem menschlichen Geschlecht. Es kann aber niemand in den Him­mel kommen, wenn sich nicht die beiden Universalien der Kir­che bei ihm finden: Gott anerkennen und ein gutes Leben führen. Das wurde gleich oben in # 326 gezeigt. Folglich gab es Kirchen auf unserer Erde seit den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag. Diese Kirchen werden im Wort beschrieben, al­lerdings nicht historisch, ausgenommen die Israelitische und Jüdische Kirche. Vor diesen gab es bereits mehrere, die jedoch nur durch Völker  oder Personennamen und einige weitere An­gaben beschrieben werden.

Die Älteste, also die erste Kirche wird durch Adam und sein Weib Chavah (Eva) beschrieben, die darauf folgende Alte Kirche durch Noach und seine drei Söhne sowie deren Nachkommen. Diese Alte Kirche war sehr umfangreich und über mehrere Reiche Asiens verbreitet, und zwar über Kanaan diesseits und jenseits des Jordanflusses, Syrien, Assyrien, Chaldäa, Mesopotamien, Ägypten, Arabien, Tyrus und Sidon. Bei ihnen allen befand sich das Alte Wort, von dem im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift“ in # 101 103 die Rede ist. Das ergibt sich aus manchem, was in den prophetischen Schriften des Wortes darüber erwähnt wird. Aber diese Kirche wurde durch Eber bedeutend verändert, mit dem die Hebräische Kirche begann. In dieser wurde zuerst der Opferkult eingeführt. Aus der hebräischen wiederum ging die israelitische und jüdische Kirche hervor. Ihre feierliche Einset­zung geschah wegen des Wortes, das dort niedergeschrieben werden sollte.

Diese vier Kirchen sind auch unter der Bildsäule zu verstehen, die Nebuchadnezar im Traum erschien: Das Haupt aus reinem Gold, Brust und Arme aus Silber, Leib und Schen­kel aus Erz, Unterschenkel und Füße aus Eisen, vermischt mit Ton (Dan. 32 f). Nichts anderes bedeuten auch die vier von den alten Schriftstellern erwähnten Weltalter, das goldene, silberne, kupferne und eiserne. Auf die Jüdische folgte dann bekanntlich die christliche Kirche. Wie man aus dem Wort ersehen kann, sind alle diese Kirchen im Verlauf der Zeit degeneriert und zum vollständigen Ende (consummatio) gelangt.

Diesen Endzustand der Ältesten Kirche beschreibt die Sintflut. Er wurde durch das Essen vom Baum der Erkenntnis bewirkt, das den Stolz auf die eigene Einsicht bezeichnet. Die Verwüstung verschiedener Völker, von der in den geschichtli­chen wie in den prophetischen Schriften des Wortes die Rede ist, vor allem aber die Vertreibung der in Kanaan wohnhaften Völker durch die Kinder Israels, beschreibt das Ende der Alten Kirche. Das der israelitischen und jüdischen Kirche ist zu ver­stehen unter der Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels, der Wegführung der Israeliten nach Babylon in ständige Gefangenschaft des jüdischen Volkes, und zuletzt durch die Zer­störung des zweiten Tempels samt Jerusalems, sowie die Zer­streuung dieses Volkes. Dieses Ende wurde an zahlreichen Stel­len bei den Propheten vorausgesagt, so bei Daniel 9/24 27. Die allmähliche Verödung der ersten christlichen Kirche bis hin zu ihrem Ende beschreibt der Herr bei Matthäus 24, Markus 13 und Lukas 21; Ihr Endzustand hingegen wird in der Apokalypse be­schrieben. Daraus läßt sich ersehen, daß die Kirche im Lauf der Zeit abnimmt und zu Ende kommt, und damit auch die Religion.

2. Jede Religion nimmt darum ab und kommt an ihr Ende, weil das Bild Gottes beim Menschen verkehrt wird.

Bekanntlich wurde der Mensch in das Bild und nach der Ähnlichkeit Gottes (in imaginem, secundum similitudinem) ge­schaffen, 1. Mose, 26. Was unter Bild und unter Ähnlichkeit zu verstehen ist, soll gesagt werden. Gott allein ist Liebe und Weis­heit, der Mensch aber als Aufnahmegefäß für beide geschaffen. Sein Wille soll ein Aufnahmeorgan für die göttliche Liebe, sein Verstand für die göttliche Weisheit sein. Oben wurde nachge­wiesen, daß sich beide Organe von der Schöpfung her beim Menschen finden, den Menschen bilden und auch bei jedem neuen Menschen im Mutterleib angelegt sind. Ein Bild Gottes ist also der Mensch, weil er ein Empfänger der göttlichen Weisheit, eine Ähnlichkeit Gottes, weil er ein Empfänger der göttlichen Liebe ist. Das Aufnahmeorgan, das wir als den Verstand bezeichnen, ist daher das Bild, das andere, das wir den Willen nennen, die Ähnlichkeit Gottes. Weil nun der Mensch als Auf­nahmegefäß geschaffen und gebildet wurde, ergibt sich, daß er geschaffen und gebildet wurde, damit sein Wille Gottes Liebe  und sein Verstand Gottes Weisheit aufnehme. Und der Mensch nimmt sie auch tatsächlich auf, wenn er Gott anerkennt und nach seinen Geboten lebt, und zwar mehr oder weniger, je wie er aufgrund seiner Religion Gott erkennt und die Gebote, also die Wahrheiten weiß. Denn die Wahrheiten lehren, wer Gott ist, auf welche Weise er anerkannt werden soll, was die Gebote sind und wie man nach ihnen zu leben hat.

Bild und Ähnlichkeit sind beim Menschen nicht ver­dorben, sondern nur gleichsam verdorben (sicut deperditae). Sie sind nämlich in seinen beiden Fähigkeiten, Freiheit und Vernunft, bleibend angelegt, von denen oben ausführlich die Rede war. Gleichsam verdorben wurden sie, als der Mensch das Aufnahmeorgan der göttlichen Liebe, seinen Willen, zum Organ der Eigenliebe machte, und das Aufnahmegefäß der göttlichen Weisheit, seinen Verstand, zum Gefäß der eigenen Einsicht. Dadurch verdarb er das Bild und die Ähnlichkeit Got­tes in sich, weil er jene Aufnahmeorgane von Gott ab sich sel­ber zukehrte. So wurden sie nach oben verschlossen und nach unten geöffnet, bzw. von vorn verschlossen und von hinten geöffnet, obgleich sie doch bei der Schöpfung von vorn geöff­net und von hinten verschlossen waren. Und da sie nun in ver­kehrter Weise geöffnet und verschlossen sind, nimmt der Wille, das Aufnahmeorgan der Liebe, den Einfluß der Hölle bzw. sei­nes Eigenen auf, ebenso der Verstand, das Aufnahmeorgan der Weisheit. So trat auch in den Kirchen anstelle der Anbetung Gottes die von Menschen, und die Anbetung beruhte nicht mehr auf wahrer, sondern auf falscher Lehre; Diese entsprang der eigenen Einsicht, jene der Eigenliebe. Damit ist deutlich, daß die Religion im Laufe der Zeit abnimmt und ihr Ende er­reicht, wenn das Gottesbild beim Menschen verkehrt wird.

3. Das ergibt sich aus der kontinuierlichen Stei­gerung des Erbbösen in den Zeugungen.

Wie oben dargelegt wurde, kommt das Erbböse nicht von Adam und seinem Weib Chavah, weil sie vom Baum der Erkenntnis aßen. Vielmehr wird es nach und nach von den Eltern auf die Kinder abgelei­tet und übertragen, und so steigert es sich durch fortgesetzte Anhäufung bei den Zeugungen. Steigert sich nun das Böse bei vielen Menschen, so verbreitet es sich immer mehr, da jeder Böse begierig ist, andere zu verführen, ja, zuweilen vor Zorn zu entbrennen über das Gute. Daher ist das Böse ansteckend und werden davon auch Vorsteher, Leiter und Vorkämpfer er­griffen, wird die Religion pervertiert und werden die Heilmit­tel, d.h. die Wahrheiten, verfälscht und verdorben. So entsteht die allmähliche Verwüstung des Guten und Verödung des Wah­ren in der Kirche, die schließlich zu ihrem Untergang führt.

4. Dennoch sorgt der Herr dafür, daß jeder Mensch selig werden kann.

Der Herr sorgt dafür, daß es überall eine Religion gibt und in jeder Religion die beiden we­sentlichen Erfordernisse des Heils bekannt sind: Gott aner­kennen und das Böse unterlassen, weil es gegen Ihn ist. Alles übrige, was den Verstand, also das Denken betrifft und was man als Glaubensdinge bezeichnet, wird für jeden Menschen seinem Leben gemäß vorgesehen. Diese Dinge sind etwas Zu­sätzliches zum Leben, und wenn sie auch den Anfang des re­ligiösen Lebens bilden, so werden sie doch vor dessen Beginn nicht lebendig. Es wird auch dafür gesorgt, daß alle Menschen, die ein gutes Leben geführt und den Herrn anerkannt haben, nach ihrem Tode von Engeln unterrichtet werden. Wer in der Welt den genannten beiden Erfordernissen der Religion ge­recht geworden ist, nimmt dann die Wahrheiten der Kirche aus dem Wort auf und erkennt den Herrn als den Gott des Him­mels und der Kirche an. Und sie nehmen das leichter an als die Christen, die aus der Welt die Vorstellung mitbrachten, das Menschliche des Herrn sei von seinem Göttlichen getrennt. Zudem hat der Herr vorgesorgt, daß alle Menschen, die schon als Kinder sterben, selig werden, wo immer sie auch geboren sein mögen.

Allen Menschen wird nach dem Tode Gelegenheit ge­geben, ihr Leben, wenn immer möglich, zu bessern. Sie wer­den vom Herrn durch Engel unterrichtet und geführt und wis­sen dann, daß sie jetzt nach ihrem Tode leben und es Himmel und Hölle gibt; Daher nehmen sie die Wahrheiten anfänglich auch an. Doch jene, die in der Welt Gott geleugnet und das Böse nicht als Sünde geflohen hatten, werden der Wahrheiten bald überdrüssig und treten zurück. Die anderen, die sie nur dem Munde nach, nicht aber mit dem Herzen anerkannt hat­ten, gleichen den törichten Jungfrauen, die zwar Lampen, aber kein Öl mit sich führten und es vergeblich von den klugen ver­langten, hingingen und kauften, aber gleichwohl nicht zur Hochzeit zugelassen wurden. Lampen bezeichnen Glaubens­wahrheiten, Öl das Gute der tätigen Liebe. Damit steht fest: Die göttliche Vorsehung sorgt dafür, daß jeder Mensch selig werden kann und wenn er das nicht wird, selbst die Schuld daran trägt.

5. Auch wird dafür gesorgt, daß jeweils eine neue Kirche an die Stelle der verwüsteten alten tritt.

Das geschah schon seit den ältesten Zeiten, folgte doch auf jede verwüstete Kirche eine neue — auf die Älteste Kirche die Alte Kirche, auf die Alte die israelitische oder jüdische, und auf diese die christliche. In der Apokalypse wird vorausgesagt, daß auch auf diese eine neue Kirche folgen werde: Das Neue Jeru­salem, das vom Himmel herabsteigt. Im Werk „Die Lehre des Neuen Jerusalems von der Heiligen Schrift“ wurde von # 104 bis 113 der Grund aufgezeigt, warum der Herr dafür sorgt, daß auf jede verwüstete Kirche eine neue folgt.

Daher sind alle Menschen zum Himmel vorbestimmt und niemand zur Hölle.

*329.  Im 1758 zu Lon­don herausgegebenen Werk über „Himmel und Hölle“ ist in # 545 550 gezeigt worden, daß der Herr niemand in die Hölle wirft, sondern der Menschen Geist sich selbst. Das geschieht mit jedem Bösen und Gottlosen nach dem Tode, und geschieht ihnen bereits in der Welt, freilich mit dem Unterschied, daß sie noch umgebildet werden und die Mittel ergreifen und aufneh­men können, die zur Seligkeit verhelfen, was nach dem Ver­lassen der Welt nicht mehr möglich ist. Die Mittel zum Heil be­ziehen sich auf die beiden erwähnten Punkte, das Fliehen des Bösen, weil es gegen Gottes Gesetze in den Zehn Geboten ver­stößt, und die Anerkennung, daß ein Gott ist. Dazu ist jeder fähig, wenn er nicht das Böse liebt, wirkt doch der Herr be­ständig mit seiner Kraft in den Willen ein, das Böse als Sünde zu fliehen und ebenso mit Kraft in den Verstand, zu denken, daß ein Gott ist. Gleichwohl kann aber niemand das eine ohne zugleich das andere, weil beides miteinander verbunden ist wie die zwei Tafeln des Dekalogs, von denen die eine Gott, die andere den Menschen betrifft. Der Herr erleuchtet jeden durch die Ihn betreffende Tafel und verleiht ihm Kraft, doch der Mensch empfängt nur soweit diese Kraft und Erleuchtung, wie er den Inhalt seiner Tafel erfüllt. Vorher scheinen beide Tafeln übereinander zu liegen und wie mit einem Siegel verschlossen zu sein. Sobald der Mensch erfüllt, was auf seiner Tafel steht, werden sie aufgeschlossen und geöffnet.

Was ist der Dekalog heute anderes als ein verschlos­senes Büchlein oder Schriftchen, das nur von den Händen klei­ner Kinder und Jugendlichen geöffnet wird? Man sage einem Erwachsenen: „Tu das nicht, weil es gegen die Zehn Gebote verstößt!“ wird er kaum darauf achten. Wenn man ihm aber sagt: „Laß das, es verstößt gegen die göttlichen Gesetze!“ wird er womöglich eher darauf achten; Und dabei sind doch die Zehn Gebote nichts anderes als die göttlichen Gesetze. In der geistigen Welt machte man bei mehreren Ankömmlingen die Erfahrung, daß sie die Rede von den Zehn Geboten oder vom Katechismus mit Verachtung zurückwiesen, und das, weil die Zehn Gebote in der zweiten, den Menschen betreffenden Tafel fordern, daß man das Böse fliehen soll. Wer es nicht flieht   sei es aus Gottlosigkeit oder aufgrund seiner religiösen Überzeu­gung, daß die guten Werke nichts nützen, sondern nur der Glaube allein   hört nur mit Verachtung von den Zehn Gebo­ten oder vom Katechismus reden, geradeso wie wenn es sich um ein Buch aus seinen Kinderjahren handelte, das keinen Nutzen mehr für ihn hat.

Diese Dinge wurden erwähnt, um klarzustellen, daß dem Menschen weder die Kenntnis der Mittel fehlt, durch die er selig werden kann, noch die Kraft, um selig zu werden wenn er das wirklich will. Daraus ergibt sich, daß alle Menschen zum Himmel vorherbestimmt sind und niemand zur Hölle. Weil aber bei manchen der Glaube vorwiegt, daß es eine Vorherbestim­mung zur Unseligkeit, d.h. zur Verdammnis gibt und dieser Glaube verhängnisvoll ist und nur beseitigt werden kann, wenn auch die Vernunft das Unsinnige und Grausame dieses Glaubens einsieht, soll darüber in folgender Ordnung gehan­delt werden:

  1. Eine andere Vorherbestimmung als zum Himmel wi­derspricht der unendlichen göttlichen Liebe.

  2. Eine andere Vorherbestimmung als zum Himmel wi­derspricht der unendlichen göttlichen Weisheit

  3. Die Behauptung, nur die Menschen wurden selig, die innerhalb der Kirche geboren werden, ist eine unsinnige Irrlehre.

  4. Es ist eine grausame Irrlehre, einige Menschen seien infolge einer Vorherbestimmung verdammt.

*330. Um wirklich deutlich zu machen, wie verheerend sich der Glaube an die Vorherbestimmung auswirkt, wie man ihn allgemein versteht, sollen diese vier Sätze nochmals aufge­nommen und begründet werden:

1. Eine andere Vorbestimmung als zum Himmel widerspricht der unendlichen göttlichen Liebe.

Im Werk über „Die göttliche Liebe und Weisheit“ ist der Nachweis er­bracht worden, daß Jehovah oder der Herr eins ist mit der gött­lichen Liebe, und daß diese unendlich und das Sein alles Le­bens ist. Ebenso wurde im genannten Werk gezeigt, daß der Mensch zum Bild und nach der Ähnlichkeit Gottes geschaffen ist. Weil das schon im Mutterleib geschieht, wie ebenfalls nach­gewiesen wurde, so ergibt sich, daß der Herr der himmlische Vater aller Menschen ist und die Menschen seine geistigen Kin­der sind. Tatsächlich wird ja auch Jehovah oder der Herr im Wort so genannt und werden die Menschen als seine Kinder bezeichnet. So sagt der Herr:

„Ihr sollt niemand auf Erden euren Vater nennen, denn einer ist euer Vater, der in den Himmeln.“ (Mat. 23/9)

Darunter ist zu verstehen, daß Er allein, was unser Leben betrifft, der Vater ist, während der irdische Vater nur Vater ist hinsichtlich der Hülle des Lebens, d.h. des Körpers. Im Himmel wird daher allein der Herr „Vater“ genannt. Viele Stellen im Wort zeigen, daß Menschen „Kinder“ oder „aus Ihm Geborene“ genannt werden, wenn sie jenes Leben aus Gott nicht pervertieren.

Hieraus ist ersichtlich, daß die göttliche Liebe in allen Menschen, bösen wie guten, wirkt und der Herr folglich mit ihnen nicht anders verfahren kann wie ein irdischer Vater mit seinen Kindern, nur in unendlich höherem Maß, da ja seine Liebe unendlich ist. Ferner ist damit klar, daß Er sich von kei­nem Menschen zurückziehen kann, weil das Leben eines jeden von Ihm abhängt. Zwar hat es den Anschein, als ziehe er sich von den Bösen zurück, doch in Wirklichkeit entfernen sich diese von ihm, während er sie dennoch liebevoll führt. Darum sagt der Herr: